The Essence of Christianity
GA 68a
24 May 1907, Munich
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The Essence of Christianity, tr. SOL
32. Bibel und Weisheit II
32. The Bible and Wisdom II
[ 1 ] Gestern versuchten wir einzudringen in das Verhältnis dessen, was man im geisteswissenschaftlichen Sinne Weisheit nennt, unmittelbare, direkte Erkenntnis der geistigen Welten — das Verhältnis dieser unmittelbaren, direkten Erkenntnis der geistigen Welten zu jener religiösen Urkunde, die für unsere Kultur die wichtigste ist, zur Bibel. Heute lassen Sie uns einen Blick werfen auf einige bestimmte Tatsachen, die uns dieses Verhältnis illustrieren können, die uns zeigen können, wie man, wenn man dieses Verhältnis so auffasst, in der Tat zu einem neuen Verständnis dieser religiösen Urkunde gelangen kann. Sie werden es begreifen, dass es unmöglich ist, bei einem so ausgedehnten Gegenstande summarisch dasjenige auch nur zu berühren, was alles in Betracht kommen könnte. Es wird daher das Beste sein, wenn wir versuchen, Einzelnes besonders herauszugreifen, um zu sehen, wie man gewisse Dinge, die auch in dieser biblischen Urkunde erzählt werden, wie man gewisse Dinge durch unmittelbare, direkte Einsicht in die höheren Welten begreifen kann, und wie man dann dasjenige, was man so unmittelbar direkt begreifen kann, wiederfinden kann in dieser religiösen Urkunde,
[ 1 ] Yesterday we attempted to explore the relationship between what is called “wisdom” in the spiritual-scientific sense—that is, immediate, direct knowledge of the spiritual worlds—and that religious text which is the most important for our culture: the Bible. Today, let us take a look at a few specific facts that can illustrate this relationship to us, that can show us how, by understanding this relationship in this way, we can indeed arrive at a new understanding of this religious text. You will realize that, with such a vast subject, it is impossible to even briefly touch upon everything that might be considered. It will therefore be best if we try to single out specific points to see how certain things recounted in this biblical text can be understood through immediate, direct insight into the higher worlds, and how what we can grasp in this immediate, direct way can then be found again in this religious text,
[ 2 ] Bei einer ganz bestimmten einzelnen Tatsache möchte ich beginnen, bei einer Tatsache, die schon in anderem Zusammenhang hier berührt worden ist. Ich möchte Ihnen zeigen, wie uns die Geisteswissenschaft einführt in ein bestimmtes Gesetz der Entwicklung des Menschen. Es ist heute dieses Gesetz sogar schon geahnt von der mehr materialistisch gefärbten Naturwissenschaft. Die Geisteswissenschaft kennt das Gesetz seit langen, langen Zeiten und betrachtet das Leben unter den Gesichtspunkten dieses Gesetzes. Wenn wir dieses Gesetz mit einem Worte charakterisieren wollen, so sagen wir: Dieses Gesetz drückt aus die Entwicklung des geistigen Lebens der Menschheit. Sie wissen, dass der Entwicklungsgedanke etwas ist, was geradezu faszinierend auf die äußere Wissenschaft des neunzehnten Jahrhunderts und das beginnende zwanzigste Jahrhundert gewirkt hat, Sie wissen, dass man die äußere Wissenschaft ganz in diesen Gesichtspunkt gerückt hat, und dass dadurch die Entwicklung der einfachsten Lebewesen bis hinauf zu den kompliziertesten verständlich geworden ist.
[ 2 ] I would like to begin with a very specific fact—one that has already been touched upon here in another context. I would like to show you how spiritual science introduces us to a certain law governing human development. Today, even the more materialistically oriented natural sciences have begun to sense this law. Spiritual science has known this law for a very, very long time and views life from the perspective of this law. If we were to characterize this law in a single phrase, we would say: This law expresses the development of humanity’s spiritual life. You know that the concept of evolution had a truly fascinating effect on the natural sciences of the nineteenth century and the early twentieth century; you know that the natural sciences were entirely oriented toward this perspective, and that through this, the evolution of the simplest living beings all the way up to the most complex has become understandable.
[ 3 ] Die Geisteswissenschaft hat zu allen Zeiten diesen Entwicklungsgedanken gehabt, nur viel umfassender, viel universeller als diese Naturwissenschaft des neunzehnten Jahrhunderts.
[ 3 ] The humanities have always embraced this concept of development, only in a much more comprehensive and universal way than the natural sciences of the nineteenth century.
[ 4 ] Geisteswissenschaft sagt: In Entwicklung begriffen ist alles. Alles entwickelt sich von einfacher, ganz einfacher Gestalt in ferner Vergangenheit zu denjenigen Gestaltungen, die so kompliziert verwickelt sind, dass sie der Mensch heute noch lange nicht begreifen kann. So spricht die Geisteswissenschaft vor allem von einer Entwicklung des menschlichen Bewusstseins selbst, und das ist wichtig, dass wir die Entwicklung dieses menschlichen Bewusstseins einmal verfolgen durch ihre verschiedenen Stufen hindurch. Denn ein Streiflicht wird uns dadurch geworfen werden auf gewisse Kapitel der biblischen Urkunden. Das, was die Menschheit in ihrer weitaus größten Mehrzahl von Individuen heute Bewusstsein nennt, das ist für die Geisteswissenschaft ein Bewusstseinszustand, der sich aus andern Bewusstseinsformen entwickelt hat. Wir bezeichnen diesen heutigen menschlichen Bewusstseinszustand als das sogenannte wache Tagesbewusstsein, oder auch das Gegenstandsbewusstsein. Warum? Wenn wir charakterisieren wollen dieses Bewusstsein, das der Mensch heute hat von morgens, wenn er aufwacht, bis abends, wenn er einschläft, so müssen wir sagen: Dieses Bewusstsein erlangt seine Erkenntnis folgendermaßen: Es erlangt zunächst seine Wahrnehmungen von den Gegenständen durch die äußeren Sinne, von den Gegenständen im Raume und in der Zeit um uns herum, und unser auf die Sinneswelt beschränkter Verstand, der verarbeitet die Wahrnehmungen, die der Mensch erhält durch die äußeren Sinne; und durch solche Wahrnehmungen und solches Verarbeiten der Wahrnehmungen in unserem Verstandesbewusstsein bilden wir uns die Schätze unseres Wissens, die im Gedächtnis aufbewahrt werden, die uns durch das Leben führen und begleiten.
[ 4 ] Spiritual science says: Everything is in a state of development. Everything evolves from simple, very simple forms in the distant past to forms that are so complex and intricate that human beings today are still far from being able to comprehend them. Thus, spiritual science speaks above all of the development of human consciousness itself, and it is important that we trace the development of this human consciousness through its various stages. For this will shed light on certain passages in the biblical texts. What the vast majority of humanity today calls “consciousness” is, for spiritual science, a state of consciousness that has developed from other forms of consciousness. We refer to this present-day state of human consciousness as what is known as waking daytime consciousness, or object consciousness. Why? If we wish to characterize this consciousness that a person possesses today—from the morning when they wake up until the evening when they fall asleep—we must say: This consciousness acquires its knowledge in the following way: First, it gains its perceptions of objects through the external senses—of the objects in space and time around us—and our intellect, which is limited to the sensory world, processes the perceptions that a person receives through the external senses; and through such perceptions and such processing of the perceptions in our intellectual consciousness, we build up the treasures of our knowledge, which are stored in memory and which guide and accompany us through life.
[ 5 ] Es gibt aber außer diesem Bewusstseinszustand noch andere Bewusstseinsformen; dieser Bewusstseinszustand ist ein solcher, den die Menschheit nicht immer gehabt hat in der Vergangenheit, und wir müssen zurückblicken, um die Entwicklung dieses Bewusstseinszustandes zu erkennen, in Zeiten ferner, ferner Vergangenheit, in Zeiten, die weit, weit hinter den unseren zurückliegen.
[ 5 ] However, there are other forms of consciousness besides this one; this state of consciousness is one that humanity has not always possessed in the past, and we must look back to recognize the development of this state of consciousness, to times in the distant, distant past, to times that lie far, far behind our own.
[ 6 ] Die Menschen hatten in dieser Vergangenheit eine andere Bewusstseinsform, einmal einen anderen Bewusstseinszustand. Wie wir heute wahrnehmen, wie wir heute denken, das hat sich eben entwickelt aus anderen Formen des Bewusstseins, und derjenige Bewusstseinszustand, der in der Menschheit einmal vorhanden war, den der heutige Bewusstseinszustand aber abgelöst hat, den bezeichnet man als das Bilderbewusstsein, als das imaginative Bewusstsein der Vorzeit.
[ 6 ] In the past, people had a different form of consciousness—a different state of consciousness. The way we perceive and think today has evolved from other forms of consciousness, and the state of consciousness that once existed in humanity—but which has been superseded by today’s state of consciousness—is referred to as pictorial consciousness, or the imaginative consciousness of antiquity.
[ 7 ] Jenes höhere imaginative Bewusstsein, von dem ich gestern sprach, das ist hier nicht gemeint. Wollen wir vielmehr verstehen, wie sich dieses frühere Bilderbewusstsein verhält zu dem Bewusstsein, das der Eingeweihte, der die innere geistige Entwicklung durchgemacht hat, schon heute hat und das die ganze Menschheit einmal auf einer zukünftigen Stufe haben wird, wollen wir die beiden Bewusstseinsstufen des imaginativen Bewusstseins, diese zwei Entwicklungsphasen unseres Bewusstseins in ihrem Verhältnis erkennen, so müssen wir sagen: Dasjenige, von dem wir sprechen werden, geht dem unsrigen voran und ist ein dämmerhaftes, mehr traumhaftes Hellsehen. Die Menschen hatten in jener urfernen Vergangenheit ein traumhaftes Hellsehen, und aus diesem hat sich das heutige Gegenstandsbewusstsein erst herausgebildet; und ein zukünftiger Bewusstseinszustand steht vor unserer Seele, den der Eingeweihte schon heute hat und den die ganze Menschheit in ferner Zukunft einmal haben wird, indem der Mensch zusammen haben wird das heutige Gegenstandsbewusstsein und das Hellsehen, beides in heller, lichter Klarheit. Der frühere Mensch, unser uralter Vorfahr, hatte ein Bewusstsein, das noch nicht in derselben Weise rechnen konnte, wie das heutige das kann. Dafür hatte er aber eine Art dumpfen, traumhaften Hellsehens, er konnte nämlich entweder fortwährend oder aber in Zuständen, die besonders hervorgerufen wurden, da konnte er noch mehr hineinsehen in das Geistige und Seelische seiner Umgebung. Er konnte Bilder empfangen von dem, was geistig-seelisch in seiner Umgebung war. Das heutige Gegenstandsbewusstsein sieht geistige Wesenheiten nur dann, wenn sie äußerlich physisch verkörpert sind.
[ 7 ] That higher imaginative consciousness I spoke of yesterday is not what is meant here. If, rather, we wish to understand how this earlier pictorial consciousness relates to the consciousness that the initiate—who has undergone inner spiritual development—already possesses today, and which all of humanity will one day possess at a future stage; if we wish to recognize the relationship between these two stages of imaginative consciousness, these two phases of our consciousness’s development, then we must say: The state of consciousness we are about to discuss precedes our own and is a twilight-like, more dreamlike form of clairvoyance. In that distant past, people possessed a dreamlike clairvoyance, and it was from this that today’s object-oriented consciousness first emerged; and a future state of consciousness lies before our souls—one that the initiate already possesses today and that all of humanity will one day possess in the distant future—in which human beings will possess both today’s object-oriented consciousness and clairvoyance, both in bright, luminous clarity. Early humans, our ancient ancestors, possessed a consciousness that could not yet reason in the same way that our present-day consciousness can. Instead, they possessed a kind of dim, dreamlike clairvoyance; for they could—either continuously or in states that were specifically induced—gain even deeper insight into the spiritual and soul aspects of their surroundings. They could receive images of what existed spiritually and psychically in their surroundings. Today’s object consciousness sees spiritual beings only when they are physically embodied.
[ 8 ] Das ehemalige Hellsehen kann ich Ihnen am besten kennzeichnen durch ein Beispiel. Ein Mensch nähert sich einem andern; der zweite hegt Gefühle der Antipathie in seiner Seele gegen den Ankommenden. Der heutige Mensch nun kann es nur aus äußeren sinnlichen Wahrnehmungen erraten, was in der Seele lebt, in jenem dämmerhaften Hellsehen aber, das der Mensch der Vorzeit hatte, trat vor dem hellseherischen Blick freischwebend ein Bild in Farbe und Form auf, das ihm anzeigte, was der andere gegen ihn empfand, ein Bild, das wirklich, ebenso wirklich vorhanden war wie heute die grüne Farbe, die draußen die Pflanzen bedeckt. Das, was eines Wesens innerste Gesinnung war, das kleidete sich ebenso in eine im Raume schwebende Farbe und Form für das geistige Auge, wie gewisse Äthervibrationen sich eben heute für das physische Auge durch Farbe und Form ausdrücken.
[ 8 ] I can best illustrate what clairvoyance used to be like with an example. One person approaches another; the second harbors feelings of antipathy in his soul toward the person approaching. People today can only guess at what is going on in another’s soul based on external sensory perceptions; but in that twilight clairvoyance possessed by people of ancient times, an image—floating freely in color and form—appeared before the clairvoyant’s gaze, revealing to them what the other person felt toward them—an image that was as real as the green color that covers the plants outside today. What was the innermost disposition of a being took on color and form, floating in space, for the spiritual eye, just as certain etheric vibrations express themselves today through color and form for the physical eye.
[ 9 ] Es gibt Zeiten urferner Vergangenheit, in denen dieses Hellsehen bis zu einer gewissen Höhe entwickelt war. Heute aber blicken wir in der Geschichte, wir blicken heute nur auf eine Zeit zurück, in der die letzten Reste dieses sozusagen somnambulen Hellsehens noch bei den Menschen vorhanden waren. Diese Reste waren vorhanden in Zeiten, die gar nicht viel mehr als Tausende von Jahren zurückliegen. Wir finden bei jedem Volke in seinem Ausgangspunkt ein solches dämmerhaftes Hellsehen, und dieses dämmerhafte Hellsehen ist es, aus dem herausgeboren sind die Mythen und die Sagen und die Märchen, die bei den Völkern früher entstanden sind. Nicht durch jenes abstrakte Ding das man kindlich schaffende Volksphantasie nennt, sind diese Mythen und Sagen entstanden, sondern aus den Resten dieses ehemaligen Hellsehens heraus, als ein Wiedergeben dessen, was ein ursprüngliches, dämmerhaftes Hellsehen bei allen, allen Völkern, von denen die heutigen Menschen abstammen, ursprünglich gesehen hat. Dieses dämmerhafte Hellsehen, das ist verknüpft aber mit anderen Verhältnissen in der Menschheitsentwicklung, und wollen wir charakterisieren diese Entwicklung, die stattgefunden hat bei dem Übergang zu unserem gegenwärtigen Gegenstandsbewusstsein, dann müssen wir hindeuten auf ein äußeres Ereignis, das sich vollzogen hat auf unserer physischen Welt, und das ein Ausdruck ist für diese Verwandlung jenes Bewusstseins in unser gegenwärtiges. Dies fand einen Ausdruck in dem, was wir nennen können den Übergang von der Nah-Ehe zur Fern-Ehe. In allen alten Zeiten war bei den verschiedensten Völkern ein Zeitalter vorhanden, in dem dasjenige gang und gäbe war, eine selbstverständliche Tatsache war, was wir heute nennen die Blutsverwandtenehe. Die Menschen lebten in kleinen Stänmen und man heiratete innerhalb dieser kleinen Stämme, und es galt als etwas Unsittliches und Unrichtiges, über seinen Stamm hinaus zu heiraten; so mischte sich in jenen Zeiten verwandtes Blut zu verwandtem Blute, und diejenigen Zeiten, in denen diese Nah-Ehe herrschte, diese waren zugleich diejenigen, in denen die letzten Reste eines dämmerhaften Hellsehens vorhanden waren.
[ 9 ] There were times in the distant past when this clairvoyance had developed to a certain degree. Today, however, as we look back at history, we see only a time when the last remnants of this—so to speak—somnambulistic clairvoyance were still present among human beings. These remnants existed in times that lie not much more than thousands of years in the past. We find such a twilight-like clairvoyance in every people at their very origins, and it is from this twilight-like clairvoyance that the myths, legends, and fairy tales that arose among the peoples in earlier times were born. These myths and legends did not arise from that abstract concept we call the childlike, creative folk imagination, but rather from the remnants of this former clairvoyance—as a reflection of what an original, twilight-like clairvoyance originally perceived among all, all the peoples from whom today’s human beings are descended. This twilight clairvoyance, however, is linked to other conditions in human development; and if we wish to characterize this development—which took place during the transition to our present object consciousness—we must point to an external event that occurred in our physical world and that serves as an expression of this transformation of that consciousness into our present one. This found expression in what we might call the transition from endogamy to exogamy. In ancient times, among the most diverse peoples, there was an era in which what we today call consanguineous marriage was the norm—a matter of course. People lived in small tribes and married within these small tribes, and it was considered immoral and wrong to marry outside one’s tribe; thus, in those times, kindred blood mingled with kindred blood, and the times in which this close-kin marriage prevailed were also those in which the last remnants of a dim form of clairvoyance were still present.
[ 10 ] Es ist für alle Völker ein ungeheuer wichtiger Augenblick ihrer Entwicklung: der Übergang [von] der NahEhe in die Fern-Ehe. Man könnte darauf hinweisen, wie in den verschiedensten Mythen und Sagen dies zum Ausdruck kommt, wie der ganze Kreis der Siegfriedsage zusammenhängt mit jenem Übergang von der Nah-Ehe zur Fern-Ehe, doch das würde heut zu weit führen. Wichtig ist für uns die Wirkung von fremdem Blut auf fremdes Blut, die ist, dass das ursprüngliche Hellsehen getötet wird; und dieses Bewusstsein, das wir heute kennen, das charakterisiert wird durch das rechnende, kombinierende, logische Denken, diese Errungenschaft ging hervor aus jener Vermischung von fremdem Blute mit fremdem Blute!
[ 10 ] It is an immensely important moment in the development of all peoples: the transition [from] endogamy to exogamy. One could point out how this is expressed in a wide variety of myths and legends, and how the entire cycle of the Siegfried saga is connected to that transition from endogamy to exogamy, but that would take us too far afield today. What is important for us is the effect of foreign blood on foreign blood, which is that the original clairvoyance is extinguished; and this consciousness that we know today—characterized by calculating, combinatorial, logical thinking—this achievement arose from that mixing of foreign blood with foreign blood!
[ 11 ] So können wir in allen alten Zeiten verfolgen, wie an eine andere Form des Zusammenlebens ein anderer Bewusstseinszustand gebunden ist und umgekehrt. Auch darauf wurde schon hingewiesen, dass auch heute noch unter gewissen Verhältnissen letzte Rudimente dieses Hellsehens übrig geblieben sind; auf jenes Gespräch zwischen Rosegger und Anzengruber habe ich auch hier schon hingewiesen. Ich will daran noch einmal anknüpfen: Rosegger, der liebenswürdige, bedeutende Schilderer dessen, was er um sich herum im Bauernleben und sonst sieht, ist ein Schilderer aufgrund der äußeren Sinnesbeobachtung. Vergleichen Sie diesen mit Anzengruber, dann sehen Sie, dass Anzengruber imstande ist, Gestalten aus dem Volksleben mit wunderbarer Plastik vor Sie hinzustellen, sodass sie mit wunderbarer Wahrheit und Natürlichkeit auf ihren Beinen stehen. Nun hat Anzengruber das niemals sinnlich gesehen, was er so schildert, er hat nie unter den Bauern gelebt. Nun meinte Rosegger Anzengruber gegenüber: Du, es scheint mir doch, dass dann, wenn du hinausgingest in die Bauernwelt und beobachtetest, was sich da ereignet, dann würdet du dieselben noch besser schildern können. Anzengruber dagegen antwortete ihm: Nein, dann würde ich sie wahrscheinlich gar nicht mehr schildern können. Ich habe nämlich niemals Bauern gesehen, aber meine Vorfahren waren Bauern, alle meine Vorfahren waren Bauern, und so lebt halt noch und rumort in meinem Blute das Bauerntum, und da schildere ich dasjenige, was meine Väter gesehen haben, meine Vorfahren, das rinnt bis zu mir herunter im Blute, und das sind meine Schilderungen dieses Bauernlebens.
[ 11 ] Thus, throughout all of ancient history, we can observe how a different form of social life is linked to a different state of consciousness, and vice versa. It has also been pointed out that even today, under certain circumstances, the last vestiges of this clairvoyance remain; I have also already referred here to that conversation between Rosegger and Anzengruber. I would like to take this up again: Rosegger, the charming and significant portrayer of what he sees around him in peasant life and elsewhere, is a portrayer based on external sensory observation. Compare him with Anzengruber, and you will see that Anzengruber is able to present figures from folk life with marvelous plasticity, so that they stand on their own two feet with wonderful truth and naturalness. Yet Anzengruber has never sensually seen what he depicts in this way; he has never lived among the peasants. Now Rosegger said to Anzengruber: “You know, it seems to me that if you were to go out into the peasant world and observe what happens there, you would be able to depict them even better.” Anzengruber, however, replied: “No, then I probably wouldn’t be able to depict them at all anymore.” You see, I have never actually seen farmers, but my ancestors were farmers—all my ancestors were farmers—and so that peasant spirit still lives and stirs in my blood; and that is why I describe what my fathers saw, what my ancestors saw—it flows down to me through my blood—and those are my depictions of this peasant life.
[ 12 ] Da haben Sie die letzten Überbleibsel dessen, was einmal in viel höherem Grade in der ganzen Menschheit vorhanden war. Verdeutlichen Sie sich das, so werden Sie sagen müssen: Die Art und Weise Anzengrubers wirkte so, dass eine dunkle Kraft des Bewusstseins sich im Blute herunterlebt durch seine Vorfahren bis zu ihm selber, und das lebte sich in ihm aus. Denken Sie sich diesen Bewusstseinszustand gesteigert, ihn so weit gesteigert, dass derjenige, der Sohn ist, wirklich sich an das noch erinnern kann, was der Vater erlebt hat, ja, was der Großvater erlebt hat, dann haben Sie jenen dämmerhaften Hellseherzustand nach einer gewissen Seite charakterisiert, der einmal allen unseren Vorfahren eignete. Es rumort im Blute ein viel höheres, ein wirkliches Gedächtnis dessen, was die Vorfahren erlebt hatten, und so wahr es ist, dass der heutige Mensch mit seinem Gegenstandsbewusstsein nur dasjenige aufbewahren kann, was er selbst seit seiner Kindheit erlebt hat, so wahr ist es, wenn es auch unglaublich und grotesk der heutigen materialistischen Vorstellungsart erscheint — so wahr ist es, dass es eine Zeit gegeben hat, in der ein dämmerhaftes Hellsehen vorhanden war so, dass die nachfolgenden Generationen sich dessen erinnerten, was Vater, Großvater, Ahne und Urahne erlebt hatten. Nicht bloß ein dunkles Gefühl dessen rumorte im Blute, das aus der Verwandtenehe hervorgegangen war, ein wirkliches Gedächtnis davon war es. Nun wollen wir sehen: Was war die Folge eines solchen ganz anderen Bewusstseinszustandes? Die Folge davon war eine ganz andere Namensgebung, als sie heute innerhalb der Menschheit stattfindet. Heute nennt der Mensch sein Ich das, was zusammenhält die Erlebnisse seiner Person seit seiner Jugend. Das war anders damals. Denken Sie sich jene Menschen, die ein deutliches Erinnerungsvermögen auch für das hatten, was ihre Vorfahren erlebt hatten, die bezeichneten mit «Ich» auch das, was erlebt worden war in ihren Vorfahren die Generationen hinauf. Es erzählte also jemand — wenn man sich radikal ausdrücken will — die Erlebnisse seines Großvaters als diejenigen seines eigenen «Ich». So sagte er: Mein Ich hört nicht auf bei meiner Geburt, es reicht die Generationen hinauf, und deshalb gab man in solchen fernen Zeiten, von denen allerdings keine Berichte und Urkunden melden, so gab man dem, was sich da erinnerte, einen einheitlichen Namen, und so müssen wir für jene alten Zeiten den Sinn der Namensgebung erst verstehen lernen. Namen hatten dazumal nicht bloß die einzelnen Personen, einen Namen hatte der Zusammenhang aller Erlebnisse, in denen man selbst gegenwärtig war seinem Gedächtnis nach, und wenn wir das wissen, dass es Namen gab, die viele, durch Jahrhunderte hindurchgehende Generationen bezeichneten, dann verstehen wir ein wichtiges Kapitel, in dem die Patriarchen durch Jahrhunderte hindurch gelebt haben.
[ 12 ] There you have the last remnants of what once existed to a much greater degree throughout all of humanity. If you consider this carefully, you will have to say: Anzengruber’s way of being was such that a dark force of consciousness flowed down through the blood from his ancestors to himself, and that force played itself out within him. Imagine this state of consciousness heightened—heightened to such an extent that the son can truly remember what the father experienced, indeed, what the grandfather experienced—and you will have characterized, in a certain sense, that twilight state of clairvoyance that once belonged to all our ancestors. There stirs within the blood a much higher, a true memory of what the ancestors had experienced, and just as it is true that modern humans, with their object-oriented consciousness, can retain only what they themselves have experienced since childhood, it is just as true—even if it seems unbelievable and grotesque to today’s materialistic way of thinking—that there was a time when a twilight state of clairvoyance existed, such that subsequent generations remembered what their father, grandfather, ancestors, and forefathers had experienced. It was not merely a vague feeling, born of consanguineous marriage, that stirred in their blood; it was a genuine memory of it. Now let us consider: What was the consequence of such a radically different state of consciousness? The consequence was a system of naming entirely different from that which prevails among humanity today. Today, people call their “I” that which holds together the experiences of their person since their youth. It was different back then. Imagine those people who had a clear memory even of what their ancestors had experienced; they also referred to as “I” what had been experienced by their ancestors generations back. So, to put it radically, someone would recount his grandfather’s experiences as those of his own “I.” Thus he said: My “I” does not end with my birth; it extends back through the generations. And that is why, in those distant times—of which, admittedly, no reports or documents exist—people gave what was remembered there a unified name; and so we must first learn to understand the meaning of that naming for those ancient times. Back then, names were not reserved solely for individual persons; a name was given to the context of all the experiences in which one was present, as recalled in one’s memory. And when we realize that there were names that designated many generations spanning centuries, then we understand an important chapter in which the patriarchs lived through the centuries.
[ 13 ] Adam ist nicht ein solcher Mensch, wie er heute als persönlicher Mensch auf unserer physischen Erde lebt. Adam war das, was durch Generationen hindurch lebte und zum Ausdrucke kam in dem gemeinsamen Gedächtnis. Er bezeichnete nicht einen Stamm oder eine Rasse, sondern das, was durch die Generationen hindurch als ein gemeinsames Bewusstseinsgedächtnis im alten dämmerhaften Hellsehen hindurchging.
[ 13 ] Adam is not the kind of human being who lives today as an individual on our physical Earth. Adam was that which lived on through the generations and found expression in the collective memory. He did not represent a tribe or a race, but rather that which passed through the generations as a collective consciousness-memory in the ancient, dim clairvoyance.
[ 14 ] So wird es klar, dass wir nur die Namengebung alter Zeiten zu verstehen brauchen, dann wird es hell in uns in dem, was aus diesem Kapitel der Schöpfungsgeschichte die Urkunden der Bibel erzählen. Der Mensch legte in jenen alten Zeiten dämmerhaften Hellsehens nicht viel Wert auf die eigenen persönlichen Erlebnisse, sie waren ihm nur ein kleines Stück jenes großen Erlebniskreises, dem er sich angehörend empfand. Er sprach von dem, was sein Bewusstsein überschaute, als von einer einheitlichen Wesenheit. Und so, wie, wenn Sie heute, wenn Sie mit einem andern Menschen reden, dieser Mensch Ihnen als etwas Reales erscheint, und als mehr oder weniger abstrakt die Generationenfolge als Ganzes, so war jenen Menschen die einzelne Person unbedeutend, und das, was ihm wichtig war, das war das, was sein über die Generationen hinausgehendes Bewusstsein zusammenhielt. So haben wir in den Patriarchennamen nicht Namen für einzelne Persönlichkeiten, sondern eine Bezeichnung von einer Summe von Wesenheiten. So leuchtet uns auf aus der Bibel etwas, was wir wiedererkennen in seinem wahren Sinne, wenn wir ausgerüstet mit höheren geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen ihr gegenübertreten. Das ist die Art, in der der also Erkennende die Bibel betrachten kann. Er sieht zuerst ein, wie es in den alten Zeiten war, und dann findet er, wenn er nun richtig verstehen kann, dass die Schilderung der Bibel nur eben dasselbe ist, dasselbe sagen will. Damals haben diejenigen, die diese Urkunden niedergeschrieben haben, einfach dasjenige, was ihnen Bewusstseinstatsache war, geschildert.
[ 14 ] Thus it becomes clear that we need only understand the naming conventions of ancient times; then it will become clear to us what the biblical texts tell us about this chapter of the creation story. In those ancient times of dim clairvoyance, people did not place much value on their own personal experiences; to them, these were merely a small part of that vast circle of experience to which they felt they belonged. They spoke of what their consciousness encompassed as a unified entity. And just as, when you speak with another person today, that person appears to you as something real, while the succession of generations as a whole seems more or less abstract, so too was the individual person insignificant to those people of old; what mattered to them was what held their consciousness—extending beyond generations—together. Thus, the names of the patriarchs are not names for individual personalities, but rather designations for a sum of entities. In this way, something in the Bible becomes clear to us—something we recognize in its true sense when we approach it equipped with higher spiritual-scientific insights. This is the way in which one who possesses such insight can view the Bible. He first comes to understand how things were in ancient times, and then, if he is now able to understand correctly, he finds that the Bible’s account is simply the same thing—it seeks to convey the same message. Back then, those who wrote down these documents simply described what was a fact of their consciousness.
[ 15 ] Ein anderes Beispiel: Wir verfolgen in der Geisteswissenschaft den Menschen in seiner Entwicklung weit, viel weiter zurück als bis zu dem Zeitpunkt, von dem wir jetzt gesprochen haben. Da ich hier schon öfters über den Entwicklungsgedanken gesprochen habe, so hoffe ich heute nicht missverstanden zu werden. Die Geisteswissenschaft verfolgt den Menschen zurück, weit, weit zurück, und wenn sie so den Menschen zurückverfolgt, dann kommt sie durch lange, lange Zeiträume hindurch immer zu solchen Menschenwesenheiten, wo äußerlich die Körperlichkeit, die physische Körperlichkeit am Menschen der Ausdruck ist für die im physischen Leibe des Menschen lebende Seele. Dann aber kommen wir, wenn wir weiter und immer weiter zurückgehen, zu einem Zeitpunkt der Menschheitsentwicklung, wo das nicht mehr so ist, wo wir sehen können wie sozusagen sich die Wege der physischen Entwicklung und der seelisch-geistigen Entwicklung weiter nach rückwärts trennen. Der Geist und die Seele des Menschen wurzeln in der Geisteswelt, und wenn ich den Ausdruck gebrauche vom Heruntersteigen aus der geistigen Welt, so wissen diejenigen, die schon tiefer in die Theosophie eingedrungen sind, dass dieser Ausdruck ja nur bildlich ist, ein Ausdruck für etwas Geistiges in einer Sprache, die nur für das äußere Materielle geeignet ist. Wir kommen zu Zeiten in der Menschheitsentwicklung, wo wir sehen, wie des Menschen Seele und Geist noch vereinigt ist mit andern Wesenheiten geistig-seelischer Art. Aus geistigen Wesenheiten heraus ist des Menschen Seele und Geist herausgeboren. Es gibt einen Zeitpunkt in unserer Erdenentwicklung, wo diese Menschenseele und -geist erst eingezogen sind in diesen physischen Leib, aber wir dürfen nicht glauben, dass dieser physische Leib, wie er die Seele und den Geist aufgenommen hat, auch eine lange, lange Entwicklung nicht hinter sich gehabt hätte.
[ 15 ] Another example: In spiritual science, we trace human development far, far back—much farther than to the point we have just discussed. Since I have spoken here on several occasions about the concept of evolution, I hope I will not be misunderstood today. Spiritual science traces human beings back—far, far back—and as it traces them back through long, long periods of time, it always arrives at human beings in whom, outwardly, physicality—the physical body—is the expression of the soul living within the human physical body. But then, as we go further and further back, we arrive at a point in human evolution where this is no longer the case—where we can see, so to speak, how the paths of physical development and soul-spiritual development begin to diverge further and further as we look back. The human spirit and soul are rooted in the spiritual world, and when I use the expression “descending from the spiritual world,” those who have already delved deeper into theosophy know that this expression is, of course, only figurative—an expression for something spiritual in a language suited only to the outer material realm. We come to periods in human development where we see how the human soul and spirit are still united with other beings of a spiritual-soul nature. The human soul and spirit were born out of spiritual beings. There is a point in our earthly evolution when the human soul and spirit first entered this physical body, but we must not believe that this physical body—having received the soul and spirit—has not itself undergone a long, long evolution.
[ 16 ] Es treffen an diesem Punkt zwei Entwicklungsströmungen zusammen. Die eine Entwicklungsströmung ist die der physischen Welt: Wir sehen, wie sich die physischen Wesenheiten — an ihrer Spitze der physische Menschenleib — entwickeln bis zu einer gewissen Stufe der Vollkommenheit herauf. Dann kommt ein Zeitpunkt, wo dieser physische Menschenleib so vollkommen geworden ist, dass er nun aufnehmen konnte diese geistig-seelische Wesenheit, die sich so weit entwickelt hatte, dass sie im physischen Menschenleibe einen Ausdruck finden konnte, und seit jener Zeit, seit dieser Geist, diese Seele im Menschenleibe von jener unvollkommenen Gestalt, die jener Leib hatte, eingezogen ist, bis herauf zu der heutigen Menschengestalt arbeitet Seele und Geist selbst im Menschenleibe durch lange, lange Zeiträume hindurch. Und durch die Kräfte, durch die sie wirkten, wurde somit von Seele und Geist innerhalb des Menschenleibes dieser selbst immer höher und höher entwickelt, bis zu seiner heutigen Gestalt. Seele und Geist sind also sozusagen die Umgestalter und Fortgestalter des Menschenleibes. Von jenem Zeitpunkt an, dann können wir auch jene Gestalt des physischen Menschenleibes, wie sie damals vorhanden war, geeignet, nun aufzunehmen das SeelischGeistige, wir können sie heute charakterisieren ohne jede religiöse Urkunde, allein aus den entwickelten Fähigkeiten des Sehers heraus.
[ 16 ] Two streams of development converge at this point. One stream is that of the physical world: We see how physical entities—at the forefront of which is the physical human body—develop up to a certain level of perfection. Then comes a point in time when this physical human body has become so perfect that it could now receive this spiritual-soul entity, which had developed to such an extent that it could find expression in the physical human body, and from that time onward—from the moment this spirit, this soul, entered the human body, which was then in its imperfect form, up to the human form of today—the soul and spirit themselves have been at work within the human body over long, long periods of time. And through the forces by which they acted, the human body itself was thus developed higher and higher by the soul and spirit within it, up to its present form. The soul and spirit are thus, so to speak, the transformers and further shapers of the human body. From that point onward, we can also characterize the form of the physical human body as it existed at that time—suitable for now receiving the soul-spiritual—without any religious documentation, but solely on the basis of the seer’s developed abilities.
[ 17 ] Es stellen sich diese beiden Gestalten des Menschenleibes so dar, dass der von einer Menschenseele noch unbeseelte Menschenkörper, der war gewiss — ich weiß, wie ich Anstoß errege bei all denen, die nur materialistische Vorstellungsart in sich haben; das macht aber nichts; wollen wir aber Wahrheit erkennen, so müssen wir uns an diesen großen Unterschied heranmachen, wir müssen es sagen; die Gründe, aus denen die materialistische Wissenschaft das komisch und grotesk finden kann, die kennt der Geistesforscher schon selbst, die hat er schon mit sich abgemacht, er würde es sonst nicht wagen, solche Dinge zu erzählen — ganz, ganz anders gestaltet, als er es später geworden ist. Es war aber auch die Erde ganz anders gestaltet in jener alten Zeit.
[ 17 ] These two forms of the human body present themselves in such a way that the human body, which is not yet animated by a human soul—that was certainly the case—I know how I offend all those who hold only a materialistic worldview; but that doesn’t matter; if we are to recognize the truth, however, we must address this great difference—we must speak of it. The reasons why materialistic science might find this comical and grotesque are already known to the spiritual researcher himself; he has already come to terms with them—otherwise he would not dare to speak of such things—the human body was shaped quite, quite differently than it is today. But the Earth, too, was shaped quite differently in those ancient times.
[ 18 ] Ich werde Ihnen nur von einem einzigen Ding im Menschenleibe sprechen und seiner Umwandlung in jenem Zeitpunkt. Vor jenem Zeitpunkt war es notwendig, dass der Menschenkörper in sich hatte ein Organ, das jetzt noch vorhanden ist in einem letzten Rudiment und Überbleibsel, in der Schwimmblase der Fische. Da der physische Menschenvorfahr sich damals schwebend, schwimmend auf der Erde bewegen musste, so brauchte er eine solche. Der physische Menschenvorfahr hatte dieses Organ in uralten Zeiten. Dieses Organ hat sich umgebildet im Laufe der menschlichen physischen Entwicklung zur Lunge. Dadurch ist der Mensch fähig geworden, so die Luft einzuatmen, zu verarbeiten, wie er dies heute verarbeitet. Damit hängt zusammen das, was wir an andern Vorgängen im Leibe kennen, die mit dieser Lungenatmung irgendein Verhältnis haben. Wir sehen den Übergang von der alten Kiemenatmung, die heute noch in der Embryonalentwicklung des Menschen enthalten ist, zur Lungenatmung, die die Bereitung ist des roten Blutes, das eine so bedeutungsvolle Rolle spielt im Menschen wie im Völkerleben. Dieser Zeitpunkt des Einfangens des Sauerstoffes der Luft durch die Lungen, dieses ist auch der Zeitpunkt des Beseelens des Menschen durch eine Menschenseele. Da erst war er ein geeignetes Gefäss für das, was wir eine Menschenseele nennen.
[ 18 ] I will speak to you of only one thing in the human body and its transformation at that time. Before that time, it was necessary for the human body to possess an organ that still exists today in a rudimentary form and as a remnant—the swim bladder of fish. Since the physical ancestor of humankind had to move by floating and swimming on the earth at that time, he needed such an organ. The physical ancestor of humankind possessed this organ in ancient times. In the course of human physical development, this organ transformed into the lung. As a result, humankind became capable of inhaling and processing air in the way it does today. This is connected to other processes in the body that are related in some way to this pulmonary respiration. We see the transition from the ancient gill respiration—which is still present today in human embryonic development—to pulmonary respiration, which is the foundation for the production of red blood, which plays such a significant role in human life as it does in the life of nations. This moment of capturing oxygen from the air through the lungs is also the moment when the human being is animated by a human soul. Only then did he become a suitable vessel for what we call a human soul.
[ 19 ] In langen, langen Zeiträumen vollzogen sich diese Dinge, die Umbildung jener Schwimmblase in die Lungen, die die Fähigkeit haben, den Sauerstoff der äußeren Luft zu verarbeiten. Denken Sie sich jetzt das ausgedrückt gefühlsmäßig, empfindungsmäßig — wenn etwa ein Beobachter diesen wichtigen Entwicklungsmoment schildern wollte — er hätte sagen können: Mit der Einatmung der Luft atmeten wir die göttliche Seele ein. So empfanden tatsächlich unsere Vorfahren, sie empfanden dankbar den Atemzug als den Beseeler. Sehen Sie, daher kommt, dass die Sagen und Mythen aller Völker in der Luft den Leib derjenigen Gottheit sahen, welche dem Menschen sein individuelles Bewusstsein gegeben hatte. In der dahinwehenden Luft sieht derjenige, der also aus dumpfem Hellsehen heraus oder aus dem entwickelten Bewusstsein des Sehers heraus sieht, den Leib der beseelenden Gottheit, jener Gottheit, von der seine individuelle Seele ein Stück ist. Denken Sie sich, dass alles das über lange, lange Zeiträume sich ausdehnte, was in solchen Sagen und Mythen bildhaft zum Ausdruck gebracht wurde.
[ 19 ] Over long, long periods of time, these changes took place—the transformation of that swim bladder into lungs capable of processing the oxygen from the outside air. Now imagine this expressed in emotional and sensory terms—if, for example, an observer wanted to describe this important moment in evolution, he might have said: “With the inhalation of air, we breathed in the divine soul.” This is indeed how our ancestors felt; they gratefully perceived the breath as the animating force. You see, this is why the legends and myths of all peoples saw in the air the body of the deity who had given human beings their individual consciousness. In the air wafting by, the one who sees—whether through a dim form of clairvoyance or from the developed consciousness of the seer—perceives the body of the animating deity, that deity of which his individual soul is a part. Imagine that everything expressed pictorially in such legends and myths unfolded over long, long periods of time.
[ 20 ] Dieses Bild für all das, was ich Ihnen geschildert habe, das finden Sie wiederum in der biblischen Urkunde: «Und Gott hauchte dem Menschen den Odem ein, und er ward eine lebende Seele.» (1 Mos 2,7) Wir empfinden einen Schauer bei diesen Worten, wenn wir sehen, was sie umspannen.
[ 20 ] This image of everything I have described to you can also be found in the biblical account: “And God breathed into the man the breath of life, and he became a living soul.” (Genesis 2:7) We feel a shiver run down our spine at these words when we consider their full significance.
[ 21 ] Ja, wozu denn eine so mächtige Tatsache, die durch Jahrmillionen der Entwicklung hindurchgeht, in ein solches Bild kleiden? Ja, es ist nicht gleichgültig, in welchem Bild man eine solche Tatsache heranbringt an das Bewusstsein einer Entwicklungsstufe. In der Form wie jetzt ausgesprochen, wäre es zu jenen Zeiten von niemand verstanden worden. Damals war es nötig, dass in Bildern, in Imaginationen gesprochen worden ist. Alles, alles ist in Entwicklung! Was das bedeutet, das werden Sie erst verstehen, wenn ich Ihnen sage, wie das alles auf Sie selbst wirkt.
[ 21 ] Yes, why clothe such a powerful fact—one that spans millions of years of evolution—in such an image? Yes, it matters greatly in what form one presents such a fact to the consciousness of a particular stage of development. As expressed now, it would not have been understood by anyone in those times. Back then, it was necessary to speak in images and through the imagination. Everything, everything is in the process of development! You will only understand what that means when I tell you how all of this affects you personally.
[ 22 ] Diejenigen, die schon tiefer mit theosophischen Anschauungen sich eingelassen haben, die wissen, dass die menschliche Seele nicht nur einmal verkörpert ist, sondern oft und oft durch Menschenleiber hindurchgeht, durch viele, viele Leben schreitet, die wissen: Das, was heute in Ihnen Seele ist, hat sich immer und immer wieder durch Leben und Leben hindurch entwickelt; das, was heute in Ihnen zu verstehen und zu begreifen dieses große Gesetz des Menschenwerdens imstande ist, diese Seele würde nichts, gar nichts davon verstehen, würde nicht die Fähigkeit haben, solche Begriffe aufzufassen, wenn Sie nicht auch schon einmal oder öfter zugehört hätten, wie andere geschildert haben diesen selben Vorgang des Weltenwerdens in Bildern und Imaginationen. Das befähigte diese Seele erst, in der heutigen Inkarnation den Begriff davon zu verstehen.
[ 22 ] Those who have already delved more deeply into theosophical views know that the human soul is not incarnated just once, but passes through human bodies time and time again, traversing many, many lives; they know: What is your soul today has developed time and time again through life after life; that which within you today is capable of understanding and comprehending this great law of human becoming—that soul would understand nothing, absolutely nothing of it, would have no ability to grasp such concepts, if you had not already, once or more often, listened to others describing this very process of the world’s becoming through images and imaginings. It was this that first enabled this soul to grasp the concept of it in its present incarnation.
[ 23 ] Der Menschheit muss alles dasjenige, was später erst in Begriffen auftritt, zuerst in Imaginationen, in Bildern gebracht werden. Die Weisesten der Menschheit, die Führer der Menschen haben das alles gewusst, was wir heute schildern. Für die Mehrzahl musste es aber in Bildern gebracht werden, weil sie das dämmerhafte Hellsehen hatte und diese Dinge noch nicht in Begriffen, sondern nur in Bildern aufnehmen konnte, und das war in dieser Gestalt zu geben: «Und Gott hauchte dem Menschen den Odem ein, und der Mensch ward eine lebende Seele.» (1 Mos 2,7)
[ 23 ] Everything that later appears in concepts must first be presented to humanity in imaginations, in images. The wisest among humanity, the leaders of the people, knew all that we describe today. For the majority, however, it had to be conveyed in images, because they possessed a dim form of clairvoyance and could not yet grasp these things in concepts, but only in images; and this was to be presented in the following form: “Then God breathed into the man’s nostrils the breath of life, and the man became a living soul.” (Genesis 2:7)
[ 24 ] Fragen wir uns nun: Für was ist denn Jahve, Jehova der Ausdruck? Jehova ist der Ausdruck für dasjenige, was wir als das Individuelle, das Ich-Gebende auffassen. Zu gleicher Zeit hat er die Nebenbedeutung: «der Wehende», «der in der Luft dahinwehende», und da haben Sie den Jahve selbst, also jene Gottheit, die den Menschen das Ich gegeben hat: «Ich bin der ‹Ich-bin›» (2 Mos 3,14). Und gehen Sie von da hinauf zu den mitteleuropäischen alten Sagen und Mythen, so werden Sie finden, dass Sie dort im Wotan, der ja im Luftsturm dahinreitet, auch den Wehenden haben. So wurde immer der wehende, der in der Luft dahinwehende Geist als der Bringer des menschlichen Bewusstseins empfunden.
[ 24 ] Let us now ask ourselves: What, then, does the term Yahweh, Jehovah, signify? Jehovah is the term for that which we understand as the individual, the source of the “I.” At the same time, it has the secondary meaning: “the One who blows,” “the One who blows through the air,” and there you have Yahweh himself—that is, the deity who gave humanity the “I”: “I am the ‘I am’” (Exodus 3:14). And if you go from there to the ancient legends and myths of Central Europe, you will find that there, too, in Wotan—who rides forth in the storm—you have the One Who Blows. Thus, the blowing spirit, the spirit that blows through the air, was always perceived as the bringer of human consciousness.
[ 25 ] Das ist nur einer der Begriffe, die wir entwickeln können. Weiter in noch fernerer Vergangenheit, da würden wir kommen in die Entwicklungslinie des geistigen Menschenkernes hinauf zu dem Geist selbst. Und auch in jenen alten Zeiten hat das alte Bewusstsein zurückgeblickt auf den Zeitpunkt, wo die Seele und der Geist noch vereinigt waren mit der göttlichen Urgeistigkeit; innerhalb dieser war unser geistig-seelischer Menschenvorfahr. Das, was Sie heute Ihr Ich nennen, Ihre intimste innerliche Wesenheit, das war damals, als es noch nicht sich vereinigt hatte mit Ihrem Leib, das war damals in jener göttlichen Urwesenheit darin. Da war sie vor allen Dingen in einem Zustand, den wir bezeichnen müssen als den der Geschlechtslosigkeit. Geist und Seele haben kein Geschlecht. Sie haben ein Geschlecht dadurch, dass Sie einen geschlechtsmäßig gebildeten Leib anziehen, aber Ihr innerstes Wesen ist nicht geschlechtlich. Auch diese Seele unterlag einer Entwicklung, auch auf diese blickt jeder Geistesforscher zurück, und er sah Mann und Weib, vereinigt in einem, bevor in der Außenwelt uns entgegengetreten sind die zwei Geschlechter. Der Geist des Menschen, der Geist, der noch nicht geschlechtlich war, der beide Geschlechter in sich vereinigte.
[ 25 ] This is just one of the concepts we can develop. Going further back into the even more distant past, we would trace the line of development of the spiritual core of humanity all the way up to the Spirit itself. And even in those ancient times, the ancient consciousness looked back to the time when the soul and the spirit were still united with the divine primordial spirit; within this was our spiritual-soul ancestor. What you today call your “I”—your most intimate inner being—was, back then, before it had yet united with your body, present within that divine primordial being. Above all, it was in a state that we must describe as one of genderlessness. Spirit and soul have no gender. They acquire a gender by taking on a body formed according to gender, but your innermost being is not gendered. This soul, too, underwent a process of development—one that every spiritual researcher looks back upon—and he saw man and woman united as one, before the two sexes appeared before us in the outer world. The human spirit—the spirit that was not yet gendered—united both sexes within itself.
[ 26 ] So haben wir den einen Punkt der Menschwerdung in dem Sinne des Hineinsteigens der Seele, des Geistes in den physischen, entsprechend vorbereiteten Leib, und einen früheren, ebenso hervortretenden Punkt: die Menschwerdung der Seele, den geistigen Menschen selbst, wie aus einem noch früheren geistigen Zustande der ungeschlechtliche, geistig-seelische Mensch hervorgegangen ist aus der einen Urgeistigkeit.
[ 26 ] Thus we have the point of incarnation in the sense of the soul and the spirit entering the physical, appropriately prepared body, and an earlier, equally prominent point: the incarnation of the soul—the spiritual human being itself—just as the asexual, spiritual-soul human being emerged from an even earlier spiritual state out of the one primordial spirit.
[ 27 ] So sehen wir die Menschwerdung zweimal vor uns: einmal oben in der geistigen Welt, einmal unten auf dem physischen Plan. Diese zweimalige Menschwerdung für unsere Erde, sie tritt uns im Spiegelbild in der Schilderung in der biblischen Urkunde entgegen; sie sehen wir wahrhaftig in jener zweifachen Menschwerdung der biblischen Geschichte.
[ 27 ] Thus we see the Incarnation before us twice: once above in the spiritual world, and once below on the physical plane. This twofold Incarnation for our Earth is reflected back to us in the account found in the biblical text; we truly see it in that twofold Incarnation of biblical history.
[ 28 ] Zuerst die Menschwerdung in der geistig-seelischen Welt: Von jener Zeit sagt der biblische Urkundenschreiber: der Mensch entstand als männlich-weibliches Wesen. (1 Mos 1,27) Und dann kam dieses männlich-weibliche Wesen, das geistig-seelischer Natur war, herunter in die physische Welt, und da haben wir es mit dem physischen Leib zu tun, der nun gleichzeitig beginnt zu atmen. So sehen wir, wie eine zweifache Gestalt der Menschwerdung in die Bibel hineingekommen ist. Wir erkennen jetzt, dass, wenn man die Wahrheit schildern wollte, dass dann in dieser Art müsste diese zweifache Menschwerdung beschrieben werden.
[ 28 ] First, the incarnation in the spiritual-soul world: Regarding that time, the biblical chronicler says: “God created humankind in his own image, male and female he created them.” (Gen 1:27) And then this male-female being, which was of a spiritual-soul nature, descended into the physical world, and there we are dealing with the physical body, which now begins to breathe at the same time. Thus we see how a twofold form of the Incarnation has found its way into the Bible. We now recognize that if one were to describe the truth, this dual incarnation would have to be described in this manner.
[ 29 ] Nun wollen wir einen andern Fall betrachten, der näher kommt an das, was noch intimer uns berührt, was uns heraufführt in das Neue Testament, uns bekannt macht mit dem Mysterium von Golgatha, mit Jesus Christus, Sie werden leicht aufschauen können zu einem andern, das noch vorhanden ist als ein gemeinsames Menschliches, das nicht vernichtet wird, wenn die Nah-Ehe vernichtet wird. Zwar wird jene Liebe, die an der Verwandtenehe hängt, nur bestehen können mit dem gemeinsamen Blute, aber es gibt eine Liebe, die umfassender, höher ist als diese des Blutes. So gibt es in der Menschheit ein Gemeinsames, ein wirklich Gemeinsames, das vorhanden ist als ein gemeinsames Band der Menschheit, das auch vorhanden ist, wenn jenes Band durchschnitten wird, ein Band, das umfassender ist als jenes Band der Liebe, die durch die Blutsverwandtschaft geflochten wird. Wenn jener Menschenvorfahr zurückblickte in der Zeit der NahEhe, so war das ein Generations-, ein Stammesich, das er mit Ich bezeichnete. Immer weiter und weiter zogen sich die Grenzen der Stämme; aus Stämmen wurden Völker, und es vernichtete sich das Bewusstsein der Stämme, und ein gemeinsames Band, das nun nicht mehr so fest war, umschlang, das Volk, ein Volksbewusstsein. Es war am deutlichsten und klarsten an jenem Volkskörper, der als der hebräische bezeichnet wird.
[ 29 ] Now let us consider another case that comes closer to what touches us even more intimately, what leads us into the New Testament, and acquaints us with the Mystery of Golgotha, with Jesus Christ. You will easily be able to look up to something else that still exists as a shared human quality, one that is not destroyed when consanguineous marriage is destroyed. True, the love that is bound to marriage between relatives can only exist through shared blood, but there is a love that is more comprehensive and higher than that of blood. Thus, there is something shared among humanity—something truly shared—that exists as a common bond of humanity, one that persists even when that bond is severed, a bond that is more comprehensive than the bond of love woven through blood kinship. When that human ancestor looked back to the time of close kinship, it was a generational, a tribal “I” that he designated as “I.” The boundaries of the tribes extended farther and farther; tribes became peoples, and the consciousness of the tribes was obliterated, and a common bond—which was now no longer as strong—enveloped the people, a national consciousness. This was most evident and clear in that national body known as the Hebrew people.
[ 30 ] Die Tendenz, nun auch das Volksbewusstsein zu erweitern zu dem, was die ganze Menschheit zusammenhält, die Kraft, die auch über das Volk hinaus die Menschen einander näherbringt, die ist erst mit dem Erscheinen des Christus Jesus auf die Erde gekommen. Der Mensch kann auch heute noch nicht klar erkennen, was in allen Menschen als gemeinsames Band lebt, aber eine Zukunft wird kommen, die fern noch vor uns liegt, in der so lebhaft das Bewusstsein in einer großen Zahl von Menschen vorhanden sein wird, das Bewusstsein der Bruderschaft ohne die Blutsbrüderschaft. Und dieses Bewusstsein vorzubereiten, als reale Macht zu wirken zur Vorbereitung dieser Brüderschaft, das ist die Mission des Christentums. Bezeichnet man daher denjenigen Gott, der in den alten Zeiten empfunden wurde als der wehende, zugleich als den, der das Ich gegeben hat, — so müssen wir denjenigen Gott, der da lebt in jenem Bewusstsein, das zwar nicht so dämmerhaft hellsehend ist, das sich aber dahin entwickeln wird, dasjenige, was in der ganzen Menschheit Gemeinsames ist, zu fühlen und klar zu erkennen, dieses Menschheitsbewusstsein müssen wir bezeichnen und bezeichnen es, wenn wir im christlichen Sinne sprechen, als das Christusbewusstsein. Das Christusbewusstsein bezeichnet gleichsam ein Ich, das in gemeinsamem Bewusstsein die ganze Menschheit umschlingt. Da gibt es einen Satz: «Wer da nicht verlässt Weib und Kind und Mutter und Bruder, der kann nicht mein Jünger sein.» (Lk 14,26; Mt 19,29) Das darf nicht im trivialen, im asketischen Sinn aufgefasst werden. Das muss so aufgefasst werden, dass das Christentum vorarbeitet einer allumfassenden Menschenverbrüderung, die nicht auf Blutsbande gegründet ist, sondern darauf, dass der Mensch Bruder sagt zu jedem Menschen, nicht im alltäglichen Sinn, sondern ein Bewusstsein uns erringen, das nicht eingeschlossen und eingegrenzt ist innerhalb der Blutsbande, das hinausreicht allmählich in unserem späteren Leben auf mehr und mehr Menschen, und die ganze Menschheit schließlich zu umfassen vermag. Bezeichnet man daher den Jehova als den Volksgott, so kam man bezeichnen den Christus Jesus als den Menschheitsgott, den Gott der ganzen Menschheit, den «Menschensohn». Er, der Meister, hatte vorzubereiten das Band der Liebe der ganzen Menschheit.
[ 30 ] The tendency to expand national consciousness to encompass what binds all of humanity together—the force that brings people closer to one another even beyond the bounds of the nation—did not emerge until the coming of Christ Jesus to Earth. Even today, human beings cannot yet clearly perceive what lives within all people as a common bond, but a future will come—one that still lies far ahead of us—in which this awareness will be so vividly present in a great number of people: the awareness of brotherhood without blood ties. And to prepare this consciousness—to act as a real force in preparation for this brotherhood—that is the mission of Christianity. If, therefore, we refer to the God who was perceived in ancient times as the breath of life and at the same time as the one who bestowed the “I,” — then we must designate that God who lives within that consciousness—which, though not yet so dimly clairvoyant, will develop to the point of feeling and clearly recognizing what is common to all humanity—this consciousness of humanity we must designate, and we do so when we speak in the Christian sense, as the Christ-consciousness. Christ consciousness signifies, as it were, an “I” that embraces all of humanity within a shared consciousness. There is a saying: “Whoever does not forsake wife and child, mother and brother, cannot be my disciple.” (Luke 14:26; Matthew 19:29) This must not be understood in a trivial or ascetic sense. It must be understood to mean that Christianity paves the way for an all-encompassing brotherhood of humankind, founded not on blood ties but on the fact that a person calls every human being “brother”—not in the everyday sense, but by attaining a consciousness that is not confined or limited within blood ties, but one that gradually extends in our later life to more and more people, and is ultimately capable of encompassing all of humanity. If, therefore, one refers to Jehovah as the God of the people, one might refer to Christ Jesus as the God of humanity, the God of all mankind, the “Son of Man.” He, the Master, was to prepare the bond of love for all of humanity.
[ 31 ] Bezeichnet man Jehova als einen Volksgott, so hat man zu bezeichnen den Christus, der in dem Jesus von Nazareth verkörpert war, als den Menschensohn, als den er sich selbst bezeichnete. So sehen Sie die Wahrheit des Wortes «Ehe denn Abraham war, war ‹Ich-Bin›», oder besser «bin ich» (Joh 8,58), der die Kräfte der Menschheit zum ersten Mal gebracht hat, die die ganze Menschheit umfassen, der die ganze Menschheitsbrüderschaft herbeizuführen in der Lage ist.
[ 31 ] If one refers to Jehovah as the God of a people, then one must refer to the Christ, who was embodied in Jesus of Nazareth, as the Son of Man, as he called himself. Thus you see the truth of the words, “Before Abraham was, ‘I Am’ was,” or rather, “I am” (John 8:58)—the One who first brought the powers of humanity that encompass all of humanity, and who is capable of bringing about the brotherhood of all humanity.
[ 32 ] Wie ist nun durch äußere wirkliche Tatsachen, durch wirkliche Geschehnisse dieses große Ereignis zustande gekommen? Dadurch, dass der Menschheit der Menschensohn in einer menschlichen Persönlichkeit verkörpert worden ist. Darauf weist uns wiederum die Geisteswissenschaft hin. Sie weist uns hin, wenn wir das richtig verstehen, was man die Prophetie nennt, das, was all dem zugrunde liegt. Das könnte und kann nur der Eingeweihte klar erkennen, aber ein Gefühl davon, ein Gefühlsbewusstsein davon kann die Menschheit haben seit der Erscheinung des Christus Jesus auf Erden.
[ 32 ] How, then, did this great event come about through external, real facts—through actual occurrences? It came about because the Son of Man was incarnated in a human personality for the sake of humanity. Spiritual science points this out to us once again. If we understand it correctly, it points us to what is called prophecy—that which underlies all of this. Only the initiate could and can clearly recognize this, but humanity has been able to have a sense of it, an emotional awareness of it, ever since the appearance of Christ Jesus on earth.
[ 33 ] Was Prophetie heißt? Glauben Sie nicht, dass dasjenige, was der Christ wissen kann seit der Erscheinung des Christus Jesus auf Erden, dass das erst begonnen habe in jener Zeit. Derjenige, der ein wirklicher Christ ist und nicht stehen bleiben will bei dem, was das Christentum zum Beispiel heute seinen Gläubigen sagt, der weiß sich eins mit dem, was Augustinus sagte. Das, was man heute als Christentum bezeichnet, das ist diejenige Religion, die man immer in alten Zeiten als die wahre Religion bezeichnet hat. Aber nicht alle Menschen haben seit alten Zeiten diese Religion einsehen können, in alten Zeiten gab es immer nur wenige, welche ausgewählt wurden in die hohen Geheimnisse eingeweiht zu werden. Die sind die Propheten einer gewissen Zeit geworden, die vermögen zu sehen, was in der Zukunft geschehen muss. Einweihung heißt: jene höheren Fähigkeiten im Menschen zur Entwicklung zu bringen, die in jedem Menschen schlummern!
[ 33 ] What does prophecy mean? Do not believe that what a Christian can know since the appearance of Christ Jesus on earth only began at that time. Anyone who is a true Christian and does not wish to remain content with what Christianity, for example, tells its believers today, knows that they are in agreement with what Augustine said. What is called Christianity today is the very religion that was always regarded as the true religion in ancient times. But not all people have been able to comprehend this religion since ancient times; in ancient times, there were always only a few who were chosen to be initiated into the high mysteries. They became the prophets of a certain era, capable of seeing what must happen in the future. Initiation means: bringing to development those higher abilities within the human being that lie dormant in every person!
[ 34 ] Und nun ein Gesetz, das sagt uns: Das, was in der Zukunft herunterrückt in die physische Welt, das ist heute schon in der geistigen Welt vorhanden, und das, was heute in der geistigen Welt lebt, das wird einmal heruntersteigen in die physischen Regionen. Weil aber derjenige, welcher ein Eingeweihter wird, hinaufsteigt schon heute in die geistigen Regionen, deshalb kann er schon heute das, was in der Zukunft heruntersteigen wird in die physische Welt, im Geiste wahrnehmen. Das kann er heute oben schon sehen und nun sagen: Das wird in der Zukunft geschehen. Die Einweihung erlangt man nun in einer gewissen Stufenfolge nur nach denjenigen Methoden, die in der Geisteswissenschaft und auch in allen großen Religionen vorgezeichnet sind, und es gab in allen Zeiten solche Methoden der Einweihung, wie es in allen Zeiten Eingeweihte gegeben hat.
[ 34 ] And now a law that tells us: That which will descend into the physical world in the future already exists today in the spiritual world, and that which lives today in the spiritual world will one day descend into the physical realms. But because the one who becomes an initiate ascends into the spiritual realms even today, he can already perceive in spirit what will descend into the physical world in the future. He can already see this from above today and say: “This will happen in the future.” Initiation is attained through a specific sequence of stages, following only those methods outlined in spiritual science and also in all the great religions; and such methods of initiation have existed in every age, just as there have always been initiates.
[ 35 ] Es ist ein gewaltiger Unterschied des Einweihungsprinzips zwischen jenen alten vorchristlichen Zeiten und den nachchristlichen Zeiten. In jenen vorchristlichen Zeiten wurde viel, viel weniger aufgeschrieben von jenen Methoden, aber diese pflanzten sich fort durch die Überlieferung in jenen Schulen, die man die Mysterienschulen nennt, und diejenigen, welche für reif erkannt wurden, in diese Schulen aufgenommen zu werden, die wurden unter schweren Prüfungen stufenweise eingeführt, wurden eingeweiht in das, was man Mysterium nennt, ein Ding, aus dem sich in der Zukunft zweierlei entwickelt hat: die Schule auf der einen Seite und die Kirche auf der anderen Seite — Wissenschaft und Religion.
[ 35 ] There is a vast difference in the principle of initiation between those ancient pre-Christian times and post-Christian times. In those pre-Christian times, much, much less was written down about those methods, but they were passed down through tradition in those schools known as the Mystery Schools, and those deemed ready to be admitted to these schools were gradually initiated through rigorous trials into what is called a “mystery”—a concept from which two distinct developments emerged in the future: the school on the one hand and the church on the other—science and religion.
[ 36 ] So haben Sie eine ungefähre Vorstellung von jenen alten Weisheitsschulen, in denen Eingeweihte eingeweiht wurden, aber es war stufenweise durch Grade hinauf vorgeschrieben, was derjenige, der eingeweiht werden wollte, zuerst zu machen hatte, und was er dann als zweite Stufe durchzumachen hatte, bis hinauf zur höchsten Stufe der geistigen Welten.
[ 36 ] This gives you a rough idea of those ancient schools of wisdom where initiates were initiated; however, there was a step-by-step progression through degrees that prescribed what the person seeking initiation had to do first, and what he then had to undergo as a second step, all the way up to the highest level of the spiritual worlds.
[ 37 ] Von jenen Weisheitsschulen haben Sie nun eine Vorstellung, in denen diejenigen Wesenheiten wirken, die unserer physischen Welt zugrunde liegen. So gab es alte Einweihungsriten, einen Einweihungskanon in jeder Einweihungsschule. Derjenige, der geeignet befunden wurde, Schüler zu werden der heiligen Mysterienlehre, der wurde hereingenommen in diese Einweihungsschule und machte hier die Stufen durch, die ihn hinaufführten in die geistigen Welten. Damit war das Leben eines solchen Menschen streng vorgeschrieben. Denken Sie sich dieses Leben: Aufgenommen in die Mysterien musste er ein Leben führen, welches so war, dass die gewöhnlichen, alltäglichen Erlebnisse gar keine Bedeutung mehr hatten; dagegen Gewicht und Bedeutung für das Leben eines solchen Menschen hatte dasjenige, was er im Sinne der Einweihungsmethoden erlebte.
[ 37 ] You now have an idea of those schools of wisdom in which the beings that underlie our physical world are at work. Thus, there were ancient initiation rites—a canon of initiation in every school of initiation. Those deemed suitable to become students of the sacred mystery teachings were admitted into this school of initiation and passed through the stages that led them upward into the spiritual worlds. Consequently, the life of such a person was strictly prescribed. Imagine this life: Once admitted to the Mysteries, he had to lead a life in which ordinary, everyday experiences no longer held any significance; on the other hand, what he experienced through the methods of initiation held weight and significance for the life of such a person.
[ 38 ] Denjenigen, der auf einer bestimmten Stufe der Einweihung angelangt war, den nannte man einen Sonnenmenschen, aus dem Grunde, weil sein Leben in einer so geregelten Art verlaufen musste, dass er nicht abirrte von seiner Bahn; geradeso wenig wie die Sonne von ihrer Bahn abweichen kann, ebenso sicher geht derjenige, der auf seiner Einweihungsbahn es bis zum Sonnenhelden gebracht hat. Er kündet aus seiner eigenen Erfahrung heraus die Wahrheiten der geistigen Welt; er ist ein Führer der Menschheit.
[ 38 ] One who had reached a certain stage of initiation was called a “Sun Man,” because his life had to proceed in such an orderly manner that he did not stray from his path; just as the sun cannot deviate from its course, so too does the one who has advanced along the path of initiation to become a Sun Hero proceed with equal certainty. He proclaims the truths of the spiritual world from his own experience; he is a guide to humanity.
[ 39 ] Die Mythen und Sagen enthalten das und erzählen uns immer wieder von Sonnenhelden, und wenn diese von solchen Menschen sprechen, wenn sie miteinander übereinstimmen auch bei den verschiedensten Völkern, so wird uns da geschildert, was ihn eben zum Sonnenhelden machte. Dann erscheint uns solche Erzählung wie eine Wiederholung des Einweihungskanons, und so bildete sich in jenen alten Zeiten in Bezug auf das Leben der Eingeweihten ein Prinzip heraus, das gerade entgegengesetzt ist dem Prinzip der Biografienschreiber der heutigen Zeit. Denjenigen, die etwas erzählt haben von dem Leben der großen Führer der Menschheit in alten Zeiten, kam es gerade darauf an, zu verwischen das, was ihn als besonderes Wesen erscheinen ließ, das im heutigen Sinne Biografische, und das zu erzählen, wodurch sie Sonnenhelden geworden sind, was sie dem Einweihungsritus gemäß durchleben mussten, und so alle gleichartig durchmachten. Das Ziel dieser Einweihung war auch das, dass in jenen Eingeweihten ein lebendiges Sehen des allmenschlichen Ichs, des einheitlichen Bewusstseins entwickelt wurde, aber die Auserwählten hatten es nur.
[ 39 ] Myths and legends contain this and tell us time and again of sun heroes, and when they speak of such people—when their accounts agree even among the most diverse peoples—they describe to us precisely what made him a sun hero. Then such a narrative appears to us as a repetition of the initiation canon, and thus, in those ancient times, a principle emerged regarding the lives of the initiated that is precisely the opposite of the principle followed by today’s biographers. For those who recounted the lives of humanity’s great leaders in ancient times, the very point was to obscure what made them appear as special beings—that which is biographical in the modern sense—and to recount what transformed them into Sun Heroes: what they had to undergo in accordance with the initiation rite, and which they all experienced in the same way. The goal of this initiation was also to develop in those initiates a living vision of the universal human “I,” the unified consciousness—but only the chosen few possessed it.
[ 40 ] Nur wenige Menschen konnten das erlangen. Nun sollte im Laufe der Zeit in der Entwicklung ein Ereignis eintreten, dass man das, was man in alten Zeiten erreichen konnte einzeln, im Innern der Mysterien, dass nun das allgemein die ganze Menschheit sollte erreichen können. Und dieses Ereignis war eben das Mysterium von Golgatha. Wie kam das? Das werden wir verstehen, wenn wir hineinschauen in die Mysterien: Dann, wenn er alle diese Dinge am eigenen Leibe erfahren hatte, die man erfahren musste vor jenem großen abschließenden Momente der Einweihung, dann kam die Zeit, wo er durch den initiierenden Priesterhierophanten in einen solchen Zustand versetzt wurde, dass er in heller Klarheit des Schauens das erleben konnte, was ihn über seinen Stamm und sein Volk hinaushob, hinein in das, was er gemeinschaftlich mit der ganzen Menschheit hat.
[ 40 ] Only a few people were able to attain this. Now, in the course of evolution, an event was to occur whereby what in ancient times could be attained individually, within the mysteries, would now become accessible to all of humanity. And this event was precisely the Mystery of Golgotha. How did this come about? We will understand this when we look into the mysteries: Then, after he had personally experienced all those things that one had to undergo before that great, final moment of initiation, the time came when, through the initiating priest-hierophant, he was brought into a state in which he could experience, with the clearest clarity of vision, that which raised him above his tribe and his people and into that which he shares with all of humanity.
[ 41 ] Sie wissen aus anderen Vorträgen, dass der Mensch aus dem physischen Leib, dem Ätherleib, dem Astralleib und dem Ich und seinen höheren Gliedern besteht. Im Schlafe, im Bett liegen der physische und der Ätherleib, und heraus ist im Schlafe der Astralleib mit den höheren Gliedern der menschlichen Natur. Dann, wenn sich auch der Ätherleib trennt von dem physischen Leib, dann tritt auch der Tod ein. Das ist der geisteswissenschaftliche Unterschied zwischen Schlaf und Tod. Dann aber, wenn der Einzuweihende so weit gekommen war, dass er das letzte Stadium der Einweihung durchmachen konnte, dann führte ihn dahin der Hierophant, der einweihende Priester, dass für eine kurze Zeit von dreieinhalb Tagen der Ätherleib auch heraustreten konnte, sodass der physische Leib in einer Art von Todeszustand war. Die Folge davon war, dass ein solcher, der durch die nötigen Stufen vorbereitet war, dass das erfolgte, dass er in dieser Zeit durchwanderte all das, in eigenem Schauen, wozu er vorbereitet war, dass er die höheren Welten in wirklichem Schauen erlebte. Dann, nach dreieinhalb Tagen, wurde der zu Initiierende wieder zurückgerufen in das gewöhnliche physische, und jetzt war er ein solcher, welcher verkünden konnte denen, die es hören wollten, aus dem eigenen Erleben heraus die Geheimnisse der höheren Welten. Von seinen Lippen strömte das Wort der geistigen Welt; er war ein Zeuge geworden dafür, dass es eine geistige Welt gibt, dass das Leben im Geist den Tod besiegen kann. Denn er war selbst in jener Welt, in welcher man sich die Überzeugung holt, dass das Leben immer den Tod besiegen wird. Und immer wieder und wiederum kam derjenige, der also in dreieinhalb Tagen die geistigen Welten durchwandert hatte, immer und immer wieder kam der Eingeweihte zurück, wenn er erweckt wurde, mit einem Ausrufe, der etwa in deutscher Sprache lauten würde: «Mein Gott, mein Gott, wie hast Du mich verherrlicht.»
[ 41 ] You know from other lectures that the human being consists of the physical body, the etheric body, the astral body, and the I and its higher members. During sleep, the physical body and the etheric body remain in bed, while the astral body, together with the higher members of the human nature, is outside the body during sleep. Only when the etheric body also separates from the physical body does death occur. This is the spiritual-scientific distinction between sleep and death. But when the initiate had progressed far enough to undergo the final stage of initiation, the hierophant—the initiating priest—would guide him so that, for a brief period of three and a half days, the etheric body could also step out, leaving the physical body in a kind of state of death. The result of this was that one who had been prepared through the necessary stages—so that this could take place—would, during this time, pass through in his own vision all that for which he had been prepared, experiencing the higher worlds in true vision. Then, after three and a half days, the initiate was called back into the ordinary physical world, and now he was one who could proclaim—from his own experience—the mysteries of the higher worlds to those who were willing to listen. The word of the spiritual world flowed from his lips; he had become a witness to the fact that a spiritual world exists, that life in the spirit can conquer death. For he had been in that very world where one gains the conviction that life will always conquer death. And again and again, the one who had thus journeyed through the spiritual worlds in three and a half days—again and again, the initiate returned, whenever he was awakened, with an exclamation that in German would sound something like: “My God, my God, how have You glorified me.”
[ 42 ] Derjenige, der in alten Zeiten ein solcher Künder der Geistesweisheit werden wollte aus eigenen Erlebnissen heraus, der musste also hineingehen in die Mysterien, musste diese Erlebnisse erleben außerhalb seines physischen Leibes. Nur auf diese Weise ging es in alten vorchristlichen Zeiten. Das ist der welthistorische Moment des Christentums, dass in dem einen Ereignis von Golgatha herausgezogen ist in die physische Welt als eine geschichtliche Tatsache der physischen Wirklichkeit alles dasjenige, was der Einzuweihende während der dreieinhalb Tage erlebte. Physisch wirklich ist das Geheimnis der Einweihung geworden in dem Mysterium von Golgatha. Die Stufenfolge der Einweihung, sie konnte in der physischen Welt der durchmachen, der zu seinem Bewusstsein das Alleinheitsbewusstsein der Menschheit hatte, der Menschensohn, physisch konnte er das durchmachen, was vor seinem Erscheinen den Menschen zu erleben nur möglich war außerhalb ihres physischen Leibes.
[ 42 ] In ancient times, anyone who wished to become such a herald of spiritual wisdom based on their own experiences had to enter into the mysteries and undergo these experiences outside of their physical body. This was the only way in ancient pre-Christian times. This is the world-historical moment of Christianity: that in the single event of Golgotha, everything that the initiate experienced during those three and a half days was drawn out into the physical world as a historical fact of physical reality. The mystery of initiation has become physically real in the Mystery of Golgotha. The sequence of stages in initiation could be undergone in the physical world by the one who possessed within his consciousness the sense of the oneness of humanity—the Son of Man; physically, he was able to undergo what, before his appearance, human beings could experience only outside their physical bodies.
[ 43 ] So leuchtet uns entgegen aus dem Ereignis von Golgatha das physisch gewordene Mysterium der Einweihung. Wie werden also diejenigen, die schildern wollten dieses Mysterium, die besonderen Ereignisse dieses Lebens des Christus Jesus darstellen? Sie wussten, dass derjenige, der als Menschensohn die Geheimnisse heraustrug in die physische Welt, dass er auch hier in der physischen Welt erleben musste diese Stufen der Einweihung im Sinne des Einweihungskanons, die der Einzuweihende immer erlebt hatte außerhalb seines physischen Körpers. So musste man das Leben dieses Einzigen, dieses nur einmal in der Menschheitsentwicklung Vorhandenen, so beschreiben, dass es selbstverständlich war ein Abbild des alten Einweihungskanons.
[ 43 ] Thus, the mystery of initiation made physical shines forth to us from the event at Golgotha. How, then, would those who sought to describe this mystery portray the specific events of the life of Christ Jesus? They knew that the one who, as the Son of Man, brought the mysteries into the physical world also had to experience here in the physical world these stages of initiation in accordance with the canon of initiation—stages that the initiate had always experienced outside his physical body. Thus, the life of this One—who existed only once in the course of human development—had to be described in such a way that it was naturally a reflection of the ancient canon of initiation.
[ 44 ] Nun waren die verschiedenen Formen niedergeschrieben worden, einmal so, einmal anders fixiert, in verschiedenen Formen des Rituals, des Ritus, aber alle auf einen einheitlichen Entwicklungsmodus zurückführend. Dieser Einweihungsmodus, der auch das Leben des Christus Jesus darstellt, war einer, der allen Mysterienschulen zugrunde lag, und es ist nur natürlich, dass er angewendet wurde auf dies äußere physische Leben des Christus Jesus, denn dieses ist wirklich so verlaufen. Sie schildern uns etwas, was sie entnommen haben dem alten Einweihungskanon, wie sie es empfangen hatten in den Mysterienschulen. Daher finden wir in den Evangelien verschiedene, äußerlich scheinbar abweichende Formen des Einweihungskanons, die als Biografie des Christus Jesus erscheinen.
[ 44 ] Now the various forms had been written down, recorded in one way or another, in different forms of ritual, but all traceable to a single mode of development. This mode of initiation, which also represents the life of Christ Jesus, was one that underlay all the mystery schools, and it is only natural that it was applied to this outer, physical life of Christ Jesus, for this is indeed how it unfolded. They describe to us something they have drawn from the ancient initiation canon, as they had received it in the mystery schools. Therefore, we find in the Gospels various forms of the initiation canon—which outwardly appear to differ—that are presented as the biography of Christ Jesus.
[ 45 ] So sehen wir in den Evangelien den fixierten Einweihungskanon, und in Christus Jesus, den sie schildern, sehen wir den einzigen Menschensohn, der dasjenige, was die andern nur erleben konnten innerhalb der Mysterien, außerhalb im physischen Leben darstellt, um deren Segnungen allen Menschen zugänglich zu machen. Den Satz, dass das Leben den Tod besiegt, den der Eingeweihte erlebt hatte in den höheren Welten, durch den Christus Jesus stellte er sich äußerlich in der physischen Welt dar, allen Menschen in gleicher Weise nun zugänglich geworden.
[ 45 ] Thus, in the Gospels we see the established canon of initiation, and in Christ Jesus, whom they describe, we see the only Son of Man who manifests in physical life—outside the realm of the mysteries—that which others could only experience within them, in order to make their blessings accessible to all people. The truth that life conquers death—which the initiate had experienced in the higher worlds—was manifested outwardly in the physical world through Christ Jesus, and has now become accessible to all people in the same way.
[ 46 ] Die Geisteswissenschaft weiß, dass das Evangelium Geschichte ist, außerordentliche Geschichte, und zugleich Sinnbild. Das ist eben das Wesentliche, dass hier das Sinnbild äußere Wirklichkeit geworden ist, dass dasjenige, was sinnbildlich in den höheren Welten sich bisher nur abgespielt hatte, dass das äußere historische Wahrheit geworden ist im Geheimnis von Golgatha. Das wollen die wenigsten begreifen, dass das historische Christentum so geschichtlich ist, und dass es symbolisch noch dazu ist. Versteht man das einmal, dann kann man tief in den Geist und Sinn des Neuen Testamentes eindringen, und dann sieht man, dass der Geist und Sinn dieser Urkunden ein so unendlich tiefer ist, dass man nur allmählich, stufenweise in seine tiefsten Tiefen wird eindringen können. Sehen wir uns zum Beispiel einige Stellen noch daraufhin an. Wir erkennen die dreieinhalb Tage wieder in den dreieinhalb Tagen, wie sie, wie berichtet wird (Joh 11), Lazarus schon tot gelegen hatte, als der Herr ihn wieder auferweckte, und wir erkennen an anderer Stelle wiederum jene Worte — denn so sollten sie eigentlich heißen —, die der Christus Jesus spricht am Kreuz in dem Momente, wo er am letzten Akt seines Lebens im physischen Leibe ankommt: «Mein Gott, mein Gott, wie hast du mich verherrlicht», denn so sollten diese Worte heißen — und nicht «wie hast Du mich verlassen» (Mt 27,46, vgl. Psalm 22,1; Mk 15,34), was nur eine unrichtige Wiedergabe ist.
[ 46 ] Spiritual science knows that the Gospel is history—extraordinary history—and at the same time a symbol. That is precisely the essential point: that here the symbol has become external reality; that what had previously taken place only symbolically in the higher worlds has become external historical truth in the Mystery of Golgotha. Very few are willing to grasp that historical Christianity is so historical, and that it is symbolic as well. Once one understands this, one can penetrate deeply into the spirit and meaning of the New Testament, and then one sees that the spirit and meaning of these documents are so infinitely profound that one can only gradually, step by step, penetrate to their deepest depths. Let us look at a few passages in this light, for example. We recognize the three and a half days in the three and a half days during which, as reported (John 11), Lazarus had already been lying dead when the Lord raised him from the dead, and we recognize in another passage those words—for that is how they should actually be rendered—that Jesus Christ speaks on the cross at the moment when he reaches the final act of his life in the physical body: “My God, my God, how have you glorified me,” for that is how these words should be rendered—and not “My God, my God, why have you forsaken me” (Matthew 27:46, cf. Psalm 22:1; Mark 15:34), which is merely an incorrect rendering.
[ 47 ] So sehen wir, dass wiederum die Geisteswissenschaft die Einweihung kennenlernt, die Erfahrung macht, dass das Leben im Geiste den Tod besiegt, dass dieses Leben, diese Weisheit erst wiederum verständlich macht die tiefe Bedeutung auch des Neuen Testamentes, und so wird die weisheitsvolle Vertiefung der Menschheit innerhalb der theosophischen Bewegung wieder zu einer Schätzung, zu einer Wertachtung der biblischen Urkunden, beider Teile derselben, führen.
[ 47 ] Thus we see that spiritual science, in turn, comes to know initiation and experiences that life in the Spirit conquers death; that this life, this wisdom, is what ultimately makes the profound meaning of the New Testament understandable as well, and thus the wise deepening of humanity within the Theosophical Movement will once again lead to an appreciation and respect for the biblical texts, both parts of them.
[ 48 ] Gerade aus dem Grunde, weil diese Weisheit unabhängig von diesem Testamente die Wahrheit desselben bezeugen wird, wird sie so Bedeutsames wirken, wenn Sie diese Wahrheit wiederfinden werden in der Bibel.
[ 48 ] Precisely because this wisdom will attest to the truth of this Testament, regardless of the Testament itself, it will have such a significant impact when you discover this truth in the Bible.
[ 49 ] So wird dieser Mensch, der durch theosophische Vertiefung in sie eindringt, wiederfinden den Wert dieses Buches, das der nicht mehr schätzen konnte, der den Zusammenhang verloren hatte mit der Geisteswelt, und so wird keine andere Bibelforschung, Kritik und so weiter die Kluft zwischen den Gelehrten und den Gläubigen überbrücken können als diese Geisteswissenschaft oder Theosophie, und sie wird diese Kluft überbrücken, und sie wird eine Weisheit bringen, welche alles, alles wiederum verstehen wird, was an gewaltigen Dingen ausgedrückt wird in den biblischen Urkunden, und sie wird diejenige Lösung der großen Rätselfragen des Daseins wiederum den Menschen bringen, die vom Verstand und vom Gemüt in der Bibel gesucht wird. Und das wird sie wiederum in der Bibel erkennen, dass sie die eigentliche Grundlage war und sie sein wird für die eigentliche Kultur der Menschheit. Dadurch wird die Bibel wieder ein Buch werden, das man in seiner ganzen Bedeutung, in seinem ganzen Wert wiederum erkennen wird, und nicht gleichgültig mehr wird man ihr dann gegenübertreten können, sondern mit Schauern der Ehrfurcht gegen die großen, unendlichen Weisheitsquellen, die in ihr sprudeln.
[ 49 ] Thus, the person who delves into it through theosophical study will rediscover the value of this book, a value that could no longer be appreciated by those who had lost their connection with the spiritual world; and so no other biblical scholarship, criticism, or the like will be able to bridge the gap between scholars and believers except this spiritual science or theosophy, and it will bridge this gap, and it will bring a wisdom that will once again make sense of everything—everything—that is expressed in the Bible’s ancient texts, and it will once again provide humanity with the solution to the great mysteries of existence that the intellect and the heart seek in the Bible. And through this, people will once again recognize in the Bible that it was—and will remain—the very foundation of humanity’s true culture. As a result, the Bible will once again become a book whose full significance and value are recognized anew, and people will no longer be able to approach it with indifference, but rather with shivers of awe toward the great, infinite sources of wisdom that flow from it.
[ 50 ] Derjenige also, der selbstständig in die geistige Welt einzudringen vermag, der wird immer tiefer und tiefer von Ehrfurcht erfüllt sein gegenüber diesem Buch, und es wird ihm wiederum werden ein Buch der Verkündigung, das man immer tiefer und tiefer verstehen muss, und ein Buch, in dem die größten Rätsel des Menschen und der Menschheitsentwicklung ihre Lösung finden. So wird die Bibel im Werte immer höher und höher steigen durch die Weisheit, und glückt es dieser Bewegung, die Menschen auf der einen Seite hinzuweisen auf den direkten Weg zur Erkenntnis, so wird dieser Hinweis zu gleicher Zeit etwas ungeheuer Wertvolles sein, für das ganze religiöse Leben der breitesten Menschheit.
[ 50 ] Thus, whoever is able to penetrate the spiritual world on their own will be filled with ever deeper and deeper reverence for this book, and it will in turn become for them a book of revelation that must be understood ever more deeply, and a book in which the greatest mysteries of humanity and human development find their solution. Thus, the Bible’s value will rise higher and higher through wisdom, and if this movement succeeds in pointing people, on the one hand, toward the direct path to knowledge, this guidance will at the same time be something of immense value for the entire religious life of the broadest segment of humanity.
[ 51 ] Der Weisheit Eroberung wird sein zu gleicher Zeit eine Wiedereroberung jener Urkunde, die unserer Kultur doch zugrunde liegt, das heißt dem, was als der Geist unserer Kultur lebt.
[ 51 ] The conquest of wisdom will be, at the same time, a reconquest of that document upon which our culture is ultimately based—that is, of what lives on as the spirit of our culture.
[ 52 ] Dann wird dieses Eindringen in die Weisheit, diese Eroberung der geistigen Welten durch die Weisheit, zu gleicher Zeit die Eroberung dieser wertvollen Quellen für die Weisheit, die Eroberung der biblischen Urkunden selber.
[ 51 ] The conquest of wisdom will be, at the same time, a reconquest of that document upon which our culture is ultimately based—that is, of what lives on as the spirit of our culture.
