Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

The Essence of Christianity
GA 68a

9 June 1907, Leipzig

Translate the original German text into any language:

Versions Available:

The Essence of Christianity, tr. SOL
  1. Über das Wesen des Christentums

34. Bibel und Weisheit II

34. The Bible and Wisdom II

[ 1 ] Heute obliegt es uns, das Verhältnis von Bibel und Weisheit näher auszuführen, erst aber noch einige Erörterungen über das «Alte Testament» zu bringen. Gestern erwähnten wir nur die Schöpfung des Menschen und die wichtige Stelle: Gott hauchte dem Menschen und so weiter. (1 Mos 2,7) Heute wollen wir suchen, in den Inhalt des Urgrundes der Bibel einzudringen. So betrachten wir zunächst dasjenige, was im Menschen Verwunderung erregen kann. Es ist dabei nützlicher, einzelne Tatsachen herauszugreifen. Verwunderung erregen kann das lange Leben von Urvätern in der Bibel. Der materielle Naturforscher sagt natürlich: Das ist nicht möglich. Eine Theosophie, die sich in Verallgemeinerung eines Begriffes ergeht, sagt: Adam, Seth und Henoch hätten wir nicht als individuelle Menschen zu verstehen, sondern als Stämme; also Namen von Stämmen seien das. So einfach ist die Sache nicht. Wir müssen tiefer hineingehen in die Gesetze des Lebens. Wir müssen ein für alle Mal absehen vom Symbolisieren und Allegorisieren, und nicht fragen: Was bedeutet das?

[ 1 ] Today it falls to us to elaborate further on the relationship between the Bible and wisdom, but first we must offer some reflections on the “Old Testament.” Yesterday we mentioned only the creation of humankind and the important passage: “God breathed into the man’s nostrils,” and so on. (Genesis 2:7) Today we want to try to penetrate the essence of the Bible. So let us first consider what can arouse wonder in human beings. It is helpful here to single out specific facts. The long lives of the patriarchs in the Bible can arouse wonder. The materialist natural scientist, of course, says: That is not possible. A form of theosophy that indulges in generalizing a concept says: We should not understand Adam, Seth, and Enoch as individual human beings, but as tribes; that is, they are the names of tribes. The matter is not that simple. We must delve deeper into the laws of life. We must, once and for all, refrain from symbolizing and allegorizing, and not ask: “What does this mean?”

[ 2 ] Nun habe ich Ihnen schon einmal in anderem Zusammenhange davon gesprochen, welche Ursache dieses hohe Alter hatte. Damals führte ich Ihnen ein Gespräch zwischen zwei Dichtern an, Anzengruber und Rosegger. Sie kennen Roseggers liebenswürdige Schilderung der Gebirgsleute. Alles, was er uns darstellt, ist genau beobachtet. Wenn Sie Anzengrubers Stücke sehen, haben Sie Bauern vor sich, die fest auf ihren Füßen stehen. Nun ist etwas sehr merkwürdig. Anzengruber hat nie unter Bauern gelebt. Er lebte in der Stadt und liebte nicht hinauszugehen. Rosegger sagte zu ihm: Würdest du die Bauern näher beobachten, du würdest sie noch viel besser schildern können. Anzengruber darauf: Ich habe nie Bauern gesehen, aber Vater, Mutter, Großeltern waren Bauern, und das ist in meinem Blut geblieben und rumort in mir.

[ 2 ] I have already spoken to you once before, in a different context, about the reason for this great age. At that time, I cited a conversation between two poets, Anzengruber and Rosegger. You are familiar with Rosegger’s charming portrayal of the mountain people. Everything he portrays is the result of careful observation. When you watch Anzengruber’s plays, you see farmers who stand firmly on their own two feet. Now, there is something very curious. Anzengruber never lived among farmers. He lived in the city and did not like to go out into the countryside. Rosegger said to him: “If you were to observe the farmers more closely, you would be able to portray them even better.” Anzengruber replied: “I have never seen farmers, but my father, mother, and grandparents were farmers, and that has remained in my blood and stirs within me.”

[ 3 ] Die unmittelbare Vererbung wirkt viel lebhafter, als wenn das Blut vermischt ist. So ist es auch heute noch, wenn ein Sohn aus unvermischtem Blute stammt. Früher war das in hohen Grade der Fall; es spielte nicht nur in der Phantasie. Zu alter Zeit heiratete man gar nicht aus dem Stamm heraus. Es galt als große Sünde, aus dem Blut herauszutreten. Bei allen alten Völkern finden Sie Sagen und Gebilde, wo das Durchbrechen dieses Gebotes gesühnt werden musste. Keine Blutsbrüderschaft galt bei alten Völkern, und da war das, was im Blute wallte, eine ganz andere Macht. Damals brachte Blutsverwandtschaft eine Art Hellsehen mit sich. Heute ist das vorüber, heute würde sogar Schaden daraus erwachsen. Dieses Hellsehen drückte sich damals so aus, dass man nicht nur in der Phantasie lebte, sondern man hatte wirkliche Erinnerungen, die weit zurückreichten. So wie Sie sich heute an Ihre Jugend erinnern, so erinnerte man sich an Ereignisse aus dem Leben des Vaters, Groß- und Urgroßvaters. Der heutige Mensch glaubt das nicht. Damals empfand man das, was der Vater getan, als: Ich habe es getan. Für heute ist das eine höchst wunderbare Lage. So ging in das Erinnerungsvermögen das über, was Erlebnisse der Väter waren, wie bei Anzengruber. Sie hätten damals Ihren Vater als Ihr Ich empfinden können, sodass man damals nicht zu sich «ich» sagte, sondern man fasste Vater, Mutter, Großvater und Urgroßvater alles als Ich zusammen, man empfand die ganze Generation als Ich. So hieß Adam alles, was Menschen Jahrhunderte hindurch als gemeinsames Bewusstsein empfanden, Patriarchen sind eine ganze Generation umschließendes Ich-Bewusstsein. Das muss man wissen, dass das Bewusstsein durch blutsbrüderschaftliche Erinnerung entstand. So versteht man jene Angaben in der Bibel, und uns enthüllt sich damit eine große Weisheit. So könnte ich von Kapitel zu Kapitel erklären, wie Theosophie unserem religiösen Gefühl zugrunde gelegt ist.

[ 3 ] Direct heredity has a much stronger effect than when bloodlines are mixed. This is still true today when a son comes from an unmixed bloodline. In the past, this was the case to a high degree; it was not merely a figment of the imagination. In ancient times, people did not marry outside their own tribe at all. It was considered a great sin to step outside one’s bloodline. Among all ancient peoples, you will find legends and traditions in which breaking this commandment had to be atoned for. There was no concept of blood brotherhood among ancient peoples, and what coursed through the blood was a completely different power. Back then, blood kinship brought with it a kind of clairvoyance. Today that is a thing of the past; today, it would even lead to harm. This clairvoyance manifested itself back then in such a way that people did not merely live in their imagination, but had actual memories that reached far back in time. Just as you remember your youth today, people back then remembered events from the lives of their father, grandfather, and great-grandfather. People today do not believe this. Back then, what the father had done was felt as: “I did it.” For us today, this is a most wondrous situation. Thus, the experiences of the fathers were incorporated into one’s memory, as in Anzengruber’s case. Back then, you could have perceived your father as your “I,” so that people did not refer to themselves as “I” at that time, but rather encompassed father, mother, grandfather, and great-grandfather all as “I”; they perceived the entire generation as “I.” Thus, “Adam” referred to everything that people perceived as a shared consciousness over the centuries; patriarchs are an “I”-consciousness that encompasses an entire generation. It is important to understand that this consciousness arose from the memory of blood brotherhood. This is how one understands those passages in the Bible, and through them a great wisdom is revealed to us. In this way, I could explain, chapter by chapter, how theosophy underlies our religious sentiment.

[ 4 ] Und nun vom «Alten Testament» zum «Neuen», zum eigentlichen Evangelium. Wir unterscheiden die Zeit vor Christus Jesus und die Zeit nach Christus Jesus. Das Eintreten des Christus Jesus in diese Welt ist das bedeutsamste, mächtigste Ereignis in der Entwicklung der Menschheit. Etwas ganz Neues trat da auf. Die neuere Forschung hat nach und nach die Evangelien zerfasert. Widersprüche wurden aufgesucht und die haben zum Verständnis wenig beigetragen. Welche Wirrnis würde zum Beispiel eine derartige Zergliederung der ApokaIypse bilden? Ich will hier nur eine Tatsache nennen: Die geheime Offenbarung des Johannes wurde von Bibelforschern wie eine Prophetie auf künftige Ereignisse der Menschheit angesehen, oder auch auf vergangene. Einige sagten zum Beispiel, der Presbyter Johannes hat nach Nero gelebt, und er hat nur geschrieben, was an Erdbeben, Landplagen und so weiter geschehen ist. Nun will ich noch auf eine merkwürdige Stelle hinweisen, wo große Geschehnisse und Umwälzungen durch ein Tier herbeigeführt wurden. Die Zahl dieses Tieres ist eine Menschenzahl, «666». Die Forscher haben hier etwas läuten hören; sie haben gehört, dass man Dinge durch Zahlen, gewisse Namen, Formen zum Ausdruck gebracht hat. Eine Möglichkeit gab es, das Alphabert als Zahlen zu benutzen. So war es in gewissen Geheimschulen. Nun haben Forscher herausgefunden, fleißige, emsige Forscher, dass Nero das Tier bedeuten soll, nur um nicht zu glauben, dass etwas Geistiges dahinter liegt. Man hat einfach nicht gewusst, um was es sich handelt. Der wahre Theosoph muss erst Weisheit erlernen, um den Sinn der Bibel zu verstehen.

[ 4 ] And now from the “Old Testament” to the “New,” to the Gospel itself. We distinguish between the time before Jesus Christ and the time after Jesus Christ. The coming of Jesus Christ into this world is the most significant and powerful event in the development of humanity. Something entirely new emerged then. Recent research has gradually picked the Gospels apart. Contradictions were sought out, and these have contributed little to our understanding. What confusion, for example, would such a dissection of the Apocalypse cause? I will mention just one fact here: The Secret Revelation of John was regarded by Bible scholars as a prophecy concerning future events in human history—or even past ones. Some said, for example, that John the Presbyter lived after Nero, and that he wrote only about what had happened in terms of earthquakes, plagues, and so on. Now I would like to point out a curious passage where great events and upheavals were brought about by a beast. The number of this beast is a human number, “666.” Researchers have sensed something here; they have heard that things were expressed through numbers, certain names, and forms. One possibility was to use the alphabet as numbers. This was the case in certain secret schools. Now researchers—diligent, industrious researchers—have discovered that Nero is supposed to represent the beast, simply to avoid believing that there is something spiritual behind it. People simply did not know what it was all about. The true theosophist must first acquire wisdom in order to understand the meaning of the Bible.

[ 5 ] 666 setzt sich zusammen aus 400, 200, 60 und 6. Das bedeutet oder heißt: Sorat. Das hat auch ein bestimmtes Zeichen: einen Stab mit zwei Flügeln oder Widderhörnern. (Offb 13,11) Das ist das Zeichen für dieses Wesen. Die Geisteswissenschaft sieht in allem nicht nur ein materielles, sondern auch ein geistiges Wesen; zum Beispiel ist die Sonne der Leib der Sonnenseele. Für Geisteswissenschaft ist es der Geist, der die Menschen vorwärtsbringt; sein Gegner ist Sorat — 666. Die geheime Offenbarung sagt: Dieses Tier hat zwei Hörner, wie ein Lamm oder Widder. Wissen Sie diese Dinge, dann wissen Sie auch, was der Schreiber sagt. Sie sehen, dass man erst wissen muss, um was es sich handelt, und hierzu gehört Weisheit.

[ 5 ] 666 is composed of 400, 200, 60, and 6. This means or signifies: Sorat. It also has a specific symbol: a staff with two wings or ram’s horns. (Rev. 13:11) This is the symbol of this being. Spiritual science sees in everything not only a material but also a spiritual being; for example, the sun is the body of the solar soul. For spiritual science, it is the spirit that propels humanity forward; its adversary is Sorat—666. The Book of Revelation says: This beast has two horns, like a lamb or a ram. If you know these things, then you also know what the writer is saying. You see that one must first know what is at stake, and this requires wisdom.

[ 6 ] Augustin, der anerkannte Kirchenlehrer verschiedenster Bekenntnisse, hat einen wichtigen Satz in Bezug auf die weltliche Stellung des Christentums gesagt: «Was man Christentum nennt, war immer da, nur dass man die wahre Religion, die schon immer gelebt hat, in verschie***** dener Weise auffasste.»

[ 6 ] Augustine, the recognized Church Father of various denominations, made an important statement regarding the secular status of Christianity: “What is called Christianity has always existed; it is just that the true religion, which has always been lived out, has been understood in various ways.”

[ 7 ] Aber wo hat das Christentum gelebt, ehe Christus Jesus erschien? Im Mysterium. Was war Mysterium? Das, was man heute Kirche, Schule oder Kunstanstalt nennt. Die Kenntnisse von Dingen wurden als Vorbereitung gebraucht, um dann zum Einführen in das Verständnis zu dienen, so wie der göttliche Geist sich heruntergebeugt hat und wieder hinaufgestiegen ist. Auch lernte man da zu hören die Geheimnisse des Weltendaseins in Tönen ausgedrückt. Richard Wagner hat das wieder nachgefühlt, und wiederzugeben sich bemüht. Solche Schulen gab es, und ein jeder wurde erst geprüft, ob er geeignet sei durch sein Begriffsvermögen, Gefühl, Verständnis, stufenweise hineingeführt zu werden zu einem sinnlich wahrnehmbaren Selbsterleben. Das war die Einweihung oder Initiation. — Es gab verschiedene Stufen, denn die Menschen kamen verschieden weit. Eins war notwendig: dass man einen bestimmt vorgeschriebenen Entwicklungsgang durchmachte, und das pflanzte sich fort in den Schulen durch Eingeweihte. Die verschiedenen Stufen hatten verschiedene Namen:

[ 7 ] But where did Christianity exist before Jesus Christ appeared? In the Mystery. What was the Mystery? That which we today call the church, the school, or the art institution. Knowledge of these things was used as preparation, serving as an introduction to understanding, just as the divine Spirit descended and then ascended again. There, too, one learned to hear the mysteries of worldly existence expressed in sounds. Richard Wagner sensed this anew and strove to convey it. Such schools existed, and each person was first tested to determine whether, through their capacity for comprehension, feeling, and understanding, they were suitable to be gradually led into a sensually perceptible, direct experience. That was the initiation. — There were various stages, for people progressed to different degrees. One thing was necessary: that one undergo a specific, prescribed course of development, and this was perpetuated in the schools through the initiates. The various stages had different names:

1. Stufe: die Raben.
2. Stufe: die Okkulten.
3. Stufe: die Streiter.
4. Stufe: die Löwen.
5. Stufe: hatte einen Volksnamen, zum Beispiel Perser. Christus sagt von Nathanael: rechter Israeliter. (Joh 1: 47)
6. Stufe: der Sonnenheld (Sohn).
7. Stufe: sagte man nicht (Vater).

1st Level: The Ravens.
2nd Level: The Occultists.
3rd Level: The Warriors.
4th Level: The Lions.
5th Level: had a common name, for example, “Persian.” Christ says of Nathanael: “a true Israelite.” (John 1:47)
6th Level: the Sun Hero (Son).
7th Level: was not referred to as (Father).

[ 8 ] Nehmen wir einen von der 6. Stufe, einen Sonnenhelden. Dessen Leben war, wie es seit Jahrtausenden war. So wenig konnte er von seiner vorgeschriebenen Bahn abirren, wie die Sonne nicht aus ihrer Bahn treten kann, und so folgt er den streng harmonischen Weltenbahnen. Würde er heraustreten, würde ein gleiches, kaum auszudenkendes Unheil geschehen, als wenn die Sonne heraustreten würde. In alten, alten Sagen ist von Sonnenhelden die Rede: Hermes, Buddha, Zarathustra, Pythagoras; sogar in germanischen Ländern: Siegfried, mit einzelnen Veränderungen, ein Grundtypus. Warum das? Weil man damals genau das umgekehrte Verfahren hatte wie heute. Der alte Grundsatz war: sich nicht um Alltägliches kümmern, sondern das Wesentliche suchen. Damals beschrieb man, was einer zur Einweihung zu durchleben hatte. Das tausendjährig vorgeschriebene Leben war die Lebensbeschreibung. Hermes hatte nach dieser Vorschrift gelebt, und somit beschrieb, der sein Leben beschrieb, das, was schon andere vor ihm erlebt hatten.

[ 8 ] Let us take one from the 6th level, a Sun Hero. His life was as it had been for millennia. He could stray from his prescribed path just as little as the Sun can stray from its orbit, and so he follows the strictly harmonious paths of the worlds. If he were to step outside this path, a calamity would occur—one as unimaginable as if the Sun itself were to step out of its orbit. Ancient, ancient legends speak of Sun Heroes: Hermes, Buddha, Zarathustra, Pythagoras; even in Germanic lands: Siegfried—with a few variations—represents a fundamental archetype. Why is that? Because back then, the approach was exactly the opposite of what it is today. The ancient principle was: do not concern yourself with everyday matters, but seek the essential. Back then, people described what one had to undergo to achieve initiation. The life prescribed for a thousand years was the description of life itself. Hermes had lived according to this prescription, and thus, in describing his life, he described what others before him had already experienced.

[ 9 ] Besser werden wir in die Sache eindringen, wenn wir den Sinn der Stufen verstehen: Auf einer wurde der Charakter gebildet, eine andere brachte die Erscheinungen der Astralwelt näher, andere brachten Erforschungen noch höherer Welten. Wenn man damals das begriffen hatte, dann trat etwas Besonderes auf. Dann gab es einen letzten Akt der Einweihung. Der Betreffende wurde durch den eingeweihten Hierophanten in einen Zustand gebracht, in dem der Leib wie tot war für dreieinhalb Tage. Ätherund Astralleib waren herausgezogen und wanderten, unter Führung des Hierophanten-Oberpriesters in den geistigen Welten herum. Dann wurden sie in den Körper zurückgeführt und der Betreffende erhielt einen neuen Namen. Nun wusste er aus eigener Erfahrung, was in den geistigen Welten geschieht, und war nun ein Wiedergeborener. Er konnte Zeugnis davon geben, dass das geistige Leben den Tod besiegt. Jedes Mal, wenn der Mensch wieder zurück in den Körper kam, da wachte er mit dem Ruf auf: Mein Gott, mein Gott, wie hast du mich verherrlicht.

[ 9 ] We will gain a better understanding of the matter if we grasp the meaning of the stages: One stage shaped the character; another brought the phenomena of the astral world closer; others led to the exploration of even higher worlds. Once this was understood at that time, something special occurred. Then there was a final act of initiation. The initiate was placed by the initiated hierophant into a state in which the body lay as if dead for three and a half days. The etheric and astral bodies were drawn out and wandered through the spiritual worlds under the guidance of the hierophant-high priest. Then they were returned to the body, and the initiate received a new name. Now he knew from his own experience what happens in the spiritual worlds, and he was now a reborn person. He could bear witness to the fact that spiritual life conquers death. Every time the person returned to the body, he awoke with the cry: “My God, my God, how you have glorified me.”

[ 10 ] Nur solche konnten Wissen erlangen, welche den Sieg des Lebens über den Tod errangen. Das hat sich immer und immer wieder in den geistigen Geheimschulen zugetragen. Verhüllt hat sich dieser Vorgang.

[ 10 ] Only those who achieved the victory of life over death could attain knowledge. This has occurred time and time again in the esoteric schools. This process has been veiled.

[ 11 ] Vergleichen Sie das mit der Beschreibung des Lebens des Christus Jesus. Bei ihm trat in physische Erscheinung, was drinnen in den Mysterien geschehen ist. Zuerst kam die Prüfung durch den Weisen, dann kam die Taufe und zuletzt wurde er in einen kreuzähnlichen Sarg gelegt. Das trug sich äußerlich geschichtlich in dem Mysterium von Golgatha zu. Einzelne wollen das nicht verstehen, und sagen: Ihr legt es so aus und nehmt es als geschichtliches Ereignis.

[ 11 ] Compare this with the description of the life of Christ Jesus. In him, what took place within the Mysteries manifested itself physically. First came the trial by the sage, then came the baptism, and finally he was laid in a cross-shaped coffin. This took place outwardly and historically in the Mystery of Golgotha. Some people refuse to understand this and say: “You interpret it this way and take it as a historical event.”

[ 12 ] Das Hängen an dem Kreuz ist die äußere Darstellung von dem, was früher prophetisch für die Eingeweihten galt; eine tiefe Bedeutung, welche mystisch und zugleich geschichtlich wahr ist. Es ist so, als wenn Sie in einen Kunsttempel eintreten, wo ein Drama das Jahr 1920 darstellt, und welches Geschaute sich später erfüllen würde. Vorher stellten die Mysterien das dar, was später mit dem Leben des Christus Jesus sich ereignete. Die dieses Leben schilderten, haben aus prophetischen Mysterien alte Einweihungsüberlieferungen herübergebracht. Solch ein Sonnenheld hatte nach den Einweihungsregeln zu leben. Tausende und Tausende von Jahren bestanden sie und daher passten dieselben auf die Evangelien. Daher die große Übereinstimmung, der Ausruf: mein Gott, mein Gott, wie hast du mich verherrlicht, oder: wie hast du mich verlassen, sieht in Schrift und Aussprache ganz ähnlich aus. So konnte Augustinus sagen: Das Christentum ist die wahre Religion.

[ 12 ] Being hung on the cross is the outward representation of what was once prophetically true for the initiates; a profound meaning that is both mystically and historically true. It is as if you were to enter a temple of the arts where a drama depicts the year 1920, and what you see there would later come to pass. Previously, the mysteries depicted what would later occur in the life of Christ Jesus. Those who described this life drew upon ancient initiation traditions from the prophetic mysteries. Such a solar hero had to live according to the rules of initiation. They existed for thousands upon thousands of years, and thus they corresponded to the Gospels. Hence the great correspondence: the exclamation “My God, my God, how have you glorified me,” or “How have you forsaken me,” appears very similar in both text and pronunciation. Thus Augustine could say: “Christianity is the true religion.”

[ 13 ] Der Ausspruch: «Selig sollen sein, die glauben, wenn sie nicht schauen» (Joh 20,29), bezog sich auf das Schauen der Eingeweihten. So sind die Evangelien dasselbe, was alte Einweihungsbücher waren. Sie haben bestanden vor dem Christus Jesus. Er hat es aber in der physischen Welt durchlebt, umgesetzt, weil die mächtige Kraft dieser einzigartigen Persönlichkeit es ermöglichte. So erscheint uns das Christentum als Erfüllung der alten Weisheit, und in der Bibel ist uns gegeben, was in den Einweihungen erlebt werden konnte, die Weisheit der Eingeweihten.

[ 13 ] The saying, “Blessed are those who believe without seeing” (John 20:29), referred to the vision of the initiated. Thus, the Gospels are the same as the ancient books of initiation. They existed before Christ Jesus. But He lived it out and put it into practice in the physical world, because the mighty power of this unique personality made it possible. Thus, Christianity appears to us as the fulfillment of ancient wisdom, and the Bible gives us what could be experienced in the initiations: the wisdom of the initiates.

[ 14 ] Der schlichte Mensch, der einfach der Bibel entgegentritt, erbaut sein Herz daran, und mit Inbrunst empfindet er die Weisheit, die dem allen zugrunde liegt. Niemand würde diese Weisheit empfinden, wenn nicht Weisheit die Bibel zustande brächte.

[ 14 ] The simple person who simply approaches the Bible finds his heart uplifted by it, and he fervently perceives the wisdom that underlies it all. No one would perceive this wisdom if it were not for the wisdom that brought the Bible into being.

[ 15 ] Heute ist der Mensch — mit Ausnahmen — nicht mehr in der Lage, ihr gläubig entgegenzutreten. Ein neues Verständnis muss jetzt für die Bibel eröffnet werden. Einen Vergleich will ich hier anführen. Im Mittelalter schwur man auf die Bücher des Aristoteles. Galilei konnte das nicht. Er war der Erste, der die Sektion des menschlichen Körpers vornahm und der zeigte, wie gewisse Nerven vom Gehirn ausgehen und nicht, wie Aristoteles lehrt, vom Herzen. Damals widersprachen sich wirklich die Dinge, und Galilei sagte: Weg mit dem ganzen Aristoteles. — Wie steht es heute? Was Aristoteles als Nerv bezeichnete, war gar nicht Nerv, und so bekam Aristoteles wieder recht. Erst muss man an die Dinge selbst gehen, dann kommt man zu Aristoteles zurück.

[ 15 ] Today, with a few exceptions, people are no longer able to approach it with faith. A new understanding of the Bible must now be developed. I would like to offer a comparison here. In the Middle Ages, people swore by the books of Aristotle. Galileo could not do that. He was the first to perform an autopsy on the human body and to show how certain nerves originate in the brain and not, as Aristotle taught, in the heart. At that time, the facts truly contradicted one another, and Galileo said: “Away with all of Aristotle.” — What is the situation today? What Aristotle called a nerve was not a nerve at all, and so Aristotle was proven right again. First, one must examine the things themselves; only then does one return to Aristotle.

[ 16 ] Dieselbe Sache muss sich in Bezug auf die Bibel abspielen. Was er selbst sieht, imaginierte Inspiration — bildlich sich darstellende Eingebung, unabhängig von jedem Buche, beschreibt der Geistesforscher, und wir können somit annehmen, dass das, was er selbst schaut, buchstäblich richtig geschrieben ist. Verstehen wir das, dann ersteht die große Ehrfurcht vor diesem Buche, und wir empfinden, dass dieses Erlösers Leben wirklich durch Inspiration geschrieben wurde.

[ 16 ] The same must be true of the Bible. The spiritual researcher describes what he himself sees as “imagined inspiration”—a visual representation of inspiration, independent of any book—and we can therefore assume that what he himself sees is written down literally and correctly. Once we understand this, we develop a deep reverence for this book, and we sense that the life of this Savior was truly written through inspiration.

[ 17 ] Durch solche Errungenschaft wird sich das Verhältnis zu den geistigen Welten anders gestalten, und wir werden lernen, mit großer Ehrfurcht zu den Inspirierten hinaufzuschauen. Erst muss sich die Brücke finden zu denen, welche die Weisheit der Bibel erforschen. Der Lehrer wird weiser sein, der Hörer inbrünstiger — zusammenklingen werden die Herzen der Lehrer und der Gläubigen. Das wird der Erfolg der Theosophie sein:

[ 17 ] Through such an achievement, our relationship with the spiritual worlds will take on a different form, and we will learn to look up to the inspired ones with great reverence. First, we must build a bridge to those who explore the wisdom of the Bible. The teacher will be wiser, the listener more fervent—the hearts of teachers and believers will resonate together. This will be the success of Theosophy:

[ 18 ] Zweierlei wird kommen:

[ 18 ] Two things will come to pass:

1. Weisheit, unabhängig von der Bibel,
2. Wie

1. Wisdom, independent of the Bible,
2. How

[ 19 ] So wird das Buch, das früher heilig war, uns wieder heilig werden, und so wird eine wahre geistige Bewegung die Wiedereroberung dessen sein, was an Urweisheit die Bibel lehrt. Freiestes Erkennen, wahrhafter Fortschritt, so muss durch die Theosophie die Bibel wieder fruchtbar gemacht werden für das religiöse Leben. Fragenbeantwortung

[ 19 ] Thus, the book that was once sacred will once again become sacred to us, and thus a true spiritual movement will be the rediscovery of the primordial wisdom taught by the Bible. Through the freest possible understanding and true progress, the Bible must once again be made fruitful for religious life through Theosophy. Answers to Questions

[ 20 ] Frage: [Nicht überliefert].

[ 20 ] Question: [Not recorded].

[ 21 ] Rudolf Steiner: Alles ist in Entwicklung, auch das Ich. Dieses Ich ist aus einem Gruppen-Ich hervorgegangen. Ebenso wie der Finger Ihrer Hand sich nicht als Ich fühlt, ebenso fühlte sich der Mensch damals als Gruppen-Ich.

[ 21 ] Rudolf Steiner: Everything is in a state of development, including the “I.” This “I” emerged from a group “I.” Just as the finger on your hand does not feel itself to be an “I,” so, too, did human beings at that time feel themselves to be a group “I.”

[ 22 ] Frage: [Nicht überliefert].

[ 22 ] Question: [Not recorded].

[ 23 ] Rudolf Steiner: Es gibt Persönlichkeiten, die Zeitgenossen des Christus Jesus waren. Geschichtliche Quellen über ihn gibt es nicht. Eine Stelle bei Josephus ist gefälscht; und eine Stelle bei Tacitus ebenfalls. Historiker sagen deshalb: Es gibt kein Zeugnis dieses Christus Jesus.

[ 23 ] Rudolf Steiner: There were individuals who were contemporaries of Jesus Christ. There are no historical sources about him. One passage in Josephus is a forgery; and one passage in Tacitus is as well. Historians therefore say: There is no evidence of this Jesus Christ.

[ 24 ] In unserer Zeit gibt es tief Eingeweihte; wollte aber nach 1900 Jahren jemand geschichtlich nachweisen, ob es Eingeweihte gegeben hat, er würde nichts über die Eingeweihten finden. Heute aber gibt es Persönlichkeiten, die Zeitgenossen waren, die wissen, ja können Zeugnis ablegen, dass sie Auge in Auge des Christus Jesus gestanden.

[ 24 ] In our time, there are deeply initiated individuals; but if, after 1,900 years, someone were to attempt to prove historically whether such initiates ever existed, they would find nothing about them. Today, however, there are individuals who were contemporaries of Christ and who know—indeed, can testify—that they stood eye to eye with Jesus Christ.

[ 25 ] Frage: Werden durch Schweigen gewisse Kräfte entwickelt?

[ 25 ] Question: Does silence help develop certain powers?

[ 26 ] Rudolf Steiner: Durch Unterdrückung gewisser Worte, die aber nicht gesagt werden. Gewisse Kultusgemeinschaften werden nach gewissen Grundgesetzen geleitet. Die Trappisten wissen wohl, dass, wer jetzt ein guter Schweiger ist, in der nächsten Einverleibung ein guter Redner sein wird.

[ 26 ] Rudolf Steiner: Through the suppression of certain words—which, however, are not spoken. Certain religious communities are governed by certain fundamental laws. The Trappists know full well that whoever is a good listener now will be a good speaker in their next incarnation.