The Essence of Christianity
GA 68a
4 April 1908, Oslo
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The Essence of Christianity, tr. SOL
41. Das Johannesevangelium vom theosophischen Gesichtspunkt
41. The Gospel of John from a Theosophical Perspective
Bericht in «Den 17 de Mai», 11. April 1908
Article in den 17 de Mai, April 11, 1908
[ 1 ] Es sei die theosophische Gesellschaft, die ihn veranlasst habe, über diesen Gegenstand zu sprechen, und vom theosophischen Gesichtspunkt wolle er ihn auch betrachten.
[ 1 ] Let us assume that it was the Theosophical Society that prompted him to speak on this subject, and he also wished to examine it from a theosophical perspective.
[ 2 ] Die theosophische Bewegung sei kaum mehr als dreißig Jahre alt, und dennoch habe sie jetzt längst tiefe Wurzeln in das Geistesleben der Gegenwart geschlagen.
[ 2 ] The Theosophical Movement is barely more than thirty years old, and yet it has long since taken deep root in contemporary intellectual life.
[ 3 ] Des ungeachtet werde die Theosophen-Bewegung von den meisten grob missverstanden. In weiten Kreisen stehe die Theosophie als eine Erneuerung von uralten, kindischen Ideen über die Welt und das Dasein überhaupt — Ideen, die selbstverständlich in ihren Augen aller gegenwärtigen Wissenschaft widersprechen.
[ 3 ] Nevertheless, the Theosophical Movement is widely misunderstood. In many circles, Theosophy is viewed as a revival of ancient, childish ideas about the world and existence in general—ideas that, naturally, in their eyes contradict all current science.
[ 4 ] Andere wieder sehen in der Theosophie eine neue Religion, die die alte ablösen solle. Dies sei aber auch nicht richtig. Die Theosophie sei nichts als eine neue wissenschaftliche Arbeitsmethode. So, wie jeder Zweig der modernen Wissenschaft seine wissenschaftliche Arbeitsmethode habe, so habe die Theosophie ihre. Die Theosophie sei keine neue Religion. Die Theosophie sei ein Arbeitswerkzeug, ein Instrument, das der Menschheit helfen solle, in die Welt des Geistes hineinzudringen, hinein zu dem geistigen Fundament, worauf die physische Welt gebaut sei. Es sei aber so — die Religionen seien auch eine Geistesoffenbarung, und wenn die Theosophie ihre Aufgabe bewältigen solle, müsse sie auch in Harmonie sein mit dem Kern in aller Religion. Und es sollte jetzt der Versuch gemacht werden, ein bisschen den Zusammenhang zu betrachten, der da bestehe zwischen der christlichen Religion und im Besonderen dem Johannesevangelium, und der Theosophie. Dieses Dokument im Neuen Testament werde in unseren Tagen wenig geschätzt. Bei modernen Menschen sei so gut wie jedes Verständnis verschwunden.
[ 4 ] Others, on the other hand, view Theosophy as a new religion intended to replace the old one. But this, too, is incorrect. Theosophy is nothing more than a new scientific method of inquiry. Just as every branch of modern science has its own scientific method, so does Theosophy. Theosophy is not a new religion. Theosophy is a working tool, an instrument intended to help humanity penetrate into the world of the spirit—into the spiritual foundation upon which the physical world is built. However, it is also true that religions are a revelation of the spirit, and if Theosophy is to fulfill its purpose, it must also be in harmony with the core of all religion. And we should now attempt to examine, at least to some extent, the connection that exists between the Christian religion—and in particular the Gospel of John—and Theosophy. This document in the New Testament is little appreciated in our day. Among modern people, virtually all understanding of it has vanished.
[ 5 ] Lange Zeiten hindurch seien wir jetzt so beschäftigt gewesen mit allerarten Geschichtsforschungen hin und her über den Ursprung dieses Evangeliums und den Zusammenhang, oder besser, den Unterschied zwischen diesem und den drei anderen Evangelien, dass der eigentliche Geist des Werkes gleichsam entschwunden sei.
[ 5 ] For a long time now, we have been so preoccupied with all sorts of historical research, going back and forth about the origin of this Gospel and the connection—or rather, the difference—between it and the other three Gospels, that the true spirit of the work has, as it were, vanished.
[ 6 ] Die drei Evangelien im Neuen Testament schildern in malenden Bildern Jesus Christus, so wie er im Äußeren verfuhr, lehrte und heilte und das Fundament für unsere eigene westliche Kultur legte.
[ 6 ] The three Gospels in the New Testament use vivid imagery to describe Jesus Christ—how he conducted himself, taught, and healed—and how he laid the foundation for our own Western culture.
[ 7 ] Das Johannesevangelium dagegen habe seine besondere Weise, von dem Christus und seiner Erlöser-Tat zu berichten.
[ 7 ] The Gospel of John, on the other hand, has its own unique way of recounting the story of Christ and his redemptive work.
[ 8 ] Markus, Lukas und Matthäus erzählen, und wollen erzählen, von dem, was sich zu der oder der Zeit in Palästina zugetragen habe — erzählen von dem großen Geschichtsdrama, das damals gespielt wurde auf dem großen Schauplatz des Lebens.
[ 8 ] Mark, Luke, and Matthew recount—and seek to recount—what took place in Palestine at this or that time—they recount the great historical drama that unfolded back then on the grand stage of life.
[ 9 ] Das vierte Evangelium wolle aber ein Bild geben von Christus und von dem Christusgedanken, wie dieser im Menschenherzen hervorwachse. Wie ein mächtiger Hymnendichter schildere der Verfasser des Johannesevangeliums den Christus, den wundergroßen Ideal-Menschen, wie er das Menschenherz umschaffe und neu schaffe.
[ 9 ] The fourth Gospel, however, seeks to present a picture of Christ and of the idea of Christ as it takes root in the human heart. Like a powerful hymn writer, the author of the Gospel of John depicts Christ—the wondrously great ideal human being—as he transforms and renews the human heart.
[ 10 ] Dieses vierte Evangelium sei, wie gesagt, für viele Menschen völlig abhandengekommen. Aber wenn die Theosophie ihrer großen Aufgabe gewachsen sein solle, müsse sie gerade dieses vierte Evangelium näher an die Herzen heranführen.
[ 10 ] As mentioned, this fourth Gospel has been completely lost to many people. But if Theosophy is to rise to the challenge of its great mission, it must bring this very fourth Gospel closer to people’s hearts.
[ 11 ] Man lausche auf die Einleitungsworte. Jeder kenne diese monumentalen Worte: «Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.» (Joh 1,1)
[ 11 ] Listen to the opening words. Everyone knows these monumental words: “In the beginning was the Word, and the Word was with God, and the Word was God.” (John 1:1)
[ 12 ] Es sei gesagt worden, dass diese Einleitung eine rein philosophische wäre und von einem Philosophen geschrieben sein müsste — dass also der Verfasser des Johannesevangeliums sich von den drei anderen Evangelienschreibern dadurch unterschiede, dass er mit aller zeitgenössischen Wissenschaft wohl vertraut gewesen wäre.
[ 12 ] It has been said that this introduction is purely philosophical and must have been written by a philosopher—that is, that the author of the Gospel of John differed from the other three Gospel writers in that he was well versed in all the scholarship of his time.
[ 13 ] Diese Meinung sei aber nicht gut gegründet. Es sei merkwürdig, dass jemand durch etwas so Schlichtes und Einfaches wie diese Einleitungsworte auf solche Gedanken gekommen sein solle. Wer das vierte Evangelium geschrieben habe, sei wahrhaftig nicht von irgendeiner besonderen Philosophie beeinflusst. Er erzähle nur auf eine ganz andere und innige Weise. Deshalb sei es auch gesagt worden, dass dieses Evangelium geschrieben sei von dem Lehrjungen, den der Meister am meisten liebte, das heiße, ihn am besten verstehe.
[ 13 ] However, this opinion is not well-founded. It is strange that someone should have arrived at such thoughts based on something as plain and simple as these introductory words. Whoever wrote the fourth Gospel was truly not influenced by any particular philosophy. He simply recounts the story in a completely different and heartfelt way. That is why it has also been said that this Gospel was written by the disciple whom the Master loved most—that is to say, the one who understood him best.
[ 14 ] Das Johannesevangelium sei die tiefste, die geistigste Mitteilung, die wir haben von den christlichen Geheimnissen, die Mitteilung von der Aufgabe des Christus, der Mission des Christus, hier in der Welt. Wenn man aber diese Mission verstehen solle, müsse man ein wenig auf die ganze Menschheit hinblicken, denn mit dieser hänge seine Berufung aufs Engste zusammen.
[ 14 ] The Gospel of John is the deepest, most spiritual account we have of the Christian mysteries—the account of Christ’s task, of Christ’s mission, here in the world. But to understand this mission, one must look a little more broadly at all of humanity, for his calling is most closely connected to it.
[ 15 ] Solle man mit einem einzelnen Worte benennen den Entwicklungsweg, die Spur, der das Menschengeschlecht auf der Erde nachgefolgt sei, dann heiße dieses Wort Liebe. Eine andere Seite dieser selben Liebe sei Weisheit. Weisheit und Liebe seien eins.
[ 15 ] If one were to use a single word to describe the path of development, the trail that the human race has followed on Earth, that word would be love. Another aspect of this same love is wisdom. Wisdom and love are one.
[ 16 ] Man brauche sich nicht viel umzuschauen, bis man gewahr werde, dass die Weisheit das Urgesetz in der Welt sei.
[ 16 ] One need not look far to realize that wisdom is the fundamental law of the world.
[ 17 ] Man betrachte ein Gewächs, eine Pflanze. Wie wunderbar sei Zelle an Zelle gebaut, bis die ganze Pflanze da stehe mit Blatt und Blüte und Frucht. Man betrachte die Bienen. Wie wunderbar seien ihre Wohnungen. Kein Bau in der Welt, mit Händen gebaut, könne sich damit messen.
[ 17 ] Consider a plant. How wonderfully it is built, cell by cell, until the entire plant stands there with leaves, flowers, and fruit. Consider the bees. How wonderful their homes are. No structure in the world, built by human hands, can compare to them.
[ 18 ] Und betrachte man den Menschenleib, wie jedes Glied seine angemessene Aufgabe bekommen habe, wie das Knochengerüst den Körper stütze mit möglichst großer Festigkeit auf möglichst kleinem Raum, sehe, wie jedes Ding im Menschenleibe herrlich ausgedacht und zurechtgelegt sei — dann verstehe man in Wahrheit, dass der Menschenleib gleichsam kristallisierte Weisheit sei.
[ 18 ] And if one considers the human body—how each limb has been given its proper function, how the skeletal framework supports the body with the greatest possible strength in the smallest possible space—and sees how every part of the human body is magnificently conceived and arranged—then one truly understands that the human body is, as it were, crystallized wisdom.
[ 19 ] Ja, Weisheit sei das Urgesetz der ganzen Welt. Nicht allein auf dieser Erde, sondern in allen Reichen der Welt.
[ 19 ] Yes, wisdom is the fundamental law of the entire world—not only on this earth, but in all the realms of the world.
[ 20 ] Im Menschenleben wandle sich das Weisheitsgesetz und werde zu einem Liebesgesetz, das alles durchwalte. Und wir können hier auf der Erde verfolgen, wie dieses Liebesgesetz nach und nach vermocht habe, die Menschen umzuschaffen.
[ 20 ] In human life, the law of wisdom transforms and becomes a law of love that permeates everything. And here on Earth, we can observe how this law of love has gradually been able to transform humanity.
[ 21 ] Die Form der Liebe, die die Menschheit in längst verflossenen Zeiten ausschließlich kannte, sei das Blutsband, die Liebe zwischen denjenigen, die durch das Blut nahe verwandt seien. Es sei das Geschlechtsgefühl, das Stammesband, das Gefühl der Volksgemeinschaft, das die erste Form der Liebe wäre. In und durch das verwandtschaftliche Band lernten die Menschen ihre erste Lektion darin, andere zu lieben. Wie tiefe Wurzeln selbst diese primitive Gestalt der Menschenliebe habe, sehe man aus all den Sagen und Mythen, welch ein tragisches, trauriges Schicksal derjenige erleiden würde, der in ein fremdes Geschlecht oder einen fremden Stamm einheiratete.
[ 21 ] The form of love that humanity knew exclusively in times long past was the blood tie—the love between those who were closely related by blood. It was the sense of kinship, the tribal bond, the feeling of a shared national community that constituted the first form of love. It was through these kinship ties that people learned their first lesson in loving others. Just how deep the roots of even this primitive form of human love run can be seen in all the legends and myths, which tell of the tragic, sorrowful fate that would befall anyone who married into a foreign family or tribe.
[ 22 ] Als moderner Mensch könne man sich in diesen alten Ideenkreisen schwer zurechtfinden. Bei uns habe sich ein individuelles Ich, ein selbstständiges Personengefühl entwickelt. Jeder von uns vernehme, dass er in seinem Innersten sein eigenes Selbst, sein eigenes Selbstbewusstsein verberge.
[ 22 ] As modern people, we find it difficult to navigate these ancient systems of thought. We have developed an individual self, a sense of independent personhood. Each of us senses that, deep within, we harbor our own self, our own sense of self-awareness.
[ 23 ] So sei es aber in den alten Tagen nicht gewesen. Würde jemand in jenen Zeiten «Ich» sagen, hätte er sein Geschlecht, seine Verwandten gemeint. Mit der Zeit seien die Grenzen immer weiter hinausgerückt worden. Es wäre das Volk, die Volksgemeinschaft, die jetzt gleichsam die höhere Einheit geworden sei, in die der Einzelne aufginge. Und dies habe seinen eigentümlichsten Ausdruck bekommen im Volksgefühl des Alten Testamentes. Der Jude habe sich eins mit seinem Volke gefühlt. Es gelte für ihn, der ganzen Geschlechtsreihe anzugehören; Vater, Großvater, Urgroßvater und so weiter bis zum Ahnherrn Abraham hinunter. Das höhere Ich des Juden wäre das Volksselbst, wären alle diese langen Reihen von Verwandten des Blutes. Er habe etwa so gedacht: Mein Leben hat ein Ende, aber im Blute, das im Geschlecht fließt, lebe ich wieder auf. So habe man in allen Völkern, in allen Völkerschaften der Erde gedacht.
[ 23 ] But this was not the case in ancient times. If someone in those days had said “I,” they would have meant their clan, their relatives. Over time, the boundaries had been pushed farther and farther out. It was the people, the community of the people, that had now, as it were, become the higher unity into which the individual was absorbed. And this found its most distinctive expression in the national consciousness of the Old Testament. The Jew felt at one with his people. For him, it was a matter of belonging to the entire lineage: father, grandfather, great-grandfather, and so on, all the way back to the forefather Abraham. The Jew’s higher self was the collective self of the people—it was all these long lines of blood relatives. He thought something like this: My life has an end, but in the blood that flows through the lineage, I live on. This is how people thought among all nations, among all peoples of the earth.
[ 24 ] Nur einige wenige Einzelne dächten anders. Für sie seien das ganze Menschengeschlecht, alle Geschöpfe auf der Erde Verwandte und Blutsfreunde. Sie hätten Liebe in sich groß genug, die ganze Erde zu umfassen.
[ 24 ] Only a few individuals thought differently. To them, the entire human race and all creatures on Earth were relatives and close friends. They had enough love within them to embrace the whole Earth.
[ 25 ] Diese an Zahl geringe Schar seien die «Eingeweihten», die gemeinsam eine Schule bildeten, die sogenannten Mysterien.
[ 25 ] This small group were the “initiates,” who together formed a school, the so-called Mysteries.
[ 26 ] Was sei mit diesen Mysterien beabsichtigt? Fürwahr, sie sollten eine Schule sein, worinnen die Menschen lernen, sich zu einem höheren Selbstbewusstsein zu erheben.
[ 26 ] What was the purpose of these mysteries? Indeed, they were meant to be a school in which people could learn to rise to a higher level of self-awareness.
[ 27 ] Wenn man von Eingeweihten spreche, meine man damit Menschen, die sich von allen irdischen Fesseln befreit, sich losgelöst haben von allem was sie früher lieb hatten an sinnlichen Dingen. Und sie haben auf diese Weise in sich selbst höhere Sinne und Kräfte entwickelt.
[ 27 ] When one speaks of “initiates,” one refers to people who have freed themselves from all earthly bonds and detached themselves from everything they once loved in the realm of the senses. In this way, they have developed higher senses and powers within themselves.
[ 28 ] Der Mensch sei ja nicht nur ein Leib, sondern ein kompliziertes Wesen. Und jeder einzelne Mensch besitze in sich die Fähigkeit, andere Sinne als die physischen zu entwickeln.
[ 28 ] After all, human beings are not merely physical bodies, but complex beings. And every single person possesses within themselves the ability to develop senses other than the physical ones.
[ 29 ] Alle kennen den Wechsel zwischen Schlaf und wachem Zustand. Wenn man einschlafe, schwinde das Selbstbewusstsein dahin, bis auf Weiteres. Schmerz, Lust, alle die Tausenden von zusammengesetzten Gefühlen, die unseren Tag erfüllen, verschwinden, denn die Seele, das Selbstbewusstsein sei vom Leibe hinausgetreten und sei fort, bis es morgens wieder in den physischen Körper hinuntertauche. Und am Abend, wenn der Körper schlafe, dann ziehe die Seele wieder hinaus; der Mensch sei nur geistig Mensch während dieser Zeit, und alle sinnlichen Dinge schwinden dahin.
[ 29 ] Everyone is familiar with the transition between sleep and wakefulness. When one falls asleep, self-awareness fades away—for the time being. Pain, pleasure, and all the thousands of complex emotions that fill our day disappear, for the soul—our sense of self—has left the body and is gone until it descends back into the physical body in the morning. And in the evening, when the body sleeps, the soul withdraws once more; during this time, a person is human only in spirit, and all sensory things fade away.
[ 30 ] Man stelle sich vor, ein Mann sei blind, blind schon von der Geburt ab. Alles, was die Welt von Licht, von Farbe besitze, sei für ihn nicht da, weil er kein Organ habe, womit er es empfangen könne.
[ 30 ] Imagine a man who is blind—blind from birth. Everything the world has to offer in terms of light and color is absent to him because he lacks the organ with which to perceive it.
[ 31 ] Wenn aber ein solcher Blindgeborener von jemand mit gutem Gesichtssinn geschildert bekäme alles Herrliche, was er sehe, und jener sagen würde, dass er ein Dichter sei, ein Träumer, solche Dinge wie Licht und Farbe gebe es nicht - wahrlich würden wir das Unsinn nennen. Wir würden es besser wissen.
[ 31 ] But if someone with good eyesight were to describe to such a man, born blind, all the wonderful things he sees, and if the man were to say that the other is a poet, a dreamer, and that things like light and color do not exist—we would truly call that nonsense. We would know better.
[ 32 ] Und wenn einem solchen Blindgeborenen irgendwie sein Gesichtssinn geöffnet würde, könnten wir sagen, dass dieser Mensch in Licht, in Farben, in Glanz eingeweiht worden sei.
[ 32 ] And if such a person, born blind, were somehow granted the gift of sight, we could say that this person had been initiated into light, colors, and radiance.
[ 33 ] So sei es auch in der Geisteswelt. In der physischen Welt haben wir die Augen geöffnet, aber in den anderen Welten, in der Geisteswelt gehen wir und tasten im Blinden herum. In jenen Welten seien fast alle Menschen blind. Sie besitzen keine Sinne, keine Augen, keine Ohren.
[ 33 ] The same is true in the spiritual world. In the physical world, our eyes are open, but in the other worlds—in the spiritual world—we walk around groping in the dark. In those worlds, almost all people are blind. They have no senses, no eyes, no ears.
[ 34 ] Diese geistigen Welten seien gewiss da, aber sollen die Menschen Kunde davon bekommen, müssen denjenigen, die blind seien, das Auge geöffnet werden, das heiße, sie müssen «eingeweiht» werden, oder gelehrt werden, selbst Wahrnehmungsorgane sich anzueignen, die diesen Welten angepasst seien. In den alten Mysterien wäre es eben, dass man seine besonderen Methoden hätte, die Seele so zu entwickeln, dass sie geistige Sinne erhielte. Und wenn sie das erhalten hätte, und sie wieder in den physischen Leib hinuntertauchte, dann könnte sie sich erinnern und sich zunutze machen dasjenige, was sie gelernt und erlebt hätte in den geistigen Welten. Wer in der alten Zeit ein Eingeweihter werden wollte, müsse sich vollständig einem Leiter unterstellen — dem Meister. Dieser Meister selbst sei ein Meister, der längst eingeweiht sei, und also aus eigener Erfahrung Zeugnis davon ablegen könne, was er in jenen geistigen Welten gesehen und gehört habe. Ein solcher Meister sei der Christus gewesen. Seine Berufung auf der Erde sei, die ganze Menschheit unter das Liebesgesetz hineinzuziehen. Er sei gekommen, die Menschen zu lehren, dass sie nicht mehr nötig hätten, sich an das Geschlecht oder das Volk zu klammern, wenn sie der Verdammnis entgehen sollten. Über das Geschlechtsgefühl hinaus lehre er sie sich zu erheben — hinauf zu einem anderen Vater als Vater Abraham, hinauf zu dem Gott, der in ihrer eigenen innersten Seele verborgen sei. Die Liebe zum Geschlecht, die Liebe zum Volke sollte emporgehoben werden zur Liebe zu allen Menschen, zu allen Lebewesen der Welt. Früher sei die Liebe partikular gewesen, zerstückelt und geteilt, gebunden an eine besondere Geschlechtsgruppe, Völkerschaft oder Nation. Und die verschiedenen Mysterien oder Einweihungen der Völker seien immer nur für dieses eine Volk gewesen. Hermes, Zarathustra, Buddha seien Meister und Glaubensbegründer, jeder für sein Volk. Die alten heidnischen Mysterien lehrten die Menschen das «Selbst» zu entwickeln, sich selbst zu einem geistigen Menschen aufzubauen. Aber sie hielten sich jeder an ihr Volk. Sie seien nicht über das Volksgefühl hinausgekommen. Sie dienten aber dazu, die Welt vorzubereiten auf das größte Ereignis, das bis jetzt stattgefunden habe, Christi Ankunft in der Welt.
[ 34 ] These spiritual worlds certainly exist, but if people are to learn of them, the eyes of those who are blind must be opened—that is to say, they must be “initiated,” or taught to acquire for themselves organs of perception suited to these worlds. In the ancient mysteries, it was precisely the case that they had special methods for developing the soul in such a way that it would acquire spiritual senses. And once it had acquired these, and it descended back into the physical body, it could then remember and make use of what it had learned and experienced in the spiritual worlds. In ancient times, anyone who wished to become an initiate had to submit completely to a guide—the Master. This Master himself was a Master who had long since been initiated and could therefore bear witness from his own experience to what he had seen and heard in those spiritual worlds. Christ was such a Master. His mission on earth was to draw all of humanity into the Law of Love. He came to teach people that they no longer needed to cling to their gender or their people if they were to escape damnation. He taught them to rise above the sense of kinship—up to a Father other than Father Abraham, up to the God who is hidden within their own innermost souls. Love for one’s kin and love for one’s people were to be elevated to love for all people, for all living beings in the world. In the past, love had been particular, fragmented and divided, bound to a specific ethnic group, people, or nation. And the various mysteries or initiations of the peoples had always been intended only for that one people. Hermes, Zarathustra, and Buddha were masters and founders of faith, each for his own people. The ancient pagan mysteries taught people to develop the “Self,” to build themselves up into spiritual beings. But each remained bound to its own people. They did not transcend national sentiment. Yet they served to prepare the world for the greatest event that has ever taken place: Christ’s coming into the world.
[ 35 ] Denn mit dem Christus sei es anders. Er habe keine Volksreligion, keinen Volksglauben begründet; sondern eine Religion für alle Menschen. Christus sei derjenige, der dazu bestimmt sei, die Welt zu lehren, die Volksliebe erweitern, sodass sie das ganze Menschengeschlecht umfasse. Er sei derjenige, der die Mysterien-Geheimnisse hervorholte und sie an alle schenke.
[ 35 ] For with Christ, it is different. He did not establish a national religion or a national faith; rather, he established a religion for all people. Christ is the one destined to teach the world and to expand love for one’s own people so that it encompasses the entire human race. He is the one who brought the mysteries into the open and bestowed them upon all.
[ 36 ] Und eben im Johannesevangelium trete dies so deutlich hervor. Wenn wir die Einleitungsworte richtig läsen, dann sähen wir, dass im Hintergrund alles Physischen eine geistige Ursprungswelt da sei, der göttliche Vatergedanke. Und wenn der Christus sage: Ich und der Vater sind eins (Joh 10,30) — dann meine er mit diesem seinen Vater eben diesen Götterfunken, der in jeder Menschenseele der Lebenshauch sei.
[ 36 ] And this is particularly evident in the Gospel of John. If we read the opening words correctly, we would see that behind everything physical there is a spiritual world of origin: the divine Father-Thought. And when Christ says, “I and the Father are one” (John 10:30)—by “Father,” he means precisely this divine spark, which is the breath of life in every human soul.
[ 37 ] Und durch den Christus habe eine jede Seele einen Impuls, eine Erweckung bekommen, das Ewige in der Menschennatur zu entbinden.
[ 37 ] And through Christ, every soul has received an impulse, an awakening, to bring forth the eternal within human nature.
[ 38 ] Im Zeitalter des Alten Testamentes hätte der Jude allein das Blutsband gehabt, woran er sich klammern konnte - die Vereinigung in Abrahams Schoß wäre seine einzige Hoffnung, wenn er der Verdammnis entkommen wollte.
[ 38 ] In the era of the Old Testament, the Jew would have had only the bond of blood to cling to—union in the bosom of Abraham would have been his only hope if he wished to escape damnation.
[ 39 ] Jesus dagegen habe gesagt: «In dem Hause meines Vaters sind viele Räume.» (Joh 14,2) Eben darauf käme es an, sich aus diesen Geschlechtsbanden zu lösen. «Ein jeder, der seinen Vater und seine Mutter nicht verlässt, ist meiner nicht würdig» (Lk 14,26; Mt 19,29), sage er.
[ 39 ] Jesus, on the other hand, is said to have said: “In my Father’s house are many rooms.” (John 14:2) This is precisely why it is essential to break free from these family ties. “Anyone who does not leave his father and mother is not worthy of me” (Luke 14:26; Matthew 19:29), he said.
[ 40 ] Kein Blutsband gelte mehr, nur das ewige Vaterprinzip in jeder Menschenseele. Das Alte Testament sei durch Christus erweitert und habe im Johannesevangelium seine Vollendung erfahren. Aber selbst in den alten Schriften brauche man nicht vergebens denselben Gedanken zu suchen: «Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde» (1 Mos 1,1) und so weiter. Vergleiche man diese Worte mit den Einleitungsworten des Johannesevangeliums, verstehe man den Zusammenhang zwischen der physischen und der geistigen Welt. Die Worte in der Genesis beträfen die äußere materielle Welt, die Worte im Johannesevangelium handelten von derjenigen Neuschöpfung, die nottue in unserer eigenen Seele. Das Johannesevangelium werde also nicht bloß ein Buch gleich, wie andere Geschichtsdokumente, sondern ein Einweihungs-Buch, ein Buch, das lebendig gemacht werden solle für die Seele. Es werde vor allen Dingen ein Andachtsbuch, ein Meditationsbuch. Und jede Menschenseele, die ein Lehrjunge des Christus sein wolle, müsse selbst in diesen Ereignissen mitleben, selbst durch sie hindurchgehen.
[ 40 ] No blood ties matter anymore; only the eternal principle of the Father in every human soul. The Old Testament was expanded through Christ and found its fulfillment in the Gospel of John. But even in the ancient scriptures, one need not search in vain for the same idea: “ ‘In the beginning, God created the heavens and the earth’ (Gen. 1:1) and so on. If one compares these words with the opening words of the Gospel of John, one understands the connection between the physical and the spiritual worlds. The words in Genesis concern the outer, material world, while the words in the Gospel of John speak of the new creation that is necessary within our own souls. The Gospel of John, therefore, is not merely a book like other historical documents, but a book of initiation, a book meant to be brought to life for the soul. Above all, it is a book of devotion, a book of meditation. And every human soul that wishes to be a disciple of Christ must experience these events for itself, must pass through them personally.
[ 41 ] Christus sei der Impuls, der Antrieb dazu geworden, dass die Einzelseele sich befreie. Nicht nur in den Mysterien, für die wenigen allein, sei von nun an Weisheit zu schöpfen. Man habe nicht mehr nötig, sich einem «Meister» preiszugeben, wenn man eingeweiht werden wolle. Christus trüge die christlichen Geheimnisse heran an alle diejenigen, die sie annehmen können. Das Geschehen auf Golgatha sei ein großes Ereignis in der Welt, und das Blut, das da rann, gebe den Impuls, löse Kräfte aus, die alle Welt dazu führen sollte, Gott in eigener Seele zu suchen.
[ 41 ] Christ has become the impulse, the driving force, enabling the individual soul to liberate itself. From now on, wisdom is no longer to be drawn solely from the mysteries, reserved for the few. It was no longer necessary to submit oneself to a “Master” in order to be initiated. Christ brought the Christian mysteries to all those who could accept them. The event on Golgotha was a great event in the world, and the blood that was shed there provided the impulse, unleashing forces that would lead the whole world to seek God within its own soul.
[ 42 ] Deshalb sei das Christentum die größte von allen Religionen, und könne länger leben als alle anderen. Und das Johannesevangelium sei gerade der Grundstein dieser Lehre Christi.
[ 42 ] That is why Christianity is the greatest of all religions and can outlast all the others. And the Gospel of John is precisely the cornerstone of this teaching of Christ.
