The Essence of Christianity
GA 68a
26 February 1909, Kassel
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The Essence of Christianity, tr. SOL
47. Die Zehn Gebote
47. The Ten Commandments
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Es gibt Geschehnisse im geistigen Leben der Menschheit, die, wenn sie einmal in das Dasein getreten sind, für lange, lange Zeiten, ja für das, was man im geschichtlichen Ermessen wird menschliches Werden nennen können, ihre Bedeutung niemals verlieren, Ereignisse, die weit hineinleuchten in die Zukunft, wenn sie einmal da sind. Zu einem solchen Ereignis gehört das, durch welches in grauer Vorzeit gegeben ist den Menschen jenes Gesetz, oder vielleicht jene Gesetze, die sich dann so tief eingeschrieben haben nicht nur in die menschlichen Seelen als solche, sondern auch in alles geschichtliche Werden der Menschheit, von denen abhing dasjenige, was nicht nur in der Sage und Geschichte in steinerne Tafeln eingegraben ist, sondern was eingegraben ist vor allem in jene ehernen Tafeln, deren Stoff genommen ist aus dem Seelenleben der Menschheit selber.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! There are events in the spiritual life of humanity which, once they have entered into existence, will never lose their significance for a long, long time—indeed, for what, in historical terms, may be called human evolution—events that shine far into the future once they have come to be. One such event is that through which, in time immemorial, that law was given to humankind, or perhaps those laws, which were then so deeply inscribed not only in human souls as such, but also in the entire historical development of humanity—upon which depended not only what is engraved on stone tablets in legend and history, but what is engraved above all on those tablets of bronze, whose substance is drawn from the very soul life of humanity itself.
[ 2 ] Über ein derartiges Geschehnis, welches man die «Zehn Gebote» (2 Mos 20, 2-17; 5 Mos 5,6-21) nennt, soll heute gesprochen werden. Erst vom geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkt aus werden wir verstehen, warum diese zehn Gebote für das Leben der ganzen Menschheit eine so einschneidende Bedeutung gehabt haben, seit sie da sind. Wir könnten, ohne aus den Tiefen des Geisteslebens heraus den Ursprung und die Bedeutung dieser zehn Gebote zu erforschen, auch das Fortleben und die Bedeutung für unsere Zeit noch immer nicht begreifen. Denn sie gehören zu jenen Ereignissen in der Geschichte der Menschheit, die in dem Zeitpunkt, in welchem sie gegeben wurden, nur so, wie sie auftreten, möglich waren und durch die Art und Weise, wie sie eintraten, ihre Bedeutung erlangt haben.
[ 2 ] Today we will discuss an event of this kind, known as the “Ten Commandments” (Exodus 20:2–17; Deuteronomy 5:6–21). Only from the perspective of spiritual science will we understand why these Ten Commandments have had such a profound significance for the life of all humanity ever since they were given. Without exploring the origin and significance of these Ten Commandments from the depths of spiritual life, we would still be unable to comprehend their enduring relevance and significance for our time. For they belong to those events in human history that, at the very moment they were given, were possible only in the way they occurred, and which derived their significance precisely from the manner in which they came about.
[ 3 ] Diese letztere Bedeutung wird unsere materialistische Geschichtsauffassung niemals ins rechte Licht setzen können. Es gehört zu den mancherlei Illusionen, denen man sich in letzter Zeit hingegeben hat, dass man gesagt hat: Die geschichtliche Forschung zeigt zwar, dass diese zehn Gebote dem hebräischen Volke gegeben worden sind, wenn man aber nachsieht bei anderen Völkern, so zeigt sich, dass alle ähnliche Gebote gehabt haben. Ja, man ist heute sogar froh darüber, wenn man die altheilige Tradition dadurch glaubt abschwächen zu können, dass man zeigt, dass nicht nur im hebräischen Volke solche Gebote seien, sondern auch da und dort bei anderen Völkern.
[ 3 ] Our materialist view of history will never be able to shed the proper light on this latter meaning. One of the many illusions to which people have succumbed recently is the claim that while historical research does show that these Ten Commandments were given to the Hebrew people, a look at other peoples reveals that they all had similar commandments. Indeed, people today are even pleased when they believe they can weaken the age-old tradition by showing that such commandments existed not only among the Hebrew people but also here and there among other peoples.
[ 4 ] Dieser Gesichtspunkt verliert ganz aus dem Auge die historische Bedeutung des großen Momentes, in dem auch geistig jene Gebote wie das Feuer des Sinai einschlugen in das Leben der Menschheit. Das tief Bedeutungsvolle eines solchen Ereignisses, wie es der Einschlag der zehn Gebote in das Bewusstsein der Menschen war, wird man aber nur dann richtig verstehen können, wenn man das Wesen des Menschen so erforscht, dass man auch auf die übersinnlichen Glieder sein Augenmerk lenkt.
[ 4 ] This perspective completely loses sight of the historical significance of that great moment when, spiritually speaking, those commandments struck into the life of humanity like the fire of Sinai. However, the profound significance of such an event—as the imprinting of the Ten Commandments on human consciousness was—can only be truly understood by exploring the nature of the human being in a way that also directs one’s attention to the supersensible aspects.
[ 5 ] Für diejenigen, welche mich schon öfter gehört haben, wird manches wiederholt werden müssen, wir brauchen das aber, damit es auch die verstehen, die heute das erste Mal hier sind. Für die Geisteswissenschaft ist das, was man das Wesen des Menschen nennt, nicht so leicht zu erfahren wie für die äußere sinnliche Wissenschaft das Physische. Was man mit den äußeren Sinnen wahrnehmen kann von dem Wesen des Menschen, ist nur ein Teil seiner Wesenheit, und zwar ist das, was man mit den Augen sehen, mit den Händen fühlen kann, für die Geisteswissenschaft nur der niedrigste Teil der menschlichen Wesenheit, den der Mensch gemeinsam hat mit der leblosen Natur, die beherrscht wird von den chemischen und physikalischen Gesetzen.
[ 5 ] For those who have heard me speak on several occasions, some points will need to be repeated; however, this is necessary so that even those who are here for the first time today can understand. In spiritual science, what is called the essence of the human being is not as easy to grasp as the physical realm is for the external, sensory sciences. What can be perceived of the human being’s nature through the external senses is only a part of his essence; indeed, what can be seen with the eyes and felt with the hands is, for spiritual science, only the lowest part of the human essence—the part that human beings share with inanimate nature, which is governed by chemical and physical laws.
[ 6 ] Aber dasjenige, was der Seher, welcher die inneren geistigen Sinne entwickelt hat, ebenso wahr vor sich hat wie das äußere Auge Farbe und Licht, was also für den Geisteswissenschaftler eine ebensolche wahrnehmbare Wesenheit ist wie der physische Körper, diese übersinnlichen Glieder der Menschennatur, die kann sich der gewöhnliche Mensch zwar nicht vor Augen führen, aber er kann sie sich durch seinen gesunden Verstand wenigstens durch Begriffe klarmachen.
[ 6 ] But what the seer—who has developed the inner spiritual senses—perceives just as truly as the outer eye perceives color and light, and which is therefore just as perceptible a reality to the spiritual scientist as the physical body—these supersensory aspects of human nature—the ordinary person cannot visualize them, but he can at least grasp them clearly through concepts using his sound reason.
[ 7 ] Denken wir uns einen Menschen vor uns stehen: Ist da nur das, was Augen sehen und Hände fassen können? Jeder Mensch weiß aus eigener unmittelbarer Erfahrung, dass dem nicht so ist. Jeder weiß, dass noch etwas da ist, was ihn durchflutet als Freude und Schmerz, Lust und Leid und was wir kennen als Empfindungen und Vorstellungen. Das alles ist nicht mit den äußeren Augen zu sehen, aber dennoch ist es eine Realität für den, der es erlebt; in seinen Wirkungen aber auch für den anderen. Nehmen wir zwei primitive Erlebnisse des Alltags, das Scham- und Angstgefühl. Wird zum Beispiel irgendetwas erörtert, was unser ästhetisches Gefühl verletzt, dann steigt uns die Schamröte ins Gesicht. Was hier ein jeder handgreiflich sehen kann, ist, dass ein seelisches Erlebnis einen materiellen Vorgang auslöst, nämlich dass das Blut aus unserem Inneren nach der Peripherie herausströmt. Ähnlich, nur umgekehrt, beim Furcht- oder Angstgefühl, wo das Blut sich von der Körperoberfläche nach dem Inneren zurückzieht, was sich in einem Bleichwerden des Gesichtes zeigt.
[ 7 ] Let’s imagine a person standing before us: Is there only what the eyes can see and the hands can touch? Everyone knows from their own direct experience that this is not the case. Everyone knows that there is something else there that floods through them as joy and pain, pleasure and suffering, and what we know as sensations and ideas. None of this can be seen with the physical eyes, yet it is a reality for the one who experiences it—and, through its effects, for others as well. Let’s take two basic everyday experiences: the feelings of shame and fear. For example, if something is discussed that offends our aesthetic sensibilities, a blush of shame rises to our cheeks. What everyone can clearly see here is that a psychological experience triggers a physical process, namely that blood flows from our interior to the periphery. Similarly, though in reverse, with the feeling of fear or anxiety, where blood withdraws from the body’s surface back toward the interior, which manifests as a paleness of the face.
[ 8 ] Es gibt zwar Menschen, für die solche Erwägungen nichts bedeuten, die sogar noch handgreiflichere Folgen rein materialistisch begreifen wollen, die zum Beispiel glauben, dass, wenn etwas in unserer Umgebung vorgeht, so könnte das in uns diese Erscheinung hervorrufen, dass das Tränenwasser aus den Augen stürzt. Es ist deshalb keineswegs verwunderlich, wenn, wie es tatsächlich vorgekommen ist, ein solch materialistischer Forscher zu dem sonderbaren Schluss kommt: «Der Mensch weint nicht, weil er traurig ist, sondern er ist traurig, weil er weint.»
[ 8 ] There are, of course, people for whom such considerations mean nothing, who wish to understand even more tangible consequences in purely materialistic terms—who, for example, believe that if something happens in our surroundings, it could trigger in us the phenomenon of tears streaming from our eyes. It is therefore by no means surprising when, as has in fact happened, such a materialistic researcher comes to the peculiar conclusion: “People do not cry because they are sad; rather, they are sad because they cry.”
[ 9 ] Für die Geisteswissenschaft ist aus ihrer Forschung heraus alles Materielle eine Wirkung des Geistigen bis auf den Stoff selbst, der nichts ist als eine Wirkung des Geistig-Seelischen; selbst der physische Leib ist nur ein Ausdruck des Geistig-Seelischen. So steht hinter dem Physischen also noch ein anderes Glied der menschlichen Wesenheit, der Träger von Lust und Leid, Trieben, Begierden und Leidenschaften und Empfindungen, die des Abends beim Einschlafen hinuntersinken ins Dämmerbewusstsein und morgens beim Erwachen wieder auftauchen. Dieses Glied der menschlichen Wesenheit nennt man in der Geisteswissenschaft den Begierden- oder Astralleib, und den hat der Mensch gemeinsam mit allen Tieren. Nachts verlässt dieser Astralleib den physischen Körper, um beim Erwachen wieder in ihn einzutreten.
[ 9 ] From the perspective of spiritual science, based on its research, everything material is an effect of the spiritual—with the exception of matter itself, which is nothing but an effect of the spiritual-psychic; even the physical body is merely an expression of the spiritual-psychic. Thus, behind the physical body lies another aspect of the human being—the bearer of pleasure and pain, instincts, desires, passions, and sensations—which sink into twilight consciousness in the evening as one falls asleep and reemerge in the morning upon awakening. In spiritual science, this aspect of the human being is called the astral body, and it is shared by humans and all animals. At night, this astral body leaves the physical body, only to re-enter it upon awakening.
[ 10 ] Wie unsinnig wäre es zu behaupten, dass die Triebe und Begierden abends vergehen und morgens wieder frisch entstehen; ebenso unsinnig wäre es, zu behaupten, dass das, was die Haut umschließt, abends verginge und morgens neu entstände. Für den Hellseher ist es eine feststehende Tatsache, dass des Menschen Astralleib sich im Schlaf aus seinem physischen Körper herausbewegt, dass er den physischen Leib im Bett zurücklässt.
[ 10 ] How absurd it would be to claim that instincts and desires fade away in the evening and arise anew in the morning; it would be just as absurd to claim that what the skin encloses fades away in the evening and is recreated in the morning. For the clairvoyant, it is an established fact that a person’s astral body moves out of the physical body during sleep, leaving the physical body behind in bed.
[ 11 ] Warum nimmt der Astralleib, wenn er den physischen Leib verlässt, nicht wahr, was um ihn in der Astralwelt vorgeht, wie der physische Leib das wahrnimmt, was in der physischen Welt um ihn vorgeht? Das ist sehr einfach zu verstehen. Denken Sie sich einen Menschen ohne Augen, der Betreffende kann nichts wahrnehmen, was mit Licht und Farbe zusammenhängt; ebenso ist es mit dem Ohr, mit dessen Ausfall alle Töne schwinden, und wenn alle Sinne ausgelöscht werden, ist für den Betreffenden die Umgebung nicht mehr wahrnehmbar.
[ 11 ] Why is it that when the astral body leaves the physical body, it does not perceive what is happening around it in the astral world, just as the physical body perceives what is happening around it in the physical world? This is very easy to understand. Imagine a person without eyes; that person cannot perceive anything related to light and color. The same is true of the ear—if it fails, all sounds disappear—and when all the senses are extinguished, the person can no longer perceive their surroundings.
[ 12 ] Der Mensch nimmt also so viel von der physischen Umwelt wahr, als er Organe dafür hat. Genauso verhält es sich auch mit unserem Astralkörper; weil im gegenwärtigen Entwicklungsgrad der Astralkörper der Durchschnittsmenschen noch keine Organe ausgebildet hat, ist es für ihn nicht möglich, während des Schlafes die Umwelt wahrzunehmen, und deshalb versinkt der Mensch während des Schlafes notgedrungenerweise in die Bewusstlosigkeit, während derjenige, welcher diese Organe schon entwickelt hat, auch im Schlafe das Bewusstsein behält und bewusst in dieser Astralwelt lebt.
[ 12 ] Human beings therefore perceive as much of their physical environment as their organs allow. The same is true of our astral body; because, at the present stage of development, the astral body of the average person has not yet developed the necessary organs; it is therefore impossible for them to perceive their surroundings during sleep, and for this reason, a person inevitably sinks into unconsciousness while sleeping, whereas someone who has already developed these organs retains consciousness even in sleep and lives consciously in this astral world.
[ 13 ] Die Geisteswissenschaft unterscheidet aber noch ein zweites Glied der menschlichen Wesenheit, welches zwischen physischem und Astralleib liegt, den Äther- oder Lebensleib. Der physische Leib hat dieselben Kräfte in sich wie die sogenannt leblose Natur, die mineralische Welt. Aber erst wenn der Mensch ein Leichnam ist, dann folgt der Leib den physischen Gesetzen; im Leben aber hat er, wie jedes Tier und jede Pflanze, in sich einen treuen Kämpfer gegen den Zerfall, einen Zusammenhalter, der ihn nie verlässt, auch nicht im Schlafe. In jedem Augenblick wäre der physische Leib ein Leichnam und würde in seine Bestandteile zerfallen, indem er den physischen Kräften folgte, wenn er nicht diesen Äther- oder Lebensleib in sich hätte, und dieser allein ist es, welcher jeden Augenblick für die Erhaltung des Lebens kämpft.
[ 13 ] Spiritual science, however, distinguishes a second aspect of the human being, which lies between the physical and astral bodies: the etheric or life body. The physical body possesses the same forces as so-called inanimate nature—the mineral world. But only when a human being is a corpse does the body follow physical laws; in life, however, like every animal and every plant, it possesses within itself a faithful fighter against decay, a unifying force that never leaves it, not even in sleep. At every moment, the physical body would be a corpse and would disintegrate into its constituent parts by following the physical forces if it did not possess this etheric or life body within itself, and it is this alone that fights at every moment for the preservation of life.
[ 14 ] So haben wir drei Glieder: den physischen, ätherischen und astralischen Leib. Im Tode löst sich der Ätherleib vom physischen Leib los; wenn der Mensch schläft, liegt der physische Leib mit dem Ätherleib im Bett. Diesen Ätherleib hat der Mensch gemein mit jedem Tier und jeder Pflanze.
[ 14 ] Thus we have three bodies: the physical, the etheric, and the astral. At death, the etheric body separates from the physical body; when a person sleeps, the physical body lies in bed together with the etheric body. This etheric body is common to every animal and every plant.
[ 15 ] Nun hat der Mensch aber noch ein viertes Glied, was ihn weit über alle anderen Lebewesen hinaushebt und was ihn von allen anderen unterscheidet, was ihn zur Krone der Schöpfung macht: Das «Ich». Dies kleine Wörtchen hat kein zweites seinesgleichen. Zu einem Tisch kann jeder «Tisch», zum Stuhl jeder «Stuhl» sagen, aber niemals kann das Wörtchen «Ich» an unser Ohr dringen von einer fremden Zunge, wenn es uns selbst bedeuten soll; nur ich kann zu mir selbst «Ich» sagen, für jeden anderen bin ich ein «Du», und das ist tief bedeutsam. In der Tiefe unserer Seele selbst, in unserem allerheiligsten Inneren muss er verklingen als der Ausdruck für das Verborgenste in unserem Wesen.
[ 15 ] But human beings have a fourth element that elevates them far above all other living creatures, distinguishes them from all others, and makes them the crown of creation: the “I.” This little word has no equal. Anyone can say “table” for a table or “chair” for a chair, but the little word “I” can never reach our ears from another’s tongue when it is meant to refer to ourselves; only I can say “I” to myself—to everyone else, I am a “you,” and that is deeply significant. In the depths of our very soul, in our most sacred innermost being, it must fade away as the expression of what is most hidden in our essence.
[ 16 ] Das Geheimnisvolle, das damit gesagt werden soll, das haben alle Religionen empfunden, die auf Geisteswissenschaft aufgebaut sind, und so auch vor allen die Religion des alten hebräischen Volkes, und wir können uns daher nur nähern dem Moment, wo der Blitz der zehn Gebote in die Menschheit hineingeleuchtet hat, wenn wir dieses vierte Glied genau betrachten. Es ist «der unaussprechliche Name Gottes» in der Seele des Menschen, ein Tropfen aus dem Meer des Göttlichen, das die Welt durchflutet. Das ist der Funken aus dem Göttlichen, was die ganze Welt durchlebt und durchwebt. Es ist der Geisteswissenschaft schon oft der Vorwurf gemacht worden, damit mache sie die Welt zum Gott, aber so wenig wie der Tropfen Wasser zum Meere wird, so wenig ist auch dieser Vorwurf gerechtfertigt, aber wie der Tropfen vom gleichen Stoff ist wie das Meer, so ist auch ein Teil des Göttlichen in jedem Menschen lebendig. So lebt und webt das Göttliche in der Welt, und ein Tropfen davon ist in jedem Menschen, und weil dies Göttliche durch keine Sinne durchzudringen braucht, kündigt es sich im innersten Allerheiligsten an.
[ 16 ] The mystery that this is meant to convey has been sensed by all religions based on spiritual science, and above all by the religion of the ancient Hebrew people; therefore, we can only come closer to the moment when the lightning of the Ten Commandments shone into humanity if we examine this fourth element closely. It is “the ineffable name of God” in the human soul, a drop from the ocean of the Divine that floods the world. This is the spark from the Divine that permeates and interweaves the entire world. Spiritual science has often been accused of turning the world into God, but just as a drop of water does not become the ocean, so too is this accusation unjustified; yet just as the drop is of the same substance as the ocean, so too is a part of the Divine alive within every human being. Thus the Divine lives and weaves throughout the world, and a drop of it is within every human being; and because this Divine need not penetrate through any of the senses, it makes itself known in the innermost sanctum.
[ 17 ] Der, welcher empfinden kann, hat von jeher etwas unendlich Heiliges empfunden, wenn er darauf gekommen ist, was dieses Ich bedeutet. Jean Paul erzählt, wie er als Knabe vor der Scheune seines Vaters stand und ihm plötzlich zum Bewusstsein kam: Du bist ein «Ich», und dass er von diesem Augenblick an wusste, dass ein Unsterbliches in seiner Seele lebe. Würden die Menschen viel nachsinnen über den Weg, der damit angegeben ist, dann würden sie immer tiefer in die Geisteswissenschaft eindringen können. Freilich ist es durchaus richtig, was Fichte sagt: Die meisten Menschen würden sich lieber für ein Stück Lava im Mond halten als für ein Ich.
[ 17 ] Anyone capable of feeling has always sensed something infinitely sacred when they have come to understand what this “I” means. Jean Paul recounts how, as a boy, he stood in front of his father’s barn and suddenly realized: “You are an ‘I,’” and that from that moment on, he knew that something immortal lived within his soul. If people were to reflect deeply on the path this reveals, they would be able to delve ever deeper into spiritual science. Of course, what Fichte says is entirely true: Most people would rather consider themselves a piece of lava on the moon than an “I.”
[ 18 ] So haben wir den Menschen zusammengesetzt aus vier Gliedern seiner Wesenheit; aber bis zu diesem Punkt hat er sich durch lange Zeiträume hindurch entwickelt, diese vier Glieder sind nicht von Anfang an in voller Bedeutung dagewesen, sondern haben sich nach und nach entwickelt hin zum Bewusstsein des Ich. Lange schlummerte es dämmerhaft und undeutlich in den anderen drei Leibern und gewaltige Entwicklungsreihen waren nötig, bis es erwachte und sich seiner selbst bewusst wurde.
[ 18 ] Thus, we have described human beings as composed of four aspects of their being; but they have evolved to this point over long periods of time—these four aspects were not present in their full significance from the beginning, but developed gradually toward self-awareness. For a long time, it lay dormant, dim and indistinct, within the other three bodies, and immense stages of development were necessary before it awoke and became conscious of itself.
[ 19 ] So können wir durch Jahrhunderte hindurch zurückgehen in der Geisteswissenschaft, und wir finden, dass sich auch die Seele des Menschen verändert hat, und je weiter wir zurückgehen, eine umso größere Veränderung in der Seele finden wir. Auch das Ich war nicht immer da; es war immer weniger deutlich, je weiter wir vorgehen, und es gab eine Zeit in welcher der Mensch seinen astralischen, ätherischen und physischen Leib ähnlich ausgebildet hatte, aber das Ich war noch unerwacht und schlummerte.
[ 19 ] Thus, in spiritual science, we can go back through the centuries and find that the human soul, too, has changed; and the further back we go, the greater the change we find in the soul. The “I” was not always present either; the further back we go, the less distinct it becomes, and there was a time when human beings had developed their astral, etheric, and physical bodies in a similar way, but the “I” was still unawakened and lay dormant.
[ 20 ] So hat sich der Mensch in der Zeit entwickelt, dass er ausgegangen ist vom physischen, dann ätherischen, dann astralischen Leib, und zuletzt ist sein Ich erwacht. Das Ich also, welches wir als den göttlichen Funken betrachten, ist in dem Menschen, wie wir ihn heute sehen, als Letztes erwacht. Es gab einmal einen Menschen, in dem noch nicht das Ich voll erwacht war. Wenn wir uns einen solchen Menschen suchen wollen, in welchem das Ich noch schlummerte, so würden wir einen solchen Menschen finden in den ersten Zeiten des alten Griechenlands. Erst mit dem Auftreten der ersten Philosophen erwachte das Ich, aber die griechische Religion ist hervorgegangen aus einer Zeit, wo der Mensch sich seines Ichs noch nicht bewusst war, aus einer Weltanschauung, die im Wesentlichen an den Astralleib gebunden war, und deshalb sehen wir die Götter Griechenlands begabt mit Trieben, Leidenschaften und Begierden, mit Vorstellungen und Empfindungen wie der damalige Mensch selbst. Was der Grieche erstrebte und erflehte, spornte ihn an, Göttliches in seiner Umgebung zu erkennen, zum Beispiel die Furien. Wenn wir noch weiter zurückgehen würden, würden wir finden, wie der Mensch seine Umgebung mit dem Ätherleib begreift.
[ 20 ] Thus, human beings have evolved over time, beginning with the physical body, then the etheric body, then the astral body, and finally, their “I” has awakened. The “I,” which we regard as the divine spark, is the last aspect to have awakened in human beings as we know them today. There was once a human being in whom the “I” had not yet fully awakened. If we were to look for such a person, in whom the “I” was still slumbering, we would find such a person in the early days of ancient Greece. It was only with the emergence of the first philosophers that the “I” awakened; but Greek religion arose from a time when human beings were not yet conscious of their “I”—from a worldview that was essentially bound to the astral body—and that is why we see the gods of Greece endowed with instincts, passions, and desires, with ideas and feelings just like the people of that time themselves. What the Greeks sought and implored spurred them to recognize the divine in their surroundings—for example, the Furies. If we were to go back even further, we would find how human beings perceive their surroundings through the etheric body.
[ 21 ] Nach und nach erwachte das «Ich-Bewusstsein» im Menschen, wo das Ich-Bewusstsein mit elementarer Gewalt einschlug in die Seele des Menschen. Wir können diesen Augenblick belauschen, den Augenblick, wo das Ewig-Göttliche ihm zugerufen wird, jenen Augenblick, in dem er deutlich vernahm den Ruf: «Das Edelste, Göttliche in dir ist nur in deinem Ich zu begreifen, schaue hinein in dein Ich und du findest den Funken, durch den du Teil hast am göttlichen Wesen.» Da trat einmal in der Menschheitsentwicklung der Moment ein, wo der Gott im Menschen sprach: Ich, der Gott, spreche zu dir, indem ich mir den Namen beilege, den du ertönen lässt, wenn Du deines Wesens Mittelpunkt bezeichnen willst. — Das war jener große Moment im Menschenwerden, wo Moses, jener große Weise und Eingeweihte, dieses aufgehen fühlte im Laufe des Geschehens der Zeiten, wo er sich in einem Zustande der Inspiration befand, in welchem er in einer ganz neuen Gestalt das Göttliche durch die Welt wehen fühlte und wie dieses Göttliche durchbrechen wollte im Menschheitsbewusstsein. Und er fragte den Gott: Wie kann ich Dich nennen, wenn ich dem Volke von Dir erzählen will? Und es sprach dieses Göttliche: Nenne mich Jahve, das heißt «Ich bin der Ich bin». (2 Mos 3,13-14)
[ 21 ] Little by little, “self-consciousness” awoke within human beings, striking the human soul with elemental force. We can catch a glimpse of this moment—the moment when the Eternal-Divine calls out to them, that moment when they clearly heard the call: “The noblest, most divine within you can only be grasped in your ‘I’; look into your ‘I’ and you will find the spark through which you share in the divine being.” Then, at a certain point in human evolution, the moment arrived when the God within humanity spoke: “I, the God, speak to you by taking the name you utter when you wish to designate the center of your being.” — That was the great moment in the becoming of humanity when Moses, that great sage and initiate, sensed this dawning in the course of the unfolding of time, when he found himself in a state of inspiration in which he felt the Divine blowing through the world in a wholly new form and how this Divine sought to break through into human consciousness. And he asked God: “How shall I call You when I want to tell the people about You?” And the Divine One said: “Call Me Yahweh, which means ‘I Am Who I Am.’” (Exodus 3:13–14)
[ 22 ] Hatten die Griechen in ihren Göttern das gesehen, was der Mensch im Astralleib erleben kann, so war es jetzt eine Gottheit, für die es nur einen würdigen Namen gibt, nämlich den, womit wir unser eigenstes innerstes Wesen bezeichnen, und der Jahve-Name ist nichts anderes als das, was ausdrücken soll unseres Wesens Kern. Und nur eine solche Individualität wie Moses konnte jene Inspiration empfangen, die wie ein Blitzstrahl einer neuen Gotteserkenntnis in die Welt einschlug.
[ 22 ] If the Greeks had seen in their gods what human beings can experience in the astral body, it was now a deity for which there is only one fitting name—namely, the one with which we designate our very innermost being—and the name Yahweh is nothing other than that which is meant to express the core of our being. And only a personality such as Moses could receive that inspiration, which struck the world like a bolt of lightning, bringing a new understanding of God.
[ 23 ] Aber es war nötig, dass Moses diesen Einschlag auch wirksam machen konnte. Das Volk, dem ein solcher Gott verkündet werden sollte, durfte keine andere Gottheit haben als diese, welche sich ergab aus dem Ich heraus.
[ 23 ] But it was necessary for Moses to be able to bring this revelation to life. The people to whom such a God was to be proclaimed were not allowed to have any other deity than this one, who emerged from the “I.”
[ 24 ] Für eine solche Individualität wie Moses handelte es sich nicht nur darum, jene gewaltige Inspiration zu empfangen und seinem Volke zu verkünden, sondern sie im Bewusstsein dieses Volkes dauernd zu festigen, die Seele des jüdischen Volkes damit ganz zu durchtränken. Wie konnte das geschehen? Fragen wir uns, wie sich das, was wir mit den vier Teilen der menschlichen Wesenheit bezeichnet haben, in der materiellen Welt ausdrückt. Der physische Leib findet seinen Ausdruck durch sich selbst, der Ätherleib im Drüsensystem, der Astralleib im Nervensystem, das Ich im Blut. So ist auch das Goethe’sche Wort zu verstehen: «Blut ist ein ganz besonderer Saft.»
[ 24 ] For an individual of Moses’ stature, it was not merely a matter of receiving that powerful inspiration and proclaiming it to his people, but of permanently cementing it in the consciousness of that people, thereby completely imbuing the soul of the Jewish people with it. How could this happen? Let us ask ourselves how what we have designated as the four parts of the human being finds expression in the material world. The physical body finds its expression through itself, the etheric body through the glandular system, the astral body through the nervous system, and the “I” through the blood. This is also how Goethe’s words are to be understood: “Blood is a very special sap.”
[ 25 ] Daher die Bedeutung des Blutes im ganzen breiten Menschengeschehen. Daher auch die große Bedeutung der Blutsverwandtschaft bei den alten Völkern, wie sie bedingt wurde durch die Nah-Ehe. Zum Beispiel die Stammverwandtschaft bei den Germanen.
[ 25 ] Hence the significance of blood in the entire spectrum of human existence. Hence, too, the great importance of kinship by blood among ancient peoples, as it was determined by marriage within the clan. For example, clan kinship among the Germanic peoples.
[ 26 ] Weil gleiches Blut durch ihre Adern strömt, fühlen sich die Generationen zusammengehörig. Das Ich kommt bei diesen Menschen nicht nur im eigenen Blute zum Ausdruck, sondern es rinnt auch hinunter in die Generationen, und es ist kein individuelles Ich wie bei den heutigen Menschen, sondern ein «Gruppen-Ich». So auch das «Gruppen-Ich» zum Beispiel beim alten jüdischen Volke, welches sagen konnte: «Ich und der Vater Abraham sind eins.» /Ab hier andere Mitschrift]
[ 26 ] Because the same blood flows through their veins, the generations feel a sense of belonging to one another. For these people, the “I” is not only expressed in their own blood, but also flows down through the generations; and it is not an individual “I” as it is for people today, but a “group I.” Such was also the “group I,” for example, among the ancient Jewish people, who could say: “I and Father Abraham are one.” /From here on, different transcript]
[ 27 ] In das Blut musste dieser Gottes-Impuls hineinwirken, das sich fortpflanzt von Generation zu Generation. Früher hatte der Mensch den innersten Mittelpunkt seines Wesens noch nicht erfasst. Jetzt hatte er ihn. Umgesetzt war dieses Jenseits in Gesetze und Gebote. Das sind die Zehn Gebote. Die ganze Jahve-Gewalt musste dadurch einwirken vom Großvater auf Sohn und Enkel und so weiter. Die richtige Vorstellung musste leben in der Seele des Menschen.
[ 27 ] This divine impulse had to take effect within the blood, which is passed down from generation to generation. In the past, human beings had not yet grasped the innermost core of their being. Now they had. This realm beyond was translated into laws and commandments. These are the Ten Commandments. Through this, the full power of Yahweh had to take effect, passing from grandfather to son to grandson, and so on. The correct conception had to live in the soul of humankind.
[ 28 ] Keine gewöhnliche Übersetzung wird hier gegeben. Lexigrafische Übersetzung gibt nicht die Wirklichkeit wieder. Wie man die zehn Gebote damals verstanden hat, so sollen sie jetzt vor die Seele treten.
[ 28 ] No ordinary translation is provided here. A literal translation does not reflect reality. The Ten Commandments should appear before the soul just as they were understood back then.
[ 29 ] I. Ich bin das Ewig-Göttliche. Fortan sollst du keine anderen Götter über mich stellen. Ich bin das Ewige in dir und ein ewig Fortwirkendes in dir. Lässt du mich wirken in dir, dann wird dein Leib gesund bleiben, und bis auf Kinder und Kindeskinder wird dieses wirken. Sonst werden die Leiber veröden.
[ 29 ] I. I am the Eternal Divine. From now on, you shall not place any other gods above me. I am the Eternal within you and an eternally active force within you. If you allow me to work within you, your body will remain healthy, and this effect will extend to your children and your children’s children. Otherwise, the bodies will wither away.
[ 30 ] II. Du sollst nicht im Irrtum von mir in dir reden, denn jeder Irrtum in dir wird deinen Leib veröden.
[ 30 ] II. You shall not speak of me within yourself through error, for every error within you will lay waste to your body.
[ 31 ] III. Du sollst Werktag und Feiertag scheiden. Was als Ich in dir lebt, hat in sechs Tagen die Welt gebildet und lebt am siebenten Tage in sich. Am siebenten Tage soll dein Blick Mich in dir finden.
[ 31 ] III. You shall distinguish between weekdays and holidays. That which lives within you as “I” formed the world in six days and lives within itself on the seventh day. On the seventh day, your gaze shall find Me within you.
[ 32 ] IV. Wirke fort im Sinne deines Vaters und deiner Mutter, auf dass die Kraft in dir bleibe, die sie sich gesammelt haben, die Ich dir gegeben habe.
[ 32 ] IV. Continue to act in the spirit of your father and mother, so that the strength they have gathered—which I have given you—may remain within you.
[ 33 ] V. Morde nicht, das heißt, greife nicht ein in das Ich des andern.
[ 33 ] V. Do not murder; that is, do not interfere with another person's sense of self.
[ 34 ] VI. Brich nicht Ehe, das heißt, greife nicht ein in die Gemeinschaft, die der andere eingegangen ist.
[ 34 ] VI. Do not break a marriage—that is, do not interfere with the union that another person has entered into.
[ 35 ] VII. Stiel nicht.
[ 35 ] VII. Do not use a stem.
[ 36 ] VIII. Setze den Wert deines Nächsten nicht herab, indem du Unwahres von ihm sagst.
[ 36 ] VIII. Do not belittle your neighbor by speaking untruths about him.
[ 37 ] IX. Blicke nicht missgönnend herab auf das Eigentum des anderen.
[ 37 ] IX. Do not look down on another’s property with envy.
[ 38 ] X. Blicke nicht missgönnend auf des andern Weib
[ 38 ] X. Do not look upon another’s wife with envy
[ 39 ] seine Mägde und so weiter, wodurch er sein Fortkommen findet, das heißt, (wodurch) sein Ich sich fortentwickeln kann. (2 Mos 20, 2-17; 5 Mos 5,6-21) Wie der Jahve-Impuls am besten in den Menschen hineingelangt, das ist ausgedrückt in der Thora. Diese Gebote wirken deshalb auch jetzt noch, weil sie zu dem innersten Wesen des Menschen sprechen, zu seinem Ich, das selbst dann noch dieser Gebote bedarf, wenn es einmal so hoch gestiegen sein wird, dass es ihrer — in einem höheren Sinne gesprochen —- nicht mehr bedarf. Dann tut das Ich von selber, was die Gebote vorschreiben.
[ 39 ] his maidservants and so on, through which he finds his way forward—that is, (through which) his ego can continue to develop. (Exodus 20:2–17; Deut. 5:6–21) The Torah expresses how the Yahweh impulse best enters into human beings. These commandments are still effective today because they speak to the innermost essence of the human being, to his “I,” which still needs these commandments even when it has risen so high that—in a higher sense—it no longer needs them. Then the “I” will do of its own accord what the commandments prescribe.
