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The Rudolf Steiner Archive

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The Essence of Christianity
GA 68a

30 November 1909, Dresden

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The Essence of Christianity, tr. SOL
  1. Über das Wesen des Christentums

52. Christus und die Geisteswissenschaft

52. Christ and Spiritual Science

Bericht in den «Dresdner Nachrichten» vom 2. Dezember 1909

Article in the “Dresdner Nachrichten” from December 2, 1909

[ 1 ] Christus und die Geisteswissenschaft lautete das Thema des Vortrags, den am Dienstag Dr. Rudolf Steiner vor einer zahlreichen Zuhörerschaft in «Meinholds Sälen» hielt. Der Redner ist eine schwache, aszetische Gestalt, verfügt aber über eine sympathische, sonore Stimme und spricht fließend und ganz frei. Geisteswissenschaft, so führte er aus, ist eine Wissenschaft des wirklichen geistigen, realen Lebens. Sie will die Quellen eröffnen, in der die Anfänge der physischen Welt liegen, und uns die Erkenntnis der übersinnlichen geistigen Welt, die hinter unserer sinnlichen Welt liegt, vermitteln. Langsam und allmählich dringt die Geisteswissenschaft erst seit den letzten zehn Jahren in die Gemüter. Mancher glaubt, dass Geisteswissenschaft oder Theosophie etwas zu tun habe mit altem Aberglauben. Das ist aber nicht der Fall. Auch keine neue Religion will die Geisteswissenschaft an die Stelle irgendwelcher anderen religiösen Anschauungen der Menschheit setzen. Sie dient dazu, die Religionsbekenntnisse zu verstehen, sie ist ein Instrument, mit dem man die verschiedenen Religionsbekenntnisse begreifen kann, aber sie will Wissenschaft sein im ernstesten Sinne. Derjenige, der fest auf dem Boden eines Religionsbekenntnisses steht, wird durch die Geisteswissenschaft nur tiefer hineingeführt. Es handelt sich auch nicht darum, ein orientalisches Religionsbekenntnis, etwa den Buddhismus, bei uns einzuführen. Wer das unternehmen wollte, der würde die Grundlage unserer ganzen abendländischen Kultur verkennen. Diese Grundlage ist das Christentum. Selbst diejenigen, die das Christentum bekämpfen, haben von ihm ihr Bestes empfangen. Redner erläuterte dann die Ziele und Aufgaben der Geisteswissenschaft. Es solle Antwort gegeben werden auf die Fragen, was die Seele ist, wie sie sich verhält zu den vorübergehenden Erscheinungen des Menschenlebens und wie sie mit der übersinnlichen Welt zusammenhängt. Die Quellen der Erkenntnis der Geisteswissenschaft liegen unserem heutigen Denken und Vorstellen ziemlich fern, aber wir sehen mit dem geöffneten Auge, dass nicht nur das in der Welt ist, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen und mit unserem Verstande begreifen, sondern auch eine Fülle geistiger Tatsachen und Wesenheiten. Gerade wie der Blindgeborene unsere Welt voll Farbe und Licht ableugnet, so leugnet der, dessen geistiges Auge noch nicht geöffnet ist, die Geisteswelt ab. Es gibt eine Wiedergeburt des Menschen, nach der ihm die geistige Welt in Erscheinung tritt. Zum Schluss behandelte Redner noch die Fragen: Welches ist die Art der Darstellung der Geisteswissenschaft und wie werden die Beweise für sie herbeigeschafft? In hochpoetischer Form gab er ein angenommenes Gespräch zwischen einem höherstehenden Menschen und einem Schüler wieder, der von jenem in die Mysterien der Geisteswissenschaft eingeführt werden soll. Stirb und werde!, laute die Losung. Das schwarze Kreuz, umrankt von roten Rosen, sei das Symbolum des neuen Lebens. Die andächtig lauschende Zuhörerschaft, die sich zum großen Teil aus Mitgliedern der Theosophischen Gesellschaft rekrutierte, spendete dem Redner lebhaften Beifall.

[ 1 ] “Christ and Spiritual Science” was the title of the lecture that Dr. Rudolf Steiner delivered on Tuesday before a large audience at “Meinhold's Halls.” The speaker is a frail, ascetic figure, but he has a pleasant, resonant voice and speaks fluently and with complete ease. Spiritual science, he explained, is a science of true spiritual, real life. It seeks to uncover the sources from which the physical world originates and to impart to us knowledge of the supersensible spiritual world that lies beyond our sensory world. Only in the last ten years has spiritual science slowly and gradually begun to make its way into people’s minds. Some believe that spiritual science or theosophy has something to do with old superstitions. But that is not the case. Nor does spiritual science seek to replace any of humanity’s other religious views with a new religion. It serves to help us understand religious creeds; it is a tool with which one can grasp the various religious creeds, but it aims to be science in the most serious sense. Those who stand firmly on the ground of a religious creed will be led only deeper into it through spiritual science. Nor is the aim to introduce an Eastern religious creed—such as Buddhism—into our culture. Anyone who attempted to do so would misunderstand the foundation of our entire Western culture. That foundation is Christianity. Even those who oppose Christianity have received their very best from it. Redner then explained the goals and tasks of spiritual science. It is meant to provide answers to the questions of what the soul is, how it relates to the transient phenomena of human life, and how it is connected to the supersensible world. The sources of knowledge in spiritual science lie quite far removed from our present-day thinking and imagination, but with an open eye we see that the world consists not only of what we perceive with our senses and grasp with our intellect, but also of a wealth of spiritual facts and beings. Just as the person born blind denies our world full of color and light, so does the person whose spiritual eye has not yet been opened deny the spiritual world. There is a rebirth of the human being, after which the spiritual world appears to him. Finally, the speaker addressed the questions: What is the nature of spiritual science’s presentation, and how is evidence for it provided? In a highly poetic form, he recounted an imaginary conversation between a spiritually advanced individual and a student whom the former is to initiate into the mysteries of spiritual science. “Die and be reborn!” was the motto. The black cross, entwined with red roses, was said to be the symbol of the new life. The raptly listening audience, consisting largely of members of the Theosophical Society, gave the speaker enthusiastic applause.

[ 2 ] Fragenbeantwortung [Frage nicht überliefert.]

[ 2 ] Answer to a question [Question not recorded.]

[ 3 ] Rudolf Steiner: Das Johannesevangelium sagt vom Christus, er sei der fleischgewordene Logos, weil er den Impuls in die Welt hineingebracht hat zur vollen Eroberung des menschlichen Ich, zum Heraufnehmen dieses Ich in die geistige Welt. Einen dreifachen Christus kann der Mensch erleben. Der erste Christus ist der Christus der Intuition: in gewaltigen Bildern ausgedrückt in den Urkunden, die sprechen von derjenigen Wesenheit, die verwirklicht das Ideal des einzelnen Ich. Diesen Christus findet man unabhängig von jeder Urkunde und äußeren Überlieferung, wenn man hinaufsteigt zur Intuition. Als den Geist, dem gleichen soll ein jegliches Ich, findet man durch die Intuition Christus, das vollkommenste Ur-Ich; Fleisch geworden ist das im Beginn unserer Zeit. Eine ganz neue Geistesforschung ist möglich geworden dadurch, dass der Mensch sein Ich, den Logos, mit hinaufnehmen kann in die geistige Welt. Das Ereignis von Golgatha brachte den ersten Impuls zur vollsten Selbsterkenntnis des Menschen. Der Mensch kann sein eignes Ich schauen und darin ein Bild des Göttlichen erblicken. Das Wort des Christus: «bevor Abraham war, war das Ich bin» (Joh 8,58) — hat der Mensch erfasst den Sinn dieses Wortes, dann hat er in sich erfasst den Logos, das göttliche Ur-Ich. So findet Geisteswissenschaft den Christus, der Ja gesagt hat:

[ 3 ] Rudolf Steiner: The Gospel of John says of Christ that he is the Logos made flesh, because he brought into the world the impulse for the full conquest of the human “I,” for the ascent of this “I” into the spiritual world. Human beings can experience a threefold Christ. The first Christ is the Christ of intuition: expressed in powerful images in the sacred texts, which speak of that Being who realizes the ideal of the individual “I.” One finds this Christ independently of any sacred text or external tradition when one ascends to intuition. Through intuition, one finds Christ—the most perfect primordial “I”—as the Spirit to which every “I” must conform; this became flesh at the beginning of our era. A wholly new form of spiritual research has become possible because human beings can take their “I,” the Logos, with them into the spiritual world. The event at Golgotha provided the first impulse toward humanity’s fullest self-knowledge. Human beings can behold their own “I” and perceive in it an image of the Divine. The words of Christ: “Before Abraham was, I am” (John 8:58)—if a person has grasped the meaning of these words, then they have grasped within themselves the Logos, the divine primordial “I.” Thus spiritual science finds the Christ who said,

[ 4 ] Ich bin bei euch alle Tage. (Mt 28,20)

[ 4 ] I am with you always. (Matt. 28:20)

[ 5 ] Dieser Christus ist immer da: der erste Christus, der Christus der Intuition. Der zweite Christus ist der paulinische Christus. Wodurch ist der Christus als Erkenntnis in die Welt gekommen? Wer hat ihn zuerst der Menschheit gegeben als Erkenntnis? Paulus. Er war derjenige, der sich nicht durch die äußere physische Erfahrung hat bekehren lassen, sondern durch eine hellsichtige Eingebung, durch das Ereignis von Damaskus. Ihm eröffnete sich der Christus von der übersinnlichen Welt aus. An den Christus hat er geglaubt und den verkündete er mit aller Kraft der Welt.

[ 5 ] This Christ is always present: the first Christ, the Christ of intuition. The second Christ is the Pauline Christ. How did Christ come into the world as knowledge? Who first gave him to humanity as knowledge? Paul. He was the one who was not converted through external physical experience, but through a clairvoyant inspiration, through the event at Damascus. Christ revealed himself to him from the supersensory world. He believed in Christ and proclaimed him to the world with all his might.

[ 6 ] Der dritte Christus ist der der Evangelien. Da gibt es naive Menschen, die wörtlich hinnehmen dasjenige, was in den Evangelien steht. Dann die gescheiten Leute, die sagen: Die Evangelien sind da für eine unvollkommene Stufe der Menschheitsentwicklung, und dann eine dritte Art von Menschen, die sich sagen: Die Evangelien bedeuten symbolisch allerhand, sie sprechen von einer Christusmythe, einer Petrusmythe und so weiter — sie legen symbolisch-allegorisch die Evangelien aus. Endlich gibt es eine vierte Stufe, die geisteswissenschaftliche Auffassung der Evangelien, wo man ausgeht von dem, was man durch geistige Forschung wissen kann über das Ereignis von Palästina. Da kommt man dazu, dass man, wenn man die Evangelien jetzt liest, man sagt: Jetzt verstehst du sie erst. - Und man weiß, was diejenigen, die sie verfasst haben, hineingeschrieben haben. Man macht die Entdeckung, dass die Evangelien die gewaltigsten Urkunden der Menschheit sind. Und man sieht hinein in eine Zukunft, wo durch Geisteswissenschaft immer tiefer und tiefer sich hineinleben wird der Christus und das Mysterium von Golgatha in die Menschheit.

[ 6 ] The third Christ is the one of the Gospels. There are naive people who take what is written in the Gospels literally. Then there are the intelligent people who say: The Gospels are meant for an imperfect stage of human development; and then a third kind of people who tell themselves: The Gospels have all sorts of symbolic meanings; they speak of a Christ myth, a Peter myth, and so on—they interpret the Gospels symbolically and allegorically. Finally, there is a fourth stage: the spiritual-scientific understanding of the Gospels, which is based on what spiritual research reveals about the events in Palestine. This leads one to the point where, upon reading the Gospels now, one says: “Now you truly understand them.”—And one knows what those who wrote them actually intended to convey. One discovers that the Gospels are humanity’s most powerful records. And one looks into a future in which, through spiritual science, Christ and the Mystery of Golgotha will become ever more deeply embedded in humanity.