Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

The Essence of Anthroposophy
within the World Of Sense, Soul And Spirit
GA 68b

11 November 1908, Munich

Translate the original German text into any language:

Versions Available:

Der Kreislauf des Menschen
  1. The Circular Flow of Man's Life, tr. SOL

25. Tolstoi und Carnegie

25. Tolstoi und Carnegie

[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Eine Reihe von Jahren durfte ich von dieser Stelle aus nunmehr schon zu Ihnen sprechen über Gegenstände der Geisteswissenschaft oder, wie man gewohnt worden ist, sie zu nennen, der Theosophie, und diejenigen der verehrten Zuhörer, die mehrere Vorträge in den verflossenen Jahren gehört haben, werden gesehen haben, dass die Grundlage der Geisteswissenschaft, wie sie hier vertreten ist, eine solche Beschaffenheit hat, dass man sagen kann: Geisteswissenschaft oder Theosophie soll nicht bloß gelten als eine träumerische, müssige Beschäftigung einzelner Menschen, die dem Leben fernstehen, sondern sie soll gerade tiefer in die Aufgaben und Rätsel des Lebens hineinleuchten.

[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Eine Reihe von Jahren durfte ich von dieser Stelle aus nunmehr schon zu Ihnen sprechen über Gegenstände der Geisteswissenschaft oder, wie man gewohnt worden ist, sie zu nennen, der Theosophie, und diejenigen der verehrten Zuhörer, die mehrere Vorträge in den verflossenen Jahren gehört haben, werden gesehen haben, dass die Grundlage der Geisteswissenschaft, wie sie hier vertreten ist, eine solche Beschaffenheit hat, dass man sagen kann: Geisteswissenschaft oder Theosophie soll nicht bloß gelten als eine träumerische, müssige Beschäftigung einzelner Menschen, die dem Leben fernstehen, sondern sie soll gerade tiefer in die Aufgaben und Rätsel des Lebens hineinleuchten.

[ 2 ] Auf der einen Seite ist es ja wahr, dass diese geisteswissenschaftliche Weltanschauung dazu bestimmt ist, den Blick hinaufzulenken in die Sphären der geistigen Urgründe der Welt, zu vermitteln die Erkenntnis dieser geistigen Urgründe der Welt; aber auf der anderen Seite — und es braucht dabei nur erinnert zu werden an jenen Vortrag über die Erziehung des Kindes vom Standpunkt der Geisteswissenschaft aus, der hier gehalten worden ist —, auf der anderen Seite hat diese geisteswissenschaftliche Weltanschauung die Aufgabe, das Leben verständlich zu machen, dem Handeln und Arbeiten im praktischen Leben Richtlinien und Leitsterne zu geben, Orientierung im weitesten Sinn gerade über dasjenige, was um uns herum vor unseren Augen und Ohren vorgeht, und ein tieferes Verständnis desselben zu geben dadurch, dass eben dieses Verständnis hervorgeholt wird aus den tiefer liegenden, gerade geistigen Ursachen. Es kann als ein Beitrag nach dieser Richtung gelten, was uns heute beschäftigen soll.

[ 2 ] Auf der einen Seite ist es ja wahr, dass diese geisteswissenschaftliche Weltanschauung dazu bestimmt ist, den Blick hinaufzulenken in die Sphären der geistigen Urgründe der Welt, zu vermitteln die Erkenntnis dieser geistigen Urgründe der Welt; aber auf der anderen Seite — und es braucht dabei nur erinnert zu werden an jenen Vortrag über die Erziehung des Kindes vom Standpunkt der Geisteswissenschaft aus, der hier gehalten worden ist —, auf der anderen Seite hat diese geisteswissenschaftliche Weltanschauung die Aufgabe, das Leben verständlich zu machen, dem Handeln und Arbeiten im praktischen Leben Richtlinien und Leitsterne zu geben, Orientierung im weitesten Sinn gerade über dasjenige, was um uns herum vor unseren Augen und Ohren vorgeht, und ein tieferes Verständnis desselben zu geben dadurch, dass eben dieses Verständnis hervorgeholt wird aus den tiefer liegenden, gerade geistigen Ursachen. Es kann als ein Beitrag nach dieser Richtung gelten, was uns heute beschäftigen soll.

[ 3 ] Das, was den Menschen zunächst verwirren kann, was den Menschen zunächst in allerlei Zwiespalt bringt, das ist doch, wenn ihm das Weltbild, wenn ihm die Angelegenheiten des Lebens in bedeutenden Persönlichkeiten, in deren Meinungen, in deren Gedanken entgegentreten und diese Persönlichkeiten sich so vielfach widersprechen. Mancher von Ihnen wird schon gefühlt haben, wie Theosophie oder Geisteswissenschaft dadurch, dass sie den Blick erweitert, gerade zu einer Ausgleichung der Meinungen durch das Verständnis führt.

[ 3 ] Das, was den Menschen zunächst verwirren kann, was den Menschen zunächst in allerlei Zwiespalt bringt, das ist doch, wenn ihm das Weltbild, wenn ihm die Angelegenheiten des Lebens in bedeutenden Persönlichkeiten, in deren Meinungen, in deren Gedanken entgegentreten und diese Persönlichkeiten sich so vielfach widersprechen. Mancher von Ihnen wird schon gefühlt haben, wie Theosophie oder Geisteswissenschaft dadurch, dass sie den Blick erweitert, gerade zu einer Ausgleichung der Meinungen durch das Verständnis führt.

[ 4 ] Zwei Persönlichkeiten der Gegenwart, deren Wirken sich unmittelbar unter uns abspielt, deren Meinungen sozusagen durch die Welt ziehen von Osten nach Westen und von Westen nach Osten, sollen uns heute beschäftigen, Persönlichkeiten, die so recht geeignet sind, uns vor die Seele zu führen die tiefen Gegensätze, die durch unser Leben gehen — denn vielleicht wird man überhaupt nicht zwei Persönlichkeiten finden können, die so gegensätzlich in alledem [sind], was sie denken und fühlen, was sie ausdrücken als nach ihrer Meinung das Richtige, das für unsere heutigen Bedürfnisse zu tun sei — wir haben auf der einen Seite Tolstoi, den viel Genannten, den Wirkungsvollen, eine Persönlichkeit, von der man vielleicht sagen darf, dass keine Bezeichnung ausreicht, um das in der richtigen Weise zu umspannen, was sie der Gegenwart eigentlich ist; man wird schwerlich ausreichen, wenn man sagt, Moralist sei Tolstoi, wenn man glaubt, ein Reformator auf bestimmten Gebieten, wenn man den Ausdruck Prophet anwenden wollte oder dergleichen, aber wer den Namen dieser Persönlichkeit ausspricht, der wird sich immer bewusst, dass ein Innerlichstes der Menschennatur dabei angeschlagen ist, dass etwas in dieser Persönlichkeit lebt, was wie aus anderen Seelentiefen hervorkommt, als diejenigen sind, die auf der Oberfläche des Daseins sich heute bewegen —, und die andere Persönlichkeit, die mit ihr sozusagen kontrastiert werden soll, ist der amerikanische Millionär Carnegie.

[ 4 ] Zwei Persönlichkeiten der Gegenwart, deren Wirken sich unmittelbar unter uns abspielt, deren Meinungen sozusagen durch die Welt ziehen von Osten nach Westen und von Westen nach Osten, sollen uns heute beschäftigen, Persönlichkeiten, die so recht geeignet sind, uns vor die Seele zu führen die tiefen Gegensätze, die durch unser Leben gehen — denn vielleicht wird man überhaupt nicht zwei Persönlichkeiten finden können, die so gegensätzlich in alledem [sind], was sie denken und fühlen, was sie ausdrücken als nach ihrer Meinung das Richtige, das für unsere heutigen Bedürfnisse zu tun sei — wir haben auf der einen Seite Tolstoi, den viel Genannten, den Wirkungsvollen, eine Persönlichkeit, von der man vielleicht sagen darf, dass keine Bezeichnung ausreicht, um das in der richtigen Weise zu umspannen, was sie der Gegenwart eigentlich ist; man wird schwerlich ausreichen, wenn man sagt, Moralist sei Tolstoi, wenn man glaubt, ein Reformator auf bestimmten Gebieten, wenn man den Ausdruck Prophet anwenden wollte oder dergleichen, aber wer den Namen dieser Persönlichkeit ausspricht, der wird sich immer bewusst, dass ein Innerlichstes der Menschennatur dabei angeschlagen ist, dass etwas in dieser Persönlichkeit lebt, was wie aus anderen Seelentiefen hervorkommt, als diejenigen sind, die auf der Oberfläche des Daseins sich heute bewegen —, und die andere Persönlichkeit, die mit ihr sozusagen kontrastiert werden soll, ist der amerikanische Millionär Carnegie.

[ 5 ] Wie kommt Carnegie dazu, gerade mit dieser Persönlichkeit heute zusammengestellt zu werden? Ebenso wahr, wie Tolstoi aus den Tiefen der Seele heraus versucht, eine befriedigende Lösung des Lebens und der Lebensrätsel zu finden, ebenso sucht Carnegie in seiner Art, ebenso repräsentativ, aus tiefen Strömungen unserer Zeit heraus sucht er aus seiner praktischen, man möchte das Wort anwenden, «grundgescheiten» Überschau über das Leben, Prinzipien des Handelns, der Lebensrichtung zu gewinnen. Vielleicht könnte man — aber es klingt fast trivial — sagen: Wie Idealismus und Realismus in allen Zeiten einander gegenübergestanden haben — dabei aber diese Schattierungen so radikal ausgeprägt als möglich — so stehen sich Tolstoi und Carnegie gegenüber.

[ 5 ] Wie kommt Carnegie dazu, gerade mit dieser Persönlichkeit heute zusammengestellt zu werden? Ebenso wahr, wie Tolstoi aus den Tiefen der Seele heraus versucht, eine befriedigende Lösung des Lebens und der Lebensrätsel zu finden, ebenso sucht Carnegie in seiner Art, ebenso repräsentativ, aus tiefen Strömungen unserer Zeit heraus sucht er aus seiner praktischen, man möchte das Wort anwenden, «grundgescheiten» Überschau über das Leben, Prinzipien des Handelns, der Lebensrichtung zu gewinnen. Vielleicht könnte man — aber es klingt fast trivial — sagen: Wie Idealismus und Realismus in allen Zeiten einander gegenübergestanden haben — dabei aber diese Schattierungen so radikal ausgeprägt als möglich — so stehen sich Tolstoi und Carnegie gegenüber.

[ 6 ] Der große deutsche Philosoph Johann Gottlieb Fichte hat den gewiss tiefen und bedeutsamen Satz ausgesprochen: Was man für eine Weltanschauung hat, hängt davon ab, was man für ein Mensch ist — und er hat so darauf hingewiesen, wie die Weltanschauung einer Persönlichkeit doch mit manchmal feineren, manchmal gröberen Fäden zusammenhängt mit der eigentümlichen Charakter- und Temperamentsanlage, mit dem ganzen Leben eines Menschen. Und wenn wir zunächst auf das Leben, auf die Charaktereigenschaften, auf die Eigenheiten der Persönlichkeit der beiden Menschen, von denen wir reden wollen, sehen, so haben wir schon da den denkbar größten Gegensatz.

[ 6 ] Der große deutsche Philosoph Johann Gottlieb Fichte hat den gewiss tiefen und bedeutsamen Satz ausgesprochen: Was man für eine Weltanschauung hat, hängt davon ab, was man für ein Mensch ist — und er hat so darauf hingewiesen, wie die Weltanschauung einer Persönlichkeit doch mit manchmal feineren, manchmal gröberen Fäden zusammenhängt mit der eigentümlichen Charakter- und Temperamentsanlage, mit dem ganzen Leben eines Menschen. Und wenn wir zunächst auf das Leben, auf die Charaktereigenschaften, auf die Eigenheiten der Persönlichkeit der beiden Menschen, von denen wir reden wollen, sehen, so haben wir schon da den denkbar größten Gegensatz.

[ 7 ] Der reiche russische Aristokrat, der sozusagen in den Überfluss des Lebens hineingeboren ist, der durch seine soziale Lage im Leben geradezu gezwungen wird, alle Seiten dieses Lebens bis zu den oberflächlichsten Ausbrüchen unserer Gegenwart nicht nur kennenzulernen, sondern mit ihnen zu leben, sie auszukosten, wir sehen, wie er übersättigt gegenüber diesen Lebensinhalten, die an der Oberfläche heute geboten werden, hinauf seine Zuflucht nimmt zu den höchsten, das Leben scheinbar unendlich überfliegenden moralischen Idealen, von denen die meisten Menschen, auch wenn sie diese bewundern, heute doch überzeugt sein werden, dass sie vielleicht schön seien, aber dass sie nur wenig im Leben sich verwirklichen können.

[ 7 ] Der reiche russische Aristokrat, der sozusagen in den Überfluss des Lebens hineingeboren ist, der durch seine soziale Lage im Leben geradezu gezwungen wird, alle Seiten dieses Lebens bis zu den oberflächlichsten Ausbrüchen unserer Gegenwart nicht nur kennenzulernen, sondern mit ihnen zu leben, sie auszukosten, wir sehen, wie er übersättigt gegenüber diesen Lebensinhalten, die an der Oberfläche heute geboten werden, hinauf seine Zuflucht nimmt zu den höchsten, das Leben scheinbar unendlich überfliegenden moralischen Idealen, von denen die meisten Menschen, auch wenn sie diese bewundern, heute doch überzeugt sein werden, dass sie vielleicht schön seien, aber dass sie nur wenig im Leben sich verwirklichen können.

[ 8 ] Auf der anderen Seite sehen wir Carnegie, herausgeboren, man darf sagen, aus Not und Elend, wenigstens herauserzogen aus Not und Elend, bekannt mit allen Entbehrungen, mit der Notwendigkeit, die geringsten Arbeiten zu leisten, ausgestattet mit nichts von demjenigen, was das Leben etwa Tolstoi an der Oberfläche der heutigen Gesellschaftsordnung geboten hat, ausgestattet mit redlichem Arbeitswillen, mit einem, man kann sagen, idealistisch gefärbten gewissen Ehrgeiz, ein ganzer Mensch zu werden, so arbeitete er sich herauf; Carnegie arbeitet sich herauf durch diese Sphäre zu einer Art, möchte man sagen, von realistischem Idealismus, auch zu einer Art von Moralistik, welche rechnet mit demjenigen, was sich den Augen unmittelbar darbietet, was man unmittelbar im praktischen Leben erfahren kann.

[ 8 ] Auf der anderen Seite sehen wir Carnegie, herausgeboren, man darf sagen, aus Not und Elend, wenigstens herauserzogen aus Not und Elend, bekannt mit allen Entbehrungen, mit der Notwendigkeit, die geringsten Arbeiten zu leisten, ausgestattet mit nichts von demjenigen, was das Leben etwa Tolstoi an der Oberfläche der heutigen Gesellschaftsordnung geboten hat, ausgestattet mit redlichem Arbeitswillen, mit einem, man kann sagen, idealistisch gefärbten gewissen Ehrgeiz, ein ganzer Mensch zu werden, so arbeitete er sich herauf; Carnegie arbeitet sich herauf durch diese Sphäre zu einer Art, möchte man sagen, von realistischem Idealismus, auch zu einer Art von Moralistik, welche rechnet mit demjenigen, was sich den Augen unmittelbar darbietet, was man unmittelbar im praktischen Leben erfahren kann.

[ 9 ] Tolstoi sehen wir, wie er in der radikalsten Art sozusagen der heutigen Lebensordnung eine Art Fehdehandschuh hinwirft, wie seine Kritik nicht nur herb wird, wenn er von den gegenwärtigen Lebensordnungen spricht, wie sie sozusagen vernichtend eingreifen will in die gegenwärtigen Gedanken, Empfindungen und Willensimpulse.

[ 9 ] Tolstoi sehen wir, wie er in der radikalsten Art sozusagen der heutigen Lebensordnung eine Art Fehdehandschuh hinwirft, wie seine Kritik nicht nur herb wird, wenn er von den gegenwärtigen Lebensordnungen spricht, wie sie sozusagen vernichtend eingreifen will in die gegenwärtigen Gedanken, Empfindungen und Willensimpulse.

[ 10 ] Carnegie sehen wir, wie er hinausschaut auf das Leben, wie es sich bis in unsere Gegenwart herauf geschichtlich entwickelt hat und zunächst für seine Seele das eine Wort sozusagen hat, das alles ausdrückt in Bezug auf sein erstes, unmittelbarstes Verhältnis zum Leben: Ja sagt er zu allem, was die Gegenwart uns gebracht hat — eine volle Zufriedenheit mit dem, was um uns herum ist! Er sieht, wie der Unterschied zwischen Reich und Arm geworden ist, wie die Arten des Verdienens geworden sind, und überall und überall das durchdringende Urteil bei ihm: Es kommt gar nicht darauf an, ob wir das gut oder böse finden, sondern dass es so sein müsse, dass wir eben damit zu rechnen haben, und dennoch sich durcharbeitend — das ist das Charakteristische für diese Persönlichkeit — sich durcharbeitend aus einer realistischen Auffassung zu einer Art von Idealismus, der sich das große Ziel vorsetzt, innerhalb dieser bestehenden Verhältnisse Richtlinien anzugeben für ein gutes, für ein dem Menschenfortschritt in schönster Weise dienendes Leben und für eine solche dem Menschenfortschritt und der Entwicklung dienende gesellschaftliche Ordnung.

[ 10 ] Carnegie sehen wir, wie er hinausschaut auf das Leben, wie es sich bis in unsere Gegenwart herauf geschichtlich entwickelt hat und zunächst für seine Seele das eine Wort sozusagen hat, das alles ausdrückt in Bezug auf sein erstes, unmittelbarstes Verhältnis zum Leben: Ja sagt er zu allem, was die Gegenwart uns gebracht hat — eine volle Zufriedenheit mit dem, was um uns herum ist! Er sieht, wie der Unterschied zwischen Reich und Arm geworden ist, wie die Arten des Verdienens geworden sind, und überall und überall das durchdringende Urteil bei ihm: Es kommt gar nicht darauf an, ob wir das gut oder böse finden, sondern dass es so sein müsse, dass wir eben damit zu rechnen haben, und dennoch sich durcharbeitend — das ist das Charakteristische für diese Persönlichkeit — sich durcharbeitend aus einer realistischen Auffassung zu einer Art von Idealismus, der sich das große Ziel vorsetzt, innerhalb dieser bestehenden Verhältnisse Richtlinien anzugeben für ein gutes, für ein dem Menschenfortschritt in schönster Weise dienendes Leben und für eine solche dem Menschenfortschritt und der Entwicklung dienende gesellschaftliche Ordnung.

[ 11 ] Nicht soll unsere Betrachtung — das möchte ich ausdrücklich betonen — Partei ergreifen für die eine oder andere Ideen-Richtung; aus den Bedingungen der menschlichen Entwicklung soll verstanden werden, wie solche Gegensätze haben kommen können. Und wenn Theosophie gegenüber solchen Erscheinungen, wie diese zwei Persönlichkeiten sie darbieten, wenn Theosophie eine Aufgabe hat in Bezug darauf, so hat sie eben die, aus den tiefen Untergründen des Daseins, vorzugsweise der geistigen Entwicklung heraus, zu verstehen, woher solche Erscheinungen kommen. Es kann nicht meine Aufgabe sein, in irgendeiner Weise Biografisches in Bezug auf beide Persönlichkeiten beizubringen, nur das soll gesagt werden, was die Seelen der beiden uns so erscheinen lassen kann, dass wir dann zu ihrem tieferen Verständnis hindurchdringen können.

[ 11 ] Nicht soll unsere Betrachtung — das möchte ich ausdrücklich betonen — Partei ergreifen für die eine oder andere Ideen-Richtung; aus den Bedingungen der menschlichen Entwicklung soll verstanden werden, wie solche Gegensätze haben kommen können. Und wenn Theosophie gegenüber solchen Erscheinungen, wie diese zwei Persönlichkeiten sie darbieten, wenn Theosophie eine Aufgabe hat in Bezug darauf, so hat sie eben die, aus den tiefen Untergründen des Daseins, vorzugsweise der geistigen Entwicklung heraus, zu verstehen, woher solche Erscheinungen kommen. Es kann nicht meine Aufgabe sein, in irgendeiner Weise Biografisches in Bezug auf beide Persönlichkeiten beizubringen, nur das soll gesagt werden, was die Seelen der beiden uns so erscheinen lassen kann, dass wir dann zu ihrem tieferen Verständnis hindurchdringen können.

[ 12 ] Tolstoi ist von Anfang an ein Mensch, der nicht zu kämpfen hat mit den äußeren Nöten des Lebens, eben hineingeboren sozusagen in Reichtum und Überfluss. Leicht hätte er ja können, wenn er eine oberflächliche Seele in sich geborgen hätte, wie so viele Tausend und Tausend andere in diesem Reichtum und Überfluss verschwinden. Dazu war seine Individualität nicht geeignet. Das, was auf diese Seele wirken konnte, das war sozusagen vom Anfang an, von Kindheit auf stets dasjenige, was berührte die tiefsten Fragen der Seele, der Weltanschauung. Das Leben nimmt er zunächst so hin, wie es sich ihm bietet. Als Knabe weiß er noch nicht zu denken kritisch über das, was um ihn her vorgeht; weit entfernt ist das, was später in monumentaler Weise als Kritik der heutigen Lebensweise sich bei ihm herausgestellt hat. Er nimmt als Knabe für selbstverständlich hin, was um ihn her ist und vor sich geht.

[ 12 ] Tolstoi ist von Anfang an ein Mensch, der nicht zu kämpfen hat mit den äußeren Nöten des Lebens, eben hineingeboren sozusagen in Reichtum und Überfluss. Leicht hätte er ja können, wenn er eine oberflächliche Seele in sich geborgen hätte, wie so viele Tausend und Tausend andere in diesem Reichtum und Überfluss verschwinden. Dazu war seine Individualität nicht geeignet. Das, was auf diese Seele wirken konnte, das war sozusagen vom Anfang an, von Kindheit auf stets dasjenige, was berührte die tiefsten Fragen der Seele, der Weltanschauung. Das Leben nimmt er zunächst so hin, wie es sich ihm bietet. Als Knabe weiß er noch nicht zu denken kritisch über das, was um ihn her vorgeht; weit entfernt ist das, was später in monumentaler Weise als Kritik der heutigen Lebensweise sich bei ihm herausgestellt hat. Er nimmt als Knabe für selbstverständlich hin, was um ihn her ist und vor sich geht.

[ 13 ] Aber es ist auch schon beim Knaben etwas vorhanden wie ein Blitzeinschlag in sein Seelenleben. Einer seiner Kindheitsfreunde kam einmal vom Gymnasium heim mit einer merkwürdigen Nachricht. Er sagte ungefähr: Ja, so irgendjemand — vielleicht ein Lehrer — hätte eine neue Entdeckung gemacht, nämlich, dass es keinen Gott gebe. Das war etwas, was wie ein Blitz einschlug in dieses jugendliche Seelenleben, das eigentlich neben allem Äußeren auch das religiöse Leben, wie es sich um ihn herum abspielte, als selbstverständlich hingenommen hatte.

[ 13 ] Aber es ist auch schon beim Knaben etwas vorhanden wie ein Blitzeinschlag in sein Seelenleben. Einer seiner Kindheitsfreunde kam einmal vom Gymnasium heim mit einer merkwürdigen Nachricht. Er sagte ungefähr: Ja, so irgendjemand — vielleicht ein Lehrer — hätte eine neue Entdeckung gemacht, nämlich, dass es keinen Gott gebe. Das war etwas, was wie ein Blitz einschlug in dieses jugendliche Seelenleben, das eigentlich neben allem Äußeren auch das religiöse Leben, wie es sich um ihn herum abspielte, als selbstverständlich hingenommen hatte.

[ 14 ] Dass so etwas möglich ist, das stellte sich zusammen für dieses jugendliche Gemüt mit einem anderen. Man muss nur einmal in eine Kinderseele sich hineinversetzen, und man wird wissen können, dass ja tatsächlich eine Kinderseele so etwas glauben könnte, dass eventuell solch eine Entdeckung gemacht werden könnte. Und solche Ereignisse sind immer wieder und wieder in dieses Seelenleben eingezogen. Und wir könnten eine lange Schilderung geben, wie Tolstoi dann im Kriegsdienst, im Verkehr mit den sozialen Gesellschaftsschichten, zu denen er gehört, alles Elend des heutigen Lebens kennenlernt, wie er überdrüssig wird, wie er sich die verschiedensten Gedanken macht, wie er, nachdem er kennengelernt hat die Misere des Krieges und seiner Gesellschaftsschichte, des Literatenlebens in Petersburg, wie er überdrüssig wurde in anderen Gegenden Europas dessen, was das Leben heute ist. Wir könnten das alles schildern — es ist ja zum großen Teil heute bekannt —, was uns aber interessieren kann, sind die Fragen, die vor Tolstoi aufleuchteten.

[ 14 ] Dass so etwas möglich ist, das stellte sich zusammen für dieses jugendliche Gemüt mit einem anderen. Man muss nur einmal in eine Kinderseele sich hineinversetzen, und man wird wissen können, dass ja tatsächlich eine Kinderseele so etwas glauben könnte, dass eventuell solch eine Entdeckung gemacht werden könnte. Und solche Ereignisse sind immer wieder und wieder in dieses Seelenleben eingezogen. Und wir könnten eine lange Schilderung geben, wie Tolstoi dann im Kriegsdienst, im Verkehr mit den sozialen Gesellschaftsschichten, zu denen er gehört, alles Elend des heutigen Lebens kennenlernt, wie er überdrüssig wird, wie er sich die verschiedensten Gedanken macht, wie er, nachdem er kennengelernt hat die Misere des Krieges und seiner Gesellschaftsschichte, des Literatenlebens in Petersburg, wie er überdrüssig wurde in anderen Gegenden Europas dessen, was das Leben heute ist. Wir könnten das alles schildern — es ist ja zum großen Teil heute bekannt —, was uns aber interessieren kann, sind die Fragen, die vor Tolstoi aufleuchteten.

[ 15 ] Da drängt sich zunächst seiner Seele immer mehr und mehr die Frage mit größerer Schärfe auf: Was ist eigentlich ein gewisser Mittelpunkt des Lebens gegenüber all den Verhältnissen, die so verwirrend um uns herum sind, wo ist ein Mittelpunkt zu finden? Die Religion wird nach und nach für ihn zu einer Frage, und umso bedeutungsvoller wird diese Frage für ihn, als er sich lange nicht von den äußeren Gebräuchen hat losreißen können. Aber es wird die religiöse Frage etwas tief Einschneidendes für ihn. Immer deutlicher und deutlicher fragt er sich: Was ist das eigentlich, Religion, für den Menschen? Und da wird er sich lange eigentlich gar nicht klar, wie jenes Verbindungsband der Seele mit irgendeiner höheren Welt, mit einem unbekannten, geistigen Urgrund, wie dieses Band aussieht, wohin es von der Seele geht, et cetera. Vor allen Dingen erscheint ihm das, was er an Menschen in seinen Kreisen kennengelernt hat in Bezug auf gerade die religiösen Stimmungen der Seele, wie abgerissen von diesem Urgrund, wie verdorrt gegenüber dem lebendigen Lebensquell.

[ 15 ] Da drängt sich zunächst seiner Seele immer mehr und mehr die Frage mit größerer Schärfe auf: Was ist eigentlich ein gewisser Mittelpunkt des Lebens gegenüber all den Verhältnissen, die so verwirrend um uns herum sind, wo ist ein Mittelpunkt zu finden? Die Religion wird nach und nach für ihn zu einer Frage, und umso bedeutungsvoller wird diese Frage für ihn, als er sich lange nicht von den äußeren Gebräuchen hat losreißen können. Aber es wird die religiöse Frage etwas tief Einschneidendes für ihn. Immer deutlicher und deutlicher fragt er sich: Was ist das eigentlich, Religion, für den Menschen? Und da wird er sich lange eigentlich gar nicht klar, wie jenes Verbindungsband der Seele mit irgendeiner höheren Welt, mit einem unbekannten, geistigen Urgrund, wie dieses Band aussieht, wohin es von der Seele geht, et cetera. Vor allen Dingen erscheint ihm das, was er an Menschen in seinen Kreisen kennengelernt hat in Bezug auf gerade die religiösen Stimmungen der Seele, wie abgerissen von diesem Urgrund, wie verdorrt gegenüber dem lebendigen Lebensquell.

[ 16 ] Nicht, wie gesagt, soll Partei genommen werden, sondern nur möglichst deutlich soll diese Seelenstimmung geschildert werden. Und da sieht er, meinetwegen, wie er als Soldat im Kaukasus ist, bei der Belagerung von Sewastopol, niedere Bevölkerungsschichten. Er lernt deren Seelen kennen; er vertieft sich in solche Seelen in intimer Weise. Da findet er, dass in solchen Seelen etwas Ursprüngliches ist, dass sie noch weniger losgerissen sind von dem Urgrund, und vor seiner Seele geht auf das Problem, ob nicht in dieser Naivheit des Daseins niederer, untergeordneterer Volksschichten Wahreres, Echteres, stecken müsse als in den Kreisen, in denen er leben musste. Und siehe da, auch da geht ihm Rätsel nach Rätsel auf und er kann keines lösen. Man braucht nur so etwas wie seinen angefangenen Roman: «Morgenstunde eines Gutspächters» zu lesen und man wird sehen, wie er gerungen hat [gerade mit] der [Frage]: Ja, nun habe ich gesehen die Menschen, die sich losgerissen haben vom Urquell des Daseins, die verdorrt sind an der Peripherie; ich habe gesucht einen Weg nach religiöser Vertiefung aus der Seele heraus der primitiven Bevölkerung, aber eine Antwort auf diese Frage scheitert daran, dass der heute sogenannte Gebildete sich doch niemals verständigen kann mit diesen primitiven Urzuständen der Seele. Kurz, auch da keine Antwort auf die brennenden Fragen, die es gab für ihn.

[ 16 ] Nicht, wie gesagt, soll Partei genommen werden, sondern nur möglichst deutlich soll diese Seelenstimmung geschildert werden. Und da sieht er, meinetwegen, wie er als Soldat im Kaukasus ist, bei der Belagerung von Sewastopol, niedere Bevölkerungsschichten. Er lernt deren Seelen kennen; er vertieft sich in solche Seelen in intimer Weise. Da findet er, dass in solchen Seelen etwas Ursprüngliches ist, dass sie noch weniger losgerissen sind von dem Urgrund, und vor seiner Seele geht auf das Problem, ob nicht in dieser Naivheit des Daseins niederer, untergeordneterer Volksschichten Wahreres, Echteres, stecken müsse als in den Kreisen, in denen er leben musste. Und siehe da, auch da geht ihm Rätsel nach Rätsel auf und er kann keines lösen. Man braucht nur so etwas wie seinen angefangenen Roman: «Morgenstunde eines Gutspächters» zu lesen und man wird sehen, wie er gerungen hat [gerade mit] der [Frage]: Ja, nun habe ich gesehen die Menschen, die sich losgerissen haben vom Urquell des Daseins, die verdorrt sind an der Peripherie; ich habe gesucht einen Weg nach religiöser Vertiefung aus der Seele heraus der primitiven Bevölkerung, aber eine Antwort auf diese Frage scheitert daran, dass der heute sogenannte Gebildete sich doch niemals verständigen kann mit diesen primitiven Urzuständen der Seele. Kurz, auch da keine Antwort auf die brennenden Fragen, die es gab für ihn.

[ 17 ] So geht es weiter, und so kommt er dazu, alle die Gegensätze, die Widersprüche im Leben deutlicher und deutlicher zu sehen und man braucht nur sein ursprüngliches künstlerisches Wirken durchzugehen: «Krieg und Frieden», seine Novellen, «Anna Karenina» und so weiter, und man wird sehen, wie überall, wenn auch die künstlerische Form durchaus das zunächst Bedeutsamste ist, wie überall durchströmt diese Leistungen die Sehnsucht, zu begreifen das Leben in seinen Gegensätzen, zu begreifen vor allen Dingen das Widerspruchsvolle des menschlichen Charakters; denn der tritt ihm als widerspruchsvoll entgegen. Man fühlt es, wie wahr es ist, was er, als er später, da er schon zu einer Art moralischer Schriftstellerei übergegangen ist, was er später sagt: Unsägliche Qualen hat es mir gemacht, und ich weiß, dass es vielen meiner Kollegen in der Literatur ebensolche Qualen gemacht hat, einen ideal seelisch gebauten Charakter darzustellen, der mit der Wirklichkeit stimmt. — Es quält ihn, dass ein solcher Widerspruch sein kann zwischen dem, was man sich als Ideal vorstellen muss, wenn Heil und Ordnung sein soll in der Welt, und dem, was sich für seine geistigen Augen in der Wirklichkeit darstellt. Das quälte ihn auch immer, solange er noch künstlerisch tätig war.

[ 17 ] So geht es weiter, und so kommt er dazu, alle die Gegensätze, die Widersprüche im Leben deutlicher und deutlicher zu sehen und man braucht nur sein ursprüngliches künstlerisches Wirken durchzugehen: «Krieg und Frieden», seine Novellen, «Anna Karenina» und so weiter, und man wird sehen, wie überall, wenn auch die künstlerische Form durchaus das zunächst Bedeutsamste ist, wie überall durchströmt diese Leistungen die Sehnsucht, zu begreifen das Leben in seinen Gegensätzen, zu begreifen vor allen Dingen das Widerspruchsvolle des menschlichen Charakters; denn der tritt ihm als widerspruchsvoll entgegen. Man fühlt es, wie wahr es ist, was er, als er später, da er schon zu einer Art moralischer Schriftstellerei übergegangen ist, was er später sagt: Unsägliche Qualen hat es mir gemacht, und ich weiß, dass es vielen meiner Kollegen in der Literatur ebensolche Qualen gemacht hat, einen ideal seelisch gebauten Charakter darzustellen, der mit der Wirklichkeit stimmt. — Es quält ihn, dass ein solcher Widerspruch sein kann zwischen dem, was man sich als Ideal vorstellen muss, wenn Heil und Ordnung sein soll in der Welt, und dem, was sich für seine geistigen Augen in der Wirklichkeit darstellt. Das quälte ihn auch immer, solange er noch künstlerisch tätig war.

[ 18 ] Dazu kam noch etwas. Tolstoi war noch während der ganzen Zeit, in der so die seelischen Qualen sich abspielten, nicht etwa bloß objektiver Betrachter, er hat das Leben mitgemacht, hat an allem teilgenommen. Er hat die Dinge auch innerlich erlebt; er konnte fühlen die intimen Gewissensbisse, die intimen Vorwürfe, die sich der Mensch machen muss, wenn er plötzlich in gewisser Beziehung sich klar wird darüber, dass er in gewisse Kreise hineingeboren ist und alles das mitmachen muss, was da geschieht, und es ihm doch widerspruchsvoll erscheint, wenn er darüber urteilt. Bis an den Rand des Selbstmordes wurden solche Persönlichkeiten geführt, die das fühlten; man muss nur fühlen, was in solchen Menschen vorgeht. Unendlich viel mehr lernt der Mensch durch das, was er an sich selbst zu kritisieren Gelegenheit hat, als durch Kritik an seiner Umgebung.

[ 18 ] Dazu kam noch etwas. Tolstoi war noch während der ganzen Zeit, in der so die seelischen Qualen sich abspielten, nicht etwa bloß objektiver Betrachter, er hat das Leben mitgemacht, hat an allem teilgenommen. Er hat die Dinge auch innerlich erlebt; er konnte fühlen die intimen Gewissensbisse, die intimen Vorwürfe, die sich der Mensch machen muss, wenn er plötzlich in gewisser Beziehung sich klar wird darüber, dass er in gewisse Kreise hineingeboren ist und alles das mitmachen muss, was da geschieht, und es ihm doch widerspruchsvoll erscheint, wenn er darüber urteilt. Bis an den Rand des Selbstmordes wurden solche Persönlichkeiten geführt, die das fühlten; man muss nur fühlen, was in solchen Menschen vorgeht. Unendlich viel mehr lernt der Mensch durch das, was er an sich selbst zu kritisieren Gelegenheit hat, als durch Kritik an seiner Umgebung.

[ 19 ] Und so erweitert sich der Blick Tolstois mehr und mehr, bis er aus einer Umschau über die nächsten Verhältnisse zu einem Überblick sozusagen über die ganze Entwicklungsgeschichte der Menschheit kam, und da stellt sich heraus für ihn, in wie weitem Umfange große und bedeutsame, namentlich religiöse Impulse der Menschheit in den Niedergang gekommen sind. So stellte sich ihm vor die Seele — das soll keine Kritik sein — in aller Tiefe und aller Empfindungsstärke der große Impuls, der der Welt gegeben worden ist durch Christus Jesus, und daneben stellte sich ihm hin die römische Welt, das römische Cäsarentum, das das Christentum in den Dienst der Gewalt völlig äußerlicher Dinge gestellt hat, die nicht zum Heil der Menschheit dienen, wie das der christliche Impuls tun sollte und konnte, sondern die die Menschheit in jene Verwirrung bringen, die sich ihm darstellte, und so wurde denn seine Anschauung immer mehr und mehr zu einer Kritik alles Bestehenden, und sie ist herb genug. Aus seiner geschichtlichen Betrachtung heraus glaubte er gerade die Gegensätze der Menschen als das schwierigste empfinden zu müssen. Auf der einen Seite der größte Reichtum, auf der anderen die furchtbarste Armut, die sich besonders in der Verkümmerung der Seelen zeigte, sodass die Menschen in dieser Verkümmerung der geistigen Angelegenheiten nicht in der Lage sind, aus dem, was sie erleben, den Weg zu finden zu den großen geistigen Schätzen, besonders zu denen, die im ursprünglichen Christentum zu finden sind, zu denen sie durchdringen müssen!

[ 19 ] Und so erweitert sich der Blick Tolstois mehr und mehr, bis er aus einer Umschau über die nächsten Verhältnisse zu einem Überblick sozusagen über die ganze Entwicklungsgeschichte der Menschheit kam, und da stellt sich heraus für ihn, in wie weitem Umfange große und bedeutsame, namentlich religiöse Impulse der Menschheit in den Niedergang gekommen sind. So stellte sich ihm vor die Seele — das soll keine Kritik sein — in aller Tiefe und aller Empfindungsstärke der große Impuls, der der Welt gegeben worden ist durch Christus Jesus, und daneben stellte sich ihm hin die römische Welt, das römische Cäsarentum, das das Christentum in den Dienst der Gewalt völlig äußerlicher Dinge gestellt hat, die nicht zum Heil der Menschheit dienen, wie das der christliche Impuls tun sollte und konnte, sondern die die Menschheit in jene Verwirrung bringen, die sich ihm darstellte, und so wurde denn seine Anschauung immer mehr und mehr zu einer Kritik alles Bestehenden, und sie ist herb genug. Aus seiner geschichtlichen Betrachtung heraus glaubte er gerade die Gegensätze der Menschen als das schwierigste empfinden zu müssen. Auf der einen Seite der größte Reichtum, auf der anderen die furchtbarste Armut, die sich besonders in der Verkümmerung der Seelen zeigte, sodass die Menschen in dieser Verkümmerung der geistigen Angelegenheiten nicht in der Lage sind, aus dem, was sie erleben, den Weg zu finden zu den großen geistigen Schätzen, besonders zu denen, die im ursprünglichen Christentum zu finden sind, zu denen sie durchdringen müssen!

[ 20 ] So stellte sich ihm als umfassendstes Problem namentlich dieser Gegensatz der gewalthabenden, machthabenden oberen Gesellschaftsschichte mit ihrem Luxus hin gegenüber der zerdrückten, seelisch-geistig und leiblich gedrückten Masse. Das stellte sich ihm in umfassendster Weise dar. Und er wurde ein Kritiker, wie es vielleicht in so umfassender Art noch keinen gegeben hat, der nicht müde wird, immer mehr und mehr zu schildern die Dinge, wie sie sind, und der so zu schildern versteht, dass die bloße Schilderung zuweilen Schauder einflößen kann.

[ 20 ] So stellte sich ihm als umfassendstes Problem namentlich dieser Gegensatz der gewalthabenden, machthabenden oberen Gesellschaftsschichte mit ihrem Luxus hin gegenüber der zerdrückten, seelisch-geistig und leiblich gedrückten Masse. Das stellte sich ihm in umfassendster Weise dar. Und er wurde ein Kritiker, wie es vielleicht in so umfassender Art noch keinen gegeben hat, der nicht müde wird, immer mehr und mehr zu schildern die Dinge, wie sie sind, und der so zu schildern versteht, dass die bloße Schilderung zuweilen Schauder einflößen kann.

[ 21 ] Es ist vielleicht recht charakteristisch, wenn wir ein Symptomatisches herausheben aus seiner Weltbetrachtung, das uns gleich so recht zeigen wird, wie er zu den Aufgaben des Lebens sich stellte. Ein Märchen, so erzählt er einmal, hätte er gerne geschrieben mit etwa folgendem Inhalt: Ein Weib hatte von einer andern etwas ihr sehr Schlimmes erfahren und war dadurch zur tiefsten Antipathie gegen diese gekommen, und sie wollte ihr etwas antun, was sich mit nichts an Bosheit eigentlich vergleichen lässt. Zu einem Zauberer ging sie und fragte um Rat. Ein Kind stahl sie ihrer Feindin. Der Zauberer sagte ihr, sie könne ihren Hass in der intensivsten Weise befriedigen, wenn sie dieses Kind, das sie einer in den ärmsten Verhältnissen lebenden Frau gestohlen hat und das dort in Not und Elend verkommen wäre, wenn sie dieses Kind in ein reiches Haus bringen könnte. Und in der Tat, es gelingt ihr, das Kind in ein reiches Haus zu bringen. Das Kind wird adoptiert. Es wird in jeder Weise gepflegt in Art der Reichen — wird verhätschelt, hat es, sozusagen, recht gut. Das Weib, das das Kind zu den Reichen gebracht hatte, ist wütend, als sie das erfährt; denn so hatte sie sich’s nicht vorgestellt, dass es dem Kinde gehen würde. Sie geht zum Zauberer und beschwert sich, dass er ihr einen so verkehrten Rat gegeben habe. Er jedoch spricht, sie solle nur warten. Immer mehr und mehr wird das Kind in Luxus eingebettet. Das Weib sagt: Der Zauberer hat mich betrogen. Er aber antwortete: Warte nur zu. Es ist das Schlimmste, was Du Deiner Feindin angetan hast.

[ 21 ] Es ist vielleicht recht charakteristisch, wenn wir ein Symptomatisches herausheben aus seiner Weltbetrachtung, das uns gleich so recht zeigen wird, wie er zu den Aufgaben des Lebens sich stellte. Ein Märchen, so erzählt er einmal, hätte er gerne geschrieben mit etwa folgendem Inhalt: Ein Weib hatte von einer andern etwas ihr sehr Schlimmes erfahren und war dadurch zur tiefsten Antipathie gegen diese gekommen, und sie wollte ihr etwas antun, was sich mit nichts an Bosheit eigentlich vergleichen lässt. Zu einem Zauberer ging sie und fragte um Rat. Ein Kind stahl sie ihrer Feindin. Der Zauberer sagte ihr, sie könne ihren Hass in der intensivsten Weise befriedigen, wenn sie dieses Kind, das sie einer in den ärmsten Verhältnissen lebenden Frau gestohlen hat und das dort in Not und Elend verkommen wäre, wenn sie dieses Kind in ein reiches Haus bringen könnte. Und in der Tat, es gelingt ihr, das Kind in ein reiches Haus zu bringen. Das Kind wird adoptiert. Es wird in jeder Weise gepflegt in Art der Reichen — wird verhätschelt, hat es, sozusagen, recht gut. Das Weib, das das Kind zu den Reichen gebracht hatte, ist wütend, als sie das erfährt; denn so hatte sie sich’s nicht vorgestellt, dass es dem Kinde gehen würde. Sie geht zum Zauberer und beschwert sich, dass er ihr einen so verkehrten Rat gegeben habe. Er jedoch spricht, sie solle nur warten. Immer mehr und mehr wird das Kind in Luxus eingebettet. Das Weib sagt: Der Zauberer hat mich betrogen. Er aber antwortete: Warte nur zu. Es ist das Schlimmste, was Du Deiner Feindin angetan hast.

[ 22 ] Das Kind entwickelte sich weiter. Es kommt zum Bewusstsein und fühlt einen innerlichen Gegensatz zur äußeren Lage. Es sagt sich: Alles muss in einer unbekannten Welt sein, wonach ich mich sehne; aber ich kann es nicht finden, ich weiß, dass ich durch die Art und Weise, wie ich gepflegt worden bin, zu schwach geworden bin, den Entschluss zu fassen, irgendeinen vernünftigen Weg nach den Untergründen des Daseins zu gehen. Zur schlimmsten inneren Pein wird das alles für den sich heranentwickelnden Menschen.

[ 22 ] Das Kind entwickelte sich weiter. Es kommt zum Bewusstsein und fühlt einen innerlichen Gegensatz zur äußeren Lage. Es sagt sich: Alles muss in einer unbekannten Welt sein, wonach ich mich sehne; aber ich kann es nicht finden, ich weiß, dass ich durch die Art und Weise, wie ich gepflegt worden bin, zu schwach geworden bin, den Entschluss zu fassen, irgendeinen vernünftigen Weg nach den Untergründen des Daseins zu gehen. Zur schlimmsten inneren Pein wird das alles für den sich heranentwickelnden Menschen.

[ 23 ] Tolstoi wusste wohl, wie solche Seelenerlebnisse sich ausnehmen; er wollte darstellen, wie dieser Mensch durch diese ganze innere Zerfahrenheit eben bis an den Rand des Selbstmordes getrieben worden ist. Sie können symptomatisch an solcher Sache sehen, wie Tolstoi denkt. Viel mehr als mit Definitionen können wir aus dem Willen Tolstois über soziale Ordnung entnehmen, wie er dachte über die soziale Ordnung. So stand die eine der beiden Persönlichkeiten, mit denen wir uns heute befassen, der Welt gegenüber.

[ 23 ] Tolstoi wusste wohl, wie solche Seelenerlebnisse sich ausnehmen; er wollte darstellen, wie dieser Mensch durch diese ganze innere Zerfahrenheit eben bis an den Rand des Selbstmordes getrieben worden ist. Sie können symptomatisch an solcher Sache sehen, wie Tolstoi denkt. Viel mehr als mit Definitionen können wir aus dem Willen Tolstois über soziale Ordnung entnehmen, wie er dachte über die soziale Ordnung. So stand die eine der beiden Persönlichkeiten, mit denen wir uns heute befassen, der Welt gegenüber.

[ 24 ] Nun nehmen wir den Gegensatz hinzu: Carnegie. Er ist das Kind eines Webermeisters. Der Vater hat halbwegs Beschäftigung, solange es nicht die großen Fabriken gibt. Gerade in den Aufschwung der großen Industrie auf diesem Gebiet hinein fällt die Kindheit Carnegies. Der Vater erhält keine Aufträge mehr. Aus Schottland muss er nach Amerika auswandern. Nur mit Mühe kann er das Notdürftigste verdienen. Der Junge musste als Schuljunge in einer Fabrik arbeiten. Er erzählt es selbst, und man fühlt den Grundton einer solchen Schilderung, wenn man sich vorher vertieft hat in die Seelenerlebnisse, die wir gerade in Tolstoi aufgesucht haben. Er schildert selbst, was es für ein Ereignis war, als er zum ersten Mal für seine Arbeit einen Lohn von einem Dollar 20 Cents bekommen hat. Er ist später eine der reichsten Persönlichkeiten der Gegenwart geworden, einer derjenigen, die, wie wir gleich sehen werden, tatsächlich Wege suchen mussten, um ihre Millionen anzuwenden; aber er darf sagen, und das ist bezeichnend: Keine Einnahme später, und wenn sie noch so groß war — und viel Geld ist durch seine Hände gegangen —, keine Einnahme hat mir so viel Freude gemacht als dieser erste Dollar.

[ 24 ] Nun nehmen wir den Gegensatz hinzu: Carnegie. Er ist das Kind eines Webermeisters. Der Vater hat halbwegs Beschäftigung, solange es nicht die großen Fabriken gibt. Gerade in den Aufschwung der großen Industrie auf diesem Gebiet hinein fällt die Kindheit Carnegies. Der Vater erhält keine Aufträge mehr. Aus Schottland muss er nach Amerika auswandern. Nur mit Mühe kann er das Notdürftigste verdienen. Der Junge musste als Schuljunge in einer Fabrik arbeiten. Er erzählt es selbst, und man fühlt den Grundton einer solchen Schilderung, wenn man sich vorher vertieft hat in die Seelenerlebnisse, die wir gerade in Tolstoi aufgesucht haben. Er schildert selbst, was es für ein Ereignis war, als er zum ersten Mal für seine Arbeit einen Lohn von einem Dollar 20 Cents bekommen hat. Er ist später eine der reichsten Persönlichkeiten der Gegenwart geworden, einer derjenigen, die, wie wir gleich sehen werden, tatsächlich Wege suchen mussten, um ihre Millionen anzuwenden; aber er darf sagen, und das ist bezeichnend: Keine Einnahme später, und wenn sie noch so groß war — und viel Geld ist durch seine Hände gegangen —, keine Einnahme hat mir so viel Freude gemacht als dieser erste Dollar.

[ 25 ] So geht es dann weiter. Er arbeitet längere Zeit in dieser Weise und trägt bei zum Unterhalt der Familie. Es lebt in ihm etwas wie eine verborgene Kraft, die dahin arbeitet, dass er das wird, was man eben in den Kreisen, in denen er heute steht, den «selbstgemachten Mann» nennt. Das befriedigt ihn, dass er als zwölfjähriger Knabe das Gefühl hatte: Jetzt wirst du ein Mann, denn ein Mann ist man, so fühlt er, wenn man etwas verdienen kann. Das war der Gedanke seiner Seele. Später kommt er in eine andere Fabrik, wird im Büro verwendet, wird später Telegrafenbote und verdient mehr.

[ 25 ] So geht es dann weiter. Er arbeitet längere Zeit in dieser Weise und trägt bei zum Unterhalt der Familie. Es lebt in ihm etwas wie eine verborgene Kraft, die dahin arbeitet, dass er das wird, was man eben in den Kreisen, in denen er heute steht, den «selbstgemachten Mann» nennt. Das befriedigt ihn, dass er als zwölfjähriger Knabe das Gefühl hatte: Jetzt wirst du ein Mann, denn ein Mann ist man, so fühlt er, wenn man etwas verdienen kann. Das war der Gedanke seiner Seele. Später kommt er in eine andere Fabrik, wird im Büro verwendet, wird später Telegrafenbote und verdient mehr.

[ 26 ] Er erzählt: Ein Telegrafenbote in Amerika hatte die Aufgabe, alle Adressen auswendig zu wissen. Da hatte ich Sorge, meinen Posten zu verlieren. — Rasch hatte er alle Namen durch eine ganze Straße gelernt. So war er wiederum ein «gemachter Mann». Nun schleicht er sich mit anderen Boten, bevor der Amtsdienst beginnt, in das Amt ein. Sie üben sich im Telegrafieren. Sein höchstes Ideal ist, selbst Telegrafist zu werden. Er findet tatsächlich Anstellung als solcher. Nun macht es ihm die größte Freude, einen Gönner zu finden, von dem er sich jeden Sonnabend ein Buch leihen lassen kann. Mit Sehnsucht wartet er auf solch ein Buch.

[ 26 ] Er erzählt: Ein Telegrafenbote in Amerika hatte die Aufgabe, alle Adressen auswendig zu wissen. Da hatte ich Sorge, meinen Posten zu verlieren. — Rasch hatte er alle Namen durch eine ganze Straße gelernt. So war er wiederum ein «gemachter Mann». Nun schleicht er sich mit anderen Boten, bevor der Amtsdienst beginnt, in das Amt ein. Sie üben sich im Telegrafieren. Sein höchstes Ideal ist, selbst Telegrafist zu werden. Er findet tatsächlich Anstellung als solcher. Nun macht es ihm die größte Freude, einen Gönner zu finden, von dem er sich jeden Sonnabend ein Buch leihen lassen kann. Mit Sehnsucht wartet er auf solch ein Buch.

[ 27 ] Nun kommen Ereignisse, die für ihn bedeutsam sind. Ein höherer Eisenbahnbeamter, der eine große Rolle gespielt hat, macht ihm zur Aufgabe, sich herauszuarbeiten dadurch, dass er zu einer gewissen Unternehmung Anteilscheine nimmt. Mit aller Mühe bringt er die 500 Dollar auf, die notwendig sind; er hat seit einiger Zeit in der mühsamsten Weise zum Unterhalt der Familie beigetragen. Namentlich durch die Mühewaltung der Mutter ist es möglich, die 500 Dollar aufzubringen, um zehn Anteilscheine zu haben. Und nun - man muss wiederum fühlen, was das seelisch bedeutet — nun kommt ein Tag, wo er zum ersten Mal empfängt die kleine Dividende, die seinen Anteilscheinen entspricht. Ihm geht es wie ein Rätsel, wie die Lösung eines Rätsels auf, was er früher nicht hätte begreifen können: dass Geld Geld machen kann. Der Begriff des Kapitals geht ihm auf. Das war ihm so wichtig nun, wie für irgendeinen Denker irgendein idealistisches Problem ist. Vorher kennt er nur die Möglichkeit, dass man gegen Arbeit Lohn bekommt. Dass Kapital Geld erzeugen kann, das ging ihm jetzt auf.

[ 27 ] Nun kommen Ereignisse, die für ihn bedeutsam sind. Ein höherer Eisenbahnbeamter, der eine große Rolle gespielt hat, macht ihm zur Aufgabe, sich herauszuarbeiten dadurch, dass er zu einer gewissen Unternehmung Anteilscheine nimmt. Mit aller Mühe bringt er die 500 Dollar auf, die notwendig sind; er hat seit einiger Zeit in der mühsamsten Weise zum Unterhalt der Familie beigetragen. Namentlich durch die Mühewaltung der Mutter ist es möglich, die 500 Dollar aufzubringen, um zehn Anteilscheine zu haben. Und nun - man muss wiederum fühlen, was das seelisch bedeutet — nun kommt ein Tag, wo er zum ersten Mal empfängt die kleine Dividende, die seinen Anteilscheinen entspricht. Ihm geht es wie ein Rätsel, wie die Lösung eines Rätsels auf, was er früher nicht hätte begreifen können: dass Geld Geld machen kann. Der Begriff des Kapitals geht ihm auf. Das war ihm so wichtig nun, wie für irgendeinen Denker irgendein idealistisches Problem ist. Vorher kennt er nur die Möglichkeit, dass man gegen Arbeit Lohn bekommt. Dass Kapital Geld erzeugen kann, das ging ihm jetzt auf.

[ 28 ] Und nun ist es interessant zu sehen, welche Intensität gerade in einer solchen Seele solche Erlebnisse annehmen können. Er kommt weiter. Es leuchtet ihm gerade im rechten Augenblick das Rechte ein. Als das Problem des Schlafwagens auftaucht, ist er bereit, sich daran zu beteiligen. So geht es Stufe für Stufe weiter, bis er zuletzt die Lage der Zeit in der richtigen Weise auszunützen verstand. Als man überging von den bauhölzernen Brücken zu den eisernen, da lebt er sich hinein in diese Strömung, wird immer reicher und reicher und wird nun endlich der Stahlkönig, der Wege suchen muss, wie er — und nun ist in ihm ein praktisches Sittlichkeitsgefühl - wie er gegenüber seinem praktischen Sittlichkeitsgefühl sich zu verhalten hat mit seinem Reichtum.

[ 28 ] Und nun ist es interessant zu sehen, welche Intensität gerade in einer solchen Seele solche Erlebnisse annehmen können. Er kommt weiter. Es leuchtet ihm gerade im rechten Augenblick das Rechte ein. Als das Problem des Schlafwagens auftaucht, ist er bereit, sich daran zu beteiligen. So geht es Stufe für Stufe weiter, bis er zuletzt die Lage der Zeit in der richtigen Weise auszunützen verstand. Als man überging von den bauhölzernen Brücken zu den eisernen, da lebt er sich hinein in diese Strömung, wird immer reicher und reicher und wird nun endlich der Stahlkönig, der Wege suchen muss, wie er — und nun ist in ihm ein praktisches Sittlichkeitsgefühl - wie er gegenüber seinem praktischen Sittlichkeitsgefühl sich zu verhalten hat mit seinem Reichtum.

[ 29 ] Für ihn gibt es nun, wie gesagt, das alles nicht, was Tolstoi etwa empfunden hat: keine Kritik des Lebens, sondern ein Hinnehmen des Lebens wie eine Selbstverständlichkeit. Was Tolstoi so widerspruchsvoll erschienen ist, das etwa stellt sich Carnegie so vor: Blicken wir zurück auf ältere Empfindungsphasen der Menschheit, dann sehen wir, wie Fürsten in primitiven Zuständen sich in Bezug auf ihre Lebensführung nicht besonders unterscheiden von dem, was um sie herum wohnt. Es gibt keinen Luxus, keinen Reichtum im heutigen Sinn, dafür aber auch alles das nicht, was Reichtum bringt; es gibt keinen Gegensatz zwischen reich und arm. Im Primitiven aber, wie die Entwicklung war, musste sich das herausbilden, immer stärker bilden sich die Gegensätze. Es ist gut, sagt er, dass neben der Hütte die Paläste stehen; denn da ist viel drinnen, was da sein soll, wir haben seine Notwendigkeit zu begreifen.

[ 29 ] Für ihn gibt es nun, wie gesagt, das alles nicht, was Tolstoi etwa empfunden hat: keine Kritik des Lebens, sondern ein Hinnehmen des Lebens wie eine Selbstverständlichkeit. Was Tolstoi so widerspruchsvoll erschienen ist, das etwa stellt sich Carnegie so vor: Blicken wir zurück auf ältere Empfindungsphasen der Menschheit, dann sehen wir, wie Fürsten in primitiven Zuständen sich in Bezug auf ihre Lebensführung nicht besonders unterscheiden von dem, was um sie herum wohnt. Es gibt keinen Luxus, keinen Reichtum im heutigen Sinn, dafür aber auch alles das nicht, was Reichtum bringt; es gibt keinen Gegensatz zwischen reich und arm. Im Primitiven aber, wie die Entwicklung war, musste sich das herausbilden, immer stärker bilden sich die Gegensätze. Es ist gut, sagt er, dass neben der Hütte die Paläste stehen; denn da ist viel drinnen, was da sein soll, wir haben seine Notwendigkeit zu begreifen.

[ 30 ] Doch das fällt ihm auf, wie in primitiven Verhältnissen ein persönliches, menschliches Verhältnis ist zwischen Herrn und Diener, wie alles unpersönlich wird in unseren Verhältnissen, wie der Arbeitgeber dem Arbeitnehmer gegenübersteht, ohne ihn zu kennen, ohne etwa zu wissen von Seelenbedürfnissen des Dieners, wie dadurch Hass und so weiter sich herausbilden muss; aber so müssen wir es hinnehmen, so ist es eben. Also ein absolutes Ja-Sagen zu allem äußeren Leben!

[ 30 ] Doch das fällt ihm auf, wie in primitiven Verhältnissen ein persönliches, menschliches Verhältnis ist zwischen Herrn und Diener, wie alles unpersönlich wird in unseren Verhältnissen, wie der Arbeitgeber dem Arbeitnehmer gegenübersteht, ohne ihn zu kennen, ohne etwa zu wissen von Seelenbedürfnissen des Dieners, wie dadurch Hass und so weiter sich herausbilden muss; aber so müssen wir es hinnehmen, so ist es eben. Also ein absolutes Ja-Sagen zu allem äußeren Leben!

[ 31 ] Und wenn wir eingehen dann hierauf, wie er durchaus ein praktisch-nüchterner, aber scharfsinniger Denker seiner Art ist, wie er dieses Leben überschaut, wie er gerade dadurch, dass er drinnen steht, all die verschiedenen Verkettungen kennt, die das Kapital nimmt, wie er dadurch manches Gesunde zu sagen weiß, wenn man das sieht, so muss man sagen: Auch dieser Mann hat sich aufzuklären versucht über das Leben, und es ist etwas von Selbstzufriedenheit in ihm gegenüber Tolstoi; und seine praktische Moralität — ich gebrauche das Wort absichtlich — sie legt ihm die Frage vor: Wie muss sich unser Leben gestalten, wenn das einen Sinn haben soll, was sich als Notwendigkeit entwickelt hat? Da sagt er: Nun ja, alte Verhältnisse haben herbeigeführt, dass sich von den Vorfahren auf die Nachkommen das Vermögen vererbt. Ist das in unseren Verhältnissen, wo in so eminent notwendiger Art Kapital zu Kapital schießt, noch möglich? Dies fragt er sich lebhaft. Er betrachtet das Leben mit durchdringendem Sinn und sagt: Nein, so geht das nicht, und indem er alle Dinge erwägt, kommt er zu einer eigenartigen Anschauung. Er kommt zu folgendem Schluss; er sagt sich, einen Sinn erhält dieses ganze Leben des Reichen nur dadurch, dass der besitzende Reiche sich betrachtet als den Verwalter des Reichtums für die übrige Menschheit, dass der Besitzer des Reichtums sich sagt: Ich soll nicht nur den Reichtum erwerben, nicht nur ihn haben und etwa meinen Familienangehörigen vererben, sondern ich soll, was ich erworben habe, da ich Geistesund andere Kräfte gebraucht habe, um das zusammenzubringen, da ich Tüchtigkeit hineingegossen habe, ich soll diese Tüchtigkeit wiederum verwenden, um zum Heil der Menschheit diesen Reichtum zu verwalten.

[ 31 ] Und wenn wir eingehen dann hierauf, wie er durchaus ein praktisch-nüchterner, aber scharfsinniger Denker seiner Art ist, wie er dieses Leben überschaut, wie er gerade dadurch, dass er drinnen steht, all die verschiedenen Verkettungen kennt, die das Kapital nimmt, wie er dadurch manches Gesunde zu sagen weiß, wenn man das sieht, so muss man sagen: Auch dieser Mann hat sich aufzuklären versucht über das Leben, und es ist etwas von Selbstzufriedenheit in ihm gegenüber Tolstoi; und seine praktische Moralität — ich gebrauche das Wort absichtlich — sie legt ihm die Frage vor: Wie muss sich unser Leben gestalten, wenn das einen Sinn haben soll, was sich als Notwendigkeit entwickelt hat? Da sagt er: Nun ja, alte Verhältnisse haben herbeigeführt, dass sich von den Vorfahren auf die Nachkommen das Vermögen vererbt. Ist das in unseren Verhältnissen, wo in so eminent notwendiger Art Kapital zu Kapital schießt, noch möglich? Dies fragt er sich lebhaft. Er betrachtet das Leben mit durchdringendem Sinn und sagt: Nein, so geht das nicht, und indem er alle Dinge erwägt, kommt er zu einer eigenartigen Anschauung. Er kommt zu folgendem Schluss; er sagt sich, einen Sinn erhält dieses ganze Leben des Reichen nur dadurch, dass der besitzende Reiche sich betrachtet als den Verwalter des Reichtums für die übrige Menschheit, dass der Besitzer des Reichtums sich sagt: Ich soll nicht nur den Reichtum erwerben, nicht nur ihn haben und etwa meinen Familienangehörigen vererben, sondern ich soll, was ich erworben habe, da ich Geistesund andere Kräfte gebraucht habe, um das zusammenzubringen, da ich Tüchtigkeit hineingegossen habe, ich soll diese Tüchtigkeit wiederum verwenden, um zum Heil der Menschheit diesen Reichtum zu verwalten.

[ 32 ] So wird es eigentlich zu einem Ideal für ihn, dass der Mensch, während er sich allerdings den Zeitverhältnissen fügt, so viel Reichtum erwirbt als möglich, aber keinen Reichtum hinterlässt, sondern ihn anwendet zum Besten der Menschheit. Nun kommt er zu einem Satz, der charakteristisch ist für diese Weltanschauung; der Satz heißt: Reich gestorben entehrt! Also, das Ideal, das er sich vorsetzt, ist, dass man zwar reich werden darf, um durch den Reichtum die Möglichkeit zu gewinnen, zum Segen der Menschheit damit zu wirken, aber er stellt sich vor, dass man mit dem Tode fertig sein muss mit der Arbeit, den Reichtum in den Dienst der Menschheit gestellt zu haben. Er sagt: Ehrbar ist, wenn man stirbt und nichts hinterlässt. Natürlich ist dieses «Nichts» nicht pedantisch genommen; den Töchtern etwa soll schon so viel vererbt werden, dass sie leben können, aber radikal gesprochen sagt er: Reich werden ist eine Notwendigkeit, reich sterben entehrt. Ein ehrlicher Mann ist für ihn derjenige, der sozusagen Schluss macht mit dem Leben und nicht irgendeiner Ungewissheit das überlässt, was er durch seine Tüchtigkeit zusammengebracht hat.

[ 32 ] So wird es eigentlich zu einem Ideal für ihn, dass der Mensch, während er sich allerdings den Zeitverhältnissen fügt, so viel Reichtum erwirbt als möglich, aber keinen Reichtum hinterlässt, sondern ihn anwendet zum Besten der Menschheit. Nun kommt er zu einem Satz, der charakteristisch ist für diese Weltanschauung; der Satz heißt: Reich gestorben entehrt! Also, das Ideal, das er sich vorsetzt, ist, dass man zwar reich werden darf, um durch den Reichtum die Möglichkeit zu gewinnen, zum Segen der Menschheit damit zu wirken, aber er stellt sich vor, dass man mit dem Tode fertig sein muss mit der Arbeit, den Reichtum in den Dienst der Menschheit gestellt zu haben. Er sagt: Ehrbar ist, wenn man stirbt und nichts hinterlässt. Natürlich ist dieses «Nichts» nicht pedantisch genommen; den Töchtern etwa soll schon so viel vererbt werden, dass sie leben können, aber radikal gesprochen sagt er: Reich werden ist eine Notwendigkeit, reich sterben entehrt. Ein ehrlicher Mann ist für ihn derjenige, der sozusagen Schluss macht mit dem Leben und nicht irgendeiner Ungewissheit das überlässt, was er durch seine Tüchtigkeit zusammengebracht hat.

[ 33 ] Und nun müssen wir fühlen den Gegensatz von zwei so einander gegenüberstehenden Persönlichkeiten, wie Tolstoi und Carnegie es sind. Carnegie selbst fühlt den Gegensatz und er spricht aus: Oh, der Graf Tolstoi will uns wiederum zu Christus zurückführen, aber auf eine Art, die mit unserem Leben nicht mehr zusammengeht. Statt dass er uns zu dem Christus zurückführen will, sollte man lieber zeigen, was der Christus heute, unter den heutigen Verhältnissen den Menschen raten würde. In seinem Satze: Wer reich stirbt, ist entehrt, findet er die wirkliche Ausprägung des christlichen Gedankens und lässt es durchmerken, dass er glaubt, dass Christus, wenn er heute vernehmlich zu den Menschen sprechen würde, ihm recht geben würde und nicht Tolstoi.

[ 33 ] Und nun müssen wir fühlen den Gegensatz von zwei so einander gegenüberstehenden Persönlichkeiten, wie Tolstoi und Carnegie es sind. Carnegie selbst fühlt den Gegensatz und er spricht aus: Oh, der Graf Tolstoi will uns wiederum zu Christus zurückführen, aber auf eine Art, die mit unserem Leben nicht mehr zusammengeht. Statt dass er uns zu dem Christus zurückführen will, sollte man lieber zeigen, was der Christus heute, unter den heutigen Verhältnissen den Menschen raten würde. In seinem Satze: Wer reich stirbt, ist entehrt, findet er die wirkliche Ausprägung des christlichen Gedankens und lässt es durchmerken, dass er glaubt, dass Christus, wenn er heute vernehmlich zu den Menschen sprechen würde, ihm recht geben würde und nicht Tolstoi.

[ 34 ] Wir sehen aber zu gleicher Zeit, dass dieser Mann, Carnegie, wirklich eine edle und zu gleicher Zeit nicht etwa eine faule Natur ist wie viele, die die Verhältnisse hinnehmen und nicht über sie nachdenken. Er hat ja nicht nur dasjenige, das ich jetzt als Hauptzug hingestellt habe, gesagt; er hat die verschiedensten Wege gesucht, wie man seinen Reichtum anwenden könne und dergleichen mehr. Nicht wahr, es erscheint wunderbar zunächst, wenn uns das Leben in solchen Gegensätzen entgegentreten kann, wenn in demselben Zeitalter zwei Persönlichkeiten auftreten, die aus einer, man darf sagen, objektiven Weltbetrachtung heraus zu so verschiedenen Gesichtspunkten kommen, und das Orientierende dabei mag für den Menschen recht schwer werden, und es ist durchaus nicht etwa von vornherein zu tadeln, wenn etwa jemand sagen würde heute: Oh, meine ganze Seele geht dahin, wo Tolstoi seine großen Ideale predigt; wie erhaben wirkt diese Persönlichkeit. Aber ich muss auch denken, dass das Leben die praktischen Anforderungen stellt, und wenn ein Mensch kein abstrakter Schwärmer und Träumer ist, sondern wirklich mit realistischem Sinn die Gedankengänge eines solchen Menschen durchmacht, wie Carnegie sie bietet, dann muss man sagen: Das hat durchaus seine Berechtigung. Das zeigt mir aber, wie für denjenigen, der die praktischen Anforderungen des Lebens auf sich wirken lässt, es unmöglich ist, den Idealen wirklich gerecht zu werden, an die Erfüllung der großen Ideale wirklich zu glauben. Und so kann für solch einen ein neuer Zwiespalt hervorgehen wie für Tolstoi.

[ 34 ] Wir sehen aber zu gleicher Zeit, dass dieser Mann, Carnegie, wirklich eine edle und zu gleicher Zeit nicht etwa eine faule Natur ist wie viele, die die Verhältnisse hinnehmen und nicht über sie nachdenken. Er hat ja nicht nur dasjenige, das ich jetzt als Hauptzug hingestellt habe, gesagt; er hat die verschiedensten Wege gesucht, wie man seinen Reichtum anwenden könne und dergleichen mehr. Nicht wahr, es erscheint wunderbar zunächst, wenn uns das Leben in solchen Gegensätzen entgegentreten kann, wenn in demselben Zeitalter zwei Persönlichkeiten auftreten, die aus einer, man darf sagen, objektiven Weltbetrachtung heraus zu so verschiedenen Gesichtspunkten kommen, und das Orientierende dabei mag für den Menschen recht schwer werden, und es ist durchaus nicht etwa von vornherein zu tadeln, wenn etwa jemand sagen würde heute: Oh, meine ganze Seele geht dahin, wo Tolstoi seine großen Ideale predigt; wie erhaben wirkt diese Persönlichkeit. Aber ich muss auch denken, dass das Leben die praktischen Anforderungen stellt, und wenn ein Mensch kein abstrakter Schwärmer und Träumer ist, sondern wirklich mit realistischem Sinn die Gedankengänge eines solchen Menschen durchmacht, wie Carnegie sie bietet, dann muss man sagen: Das hat durchaus seine Berechtigung. Das zeigt mir aber, wie für denjenigen, der die praktischen Anforderungen des Lebens auf sich wirken lässt, es unmöglich ist, den Idealen wirklich gerecht zu werden, an die Erfüllung der großen Ideale wirklich zu glauben. Und so kann für solch einen ein neuer Zwiespalt hervorgehen wie für Tolstoi.

[ 35 ] Und nun versuchen wir einmal, jetzt, ich möchte sagen, aus der Seelenkunde heraus noch ein wenig tiefer in diese beiden Persönlichkeiten uns zu vertiefen. Tolstoi dringt wohl durch zu einer vollständigen Verteidigung, wie er meint, der ursprünglichen christlichen Lehre; er versucht alles das, was aus dem Christentum geworden ist, da und dort aufgetreten ist, in der herbsten Weise zu kritisieren, und er sucht die großen Impulse des Christentums zu finden. In verhältnismäßig einfacher Art stellt Tolstoi diese Impulse des Christentums hin. Er sagt: Wenn der Mensch diese Impulse versteht, so ist es klar, dass er in sich selbst einen Funken hat einer ewigen, die Welt durchleuchtenden Gotteskraft. Und das Zweite, was ihm klar wird, ist, dass er in diesem Funken den Inhalt seines eigenen Unsterblichen hat und dass er, wenn er das Verständnis hat, gar nicht mehr anders kann, als einen tieferen Menschen im gewöhnlichen irdischen Menschen zu suchen. Und wenn er diese Empfindung verfolgt, wenn er sich klar wird darüber, dass er einen tieferen Menschen in sich selbst zu suchen hat, dann kann er nicht anders, als überwinden das, was in seiner niederen Natur liegt, und so wird er ein strenger Forderer der anderen Natur, der Ausbildung des höheren Menschen in sich selbst, des Menschen, der nachlebt dem Christus. Wie würde ein Mensch — ich will nicht sagen Carnegie selber, aber einer, der in Erwägung zieht, was etwa aus Carnegies Lebensanschauung folgt —, wie würde der sich nun zu einer solchen Stellung Tolstois zu Christus verhalten können? Er würde sagen: Oh, es ist groß und gewaltig, also in Christus sich hineinzuleben, den Christus in sich selbst lebendig werden zu lassen. Aber es ist ihm gegenüber zu sagen: In den äußeren Verhältnissen lässt sich das nicht in die Wirklichkeit umsetzen. Wie sollen sich die staatlichen Verhältnisse gestalten, wenn man dieser strengen Christusforderung nachlebt?

[ 35 ] Und nun versuchen wir einmal, jetzt, ich möchte sagen, aus der Seelenkunde heraus noch ein wenig tiefer in diese beiden Persönlichkeiten uns zu vertiefen. Tolstoi dringt wohl durch zu einer vollständigen Verteidigung, wie er meint, der ursprünglichen christlichen Lehre; er versucht alles das, was aus dem Christentum geworden ist, da und dort aufgetreten ist, in der herbsten Weise zu kritisieren, und er sucht die großen Impulse des Christentums zu finden. In verhältnismäßig einfacher Art stellt Tolstoi diese Impulse des Christentums hin. Er sagt: Wenn der Mensch diese Impulse versteht, so ist es klar, dass er in sich selbst einen Funken hat einer ewigen, die Welt durchleuchtenden Gotteskraft. Und das Zweite, was ihm klar wird, ist, dass er in diesem Funken den Inhalt seines eigenen Unsterblichen hat und dass er, wenn er das Verständnis hat, gar nicht mehr anders kann, als einen tieferen Menschen im gewöhnlichen irdischen Menschen zu suchen. Und wenn er diese Empfindung verfolgt, wenn er sich klar wird darüber, dass er einen tieferen Menschen in sich selbst zu suchen hat, dann kann er nicht anders, als überwinden das, was in seiner niederen Natur liegt, und so wird er ein strenger Forderer der anderen Natur, der Ausbildung des höheren Menschen in sich selbst, des Menschen, der nachlebt dem Christus. Wie würde ein Mensch — ich will nicht sagen Carnegie selber, aber einer, der in Erwägung zieht, was etwa aus Carnegies Lebensanschauung folgt —, wie würde der sich nun zu einer solchen Stellung Tolstois zu Christus verhalten können? Er würde sagen: Oh, es ist groß und gewaltig, also in Christus sich hineinzuleben, den Christus in sich selbst lebendig werden zu lassen. Aber es ist ihm gegenüber zu sagen: In den äußeren Verhältnissen lässt sich das nicht in die Wirklichkeit umsetzen. Wie sollen sich die staatlichen Verhältnisse gestalten, wenn man dieser strengen Christusforderung nachlebt?

[ 36 ] Wenn auch nicht in dieser Weise die Frage von anderer Seite gestellt worden ist, Tolstoi gibt die Antwort so bestimmt als möglich. Er sagt: Was in der äußeren Ordnung aus solcher Anschauung wird, für den Staat, für die äußeren geschichtlichen Ereignisse, das weiß ich nicht, das entzicht sich meinem Wissen; dass man aber im Sinne dieses christlichen Glaubens leben muss, das ist mir eine Gewissheit. — Und so entwickelt sich für Tolstoi das Wort: Das Reich Gottes ist in euch! (Lk 17, 21) zu einer tiefen, bedeutsamen Anschauung von der Art der Gewissheit, die der Mensch haben kann, von den höchsten Dingen. Ganz bildet sich in ihm aus die Anschauung von einer inneren Gewissheit, und so sucht er diesen Grundstein in der Seele zu finden, der es möglich macht, dass die Seele sich über gewisse Dinge rücksichtslos gewiss wird, über dies oder jenes, dass diese Seele sich sagt: Es mag noch so sonderbar erscheinen, was da wird, wenn man nur die äußere Weltanschaulichkeit /Lücke], weil diese innere Gewissheit die einzige ist, so muss sie erfüllt werden. Es entzieht sich meinen Beobachtungen, was folgen kann, aber sie müssen gut sein, weil das unter Umständen im ewigen guten Urquell der Dinge entspringen muss.

[ 36 ] Wenn auch nicht in dieser Weise die Frage von anderer Seite gestellt worden ist, Tolstoi gibt die Antwort so bestimmt als möglich. Er sagt: Was in der äußeren Ordnung aus solcher Anschauung wird, für den Staat, für die äußeren geschichtlichen Ereignisse, das weiß ich nicht, das entzicht sich meinem Wissen; dass man aber im Sinne dieses christlichen Glaubens leben muss, das ist mir eine Gewissheit. — Und so entwickelt sich für Tolstoi das Wort: Das Reich Gottes ist in euch! (Lk 17, 21) zu einer tiefen, bedeutsamen Anschauung von der Art der Gewissheit, die der Mensch haben kann, von den höchsten Dingen. Ganz bildet sich in ihm aus die Anschauung von einer inneren Gewissheit, und so sucht er diesen Grundstein in der Seele zu finden, der es möglich macht, dass die Seele sich über gewisse Dinge rücksichtslos gewiss wird, über dies oder jenes, dass diese Seele sich sagt: Es mag noch so sonderbar erscheinen, was da wird, wenn man nur die äußere Weltanschaulichkeit /Lücke], weil diese innere Gewissheit die einzige ist, so muss sie erfüllt werden. Es entzieht sich meinen Beobachtungen, was folgen kann, aber sie müssen gut sein, weil das unter Umständen im ewigen guten Urquell der Dinge entspringen muss.

[ 37 ] So ist vielleicht in keiner anderen gegenwärtigen Persönlichkeit so stark das Bauen auf eine innere Gewissheit und der feste Glaube, dass bei diesem Bauen äußerlich, was auch kommen mag, das Gute kommen muss, es ist vielleicht bei keiner heutigen Persönlichkeit dieser Glaube so intensiv als bei Tolstoi. Daher hat wohl keine Persönlichkeit mit einem solch persönlichen, individuellen Anteil, mit einer solchen inneren Wahrheit gerade zu einer solchen Welt[anschauung] sich bekannt.

[ 37 ] So ist vielleicht in keiner anderen gegenwärtigen Persönlichkeit so stark das Bauen auf eine innere Gewissheit und der feste Glaube, dass bei diesem Bauen äußerlich, was auch kommen mag, das Gute kommen muss, es ist vielleicht bei keiner heutigen Persönlichkeit dieser Glaube so intensiv als bei Tolstoi. Daher hat wohl keine Persönlichkeit mit einem solch persönlichen, individuellen Anteil, mit einer solchen inneren Wahrheit gerade zu einer solchen Welt[anschauung] sich bekannt.

[ 38 ] Und da haben wir wieder Gelegenheit, die Seelenstimmung beider zu illustrieren. Carnegie denkt nach: Wie muss sich Mensch zu Mensch verhalten, wie muss sich der Reiche zum Armen verhalten? Und da geht ihm der Gedanke durch die Seele: Es ist nicht immer gut, wenn man dem, der einen anbettelt, etwas schenkt; denn es handelt sich darum, dass man den Bettler vielleicht faul machen kann — sagt Carnegie; vielleicht stiftet man nichts Gutes dadurch. Man soll sich die Leute anschauen, die man unterstützt. Eigentlich sollte nur derjenige unterstützt werden, der einen Willen zur Arbeit hat. Und in einem ganzen System führt Carnegie dies durch. Er sagt, er verstehe es sehr wohl, dass der Mann, der da nur etwas gibt, damit er den Bettler loswird, mehr Unheil stiftet als der Geizige, der gar nichts gibt.

[ 38 ] Und da haben wir wieder Gelegenheit, die Seelenstimmung beider zu illustrieren. Carnegie denkt nach: Wie muss sich Mensch zu Mensch verhalten, wie muss sich der Reiche zum Armen verhalten? Und da geht ihm der Gedanke durch die Seele: Es ist nicht immer gut, wenn man dem, der einen anbettelt, etwas schenkt; denn es handelt sich darum, dass man den Bettler vielleicht faul machen kann — sagt Carnegie; vielleicht stiftet man nichts Gutes dadurch. Man soll sich die Leute anschauen, die man unterstützt. Eigentlich sollte nur derjenige unterstützt werden, der einen Willen zur Arbeit hat. Und in einem ganzen System führt Carnegie dies durch. Er sagt, er verstehe es sehr wohl, dass der Mann, der da nur etwas gibt, damit er den Bettler loswird, mehr Unheil stiftet als der Geizige, der gar nichts gibt.

[ 39 ] Wir wollen über solche Dinge nicht richten, wir wollen sie charakterisieren, aber sehen wir in ähnlicher Lage Tolstoi: Er lernt einen Menschen kennen, der sein Freund wird. Dieser Freund bildet zwar nicht eine Weltanschauung, aber Gefühle in sich aus. Tolstoi sieht ein eigentümliches Gebaren an ihm — viele Menschen können heute solche Dinge nicht glauben; sie sind aber doch wahr. Der Freund wird bestohlen. Säcke stehlen ihm die Diebe; einen lassen sie zurück. Was tut der Freund? Er verfolgt nicht die Diebe, sondern trägt ihnen den einen Sack auch noch nach und sagt: Sie hätten ganz gewiss nicht gestohlen, wenn sie die Sachen nicht notwendig gebraucht hätten. Und in anderen Verhältnissen sieht Tolstoi diesen Freund — und er wird sein Bewunderer, er versteht das ganz genau. Da haben Sie die Anschauung über, sozusagen, die als Parasiten geltenden Menschen auf der einen und auf der anderen Seite. Lebensanschauungen greifen so ins Leben ein, und die Symptome an der Oberfläche können uns die Seelenstimmung charakterisieren.

[ 39 ] Wir wollen über solche Dinge nicht richten, wir wollen sie charakterisieren, aber sehen wir in ähnlicher Lage Tolstoi: Er lernt einen Menschen kennen, der sein Freund wird. Dieser Freund bildet zwar nicht eine Weltanschauung, aber Gefühle in sich aus. Tolstoi sieht ein eigentümliches Gebaren an ihm — viele Menschen können heute solche Dinge nicht glauben; sie sind aber doch wahr. Der Freund wird bestohlen. Säcke stehlen ihm die Diebe; einen lassen sie zurück. Was tut der Freund? Er verfolgt nicht die Diebe, sondern trägt ihnen den einen Sack auch noch nach und sagt: Sie hätten ganz gewiss nicht gestohlen, wenn sie die Sachen nicht notwendig gebraucht hätten. Und in anderen Verhältnissen sieht Tolstoi diesen Freund — und er wird sein Bewunderer, er versteht das ganz genau. Da haben Sie die Anschauung über, sozusagen, die als Parasiten geltenden Menschen auf der einen und auf der anderen Seite. Lebensanschauungen greifen so ins Leben ein, und die Symptome an der Oberfläche können uns die Seelenstimmung charakterisieren.

[ 40 ] Nun aber müssen wir sagen: Tolstoi wird nicht nur in Bezug auf all das, was wir genannt haben, ein herber Kritiker des Lebens; sondern dadurch, dass er den Grundquell menschlicher Gewissheit erfasst hat, wird er auch in Bezug auf seine Seelenentwicklung zu einem merkwürdigen Punkt geführt, und da beginnt dasjenige, wo uns Tolstoi eigentlich erst in seiner ganzen Größe erscheint - für den erscheint, der solch eine Größe würdigen kann. Eines fließt heraus aus dieser Anschauung über die Gewissheit, das man nicht genug bewundern kann, das ist Tolstois Stellung zum Wert der Wissenschaft, der zeitgenössischen Wissenschaft, und dann fließt heraus eine bestimmte Vorstellungswelt über das Leben und andere wichtige Probleme und Fragen. Weil er so in das Innere des Menschen hineinzuschauen sich bemüht, konnte er durchschauen all das Vergebliche in den Methoden unserer weltlichen Wissenschaften. Gewiss, es ist leicht zu verstehen, was diese Wissenschaften alles leisten, die Wege zu verfolgen, die sie gehen, aber das, was diese Wissenschaften — das ist ganz im Sinne Tolstois gesprochen — niemals können, ist die Beantwortung der Frage: Wie gliedern sich diese verschiedenen äußeren, chemisch-physikalischen Vorgänge dem Leben ein? Was ist das Leben?

[ 40 ] Nun aber müssen wir sagen: Tolstoi wird nicht nur in Bezug auf all das, was wir genannt haben, ein herber Kritiker des Lebens; sondern dadurch, dass er den Grundquell menschlicher Gewissheit erfasst hat, wird er auch in Bezug auf seine Seelenentwicklung zu einem merkwürdigen Punkt geführt, und da beginnt dasjenige, wo uns Tolstoi eigentlich erst in seiner ganzen Größe erscheint - für den erscheint, der solch eine Größe würdigen kann. Eines fließt heraus aus dieser Anschauung über die Gewissheit, das man nicht genug bewundern kann, das ist Tolstois Stellung zum Wert der Wissenschaft, der zeitgenössischen Wissenschaft, und dann fließt heraus eine bestimmte Vorstellungswelt über das Leben und andere wichtige Probleme und Fragen. Weil er so in das Innere des Menschen hineinzuschauen sich bemüht, konnte er durchschauen all das Vergebliche in den Methoden unserer weltlichen Wissenschaften. Gewiss, es ist leicht zu verstehen, was diese Wissenschaften alles leisten, die Wege zu verfolgen, die sie gehen, aber das, was diese Wissenschaften — das ist ganz im Sinne Tolstois gesprochen — niemals können, ist die Beantwortung der Frage: Wie gliedern sich diese verschiedenen äußeren, chemisch-physikalischen Vorgänge dem Leben ein? Was ist das Leben?

[ 41 ] Und nun kommen wir zu demjenigen, was hier eigentlich gemeint sein muss. Tolstoi kommt zu einer eigentümlichen Art, ein tiefes, wissenschaftliches Problem, das Problem des Lebens, zu erforschen. Bitte, meine sehr verehrten Anwesenden, schauen Sie sich um überall in unserer westlichen Wissenschaft, wo vom Leben gesprochen wird, und stellen Sie dagegen nur einen einzigen Vergleich an, den Tolstoi gebraucht in Bezug auf dieses Rätsel des Lebens. Er sagt: Die Leute, die im Sinne der heutigen Wissenschaft das Rätsel des Lebens zu erforschen suchen, kommen mir vor wie Leute, die die Bäume kennenlernen wollen in ihrer Eigenart und es so machen: Sie sind mitten drinnen unter den Bäumen, schauen aber diese nicht an, sondern nehmen ein Fernrohr und richten es auf ferne Berghänge, auf denen, wie sie vernommen haben, Bäume stehen sollen, deren Wesen und Natur sie erforschen wollen. So, meint Tolstoi, kommen mir die Leute vor, die ihre Seele, den Grundquell ihres Lebens, da in sich selber tragen, die nur hineinzublicken brauchten in sich selbst, um das Rätsel des Lebens zu durchschauen, die aber - nun, was tun sie? Sie machen sich Instrumente, bauen sich Methoden auf und versuchen, dasjenige zu zerlegen, was um sie herum ist, und da sehen sie erst recht nichts, was das Leben ist. Durch einen solchen Vergleich zeigt uns ein Denker wie Tolstoi — ein eminenter Denker — dass er in Bezug auf diese Frage empfindet, worauf es ankommt. Wer sich in diese Seite der Tolstoi’schen Weltanschauung hineinarbeitet, der weiß, dass dasjenige, was in seinem Buche steht «Über das Leben» in Bezug auf Erforschung und Bewertung des Lebens, dass das mehr wert ist als ganze Bibliotheken Westeuropas, die vom Standpunkt der heutigen Wissenschaft über das Problem des Lebens geschrieben werden. Und dann lernt man auch fühlen, was es wert ist, solche Seelenerlebnisse zu haben wie Tolstoi, welche Bedeutung es hat, über die Gewissheit so zu denken wie er. Man lernt dann bewundern, wie Dinge, die man, wenn man sozusagen in der wissenschaftlichen Arbeitsmethode unserer Gegenwart steht, mit lang verschränkten Gedankengängen durchgehen muss, ganze Bücher schreiben muss, wie die von Tolstoi in fünf Zeilen absolviert werden. Es kann der Wert eines solchen Buches wie das über das Leben von Tolstoi gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Mag es der heutige Wissenschafter als etwas bloß Feuilletonistisches finden; wer sich den Denkgewohnheiten im Sinne dieser Auseinandersetzungen anzupassen vermag, der findet eine Lösung über das Problem des Lebens wie sonst nicht.

[ 41 ] Und nun kommen wir zu demjenigen, was hier eigentlich gemeint sein muss. Tolstoi kommt zu einer eigentümlichen Art, ein tiefes, wissenschaftliches Problem, das Problem des Lebens, zu erforschen. Bitte, meine sehr verehrten Anwesenden, schauen Sie sich um überall in unserer westlichen Wissenschaft, wo vom Leben gesprochen wird, und stellen Sie dagegen nur einen einzigen Vergleich an, den Tolstoi gebraucht in Bezug auf dieses Rätsel des Lebens. Er sagt: Die Leute, die im Sinne der heutigen Wissenschaft das Rätsel des Lebens zu erforschen suchen, kommen mir vor wie Leute, die die Bäume kennenlernen wollen in ihrer Eigenart und es so machen: Sie sind mitten drinnen unter den Bäumen, schauen aber diese nicht an, sondern nehmen ein Fernrohr und richten es auf ferne Berghänge, auf denen, wie sie vernommen haben, Bäume stehen sollen, deren Wesen und Natur sie erforschen wollen. So, meint Tolstoi, kommen mir die Leute vor, die ihre Seele, den Grundquell ihres Lebens, da in sich selber tragen, die nur hineinzublicken brauchten in sich selbst, um das Rätsel des Lebens zu durchschauen, die aber - nun, was tun sie? Sie machen sich Instrumente, bauen sich Methoden auf und versuchen, dasjenige zu zerlegen, was um sie herum ist, und da sehen sie erst recht nichts, was das Leben ist. Durch einen solchen Vergleich zeigt uns ein Denker wie Tolstoi — ein eminenter Denker — dass er in Bezug auf diese Frage empfindet, worauf es ankommt. Wer sich in diese Seite der Tolstoi’schen Weltanschauung hineinarbeitet, der weiß, dass dasjenige, was in seinem Buche steht «Über das Leben» in Bezug auf Erforschung und Bewertung des Lebens, dass das mehr wert ist als ganze Bibliotheken Westeuropas, die vom Standpunkt der heutigen Wissenschaft über das Problem des Lebens geschrieben werden. Und dann lernt man auch fühlen, was es wert ist, solche Seelenerlebnisse zu haben wie Tolstoi, welche Bedeutung es hat, über die Gewissheit so zu denken wie er. Man lernt dann bewundern, wie Dinge, die man, wenn man sozusagen in der wissenschaftlichen Arbeitsmethode unserer Gegenwart steht, mit lang verschränkten Gedankengängen durchgehen muss, ganze Bücher schreiben muss, wie die von Tolstoi in fünf Zeilen absolviert werden. Es kann der Wert eines solchen Buches wie das über das Leben von Tolstoi gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Mag es der heutige Wissenschafter als etwas bloß Feuilletonistisches finden; wer sich den Denkgewohnheiten im Sinne dieser Auseinandersetzungen anzupassen vermag, der findet eine Lösung über das Problem des Lebens wie sonst nicht.

[ 42 ] Und so sehen wir, wie immer mehr und mehr diese Betrachtung zeigt, wie Tolstois Geist etwas wird, was sich in sich immer mehr und mehr konzentriert, was mit wenigen Strichen große Probleme nicht in vzelen Worten, aber mit ausstrahlenden Kraftworten hinzuzaubern und zu lösen versteht gegenüber den langen Auseinandersetzungen wissenschaftlicher und philosophischer Art, die sonst gepflogen werden. Da tritt uns nun Tolstoi in seinem ganz tiefen Seelencharakter entgegen, und erst wenn wir ihn von diesem Gesichtspunkt aus kennen, erst dann können wir uns Aufschluss darüber geben, welches die tiefen Geistesgründe sind dafür, dass solch eine Persönlichkeit werden kann wie Tolstoi auf der einen Seite und Carnegie auf der anderen, welch Letzterer uns sehr plausibel, welcher uns als wichtige Persönlichkeit erscheint. Wir werden die geistigen Untergründe, die auf der einen Seite zu Tolstoi und auf der anderen zu Carnegie führen, verstehen, wenn wir jetzt vom Standpunkte der Geisteswissenschaft ein wenig nur charakterisieren, wie diese Geistesentwicklung vor sich geht, in gewissen Persönlichkeiten sich zum Ausdruck bringt.

[ 42 ] Und so sehen wir, wie immer mehr und mehr diese Betrachtung zeigt, wie Tolstois Geist etwas wird, was sich in sich immer mehr und mehr konzentriert, was mit wenigen Strichen große Probleme nicht in vzelen Worten, aber mit ausstrahlenden Kraftworten hinzuzaubern und zu lösen versteht gegenüber den langen Auseinandersetzungen wissenschaftlicher und philosophischer Art, die sonst gepflogen werden. Da tritt uns nun Tolstoi in seinem ganz tiefen Seelencharakter entgegen, und erst wenn wir ihn von diesem Gesichtspunkt aus kennen, erst dann können wir uns Aufschluss darüber geben, welches die tiefen Geistesgründe sind dafür, dass solch eine Persönlichkeit werden kann wie Tolstoi auf der einen Seite und Carnegie auf der anderen, welch Letzterer uns sehr plausibel, welcher uns als wichtige Persönlichkeit erscheint. Wir werden die geistigen Untergründe, die auf der einen Seite zu Tolstoi und auf der anderen zu Carnegie führen, verstehen, wenn wir jetzt vom Standpunkte der Geisteswissenschaft ein wenig nur charakterisieren, wie diese Geistesentwicklung vor sich geht, in gewissen Persönlichkeiten sich zum Ausdruck bringt.

[ 43 ] Der Geistesforscher sieht im Gang der Menschheit noch etwas ganz anderes als das Gewöhnliche. Geradeso wie die Geisteswissenschaft in dem Menschen, der vor uns steht, ein vielgliedriges Wesen sieht, wie sie in dem physischen Leib nur ein Glied, nur die Wirkung höherer geistiger Glieder sieht und dahinter den Äther-, den Astralleib und das Ich, so sieht sie auch in dem, was uns in der sozialen Ordnung, im menschlichen Leben gegenübertritt, was uns als Volk, als Stamm, als Familie äußerlich sichtbar entgegentritt, den physischen Leib, den physischen Volks-, Stammes-, Familienleib für ein dahinterstehendes Geistiges. Wenn man in der heutigen Wissenschaft spricht von Volksgeist, Zeitgeist, dann sind das Worte, die nicht viel bedeuten. Was denkt sich der, der vom deutschen, französischen, englischen Volksgeist spricht? Wirklich ist er in der Regel für den heutigen Denker doch nur die Summe von so und so viel Menschen; die bilden das Reale, und ein völliges Abstraktum ist der Volksgeist, das, was man sich eben herausbildet im Geist, wenn man sich den Begriff sucht aus den vielen Einzelheiten. Man hat keine Vorstellung davon, dass dieses, was uns äußerlich entgegentritt als so und so viele Menschen, dass das geradeso wie der Menschenleib der Ausdruck eines Ätherleibes, eines Astralleibes und eines Ich ist, dass das wirklich auch der Ausdruck eines Geistigen ist. Man hat verloren heute, was man früher besessen hat; es ist heute nicht mehr leicht, klarzumachen, wie dieses Geistige waltet hinter dem Sinnlichen.

[ 43 ] Der Geistesforscher sieht im Gang der Menschheit noch etwas ganz anderes als das Gewöhnliche. Geradeso wie die Geisteswissenschaft in dem Menschen, der vor uns steht, ein vielgliedriges Wesen sieht, wie sie in dem physischen Leib nur ein Glied, nur die Wirkung höherer geistiger Glieder sieht und dahinter den Äther-, den Astralleib und das Ich, so sieht sie auch in dem, was uns in der sozialen Ordnung, im menschlichen Leben gegenübertritt, was uns als Volk, als Stamm, als Familie äußerlich sichtbar entgegentritt, den physischen Leib, den physischen Volks-, Stammes-, Familienleib für ein dahinterstehendes Geistiges. Wenn man in der heutigen Wissenschaft spricht von Volksgeist, Zeitgeist, dann sind das Worte, die nicht viel bedeuten. Was denkt sich der, der vom deutschen, französischen, englischen Volksgeist spricht? Wirklich ist er in der Regel für den heutigen Denker doch nur die Summe von so und so viel Menschen; die bilden das Reale, und ein völliges Abstraktum ist der Volksgeist, das, was man sich eben herausbildet im Geist, wenn man sich den Begriff sucht aus den vielen Einzelheiten. Man hat keine Vorstellung davon, dass dieses, was uns äußerlich entgegentritt als so und so viele Menschen, dass das geradeso wie der Menschenleib der Ausdruck eines Ätherleibes, eines Astralleibes und eines Ich ist, dass das wirklich auch der Ausdruck eines Geistigen ist. Man hat verloren heute, was man früher besessen hat; es ist heute nicht mehr leicht, klarzumachen, wie dieses Geistige waltet hinter dem Sinnlichen.

[ 44 ] Ein alter Freund von mir, ein guter Aristoteliker, versuchte seinen Zuhörern klar zu machen, wie das Geistige in der sinnlichen Erscheinung vergegenständlicht werden kann durch ein einfaches Beispiel. Vincenz Knauer — der war es — versuchte klarzumachen, dass in der Form der Geist waltet, indem er sagte: Betrachten wir einen Wolf, der frisst meinetwegen ein ganzes Leben lang lauter Lämmer; er besteht dann aus lauter Lammsmaterie; aber er ist deswegen kein Lamm geworden. Es kommt nicht auf die Materie an, sondern darauf, dass im Wolf etwas ist, was als das Geistige dahintersteht, was das Wesentliche ist, was die Materie gliedert und aufbaut. Das ist ein sehr Reales, etwas, was man kennen muss, da sonst alles Studium der äußeren Welt im Wesenlosen sich bewegt. Untersuchen Sie noch so viel in der sinnlichen Welt, wenn Sie nicht zum Geistigen durchdringen, dann kommen Sie nicht zum Wesenhaften.

[ 44 ] Ein alter Freund von mir, ein guter Aristoteliker, versuchte seinen Zuhörern klar zu machen, wie das Geistige in der sinnlichen Erscheinung vergegenständlicht werden kann durch ein einfaches Beispiel. Vincenz Knauer — der war es — versuchte klarzumachen, dass in der Form der Geist waltet, indem er sagte: Betrachten wir einen Wolf, der frisst meinetwegen ein ganzes Leben lang lauter Lämmer; er besteht dann aus lauter Lammsmaterie; aber er ist deswegen kein Lamm geworden. Es kommt nicht auf die Materie an, sondern darauf, dass im Wolf etwas ist, was als das Geistige dahintersteht, was das Wesentliche ist, was die Materie gliedert und aufbaut. Das ist ein sehr Reales, etwas, was man kennen muss, da sonst alles Studium der äußeren Welt im Wesenlosen sich bewegt. Untersuchen Sie noch so viel in der sinnlichen Welt, wenn Sie nicht zum Geistigen durchdringen, dann kommen Sie nicht zum Wesenhaften.

[ 45 ] So ist es aber auch in Bezug auf solche Worte wie Volksgeist, Zeitgeist. Für den Geistesforscher ist eine Summe von Menschen nicht nur das, was in der physischen Welt beobachtet werden kann, es lebt dahinter etwas Geistiges. Und so lebt für den Geistesforscher ein Geistiges, ein wirkliches Geistiges, nicht ein bloßes, wesenloses Abstraktum in der christlichen Entwicklung zum Beispiel. Neben den Christen gibt es einen Geist des Christentums, der ein wesenhaft Wirkliches ist. Solch ein Geist arbeitet in ganz sonderbarer Art; er arbeitet so, wie wir es uns durch ein Gleichnis nun in der kürzesten Art verständlich machen können. Denken Sie sich einmal, es hätte ein Bauer irgendeine Ernte eingebracht und nun teilt er sie. Einen Teil verkauft er, einer kommt auf die Seite, um verzehrt zu werden, einen behält er zurück; der soll die nächste Aussaat bilden. Der kommt dann als Neues wieder zum Vorschein. Es wäre schlimm, wenn man nichts zurückbehalten würde; ersterben würde das, was da drinnen liegt. Das soll ein Vergleich sein, der uns führt zu einer realen Gesetzmäßigkeit in der Menschenentwicklung. Die Entwicklung geht so rasch vor sich, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt gewisse Impulse gegeben werden; diese müssen sich einleben, verbreiten. Würde in einem gewissen Zeitpunkt ein geistiger Impuls wie das Christentum gegeben werden, dann würde das sich in die äußere Welt einleben und diese oder jene Form annehmen, aber es würde so etwa, wie die äußeren Teile eines Baumes in die Rinde übergehen, so würde die Form vertrocknen, ersterben. Diese äußeren Formen sind dazu berufen, nach und nach zu ersterben, und wenn der Impuls noch so fruchtbar ist - wie er sich in die Außenwelt einlebt, muss dieses Äußere ein Ersterbendes werden. Nun muss aber, wie der Bauer etwas zurückbehält, etwas zurückbleiben von den geistigen Impulsen, das wie durch unterirdische Kanäle fließt und dann mit ursprünglicher Stärke wiederum als befruchtend in der Entwicklung der Menschheit auftritt. Dann erscheinen uns Persönlichkeiten, in denen ein solcher durch Jahrhunderte vielleicht hindurchgehender Impuls sich verkörpert. Solche Persönlichkeiten erscheinen uns in starkem Gegensatze zur Umwelt; sie müssen ja im Gegensatz stehen, weil die Umwelt das Verdorrende ist. Solche Persönlichkeiten sind häufig geneigt, überhaupt die Umwelt nicht zu berücksichtigen. Geistig betrachtet ist Tolstoi eine solche Persönlichkeit, in der für unsere Zeit der christliche Impuls aufgeleuchtet hat. Und die Dinge geschehen stark in der Welt, damit sie weite Wirkungen erzielen können. Wenn wir sie im Ursprung aufsuchen, so erscheinen sie radikal; denn sie müssen ausstrahlen. Und wir werden uns nicht mehr wundern, wenn wir ein solches Gesetz kennen, dass uns solche Persönlichkeiten in dieser Einseitigkeit erscheinen, und auf der anderen Seite nicht wundern über Persönlichkeiten, die gar nichts in sich haben können von diesen zentralen Strömungen, die ganz drinnen stehen in den peripherischen Wirkungen der Welt. Eine solche Persönlichkeit ist Carnegie. Er kann überblicken den Umkreis und er kann die beste Art ausdenken, wie man sich darin zurechtfinden kann. Carnegie siceht nicht dasjenige, was als Geistiges durch die Menschheit pulsiert. Tolstoi kann, weil er so stark die innere Gewissheit sucht, das Reich Gottes im Innern suchen, kann, weil in ihm verkörpert wird das, was unter der Oberfläche als reale Strömung sich fortgezogen hat, in gewisser Weise kein Herz und keinen Sinn haben für das, was als Ersterben[des] sich um ihn herum abspielt. Und so sehen wir solche Gegensätze, die nicht zusammenkommen können. Wir haben ein äußeres Materielles, und der Betrachter, auf den es uns ankommt, sieht nicht das Geistige, das darin waltet; wir haben das Geistige, das uns aus dem Innern einer Persönlichkeit mit Kraft hervorsprudelt, und wir können dies nicht fassen, wie sich das in die äußere Welt einleben kann. Immer mehr und mehr würde die Menschheit zu solchen Gegensätzen kommen, wenn nicht auch eine andere geistige Strömung eintreten würde, eine geistige Strömung, die ebenso hinblicken kann auf zugrunde liegende geistige Ursachen wie auf das, was diese geistigen Ursachen in der äußeren Wirklichkeit werden. Und verfolgen wir von diesem Gesichtspunkte aus die Theosophie, sie führt in die tiefsten Tiefen des Geisteslebens hinein; sie sucht dieses nicht bloß in so kraftvollen Impulsen, die sich nicht zu Ideen und Tatsachen gliedern, sie sucht dieses Geistesleben in Konkretheit kennenzulernen. Daher kann sie sehen, wie einfließt in die Wirklichkeit das Geistige; sie vermag die Brücke zu schlagen zwischen dem Geistigsten und Materiellsten und kann auf diese Weise diese Gesichtspunkte in höherem Ausgleich zusammenfinden. — Ein anderes Beispiel für dieses Zusammenfinden werden wir morgen sehen.

[ 45 ] So ist es aber auch in Bezug auf solche Worte wie Volksgeist, Zeitgeist. Für den Geistesforscher ist eine Summe von Menschen nicht nur das, was in der physischen Welt beobachtet werden kann, es lebt dahinter etwas Geistiges. Und so lebt für den Geistesforscher ein Geistiges, ein wirkliches Geistiges, nicht ein bloßes, wesenloses Abstraktum in der christlichen Entwicklung zum Beispiel. Neben den Christen gibt es einen Geist des Christentums, der ein wesenhaft Wirkliches ist. Solch ein Geist arbeitet in ganz sonderbarer Art; er arbeitet so, wie wir es uns durch ein Gleichnis nun in der kürzesten Art verständlich machen können. Denken Sie sich einmal, es hätte ein Bauer irgendeine Ernte eingebracht und nun teilt er sie. Einen Teil verkauft er, einer kommt auf die Seite, um verzehrt zu werden, einen behält er zurück; der soll die nächste Aussaat bilden. Der kommt dann als Neues wieder zum Vorschein. Es wäre schlimm, wenn man nichts zurückbehalten würde; ersterben würde das, was da drinnen liegt. Das soll ein Vergleich sein, der uns führt zu einer realen Gesetzmäßigkeit in der Menschenentwicklung. Die Entwicklung geht so rasch vor sich, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt gewisse Impulse gegeben werden; diese müssen sich einleben, verbreiten. Würde in einem gewissen Zeitpunkt ein geistiger Impuls wie das Christentum gegeben werden, dann würde das sich in die äußere Welt einleben und diese oder jene Form annehmen, aber es würde so etwa, wie die äußeren Teile eines Baumes in die Rinde übergehen, so würde die Form vertrocknen, ersterben. Diese äußeren Formen sind dazu berufen, nach und nach zu ersterben, und wenn der Impuls noch so fruchtbar ist - wie er sich in die Außenwelt einlebt, muss dieses Äußere ein Ersterbendes werden. Nun muss aber, wie der Bauer etwas zurückbehält, etwas zurückbleiben von den geistigen Impulsen, das wie durch unterirdische Kanäle fließt und dann mit ursprünglicher Stärke wiederum als befruchtend in der Entwicklung der Menschheit auftritt. Dann erscheinen uns Persönlichkeiten, in denen ein solcher durch Jahrhunderte vielleicht hindurchgehender Impuls sich verkörpert. Solche Persönlichkeiten erscheinen uns in starkem Gegensatze zur Umwelt; sie müssen ja im Gegensatz stehen, weil die Umwelt das Verdorrende ist. Solche Persönlichkeiten sind häufig geneigt, überhaupt die Umwelt nicht zu berücksichtigen. Geistig betrachtet ist Tolstoi eine solche Persönlichkeit, in der für unsere Zeit der christliche Impuls aufgeleuchtet hat. Und die Dinge geschehen stark in der Welt, damit sie weite Wirkungen erzielen können. Wenn wir sie im Ursprung aufsuchen, so erscheinen sie radikal; denn sie müssen ausstrahlen. Und wir werden uns nicht mehr wundern, wenn wir ein solches Gesetz kennen, dass uns solche Persönlichkeiten in dieser Einseitigkeit erscheinen, und auf der anderen Seite nicht wundern über Persönlichkeiten, die gar nichts in sich haben können von diesen zentralen Strömungen, die ganz drinnen stehen in den peripherischen Wirkungen der Welt. Eine solche Persönlichkeit ist Carnegie. Er kann überblicken den Umkreis und er kann die beste Art ausdenken, wie man sich darin zurechtfinden kann. Carnegie siceht nicht dasjenige, was als Geistiges durch die Menschheit pulsiert. Tolstoi kann, weil er so stark die innere Gewissheit sucht, das Reich Gottes im Innern suchen, kann, weil in ihm verkörpert wird das, was unter der Oberfläche als reale Strömung sich fortgezogen hat, in gewisser Weise kein Herz und keinen Sinn haben für das, was als Ersterben[des] sich um ihn herum abspielt. Und so sehen wir solche Gegensätze, die nicht zusammenkommen können. Wir haben ein äußeres Materielles, und der Betrachter, auf den es uns ankommt, sieht nicht das Geistige, das darin waltet; wir haben das Geistige, das uns aus dem Innern einer Persönlichkeit mit Kraft hervorsprudelt, und wir können dies nicht fassen, wie sich das in die äußere Welt einleben kann. Immer mehr und mehr würde die Menschheit zu solchen Gegensätzen kommen, wenn nicht auch eine andere geistige Strömung eintreten würde, eine geistige Strömung, die ebenso hinblicken kann auf zugrunde liegende geistige Ursachen wie auf das, was diese geistigen Ursachen in der äußeren Wirklichkeit werden. Und verfolgen wir von diesem Gesichtspunkte aus die Theosophie, sie führt in die tiefsten Tiefen des Geisteslebens hinein; sie sucht dieses nicht bloß in so kraftvollen Impulsen, die sich nicht zu Ideen und Tatsachen gliedern, sie sucht dieses Geistesleben in Konkretheit kennenzulernen. Daher kann sie sehen, wie einfließt in die Wirklichkeit das Geistige; sie vermag die Brücke zu schlagen zwischen dem Geistigsten und Materiellsten und kann auf diese Weise diese Gesichtspunkte in höherem Ausgleich zusammenfinden. — Ein anderes Beispiel für dieses Zusammenfinden werden wir morgen sehen.

[ 46 ] Heute wollen wir an zwei Persönlichkeiten solche Gegensätze hinstellen und sie begreifen lernen aus dem Geistesleben heraus. So erscheint Theosophie berufen, nicht bloß in äußerer Weise Toleranz zu predigen, sondern jene innere zu finden, die auf der einen Seite mit Bewunderung in eine Seele blickt, welche aus dem Zentrum des Lebens heraus in großer Weise den Impuls gibt, der heute unwahrscheinlich, unmöglich, radikal erscheinen muss, weil er in einem Punkt zusammengedrängt enthält, was über eine ganze Fläche in der Zukunft ausgebreitet sein muss, was dann ganz anders aussehen muss.

[ 46 ] Heute wollen wir an zwei Persönlichkeiten solche Gegensätze hinstellen und sie begreifen lernen aus dem Geistesleben heraus. So erscheint Theosophie berufen, nicht bloß in äußerer Weise Toleranz zu predigen, sondern jene innere zu finden, die auf der einen Seite mit Bewunderung in eine Seele blickt, welche aus dem Zentrum des Lebens heraus in großer Weise den Impuls gibt, der heute unwahrscheinlich, unmöglich, radikal erscheinen muss, weil er in einem Punkt zusammengedrängt enthält, was über eine ganze Fläche in der Zukunft ausgebreitet sein muss, was dann ganz anders aussehen muss.

[ 47 ] Das kann die Theosophie einsehen; sie kann auch mit objektiven Blick auf die Wirklichkeit hinsehen und einer anderen Persönlichkeit wie Carnegie gerecht werden. Das Leben ist keine einförmige Erscheinung, das Leben ist eine vieltönige Erscheinung, und nur dadurch kann es sich in seinem Reichtum entwickeln, dass alle Gegensätze zur Geltung kommen. Aber schlimm wäre es, wenn diese nicht ihren harmonischen Ausgleich fänden. Die Natur der Menschen wird dazu drängen, den einen oder anderen Gegensatz herauszukristallisieren — und so muss es sein —, aber immerzu werden auch, damit die Menschen sich nicht verlieren im menschlichen Leben, es wird auch eine zentrale Weltanschauung da sein müssen, die in gewisser Weise sich hineinversetzen kann in alle Gegensätze und dadurch Verständnis gewinnen mag für das, was sich scheinbar so widerspruchsvoll gegenübersteht.

[ 47 ] Das kann die Theosophie einsehen; sie kann auch mit objektiven Blick auf die Wirklichkeit hinsehen und einer anderen Persönlichkeit wie Carnegie gerecht werden. Das Leben ist keine einförmige Erscheinung, das Leben ist eine vieltönige Erscheinung, und nur dadurch kann es sich in seinem Reichtum entwickeln, dass alle Gegensätze zur Geltung kommen. Aber schlimm wäre es, wenn diese nicht ihren harmonischen Ausgleich fänden. Die Natur der Menschen wird dazu drängen, den einen oder anderen Gegensatz herauszukristallisieren — und so muss es sein —, aber immerzu werden auch, damit die Menschen sich nicht verlieren im menschlichen Leben, es wird auch eine zentrale Weltanschauung da sein müssen, die in gewisser Weise sich hineinversetzen kann in alle Gegensätze und dadurch Verständnis gewinnen mag für das, was sich scheinbar so widerspruchsvoll gegenübersteht.

[ 48 ] Wenn die Theosophie wirken wird in diesem Sinn, dass sie die Seelen in ihren Gegensätzen harmonisieren wird, dann wird sie das, was äußerliche Harmonie in der Welt sein soll, wirklich begründen können. Die äußerliche Harmonie kann nur das Abbild der innerlichen Seelenharmonie sein. Wenn die Theosophie das erreichen wird — und das ist ihr wirkliches Ziel in Bezug auf das Kulturleben —, dann wird sie das finden, was sie als Beweis haben will. Sie will keine theoretischen Beweise, keine Spintisiererei, sie will das, was sie zu sagen hat, hinstellen, will es ins Leben einführen und will dann sehen, wie das Leben harmonisch, beseligend wird dadurch, dass sich das, was sie zu sagen hat, als Leitlinien ins Leben einbürgert. Wenn so die Theosophie sehen kann im Leben, wie das ihr zurück sich spiegelt, was sie einfließen lässt, und wie das das Leben so erscheinen lässt, dass es innerlich harmonisch wird trotz der Gegensätze, dann erblickt sie darin die Bewährung ihrer Grundsätze, ihre wahren Beweise.

[ 48 ] Wenn die Theosophie wirken wird in diesem Sinn, dass sie die Seelen in ihren Gegensätzen harmonisieren wird, dann wird sie das, was äußerliche Harmonie in der Welt sein soll, wirklich begründen können. Die äußerliche Harmonie kann nur das Abbild der innerlichen Seelenharmonie sein. Wenn die Theosophie das erreichen wird — und das ist ihr wirkliches Ziel in Bezug auf das Kulturleben —, dann wird sie das finden, was sie als Beweis haben will. Sie will keine theoretischen Beweise, keine Spintisiererei, sie will das, was sie zu sagen hat, hinstellen, will es ins Leben einführen und will dann sehen, wie das Leben harmonisch, beseligend wird dadurch, dass sich das, was sie zu sagen hat, als Leitlinien ins Leben einbürgert. Wenn so die Theosophie sehen kann im Leben, wie das ihr zurück sich spiegelt, was sie einfließen lässt, und wie das das Leben so erscheinen lässt, dass es innerlich harmonisch wird trotz der Gegensätze, dann erblickt sie darin die Bewährung ihrer Grundsätze, ihre wahren Beweise.