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The Rudolf Steiner Archive

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The Essence of Anthroposophy
within the World Of Sense, Soul And Spirit
GA 68b

11 November 1908, Munich

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The Circular Flow of Man's Life, tr. SOL
  1. Der Kreislauf des Menschen

25. Tolstoi und Carnegie

25. Tolstoy and Carnegie

[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Eine Reihe von Jahren durfte ich von dieser Stelle aus nunmehr schon zu Ihnen sprechen über Gegenstände der Geisteswissenschaft oder, wie man gewohnt worden ist, sie zu nennen, der Theosophie, und diejenigen der verehrten Zuhörer, die mehrere Vorträge in den verflossenen Jahren gehört haben, werden gesehen haben, dass die Grundlage der Geisteswissenschaft, wie sie hier vertreten ist, eine solche Beschaffenheit hat, dass man sagen kann: Geisteswissenschaft oder Theosophie soll nicht bloß gelten als eine träumerische, müssige Beschäftigung einzelner Menschen, die dem Leben fernstehen, sondern sie soll gerade tiefer in die Aufgaben und Rätsel des Lebens hineinleuchten.

[ 1 ] Ladies and gentlemen! For a number of years now, I have had the privilege of speaking to you from this podium on topics related to spiritual science—or, as it has come to be commonly called, theosophy—and those among you who have attended several lectures over the past years will have observed that the foundation of spiritual science, as presented here, is such that one can say: Spiritual Science or Theosophy should not merely be regarded as a dreamy, idle pursuit of individuals who are detached from life, but rather it should shed deeper light on the tasks and mysteries of life.

[ 2 ] Auf der einen Seite ist es ja wahr, dass diese geisteswissenschaftliche Weltanschauung dazu bestimmt ist, den Blick hinaufzulenken in die Sphären der geistigen Urgründe der Welt, zu vermitteln die Erkenntnis dieser geistigen Urgründe der Welt; aber auf der anderen Seite — und es braucht dabei nur erinnert zu werden an jenen Vortrag über die Erziehung des Kindes vom Standpunkt der Geisteswissenschaft aus, der hier gehalten worden ist —, auf der anderen Seite hat diese geisteswissenschaftliche Weltanschauung die Aufgabe, das Leben verständlich zu machen, dem Handeln und Arbeiten im praktischen Leben Richtlinien und Leitsterne zu geben, Orientierung im weitesten Sinn gerade über dasjenige, was um uns herum vor unseren Augen und Ohren vorgeht, und ein tieferes Verständnis desselben zu geben dadurch, dass eben dieses Verständnis hervorgeholt wird aus den tiefer liegenden, gerade geistigen Ursachen. Es kann als ein Beitrag nach dieser Richtung gelten, was uns heute beschäftigen soll.

[ 2 ] On the one hand, it is true that this spiritual-scientific worldview is intended to direct our gaze upward toward the spheres of the world’s spiritual foundations and to convey an understanding of these spiritual foundations; but on the other hand—and one need only recall that lecture on the education of the child from the standpoint of spiritual science that was given here—on the other hand, this spiritual-scientific worldview has the task of making life understandable, of providing guidelines and guiding stars for action and work in practical life, to provide orientation in the broadest sense—precisely regarding what is happening around us before our eyes and ears—and to foster a deeper understanding of it by deriving this very understanding from the deeper, specifically spiritual causes. What we are to consider today can be regarded as a contribution in this direction.

[ 3 ] Das, was den Menschen zunächst verwirren kann, was den Menschen zunächst in allerlei Zwiespalt bringt, das ist doch, wenn ihm das Weltbild, wenn ihm die Angelegenheiten des Lebens in bedeutenden Persönlichkeiten, in deren Meinungen, in deren Gedanken entgegentreten und diese Persönlichkeiten sich so vielfach widersprechen. Mancher von Ihnen wird schon gefühlt haben, wie Theosophie oder Geisteswissenschaft dadurch, dass sie den Blick erweitert, gerade zu einer Ausgleichung der Meinungen durch das Verständnis führt.

[ 3 ] What may initially confuse people—what initially plunges them into all sorts of conflict—is when their worldview, when the affairs of life, confront them through significant personalities, through their opinions and thoughts, and these personalities contradict one another so often. Some of you may already have sensed how theosophy or spiritual science, by broadening one’s perspective, actually leads to a harmonization of opinions through understanding.

[ 4 ] Zwei Persönlichkeiten der Gegenwart, deren Wirken sich unmittelbar unter uns abspielt, deren Meinungen sozusagen durch die Welt ziehen von Osten nach Westen und von Westen nach Osten, sollen uns heute beschäftigen, Persönlichkeiten, die so recht geeignet sind, uns vor die Seele zu führen die tiefen Gegensätze, die durch unser Leben gehen — denn vielleicht wird man überhaupt nicht zwei Persönlichkeiten finden können, die so gegensätzlich in alledem [sind], was sie denken und fühlen, was sie ausdrücken als nach ihrer Meinung das Richtige, das für unsere heutigen Bedürfnisse zu tun sei — wir haben auf der einen Seite Tolstoi, den viel Genannten, den Wirkungsvollen, eine Persönlichkeit, von der man vielleicht sagen darf, dass keine Bezeichnung ausreicht, um das in der richtigen Weise zu umspannen, was sie der Gegenwart eigentlich ist; man wird schwerlich ausreichen, wenn man sagt, Moralist sei Tolstoi, wenn man glaubt, ein Reformator auf bestimmten Gebieten, wenn man den Ausdruck Prophet anwenden wollte oder dergleichen, aber wer den Namen dieser Persönlichkeit ausspricht, der wird sich immer bewusst, dass ein Innerlichstes der Menschennatur dabei angeschlagen ist, dass etwas in dieser Persönlichkeit lebt, was wie aus anderen Seelentiefen hervorkommt, als diejenigen sind, die auf der Oberfläche des Daseins sich heute bewegen —, und die andere Persönlichkeit, die mit ihr sozusagen kontrastiert werden soll, ist der amerikanische Millionär Carnegie.

[ 4 ] Today we shall focus on two contemporary figures whose work unfolds right before our eyes, whose opinions, so to speak, travel across the world from east to west and from west to east—figures who are particularly well-suited to reveal to us the profound contrasts that run through our lives. For perhaps it would be impossible to find two figures who are so diametrically opposed in all these [in] what they think and feel, in what they express as, in their opinion, the right thing to do for our needs today—on the one hand, we have Tolstoy, the much-discussed, the influential figure, a personality about whom one might perhaps say that no single label suffices to properly encompass what he actually represents in the present; it would hardly suffice to say that Tolstoy is a moralist, or to regard him as a reformer in certain areas, or to apply the term “prophet” or the like, but whoever utters this person’s name will always become aware that it touches upon the very core of human nature, that something lives within this person which seems to emerge from depths of the soul different from those that move upon the surface of existence today—and the other figure, who is to be contrasted with him, so to speak, is the American millionaire Carnegie.

[ 5 ] Wie kommt Carnegie dazu, gerade mit dieser Persönlichkeit heute zusammengestellt zu werden? Ebenso wahr, wie Tolstoi aus den Tiefen der Seele heraus versucht, eine befriedigende Lösung des Lebens und der Lebensrätsel zu finden, ebenso sucht Carnegie in seiner Art, ebenso repräsentativ, aus tiefen Strömungen unserer Zeit heraus sucht er aus seiner praktischen, man möchte das Wort anwenden, «grundgescheiten» Überschau über das Leben, Prinzipien des Handelns, der Lebensrichtung zu gewinnen. Vielleicht könnte man — aber es klingt fast trivial — sagen: Wie Idealismus und Realismus in allen Zeiten einander gegenübergestanden haben — dabei aber diese Schattierungen so radikal ausgeprägt als möglich — so stehen sich Tolstoi und Carnegie gegenüber.

[ 5 ] Why is Carnegie being compared to this particular figure today? Just as Tolstoy, from the depths of his soul, seeks a satisfying solution to life and its mysteries, so too does Carnegie, in his own way—and just as representatively—draw from the deep currents of our time to gain, through his practical—one might say “down-to-earth”—overview of life, principles of action and a direction in life. Perhaps one could—though it sounds almost trivial—say: Just as idealism and realism have always stood in opposition to one another—with these nuances expressed as radically as possible—so too do Tolstoy and Carnegie stand in opposition to one another.

[ 6 ] Der große deutsche Philosoph Johann Gottlieb Fichte hat den gewiss tiefen und bedeutsamen Satz ausgesprochen: Was man für eine Weltanschauung hat, hängt davon ab, was man für ein Mensch ist — und er hat so darauf hingewiesen, wie die Weltanschauung einer Persönlichkeit doch mit manchmal feineren, manchmal gröberen Fäden zusammenhängt mit der eigentümlichen Charakter- und Temperamentsanlage, mit dem ganzen Leben eines Menschen. Und wenn wir zunächst auf das Leben, auf die Charaktereigenschaften, auf die Eigenheiten der Persönlichkeit der beiden Menschen, von denen wir reden wollen, sehen, so haben wir schon da den denkbar größten Gegensatz.

[ 6 ] The great German philosopher Johann Gottlieb Fichte once uttered this certainly profound and significant statement: “What kind of worldview one has depends on what kind of person one is”—and in doing so, he pointed out how a person’s worldview is connected, through threads that are sometimes subtle and sometimes more overt, to their unique character and temperament, and to their entire life. And if we first look at the lives, the character traits, and the peculiarities of the personalities of the two people we wish to discuss, we already see the greatest possible contrast there.

[ 7 ] Der reiche russische Aristokrat, der sozusagen in den Überfluss des Lebens hineingeboren ist, der durch seine soziale Lage im Leben geradezu gezwungen wird, alle Seiten dieses Lebens bis zu den oberflächlichsten Ausbrüchen unserer Gegenwart nicht nur kennenzulernen, sondern mit ihnen zu leben, sie auszukosten, wir sehen, wie er übersättigt gegenüber diesen Lebensinhalten, die an der Oberfläche heute geboten werden, hinauf seine Zuflucht nimmt zu den höchsten, das Leben scheinbar unendlich überfliegenden moralischen Idealen, von denen die meisten Menschen, auch wenn sie diese bewundern, heute doch überzeugt sein werden, dass sie vielleicht schön seien, aber dass sie nur wenig im Leben sich verwirklichen können.

[ 7 ] The wealthy Russian aristocrat, who was, so to speak, born into a life of abundance, who—by virtue of his social position—is virtually compelled not only to become acquainted with every aspect of this life, right down to the most superficial excesses of our time, but also to live with them and savor them, we see how, sated with these aspects of life offered on the surface today, he takes refuge in the highest moral ideals—which seem to soar infinitely above life—and of which most people, even if they admire them, are convinced today that they may be beautiful, but that they can be realized only to a limited extent in life.

[ 8 ] Auf der anderen Seite sehen wir Carnegie, herausgeboren, man darf sagen, aus Not und Elend, wenigstens herauserzogen aus Not und Elend, bekannt mit allen Entbehrungen, mit der Notwendigkeit, die geringsten Arbeiten zu leisten, ausgestattet mit nichts von demjenigen, was das Leben etwa Tolstoi an der Oberfläche der heutigen Gesellschaftsordnung geboten hat, ausgestattet mit redlichem Arbeitswillen, mit einem, man kann sagen, idealistisch gefärbten gewissen Ehrgeiz, ein ganzer Mensch zu werden, so arbeitete er sich herauf; Carnegie arbeitet sich herauf durch diese Sphäre zu einer Art, möchte man sagen, von realistischem Idealismus, auch zu einer Art von Moralistik, welche rechnet mit demjenigen, was sich den Augen unmittelbar darbietet, was man unmittelbar im praktischen Leben erfahren kann.

[ 8 ] On the other hand, we see Carnegie, born, one might say, out of poverty and misery—or at least raised out of poverty and misery—familiar with every kind of deprivation, with the necessity of performing even the menialest tasks, endowed with none of what life offered someone like Tolstoy on the surface of today’s social order, endowed with a sincere willingness to work, with a, one might say, idealistically tinged ambition to become a fully realized human being—and so he worked his way up; Carnegie works his way up through this sphere to a kind of—one might say—realistic idealism, and also to a kind of moralism that takes into account what presents itself directly to the eyes, what one can experience directly in practical life.

[ 9 ] Tolstoi sehen wir, wie er in der radikalsten Art sozusagen der heutigen Lebensordnung eine Art Fehdehandschuh hinwirft, wie seine Kritik nicht nur herb wird, wenn er von den gegenwärtigen Lebensordnungen spricht, wie sie sozusagen vernichtend eingreifen will in die gegenwärtigen Gedanken, Empfindungen und Willensimpulse.

[ 9 ] We see Tolstoy, as it were, throwing down the gauntlet in the most radical way against today’s social order; we see how his criticism becomes not only harsh when he speaks of contemporary social structures, but how it seeks, so to speak, to intervene in a devastating manner in current thoughts, feelings, and impulses of the will.

[ 10 ] Carnegie sehen wir, wie er hinausschaut auf das Leben, wie es sich bis in unsere Gegenwart herauf geschichtlich entwickelt hat und zunächst für seine Seele das eine Wort sozusagen hat, das alles ausdrückt in Bezug auf sein erstes, unmittelbarstes Verhältnis zum Leben: Ja sagt er zu allem, was die Gegenwart uns gebracht hat — eine volle Zufriedenheit mit dem, was um uns herum ist! Er sieht, wie der Unterschied zwischen Reich und Arm geworden ist, wie die Arten des Verdienens geworden sind, und überall und überall das durchdringende Urteil bei ihm: Es kommt gar nicht darauf an, ob wir das gut oder böse finden, sondern dass es so sein müsse, dass wir eben damit zu rechnen haben, und dennoch sich durcharbeitend — das ist das Charakteristische für diese Persönlichkeit — sich durcharbeitend aus einer realistischen Auffassung zu einer Art von Idealismus, der sich das große Ziel vorsetzt, innerhalb dieser bestehenden Verhältnisse Richtlinien anzugeben für ein gutes, für ein dem Menschenfortschritt in schönster Weise dienendes Leben und für eine solche dem Menschenfortschritt und der Entwicklung dienende gesellschaftliche Ordnung.

[ 10 ] In Carnegie, we see how he looks out upon life as it has historically developed up to the present day, and how he initially has, so to speak, that one word for his soul that expresses everything regarding his first, most immediate relationship to life: “Yes,” he says to everything the present has brought us—a complete satisfaction with what surrounds us! He sees how the gap between rich and poor has widened, how the ways of earning a living have changed, and everywhere, without exception, his penetrating judgment prevails: It does not matter at all whether we find this good or bad, but rather that it must be this way, that we simply have to reckon with it, and yet, working his way through—this is the defining characteristic of this personality—working his way from a realistic perspective toward a kind of idealism that sets itself the great goal of establishing, within these existing conditions, guidelines for a good life—one that serves human progress in the most beautiful way—and for a social order that serves human progress and development.

[ 11 ] Nicht soll unsere Betrachtung — das möchte ich ausdrücklich betonen — Partei ergreifen für die eine oder andere Ideen-Richtung; aus den Bedingungen der menschlichen Entwicklung soll verstanden werden, wie solche Gegensätze haben kommen können. Und wenn Theosophie gegenüber solchen Erscheinungen, wie diese zwei Persönlichkeiten sie darbieten, wenn Theosophie eine Aufgabe hat in Bezug darauf, so hat sie eben die, aus den tiefen Untergründen des Daseins, vorzugsweise der geistigen Entwicklung heraus, zu verstehen, woher solche Erscheinungen kommen. Es kann nicht meine Aufgabe sein, in irgendeiner Weise Biografisches in Bezug auf beide Persönlichkeiten beizubringen, nur das soll gesagt werden, was die Seelen der beiden uns so erscheinen lassen kann, dass wir dann zu ihrem tieferen Verständnis hindurchdringen können.

[ 11 ] I would like to emphasize explicitly that our discussion is not intended to take sides with one school of thought or another; rather, we should seek to understand, from the perspective of the conditions of human development, how such opposites could have arisen. And if Theosophy has a role to play in relation to such phenomena as these two personalities present, its task is precisely to understand, from the deep foundations of existence—and particularly from spiritual development—where such phenomena originate. It cannot be my task to provide any biographical details regarding either of these personalities; I shall say only what the souls of both may reveal to us so that we may then penetrate to a deeper understanding of them.

[ 12 ] Tolstoi ist von Anfang an ein Mensch, der nicht zu kämpfen hat mit den äußeren Nöten des Lebens, eben hineingeboren sozusagen in Reichtum und Überfluss. Leicht hätte er ja können, wenn er eine oberflächliche Seele in sich geborgen hätte, wie so viele Tausend und Tausend andere in diesem Reichtum und Überfluss verschwinden. Dazu war seine Individualität nicht geeignet. Das, was auf diese Seele wirken konnte, das war sozusagen vom Anfang an, von Kindheit auf stets dasjenige, was berührte die tiefsten Fragen der Seele, der Weltanschauung. Das Leben nimmt er zunächst so hin, wie es sich ihm bietet. Als Knabe weiß er noch nicht zu denken kritisch über das, was um ihn her vorgeht; weit entfernt ist das, was später in monumentaler Weise als Kritik der heutigen Lebensweise sich bei ihm herausgestellt hat. Er nimmt als Knabe für selbstverständlich hin, was um ihn her ist und vor sich geht.

[ 12 ] From the very beginning, Tolstoy was a man who did not have to struggle with the external hardships of life; he was, so to speak, born into wealth and abundance. It would have been easy for him—if he had possessed a superficial soul—to disappear into that wealth and abundance, just as so many thousands upon thousands of others do. But his individuality was not suited to that. What could affect such a soul was, from the very beginning—from childhood onward—always that which touched upon the deepest questions of the soul and worldview. At first, he accepts life as it presents itself to him. As a boy, he does not yet know how to think critically about what is happening around him; what later emerged in him in a monumental way as a critique of the modern way of life is still far off. As a boy, he takes for granted what is around him and what is happening.

[ 13 ] Aber es ist auch schon beim Knaben etwas vorhanden wie ein Blitzeinschlag in sein Seelenleben. Einer seiner Kindheitsfreunde kam einmal vom Gymnasium heim mit einer merkwürdigen Nachricht. Er sagte ungefähr: Ja, so irgendjemand — vielleicht ein Lehrer — hätte eine neue Entdeckung gemacht, nämlich, dass es keinen Gott gebe. Das war etwas, was wie ein Blitz einschlug in dieses jugendliche Seelenleben, das eigentlich neben allem Äußeren auch das religiöse Leben, wie es sich um ihn herum abspielte, als selbstverständlich hingenommen hatte.

[ 13 ] But even in the boy there is already something like a bolt of lightning striking his inner life. One of his childhood friends once came home from high school with some strange news. He said something like: “Yes, someone—maybe a teacher—had made a new discovery, namely, that there is no God.” This was something that struck like a bolt of lightning into his young soul, which—aside from all external matters—had actually taken the religious life unfolding around him for granted.

[ 14 ] Dass so etwas möglich ist, das stellte sich zusammen für dieses jugendliche Gemüt mit einem anderen. Man muss nur einmal in eine Kinderseele sich hineinversetzen, und man wird wissen können, dass ja tatsächlich eine Kinderseele so etwas glauben könnte, dass eventuell solch eine Entdeckung gemacht werden könnte. Und solche Ereignisse sind immer wieder und wieder in dieses Seelenleben eingezogen. Und wir könnten eine lange Schilderung geben, wie Tolstoi dann im Kriegsdienst, im Verkehr mit den sozialen Gesellschaftsschichten, zu denen er gehört, alles Elend des heutigen Lebens kennenlernt, wie er überdrüssig wird, wie er sich die verschiedensten Gedanken macht, wie er, nachdem er kennengelernt hat die Misere des Krieges und seiner Gesellschaftsschichte, des Literatenlebens in Petersburg, wie er überdrüssig wurde in anderen Gegenden Europas dessen, was das Leben heute ist. Wir könnten das alles schildern — es ist ja zum großen Teil heute bekannt —, was uns aber interessieren kann, sind die Fragen, die vor Tolstoi aufleuchteten.

[ 14 ] The fact that something like this is possible became clear to this young mind when it was combined with another. One need only put oneself in the place of a child’s soul, and one will realize that a child’s soul could indeed believe such a thing—that such a discovery might indeed be made. And such events have entered this inner life time and time again. And we could give a lengthy account of how Tolstoy, while serving in the military and interacting with the social classes to which he belonged, came to know all the misery of contemporary life, how he grew weary, how he pondered a wide variety of thoughts, and how—after experiencing the misery of war and his own social milieu, as well as literary life in St. Petersburg—he grew weary in other parts of Europe of what life has become today. We could describe all of this—much of it is well known today—but what may interest us are the questions that arose for Tolstoy.

[ 15 ] Da drängt sich zunächst seiner Seele immer mehr und mehr die Frage mit größerer Schärfe auf: Was ist eigentlich ein gewisser Mittelpunkt des Lebens gegenüber all den Verhältnissen, die so verwirrend um uns herum sind, wo ist ein Mittelpunkt zu finden? Die Religion wird nach und nach für ihn zu einer Frage, und umso bedeutungsvoller wird diese Frage für ihn, als er sich lange nicht von den äußeren Gebräuchen hat losreißen können. Aber es wird die religiöse Frage etwas tief Einschneidendes für ihn. Immer deutlicher und deutlicher fragt er sich: Was ist das eigentlich, Religion, für den Menschen? Und da wird er sich lange eigentlich gar nicht klar, wie jenes Verbindungsband der Seele mit irgendeiner höheren Welt, mit einem unbekannten, geistigen Urgrund, wie dieses Band aussieht, wohin es von der Seele geht, et cetera. Vor allen Dingen erscheint ihm das, was er an Menschen in seinen Kreisen kennengelernt hat in Bezug auf gerade die religiösen Stimmungen der Seele, wie abgerissen von diesem Urgrund, wie verdorrt gegenüber dem lebendigen Lebensquell.

[ 15 ] At first, the question presses itself upon his soul with ever-increasing intensity: What, in fact, is a certain center of life in the face of all the circumstances that surround us so confusingly? Where can such a center be found? Religion gradually becomes a question for him, and this question becomes all the more significant as he has long been unable to break free from external customs. But the religious question becomes something profoundly life-changing for him. More and more clearly, he asks himself: What exactly is religion for human beings? And for a long time, he actually cannot quite grasp what that bond between the soul and some higher world—with an unknown, spiritual source—looks like, where the soul’s journey leads, and so on. Above all, the people he has come to know in his circles—particularly with regard to the religious dispositions of the soul—appear to him as if severed from this primal source, as if withered in comparison to the living fountain of life.

[ 16 ] Nicht, wie gesagt, soll Partei genommen werden, sondern nur möglichst deutlich soll diese Seelenstimmung geschildert werden. Und da sieht er, meinetwegen, wie er als Soldat im Kaukasus ist, bei der Belagerung von Sewastopol, niedere Bevölkerungsschichten. Er lernt deren Seelen kennen; er vertieft sich in solche Seelen in intimer Weise. Da findet er, dass in solchen Seelen etwas Ursprüngliches ist, dass sie noch weniger losgerissen sind von dem Urgrund, und vor seiner Seele geht auf das Problem, ob nicht in dieser Naivheit des Daseins niederer, untergeordneterer Volksschichten Wahreres, Echteres, stecken müsse als in den Kreisen, in denen er leben musste. Und siehe da, auch da geht ihm Rätsel nach Rätsel auf und er kann keines lösen. Man braucht nur so etwas wie seinen angefangenen Roman: «Morgenstunde eines Gutspächters» zu lesen und man wird sehen, wie er gerungen hat [gerade mit] der [Frage]: Ja, nun habe ich gesehen die Menschen, die sich losgerissen haben vom Urquell des Daseins, die verdorrt sind an der Peripherie; ich habe gesucht einen Weg nach religiöser Vertiefung aus der Seele heraus der primitiven Bevölkerung, aber eine Antwort auf diese Frage scheitert daran, dass der heute sogenannte Gebildete sich doch niemals verständigen kann mit diesen primitiven Urzuständen der Seele. Kurz, auch da keine Antwort auf die brennenden Fragen, die es gab für ihn.

[ 16 ] As I said, the intention is not to take sides, but simply to portray this state of mind as clearly as possible. And there, for my sake, he sees—as a soldier in the Caucasus, during the siege of Sevastopol—the lower classes of society. He comes to know their souls; he immerses himself in such souls in an intimate way. There he discovers that there is something primal in such souls, that they are even less torn away from their primordial source, and the question arises in his mind as to whether there might not be something truer and more genuine in this naivety of existence among the lower, more subordinate strata of society than in the circles in which he was forced to live. And lo and behold, there, too, one mystery after another unfolds before him, and he cannot solve a single one. One need only read something like his unfinished novel, *Morning Hour of a Tenant Farmer*, to see how he wrestled [precisely with] the [question]: Yes, now I have seen the people who have torn themselves away from the primordial source of existence, who have withered away on the periphery; I have sought a path to religious depth from within the soul of the primitive population, but an answer to this question fails because the so-called “educated” person of today can never truly communicate with these primitive, primordial states of the soul. In short, there was no answer there either to the burning questions that existed for him.

[ 17 ] So geht es weiter, und so kommt er dazu, alle die Gegensätze, die Widersprüche im Leben deutlicher und deutlicher zu sehen und man braucht nur sein ursprüngliches künstlerisches Wirken durchzugehen: «Krieg und Frieden», seine Novellen, «Anna Karenina» und so weiter, und man wird sehen, wie überall, wenn auch die künstlerische Form durchaus das zunächst Bedeutsamste ist, wie überall durchströmt diese Leistungen die Sehnsucht, zu begreifen das Leben in seinen Gegensätzen, zu begreifen vor allen Dingen das Widerspruchsvolle des menschlichen Charakters; denn der tritt ihm als widerspruchsvoll entgegen. Man fühlt es, wie wahr es ist, was er, als er später, da er schon zu einer Art moralischer Schriftstellerei übergegangen ist, was er später sagt: Unsägliche Qualen hat es mir gemacht, und ich weiß, dass es vielen meiner Kollegen in der Literatur ebensolche Qualen gemacht hat, einen ideal seelisch gebauten Charakter darzustellen, der mit der Wirklichkeit stimmt. — Es quält ihn, dass ein solcher Widerspruch sein kann zwischen dem, was man sich als Ideal vorstellen muss, wenn Heil und Ordnung sein soll in der Welt, und dem, was sich für seine geistigen Augen in der Wirklichkeit darstellt. Das quälte ihn auch immer, solange er noch künstlerisch tätig war.

[ 17 ] This is how it continues, and this is how he comes to see all the contrasts and contradictions in life more and more clearly—one need only look at his early artistic works: “War and Peace,” his novellas, “Anna Karenina,” and so on—and one will see how, everywhere—even though the artistic form is certainly the most significant thing at first glance—how, everywhere, these works are permeated by a longing to comprehend life in its opposites, to comprehend, above all, the contradictory nature of the human character; for that is how it presents itself to him—as contradictory. One senses how true it is what he later said—after he had already moved on to a kind of moral writing—namely: It caused me unspeakable torment, and I know that it caused many of my colleagues in literature just as much torment, to portray a character of ideal psychological makeup that corresponds to reality. — It torments him that such a contradiction can exist between what one must conceive of as an ideal—if there is to be salvation and order in the world—and what presents itself to his mind’s eye in reality. This also tormented him constantly as long as he was still active as an artist.

[ 18 ] Dazu kam noch etwas. Tolstoi war noch während der ganzen Zeit, in der so die seelischen Qualen sich abspielten, nicht etwa bloß objektiver Betrachter, er hat das Leben mitgemacht, hat an allem teilgenommen. Er hat die Dinge auch innerlich erlebt; er konnte fühlen die intimen Gewissensbisse, die intimen Vorwürfe, die sich der Mensch machen muss, wenn er plötzlich in gewisser Beziehung sich klar wird darüber, dass er in gewisse Kreise hineingeboren ist und alles das mitmachen muss, was da geschieht, und es ihm doch widerspruchsvoll erscheint, wenn er darüber urteilt. Bis an den Rand des Selbstmordes wurden solche Persönlichkeiten geführt, die das fühlten; man muss nur fühlen, was in solchen Menschen vorgeht. Unendlich viel mehr lernt der Mensch durch das, was er an sich selbst zu kritisieren Gelegenheit hat, als durch Kritik an seiner Umgebung.

[ 18 ] There was something else as well. Throughout the entire period in which these inner torments were unfolding, Tolstoy was not merely an objective observer; he lived through it all, taking part in every aspect. He also experienced these things inwardly; he could feel the intimate pangs of conscience, the intimate self-reproaches that a person must face when he suddenly realizes, in a certain sense, that he was born into certain circles and must go along with everything that happens there, even though it seems contradictory to him when he judges it. Such individuals, who felt this way, were driven to the brink of suicide; one need only imagine what goes on inside such people. A person learns infinitely more from what they have the opportunity to criticize in themselves than from criticizing their surroundings.

[ 19 ] Und so erweitert sich der Blick Tolstois mehr und mehr, bis er aus einer Umschau über die nächsten Verhältnisse zu einem Überblick sozusagen über die ganze Entwicklungsgeschichte der Menschheit kam, und da stellt sich heraus für ihn, in wie weitem Umfange große und bedeutsame, namentlich religiöse Impulse der Menschheit in den Niedergang gekommen sind. So stellte sich ihm vor die Seele — das soll keine Kritik sein — in aller Tiefe und aller Empfindungsstärke der große Impuls, der der Welt gegeben worden ist durch Christus Jesus, und daneben stellte sich ihm hin die römische Welt, das römische Cäsarentum, das das Christentum in den Dienst der Gewalt völlig äußerlicher Dinge gestellt hat, die nicht zum Heil der Menschheit dienen, wie das der christliche Impuls tun sollte und konnte, sondern die die Menschheit in jene Verwirrung bringen, die sich ihm darstellte, und so wurde denn seine Anschauung immer mehr und mehr zu einer Kritik alles Bestehenden, und sie ist herb genug. Aus seiner geschichtlichen Betrachtung heraus glaubte er gerade die Gegensätze der Menschen als das schwierigste empfinden zu müssen. Auf der einen Seite der größte Reichtum, auf der anderen die furchtbarste Armut, die sich besonders in der Verkümmerung der Seelen zeigte, sodass die Menschen in dieser Verkümmerung der geistigen Angelegenheiten nicht in der Lage sind, aus dem, was sie erleben, den Weg zu finden zu den großen geistigen Schätzen, besonders zu denen, die im ursprünglichen Christentum zu finden sind, zu denen sie durchdringen müssen!

[ 19 ] And so Tolstoy’s perspective broadened more and more, until he moved from a survey of his immediate circumstances to an overview, so to speak, of the entire history of human development; and there it became clear to him to what vast extent the great and significant—particularly religious—impulses of humanity had fallen into decline. Thus it appeared to his soul—and this is not meant as a criticism—in all its depth and emotional intensity: the great impulse given to the world by Christ Jesus; and alongside it stood the Roman world, the Roman Caesarian system, which had placed Christianity in the service of power and entirely external matters that do not serve the salvation of humanity—as the Christian impulse was meant to and could have done—but rather plunge humanity into the very confusion that presented itself to him; and so his perspective became more and more a critique of everything that exists, and it is harsh enough. Based on his historical perspective, he felt that it was precisely the contradictions among human beings that he had to perceive as the most difficult. On the one hand, the greatest wealth; on the other, the most appalling poverty, which manifested itself particularly in the atrophy of the soul, so that, in this atrophy of spiritual matters, people are unable to find, from what they experience, the path to the great spiritual treasures—especially those found in early Christianity—to which they must penetrate!

[ 20 ] So stellte sich ihm als umfassendstes Problem namentlich dieser Gegensatz der gewalthabenden, machthabenden oberen Gesellschaftsschichte mit ihrem Luxus hin gegenüber der zerdrückten, seelisch-geistig und leiblich gedrückten Masse. Das stellte sich ihm in umfassendster Weise dar. Und er wurde ein Kritiker, wie es vielleicht in so umfassender Art noch keinen gegeben hat, der nicht müde wird, immer mehr und mehr zu schildern die Dinge, wie sie sind, und der so zu schildern versteht, dass die bloße Schilderung zuweilen Schauder einflößen kann.

[ 20 ] Thus, the most all-encompassing problem that presented itself to him was, in particular, this contrast between the ruling, powerful upper class—with all its luxury—and the oppressed masses, who were crushed mentally, spiritually, and physically. This presented itself to him in the most comprehensive way. And he became a critic—perhaps unlike any other in such a comprehensive way—who never tires of depicting things more and more as they are, and who knows how to depict them in such a way that the mere description can at times send shivers down one’s spine.

[ 21 ] Es ist vielleicht recht charakteristisch, wenn wir ein Symptomatisches herausheben aus seiner Weltbetrachtung, das uns gleich so recht zeigen wird, wie er zu den Aufgaben des Lebens sich stellte. Ein Märchen, so erzählt er einmal, hätte er gerne geschrieben mit etwa folgendem Inhalt: Ein Weib hatte von einer andern etwas ihr sehr Schlimmes erfahren und war dadurch zur tiefsten Antipathie gegen diese gekommen, und sie wollte ihr etwas antun, was sich mit nichts an Bosheit eigentlich vergleichen lässt. Zu einem Zauberer ging sie und fragte um Rat. Ein Kind stahl sie ihrer Feindin. Der Zauberer sagte ihr, sie könne ihren Hass in der intensivsten Weise befriedigen, wenn sie dieses Kind, das sie einer in den ärmsten Verhältnissen lebenden Frau gestohlen hat und das dort in Not und Elend verkommen wäre, wenn sie dieses Kind in ein reiches Haus bringen könnte. Und in der Tat, es gelingt ihr, das Kind in ein reiches Haus zu bringen. Das Kind wird adoptiert. Es wird in jeder Weise gepflegt in Art der Reichen — wird verhätschelt, hat es, sozusagen, recht gut. Das Weib, das das Kind zu den Reichen gebracht hatte, ist wütend, als sie das erfährt; denn so hatte sie sich’s nicht vorgestellt, dass es dem Kinde gehen würde. Sie geht zum Zauberer und beschwert sich, dass er ihr einen so verkehrten Rat gegeben habe. Er jedoch spricht, sie solle nur warten. Immer mehr und mehr wird das Kind in Luxus eingebettet. Das Weib sagt: Der Zauberer hat mich betrogen. Er aber antwortete: Warte nur zu. Es ist das Schlimmste, was Du Deiner Feindin angetan hast.

[ 21 ] It is perhaps quite telling if we single out a characteristic aspect of his worldview that will immediately reveal to us how he approached life’s challenges. He once said that he would have liked to write a fairy tale with roughly the following plot: A woman had suffered a terrible wrong at the hands of another woman and had consequently developed the deepest antipathy toward her; she wanted to do something to her that could not really be compared to anything else in terms of malice. She went to a sorcerer and asked for advice. She stole a child from her enemy. The sorcerer told her that she could satisfy her hatred in the most intense way if she could place this child—whom she had stolen from a woman living in the poorest of circumstances and who would have languished there in need and misery—into a wealthy household. And indeed, she succeeded in placing the child in a wealthy household. The child is adopted. The child is cared for in every way in the manner of the rich—pampered, and, so to speak, has it quite good. The woman who had brought the child to the rich family is furious when she learns this; for this was not how she had imagined things would turn out for the child. She goes to the sorcerer and complains that he gave her such bad advice. He, however, tells her to just wait. The child is increasingly immersed in luxury. The woman says, “The sorcerer has deceived me.” But he replies, “Just wait and see. It is the worst thing you have ever done to your enemy.”

[ 22 ] Das Kind entwickelte sich weiter. Es kommt zum Bewusstsein und fühlt einen innerlichen Gegensatz zur äußeren Lage. Es sagt sich: Alles muss in einer unbekannten Welt sein, wonach ich mich sehne; aber ich kann es nicht finden, ich weiß, dass ich durch die Art und Weise, wie ich gepflegt worden bin, zu schwach geworden bin, den Entschluss zu fassen, irgendeinen vernünftigen Weg nach den Untergründen des Daseins zu gehen. Zur schlimmsten inneren Pein wird das alles für den sich heranentwickelnden Menschen.

[ 22 ] The child continued to develop. It becomes conscious and feels an inner conflict with its external circumstances. It says to itself: Everything I long for must be in an unknown world; but I cannot find it. I know that, because of the way I have been raised, I have become too weak to make the decision to take any sensible path toward the depths of existence. All of this becomes the worst inner torment for the developing human being.

[ 23 ] Tolstoi wusste wohl, wie solche Seelenerlebnisse sich ausnehmen; er wollte darstellen, wie dieser Mensch durch diese ganze innere Zerfahrenheit eben bis an den Rand des Selbstmordes getrieben worden ist. Sie können symptomatisch an solcher Sache sehen, wie Tolstoi denkt. Viel mehr als mit Definitionen können wir aus dem Willen Tolstois über soziale Ordnung entnehmen, wie er dachte über die soziale Ordnung. So stand die eine der beiden Persönlichkeiten, mit denen wir uns heute befassen, der Welt gegenüber.

[ 23 ] Tolstoy surely knew what such spiritual experiences are like; he wanted to show how this man, through all this inner turmoil, had been driven to the very brink of suicide. You can see, symptomatically, from such a case how Tolstoy thinks. Much more than from definitions, we can infer from Tolstoy’s views on social order how he thought about social order. This is how one of the two personalities we are discussing today viewed the world.

[ 24 ] Nun nehmen wir den Gegensatz hinzu: Carnegie. Er ist das Kind eines Webermeisters. Der Vater hat halbwegs Beschäftigung, solange es nicht die großen Fabriken gibt. Gerade in den Aufschwung der großen Industrie auf diesem Gebiet hinein fällt die Kindheit Carnegies. Der Vater erhält keine Aufträge mehr. Aus Schottland muss er nach Amerika auswandern. Nur mit Mühe kann er das Notdürftigste verdienen. Der Junge musste als Schuljunge in einer Fabrik arbeiten. Er erzählt es selbst, und man fühlt den Grundton einer solchen Schilderung, wenn man sich vorher vertieft hat in die Seelenerlebnisse, die wir gerade in Tolstoi aufgesucht haben. Er schildert selbst, was es für ein Ereignis war, als er zum ersten Mal für seine Arbeit einen Lohn von einem Dollar 20 Cents bekommen hat. Er ist später eine der reichsten Persönlichkeiten der Gegenwart geworden, einer derjenigen, die, wie wir gleich sehen werden, tatsächlich Wege suchen mussten, um ihre Millionen anzuwenden; aber er darf sagen, und das ist bezeichnend: Keine Einnahme später, und wenn sie noch so groß war — und viel Geld ist durch seine Hände gegangen —, keine Einnahme hat mir so viel Freude gemacht als dieser erste Dollar.

[ 24 ] Now let’s consider the opposite: Carnegie. He is the son of a master weaver. His father had some work as long as the large factories did not yet exist. Carnegie’s childhood coincided precisely with the rise of large-scale industry in this region. His father no longer received any orders. He was forced to emigrate from Scotland to America. He could barely earn enough to make ends meet. As a schoolboy, he had to work in a factory. He recounts this himself, and one senses the underlying tone of such a narrative when one has first immersed oneself in the inner experiences we have just explored in Tolstoy. He describes firsthand what a momentous event it was when he received his first paycheck of one dollar and 20 cents for his work. He later became one of the wealthiest figures of our time, one of those who, as we shall soon see, actually had to find ways to put their millions to use; but he is entitled to say—and this is telling—that no subsequent income, no matter how large—and a great deal of money has passed through his hands—has given me as much joy as that first dollar.

[ 25 ] So geht es dann weiter. Er arbeitet längere Zeit in dieser Weise und trägt bei zum Unterhalt der Familie. Es lebt in ihm etwas wie eine verborgene Kraft, die dahin arbeitet, dass er das wird, was man eben in den Kreisen, in denen er heute steht, den «selbstgemachten Mann» nennt. Das befriedigt ihn, dass er als zwölfjähriger Knabe das Gefühl hatte: Jetzt wirst du ein Mann, denn ein Mann ist man, so fühlt er, wenn man etwas verdienen kann. Das war der Gedanke seiner Seele. Später kommt er in eine andere Fabrik, wird im Büro verwendet, wird später Telegrafenbote und verdient mehr.

[ 25 ] And so it continues. He works in this way for a long time and helps support his family. There is something within him like a hidden force that drives him to become what, in the circles in which he now moves, is called a “self-made man.” It satisfies him that, as a twelve-year-old boy, he had the feeling: Now you’re becoming a man, because—as he feels—you’re a man when you can earn a living. That was the thought in his heart. Later, he moves to another factory, is assigned to the office, and eventually becomes a telegraph messenger, earning more.

[ 26 ] Er erzählt: Ein Telegrafenbote in Amerika hatte die Aufgabe, alle Adressen auswendig zu wissen. Da hatte ich Sorge, meinen Posten zu verlieren. — Rasch hatte er alle Namen durch eine ganze Straße gelernt. So war er wiederum ein «gemachter Mann». Nun schleicht er sich mit anderen Boten, bevor der Amtsdienst beginnt, in das Amt ein. Sie üben sich im Telegrafieren. Sein höchstes Ideal ist, selbst Telegrafist zu werden. Er findet tatsächlich Anstellung als solcher. Nun macht es ihm die größte Freude, einen Gönner zu finden, von dem er sich jeden Sonnabend ein Buch leihen lassen kann. Mit Sehnsucht wartet er auf solch ein Buch.

[ 26 ] He recounts: A telegraph messenger in America was required to know all the addresses by heart. I was worried I’d lose my job. — He quickly memorized all the names on an entire street. So he was once again a “made man.” Now, before the office opens, he sneaks into the office with other messengers. They practice telegraphing. His highest aspiration is to become a telegraph operator himself. He actually finds a job as one. Now his greatest joy is finding a patron from whom he can borrow a book every Saturday. He eagerly awaits such a book.

[ 27 ] Nun kommen Ereignisse, die für ihn bedeutsam sind. Ein höherer Eisenbahnbeamter, der eine große Rolle gespielt hat, macht ihm zur Aufgabe, sich herauszuarbeiten dadurch, dass er zu einer gewissen Unternehmung Anteilscheine nimmt. Mit aller Mühe bringt er die 500 Dollar auf, die notwendig sind; er hat seit einiger Zeit in der mühsamsten Weise zum Unterhalt der Familie beigetragen. Namentlich durch die Mühewaltung der Mutter ist es möglich, die 500 Dollar aufzubringen, um zehn Anteilscheine zu haben. Und nun - man muss wiederum fühlen, was das seelisch bedeutet — nun kommt ein Tag, wo er zum ersten Mal empfängt die kleine Dividende, die seinen Anteilscheinen entspricht. Ihm geht es wie ein Rätsel, wie die Lösung eines Rätsels auf, was er früher nicht hätte begreifen können: dass Geld Geld machen kann. Der Begriff des Kapitals geht ihm auf. Das war ihm so wichtig nun, wie für irgendeinen Denker irgendein idealistisches Problem ist. Vorher kennt er nur die Möglichkeit, dass man gegen Arbeit Lohn bekommt. Dass Kapital Geld erzeugen kann, das ging ihm jetzt auf.

[ 27 ] Now events unfold that are significant for him. A high-ranking railroad official, who has played a major role, sets him the task of making a name for himself by purchasing shares in a certain company. With great effort, he scrapes together the $500 needed; he has been contributing to the family’s livelihood in the most arduous way for some time. It is largely thanks to his mother’s tireless efforts that he is able to raise the 500 dollars needed to purchase ten shares. And now—one must once again sense what this means emotionally—now comes the day when, for the first time, he receives the small dividend corresponding to his shares. It dawns on him like a mystery, like the solution to a riddle, something he could not have understood before: that money can make money. The concept of capital becomes clear to him. This was now as important to him as any idealistic problem is to any thinker. Before, he knew only the possibility that one receives wages in exchange for work. That capital can generate money—that now dawned on him.

[ 28 ] Und nun ist es interessant zu sehen, welche Intensität gerade in einer solchen Seele solche Erlebnisse annehmen können. Er kommt weiter. Es leuchtet ihm gerade im rechten Augenblick das Rechte ein. Als das Problem des Schlafwagens auftaucht, ist er bereit, sich daran zu beteiligen. So geht es Stufe für Stufe weiter, bis er zuletzt die Lage der Zeit in der richtigen Weise auszunützen verstand. Als man überging von den bauhölzernen Brücken zu den eisernen, da lebt er sich hinein in diese Strömung, wird immer reicher und reicher und wird nun endlich der Stahlkönig, der Wege suchen muss, wie er — und nun ist in ihm ein praktisches Sittlichkeitsgefühl - wie er gegenüber seinem praktischen Sittlichkeitsgefühl sich zu verhalten hat mit seinem Reichtum.

[ 28 ] And now it is interesting to see the intensity that such experiences can take on in a soul like this. He continues to make progress. The right solution occurs to him at just the right moment. When the problem with the sleeper car arises, he is ready to get involved. And so it continues, step by step, until he finally learned to take advantage of the situation in the right way. When the transition was made from wooden bridges to iron ones, he threw himself into this trend, grew richer and richer, and finally became the “steel king,” who must seek ways—and now he possesses a practical sense of morality—to act in accordance with his practical sense of morality regarding his wealth.

[ 29 ] Für ihn gibt es nun, wie gesagt, das alles nicht, was Tolstoi etwa empfunden hat: keine Kritik des Lebens, sondern ein Hinnehmen des Lebens wie eine Selbstverständlichkeit. Was Tolstoi so widerspruchsvoll erschienen ist, das etwa stellt sich Carnegie so vor: Blicken wir zurück auf ältere Empfindungsphasen der Menschheit, dann sehen wir, wie Fürsten in primitiven Zuständen sich in Bezug auf ihre Lebensführung nicht besonders unterscheiden von dem, was um sie herum wohnt. Es gibt keinen Luxus, keinen Reichtum im heutigen Sinn, dafür aber auch alles das nicht, was Reichtum bringt; es gibt keinen Gegensatz zwischen reich und arm. Im Primitiven aber, wie die Entwicklung war, musste sich das herausbilden, immer stärker bilden sich die Gegensätze. Es ist gut, sagt er, dass neben der Hütte die Paläste stehen; denn da ist viel drinnen, was da sein soll, wir haben seine Notwendigkeit zu begreifen.

[ 29 ] For him, as already mentioned, none of what Tolstoy felt exists: no criticism of life, but rather an acceptance of life as a matter of course. What seemed so contradictory to Tolstoy, Carnegie envisions as follows: If we look back at earlier stages of human development, we see how rulers in primitive societies did not differ significantly in their way of life from those living around them. There is no luxury, no wealth in the modern sense—but neither is there any of the things that wealth brings; there is no contrast between rich and poor. In primitive societies, however, as development progressed, this contrast had to emerge, and the contrasts became increasingly pronounced. It is good, he says, that palaces stand next to huts; for there is much within them that ought to be there, and we must understand their necessity.

[ 30 ] Doch das fällt ihm auf, wie in primitiven Verhältnissen ein persönliches, menschliches Verhältnis ist zwischen Herrn und Diener, wie alles unpersönlich wird in unseren Verhältnissen, wie der Arbeitgeber dem Arbeitnehmer gegenübersteht, ohne ihn zu kennen, ohne etwa zu wissen von Seelenbedürfnissen des Dieners, wie dadurch Hass und so weiter sich herausbilden muss; aber so müssen wir es hinnehmen, so ist es eben. Also ein absolutes Ja-Sagen zu allem äußeren Leben!

[ 30 ] Yet he notices how, in primitive conditions, there is a personal, human relationship between master and servant; how everything becomes impersonal in our circumstances; how the employer faces the employee without knowing him, without, for example, being aware of the servant’s spiritual needs; how hatred and so on are bound to arise as a result; but we must accept it this way—that’s just how it is. So, an absolute “yes” to all of external life!

[ 31 ] Und wenn wir eingehen dann hierauf, wie er durchaus ein praktisch-nüchterner, aber scharfsinniger Denker seiner Art ist, wie er dieses Leben überschaut, wie er gerade dadurch, dass er drinnen steht, all die verschiedenen Verkettungen kennt, die das Kapital nimmt, wie er dadurch manches Gesunde zu sagen weiß, wenn man das sieht, so muss man sagen: Auch dieser Mann hat sich aufzuklären versucht über das Leben, und es ist etwas von Selbstzufriedenheit in ihm gegenüber Tolstoi; und seine praktische Moralität — ich gebrauche das Wort absichtlich — sie legt ihm die Frage vor: Wie muss sich unser Leben gestalten, wenn das einen Sinn haben soll, was sich als Notwendigkeit entwickelt hat? Da sagt er: Nun ja, alte Verhältnisse haben herbeigeführt, dass sich von den Vorfahren auf die Nachkommen das Vermögen vererbt. Ist das in unseren Verhältnissen, wo in so eminent notwendiger Art Kapital zu Kapital schießt, noch möglich? Dies fragt er sich lebhaft. Er betrachtet das Leben mit durchdringendem Sinn und sagt: Nein, so geht das nicht, und indem er alle Dinge erwägt, kommt er zu einer eigenartigen Anschauung. Er kommt zu folgendem Schluss; er sagt sich, einen Sinn erhält dieses ganze Leben des Reichen nur dadurch, dass der besitzende Reiche sich betrachtet als den Verwalter des Reichtums für die übrige Menschheit, dass der Besitzer des Reichtums sich sagt: Ich soll nicht nur den Reichtum erwerben, nicht nur ihn haben und etwa meinen Familienangehörigen vererben, sondern ich soll, was ich erworben habe, da ich Geistesund andere Kräfte gebraucht habe, um das zusammenzubringen, da ich Tüchtigkeit hineingegossen habe, ich soll diese Tüchtigkeit wiederum verwenden, um zum Heil der Menschheit diesen Reichtum zu verwalten.

[ 31 ] And if we consider how he is, in his own way, a thoroughly practical, down-to-earth, yet astute thinker; how he surveys this life; how, precisely because he is on the inside, he understands all the various interconnections of capital; and how, as a result, he is able to offer many sound insights—when one sees all this, one must say: This man, too, has tried to gain insight into life, and there is a certain complacency in him toward Tolstoy; and his practical morality—I use the word deliberately—poses the question to him: How must our lives be shaped if what has developed as a necessity is to have any meaning? Then he says: Well, yes, old circumstances have brought about a situation where wealth is inherited from ancestors to descendants. Is that still possible in our circumstances, where capital multiplies in such an eminently necessary way? He asks himself this question earnestly. He contemplates life with penetrating insight and says: No, that won’t work, and as he weighs all things, he arrives at a unique perspective. He comes to the following conclusion; he tells himself that this entire life of the rich man only acquires meaning if the wealthy owner regards himself as the steward of wealth for the rest of humanity, if the owner of wealth says to himself: “I am not only to acquire wealth, not only to possess it and perhaps bequeath it to my family members, but I am to take what I have acquired—since I have used my intellect and other faculties to amass it, since I have poured my diligence into it—I am to use that very diligence once again to administer this wealth for the benefit of humanity.”

[ 32 ] So wird es eigentlich zu einem Ideal für ihn, dass der Mensch, während er sich allerdings den Zeitverhältnissen fügt, so viel Reichtum erwirbt als möglich, aber keinen Reichtum hinterlässt, sondern ihn anwendet zum Besten der Menschheit. Nun kommt er zu einem Satz, der charakteristisch ist für diese Weltanschauung; der Satz heißt: Reich gestorben entehrt! Also, das Ideal, das er sich vorsetzt, ist, dass man zwar reich werden darf, um durch den Reichtum die Möglichkeit zu gewinnen, zum Segen der Menschheit damit zu wirken, aber er stellt sich vor, dass man mit dem Tode fertig sein muss mit der Arbeit, den Reichtum in den Dienst der Menschheit gestellt zu haben. Er sagt: Ehrbar ist, wenn man stirbt und nichts hinterlässt. Natürlich ist dieses «Nichts» nicht pedantisch genommen; den Töchtern etwa soll schon so viel vererbt werden, dass sie leben können, aber radikal gesprochen sagt er: Reich werden ist eine Notwendigkeit, reich sterben entehrt. Ein ehrlicher Mann ist für ihn derjenige, der sozusagen Schluss macht mit dem Leben und nicht irgendeiner Ungewissheit das überlässt, was er durch seine Tüchtigkeit zusammengebracht hat.

[ 32 ] Thus, it actually becomes an ideal for him that a person—while certainly conforming to the circumstances of the times—should acquire as much wealth as possible, but should not leave any wealth behind; rather, he should use it for the good of humanity. He then arrives at a statement that is characteristic of this worldview; the statement reads: “To die rich is to die disgraced!” Thus, the ideal he sets for himself is that one may indeed become rich in order to gain, through that wealth, the opportunity to work for the benefit of humanity; yet he envisions that, upon death, one must have completed the work of placing that wealth at the service of humanity. He says: “It is honorable to die leaving nothing behind.” Of course, this “nothing” is not to be taken literally; daughters, for example, should inherit enough to live on, but speaking radically, he says: Becoming rich is a necessity; dying rich is dishonorable. For him, an honest man is one who, so to speak, brings his life to a close and does not leave what he has amassed through his own efforts to some uncertainty.

[ 33 ] Und nun müssen wir fühlen den Gegensatz von zwei so einander gegenüberstehenden Persönlichkeiten, wie Tolstoi und Carnegie es sind. Carnegie selbst fühlt den Gegensatz und er spricht aus: Oh, der Graf Tolstoi will uns wiederum zu Christus zurückführen, aber auf eine Art, die mit unserem Leben nicht mehr zusammengeht. Statt dass er uns zu dem Christus zurückführen will, sollte man lieber zeigen, was der Christus heute, unter den heutigen Verhältnissen den Menschen raten würde. In seinem Satze: Wer reich stirbt, ist entehrt, findet er die wirkliche Ausprägung des christlichen Gedankens und lässt es durchmerken, dass er glaubt, dass Christus, wenn er heute vernehmlich zu den Menschen sprechen würde, ihm recht geben würde und nicht Tolstoi.

[ 33 ] And now we must sense the contrast between two such opposing personalities as Tolstoy and Carnegie. Carnegie himself senses this contrast and expresses it: “Oh, Count Tolstoy wants to lead us back to Christ again, but in a way that is no longer compatible with our lives.” Instead of trying to lead us back to Christ, one should rather show what Christ would advise people today, under today’s circumstances. In his statement, “Whoever dies rich is dishonored,” he finds the true expression of Christian thought and makes it clear that he believes that if Christ were to speak audibly to people today, Christ would agree with him and not with Tolstoy.

[ 34 ] Wir sehen aber zu gleicher Zeit, dass dieser Mann, Carnegie, wirklich eine edle und zu gleicher Zeit nicht etwa eine faule Natur ist wie viele, die die Verhältnisse hinnehmen und nicht über sie nachdenken. Er hat ja nicht nur dasjenige, das ich jetzt als Hauptzug hingestellt habe, gesagt; er hat die verschiedensten Wege gesucht, wie man seinen Reichtum anwenden könne und dergleichen mehr. Nicht wahr, es erscheint wunderbar zunächst, wenn uns das Leben in solchen Gegensätzen entgegentreten kann, wenn in demselben Zeitalter zwei Persönlichkeiten auftreten, die aus einer, man darf sagen, objektiven Weltbetrachtung heraus zu so verschiedenen Gesichtspunkten kommen, und das Orientierende dabei mag für den Menschen recht schwer werden, und es ist durchaus nicht etwa von vornherein zu tadeln, wenn etwa jemand sagen würde heute: Oh, meine ganze Seele geht dahin, wo Tolstoi seine großen Ideale predigt; wie erhaben wirkt diese Persönlichkeit. Aber ich muss auch denken, dass das Leben die praktischen Anforderungen stellt, und wenn ein Mensch kein abstrakter Schwärmer und Träumer ist, sondern wirklich mit realistischem Sinn die Gedankengänge eines solchen Menschen durchmacht, wie Carnegie sie bietet, dann muss man sagen: Das hat durchaus seine Berechtigung. Das zeigt mir aber, wie für denjenigen, der die praktischen Anforderungen des Lebens auf sich wirken lässt, es unmöglich ist, den Idealen wirklich gerecht zu werden, an die Erfüllung der großen Ideale wirklich zu glauben. Und so kann für solch einen ein neuer Zwiespalt hervorgehen wie für Tolstoi.

[ 34 ] At the same time, however, we see that this man, Carnegie, is truly a noble soul—and not, as is the case with many, someone who simply accepts circumstances without giving them any thought. After all, he didn’t just say what I have now presented as his main characteristic; he sought out the most diverse ways to use his wealth and so on. Isn’t it true that it seems marvelous at first when life presents us with such contrasts—when, in the same era, two personalities emerge who, based on what one might call an objective view of the world, arrive at such different perspectives? Finding one’s bearings in this can be quite difficult for a person, and it is by no means to be criticized from the outset if, for example, someone were to say today: “Oh, my whole soul is drawn to where Tolstoy preaches his great ideals; how sublime this figure appears. But I must also consider that life imposes practical demands, and if a person is not an abstract dreamer or idealist, but truly engages with the line of thought offered by someone like Carnegie with a realistic mindset, then one must say: This is entirely justified.” But this shows me—as it does to anyone who allows the practical demands of life to take their toll—that it is impossible to truly live up to those ideals or to truly believe in the fulfillment of the great ideals. And so, for such a person, a new conflict may arise, just as it did for Tolstoy.

[ 35 ] Und nun versuchen wir einmal, jetzt, ich möchte sagen, aus der Seelenkunde heraus noch ein wenig tiefer in diese beiden Persönlichkeiten uns zu vertiefen. Tolstoi dringt wohl durch zu einer vollständigen Verteidigung, wie er meint, der ursprünglichen christlichen Lehre; er versucht alles das, was aus dem Christentum geworden ist, da und dort aufgetreten ist, in der herbsten Weise zu kritisieren, und er sucht die großen Impulse des Christentums zu finden. In verhältnismäßig einfacher Art stellt Tolstoi diese Impulse des Christentums hin. Er sagt: Wenn der Mensch diese Impulse versteht, so ist es klar, dass er in sich selbst einen Funken hat einer ewigen, die Welt durchleuchtenden Gotteskraft. Und das Zweite, was ihm klar wird, ist, dass er in diesem Funken den Inhalt seines eigenen Unsterblichen hat und dass er, wenn er das Verständnis hat, gar nicht mehr anders kann, als einen tieferen Menschen im gewöhnlichen irdischen Menschen zu suchen. Und wenn er diese Empfindung verfolgt, wenn er sich klar wird darüber, dass er einen tieferen Menschen in sich selbst zu suchen hat, dann kann er nicht anders, als überwinden das, was in seiner niederen Natur liegt, und so wird er ein strenger Forderer der anderen Natur, der Ausbildung des höheren Menschen in sich selbst, des Menschen, der nachlebt dem Christus. Wie würde ein Mensch — ich will nicht sagen Carnegie selber, aber einer, der in Erwägung zieht, was etwa aus Carnegies Lebensanschauung folgt —, wie würde der sich nun zu einer solchen Stellung Tolstois zu Christus verhalten können? Er würde sagen: Oh, es ist groß und gewaltig, also in Christus sich hineinzuleben, den Christus in sich selbst lebendig werden zu lassen. Aber es ist ihm gegenüber zu sagen: In den äußeren Verhältnissen lässt sich das nicht in die Wirklichkeit umsetzen. Wie sollen sich die staatlichen Verhältnisse gestalten, wenn man dieser strengen Christusforderung nachlebt?

[ 35 ] And now let us try—I would say, from the perspective of the psychology of the soul—to delve a little deeper into these two personalities. Tolstoy seems to be striving for what he considers a complete defense of the original Christian doctrine; he attempts to criticize in the harshest terms everything that Christianity has become and that has arisen here and there, and he seeks to uncover the great impulses of Christianity. Tolstoy presents these impulses of Christianity in a relatively simple way. He says: If a person understands these impulses, it becomes clear that he possesses within himself a spark of an eternal divine power that illuminates the world. And the second thing that becomes clear to him is that in this spark he holds the essence of his own immortality, and that, once he has this understanding, he can do nothing other than seek a deeper human being within the ordinary earthly human being. And when he follows this feeling, when he realizes that he must seek a deeper human being within himself, then he cannot help but overcome what lies in his lower nature; and thus he becomes a strict advocate of the other nature—the development of the higher human being within himself, the human being who lives in the spirit of Christ. How would a person—I do not mean Carnegie himself, but someone who considers what might follow from Carnegie’s outlook on life—how would such a person be able to relate to Tolstoy’s stance toward Christ? He would say: Oh, it is great and mighty to live oneself into Christ, to let Christ come alive within oneself. But one must say to him: Under the prevailing external conditions, this cannot be put into practice. How should state affairs be organized if one were to live up to this strict demand of Christ?

[ 36 ] Wenn auch nicht in dieser Weise die Frage von anderer Seite gestellt worden ist, Tolstoi gibt die Antwort so bestimmt als möglich. Er sagt: Was in der äußeren Ordnung aus solcher Anschauung wird, für den Staat, für die äußeren geschichtlichen Ereignisse, das weiß ich nicht, das entzicht sich meinem Wissen; dass man aber im Sinne dieses christlichen Glaubens leben muss, das ist mir eine Gewissheit. — Und so entwickelt sich für Tolstoi das Wort: Das Reich Gottes ist in euch! (Lk 17, 21) zu einer tiefen, bedeutsamen Anschauung von der Art der Gewissheit, die der Mensch haben kann, von den höchsten Dingen. Ganz bildet sich in ihm aus die Anschauung von einer inneren Gewissheit, und so sucht er diesen Grundstein in der Seele zu finden, der es möglich macht, dass die Seele sich über gewisse Dinge rücksichtslos gewiss wird, über dies oder jenes, dass diese Seele sich sagt: Es mag noch so sonderbar erscheinen, was da wird, wenn man nur die äußere Weltanschaulichkeit /Lücke], weil diese innere Gewissheit die einzige ist, so muss sie erfüllt werden. Es entzieht sich meinen Beobachtungen, was folgen kann, aber sie müssen gut sein, weil das unter Umständen im ewigen guten Urquell der Dinge entspringen muss.

[ 36 ] Even though the question was not posed in this way by others, Tolstoy gives the answer as definitively as possible. He says: What such a view leads to in the external order—for the state, for external historical events—I do not know; that is beyond my knowledge; but that one must live in accordance with this Christian faith—that is a certainty to me. — And so, for Tolstoy, the words “The Kingdom of God is within you!” (Luke 17:21) develop into a profound, significant perspective on the kind of certainty a person can have regarding the highest things. The idea of an inner certainty takes full shape within him, and so he seeks to find this cornerstone in the soul—the one that makes it possible for the soul to become absolutely certain about certain things, about this or that—so that this soul says to itself: No matter how strange it may seem what will come to pass if one merely sets aside the external worldview [gap], because this inner certainty is the only one, it must be fulfilled. What may follow eludes my observations, but it must be good, because under certain circumstances it must spring from the eternal, good source of all things.

[ 37 ] So ist vielleicht in keiner anderen gegenwärtigen Persönlichkeit so stark das Bauen auf eine innere Gewissheit und der feste Glaube, dass bei diesem Bauen äußerlich, was auch kommen mag, das Gute kommen muss, es ist vielleicht bei keiner heutigen Persönlichkeit dieser Glaube so intensiv als bei Tolstoi. Daher hat wohl keine Persönlichkeit mit einem solch persönlichen, individuellen Anteil, mit einer solchen inneren Wahrheit gerade zu einer solchen Welt[anschauung] sich bekannt.

[ 37 ] Perhaps in no other contemporary figure is the reliance on an inner certainty and the firm belief—that, regardless of what may happen externally, good must result from this reliance—so strong; perhaps in no other contemporary figure is this belief as intense as it is in Tolstoy. That is probably why no other figure has committed himself with such a personal, individual stake, with such inner truth, to precisely this worldview.

[ 38 ] Und da haben wir wieder Gelegenheit, die Seelenstimmung beider zu illustrieren. Carnegie denkt nach: Wie muss sich Mensch zu Mensch verhalten, wie muss sich der Reiche zum Armen verhalten? Und da geht ihm der Gedanke durch die Seele: Es ist nicht immer gut, wenn man dem, der einen anbettelt, etwas schenkt; denn es handelt sich darum, dass man den Bettler vielleicht faul machen kann — sagt Carnegie; vielleicht stiftet man nichts Gutes dadurch. Man soll sich die Leute anschauen, die man unterstützt. Eigentlich sollte nur derjenige unterstützt werden, der einen Willen zur Arbeit hat. Und in einem ganzen System führt Carnegie dies durch. Er sagt, er verstehe es sehr wohl, dass der Mann, der da nur etwas gibt, damit er den Bettler loswird, mehr Unheil stiftet als der Geizige, der gar nichts gibt.

[ 38 ] And here we have another opportunity to illustrate the state of mind of both of them. Carnegie reflects: How should people treat one another? How should the rich treat the poor? And then a thought crosses his mind: It is not always good to give something to someone who begs of you; for the concern is that you might be making the beggar lazy—says Carnegie—and perhaps you are not doing any good by doing so. One should take a good look at the people one supports. In fact, only those who have a willingness to work should be supported. And Carnegie carries this out as a comprehensive system. He says he understands very well that the man who gives something merely to get rid of the beggar causes more harm than the miser who gives nothing at all.

[ 39 ] Wir wollen über solche Dinge nicht richten, wir wollen sie charakterisieren, aber sehen wir in ähnlicher Lage Tolstoi: Er lernt einen Menschen kennen, der sein Freund wird. Dieser Freund bildet zwar nicht eine Weltanschauung, aber Gefühle in sich aus. Tolstoi sieht ein eigentümliches Gebaren an ihm — viele Menschen können heute solche Dinge nicht glauben; sie sind aber doch wahr. Der Freund wird bestohlen. Säcke stehlen ihm die Diebe; einen lassen sie zurück. Was tut der Freund? Er verfolgt nicht die Diebe, sondern trägt ihnen den einen Sack auch noch nach und sagt: Sie hätten ganz gewiss nicht gestohlen, wenn sie die Sachen nicht notwendig gebraucht hätten. Und in anderen Verhältnissen sieht Tolstoi diesen Freund — und er wird sein Bewunderer, er versteht das ganz genau. Da haben Sie die Anschauung über, sozusagen, die als Parasiten geltenden Menschen auf der einen und auf der anderen Seite. Lebensanschauungen greifen so ins Leben ein, und die Symptome an der Oberfläche können uns die Seelenstimmung charakterisieren.

[ 39 ] We do not wish to judge such things; we wish to characterize them. But let us consider Tolstoy in a similar situation: He meets a man who becomes his friend. This friend does not, to be sure, develop a worldview, but he does develop feelings within himself. Tolstoy observes a peculiar behavior in him—many people today cannot believe such things; yet they are true. The friend is robbed. The thieves steal sacks from him; they leave one behind. What does the friend do? He does not pursue the thieves, but instead carries the one sack after them and says: “They certainly would not have stolen if they had not needed the things.” And Tolstoy sees this friend in other circumstances—and he becomes his admirer; he understands this perfectly well. There you have the view, so to speak, of people regarded as parasites on the one hand and on the other. Worldviews intervene in life in this way, and the symptoms on the surface can characterize the state of mind.

[ 40 ] Nun aber müssen wir sagen: Tolstoi wird nicht nur in Bezug auf all das, was wir genannt haben, ein herber Kritiker des Lebens; sondern dadurch, dass er den Grundquell menschlicher Gewissheit erfasst hat, wird er auch in Bezug auf seine Seelenentwicklung zu einem merkwürdigen Punkt geführt, und da beginnt dasjenige, wo uns Tolstoi eigentlich erst in seiner ganzen Größe erscheint - für den erscheint, der solch eine Größe würdigen kann. Eines fließt heraus aus dieser Anschauung über die Gewissheit, das man nicht genug bewundern kann, das ist Tolstois Stellung zum Wert der Wissenschaft, der zeitgenössischen Wissenschaft, und dann fließt heraus eine bestimmte Vorstellungswelt über das Leben und andere wichtige Probleme und Fragen. Weil er so in das Innere des Menschen hineinzuschauen sich bemüht, konnte er durchschauen all das Vergebliche in den Methoden unserer weltlichen Wissenschaften. Gewiss, es ist leicht zu verstehen, was diese Wissenschaften alles leisten, die Wege zu verfolgen, die sie gehen, aber das, was diese Wissenschaften — das ist ganz im Sinne Tolstois gesprochen — niemals können, ist die Beantwortung der Frage: Wie gliedern sich diese verschiedenen äußeren, chemisch-physikalischen Vorgänge dem Leben ein? Was ist das Leben?

[ 40 ] But now we must say: Tolstoy becomes a harsh critic of life not only in relation to all that we have mentioned; but because he has grasped the fundamental source of human certainty, he is also led to a remarkable point in his spiritual development, and that is where Tolstoy truly begins to appear to us in all his greatness—to those who can appreciate such greatness. One thing flows from this view of certainty—one that one cannot admire enough—and that is Tolstoy’s stance on the value of science, of contemporary science; and from this flows a certain worldview regarding life and other important problems and questions. Because he strove so hard to look into the innermost depths of the human being, he was able to see through all the futility in the methods of our worldly sciences. Certainly, it is easy to understand what these sciences accomplish and to follow the paths they take, but what these sciences—to put it entirely in Tolstoy’s terms—can never do is answer the question: How do these various external, chemical and physical processes fit into life? What is life?

[ 41 ] Und nun kommen wir zu demjenigen, was hier eigentlich gemeint sein muss. Tolstoi kommt zu einer eigentümlichen Art, ein tiefes, wissenschaftliches Problem, das Problem des Lebens, zu erforschen. Bitte, meine sehr verehrten Anwesenden, schauen Sie sich um überall in unserer westlichen Wissenschaft, wo vom Leben gesprochen wird, und stellen Sie dagegen nur einen einzigen Vergleich an, den Tolstoi gebraucht in Bezug auf dieses Rätsel des Lebens. Er sagt: Die Leute, die im Sinne der heutigen Wissenschaft das Rätsel des Lebens zu erforschen suchen, kommen mir vor wie Leute, die die Bäume kennenlernen wollen in ihrer Eigenart und es so machen: Sie sind mitten drinnen unter den Bäumen, schauen aber diese nicht an, sondern nehmen ein Fernrohr und richten es auf ferne Berghänge, auf denen, wie sie vernommen haben, Bäume stehen sollen, deren Wesen und Natur sie erforschen wollen. So, meint Tolstoi, kommen mir die Leute vor, die ihre Seele, den Grundquell ihres Lebens, da in sich selber tragen, die nur hineinzublicken brauchten in sich selbst, um das Rätsel des Lebens zu durchschauen, die aber - nun, was tun sie? Sie machen sich Instrumente, bauen sich Methoden auf und versuchen, dasjenige zu zerlegen, was um sie herum ist, und da sehen sie erst recht nichts, was das Leben ist. Durch einen solchen Vergleich zeigt uns ein Denker wie Tolstoi — ein eminenter Denker — dass er in Bezug auf diese Frage empfindet, worauf es ankommt. Wer sich in diese Seite der Tolstoi’schen Weltanschauung hineinarbeitet, der weiß, dass dasjenige, was in seinem Buche steht «Über das Leben» in Bezug auf Erforschung und Bewertung des Lebens, dass das mehr wert ist als ganze Bibliotheken Westeuropas, die vom Standpunkt der heutigen Wissenschaft über das Problem des Lebens geschrieben werden. Und dann lernt man auch fühlen, was es wert ist, solche Seelenerlebnisse zu haben wie Tolstoi, welche Bedeutung es hat, über die Gewissheit so zu denken wie er. Man lernt dann bewundern, wie Dinge, die man, wenn man sozusagen in der wissenschaftlichen Arbeitsmethode unserer Gegenwart steht, mit lang verschränkten Gedankengängen durchgehen muss, ganze Bücher schreiben muss, wie die von Tolstoi in fünf Zeilen absolviert werden. Es kann der Wert eines solchen Buches wie das über das Leben von Tolstoi gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Mag es der heutige Wissenschafter als etwas bloß Feuilletonistisches finden; wer sich den Denkgewohnheiten im Sinne dieser Auseinandersetzungen anzupassen vermag, der findet eine Lösung über das Problem des Lebens wie sonst nicht.

[ 41 ] And now we come to what must actually be meant here. Tolstoy adopts a peculiar approach to exploring a profound, scientific problem—the problem of life. Please, ladies and gentlemen, look around at every aspect of our Western science where life is discussed, and compare it with just one of the analogies Tolstoy uses in relation to this mystery of life. He says: People who, in the spirit of modern science, seek to explore the mystery of life strike me as people who want to understand the unique nature of trees and go about it this way: They stand right in the midst of the trees, yet instead of looking at them, they take a telescope and aim it at distant mountain slopes where, as they have heard, there are supposed to be trees whose essence and nature they wish to investigate. That, Tolstoy says, is how people strike me—people who carry their soul, the very source of their life, within themselves; who need only look within themselves to fathom the mystery of life; but—well, what do they do? They fashion instruments, devise methods, and attempt to dissect what surrounds them—and in doing so, they see even less of what life truly is. Through such a comparison, a thinker like Tolstoy—an eminent thinker—shows us that, with regard to this question, he understands what really matters. Anyone who delves into this aspect of Tolstoy’s worldview knows that what is written in his book *On Life* regarding the exploration and evaluation of life is worth more than entire libraries of Western Europe written from the standpoint of modern science on the problem of life. And then one also learns to appreciate the value of having spiritual experiences like Tolstoy’s, and the significance of thinking about certainty the way he did. One then learns to admire how things that, when one adheres—so to speak—to the scientific method of our time, require one to wade through long, convoluted trains of thought and write entire books, are accomplished by Tolstoy in just five lines. The value of a book such as this one on Tolstoy’s life cannot be overestimated. Today’s scientists may regard it as mere literary journalism; yet anyone who is able to adapt their habits of thought to the spirit of these explorations will find a solution to the problem of life unlike any other.

[ 42 ] Und so sehen wir, wie immer mehr und mehr diese Betrachtung zeigt, wie Tolstois Geist etwas wird, was sich in sich immer mehr und mehr konzentriert, was mit wenigen Strichen große Probleme nicht in vzelen Worten, aber mit ausstrahlenden Kraftworten hinzuzaubern und zu lösen versteht gegenüber den langen Auseinandersetzungen wissenschaftlicher und philosophischer Art, die sonst gepflogen werden. Da tritt uns nun Tolstoi in seinem ganz tiefen Seelencharakter entgegen, und erst wenn wir ihn von diesem Gesichtspunkt aus kennen, erst dann können wir uns Aufschluss darüber geben, welches die tiefen Geistesgründe sind dafür, dass solch eine Persönlichkeit werden kann wie Tolstoi auf der einen Seite und Carnegie auf der anderen, welch Letzterer uns sehr plausibel, welcher uns als wichtige Persönlichkeit erscheint. Wir werden die geistigen Untergründe, die auf der einen Seite zu Tolstoi und auf der anderen zu Carnegie führen, verstehen, wenn wir jetzt vom Standpunkte der Geisteswissenschaft ein wenig nur charakterisieren, wie diese Geistesentwicklung vor sich geht, in gewissen Persönlichkeiten sich zum Ausdruck bringt.

[ 42 ] And so we see, as this reflection makes increasingly clear, how Tolstoy’s mind becomes something that concentrates more and more within itself—something that, with just a few strokes, knows how to conjure up and resolve major problems not with whole sentences, but with powerful, radiant words, in contrast to the lengthy scientific and philosophical debates that are otherwise customary. Here, then, Tolstoy appears before us in the very depths of his soul, and only when we come to know him from this perspective can we gain insight into the profound spiritual reasons that allow such personalities as Tolstoy, on the one hand, and Carnegie, on the other—the latter of whom seems very plausible to us and whom we regard as an important figure—to emerge. We will understand the spiritual underpinnings that lead, on the one hand, to Tolstoy and, on the other, to Carnegie, if we now characterize, even just a little, from the standpoint of spiritual science, how this spiritual development proceeds and finds expression in certain personalities.

[ 43 ] Der Geistesforscher sieht im Gang der Menschheit noch etwas ganz anderes als das Gewöhnliche. Geradeso wie die Geisteswissenschaft in dem Menschen, der vor uns steht, ein vielgliedriges Wesen sieht, wie sie in dem physischen Leib nur ein Glied, nur die Wirkung höherer geistiger Glieder sieht und dahinter den Äther-, den Astralleib und das Ich, so sieht sie auch in dem, was uns in der sozialen Ordnung, im menschlichen Leben gegenübertritt, was uns als Volk, als Stamm, als Familie äußerlich sichtbar entgegentritt, den physischen Leib, den physischen Volks-, Stammes-, Familienleib für ein dahinterstehendes Geistiges. Wenn man in der heutigen Wissenschaft spricht von Volksgeist, Zeitgeist, dann sind das Worte, die nicht viel bedeuten. Was denkt sich der, der vom deutschen, französischen, englischen Volksgeist spricht? Wirklich ist er in der Regel für den heutigen Denker doch nur die Summe von so und so viel Menschen; die bilden das Reale, und ein völliges Abstraktum ist der Volksgeist, das, was man sich eben herausbildet im Geist, wenn man sich den Begriff sucht aus den vielen Einzelheiten. Man hat keine Vorstellung davon, dass dieses, was uns äußerlich entgegentritt als so und so viele Menschen, dass das geradeso wie der Menschenleib der Ausdruck eines Ätherleibes, eines Astralleibes und eines Ich ist, dass das wirklich auch der Ausdruck eines Geistigen ist. Man hat verloren heute, was man früher besessen hat; es ist heute nicht mehr leicht, klarzumachen, wie dieses Geistige waltet hinter dem Sinnlichen.

[ 43 ] The spiritual researcher sees something entirely different from the ordinary in the course of human history. Just as spiritual science sees the human being standing before us as a multi-faceted being—seeing in the physical body only one aspect, merely the effect of higher spiritual members, and behind it the etheric body, the astral body, and the “I”—so, too, does it see in what confronts us in the social order and in human life—what appears to us outwardly as a people, a tribe, or a family—the physical body, the physical body of the people, tribe, or family, as a manifestation of a spiritual reality lying behind it. When modern science speaks of the national spirit or the spirit of the age, these are words that do not mean much. What does the person who speaks of the German, French, or English national spirit actually mean? In reality, for today’s thinker, it is usually nothing more than the sum of so many people; they constitute the real, and the national spirit is a complete abstraction—that which one forms in the mind when seeking to define the concept from the many details. We have no conception that this—which appears to us externally as so many people—is, just as the human body is the expression of an etheric body, an astral body, and an “I,” also truly the expression of something spiritual. People today have lost what they once possessed; it is no longer easy to make clear how this spiritual realm operates behind the physical world.

[ 44 ] Ein alter Freund von mir, ein guter Aristoteliker, versuchte seinen Zuhörern klar zu machen, wie das Geistige in der sinnlichen Erscheinung vergegenständlicht werden kann durch ein einfaches Beispiel. Vincenz Knauer — der war es — versuchte klarzumachen, dass in der Form der Geist waltet, indem er sagte: Betrachten wir einen Wolf, der frisst meinetwegen ein ganzes Leben lang lauter Lämmer; er besteht dann aus lauter Lammsmaterie; aber er ist deswegen kein Lamm geworden. Es kommt nicht auf die Materie an, sondern darauf, dass im Wolf etwas ist, was als das Geistige dahintersteht, was das Wesentliche ist, was die Materie gliedert und aufbaut. Das ist ein sehr Reales, etwas, was man kennen muss, da sonst alles Studium der äußeren Welt im Wesenlosen sich bewegt. Untersuchen Sie noch so viel in der sinnlichen Welt, wenn Sie nicht zum Geistigen durchdringen, dann kommen Sie nicht zum Wesenhaften.

[ 44 ] An old friend of mine, a staunch Aristotelian, tried to explain to his audience how the spiritual can be objectified in sensory phenomena using a simple example. Vincenz Knauer—for it was he—attempted to make clear that the spirit reigns in form by saying: Let us consider a wolf that, for the sake of argument, spends its entire life eating nothing but lambs; it then consists entirely of lamb matter; but it has not thereby become a lamb. It is not the matter that matters, but rather that there is something within the wolf that stands behind it as the spiritual, that is the essential, that structures and builds up the matter. This is something very real, something one must know; otherwise, all study of the external world remains confined to the insubstantial. No matter how much you investigate the sensory world, if you do not penetrate to the spiritual, you will not reach the essential.

[ 45 ] So ist es aber auch in Bezug auf solche Worte wie Volksgeist, Zeitgeist. Für den Geistesforscher ist eine Summe von Menschen nicht nur das, was in der physischen Welt beobachtet werden kann, es lebt dahinter etwas Geistiges. Und so lebt für den Geistesforscher ein Geistiges, ein wirkliches Geistiges, nicht ein bloßes, wesenloses Abstraktum in der christlichen Entwicklung zum Beispiel. Neben den Christen gibt es einen Geist des Christentums, der ein wesenhaft Wirkliches ist. Solch ein Geist arbeitet in ganz sonderbarer Art; er arbeitet so, wie wir es uns durch ein Gleichnis nun in der kürzesten Art verständlich machen können. Denken Sie sich einmal, es hätte ein Bauer irgendeine Ernte eingebracht und nun teilt er sie. Einen Teil verkauft er, einer kommt auf die Seite, um verzehrt zu werden, einen behält er zurück; der soll die nächste Aussaat bilden. Der kommt dann als Neues wieder zum Vorschein. Es wäre schlimm, wenn man nichts zurückbehalten würde; ersterben würde das, was da drinnen liegt. Das soll ein Vergleich sein, der uns führt zu einer realen Gesetzmäßigkeit in der Menschenentwicklung. Die Entwicklung geht so rasch vor sich, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt gewisse Impulse gegeben werden; diese müssen sich einleben, verbreiten. Würde in einem gewissen Zeitpunkt ein geistiger Impuls wie das Christentum gegeben werden, dann würde das sich in die äußere Welt einleben und diese oder jene Form annehmen, aber es würde so etwa, wie die äußeren Teile eines Baumes in die Rinde übergehen, so würde die Form vertrocknen, ersterben. Diese äußeren Formen sind dazu berufen, nach und nach zu ersterben, und wenn der Impuls noch so fruchtbar ist - wie er sich in die Außenwelt einlebt, muss dieses Äußere ein Ersterbendes werden. Nun muss aber, wie der Bauer etwas zurückbehält, etwas zurückbleiben von den geistigen Impulsen, das wie durch unterirdische Kanäle fließt und dann mit ursprünglicher Stärke wiederum als befruchtend in der Entwicklung der Menschheit auftritt. Dann erscheinen uns Persönlichkeiten, in denen ein solcher durch Jahrhunderte vielleicht hindurchgehender Impuls sich verkörpert. Solche Persönlichkeiten erscheinen uns in starkem Gegensatze zur Umwelt; sie müssen ja im Gegensatz stehen, weil die Umwelt das Verdorrende ist. Solche Persönlichkeiten sind häufig geneigt, überhaupt die Umwelt nicht zu berücksichtigen. Geistig betrachtet ist Tolstoi eine solche Persönlichkeit, in der für unsere Zeit der christliche Impuls aufgeleuchtet hat. Und die Dinge geschehen stark in der Welt, damit sie weite Wirkungen erzielen können. Wenn wir sie im Ursprung aufsuchen, so erscheinen sie radikal; denn sie müssen ausstrahlen. Und wir werden uns nicht mehr wundern, wenn wir ein solches Gesetz kennen, dass uns solche Persönlichkeiten in dieser Einseitigkeit erscheinen, und auf der anderen Seite nicht wundern über Persönlichkeiten, die gar nichts in sich haben können von diesen zentralen Strömungen, die ganz drinnen stehen in den peripherischen Wirkungen der Welt. Eine solche Persönlichkeit ist Carnegie. Er kann überblicken den Umkreis und er kann die beste Art ausdenken, wie man sich darin zurechtfinden kann. Carnegie siceht nicht dasjenige, was als Geistiges durch die Menschheit pulsiert. Tolstoi kann, weil er so stark die innere Gewissheit sucht, das Reich Gottes im Innern suchen, kann, weil in ihm verkörpert wird das, was unter der Oberfläche als reale Strömung sich fortgezogen hat, in gewisser Weise kein Herz und keinen Sinn haben für das, was als Ersterben[des] sich um ihn herum abspielt. Und so sehen wir solche Gegensätze, die nicht zusammenkommen können. Wir haben ein äußeres Materielles, und der Betrachter, auf den es uns ankommt, sieht nicht das Geistige, das darin waltet; wir haben das Geistige, das uns aus dem Innern einer Persönlichkeit mit Kraft hervorsprudelt, und wir können dies nicht fassen, wie sich das in die äußere Welt einleben kann. Immer mehr und mehr würde die Menschheit zu solchen Gegensätzen kommen, wenn nicht auch eine andere geistige Strömung eintreten würde, eine geistige Strömung, die ebenso hinblicken kann auf zugrunde liegende geistige Ursachen wie auf das, was diese geistigen Ursachen in der äußeren Wirklichkeit werden. Und verfolgen wir von diesem Gesichtspunkte aus die Theosophie, sie führt in die tiefsten Tiefen des Geisteslebens hinein; sie sucht dieses nicht bloß in so kraftvollen Impulsen, die sich nicht zu Ideen und Tatsachen gliedern, sie sucht dieses Geistesleben in Konkretheit kennenzulernen. Daher kann sie sehen, wie einfließt in die Wirklichkeit das Geistige; sie vermag die Brücke zu schlagen zwischen dem Geistigsten und Materiellsten und kann auf diese Weise diese Gesichtspunkte in höherem Ausgleich zusammenfinden. — Ein anderes Beispiel für dieses Zusammenfinden werden wir morgen sehen.

[ 45 ] The same is true, however, of terms such as “national spirit” and “zeitgeist.” For the spiritual researcher, a group of people is not merely what can be observed in the physical world; something spiritual lives behind it. And so, for the spiritual researcher, a spiritual reality—a truly spiritual reality, not a mere, insubstantial abstraction—exists, for example, in Christian development. Alongside Christians, there is a spirit of Christianity that is a substantial reality. Such a spirit works in a very peculiar way; it works in a way that we can now understand very briefly through a parable. Imagine, for instance, that a farmer has brought in some kind of harvest and is now dividing it up. He sells a portion, sets aside another portion to be consumed, and keeps one portion back; this is to form the next sowing. It then reappears as something new. It would be disastrous if nothing were kept back; what lies within would wither away. This is meant to be an analogy that leads us to a real law governing human development. Development proceeds so rapidly that certain impulses are given at a specific point in time; these must take root and spread. If, at a certain point in time, a spiritual impulse such as Christianity were given, it would take root in the outer world and assume this or that form, but just as the outer parts of a tree merge into the bark, so would the form wither and die off. These outer forms are destined to gradually wither away, and no matter how fruitful the impulse may be—as it takes root in the outer world, this outer form must become something that withers away. Now, just as the farmer sets aside a portion of the harvest, so too must something of these spiritual impulses remain behind—flowing as it were through subterranean channels—and then reemerge with its original strength to fertilize the development of humanity. Then we encounter personalities in whom such an impulse—perhaps spanning centuries—is embodied. Such personalities appear to us in sharp contrast to their surroundings; indeed, they must stand in contrast, for the surroundings are what is withering away. Such personalities are often inclined to disregard their surroundings entirely. From a spiritual perspective, Tolstoy is such a personality in whom the Christian impulse has shone forth for our time. And things happen with great force in the world so that they may achieve far-reaching effects. When we trace them back to their source, they appear radical; for they must radiate. And we will no longer be surprised—once we understand this law—that such personalities appear to us in this one-sided way, nor, on the other hand, will we be surprised by personalities who can possess nothing within themselves of these central currents, yet are entirely caught up in the peripheral effects of the world. Carnegie is such a personality. He can survey the broader context and devise the best way to navigate it. Carnegie does not see what pulsates through humanity as the spiritual. Tolstoy, because he seeks inner certainty so intensely—and can seek the Kingdom of God within—because he embodies what has been flowing beneath the surface as a real current, can, in a certain sense, have no heart and no sense for what is dying out around him. And so we see such opposites that cannot come together. We have an outer, material realm, and the observer who matters to us does not see the spiritual force that reigns within it; we have the spiritual force that bursts forth powerfully from within a personality, and we cannot grasp how this can take root in the outer world. Humanity would increasingly find itself faced with such contradictions if another spiritual current were not also to emerge—a spiritual current capable of looking just as much at the underlying spiritual causes as at what these spiritual causes become in external reality. And if we approach Theosophy from this perspective, it leads us into the deepest depths of spiritual life; it seeks this not merely in powerful impulses that cannot be structured into ideas and facts, but seeks to understand this spiritual life in its concreteness. Thus, it can see how the spiritual flows into reality; it is able to bridge the gap between the most spiritual and the most material, and in this way can bring these perspectives together in a higher balance. — We will see another example of this coming together tomorrow.

[ 46 ] Heute wollen wir an zwei Persönlichkeiten solche Gegensätze hinstellen und sie begreifen lernen aus dem Geistesleben heraus. So erscheint Theosophie berufen, nicht bloß in äußerer Weise Toleranz zu predigen, sondern jene innere zu finden, die auf der einen Seite mit Bewunderung in eine Seele blickt, welche aus dem Zentrum des Lebens heraus in großer Weise den Impuls gibt, der heute unwahrscheinlich, unmöglich, radikal erscheinen muss, weil er in einem Punkt zusammengedrängt enthält, was über eine ganze Fläche in der Zukunft ausgebreitet sein muss, was dann ganz anders aussehen muss.

[ 46 ] Today we want to highlight such contrasts in two individuals and learn to understand them from the perspective of spiritual life. Thus, Theosophy appears called upon not merely to preach tolerance in an outward sense, but to find that inner tolerance which, on the one hand, looks with admiration into a soul that, from the very center of life, provides in a grand way the impulse that must seem improbable, impossible, and radical today, because it condenses into a single point what must be spread out over an entire expanse in the future—a future that will look entirely different.

[ 47 ] Das kann die Theosophie einsehen; sie kann auch mit objektiven Blick auf die Wirklichkeit hinsehen und einer anderen Persönlichkeit wie Carnegie gerecht werden. Das Leben ist keine einförmige Erscheinung, das Leben ist eine vieltönige Erscheinung, und nur dadurch kann es sich in seinem Reichtum entwickeln, dass alle Gegensätze zur Geltung kommen. Aber schlimm wäre es, wenn diese nicht ihren harmonischen Ausgleich fänden. Die Natur der Menschen wird dazu drängen, den einen oder anderen Gegensatz herauszukristallisieren — und so muss es sein —, aber immerzu werden auch, damit die Menschen sich nicht verlieren im menschlichen Leben, es wird auch eine zentrale Weltanschauung da sein müssen, die in gewisser Weise sich hineinversetzen kann in alle Gegensätze und dadurch Verständnis gewinnen mag für das, was sich scheinbar so widerspruchsvoll gegenübersteht.

[ 47 ] Theosophy can recognize this; it can also view reality with an objective eye and do justice to a figure such as Carnegie. Life is not a monotonous phenomenon; life is a multifaceted phenomenon, and it can develop its richness only when all opposites are given their due. But it would be unfortunate if these opposites did not find their harmonious balance. Human nature will urge us to crystallize one contrast or another—and so it must be—but in order for people not to lose themselves in human life, there must also always be a central worldview that, in a certain way, can empathize with all contrasts and thereby gain an understanding of what appears to be so contradictory.

[ 48 ] Wenn die Theosophie wirken wird in diesem Sinn, dass sie die Seelen in ihren Gegensätzen harmonisieren wird, dann wird sie das, was äußerliche Harmonie in der Welt sein soll, wirklich begründen können. Die äußerliche Harmonie kann nur das Abbild der innerlichen Seelenharmonie sein. Wenn die Theosophie das erreichen wird — und das ist ihr wirkliches Ziel in Bezug auf das Kulturleben —, dann wird sie das finden, was sie als Beweis haben will. Sie will keine theoretischen Beweise, keine Spintisiererei, sie will das, was sie zu sagen hat, hinstellen, will es ins Leben einführen und will dann sehen, wie das Leben harmonisch, beseligend wird dadurch, dass sich das, was sie zu sagen hat, als Leitlinien ins Leben einbürgert. Wenn so die Theosophie sehen kann im Leben, wie das ihr zurück sich spiegelt, was sie einfließen lässt, und wie das das Leben so erscheinen lässt, dass es innerlich harmonisch wird trotz der Gegensätze, dann erblickt sie darin die Bewährung ihrer Grundsätze, ihre wahren Beweise.

[ 48 ] If Theosophy is to work in the sense that it harmonizes souls in their opposites, then it will truly be able to establish what external harmony in the world is meant to be. Outward harmony can only be a reflection of the inner harmony of the soul. If Theosophy achieves this—and that is its true goal with regard to cultural life—then it will find the proof it seeks. It does not want theoretical proofs or speculation; it wants to present what it has to say, to introduce it into life, and then to see how life becomes harmonious and blissful as what it has to say takes root in life as guiding principles. When Theosophy can see in life how what it infuses is reflected back to it, and how this causes life to appear inwardly harmonious despite its contradictions, then it sees in this the validation of its principles—its true proofs.