The Essence of Anthroposophy
within the World Of Sense, Soul And Spirit
GA 68b
18 November 1905, Hamburg
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The Circular Flow of Man's Life, tr. SOL
29. Über die Zukunft des Menschen
29. On the Future of Humanity
[ 1 ] Es könnte vermessen erscheinen, über die Zukunft des Menschen zu sprechen. Aber wenn man bedenkt, dass der Mensch ein selbstbewusstes Wesen ist, das berufen ist, weiter und weiter zu schreiten, so muss man sich doch klar sein, dass er nicht dazu berufen sein kann, dumpf in die Zukunft hineinzuleben. Wenn wir uns den heiligen Sinn des Wortes «selbstbewusst» klarmachen, so tritt uns die Möglichkeit schon näher, dass ein selbstbewusstes Wesen dazu bestimmt ist, Voraussicht in die Zukunft zu erlangen. Wo aber haben wir diese Voraussicht zu suchen? Wir finden sie in der theosophischen Weltund Lebensanschauung, welche sich mit dem inneren Wesenskern des Menschen beschäftigt. Das Wort «Theosophie» wird oft verkehrt übersetzt. Man sagt, Theosophie sei Erkenntnis des göttlichen Wesens. Das ist nicht richtig. Niemand wird so vermessen sein, zu glauben, dass er das göttliche Wesen ergründen könne.
[ 1 ] It might seem presumptuous to speak about the future of humankind. But when one considers that humankind is a self-aware being destined to advance ever further, one must surely realize that it cannot be destined to drift aimlessly into the future. If we grasp the sacred meaning of the word “self-aware,” the possibility becomes clearer that a self-aware being is destined to gain foresight into the future. But where are we to seek this foresight? We find it in the theosophical view of the world and of life, which deals with the inner core of the human being. The word “theosophy” is often mistranslated. It is said that theosophy is knowledge of the divine being. That is not correct. No one would be so presumptuous as to believe that they could fathom the divine being.
[ 2 ] Das vorige Mal haben wir vom Ursprunge und der Vergangenheit des Menschen gesprochen; heute wird uns die Entwicklung in der Zukunft beschäftigen. Wenn wir an eine Entwicklung des Menschen glauben, so ist es klar, dass der Mensch immer höhere und höhere Fähigkeiten erlangen muss, um mit diesen Fähigkeiten Gott und das Universum immer besser verstehen zu lernen. Nach Millionen Jahren werden unsere Begriffe ganz andere sein als heute, und so wird es fortgehen. Unsere Gotteserkenntnis kann nie eine abgeschlossene sein. Theosophie ist nicht «Erkenntnis Gottes»; wohl aber zeigt sie uns die Perspektive, die zur Gotteserkenntnis führt.
[ 2 ] Last time we spoke about the origin and past of humankind; today we will focus on its future development. If we believe in the evolution of humankind, it is clear that humans must acquire ever higher and higher abilities in order to use these abilities to gain an ever better understanding of God and the universe. Millions of years from now, our concepts will be entirely different from what they are today, and so it will continue. Our knowledge of God can never be complete. Theosophy is not “knowledge of God”; rather, it shows us the perspective that leads to knowledge of God.
[ 3 ] Die Frage ist nun: Wie erlangt der Mensch überhaupt Kenntnis? Er erlangt sie im alltäglichen Leben durch seine Sinne. Hätte der Mensch keine Sinne, so könnte er die ihn umgebende Welt nicht kennenlernen. Was der Mensch mit dem Auge durch die Lichtwirkungen wahrnimmt, die Töne, die ihm sein Ohr vermittelt, was er fühlt, empfindet, schmeckt und riecht, das nimmt er in sich auf und kombiniert es mit dem Verstande. Nun ist alles das, was er wahrnimmt, vergänglich, alles hat ein Ende. Auch das verstandesmäßige Denken ist vergänglich. Auge, Ohr, Gehirn wird vergehen, zerstieben. Was die Sinne erkannt haben, gehört dereinst der Vergangenheit an. Alles, was zerstiebt, wird einst nicht mehr da sein, alle Erkenntnis, die von den Sinnen ausgeht, wird untergehen müssen; sie wird sich auch als vergänglich erweisen, weil sie auf Vergängliches gegründet war. Der Mensch, das Tier und die Pflanze sind vergänglich, alles ist vergänglich.
[ 3 ] The question now is: How does a person acquire knowledge in the first place? In everyday life, a person acquires it through the senses. If a person had no senses, he or she would not be able to come to know the world around him or her. What a person perceives with the eye through the effects of light, the sounds conveyed to him by his ear, what he feels, senses, tastes, and smells—he takes all of this in and combines it with his intellect. Now, everything he perceives is transitory; everything has an end. Intellectual thought, too, is transitory. The eye, the ear, and the brain will perish and disintegrate. What the senses have perceived will one day belong to the past. Everything that disintegrates will one day cease to exist; all knowledge derived from the senses must perish; it, too, will prove to be transitory, because it was founded on the transitory. Human beings, animals, and plants are transitory; everything is transitory.
[ 4 ] Aber der Mensch hat neben dem vergänglichen Wesen einen unvergänglichen Wesenskern. In ihm liegen schlummernde Kräfte, die entwickelt werden sollen, Organe des Lebens; wie Augen, Ohren, Gehirn, Organe des physischen Körpers sind, so gibt es auch Organe des geistigen Menschen von unvergänglicher Natur. Kurzum, die Theosophie lehrt uns, dass wir in uns einen höheren Menschen tragen, der seine unvergänglichen Sinne auf alles, was ihn umgibt, richtet und ihn den Wesenskern aller Dinge erkennen lässt.
[ 4 ] But alongside our perishable nature, human beings possess an imperishable core of being. Within it lie dormant powers that are meant to be developed—organs of life; just as the eyes, ears, and brain are organs of the physical body, so too are there organs of the spiritual human being that are of an imperishable nature. In short, Theosophy teaches us that we carry within ourselves a higher human being who directs his imperishable senses toward everything that surrounds him and enables him to recognize the essential core of all things.
[ 5 ] Auf diesem Grunde ruht die Theosophie. Sie richtet ihre Forschung ebenso wie die Naturforscher auf Pflanzen, Tiere und Mineralien, aber sie sucht nicht nur das Vergängliche zu erkennen, sondern das, was unvergänglich an den Dingen ist; sie untersucht nichts anderes, aber sie untersucht anders als die Wissenschaft. Sie handelt nicht nur von dem Vergangenen und Gegenwärtigen, sondern auch von der Zukunft.
[ 5 ] This is the foundation upon which theosophy rests. Like natural scientists, it focuses its research on plants, animals, and minerals, but it seeks not only to understand the transitory, but also that which is imperishable in things; it investigates nothing else, but it investigates in a different way than science. It deals not only with the past and the present, but also with the future.
[ 6 ] Was wissen wir von der Zukunft des Menschen? Was ist dieser Wesenskern, den der Mensch aus der Gegenwart mit hinüberträgt in die Zukunft? Welches ist das neue Glied in der Kette der Entwicklung, das die Verbindung zwischen dem Zeitlichen und dem Ewigen herstellt?
[ 6 ] What do we know about the future of humankind? What is this essential core that humankind carries with it from the present into the future? What is the new link in the chain of development that establishes the connection between the temporal and the eternal?
[ 7 ] Wir wollen versuchen, uns dieses im Geiste klarzumachen. Wenn das Erdenleben mit all dem, was der Mensch genossen hat, was ihn erfreut und betrübt hat, zerstoben ist, was bleibt dann? — Um uns das klarzumachen, versetzen wir uns einmal an drei Punkte des Lebens unserer Erde. Versetzen wir uns eine Million Jahre zurück, in die Gegenwart und in die Zukunft nach abermals einer Million Jahren. Versetzen wir uns in die urferne Vergangenheit zurück, so sehen wir den Menschen in einer ganz anderen Gestalt als jetzt. Er war noch unberührt von allem menschlichen Wirken und Treiben. Durch die Naturkräfte ist er geworden, was er war, göttliche Kräfte im Weltall haben zusammengewirkt, damit der Mensch ins Dasein treten konnte.
[ 7 ] Let’s try to understand this clearly in our minds. When earthly life—with everything a human being has enjoyed, everything that has brought them joy and sorrow—has faded away, what remains? — To understand this, let us transport ourselves to three points in the history of our Earth. Let us go back one million years, to the present, and into the future, another million years from now. If we go back to the distant past, we see human beings in a form quite different from what they are today. They were still untouched by all human activity and endeavor. They became what they were through the forces of nature; divine forces in the universe worked together so that human beings could come into existence.
[ 8 ] Nachdem der Mensch auf Erden erschienen, hat er die Aufgabe, nun seinerseits die Erde umzugestalten, umzuarbeiten. Ein Blick auf die Pyramiden, diese großartigen Riesenbauten, mag uns das als kleines Beispiel klarmachen. Wenn wir uns vergegenwärtigen, welche Umgestaltung Ägypten durch die Arbeit und Entstehung der Pyramiden erfahren hat, indem die kolossalen Steinmassen von einem Ort an einen anderen versetzt sind, sodass diese Bauten entstehen konnten, die den Fluten und Überschwemmungen standgehalten haben, so kann uns das ein kleines Abbild von der Veränderung geben, die die ganze Erde durch die Arbeit des Menschen erfahren hat und noch erfahren wird.
[ 8 ] Now that humankind has appeared on Earth, it has the task of reshaping and transforming the Earth in turn. A look at the pyramids—these magnificent, colossal structures—may serve as a small example to illustrate this. If we consider the transformation Egypt underwent through the labor and construction of the pyramids—as colossal masses of stone were moved from one place to another to create these structures that have withstood floods and inundations—this can give us a small glimpse of the change the entire Earth has undergone and will continue to undergo through human labor.
[ 9 ] Noch ein Bild: Nehmen Sie den Kölner Dom; wie viele Arbeit war nötig, Menschenarbeit, um den herzustellen! Das Herbeischaffen und Behauen der Steine und so weiter, und so weiter; man versetze sich da recht hinein, welche Kräfte nötig waren, um ein solches Kunstwerk zustande zu bringen. In ferner Zukunft werden dem Menschen noch ganz andere Kräfte zur Verfügung stehen; er wird noch viele Naturkräfte in seine Dienste zwingen und viel Größeres wird er noch leisten als heute. Heute hat er gelernt, Naturkräfte wie Elektrizität, Magnetismus und so weiter zu benutzen; durch den leisen Druck eines Knopfes kann er Licht hervorzaubern. Kurz, er kann Dinge verrichten, von denen man vor hundert oder zweihundert Jahren noch keine Ahnung hatte. Das kann der heutige Mensch auch ohne Theosophie einsehen.
[ 9 ] Here’s another example: Take Cologne Cathedral; just think of how much work—human labor—it took to build it! Quarrying and hewing the stones, and so on and so forth; just imagine what kind of strength was required to bring such a work of art into being. In the distant future, humanity will have entirely different kinds of power at its disposal; it will harness many more forces of nature to its service and accomplish things far greater than it does today. Today, humanity has learned to use natural forces such as electricity, magnetism, and so on; with the gentle press of a button, it can conjure up light. In short, it can accomplish things that were unimaginable a hundred or two hundred years ago. Modern humanity can recognize this even without theosophy.
[ 10 ] Später werden die Stromkräfte der großen Flüsse ausgenutzt werden, auch die Sonnenstrahlen. Das klingt phantastisch — es sind Perspektiven. Die Feuerkraft, die Kräfte der Vulkane wird der Mensch in seinen Dienst zwingen. Nord- und südmagnetische Kräfte zwingt der Mensch immer mehr und mehr, ihm zu dienen. Wie die Erde jetzt ein ganz anderes Aussehen hat als vor Millionen Jahren, so wird sie nach Millionen Jahren wieder ganz anders aussehen als jetzt. Immer und immer arbeitet der Mensch an der Erde.
[ 10 ] In the future, the power of the great rivers will be harnessed, as will the sun’s rays. That sounds fantastic—but these are possibilities. Humankind will harness the power of fire and the forces of volcanoes. Humankind is increasingly compelling the northern and southern magnetic forces to serve it. Just as the Earth now looks completely different from how it did millions of years ago, so too will it look completely different from how it does now in millions of years. Humankind is constantly working on the Earth.
[ 11 ] Die Geschöpfe sind mit dem Planeten geschaffen, um ihn dann umzuarbeiten zu einem Abbild dessen, was der Mensch werden wird.
[ 11 ] Living beings were created along with the planet in order to reshape it into a reflection of what humanity will become.
[ 12 ] Nun fragen Sie, können wir uns aus diesem Phantasiegebilde ein wirkliches Bild machen?
[ 12 ] Now you ask, can we form a real picture from this figment of the imagination?
[ 13 ] Die Theosophie gibt kein utopisches Bild; sie zeigt uns ein sehr wirkliches Bild der Zukunft. In höchst reellem Sinne kann sie von der Zukunft sprechen. Nehmen Sie einen Vergleich: [Zwei Menschen stehen nebeneinander, einer davon ist ein «Wilder», der andere Goethe]. Ein Dritter, der vor beiden steht, würde auf den «Wilden» weisend sagen: Was du jetzt bist, war Goethe auch einmal und du wirst in der Zukunft sein wie Goethe. So weisen wir hin auf die Individualität des Menschen, die sich nach und nach entwickelt bis zur höchsten Vollkommenheit. Unter uns wandeln Menschen, die schon in sich entwickelt haben, was der Durchschnittsmensch erst in der Zukunft entwickeln wird. Sie sind keine anderen Wesen als wir; es geht alles mit natürlichen Dingen zu, es beruht nicht auf Zauberei. Das wird uns alles erklärlich, wenn wir an einen Aufstieg glauben.
[ 13 ] Theosophy does not present a utopian vision; it shows us a very real picture of the future. In the most concrete sense, it can speak of the future. Consider this analogy: [Two people are standing side by side; one is a “savage,” the other is Goethe]. A third person, standing in front of both of them, would point to the “savage” and say: What you are now, Goethe once was, and in the future you will be like Goethe. In this way, we point to the individuality of the human being, which gradually develops toward the highest perfection. Among us walk people who have already developed within themselves what the average person will only develop in the future. They are no different from us; everything happens naturally—it is not based on magic. All of this becomes clear to us when we believe in spiritual ascent.
[ 14 ] Um Ihnen zu zeigen, dass es nicht nötig ist, sich das so ganz unfassbar vorzustellen, wollen wir uns die Sache durch einen Vergleich klarmachen. Zwei Naturforscher betrachten einen ungeschickten Molukkenkrebs, der auf den Rücken gefallen war und sich nun vergeblich bemühte, sich wieder umzudrehen. Zwei Brüder des Krebses griffen tätlich ein, um ihm zu helfen; doch es gelang nicht; er war ihnen zu schwer. Da ließen sie den Krebs liegen und holten noch zwei Kollegen dazu; nun gelang den vieren, den Kollegen umzuwenden. Nehmen wir nun an, die beiden Naturforscher hätten den Krebs umgedreht, während die Gefährten hingingen, um Hilfe zu holen, und [diese] hätten bei ihrer Rückkehr den Krebs auf seinen Beinen gefunden; sie hätten sicher geglaubt, es sei ein Wunder geschehen; einige ihrer Brüder aber, die Krebsmonisten, hätten sich gegen diesen Glauben aufgebäumt und würden behaupten, alles sei mit natürlichen Dingen zugegangen.
[ 14 ] To show you that it’s not necessary to imagine this as something completely incomprehensible, let’s clarify the matter with a comparison. Two naturalists are observing a clumsy Moluccan crab that had fallen onto its back and was now struggling in vain to turn itself over. Two of the crab’s brothers tried to help it, but they were unsuccessful; it was too heavy for them. So they left the crab where it was and went to fetch two more colleagues; now the four of them managed to turn the crab over. Now let’s assume that the two naturalists had turned the crab over while their companions went to fetch help, and [the companions] had found the crab standing on its legs upon their return; they would surely have believed that a miracle had occurred; but some of their brothers, the “crab monists,” would have rebelled against this belief and claimed that everything had happened through natural causes.
[ 15 ] Übertragen auf die Menschheit merken wir, dass unser Erkennen und Vermögen nicht abgeschlossen sein kann mit dem, was wir heute erreicht haben. So hoch wie Goethe über dem «Hottentotten» steht, so hoch wird die einst kommende Rasse über der jetzigen stehen. Die gegenwärtige Rasse zeitigt allmählich eine Rasse der Zukunft.
[ 15 ] Applying this to humanity, we realize that our understanding and capabilities cannot be limited to what we have achieved today. Just as Goethe stands above the “Hottentots,” so will the race yet to come stand above the present one. The present race is gradually giving rise to a race of the future.
[ 16 ] Gesetzt, wir hätten Menschen vor uns, die den Grad der Entwicklung erreicht hätten, den die Rasse erst in späterem Zeitalter erreichen wird. Wenn wir sie befragten, was hätten sie uns zu zeigen? Es würde sich handeln um Geburt und Tod, darum, wie es jenseits beschaffen sein wird, und so weiter. Zunächst würden wir erfahren, dass es sich beim Jenseits gar nicht um etwas Zukünftiges handelt. Jesus sagt: «Das Himmelreich ist mitten um euch» (Lk 17,21) - nicht «in euch».
[ 16 ] Suppose we were faced with people who had reached a level of development that the human race will not attain until a later age. If we asked them, what would they have to show us? It would be about birth and death, about what the afterlife will be like, and so on. First of all, we would learn that the afterlife is not something that lies in the future at all. Jesus says, “The kingdom of God is in your midst” (Luke 17:21)—not “within you.”
[ 17 ] Wie haben wir das zu verstehen?
[ 17 ] How are we to understand this?
[ 18 ] Die Dinge, die uns umgeben, erscheinen geistig, wenn die schlummernden Kräfte in uns geweckt sind. Zwei Menschen lieben einander, leben miteinander; der Tod kommt, sie verlässt ihn, er sie. Aber was drüber steht, das Resultat des Lebens, der Wesenskern, bleibt von einer Verkörperung zur anderen; er wird noch oftmals wiederkommen auf die Erde.
[ 18 ] The things that surround us appear spiritual when the dormant powers within us are awakened. Two people love each other and live together; death comes, and she leaves him, and he leaves her. But what lies beyond that—the result of life, the essence of being—remains from one incarnation to the next; it will return to Earth many times yet.
[ 19 ] Welchen Zweck und welchen Sinn hat das? — Es hat den Zweck, dass das Leben den Menschen immer höhere Lektionen lehren soll.
[ 19 ] What is the purpose and meaning of this? — The purpose is that life should teach people ever higher lessons.
[ 20 ] Versetzen wir uns in die Zeit der Odyssee. Lesen und Schreiben kannten die Menschen damals nicht; das hatten sie nicht gelernt. Es war ganz etwas anderes, was der Mensch damals mit aus der Welt herausnahm. Es wird für ihn nicht unnütz sein, jetzt wieder auf der Erde zu leben. Von der frühesten Kindheit an ist er von ganz anderen Dingen umgeben als damals zu Odysseus’ Zeiten. Immer Neues sammelt er, und die Früchte des Erlebten kommen ihm und der Erde zu gut.
[ 20 ] Let’s imagine ourselves back in the time of the Odyssey. People back then did not know how to read or write; they had not learned those skills. It was something entirely different that people took away from the world back then. It will not be useless for them to live on Earth again now. From earliest childhood, they are surrounded by things quite different from those in Odysseus’s time. They are constantly gathering new experiences, and the fruits of those experiences benefit both them and the Earth.
[ 21 ] Was die Seele erlebt hat, bleibt ihr. Sie ist nicht nur reiner und stärker geworden, sondern sie hat auch gelernt.
[ 21 ] What the soul has experienced remains with it. Not only has it become purer and stronger, but it has also learned.
[ 22 ] In dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt verarbeitet der Mensch, was er zwischen Geburt und Tod gelernt hat. Wird er dann wiedergeboren, so bringt er Neues mit, was er verwerten kann, um mehr zu lernen. Wenn wir alles gelernt haben, wird die Erde abfallen. Was dann aus der Menschenseele hervorgegangen ist, das bleibt; als neue Seelen werden sie auf einen neuen Daseinsschauplatz hinüberleben.
[ 22 ] In the life between death and rebirth, a person processes what they have learned between birth and death. When they are reborn, they bring new insights with them that they can use to learn even more. When we have learned everything, the earth will fall away. What has then emerged from the human soul will remain; as new souls, they will live on in a new realm of existence.
[ 23 ] Nun wird es klar sein, dass es Menschen gibt, die mehr wissen als die Durchschnittsmenschen. Sie sind Menschen, die mehr und schneller gelernt haben als ihre Brüder.
[ 23 ] It should now be clear that there are people who know more than the average person. They are people who have learned more and faster than their peers.
[ 24 ] Was hat es für einen Zweck, in anderen Welten zu leben, wenn wir mit dem Tode abgehen? Wir wollen versuchen, das ganze Leben zu verstehen. Hier in diesem Leben sind unsere Sinne die Werkzeuge, durch welche wir die Welt um uns her wahrnehmen. Ohne Sinne könnten wir nichts erfahren. Wir brauchen Augen, um die Schönheit der Welt zu sehen, Ohren, um Töne zu hören, Zunge und Gaumen, um zu schmecken, das Gehirn und die Zunge, um denken und sprechen zu können.
[ 24 ] What is the point of living in other worlds if we depart with death? Let us try to understand life as a whole. Here in this life, our senses are the tools through which we perceive the world around us. Without our senses, we could experience nothing. We need eyes to see the beauty of the world, ears to hear sounds, a tongue and palate to taste, and a brain and tongue to think and speak.
[ 25 ] Was geschieht nun, wenn die Hülle von uns abfällt? Die Seele, der Träger der Begierden und Triebe, ist nun frei. Ihr Leben setzt sich im Astralen fort, unbeeinflusst und ungehemmt von den irdischen Hüllen. Hat sie an einer leckeren Speise gehangen, so fühlt sie noch das Verlangen nach einer solchen leckeren Speise; sie möchte sie gern genießen; aber es fehlen ihr die Sinne, sie möchte gern genießen und kann es nicht; das macht ihr Qual. Die Seele hat sich die Wünsche und Begierden abzugewöhnen. Das geschieht auf dem Plane oder der Bewusstseinsebene, die man Kamaloka nennt; Kama — Begierde; Loka — Ort: der Ort der Begierden.
[ 25 ] What happens, then, when the physical body falls away from us? The soul, the bearer of desires and impulses, is now free. Its life continues in the astral realm, uninfluenced and unhindered by the earthly shells. If it has been attached to a delicious meal, it still feels the desire for such a meal; it would like to enjoy it; but it lacks the senses—it would like to enjoy it but cannot; this causes it torment. The soul must wean itself from these wishes and desires. This takes place on the plane or level of consciousness called Kamaloka; Kama—desire; Loka—place: the place of desires.
[ 26 ] Wenn die Seele nun alles das abgestreift hat von Wünschen und Begierden, was nur durch die Sinne befriedigt werden kann, was bleibt ihr dann?
[ 26 ] Now that the soul has cast off all desires and longings that can be satisfied only through the senses, what remains for it?
[ 27 ] Es sind die Erfahrungen, die wir zwar durch die Sinne in uns aufgenommen haben, [die] aber nicht haften an den Sinnen. Die Sinne sind die Tore, durch die alle Erfahrungen in uns einfließen; aber die Sinne sagen uns nichts über das Wesen der Dinge selbst; nichts von der Einheit aller Dinge, von Zahlen, von der Schönheit, von allem künstlerischen Geschehen, vom Guten, von Idealen. Das alles geht von dem Wesenskern des Menschen aus; so entsteht, was über die Sinne hinausgeht. Der Wesenskern des Menschen nun kommt in Kamaloka nicht hell und klar zum Vorschein, wenn die Seele noch hinschielt nach dem, was sie verlassen hat; hat sie sich das aber abgewöhnt, so leuchtet aus der Seele die Frucht der ganzen Lebenserfahrung heraus. Was wir geformt haben, leben wir in seligem Entzücken aus. Ein göttergleiches Dasein führen wir zwischen dem Leben auf der Erde und der nächsten Geburt. Devachan oder der Himmel heißt der Ort, wo wir dann weilen werden, wenn wir auf der Erde über die Erde hinaus gearbeitet haben. Wir werden uns dort verwandt fühlen mit den überirdischen Kräften.
[ 27 ] These are the experiences that we have indeed taken in through the senses, [but] which do not remain attached to the senses. The senses are the gateways through which all experiences flow into us; but the senses tell us nothing about the essence of things themselves; nothing about the unity of all things, about numbers, about beauty, about all artistic activity, about goodness, or about ideals. All of this springs from the core of the human being; this is how that which transcends the senses comes into being. Now, the innermost core of the human being does not emerge clearly and distinctly in Kamaloka if the soul still yearns for what it has left behind; but once it has outgrown this yearning, the fruit of the entire life experience shines forth from the soul. What we have shaped, we live out in blissful rapture. We lead a godlike existence between life on Earth and the next birth. Devachan, or Heaven, is the name of the place where we will dwell if we have worked on Earth to transcend the earthly realm. There we will feel a kinship with the superterrestrial forces.
[ 28 ] Von den Pflanzen werden wir die innere Wesenheit erkennen, wir werden die andere, uns jetzt unsichtbare Seite der Natur sehen. Wenn Ihr Sinn im Geistigen lebt, so werden Sie dort unter denjenigen Kräften sein, die die Dinge hervorbringen, den Kräften, die die Pflanzen bauen, die die Tiere bauen. Betrachten Sie eine Pflanze genau durch das Mikroskop, so werden Sie einen Weisheitsbau sehen, mit dem sich der größte und ingeniöseste Brückenbau eines Baumeisters nicht messen kann. Oder betrachten Sie den Wunderbau des Gehirns! Ist es nicht kondensierte Weisheit? Suchend und ahnend nur können wir versuchen, sie herauszusaugen aus der uns umgebenden Welt; und wir versuchen aus dem, was wir ahnen, uns zu kombinieren, was die Ursache der Dinge ist. In Devachan leben wir unter den schaffenden Kräften und Mächten. Die Seele vermählt sich da mit dem Geist. Höher und höher steigt sie empor, weil sie zwischen den schaffenden Geistern gelebt hat.
[ 28 ] Through plants, we will come to recognize the inner essence; we will see the other side of nature, which is now invisible to us. If your mind dwells in the spiritual realm, you will find yourself among the forces that bring things into being—the forces that build plants and animals. If you examine a plant closely through a microscope, you will see a structure of wisdom that even the greatest and most ingenious bridge built by an architect cannot rival. Or consider the marvelous structure of the brain! Is it not condensed wisdom? We can only try, through seeking and intuition, to draw it out of the world around us; and from what we intuit, we try to piece together what the cause of things is. In Devachan, we live among the creative forces and powers. There, the soul unites with the Spirit. It rises higher and higher because it has lived among the creative spirits.
[ 29 ] Was wir hier lernen, ist zu vergleichen mit dem, was der Schüler auf der Landkarte zum Beispiel von Kleinasien lernt. Wie ganz anders erscheint ihm das Land, wenn er es mit Augen erblickt, als wenn er die Namen, Punkte und Linien auf der Landkarte sieht. So verhält sich auch das Wissen des Alltagsmenschen gegen das Leben in Devachan, dem Leben unter den Dingen selbst. Hier sind die Grundlagen für unser Wesen. Eine geniale Seele ist nicht etwa entstanden aus wirbelnden Atomen. Wer heute Genie hat, hat es sich erlebt in vielen Erdenleben. In einem Leben sammeln wir Erfahrungen, die wir im nächsten anwenden. Erst bauen wir uns die Werkzeuge, dann kommt die Anwendung. Was ich heute kann, habe ich mir früher erworben.
[ 29 ] What we learn here can be compared to what a student learns from a map of, for example, Asia Minor. How different the country appears to him when he sees it with his own eyes, compared to when he sees the names, dots, and lines on the map. The same is true of the knowledge of the everyday person in relation to life in Devachan—life among the things themselves. Here lie the foundations of our being. A genius soul did not simply arise from swirling atoms. Whoever possesses genius today has earned it through many earthly lives. In one life, we gather experiences that we apply in the next. First we build the tools; then comes their application. What I can do today, I acquired long ago.
[ 30 ] Das alles kann der Mensch sich auch aus seinem Verstande heraus sagen. Aber es gibt Menschen, die es aus eigner Anschauung erkennen, dass es so ist, weil sie imstande sind, sich bewusst in diese Zustände zu versetzen, während sie von der Hülle des Fleisches umgeben sind. Wir nennen sie «Chela» oder Schüler. Sie haben gelernt, in die geistige Entwicklung hineinzuschauen, die geistige Welt liegt vor ihnen aufgeschlossen. Der Chela kann sich entwickeln bis zum Meister.
[ 30 ] A person can also reason all of this out using their intellect. But there are people who recognize from their own experience that this is so, because they are able to consciously place themselves in these states while still surrounded by their physical body. We call them “chelas” or disciples. They have learned to look into spiritual development; the spiritual world lies open before them. The chela can develop all the way to becoming a master.
[ 31 ] Wie gelangt ein Mensch zur Chelaschaft? Die Vorbereitungen, die notwendig sind, um ein Schüler zu werden, sind in vielen Schriften zu lesen. Um ein Schüler zu werden, ist ein gewisser Grad der Entwicklung, den der Mensch erreicht haben muss, durchaus nötig. Es hat immer lebende Menschen gegeben, die die Pforte des Todes überschritten haben, von der angeblich niemand zurückkehrt. Der Chela aber und der Meister kehren wirklich zurück. Sie können die Pforte bewusst durchschreiten und wiederkehren. Die Vorbereitung erfordert nur, dass der Mensch lernt, wirklich in seinem Innern zu leben. Wir können dazu gelangen, wenn wir wenigstens einmal am Tage ganz und gar in uns selbst sind. Der echte Christ erlangt diesen Zustand im Gebet, andere durch die Meditation und Versenkung. Wenn wir imstande sind, zu meditieren und in der Meditation an uns selbst zu arbeiten, so können wir allmählich aufgenommen werden in die geistige Welt.
[ 31 ] How does a person become a disciple? The preparations necessary to become a disciple are described in many writings. To become a disciple, a certain degree of development that a person must have attained is absolutely necessary. There have always been living people who have crossed the threshold of death, from which supposedly no one returns. The chela, however, and the Master do indeed return. They can consciously pass through the threshold and return. The preparation requires only that a person learn to truly live within. We can attain this if we are completely within ourselves at least once a day. The true Christian attains this state through prayer; others through meditation and contemplation. If we are able to meditate and work on ourselves during meditation, we can gradually be admitted into the spiritual world.
[ 32 ] Streng und ernst sind die Eigenschaften, die von einem Jünger erfordert werden. Er muss erstens — Viveka — das Wesentliche an den Dingen von dem Unwesentlichen unterscheiden können. Ob das Ding ein Mineral, eine Pflanze, ein Tier oder ein Mensch ist, gilt gleich; ob es sich um ein wildes Tier, einen Verbrecher oder einen edlen Menschen handelt, gilt gleich; mit einem Blick muss er das Wesentliche von dem Unwesentlichen aussondern können. Diese erste Eigenschaft, die zur Chelaschaft führt, schwebt nicht etwa im Wolkenkuckucksheim, wie einige glauben möchten, sodass der, der sie besitzt, keinen Sinn für die täglichen Dinge hätte und diese nicht auch als wesentlich erkennte; das wäre eine falsche Ansicht. Die Art, wie einer einen Löffel Suppe zum Munde führt, kann wesentlicher sein als der ganze Teller Suppe, die er isst. Das ist wesentlich, was den Wesenskern der Sache oder des Menschen erschließt, nicht das, was äußerlich die Sinne wahrnehmen. Man muss, um zu dieser Eigenschaft zu gelangen, am rechten Ort einsetzen. Wenn man zum Beispiel glaubt, die Welt mit gedrucktem Papier zu bereichern sei besser als Draht ziehen, so irrt man sich.
[ 32 ] Strictness and seriousness are the qualities required of a disciple. First, he must—Viveka—be able to distinguish the essential from the non-essential in all things. Whether the thing is a mineral, a plant, an animal, or a human being makes no difference; whether it is a wild animal, a criminal, or a noble person makes no difference; with a single glance, he must be able to separate the essential from the non-essential. This first quality, which leads to discipleship, does not exist in some cloud-cuckoo-land, as some would like to believe, so that the one who possesses it would have no sense of everyday things and would not recognize them as essential; that would be a mistaken view. The way one brings a spoonful of soup to one’s mouth can be more essential than the entire bowl of soup one eats. What is essential is that which reveals the inner core of a thing or a person, not what the senses perceive externally. To attain this quality, one must start in the right place. For example, if one believes that enriching the world with printed paper is better than drawing wire, one is mistaken.
[ 33 ] Die zweite Tugend ist — Vairagya —, nicht am Vergänglichen hangen, sondern an der Frucht des Vergänglichen. Man muss sich mit dem ewigen Kern der Dinge bekannt machen.
[ 33 ] The second virtue is—Vairagya—not to cling to the transitory, but to the fruit of the transitory. One must become acquainted with the eternal core of things.
[ 34 ] Drittens: Shatsampat — sechs Tugenden oder Eigenschaften, die notwendig sind zur Vorbereitung für die Zukunft.
[ 34 ] Third: Shatsampat—six virtues or qualities necessary for preparing for the future.
[ 35 ] Erstens: Beherrschung der Gedanken — Shama. Man soll die Gedanken nicht irrlichtelieren lassen. Vollständige Beherrschung seiner Gedanken muss der Mensch erreichen, der Chela werden will. Das ist jetzt noch ein Ideal, aber man muss sich Zeit nehmen, um dies Ideal anzustreben. Ich muss es so weit bringen, dass meine Seele keinen Gedanken hegt, den ich ihr nicht vorgesetzt habe. Je mehr Herrschaft ich über meine Gedanken gewinne, je näher komme ich meinem Wesenskern.
[ 35 ] First: Control of the thoughts—Shama. One should not let one’s thoughts wander aimlessly. A person who wishes to become a chela must achieve complete control over his thoughts. This is still an ideal, but one must take the time to strive toward this ideal. I must reach the point where my soul harbors no thought that I have not presented to it. The more control I gain over my thoughts, the closer I come to the core of my being.
[ 36 ] Aus der Beherrschung der Gedanken entspringt dann zweitens: die Beherrschung der Handlungen - Dama. Man muss sich nicht nur von den Umständen treiben lassen. Nicht die Außenwelt soll uns antreiben, sondern unsere eigene Innenwelt. Man soll in gewisser Weise sein eignes Schicksal in die Hand nehmen. Das, was wir erreichen wollen, sollen wir nach eigenem, wohldurchdachtem Plan zu erreichen suchen. Diese Kontrolle über seine Handlungen gibt dem Menschen eine vorher nicht gekannte Ruhe des Gemüts. Es wird eine Umwandlung des ganzen Lebens stattfinden. Nicht dass man jetzt etwas Außerordentliches unternehmen müsste, was man sich vorsetzt, und darüber seine Pflicht gegen seinen Nächsten vernachlässigte. Aber der Mensch wird Herr über jedes Schicksal. Er bleibt der Herr und beherrscht das Schicksal, das Schicksal beherrscht ihn nicht mehr. In jeder Lebenslage wird er mit einem Blick überschauen, was im Augenblick nottut. Dieses Ideal ist anzustreben.
[ 36 ] Secondly, from the mastery of thoughts springs the mastery of actions—Dama. We must not simply let ourselves be driven by circumstances. It is not the external world that should drive us, but our own inner world. In a certain sense, one should take one’s own destiny into one’s own hands. We should seek to achieve what we wish to achieve according to our own, well-thought-out plan. This control over one’s actions gives a person a previously unknown peace of mind. A transformation of one’s entire life will take place. This does not mean that one must now undertake something extraordinary—whatever one sets out to do—and thereby neglect one’s duty toward one’s neighbor. But a person becomes master of every fate. He remains the master and controls fate; fate no longer controls him. In every situation, he will be able to see at a glance what is necessary at that moment. This ideal is worth striving for.
[ 37 ] Drittens: Die dritte Eigenschaft — Uparati — übersetzt man am besten mit Ertragsamkeit. Allem, was uns begegnet, einen gewissen Gleichmut entgegensetzen. Nicht himmelhoch jauchzend und dann wieder zu Tode betrübt sein, sondern ertragsam. Das Glück mit Freude, aber ohne Erregung begrüßen, das Unglück, wenn auch ernst, doch gefasst ertragen. Immer gleiche Temperatur bewahren.
[ 37 ] Third: The third quality—Uparati—is best translated as “equanimity.” Meet everything that comes our way with a certain equanimity. Do not swing from elation to despair, but remain equanimous. Welcome good fortune with joy, but without excitement; endure misfortune, though serious, with composure. Always maintain the same poise.
[ 38 ] Viertens: Allgemeines, liebevolles Menschenverständnis, Verständnis aller Wesen, Toleranz — Titiksha. Den Verbrecher nicht verdammen oder verabscheuen, sondern ihn zu veredeln suchen; nicht sagen «ich mag ihn nicht», sondern versuchen, ihn auf eine höhere Stufe zu bringen, überall nach dem Wesenskern suchen. Wir sagen uns: Dieser Verbrecher war nicht schlechter als ich; die Umstände haben ihn vielleicht zum Verbrecher gemacht. Kann ich ihm helfen? Ich will ihn nicht richten, sondern suchen, ihn zu verstehen. Und so duldsam muss der Schüler gegen alle Wesen sein.
[ 38 ] Fourth: A general, loving understanding of humanity, understanding of all beings, tolerance—Titiksha. Do not condemn or despise the criminal, but seek to refine him; do not say, “I don’t like him,” but try to raise him to a higher level, seeking the essence of his being in everything. We tell ourselves: This criminal was no worse than I am; circumstances may have turned him into a criminal. Can I help him? I do not want to judge him, but rather seek to understand him. And the student must be this tolerant toward all beings.
[ 39 ] Fünftens: Unbefangenheit gegenüber allen Ereignissen — Shraddha. Wenn uns etwas Neues gesagt oder erzählt wird, sind wir geneigt, auszurufen oder zu denken: Oh, das glaube ich nicht. - Tun wir das, so nehmen wir uns den unbefangenen Blick für etwas Neues. Der Chela sagt nie: Das kann ich nicht glauben. - Er glaubt, dass er immer Neues und Höheres erfahren kann. Die Unbefangenheit führt zum Glauben und Vertrauen.
[ 39 ] Fifth: An open-minded attitude toward all events — Shraddha. When something new is told or explained to us, we are inclined to exclaim or think: “Oh, I don’t believe that.” — If we do that, we lose our open-minded perspective on something new. The chela never says: “I can’t believe that.” - He believes that he can always experience something new and higher. This open-mindedness leads to faith and trust.
[ 40 ] Die sechste Tugend, die innere Harmonie — Samadhana — ergibt sich aus den fünf vorhergehenden Eigenschaften.
[ 40 ] The sixth virtue, inner harmony—Samadhana—arises from the five preceding qualities.
[ 41 ] Aus diesem allem geht hervor: Viertens: Der Wille zur Freiheit - Mumuksha. Der Mensch hat gewöhnlich mehr Willen zur Unfreiheit als zur Freiheit. Er fühlt sich abhängig von der Außenwelt und innerlich unfrei, weil seine Leidenschaften ihn beherrschen. Hat er aber die vorgenannten Tugenden in sich verwirklicht, so ist der Wille zur Freiheit da, der ihn befähigt, vollends frei zu werden, was ihm erst ermöglicht, sich einzubürgern in das Leben im Geist. Wenn dies bis zu einem gewissen Grade erreicht ist, beginnt die Chelaschaft. Diese umfasst vier Stufen.
[ 41 ] From all this it follows: Fourth: The will to freedom—Mumuksha. Human beings usually have a greater will to bondage than to freedom. They feel dependent on the external world and internally unfree because their passions dominate them. But once they have realized the aforementioned virtues within themselves, the will to freedom arises, enabling them to become completely free—which in turn allows them to become fully integrated into life in the Spirit. When this is achieved to a certain degree, the stage of chela begins. This comprises four stages.
[ 42 ] Erste Stufe: Der heimatlose Mensch. Er hängt nicht mehr an der äußeren Welt, schaut nicht begehrlich nach der Sinnenwelt zurück. Er ist nicht etwa lieblos gegenüber der Sinnenwelt, aber er lässt sich nicht durch sie gefangen nehmen. Er selbst lässt aller Welt gleiche Liebe zuteilwerden. Er fängt nun an, bewusst hineinzublicken in die geistige Welt, in die Gebiete, die dem Durchschnittsmenschen sonst erst nach dem Tode erschlossen sind. Dann schwinden aller Aberglaube und aller Zweifel für immer, da er sieht, wie die Dinge sind. Es schwindet dann aber auch alle Illusion des eigenen Selbst.
[ 42 ] First stage: The homeless human being. He is no longer attached to the external world; he does not look back longingly at the sensory world. He is not, by any means, unloving toward the sensory world, but he does not allow himself to be ensnared by it. He himself bestows equal love upon the entire world. He now begins to consciously look into the spiritual world, into realms that are otherwise accessible to the average person only after death. Then all superstition and all doubt vanish forever, for he sees things as they truly are. But then, too, all illusion of the self vanishes.
[ 43 ] Schon im Physischen können wir uns das klarmachen. Unsere Existenz hängt vollständig von dem Zusammenhang ab, den wir mit dem Erdball haben. Würden wir uns über ihn hinausheben, so würden wir vergehen, da die Lebensbedingungen, die wir brauchen, dort in der Höhe nicht vorhanden sind. Nur in der Umgebung, in die wir hineingeboren sind, können wir leben, weil sie mit der Temperatur unseres eigenen Blutes in richtigem Verhältnis steht. Wäre die Temperatur nur 30 Grad heißer oder kälter, so wäre unser Dasein gefährdet.
[ 43 ] We can see this clearly even on a physical level. Our existence depends entirely on our connection to the Earth. If we were to rise above it, we would perish, since the conditions necessary for life do not exist at such heights. We can live only in the environment into which we are born, because it is in proper proportion to the temperature of our own blood. If the temperature were just 30 degrees hotter or colder, our existence would be endangered.
[ 44 ] Das persönliche Selbst wird überwunden sein, das «Tat twam asi» — «Das bist Du», voll erwacht, das heißt der Mensch fühlt sich eins mit dem All.
[ 44 ] The personal self will be transcended; “Tat twam asi”—“That is you”—will be fully awakened, meaning that the individual will feel at one with the universe.
[ 45 ] [Die] zweite Stufe der Chelaschaft wird bezeichnet mit «Hüttenbauen». Er schaut das Kundalinilicht. Das wird uns in der Erzählung von der Verklärung vorgeführt, wo der Herr Jesus seine drei Jünger zur Chelaschaft einführt. Da wollen sie Hütten bauen.
[ 45 ] [The] second stage of discipleship is referred to as “building huts.” He beholds the Kundalini light. This is illustrated for us in the account of the Transfiguration, where the Lord Jesus initiates his three disciples into discipleship. There they want to build huts.
[ 46 ] Dritte Stufe der Chelaschaft: Da leuchtet das Licht aus dem Schüler heraus. «Jedes Ding sagt ihm seinen eigenen Namen.» Er sieht die Dinge von der anderen Seite durch die Geistesstrahlen,
[ 46 ] Third stage of discipleship: The light shines forth from the disciple. “Every thing tells him its own name.” He sees things from the other side through the rays of the spirit,
[ 47 ] Vierte Stufe der Chelaschaft: ist nicht zu beschreiben; die lässt sich mit gewöhnlichen Worten nicht klar legen; davon kann nur in Geheimschulen gesprochen werden.
[ 47 ] The fourth stage of discipleship: cannot be described; it cannot be clearly explained in ordinary words; it can only be discussed in secret schools.
[ 48 ] Auf die höheren Stufen kann nur hingedeutet werden.
[ 48 ] We can only hint at the higher levels.
[ 49 ] Was jetzt nur Einzelne erlangen, wird in Zukunft das ganze Menschengeschlecht besitzen. Neue Kräfte werden bekannt werden, man wird bewusst aus dem Reiche des Geistes heraus arbeiten.
[ 49 ] What only a few individuals attain now will, in the future, be possessed by the entire human race. New powers will be discovered, and people will consciously work from within the realm of the spirit.
[ 50 ] Die Theosophie ist keine Utopie, kein Phantasiegebilde. Was jetzt nur in einzelnen Exemplaren verwirklicht ist, wird die Zukunft des Menschengeschlechts sein. Sie ist nicht ein müßiges Reden über interessante Probleme, sondern ein tätiges Wirken in die Zukunft hinein. Wer nur etwas anfängt, sich da hineinzuleben, wirkt für die Zukunft. Die Theosophie weist auf die Keime hin; sie gibt Mittel und Wege an, wie in die Zukunft hinein gearbeitet werden kann. Sie ist keine abstrakte Lehrmethode. Sie zeigt, wie der Mensch sein wird, wenn er so und so lebt.
[ 50 ] Theosophy is not a utopia, nor is it a figment of the imagination. What is now realized only in a few individuals will be the future of the human race. It is not idle talk about interesting problems, but active work toward the future. Anyone who begins to immerse themselves in it is working for the future. Theosophy points out the seeds of this future; it indicates the means and ways in which one can work toward it. It is not an abstract teaching method. It shows what human beings will be like if they live in such and such a way.
[ 51 ] Es möchte einer fragen: Trifft dann das auch sicher zu, was hier verkündet wird? Das lässt sich nicht einfach mit Ja oder Nein beantworten. Die Mittel sind dem Menschen gegeben, ob er sie anwenden wird, kann man nicht wissen. Es kommt darauf an, ob die Menschen sich dazu bereitfinden werden, mitzuarbeiten. Die theosophische Gesellschaft ist zu dem Zweck gegründet worden, Menschen zu bilden, die an diesem Ziel mitarbeiten wollen. Die Vergottung der Menschheit hängt davon ab, ob sich welche aus ihrer Mitte zusammenfinden werden, die das Werk angreifen.
[ 51 ] One might ask: Is what is proclaimed here truly accurate? That cannot be answered simply with a “yes” or a “no.” The means have been given to humankind; whether they will use them is impossible to know. It depends on whether people are willing to cooperate. The Theosophical Society was founded for the purpose of educating people who wish to work toward this goal. The deification of humanity depends on whether a group will come together from among them to undertake this work.
[ 52 ] Darin aber müssen sie ganz frei sein, sie müssen ganz unbeeinflusst ihre eigene Bestimmung treffen. Aus dem, was wir hier gehört haben, können wir ersehen, dass die
[ 52 ] But in this they must be completely free; they must make their own decisions without any outside influence. From what we have heard here, we can see that the
[ 53 ] Theosophie uns erst den wahren Sinn des Lebens erschließt.
[ 53 ] Theosophy alone reveals to us the true meaning of life.
[ 54 ] [Bemerkung der Stenografin] Auf Herrn Hubos Bitte sagte Dr. Steiner noch einiges über die Stellung der Theosophischen Gesellschaft zum Christentum:
[ 54 ] [Note by the stenographer] At Mr. Hubo’s request, Dr. Steiner said a few more words about the Theosophical Society’s position on Christianity:
[ 55 ] Unser zweiter Grundsatz und Ziel ist, die Erkenntnis des Wahrheitskernes aller Religionen und des religiösen Lebens zu pflegen. Es besteht nicht etwa die Absicht, die buddhistische Religion nach unserm Westen zu verpflanzen. Das haben wir gar nicht nötig. Das Christentum enthält die reinste Theosophie. Es ist erst im Anfang begriffen. Es ist die Religion der Zukunft. Die früheren Religionen enthielten denselben Wesenskern, waren aber ihrer Form nach für frühere Zeiten berechnet. Uns ist aber der Schlüssel zum Christentum verloren gegangen, der Ursprung aller Religionen.
[ 55 ] Our second principle and goal is to cultivate an understanding of the core truth of all religions and of religious life. It is by no means our intention to transplant the Buddhist religion into our Western world. We have no need to do so. Christianity contains the purest theosophy. It is only just beginning. It is the religion of the future. The earlier religions contained the same essential core, but their form was tailored to earlier times. However, we have lost the key to Christianity, the origin of all religions.
[ 56 ] Eine kleine Szene aus Nordamerika soll uns das klarmachen. Durch die sogenannte Kultur waren die Indianer aus ihren Jagdgründen vertrieben worden. Es wurden ihnen gewisse Gebiete verheißen, in denen sie sich niederlassen sollten. Doch waren die Versprechungen nicht eingehalten worden. Es war im Jahre 1847, als ein großer indianischer Häuptling einem höheren Beamten gegenübertrat und ihm etwa Folgendes vorhielt: Ihr Weißen habt uns Land versprochen, habt aber euer Wort nicht gehalten. Du bist einer, der die Lehren des großen Geistes aus Büchern holt, aus Blättern, auf denen allerlei Zeichen stehen. Der große Geist hat euch aber nicht die Wahrheit gelehrt, sonst hättet ihr uns nicht betrogen. Unsre Vorfahren haben uns gelehrt, den großen Geist Tao in allem zu suchen, was uns umgibt. Wir spüren ihn im Winde, im Sonnenschein, im Rauschen der Blätter, im strömenden Wasser, überall spricht er zu uns, wir sind eins mit ihm. Und Tao hat uns Wahrheit gelehrt, die ihr nicht kennt. — 'Tao ist der Begriff für Gott, der halb gegenständlich, halb geistig gedacht wird. In dem Tao fühlt sich der Mensch innen und außen noch nicht getrennt von Gott.
[ 56 ] A brief scene from North America should make this clear to us. Through so-called “civilization,” the Native Americans had been driven from their hunting grounds. They were promised certain areas where they were to settle. But those promises were not kept. It was in the year 1847 when a great Native American chief confronted a high-ranking official and reproached him with something to the following effect: “You white people promised us land, but you did not keep your word.” You are one who draws the teachings of the Great Spirit from books, from pages covered with all sorts of symbols. But the Great Spirit has not taught you the truth; otherwise, you would not have deceived us. Our ancestors taught us to seek the Great Spirit, Tao, in everything that surrounds us. We feel him in the wind, in the sunshine, in the rustling of the leaves, in the flowing water—everywhere he speaks to us; we are one with him. And Tao has taught us a truth that you do not know.” — “Tao is the term for God, conceived as half concrete, half spiritual. In the Tao, human beings do not yet feel separated from God, either inwardly or outwardly.
[ 57 ] Die Religion sucht das wieder zu verbinden, was von Tao abgetrennt ist. Man sucht jetzt das, was man früher gefühlt hat. Die Bramahnen sagen für Tao: Es ist, was es ist.
[ 57 ] Religion seeks to reconnect what has been separated from the Tao. People now seek what they once felt. The Brahmins say of the Tao: It is what it is.
[ 58 ] Orpheus hat diesen Gedanken weise aufgebaut und die Gesetze beschrieben, nach welchen der Mensch dieses bewusste Gefühl der Einheit mit Tao wieder erlangen kann: Du bist geschaffen und du wirst schaffen. Der Sohn hat sich selbst gegeben und so Licht und
[ 58 ] Orpheus wisely developed this idea and described the laws by which humans can regain this conscious sense of unity with the Tao: You are created, and you will create. The Son gave of himself, and thus brought light and
[ 59 ] Leben und die Gemeinschaft mit dem Vater wiedergebracht.
[ 59 ] Life and fellowship with the Father restored.
