Der Kreislauf des Menschen
innerhalb der Sinnes Seelen und Geisteswelt
GA 68b
18 November 1905, Hamburg
29. Über die Zukunft des Menschen
[ 1 ] Es könnte vermessen erscheinen, über die Zukunft des Menschen zu sprechen. Aber wenn man bedenkt, dass der Mensch ein selbstbewusstes Wesen ist, das berufen ist, weiter und weiter zu schreiten, so muss man sich doch klar sein, dass er nicht dazu berufen sein kann, dumpf in die Zukunft hineinzuleben. Wenn wir uns den heiligen Sinn des Wortes «selbstbewusst» klarmachen, so tritt uns die Möglichkeit schon näher, dass ein selbstbewusstes Wesen dazu bestimmt ist, Voraussicht in die Zukunft zu erlangen. Wo aber haben wir diese Voraussicht zu suchen? Wir finden sie in der theosophischen Weltund Lebensanschauung, welche sich mit dem inneren Wesenskern des Menschen beschäftigt. Das Wort «Theosophie» wird oft verkehrt übersetzt. Man sagt, Theosophie sei Erkenntnis des göttlichen Wesens. Das ist nicht richtig. Niemand wird so vermessen sein, zu glauben, dass er das göttliche Wesen ergründen könne.
[ 2 ] Das vorige Mal haben wir vom Ursprunge und der Vergangenheit des Menschen gesprochen; heute wird uns die Entwicklung in der Zukunft beschäftigen. Wenn wir an eine Entwicklung des Menschen glauben, so ist es klar, dass der Mensch immer höhere und höhere Fähigkeiten erlangen muss, um mit diesen Fähigkeiten Gott und das Universum immer besser verstehen zu lernen. Nach Millionen Jahren werden unsere Begriffe ganz andere sein als heute, und so wird es fortgehen. Unsere Gotteserkenntnis kann nie eine abgeschlossene sein. Theosophie ist nicht «Erkenntnis Gottes»; wohl aber zeigt sie uns die Perspektive, die zur Gotteserkenntnis führt.
[ 3 ] Die Frage ist nun: Wie erlangt der Mensch überhaupt Kenntnis? Er erlangt sie im alltäglichen Leben durch seine Sinne. Hätte der Mensch keine Sinne, so könnte er die ihn umgebende Welt nicht kennenlernen. Was der Mensch mit dem Auge durch die Lichtwirkungen wahrnimmt, die Töne, die ihm sein Ohr vermittelt, was er fühlt, empfindet, schmeckt und riecht, das nimmt er in sich auf und kombiniert es mit dem Verstande. Nun ist alles das, was er wahrnimmt, vergänglich, alles hat ein Ende. Auch das verstandesmäßige Denken ist vergänglich. Auge, Ohr, Gehirn wird vergehen, zerstieben. Was die Sinne erkannt haben, gehört dereinst der Vergangenheit an. Alles, was zerstiebt, wird einst nicht mehr da sein, alle Erkenntnis, die von den Sinnen ausgeht, wird untergehen müssen; sie wird sich auch als vergänglich erweisen, weil sie auf Vergängliches gegründet war. Der Mensch, das Tier und die Pflanze sind vergänglich, alles ist vergänglich.
[ 4 ] Aber der Mensch hat neben dem vergänglichen Wesen einen unvergänglichen Wesenskern. In ihm liegen schlummernde Kräfte, die entwickelt werden sollen, Organe des Lebens; wie Augen, Ohren, Gehirn, Organe des physischen Körpers sind, so gibt es auch Organe des geistigen Menschen von unvergänglicher Natur. Kurzum, die Theosophie lehrt uns, dass wir in uns einen höheren Menschen tragen, der seine unvergänglichen Sinne auf alles, was ihn umgibt, richtet und ihn den Wesenskern aller Dinge erkennen lässt.
[ 5 ] Auf diesem Grunde ruht die Theosophie. Sie richtet ihre Forschung ebenso wie die Naturforscher auf Pflanzen, Tiere und Mineralien, aber sie sucht nicht nur das Vergängliche zu erkennen, sondern das, was unvergänglich an den Dingen ist; sie untersucht nichts anderes, aber sie untersucht anders als die Wissenschaft. Sie handelt nicht nur von dem Vergangenen und Gegenwärtigen, sondern auch von der Zukunft.
[ 6 ] Was wissen wir von der Zukunft des Menschen? Was ist dieser Wesenskern, den der Mensch aus der Gegenwart mit hinüberträgt in die Zukunft? Welches ist das neue Glied in der Kette der Entwicklung, das die Verbindung zwischen dem Zeitlichen und dem Ewigen herstellt?
[ 7 ] Wir wollen versuchen, uns dieses im Geiste klarzumachen. Wenn das Erdenleben mit all dem, was der Mensch genossen hat, was ihn erfreut und betrübt hat, zerstoben ist, was bleibt dann? — Um uns das klarzumachen, versetzen wir uns einmal an drei Punkte des Lebens unserer Erde. Versetzen wir uns eine Million Jahre zurück, in die Gegenwart und in die Zukunft nach abermals einer Million Jahren. Versetzen wir uns in die urferne Vergangenheit zurück, so sehen wir den Menschen in einer ganz anderen Gestalt als jetzt. Er war noch unberührt von allem menschlichen Wirken und Treiben. Durch die Naturkräfte ist er geworden, was er war, göttliche Kräfte im Weltall haben zusammengewirkt, damit der Mensch ins Dasein treten konnte.
[ 8 ] Nachdem der Mensch auf Erden erschienen, hat er die Aufgabe, nun seinerseits die Erde umzugestalten, umzuarbeiten. Ein Blick auf die Pyramiden, diese großartigen Riesenbauten, mag uns das als kleines Beispiel klarmachen. Wenn wir uns vergegenwärtigen, welche Umgestaltung Ägypten durch die Arbeit und Entstehung der Pyramiden erfahren hat, indem die kolossalen Steinmassen von einem Ort an einen anderen versetzt sind, sodass diese Bauten entstehen konnten, die den Fluten und Überschwemmungen standgehalten haben, so kann uns das ein kleines Abbild von der Veränderung geben, die die ganze Erde durch die Arbeit des Menschen erfahren hat und noch erfahren wird.
[ 9 ] Noch ein Bild: Nehmen Sie den Kölner Dom; wie viele Arbeit war nötig, Menschenarbeit, um den herzustellen! Das Herbeischaffen und Behauen der Steine und so weiter, und so weiter; man versetze sich da recht hinein, welche Kräfte nötig waren, um ein solches Kunstwerk zustande zu bringen. In ferner Zukunft werden dem Menschen noch ganz andere Kräfte zur Verfügung stehen; er wird noch viele Naturkräfte in seine Dienste zwingen und viel Größeres wird er noch leisten als heute. Heute hat er gelernt, Naturkräfte wie Elektrizität, Magnetismus und so weiter zu benutzen; durch den leisen Druck eines Knopfes kann er Licht hervorzaubern. Kurz, er kann Dinge verrichten, von denen man vor hundert oder zweihundert Jahren noch keine Ahnung hatte. Das kann der heutige Mensch auch ohne Theosophie einsehen.
[ 10 ] Später werden die Stromkräfte der großen Flüsse ausgenutzt werden, auch die Sonnenstrahlen. Das klingt phantastisch — es sind Perspektiven. Die Feuerkraft, die Kräfte der Vulkane wird der Mensch in seinen Dienst zwingen. Nord- und südmagnetische Kräfte zwingt der Mensch immer mehr und mehr, ihm zu dienen. Wie die Erde jetzt ein ganz anderes Aussehen hat als vor Millionen Jahren, so wird sie nach Millionen Jahren wieder ganz anders aussehen als jetzt. Immer und immer arbeitet der Mensch an der Erde.
[ 11 ] Die Geschöpfe sind mit dem Planeten geschaffen, um ihn dann umzuarbeiten zu einem Abbild dessen, was der Mensch werden wird.
[ 12 ] Nun fragen Sie, können wir uns aus diesem Phantasiegebilde ein wirkliches Bild machen?
[ 13 ] Die Theosophie gibt kein utopisches Bild; sie zeigt uns ein sehr wirkliches Bild der Zukunft. In höchst reellem Sinne kann sie von der Zukunft sprechen. Nehmen Sie einen Vergleich: [Zwei Menschen stehen nebeneinander, einer davon ist ein «Wilder», der andere Goethe]. Ein Dritter, der vor beiden steht, würde auf den «Wilden» weisend sagen: Was du jetzt bist, war Goethe auch einmal und du wirst in der Zukunft sein wie Goethe. So weisen wir hin auf die Individualität des Menschen, die sich nach und nach entwickelt bis zur höchsten Vollkommenheit. Unter uns wandeln Menschen, die schon in sich entwickelt haben, was der Durchschnittsmensch erst in der Zukunft entwickeln wird. Sie sind keine anderen Wesen als wir; es geht alles mit natürlichen Dingen zu, es beruht nicht auf Zauberei. Das wird uns alles erklärlich, wenn wir an einen Aufstieg glauben.
[ 14 ] Um Ihnen zu zeigen, dass es nicht nötig ist, sich das so ganz unfassbar vorzustellen, wollen wir uns die Sache durch einen Vergleich klarmachen. Zwei Naturforscher betrachten einen ungeschickten Molukkenkrebs, der auf den Rücken gefallen war und sich nun vergeblich bemühte, sich wieder umzudrehen. Zwei Brüder des Krebses griffen tätlich ein, um ihm zu helfen; doch es gelang nicht; er war ihnen zu schwer. Da ließen sie den Krebs liegen und holten noch zwei Kollegen dazu; nun gelang den vieren, den Kollegen umzuwenden. Nehmen wir nun an, die beiden Naturforscher hätten den Krebs umgedreht, während die Gefährten hingingen, um Hilfe zu holen, und [diese] hätten bei ihrer Rückkehr den Krebs auf seinen Beinen gefunden; sie hätten sicher geglaubt, es sei ein Wunder geschehen; einige ihrer Brüder aber, die Krebsmonisten, hätten sich gegen diesen Glauben aufgebäumt und würden behaupten, alles sei mit natürlichen Dingen zugegangen.
[ 15 ] Übertragen auf die Menschheit merken wir, dass unser Erkennen und Vermögen nicht abgeschlossen sein kann mit dem, was wir heute erreicht haben. So hoch wie Goethe über dem «Hottentotten» steht, so hoch wird die einst kommende Rasse über der jetzigen stehen. Die gegenwärtige Rasse zeitigt allmählich eine Rasse der Zukunft.
[ 16 ] Gesetzt, wir hätten Menschen vor uns, die den Grad der Entwicklung erreicht hätten, den die Rasse erst in späterem Zeitalter erreichen wird. Wenn wir sie befragten, was hätten sie uns zu zeigen? Es würde sich handeln um Geburt und Tod, darum, wie es jenseits beschaffen sein wird, und so weiter. Zunächst würden wir erfahren, dass es sich beim Jenseits gar nicht um etwas Zukünftiges handelt. Jesus sagt: «Das Himmelreich ist mitten um euch» (Lk 17,21) - nicht «in euch».
[ 17 ] Wie haben wir das zu verstehen?
[ 18 ] Die Dinge, die uns umgeben, erscheinen geistig, wenn die schlummernden Kräfte in uns geweckt sind. Zwei Menschen lieben einander, leben miteinander; der Tod kommt, sie verlässt ihn, er sie. Aber was drüber steht, das Resultat des Lebens, der Wesenskern, bleibt von einer Verkörperung zur anderen; er wird noch oftmals wiederkommen auf die Erde.
[ 19 ] Welchen Zweck und welchen Sinn hat das? — Es hat den Zweck, dass das Leben den Menschen immer höhere Lektionen lehren soll.
[ 20 ] Versetzen wir uns in die Zeit der Odyssee. Lesen und Schreiben kannten die Menschen damals nicht; das hatten sie nicht gelernt. Es war ganz etwas anderes, was der Mensch damals mit aus der Welt herausnahm. Es wird für ihn nicht unnütz sein, jetzt wieder auf der Erde zu leben. Von der frühesten Kindheit an ist er von ganz anderen Dingen umgeben als damals zu Odysseus’ Zeiten. Immer Neues sammelt er, und die Früchte des Erlebten kommen ihm und der Erde zu gut.
[ 21 ] Was die Seele erlebt hat, bleibt ihr. Sie ist nicht nur reiner und stärker geworden, sondern sie hat auch gelernt.
[ 22 ] In dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt verarbeitet der Mensch, was er zwischen Geburt und Tod gelernt hat. Wird er dann wiedergeboren, so bringt er Neues mit, was er verwerten kann, um mehr zu lernen. Wenn wir alles gelernt haben, wird die Erde abfallen. Was dann aus der Menschenseele hervorgegangen ist, das bleibt; als neue Seelen werden sie auf einen neuen Daseinsschauplatz hinüberleben.
[ 23 ] Nun wird es klar sein, dass es Menschen gibt, die mehr wissen als die Durchschnittsmenschen. Sie sind Menschen, die mehr und schneller gelernt haben als ihre Brüder.
[ 24 ] Was hat es für einen Zweck, in anderen Welten zu leben, wenn wir mit dem Tode abgehen? Wir wollen versuchen, das ganze Leben zu verstehen. Hier in diesem Leben sind unsere Sinne die Werkzeuge, durch welche wir die Welt um uns her wahrnehmen. Ohne Sinne könnten wir nichts erfahren. Wir brauchen Augen, um die Schönheit der Welt zu sehen, Ohren, um Töne zu hören, Zunge und Gaumen, um zu schmecken, das Gehirn und die Zunge, um denken und sprechen zu können.
[ 25 ] Was geschieht nun, wenn die Hülle von uns abfällt? Die Seele, der Träger der Begierden und Triebe, ist nun frei. Ihr Leben setzt sich im Astralen fort, unbeeinflusst und ungehemmt von den irdischen Hüllen. Hat sie an einer leckeren Speise gehangen, so fühlt sie noch das Verlangen nach einer solchen leckeren Speise; sie möchte sie gern genießen; aber es fehlen ihr die Sinne, sie möchte gern genießen und kann es nicht; das macht ihr Qual. Die Seele hat sich die Wünsche und Begierden abzugewöhnen. Das geschieht auf dem Plane oder der Bewusstseinsebene, die man Kamaloka nennt; Kama — Begierde; Loka — Ort: der Ort der Begierden.
[ 26 ] Wenn die Seele nun alles das abgestreift hat von Wünschen und Begierden, was nur durch die Sinne befriedigt werden kann, was bleibt ihr dann?
[ 27 ] Es sind die Erfahrungen, die wir zwar durch die Sinne in uns aufgenommen haben, [die] aber nicht haften an den Sinnen. Die Sinne sind die Tore, durch die alle Erfahrungen in uns einfließen; aber die Sinne sagen uns nichts über das Wesen der Dinge selbst; nichts von der Einheit aller Dinge, von Zahlen, von der Schönheit, von allem künstlerischen Geschehen, vom Guten, von Idealen. Das alles geht von dem Wesenskern des Menschen aus; so entsteht, was über die Sinne hinausgeht. Der Wesenskern des Menschen nun kommt in Kamaloka nicht hell und klar zum Vorschein, wenn die Seele noch hinschielt nach dem, was sie verlassen hat; hat sie sich das aber abgewöhnt, so leuchtet aus der Seele die Frucht der ganzen Lebenserfahrung heraus. Was wir geformt haben, leben wir in seligem Entzücken aus. Ein göttergleiches Dasein führen wir zwischen dem Leben auf der Erde und der nächsten Geburt. Devachan oder der Himmel heißt der Ort, wo wir dann weilen werden, wenn wir auf der Erde über die Erde hinaus gearbeitet haben. Wir werden uns dort verwandt fühlen mit den überirdischen Kräften.
[ 28 ] Von den Pflanzen werden wir die innere Wesenheit erkennen, wir werden die andere, uns jetzt unsichtbare Seite der Natur sehen. Wenn Ihr Sinn im Geistigen lebt, so werden Sie dort unter denjenigen Kräften sein, die die Dinge hervorbringen, den Kräften, die die Pflanzen bauen, die die Tiere bauen. Betrachten Sie eine Pflanze genau durch das Mikroskop, so werden Sie einen Weisheitsbau sehen, mit dem sich der größte und ingeniöseste Brückenbau eines Baumeisters nicht messen kann. Oder betrachten Sie den Wunderbau des Gehirns! Ist es nicht kondensierte Weisheit? Suchend und ahnend nur können wir versuchen, sie herauszusaugen aus der uns umgebenden Welt; und wir versuchen aus dem, was wir ahnen, uns zu kombinieren, was die Ursache der Dinge ist. In Devachan leben wir unter den schaffenden Kräften und Mächten. Die Seele vermählt sich da mit dem Geist. Höher und höher steigt sie empor, weil sie zwischen den schaffenden Geistern gelebt hat.
[ 29 ] Was wir hier lernen, ist zu vergleichen mit dem, was der Schüler auf der Landkarte zum Beispiel von Kleinasien lernt. Wie ganz anders erscheint ihm das Land, wenn er es mit Augen erblickt, als wenn er die Namen, Punkte und Linien auf der Landkarte sieht. So verhält sich auch das Wissen des Alltagsmenschen gegen das Leben in Devachan, dem Leben unter den Dingen selbst. Hier sind die Grundlagen für unser Wesen. Eine geniale Seele ist nicht etwa entstanden aus wirbelnden Atomen. Wer heute Genie hat, hat es sich erlebt in vielen Erdenleben. In einem Leben sammeln wir Erfahrungen, die wir im nächsten anwenden. Erst bauen wir uns die Werkzeuge, dann kommt die Anwendung. Was ich heute kann, habe ich mir früher erworben.
[ 30 ] Das alles kann der Mensch sich auch aus seinem Verstande heraus sagen. Aber es gibt Menschen, die es aus eigner Anschauung erkennen, dass es so ist, weil sie imstande sind, sich bewusst in diese Zustände zu versetzen, während sie von der Hülle des Fleisches umgeben sind. Wir nennen sie «Chela» oder Schüler. Sie haben gelernt, in die geistige Entwicklung hineinzuschauen, die geistige Welt liegt vor ihnen aufgeschlossen. Der Chela kann sich entwickeln bis zum Meister.
[ 31 ] Wie gelangt ein Mensch zur Chelaschaft? Die Vorbereitungen, die notwendig sind, um ein Schüler zu werden, sind in vielen Schriften zu lesen. Um ein Schüler zu werden, ist ein gewisser Grad der Entwicklung, den der Mensch erreicht haben muss, durchaus nötig. Es hat immer lebende Menschen gegeben, die die Pforte des Todes überschritten haben, von der angeblich niemand zurückkehrt. Der Chela aber und der Meister kehren wirklich zurück. Sie können die Pforte bewusst durchschreiten und wiederkehren. Die Vorbereitung erfordert nur, dass der Mensch lernt, wirklich in seinem Innern zu leben. Wir können dazu gelangen, wenn wir wenigstens einmal am Tage ganz und gar in uns selbst sind. Der echte Christ erlangt diesen Zustand im Gebet, andere durch die Meditation und Versenkung. Wenn wir imstande sind, zu meditieren und in der Meditation an uns selbst zu arbeiten, so können wir allmählich aufgenommen werden in die geistige Welt.
[ 32 ] Streng und ernst sind die Eigenschaften, die von einem Jünger erfordert werden. Er muss erstens — Viveka — das Wesentliche an den Dingen von dem Unwesentlichen unterscheiden können. Ob das Ding ein Mineral, eine Pflanze, ein Tier oder ein Mensch ist, gilt gleich; ob es sich um ein wildes Tier, einen Verbrecher oder einen edlen Menschen handelt, gilt gleich; mit einem Blick muss er das Wesentliche von dem Unwesentlichen aussondern können. Diese erste Eigenschaft, die zur Chelaschaft führt, schwebt nicht etwa im Wolkenkuckucksheim, wie einige glauben möchten, sodass der, der sie besitzt, keinen Sinn für die täglichen Dinge hätte und diese nicht auch als wesentlich erkennte; das wäre eine falsche Ansicht. Die Art, wie einer einen Löffel Suppe zum Munde führt, kann wesentlicher sein als der ganze Teller Suppe, die er isst. Das ist wesentlich, was den Wesenskern der Sache oder des Menschen erschließt, nicht das, was äußerlich die Sinne wahrnehmen. Man muss, um zu dieser Eigenschaft zu gelangen, am rechten Ort einsetzen. Wenn man zum Beispiel glaubt, die Welt mit gedrucktem Papier zu bereichern sei besser als Draht ziehen, so irrt man sich.
[ 33 ] Die zweite Tugend ist — Vairagya —, nicht am Vergänglichen hangen, sondern an der Frucht des Vergänglichen. Man muss sich mit dem ewigen Kern der Dinge bekannt machen.
[ 34 ] Drittens: Shatsampat — sechs Tugenden oder Eigenschaften, die notwendig sind zur Vorbereitung für die Zukunft.
[ 35 ] Erstens: Beherrschung der Gedanken — Shama. Man soll die Gedanken nicht irrlichtelieren lassen. Vollständige Beherrschung seiner Gedanken muss der Mensch erreichen, der Chela werden will. Das ist jetzt noch ein Ideal, aber man muss sich Zeit nehmen, um dies Ideal anzustreben. Ich muss es so weit bringen, dass meine Seele keinen Gedanken hegt, den ich ihr nicht vorgesetzt habe. Je mehr Herrschaft ich über meine Gedanken gewinne, je näher komme ich meinem Wesenskern.
[ 36 ] Aus der Beherrschung der Gedanken entspringt dann zweitens: die Beherrschung der Handlungen - Dama. Man muss sich nicht nur von den Umständen treiben lassen. Nicht die Außenwelt soll uns antreiben, sondern unsere eigene Innenwelt. Man soll in gewisser Weise sein eignes Schicksal in die Hand nehmen. Das, was wir erreichen wollen, sollen wir nach eigenem, wohldurchdachtem Plan zu erreichen suchen. Diese Kontrolle über seine Handlungen gibt dem Menschen eine vorher nicht gekannte Ruhe des Gemüts. Es wird eine Umwandlung des ganzen Lebens stattfinden. Nicht dass man jetzt etwas Außerordentliches unternehmen müsste, was man sich vorsetzt, und darüber seine Pflicht gegen seinen Nächsten vernachlässigte. Aber der Mensch wird Herr über jedes Schicksal. Er bleibt der Herr und beherrscht das Schicksal, das Schicksal beherrscht ihn nicht mehr. In jeder Lebenslage wird er mit einem Blick überschauen, was im Augenblick nottut. Dieses Ideal ist anzustreben.
[ 37 ] Drittens: Die dritte Eigenschaft — Uparati — übersetzt man am besten mit Ertragsamkeit. Allem, was uns begegnet, einen gewissen Gleichmut entgegensetzen. Nicht himmelhoch jauchzend und dann wieder zu Tode betrübt sein, sondern ertragsam. Das Glück mit Freude, aber ohne Erregung begrüßen, das Unglück, wenn auch ernst, doch gefasst ertragen. Immer gleiche Temperatur bewahren.
[ 38 ] Viertens: Allgemeines, liebevolles Menschenverständnis, Verständnis aller Wesen, Toleranz — Titiksha. Den Verbrecher nicht verdammen oder verabscheuen, sondern ihn zu veredeln suchen; nicht sagen «ich mag ihn nicht», sondern versuchen, ihn auf eine höhere Stufe zu bringen, überall nach dem Wesenskern suchen. Wir sagen uns: Dieser Verbrecher war nicht schlechter als ich; die Umstände haben ihn vielleicht zum Verbrecher gemacht. Kann ich ihm helfen? Ich will ihn nicht richten, sondern suchen, ihn zu verstehen. Und so duldsam muss der Schüler gegen alle Wesen sein.
[ 39 ] Fünftens: Unbefangenheit gegenüber allen Ereignissen — Shraddha. Wenn uns etwas Neues gesagt oder erzählt wird, sind wir geneigt, auszurufen oder zu denken: Oh, das glaube ich nicht. - Tun wir das, so nehmen wir uns den unbefangenen Blick für etwas Neues. Der Chela sagt nie: Das kann ich nicht glauben. - Er glaubt, dass er immer Neues und Höheres erfahren kann. Die Unbefangenheit führt zum Glauben und Vertrauen.
[ 40 ] Die sechste Tugend, die innere Harmonie — Samadhana — ergibt sich aus den fünf vorhergehenden Eigenschaften.
[ 41 ] Aus diesem allem geht hervor: Viertens: Der Wille zur Freiheit - Mumuksha. Der Mensch hat gewöhnlich mehr Willen zur Unfreiheit als zur Freiheit. Er fühlt sich abhängig von der Außenwelt und innerlich unfrei, weil seine Leidenschaften ihn beherrschen. Hat er aber die vorgenannten Tugenden in sich verwirklicht, so ist der Wille zur Freiheit da, der ihn befähigt, vollends frei zu werden, was ihm erst ermöglicht, sich einzubürgern in das Leben im Geist. Wenn dies bis zu einem gewissen Grade erreicht ist, beginnt die Chelaschaft. Diese umfasst vier Stufen.
[ 42 ] Erste Stufe: Der heimatlose Mensch. Er hängt nicht mehr an der äußeren Welt, schaut nicht begehrlich nach der Sinnenwelt zurück. Er ist nicht etwa lieblos gegenüber der Sinnenwelt, aber er lässt sich nicht durch sie gefangen nehmen. Er selbst lässt aller Welt gleiche Liebe zuteilwerden. Er fängt nun an, bewusst hineinzublicken in die geistige Welt, in die Gebiete, die dem Durchschnittsmenschen sonst erst nach dem Tode erschlossen sind. Dann schwinden aller Aberglaube und aller Zweifel für immer, da er sieht, wie die Dinge sind. Es schwindet dann aber auch alle Illusion des eigenen Selbst.
[ 43 ] Schon im Physischen können wir uns das klarmachen. Unsere Existenz hängt vollständig von dem Zusammenhang ab, den wir mit dem Erdball haben. Würden wir uns über ihn hinausheben, so würden wir vergehen, da die Lebensbedingungen, die wir brauchen, dort in der Höhe nicht vorhanden sind. Nur in der Umgebung, in die wir hineingeboren sind, können wir leben, weil sie mit der Temperatur unseres eigenen Blutes in richtigem Verhältnis steht. Wäre die Temperatur nur 30 Grad heißer oder kälter, so wäre unser Dasein gefährdet.
[ 44 ] Das persönliche Selbst wird überwunden sein, das «Tat twam asi» — «Das bist Du», voll erwacht, das heißt der Mensch fühlt sich eins mit dem All.
[ 45 ] [Die] zweite Stufe der Chelaschaft wird bezeichnet mit «Hüttenbauen». Er schaut das Kundalinilicht. Das wird uns in der Erzählung von der Verklärung vorgeführt, wo der Herr Jesus seine drei Jünger zur Chelaschaft einführt. Da wollen sie Hütten bauen.
[ 46 ] Dritte Stufe der Chelaschaft: Da leuchtet das Licht aus dem Schüler heraus. «Jedes Ding sagt ihm seinen eigenen Namen.» Er sieht die Dinge von der anderen Seite durch die Geistesstrahlen,
[ 47 ] Vierte Stufe der Chelaschaft: ist nicht zu beschreiben; die lässt sich mit gewöhnlichen Worten nicht klar legen; davon kann nur in Geheimschulen gesprochen werden.
[ 48 ] Auf die höheren Stufen kann nur hingedeutet werden.
[ 49 ] Was jetzt nur Einzelne erlangen, wird in Zukunft das ganze Menschengeschlecht besitzen. Neue Kräfte werden bekannt werden, man wird bewusst aus dem Reiche des Geistes heraus arbeiten.
[ 50 ] Die Theosophie ist keine Utopie, kein Phantasiegebilde. Was jetzt nur in einzelnen Exemplaren verwirklicht ist, wird die Zukunft des Menschengeschlechts sein. Sie ist nicht ein müßiges Reden über interessante Probleme, sondern ein tätiges Wirken in die Zukunft hinein. Wer nur etwas anfängt, sich da hineinzuleben, wirkt für die Zukunft. Die Theosophie weist auf die Keime hin; sie gibt Mittel und Wege an, wie in die Zukunft hinein gearbeitet werden kann. Sie ist keine abstrakte Lehrmethode. Sie zeigt, wie der Mensch sein wird, wenn er so und so lebt.
[ 51 ] Es möchte einer fragen: Trifft dann das auch sicher zu, was hier verkündet wird? Das lässt sich nicht einfach mit Ja oder Nein beantworten. Die Mittel sind dem Menschen gegeben, ob er sie anwenden wird, kann man nicht wissen. Es kommt darauf an, ob die Menschen sich dazu bereitfinden werden, mitzuarbeiten. Die theosophische Gesellschaft ist zu dem Zweck gegründet worden, Menschen zu bilden, die an diesem Ziel mitarbeiten wollen. Die Vergottung der Menschheit hängt davon ab, ob sich welche aus ihrer Mitte zusammenfinden werden, die das Werk angreifen.
[ 52 ] Darin aber müssen sie ganz frei sein, sie müssen ganz unbeeinflusst ihre eigene Bestimmung treffen. Aus dem, was wir hier gehört haben, können wir ersehen, dass die
[ 53 ] Theosophie uns erst den wahren Sinn des Lebens erschließt.
[ 54 ] [Bemerkung der Stenografin] Auf Herrn Hubos Bitte sagte Dr. Steiner noch einiges über die Stellung der Theosophischen Gesellschaft zum Christentum:
[ 55 ] Unser zweiter Grundsatz und Ziel ist, die Erkenntnis des Wahrheitskernes aller Religionen und des religiösen Lebens zu pflegen. Es besteht nicht etwa die Absicht, die buddhistische Religion nach unserm Westen zu verpflanzen. Das haben wir gar nicht nötig. Das Christentum enthält die reinste Theosophie. Es ist erst im Anfang begriffen. Es ist die Religion der Zukunft. Die früheren Religionen enthielten denselben Wesenskern, waren aber ihrer Form nach für frühere Zeiten berechnet. Uns ist aber der Schlüssel zum Christentum verloren gegangen, der Ursprung aller Religionen.
[ 56 ] Eine kleine Szene aus Nordamerika soll uns das klarmachen. Durch die sogenannte Kultur waren die Indianer aus ihren Jagdgründen vertrieben worden. Es wurden ihnen gewisse Gebiete verheißen, in denen sie sich niederlassen sollten. Doch waren die Versprechungen nicht eingehalten worden. Es war im Jahre 1847, als ein großer indianischer Häuptling einem höheren Beamten gegenübertrat und ihm etwa Folgendes vorhielt: Ihr Weißen habt uns Land versprochen, habt aber euer Wort nicht gehalten. Du bist einer, der die Lehren des großen Geistes aus Büchern holt, aus Blättern, auf denen allerlei Zeichen stehen. Der große Geist hat euch aber nicht die Wahrheit gelehrt, sonst hättet ihr uns nicht betrogen. Unsre Vorfahren haben uns gelehrt, den großen Geist Tao in allem zu suchen, was uns umgibt. Wir spüren ihn im Winde, im Sonnenschein, im Rauschen der Blätter, im strömenden Wasser, überall spricht er zu uns, wir sind eins mit ihm. Und Tao hat uns Wahrheit gelehrt, die ihr nicht kennt. — 'Tao ist der Begriff für Gott, der halb gegenständlich, halb geistig gedacht wird. In dem Tao fühlt sich der Mensch innen und außen noch nicht getrennt von Gott.
[ 57 ] Die Religion sucht das wieder zu verbinden, was von Tao abgetrennt ist. Man sucht jetzt das, was man früher gefühlt hat. Die Bramahnen sagen für Tao: Es ist, was es ist.
[ 58 ] Orpheus hat diesen Gedanken weise aufgebaut und die Gesetze beschrieben, nach welchen der Mensch dieses bewusste Gefühl der Einheit mit Tao wieder erlangen kann: Du bist geschaffen und du wirst schaffen. Der Sohn hat sich selbst gegeben und so Licht und
[ 59 ] Leben und die Gemeinschaft mit dem Vater wiedergebracht.
