Der Kreislauf des Menschen
innerhalb der Sinnes Seelen und Geisteswelt
GA 68b
1–2 Dezember 1905, Köln
30. Die Entstehung Der Welt und Die Abstammung des Menschen
Bericht in der «Mühlheimer Zeitung», Nr. 667, 5. Dezember 1905
[ 1 ] a. Köln, 4. Dez. Am vorigen Freitag und Samstag hielt der Generalsekretär der deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft, Herr Dr. Rudolf Steiner, im Isabellensaale des Gürzenich zwei fesselnde, bedeutsame Vorträge. Am Freitag sprach der Redner über «die Entstehung der Welt», und, hieran anknüpfend, am Samstag über «die Erschaffung des Menschen»; beide Themata vom Standpunkt des Theosophen beleuchtend. Im ersten Vortrag wurde auf den großen Unterschied zwischen der theosophischen und materialistischen Änschauung gegenüber der Weltschöpfung hingewiesen. Die Theosophie bringe die in unseren Tagen als kindisch und naiv abgetanen alten Schöpfungslehren, die bei ihrer Entstehung versucht wurden, in Mythenform dem Verständnis der Zeitgenossen zu nähern, wieder zur Geltung. Ein Blick auf diese alten Lehren zeige in ihnen denselben Grundgedanken über die Welterschaffung, der nur in verschiedener Gestalt zum Ausdruck komme. Bei den alten Germanen wurde der Riese [Ymir] getötet, bei den Ägyptern Osiris, und aus ihren Teilen eine Welt erschaffen; auch die spätere Darstellung der Schöpfung nehme sich nur scheinbar anders aus. Die Opferung des Gottes wäre überall in den Religionen notwendig, [um] eine Welt oder Kultur herauszuentwickeln. In den Religionen werde also der göttliche Geist in den Anfang des Geschehens gestellt, durch ihn werde die Materie beseelt, das Leblose lebendig gemacht. In unseren Tagen, seit Kant-Laplace, stelle man sich die Erschaf%ung der Erde aus einem Urnebel vor, der in rotierender Bewegung gewesen sei. Aus ihm bildeten sich die Weltenkörper. Ähnlich wie sich von einem in Drehung befindlichen großen Öltropfen im Wasserglase durch die Schwingung kleinere Tropfen abtrennen, so schleudere nach der heutigen Anschauung die nach und nach entstandene Materienkugel kleinere ab, auf diese Weise Sonnen und Planeten hervorbringend. Wenn die Theosophie auch diese Entstehungsgeschichte, soweit sie in der Materie sich abspielt, gelten lasse, so befriedige den Theosophen diese Anschauung doch nicht, da die moderne Theorie die Frage nicht beantworte, wie der Geist auf die Erde und wie das Leben in diese Materie gekommen sei. Die Antwort hierauf, führte der Redner weiterhin aus, kann nicht naturwissenschaftlich und auch nicht spekulativ gegeben werden; hierüber Klarheit zu erhalten, ist nur möglich durch die eigene innere Entwicklung des Menschen. Schon Goethe hat betont, dass über jeden physikalischen Apparat als Forschungsinstrument der Mensch selber zu stellen ist, dessen Organe ungleich höher stehende Instrumente darstellen. Goethe wies auch darauf hin, dass die große Welt draußen in uns ihr treues Abbild findet und keine Kraft draußen in der Umwelt besteht, die nicht auch innen im Menschen Geltung hat; daher stellte er die Welt um uns als den Makrokosmos zu der Welt in uns, als dem Mikrokosmos, in direkte Beziehung. So, wie wir mit einer sichtbaren Welt verbunden sind, sind wir auch mit einer unsichtbaren verbunden. Der Mensch als physischer Organismus bildet die Krone des Lebens, was auch darin zum Ausdruck kommt, dass er «Ich» zu sich sagen kann. Dies ist keinem anderen Wesen möglich; auch kann dieses «Ich» nicht einer zum andern sagen, vielmehr ein jeder nur zu sich selber. Mit dem Ich stellt sich der Mensch als die Krone, die Vollendung des physischen Lebens vor uns hin, aber nur an den Anfang der Geisteswelt. In der Umwelt, als dem Spiegelbild unserer Innenwelt, sehen wir am Anfange der physischen Welt die vollkommene geistige Welt. Die Religionen stellen nun die Opferung Gottes in den Vordergrund der Schöpfung aus dem Grunde, weil Gott nicht nur eine schöne und weise Welt schaffen wollte, sondern auch eine liebevolle. Wirkliche Liebe aber kann nur in der Freiheit bestehen, daher musste er sich gewissermaßen in die Welt versenken, sich in ihr verlieren, damit wir ihn um uns erkennen und aus freier Bestimmung in seinem Geiste uns betätigen und nach seinem Geiste hin entwickeln können. Wenn die alten Ägypter ihren Osiris als in der Welt schlafend ruhend vorstellen, so bezeigen sie damit ein feines Verständnis für die uralten Weisheitslehren und den Wesenskern aller Religionen.
[ 2 ] Im zweiten Vortrage bemerkte Herr Dr. Steiner einleitend, dass die Frage der Abstammung des Menschen mit dem zusammenhänge, was wir unter menschlicher Bestimmung verstehen. Als Theosoph müsse man eine andere Anschauung von der Abstammung des Menschen haben als die Materialisten. - Der Mensch von heute lasse nur teilweise die charakteristischen Merkmale seiner ganzen Natur zur Erscheinung kommen; um ein vollständiges Bild vom Menschen zu erhalten, wäre es nötig, sich vor Augen zu halten, wie diese in den verschiedenen Entwicklungsphasen ausgesehen haben. Außer dem physischen müsse man sodann noch von einem Ärherkörper im Menschen, der seinen eigentlichen Lebenskörper darstelle, und einem Astralkörper reden, der als empfindender Seelenkörper nach [theosophischer] uralter Weisheit den physischen Körper erst erschaffen habe. Denn aus dem Geiste, vermittelst der Seele, sagte der Redner, schaffen wir uns die Körpergestalt, nach theosophiscfier Anschauung. Je nach den äußeren Verhältnissen haben der Geist und die Seele die äußere Erscheinung aufgebaut und den gegebenen Verhältnissen angepasst. Zur Zeit der atlantischen Kultur, der Kultur eines
[ 3 ] zwischen Amerika und Europa gelegenen, untergegangenen Kontinents, waren die Verhältnisse auf der Erde und der Atmosphäre ganz andere wie heute. Der Mensch von damals beherrschte die Umwelt durch die ihm innewohnenden spirituellen Kräfte und nicht durch den Verstand, wie wir es heute tun. Er konnte die Naturkräfte, so die Lebenskraft, wie sie beispielsweise in der Pflanze vorhanden ist, unmittelbar in seinen Dienst stellen; viel später erst entwickelte der Mensch das Denkvermögen. Die Theosophie muss es ablehnen, was moderne Forscher behaupteten, der Mensch stamme vom Affen ab; auch die neueste Forschung steht bereits mit dieser Theorie im Widerspruch. Kein Forscher hat den Beweis erbringen können, dass der Mensch sich als eine Weiterentwicklung des Affengeschlechts darstellt. Will man das annehmen, so muss notwendigerweise bei der Affenart, die ihrer Schädelbildung nach dem heutigen Menschen am nächsten steht, dem Gibbon, eine Rückbildung notwendig gewesen sein, nämlich eine solche ihrer kolossalen Arme und Hände. Das widerspricht aber jeder vernunftvollen Entwicklungstheorie, Die Theosophie stellt das Verhältnis zwischen Mensch und Tier - und speziell zwischen Mensch und Affen — so dar, dass Mensch und Affe einmal auf einer Entwicklungsstufe gestanden haben, in einer Zeit, die weit vor der atlantischen anzusetzen ist. Von dieser gemeinsamen Stufe entwickelte sich der geistig veranlagte Mensch von dem gleichartig gestalteten, aber von niederen Instinkten gebannten Genossen empor zu der Höhe des Menschentums, während dieser als ein entarteter Spross vertierte. Es entspricht diese Anschauung der Theosophie ihrer grundlegenden Auffassung von der Stellung des Menschen zur Umwelt, die zu ihm in engster Beziehung steht. Im Stein, in der Pflanze, in dem Tier erkennt der Theosoph seelisch verwandte Wesen, die ähnlichen Gesetzen unterworfen sind, wie er selber, denn um zum Menschen zu werden, hat er nach der theosophischen Anschauung sich erst durch alle Reiche der Natur hindurch entwickeln müssen. Dem Redner, dessen fesselnde Darbietungen wir hier nur andeutungsweise wiedergeben können, wurde lebhafter Beifall gezollt.
