The Essence of Anthroposophy
within the World Of Sense, Soul And Spirit
GA 68b
17 January 1909, Pforzheim
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The Circular Flow of Man's Life, tr. SOL
36. Die Naturwissenschaft am Scheidewege
36. Science at a Crossroads
[ 1 ] Sagen und Märchen drücken oftmals in ihrer Einfachheit das Sehnen und Suchen der menschlichen Seele besser aus als die Probleme, Philosophien und Fragen, die der Verstand aufstellt. Deshalb darf es vielleicht auch gestattet sein, heute, wo wir Betrachtungen anstellen wollen über das Verhältnis von naturwissenschaftlichem Bekenntnis und geisteswissenschaftlicher Weltanschauung, an ein uns allerdings weit entlegenes Märchen zu erinnern, an ein mongolisches Märchen, das einem wirklich ein Gefühl davon erwecken kann, was der Mensch bei all seinem Erkennen und Forschen ersehnt. Dieses mongolische Märchen sagt: Eine Frau, die ein Auge an der Stirn hat, also kein zweites Auge, nur ein Auge, durchwandert die weite Welt, und alles, was ihr begegnet, jeder Stein, jeder Gegenstand, wird von ihr aufgenommen, gehoben zu dem einen Auge, angesehen und dann weit weggeschleudert, und ein Gefühl bitterer Enttäuschung drückt sich dabei auf dem Antlitz der Frau aus. Das Märchen sagt uns weiter, dass die Frau ihr einziges Kind verloren hat, darüber zum großen Teil um die Besinnung gekommen ist, und nun durch die weite Welt wandert, ihr Kind wieder zu suchen. In jedem Stein, in jedem Gegenstand glaubt sie, ihr Kind aufheben zu können, und immer wieder und wieder muss sie merken, wie sie sich getäuscht hat, und schleudert den Gegenstand aus ihrer Enttäuschung heraus weit von sich weg.
[ 1 ] In their simplicity, legends and fairy tales often express the longings and quests of the human soul better than the problems, philosophies, and questions posed by the intellect. That is why, perhaps, it is permissible today—as we seek to reflect on the relationship between a commitment to the natural sciences and a humanistic worldview—to recall a fairy tale that is, admittedly, far removed from us: a Mongolian fairy tale that can truly awaken a sense of what human beings yearn for amid all their knowledge and inquiry. This Mongolian fairy tale goes like this: A woman who has one eye on her forehead—that is, no second eye, just one eye—wanders through the vast world, and everything she encounters—every stone, every object—is picked up by her, raised to that one eye, looked at, and then hurled far away, and a look of bitter disappointment is etched on the woman’s face. The fairy tale goes on to tell us that the woman has lost her only child, has largely lost her mind because of it, and now wanders the wide world in search of her child. In every stone, in every object, she believes she can find her child, and time and time again she realizes how wrong she was, hurling the object far from her in her disappointment.
[ 2 ] Mit einer gewissen Wehmut kann dieses Märchen anklingen lassen in unserer Seele jene Stimmung, die wohl der Mensch des Öfteren entwickeln kann, jene Stimmung, die aus dem Suchen und Sehnen der menschlichen Seele nach Wahrheit kommt. Etwas sucht der Mensch; er weiß, dass er in einer gewissen Beziehung ohne den Gegenstand dieses Suchens nicht leben kann, dass dieser Gegenstand zusammenhängt mit dem, was ihm das Wichtigste, das Bedeutungsvollste ist. Und er sucht und sucht in der ganzen Welt. Alle Dinge greift er auf, weil er ahnt, dass hinter allen Dingen etwas Geheimnisvolles sich verbergen muss, was ihm endlich die Wahrheit enthüllen soll. Und immer wieder und wiederum kann es sein, dass der Mensch durch die Gegenstände, die er da und dort findet und durch die er die Erkenntnis der Lebensrätsel finden wollte, dass er sich getäuscht sieht und diese Gegenstände wieder wegwerfen muss.
[ 2 ] With a certain wistfulness, this fairy tale can evoke in our souls that mood which human beings often experience—the mood that arises from the human soul’s search for and longing for truth. Human beings are searching for something; they know that, in a certain sense, they cannot live without the object of this search, that this object is connected to what is most important and most meaningful to them. And they search and search throughout the entire world. He examines all things because he senses that behind all things there must lie something mysterious that will finally reveal the truth to him. And time and again, it may be that, through the objects he finds here and there—and through which he hoped to gain insight into life’s mysteries—he finds himself deceived and must cast these objects aside once more.
[ 3 ] Und fast könnte man meinen, wenn man die Dinge oberflächlich besieht — mit Bedacht sei es gesagt —, fast könnte man versucht sein, zu glauben, dass die menschliche Seele seit der Entwicklung der Menschheit, da, wo es sich um die tieferen Wahrheiten handelt, selbst eine solche Sucherin sei wie jenes Weib im mongolischen Märchen. Insbesondere wird heute gegenüber dem, was die Zeitkultur dem Menschen bieten kann für sein Streben und Suchen nach Wahrheit, insbesondere wird heute bei vielen eine solche Stimmung auftauchen können, denn wir leben in einer Zeit, in welcher in weitesten Kreisen jene Befriedigung und jene Seligkeit aus den Herzen gewichen ist, die einstmals den Menschen überkam, wenn er aus den alten Überlieferungen, aus den religiösen Überlieferungen heraus sich Antwort suchte auf die großen Rätselfragen des Daseins.
[ 3 ] And one might almost think—if one looks at things superficially, so to speak—one might almost be tempted to believe that, ever since the dawn of humanity, when it comes to the deeper truths, the human soul itself has been a seeker just like that woman in the Mongolian fairy tale. In particular, when it comes to what contemporary culture can offer people in their striving and search for truth, a certain mood may well arise in many people today, for we live in a time when, in the broadest circles, that satisfaction and that bliss have vanished from people’s hearts—the very feelings that once overwhelmed them when they sought answers to the great mysteries of existence in the ancient traditions, in the religious traditions.
[ 4 ] Viele unserer Zeitgenossen sagen sich, ach, was da die Menschen geglaubt haben über geistige, über seelische Welten hinter dem physischen Dasein, das seien doch nichts anderes als kindliche Phantasien gewesen, die Menschheit sei nun eingetreten in das Mannesalter, in das Reifestadium; bewunderungswürdige Ergebnisse habe die äußere Wissenschaft, insbesondere im letzten Jahrhundert, dem Menschengeist gegeben, und es gezieme sich heute für den Menschen nur, sich auf Grundlage dieser sicheren Ergebnisse der Naturwissenschaft eine Weltanschauung aufzubauen. Und es müssten schwinden aller alter Glaube und Vorurteile, alle alten Phantasievorstellungen der Völker. Und wir haben es gehört von manchem echten und ehrlichen Wahrheitsstreben in der Zeit, in der die sogenannte Aufklärung die weitesten Kreise ergriffen hat, dass derjenige, der auf die Ergebnisse der Naturwissenschaft schaut, nicht anders kann als über Bord werfen die überkommenen alten Naturanschauungen und sich einzig halten an das, was der feste Boden der Tatsachen zeigt.
[ 4 ] Many of our contemporaries tell themselves, “Oh, what people used to believe about spiritual and soul worlds beyond physical existence—those were nothing more than childish fantasies; humanity has now entered adulthood, the stage of maturity; that external science, especially in the last century, has provided the human spirit with admirable results, and that it is only fitting today for people to build a worldview based on these reliable findings of natural science. And all old beliefs and prejudices, all the old imaginative conceptions of the peoples, must fade away. And we have heard of many genuine and honest quests for truth during the era when the so-called Enlightenment had taken hold of the widest circles, that whoever looks at the findings of natural science cannot help but cast aside the traditional, outdated views of nature and hold fast solely to what the solid ground of facts reveals.
[ 5 ] Aber manche Seele hat demgegenüber das Gefühl niemals überwinden können, dass — so bewunderungswürdig und großartig die Ergebnisse der Naturwissenschaft, so gedankentief und gedankeneinschneidend die Bekenntnisse sind, die kühne Geister aus diesen Tatsachen gezogen haben —, dass denn doch diese äußere Wissenschaft dem Menschen eher die Rätsel vermehrt als vermindert hat. Und so steht denn mancher, wenn er irgendein populäres Buch über diese Dinge, zum Beispiel Haeckels «Welträtsel» oder seine «Natürliche Schöpfungsgeschichte», etwa in die Hand nimmt, da und sagt sich: Ja, eigentlich ist das, was mir hier geboten wird, nicht eine Lösung der großen Rätselfragen des Daseins, sondern ein noch größeres Rätsel selbst.
[ 5 ] Yet some souls, on the other hand, have never been able to overcome the feeling that—no matter how admirable and magnificent the achievements of natural science may be, no matter how profound and thought-provoking the conclusions that bold minds have drawn from these facts—this external science has, after all, increased rather than diminished the mysteries for humankind. And so, when someone picks up a popular book on these subjects—for example, Haeckel’s *The Riddle of the Universe* or his *Natural History of Creation*—they stand there and say to themselves: Yes, actually, what is presented to me here is not a solution to the great riddles of existence, but an even greater riddle in itself.
[ 6 ] Auf der anderen Seite aber müssen wir sagen — und es ist wichtig, dass wir es nicht außer Acht lassen — dass derjenige, der sich heute einlebt in das naturwissenschaftliche Gebiet, der ehrlich und aufrichtig sich aus diesem naturwissenschaftlichen Gebiet heraus eine Weltanschauung zu erringen bestrebt ist, dass der es im Grunde genommen mit all dem sehr schwer hat, was in einer gewissen Beziehung noch von anderen Voraussetzungen ausgeht als die Naturwissenschaft. Da sehen wir in der heutigen Zeit zwei Richtungen: Die eine ist diejenige, die sich ein Weltgebäude bilden will allein auf Grundlage der äußeren naturwissenschaftlichen Tatsachen. Und wir sehen eine andere Geistesrichtung, welche geradezu die geisteswissenschaftliche, oder - wie man gewohnt geworden ist, sie zu nennen — theosophische ist, eine Geistesrichtung, welche wiederum hinweisen will auf die geistigen Tatsachen und geistigen Wesenheiten hinter der physisch-sinnlichen Welt. Diese Geisteswissenschaft sagt uns: Gewiss, bewunderungswürdig sind die großen Leistungen der Naturwissenschaft, und besonders im neunzehnten Jahrhundert sind großartige, bewunderungswürdige Instrumente und Methoden erfunden worden, durch welche der Mensch in die fernsten Himmelsräume hineinzuschauen vermag. Alles das ist gewiss bewunderungswürdig, aber das entbehrt alles doch eines Instrumentes: desjenigen, durch das der Mensch in die geistige Welt hineinschauen kann.
[ 6 ] On the other hand, however, we must say—and it is important that we not overlook this—that anyone who immerses themselves today in the field of natural science, who honestly and sincerely strives to develop a worldview based on this field, fundamentally faces great difficulty with everything that, in a certain sense, still stems from premises other than natural science. In our time, we see two directions here: One is that which seeks to construct a worldview based solely on external scientific facts. And we see another spiritual orientation, which is precisely the spiritual-scientific—or, as it has become customary to call it, theosophical—one; a spiritual orientation that, in turn, seeks to point to the spiritual facts and spiritual beings behind the physical-sensory world. This spiritual science tells us: Certainly, the great achievements of natural science are admirable, and especially in the nineteenth century, magnificent, admirable instruments and methods were invented through which human beings are able to look into the farthest reaches of space. All of this is certainly admirable, but it still lacks one instrument: the one through which human beings can look into the spiritual world.
[ 7 ] Es gibt ein solches Instrument, aber dieses Instrument muss nicht minder sorgfältig hergerichtet werden, wenn es brauchbar sein soll, als irgendein Instrument der äußeren Wissenschaft. Dieses Instrument ist kein anderes als der Mensch selbst.
[ 7 ] Such an instrument does exist, but if it is to be useful, it must be prepared with no less care than any instrument of the external sciences. This instrument is none other than human beings themselves.
[ 8 ] Von zwei Grundsätzen geht alle Geisteswissenschaft aus: erstens, dass es eine geistige Welt hinter der sinnlichen gibt; zweitens, dass der Mensch imstande ist, in diese geistige Welt mit seinem Erkenntnisvermögen einzudringen, einzudringen allerdings nicht, wenn man auf dem Standpunkte steht, dass man so bleiben will, wie man eben jetzt ist. Denn dazu ist notwendig, dass der Mensch gewisse Kräfte und Fähigkeiten, die für das gewöhnliche Leben in seiner Seele schlummern, erst erwecke, dass er zuerst sich hinaufentwickelt zu diesen Fähigkeiten, zu dem Standpunkte, den wir nicht anders bezeichnen können als den der «Erweckung».
[ 8 ] All spiritual science is based on two principles: first, that there is a spiritual world beyond the sensory world; second, that human beings are capable of penetrating this spiritual world with their cognitive faculties—though they cannot do so if they take the position that they wish to remain exactly as they are right now. For this requires that a person first awaken certain powers and abilities that lie dormant in their soul in ordinary life, that they first develop themselves upward to these abilities, to a state of being that we can only describe as “awakening.”
[ 9 ] Es kann für den Menschen der große Moment eintreten, wo es ihm in Bezug auf das Seelisch-Geistige so gehen wird wie einem Blindgeborenen, der operiert wird.
[ 9 ] There may come a pivotal moment in a person’s life when, in terms of their soul and spirit, they will experience what it is like to be someone born blind who undergoes surgery.
[ 10 ] Wenn wir in diesen Saal hereinführen einen Blindgeborenen — der sieht nichts von dem Licht und den Farben, die uns umgeben. Wenn wir nun aber das Glück hätten, ihm hier das Augenlicht zu geben, sodass er dann plötzlich eine Welt um sich erblickte, die zwar vorher auch um ihn gewesen ist, wenn er sie auch nicht hat wahrnehmen können — eine physische Erweckung zum Sehvermögen würde für ihn eingetreten sein.
[ 10 ] If we were to lead a person born blind into this hall—he would see none of the light and colors that surround us. But if we were now fortunate enough to restore his sight here, so that he suddenly beheld a world around him—a world that had indeed been there all along, even though he had been unable to perceive it—a physical awakening to the sense of sight would have taken place for him.
[ 11 ] In keinem anderen Sinne behauptet die Geisteswissenschaft die Wirklichkeit, die Tatsächlichkeit der geistigen Welt, als wie der Blinde von einer Welt von Licht und Farben umgeben ist, wenn er sie auch nicht wahrnimmt. Um uns herum, innerhalb unserer gewöhnlichen Welt ist auch die geistige Welt, die höhere Welt. Es handelt sich nur darum, dass der Mensch sie sehen lernt, dass er zu dem vordringt, was Goethe die Augen des Geistes, die Ohren des Geistes nennt. Dann gestaltet sich der Mensch zu einem Instrument, um sozusagen Neues um sich herum zu sehen.
[ 11 ] Spiritual science asserts the reality and factuality of the spiritual world in no other sense than that in which a blind person is surrounded by a world of light and colors, even though he does not perceive it. All around us, within our ordinary world, lies the spiritual world, the higher world. It is simply a matter of human beings learning to see it, of advancing to what Goethe calls the “eyes of the spirit” and the “ears of the spirit.” Then human beings become instruments, so to speak, for seeing new things around them.
[ 12 ] Wenn wir in diesem Sinne von der geistigen Welt sprechen und dann dasjenige mitteilen, was der Seher, der Erweckte, in dieser geistigen Welt schaut, was er erkennen lernt, was er als die Urgründe dieses Daseins dort kennenlernt, dann hat derjenige, der heute fest auf dem Boden der Naturwissenschaft steht, große Schwierigkeiten des Verständnisses gegenüber solchen Mitteilungen. Es hieße nun aber ganz und gar ungerecht sein, wenn man bösen Willen oder derartiges voraussetzen wollte bei dem, der den Geisteswissenschafter für einen Träumer oder Phantasten hält. Denn das, was man nennt «Feststehen auf dem Boden der Naturwissenschaft», das lässt den Menschen sehr schwer los von den Denkgewohnheiten und lässt ihn sehr schwer das anerkennen, was zunächst in der Geisteswissenschaft anerkannt werden muss.
[ 12 ] When we speak of the spiritual world in this sense and then convey what the seer, the awakened one, beholds in this spiritual world—what he comes to recognize, what he learns to know there as the fundamental principles of this existence—then those who today stand firmly on the ground of natural science face great difficulties in understanding such communications. However, it would be entirely unfair to assume ill will or the like on the part of those who regard the spiritual scientist as a dreamer or a fantasist. For what is called “standing firmly on the ground of natural science” makes it very difficult for people to break free from their habitual ways of thinking and to acknowledge what must first be acknowledged in spiritual science.
[ 13 ] Gewiss, man kann sagen: Was hilft es uns, wenn sich einzelne Menschen zu einem solchen Instrument machen und uns das oder jenes erzählen aus der geistigen Welt, was nützt das einem, wenn man es nicht selbst schauen kann? Aber sagen Sie nun doch, hat denn derjenige, der Naturwissenschaft studiert, alles das selbst gesehen, was er da lernt? Das ist gewiss nicht der Fall. Wie man sich da auf die Richtigkeit der Methoden verlässt, wie man sich an das hält, was man durch die Instrumente, das Mikroskop und so weiter wahrnimmt, so könnte es wohl auch in der Geisteswissenschaft sein. Aber so liegen die Sachen nicht einmal. In der Geisteswissenschaft wird es dem Menschen sogar leichter gemacht als in der gewöhnlichen Naturwissenschaft. Es kann nicht oft genug betont werden, dass man forschen und untersuchen in der geistigen Welt nur kann, wenn man diejenige Methode anwendet, die für diese Forschung angewendet werden muss und die in «Lucifer - Gnosis» geschildert ist in dem Aufsatz «Wie erlangt man Erkenntnis der höheren Welten». Wenn man das auf sich anwendet, dann merkt man schon, wie wenig das Phantastik oder Träumerei ist.
[ 13 ] Certainly, one might say: What good does it do us if individual people act as such instruments and tell us this or that about the spiritual world—what use is that to anyone if they cannot see it for themselves? But tell me, has the person who studies natural science actually seen everything they are learning there? That is certainly not the case. Just as one relies on the accuracy of the methods in natural science—adhering to what one perceives through instruments like the microscope and so on—so it could well be in spiritual science. But that is not even how things stand. In spiritual science, it is actually made easier for people than in ordinary natural science. It cannot be emphasized often enough that one can only research and investigate the spiritual world by applying the method that is required for this research—the one described in *Lucifer—Gnosis* in the essay “How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?” If one applies this to oneself, one will already realize how little of it is fantasy or daydreaming.
[ 14 ] So kommt man denn dazu, die geistige Welt hinter der sinnlichen zu sehen. Gewiss, man kann es, aber wenn dann diejenigen, die dieses auf sich angewendet haben, die Ergebnisse erzählen, dasjenige erzählen, was sie geschaut und erlebt haben, dann reicht der ganz gewöhnliche, vorurteilslose Menschenverstand hin, um es auch zu begreifen. Forschen, untersuchen kann man nur, wenn man diese Methode auf sich angewendet hat. Um zu erkennen, dass das Erzählte richtig ist, dazu gehört nur ein vorurteilsloser, gesunder Menschenverstand. Dieser Menschenverstand darf allerdings nicht getrübt werden durch allerlei Suggestionen und Vorurteile. Die Geisteswissenschaft macht es im Grunde genommen den Menschen leichter als die Naturwissenschaft. Sie fordert nur, dass das, was der Seher zu erzählen weiß, vorurteilslos, logisch geprüft werde, dann wird man schon finden, dass es innerlich zusammenstimmt und logischer Prüfung standhält.
[ 14 ] This is how one comes to perceive the spiritual world behind the physical one. Certainly, it is possible, but when those who have applied this method to themselves recount the results—describing what they have seen and experienced—then ordinary, unbiased common sense is sufficient to understand it as well. One can only research and investigate if one has applied this method to oneself. To recognize that what is recounted is true requires only unbiased, sound common sense. This common sense, however, must not be clouded by all sorts of suggestions and prejudices. Essentially, spiritual science makes things easier for people than natural science does. It merely requires that what the seer has to say be examined logically and without prejudice; then one will find that it is internally consistent and stands up to logical scrutiny.
[ 15 ] Trotzdem wird es schwer, den Ergebnissen der Geisteswissenschaft seine Zustimmung zu geben, wenn man auf dem Boden einer mehr materialistischen Weltauffassung steht. Das kann uns in einer gewissen Beziehung durch unsere heutige Betrachtung klar werden.
[ 15 ] Nevertheless, it is difficult to agree with the findings of the humanities if one holds a more materialistic worldview. This may become clear to us, in a certain sense, through our discussion today.
[ 16 ] Zuerst wollen wir dasjenige vor unser Auge hinstellen, wodurch sich die beiden Geistesströmungen, die in unsere Gegenwart hereinspielen, unterscheiden: Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft — diejenige Wissenschaft, die auf bloß äußere Tatsachen aufgebaut ist.
[ 16 ] First, let us consider what distinguishes the two currents of thought that are at play in our time: spiritual science and natural science—the science based solely on external facts.
[ 17 ] Gehen wir einmal von einem Punkte aus. Gehen wir von demjenigen aus, was mit unserer eigenen Menschwerdung zusammenhängt. Durch gewaltige Fortschritte hat es das neunzehnte Jahrhundert dazu gebracht, nachzuweisen, dass Verwandtschaft zwischen den Menschen und den höheren Tieren besteht. Wer wollte gegen den umfassenden Tatsachensinn und das ungeheure Kombinationstalent Charles Darwins irgendetwas einwenden? Wer wollte leugnen, dass durch Ernst Haeckel ganz Gewaltiges geleistet worden ist in der Durchdringung der inneren Tatsachen in der Entwicklung der Lebewesen bis herauf zum Menschen? Soweit es sich um Tatsachen handelt, müssen wir vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus voll anerkennen, was Großes und Bedeutsames geleistet worden ist. Gegen Tatsachen etwas einzuwenden, das hieße nicht Wissenschaft treiben, sondern das hieße wahnsinnig sein.
[ 17 ] Let us start from a single point. Let us begin with what relates to our own evolution as human beings. Through tremendous advances, the nineteenth century succeeded in demonstrating that a kinship exists between humans and higher animals. Who would object to Charles Darwin’s comprehensive grasp of facts and his immense talent for synthesis? Who would deny that Ernst Haeckel accomplished something truly monumental in his exploration of the inner realities of the development of living beings, all the way up to human beings? As far as facts are concerned, from the standpoint of the humanities we must fully acknowledge the great and significant achievements that have been made. To object to facts would not be to engage in science, but rather to be insane.
[ 18 ] Aber nun kommt etwas anderes in Betracht. Die Naturwissenschaft des neunzehnten Jahrhunderts hat aus dieser Summe von Tatsachen eine Art Glaubensbekenntnis hergeleitet, ein Glaubensbekenntnis, welches im Grunde genommen durchaus nicht ein notwendiges Ergebnis der Tatsachen ist, aber von vielen geglaubt wird als solches. Es wird da gesagt: Der Mensch mit seinen von uns anerkannten Vollkommenheiten, er hat sich herausentwickelt aus der niederen Tierwelt, und es wird die Linie verfolgt von dem einfachsten, untergeordnetsten Lebewesen bis herauf zum Menschen. Und es soll dargetan werden, dass diese einfachsten Lebewesen bis herauf zum Menschen sich immer mehr und mehr gliedern und immer mehr Organe bekommen und dass der Mensch durch äußere Durchdringung von Tatsachen sich so entwickelt habe.
[ 18 ] But now something else comes into play. Nineteenth-century natural science has derived from this body of facts a kind of creed—a creed that, strictly speaking, is by no means a necessary conclusion from the facts, but is believed by many to be just that. It is said: Human beings, with the perfections we recognize in them, have evolved from the lower animal kingdom, and a lineage is traced from the simplest, most inferior living beings all the way up to human beings. And it is intended to be demonstrated that these simplest living beings, all the way up to human beings, become increasingly complex and acquire more and more organs, and that human beings have developed in this way through the external influence of facts.
[ 19 ] Man sucht den Menschen immer mehr und mehr anzugliedern an die Tierwelt. Man sucht seine Lebensäußerungen, seine Seelen- und Geistesäußerungen nahezubringen dem, was man auch in der Tierwelt findet. Selbst das Gefühl des Menschen und seine Willensimpulse sollten nur höhere Ergebnisse der tierischen Vorfahren sein, auf höherer Stufe durch unsere Organe bewirkte Vervollkommnung, Abartung dessen, was man auch im Tierreich findet. Ja, selbst das sittliche Leben des Menschen soll nur ein Ausbau gewisser Instinkte sein. Man ist sogar so weit gegangen, von der Anhänglichkeit der Tiere den Ursprung der religiösen Bestrebungen beim Menschen abzuleiten.
[ 19 ] There is a growing tendency to associate human beings more and more with the animal kingdom. There is an effort to liken human expressions of life, as well as expressions of the soul and mind, to what is also found in the animal kingdom. Even human emotions and the impulses of the will are said to be merely higher manifestations of those of our animal ancestors—a refinement brought about at a higher level by our organs, a variation of what is also found in the animal kingdom. Indeed, even human moral life is said to be merely an elaboration of certain instincts. People have even gone so far as to derive the origin of religious aspirations in humans from the attachment found in animals.
[ 20 ] Wir können sagen: Derjenige, der auf dem Boden der äußeren Wissenschaft steht, denkt sich die Entwicklung etwa so: Sehen wir heute unsere Umwelt, so schauen wir die verschieden gearteten Tiere bis herauf zum Menschen. Wir verfolgen die Entwicklung zurück und wir kommen immer weiter und weiter zurück zu immer unvollkommeneren und unvollkommeneren Menschen, endlich zu Menschen, die auf sehr tiefer Stufe der Menschenkultur stehen. Dann endlich weiter rückwärts dringend würden wir zu Wesen kommen, die noch nicht Menschen genannt werden können. Wir würden zu Wesen zwischen Menschen und affenähnlichen Tieren kommen, dann zu Epochen, wo zwar der Mensch noch nicht vorhanden war, aber wo alles das physisch-sinnlich auf der Erde vorhanden war, woraus sich der Mensch physisch entwickelt hat. Und man möchte sagen: Wenn ein solcher Betrachter einen Stuhl nehmen könnte und in den Weltenraum hinausstellen, und sich darauf setzen, so würde er glauben, sehen zu können, wie das alles rein äußerlich vor sich gegangen ist. Das ist das Bild dieser Anschauung.
[ 20 ] We can say: Those who base their views on external science imagine evolution something like this: When we look at our environment today, we see animals of various kinds, all the way up to human beings. If we trace this development backward, we go further and further back to increasingly imperfect human beings, finally to people who stand at a very low level of human culture. Then, finally, if we were to press further backward, we would arrive at beings who cannot yet be called human. We would arrive at beings between humans and ape-like animals, then at epochs when humans did not yet exist, but when everything that existed physically and sensually on Earth—from which humans physically evolved—was already present. And one might say: If such an observer could take a chair and place it out into space, and sit upon it, he would believe he could see how all of this unfolded purely from the outside. That is the image of this perspective.
[ 21 ] Fragen wir nun: Wie ist das Bild vom Standpunkt der Geisteswissenschaft aus? Wir wollen sehen, wie diese Schlussfolgerung vom Standpunkt der Geisteswissenschaft aussieht. Wir wollen uns möglichst wenig heute auf die bloße Erzählung der Tatsachen einlassen, sondern auch hinweisen darauf, wie diese Geisteswissenschaft in Bezug auf ihre Schlussfolgerungen und Gedanken ganz naturwissenschaftlich vorgeht. Vorerst muss vorausgesetzt werden, dass die Geisteswissenschaft den Geist, das eigentlich Geistige durchaus als das Ursprüngliche ansieht, und alles Materielle sieht sie als Wirkung des Geistigen an. So sagt sie: Nehmen wir einmal an, vor uns wäre ausgebreitet eine große Wolke oder Wasser. Dadurch, dass die durchsichtig ist, sieht man sie zunächst nicht. Derjenige, der sich also hinstellt und sich auf nichts anderes als auf seinen Augenschein verlassen will, würde die Wolke nicht sehen. Nehmen wir nun an, die Teile dieser Wassermassen verdichteten sich durch irgendwelche Vorgänge zu Eisballen, da würde derjenige, der sich nur auf den Augenschein verlässt, sehen, wie aus dem Nichts Eisstücke herauskommen, und er würde sagen: Es ist nichts da um die Eisballen herum, die sind das Wirkliche.
[ 21 ] Let us now ask: What is the picture from the perspective of the science of the spirit? Let us see what this conclusion looks like from the perspective of the science of the spirit. Today we want to focus as little as possible on merely recounting the facts, but rather point out how spiritual science proceeds in a thoroughly scientific manner with regard to its conclusions and ideas. To begin with, it must be assumed that spiritual science regards the spirit—that which is truly spiritual—as the original source, and views everything material as an effect of the spiritual. Thus it says: Let us suppose, for a moment, that a large cloud of water were spread out before us. Because it is transparent, one does not see it at first. Anyone who stands there and relies on nothing but what they see with their own eyes would not see the cloud. Now let us suppose that parts of this body of water were to condense into ice balls through some process; then the person who relies solely on what he sees would observe pieces of ice emerging from nothing, and he would say: There is nothing around the ice balls; they are the reality.
[ 22 ] Die Geisteswissenschaft sagt: Um uns herum ist die geistige Welt, und zwar in einem viel weiteren Umkreis als die physische Welt, die geistige Welt voller Tatsachen, voller Wirklichkeiten. Diese geistige Welt ist eine reale. Aus ihn treten wie durch eine Verdichtung die Tatsachen, die Ereignisse und Geschehnisse der physisch-sinnlichen Welt heraus. Derjenige nun, der sich nur auf die physischen Sinne verlässt, der sieht nur die Wirkungen, aber nicht die Ursachen. Die physisch-sinnliche Materialität ist wie eine Verdichtung des Geistigen. In dem Geistigen sieht die Geisteswissenschaft die Ursache des PhysischSinnlichen.
[ 22 ] Spiritual science tells us: The spiritual world surrounds us, and indeed within a much wider sphere than the physical world; the spiritual world is full of facts, full of realities. This spiritual world is a real one. From it emerge, as if through a condensation, the facts, events, and occurrences of the physical-sensory world. Now, those who rely solely on the physical senses see only the effects, but not the causes. Physical-sensory materiality is like a condensation of the spiritual. Spiritual science sees the cause of the physical-sensory in the spiritual.
[ 23 ] Und nun wollen wir anknüpfen an eine altbekannte Tatsache, um darlegen zu können, wie die Geisteswissenschaft über diese Dinge denkt. Nehmen wir zwei Gefühle der menschlichen Seele, die jeder kennt: das Furchtund das Schamgefühl. Furchtgefühl tritt auf in der menschlichen Seele, macht den Menschen erblassen. Was ist denn da geschehen? Dadurch, dass der Mensch von Furcht befallen worden ist, dadurch ist eine Veränderung in den Vorgängen seines Blutes eingetreten. Das Blut ist zurückgetreten. Also ein Inneres, das Furchtgefühl des Menschen, hat eine Umlagerung seiner stofflichen Teile hervorgebracht. Materielles Geschehen ist Folge seiner seelischen Ursache. Ebenso ist es beim Schamgefühl. Wenn die Seele irgendetwas in sich verbergen möchte, dann tritt Schamröte dem Menschen ins Gesicht, wiederum eine Umlagerung des Blutes. Durch seelisch-geistige Vorgänge sind so körperliche Vorgänge dirigiert. Da haben wir etwas im Kleinen, im ganz Kleinen, woran wir sehen, wie physisch-sinnliche Vorgänge die Wirkung sein können von Seelisch-Geistigem.
[ 23 ] And now let us build on a well-known fact in order to explain how spiritual science views these matters. Let us take two feelings of the human soul that everyone is familiar with: fear and shame. Fear arises in the human soul and causes a person to turn pale. What has happened here? Because the person has been overcome by fear, a change has occurred in the processes of their blood. The blood has receded. Thus, an inner state—the person’s feeling of fear—has brought about a redistribution of their physical components. A physical process is the consequence of a psychological cause. The same is true of the feeling of shame. When the soul wishes to conceal something within itself, a blush of shame appears on the person’s face—again, a redistribution of the blood. Physical processes are thus directed by psychological and spiritual processes. Here we have something on a small scale—on a very small scale—that shows us how physical and sensory processes can be the effect of psychological and spiritual factors.
[ 24 ] Geisteswissenschaft sagt nun: Was heute uns in diesen zwei Beispielen entgegentritt, dass Seelisch-Geistiges physische Vorgänge bewirkt, das ist ein letzter Rest uralter geistig-seelischer Vorgänge, die in einem umfassenderen Sinn dasselbe darstellten. Sie zeigt nun —- wie sie das zeigt, das soll uns heute nicht beschäftigen —, sie zeigt das auch im Einklang mit heute noch bestehenden Tatsachen. Sie sagt: Gehen wir zurück in weite, weite Fernen der Vergangenheit, so haben wir es zu tun mit einfacheren materiellen Vorgängen als heute, aber dafür mit umfassenderen geist-seelischen Vorgängen. Heute ist der Mensch physisch-sinnlich ein kompliziertes Wesen. Heute kann der Mensch durch seine seelische Erregung körperliche Vorgänge nur noch so im Kleinen dirigieren wie beim Scham- und Furchtgefühl. Gehen wir aber weit, weit zurück in der Erdentwicklung, so finden wir, dass nunmehr das Geistig-Seelische nicht nur Prozesse, Geschehnisse und Tatsachen hervorruft, sondern dass es auch durch seine eigene Verdichtung die Materie selbst aus sich hat hervorgehen lassen. Und noch weiter zurück kommen wir zu uralten Zeiten, wo vom Menschen nur Geistig-Seelisches vorhanden war. Und dann sehen wir aus dem Geiste zuerst seine physische Gestalt in einfacher Weise hervorgehen — das Physische wurde durch Geistig-Seelisches dirigiert - und dadurch, dass das Geistige kompliziert ist, ist nach und nach auch das Physische immer komplizierter geworden.
[ 24 ] Spiritual science now says: What we encounter today in these two examples—that the soul-spiritual brings about physical processes—is a final remnant of ancient soul-spiritual processes that, in a broader sense, represented the same thing. It demonstrates this—how it does so is not our concern today—and it does so in harmony with facts that still exist today. It says: If we go back to the distant, distant past, we are dealing with simpler material processes than today, but in return with more comprehensive spiritual-soul processes. Today, the human being is a complex being in physical and sensory terms. Today, through his soul-state, a human being can direct physical processes only to a limited extent, as in the case of feelings of shame and fear. But if we go far, far back in the Earth’s evolution, we find that the spiritual-soul aspect not only brought about processes, events, and facts, but also, through its own densification, caused matter itself to emerge from within it. And going even further back, we arrive at ancient times when only the spiritual-psychic aspect of the human being existed. And then we see the physical form emerging from the spirit in a simple way—the physical was directed by the spiritual-psychic—and because the spiritual is complex, the physical, too, has gradually become more and more complex.
[ 25 ] Naturwissenschaft sagt: Gehen wir zurück in die Vergangenheit, so kommen wir in nicht allzu ferner Zeit an einen Zeitpunkt, wo die Menschen noch nicht vorhanden waren, wo nur Tiere vorhanden waren. Und aus den höheren Tieren hat sich dann der Mensch entwickelt.
[ 25 ] Science tells us: If we go back in time, we will eventually reach a point—not too far in the past—when humans did not yet exist, when only animals existed. And humans then evolved from the higher animals.
[ 26 ] Geisteswissenschaft sagt: Ja, wenn wir weit genug in der Erdentwicklung zurückgehen, so sehen wir allerdings, dass physisch-sinnlich die Erde nur bevölkert ist von Tieren und Pflanzen. Der Mensch ist in der Zeit, wo er noch nicht als physisch-sinnliches Wesen auftritt, eben mit der Erde geistig-seelisch verbunden. Unsere Erde war umgeben von unserem Geistig-Seelischen, wie wir heute von der Luft. Wir gehen immer weiter und weiter zurück. Zu einer Zeit, wo die Erde ohne Menschen war, kommen wir nicht, denn der Mensch ist mit unserem Erdenkörper weit früher verbunden gewesen als alle anderen Wesen: Tiere, Pflanzen, Mineralien.
[ 26 ] Spiritual science says: Yes, if we go back far enough in the Earth’s evolution, we do indeed see that, in the physical-sensory sense, the Earth is inhabited only by animals and plants. At the time when human beings did not yet exist as physical-sensory beings, they were connected to the Earth in a spiritual-soul sense. Our Earth was surrounded by our spiritual and soul elements, just as we are today by the air. We go further and further back in time. We do not reach a time when the Earth was without human beings, for human beings were connected to our Earth body far earlier than all other beings: animals, plants, and minerals.
[ 27 ] Wodurch sind Tiere, Pflanzen, Mineralien überhaupt entstanden? Ursprünglich hat es eigentlich nichts gegeben als die Anlage zum Menschen. Ja, wir wollen uns eine Vorstellung bilden, wie eigentlich die niedrigen Wesen im Laufe der Erdenentwicklung entstanden sind. Der Vorgang ist ein sehr komplizierter und ist in meiner «Geheimwissenschaft» ausführlich geschildert. Wir gehen davon aus, dass es auf der Erde gibt niedere und höhere Kulturvölker. Wir wollen uns jetzt nicht über den Unterschied streiten, wir nehmen das so, wie es eben im gewöhnlichen Leben nebeneinandersteht. Wir wollen ein konkretes Beispiel nehmen, meinetwegen den Untergang der Indianer Amerikas und die Europäer. Da wird derjenige, der im Sinne der heutigen, mehr materialistischen Einstellung denkt, der wird sagen: Alle Menschen, die heute in Völkern leben, die auf höheren Kulturniveau stehen, gehörten ursprünglich Völkern an, die auf niederen Kulturstufen standen, sie haben sich einfach zu einer höheren Kulturstufe entwickelt.
[ 27 ] How did animals, plants, and minerals come into being in the first place? Originally, there was actually nothing but the potential for human beings. Yes, let’s try to form a picture of how the lower beings actually came into being in the course of Earth’s evolution. The process is very complicated and is described in detail in my book *The Secret Science*. We’ll assume that there are lower and higher civilized peoples on Earth. We won’t argue about the difference right now; we’ll just accept it as it exists side by side in everyday life. Let us take a concrete example—say, the decline of the Native Americans and the Europeans. Those who think in terms of today’s more materialistic outlook will say: All people who today live in societies at a higher cultural level originally belonged to peoples who were at lower cultural levels; they simply evolved to a higher cultural level.
[ 28 ] Geisteswissenschaft sagt: Diejenigen Völker, die heute «primitive», sogenannte wilde Völker sind, die würden sich nie als Völker zu höherer Kulturstufe unmittelbar entwickeln können, sondern die Sache ist so, dass im Fortgang der Menschheitsentwicklung in gewissen Völkern die Anlagen vorhanden waren, sich höher zu entwickeln. Die haben sozusagen gewartet mit ihrer Entwicklung bis zu einer späteren Zeit. Sie ließen die Anlagen mehr im Innern bleiben, haben sie erst herausgebracht in einer späteren Zeit. Diejenigen Völker, die auf niedrigerer Stufe stehen geblieben sind, sind sozusagen zu früh in die dichte Erdensphäre eingetreten. Sie haben sich zu früh in das physisch-sinnliche Dasein verloren, haben nichts zurückbehalten. Sie sind mit all ihren Anlagen stehen geblieben, die andern sind fortgeschritten. Ja, wir müssen sagen: Je unentwickelter eine Menschenart ist, desto weniger hat sie es erwarten können, herunterzusteigen ins Physische, während andere gewartet haben, bis auf der Erde günstige Verhältnisse waren.
[ 28 ] Spiritual science states: Those peoples who are today considered “primitive”—so-called “savage” peoples—would never have been able to develop directly into peoples at a higher cultural level; rather, the fact is that, in the course of human evolution, certain peoples possessed the potential to develop to a higher level. They have, so to speak, waited with their development until a later time. They allowed these predispositions to remain more within themselves, bringing them forth only at a later time. Those peoples who have remained at a lower level have, so to speak, entered the dense earthly sphere too early. They lost themselves too soon in physical-sensory existence and held nothing back. They remained stagnant with all their innate capacities, while the others advanced. Indeed, we must say: The less developed a human race is, the less it could have expected to descend into the physical realm, whereas others waited until conditions on Earth were favorable.
[ 29 ] Jetzt wenden wir diesen Gedanken auf die ganze Erdenentwicklung an: Blicken wir auf den Zeitpunkt, wo unsere Erde noch im Anfang ihrer Entwicklung und der Mensch geistig-seelisch ist. Nun, gewisse geistig-seelische Anlagen, sie können es nicht erwarten, bis günstige Erdenverhältnisse da sind, sie treten zu früh ins Dasein, sie werden niedrige Wesen. Andere warten, treten wiederum zu einer bestimmten Zeit ins Dasein, und so sehen wir, dass zu einer gewissen Zeit jene Wesen, aus denen sich unser Affengeschlecht entwickelt hat, zu früh herunterstiegen in die physische Entwicklung. Und weiter sehen wir, dass der Mensch dasjenige Wesen ist, das am spätesten sich verkörpert hat, das am längsten seine Geistigkeit bewahrt hat. Dadurch sind die anderen niederen Wesen zurückgeblieben, dass sie zu früh in das physisch-sinnliche Dasein getreten sind.
[ 29 ] Now let us apply this idea to the entire development of the Earth: Let us look back to the time when our Earth was still in the early stages of its development and human beings were purely spiritual and soul-like. Well, certain spiritual-soul dispositions cannot wait until favorable conditions on Earth exist; they enter existence too early and become lower beings. Others wait and enter existence at a specific time, and so we see that at a certain point in time, those beings from whom our ape species developed descended too early into physical evolution. Furthermore, we see that human beings are the beings who incarnated the latest and who preserved their spirituality the longest. As a result, the other lower beings have remained behind because they entered physical-sensory existence too early.
[ 30 ] So sehen wir, dass der Mensch geistig-seelisch früher veranlagt ist als alle übrigen Geschöpfe, dass er aber am längsten wartete, bis er ins physische Dasein trat. Er entwickelte sich aus dem Geistigen heraus, aber später als die anderen Wesen, die sich auch aus dem Geistigen heraus entwickelt haben. Im Geistigen liegt also die Differenzierung begründet, dass die Wesen auf verschiedenen Entwicklungsstufen stehen. Wir dürfen also nicht sagen: Der Mensch hat sich aus einer niederen Tierform heraus entwickelt, sondern wir müssen sagen: Der Mensch stammt direkt aus dem Geistigen, und auch die niederen Tierformen haben sich aus dem Geistigen heraus entwickelt, sind aber zu früh ins physische Dasein getreten. Dadurch können wir auch die Verwandtschaft der Tiere mit den Menschen ins richtige Licht bringen. Die Tiere müssen ja dieselben Formen und Züge tragen wie die Menschen, denn sie haben ja dieselbe Entwicklungslinie durchgemacht, haben sich aber zu früh verdichtet.
[ 30 ] Thus we see that human beings were spiritually and psychically predisposed earlier than all other creatures, but that they waited the longest before entering physical existence. They developed out of the spiritual realm, but later than the other beings who also developed out of the spiritual realm. The spiritual realm, therefore, is the source of the differentiation that places beings at different stages of development. We must not say, then, that human beings evolved from a lower animal form; rather, we must say that human beings originate directly from the spiritual realm, and that the lower animal forms, too, evolved from the spiritual realm but entered physical existence too early. This also allows us to shed the proper light on the kinship between animals and humans. After all, animals must bear the same forms and features as humans, for they have undergone the same line of development, but they became materialized too early.
[ 31 ] Das ist allerdings ein Bild, welches sehr schwer verständlich ist für diejenigen, die nur physisch-sinnliche Tatsachen für die Menschenentwicklung gelten lassen wollen. Noch ein anderes Beispiel, eine zweite Tatsache sei angeführt, um zu zeigen, wie so gänzlich verschieden die Naturwissenschaft und geisteswissenschaftliche Tatsachen sind.
[ 31 ] This is, however, a concept that is very difficult to understand for those who are willing to accept only physical and sensory facts regarding human development. Let us cite yet another example—a second fact—to show just how completely different the facts of the natural sciences are from those of the humanities.
[ 32 ] Sie alle wissen gewiss, dass der Gang der naturwissenschaftlichen Glaubensbekenntnisse im neunzehnten Jahrhundert — vornehmlich gegen die Mitte des Jahrhunderts — dazu geführt hat, dass man sich eine sogenannte atomistische Weltanschauung aufgebaut hat. Wir wollen uns dies in möglichster Einfachheit einmal vor die Seele rücken, wie dieses atomistische Glaubensbekenntnis entstanden ist. Da hört der Mensch einen Ton und er sagt sich: Den Ton höre ich mit meinem Ohr, und da merke ich, dass die Luft in einer gewissen Erschütterung ist. Entfernt von mir ist eine Kanone abgeschossen worden. Die Erschütterung hat sich fortgepflanzt. Mein Ohr empfindet diese Lufterschütterung als Töne. Man kann auch sagen: Nimm einmal eine Saite und streiche sie mit dem Bogen, und du kannst nachweisen, dass die Saite in Schwingungen ist in regelmäßiger Weise, und du empfindest die Schwingungen als Ton. Da sagt sich der Mensch leicht, wenn er diese anschaulichen Tatsachen sich vor die Seele treten lässt: Außer mir ist überhaupt nichts vorhanden als schwingende Materie, und das Ohr und das Gehör empfindet die schwingende Luft als ein Tönen.
[ 32 ] You are all surely aware that the development of scientific creeds in the nineteenth century—particularly toward the middle of the century—led to the formation of what is known as an atomistic worldview. Let us try to visualize, as simply as possible, how this atomistic belief system came into being. A person hears a sound and says to himself: I hear this sound with my ear, and I notice that the air is vibrating in a certain way. A cannon has been fired some distance away from me. The vibration has propagated. My ear perceives this vibration of the air as sound. One could also say: Take a string and stroke it with a bow, and you can demonstrate that the string is vibrating in a regular pattern, and you perceive these vibrations as sound. When a person allows these vivid facts to come to mind, it is easy to conclude: Outside of myself, there is nothing at all but vibrating matter, and the ear and the sense of hearing perceive the vibrating air as sound.
[ 33 ] Nun ist aber der Gang des naturwissenschaftlichen Glaubensbekenntnisses so gewesen, dass man diese Tatsache nach und nach auf das Gebiet des Sehens, also namentlich auf das Gebiet des Lichtes und der Farben übertragen hat. In zahlreichen Schriften können Sie es immer wieder nachlesen, wie dasjenige, was Farbe ist, etwas ist, was außer uns gar nicht existiert. Außer uns, so sagt die Naturwissenschaft, ist nichts als bewegter Stoff. So, wie die Luft schwingt, wenn wir Töne hören, so schwingt feiner Stoff, den man Äther nennt, bei Farbenund Lichtwahrnehmungen. Dieser Äther macht gewisse Bewegungen und unser Auge empfindet eine gewisse Anzahl von Schwingungen als Blau, als Rot. Außer uns ist nicht Blau oder Rot, außer uns ist nicht Licht, außer uns ist schwingender Stoff, und das, was wir als Farbe und Licht empfinden, das wird hervorgerufen durch uns dadurch, dass diese Schwingungen an unser Auge herankommen und sich fortpflanzen bis zum Gehirn.
[ 33 ] However, the development of the scientific creed has been such that this fact has gradually been extended to the realm of vision—that is, specifically to the realm of light and color. In numerous writings, you can read time and again that what we call color is something that does not exist at all outside of us. Outside of us, science tells us, there is nothing but moving matter. Just as the air vibrates when we hear sounds, so does a fine substance called ether vibrate during the perception of colors and light. This ether performs certain movements, and our eye perceives a certain number of these vibrations as blue or red. Outside of us, there is no blue or red; outside of us, there is no light; outside of us, there is only vibrating matter, and what we perceive as color and light is brought about by us—through the fact that these vibrations reach our eyes and travel on to the brain.
[ 34 ] Ähnliches hat man auch für andere Gebiete behauptet, zum Beispiel in dem, was im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts aufgetreten ist als sogenannte mechanische Wärmetheorie. Man sagt zum Beispiel bei Gas, die Wärme des Gases sei nicht außerhalb uns, und wenn unsere Hand mit Gas in Berührung kommt und Wärme empfindet. Im Gase selbst sind Millionen und Abermillionen Teile, die sich bewegen, und diese Bewegung ruft das Gefühl der Wärme in unserem Inneren hervor. So konnte sich eine merkwürdige Lehre entwickeln, die man eine atomistische Weltanschauung nennen könnte.
[ 34 ] Similar claims have also been made in other fields, for example, in what emerged in the last third of the nineteenth century as the so-called mechanical theory of heat. For example, with regard to gas, it is said that the heat of the gas is not outside of us, and when our hand comes into contact with gas and feels heat, it is because there are millions upon millions of particles moving within the gas itself, and this movement evokes the sensation of heat within us. Thus, a curious doctrine was able to develop, one that could be called an atomistic worldview.
[ 35 ] Wenn man diese Lehre bis in ihre letzten Konsequenzen verfolgt, so sagt man sich zum Schluss: Alles, was wir wahrnehmen, alle die auf- und abwogenden Töne, all der bunte und wunderbare Teppich von Farbe und Licht, alle Wärme und Kälte, alles, was wir durch die Sinne wahrnehmen, das alles ist nur etwas, was wir in unserem Innern erleben, und außer uns ist nichts als bewegte Materie, schwingende Atome. Wenn draußen nichts anderes ist, was muss dann der nächste Schluss sein? Dann ist in unserem Gehirn auch nichts als schwingende Materie. Nun, wozu kommen wir da?
[ 35 ] If one follows this teaching to its ultimate conclusions, one ultimately comes to realize: Everything we perceive—all the rising and falling sounds, all the colorful and wondrous tapestry of color and light, all the warmth and cold, everything we perceive through our senses—all of that is merely something we experience within ourselves, and outside of us there is nothing but moving matter, vibrating atoms. If there is nothing else out there, what must the next conclusion be? Then our brain, too, is nothing but vibrating matter. Well, where does that leave us?
[ 36 ] Da haben wir uns den wahrnehmbaren Raum ausgefüllt mit Atomen und denken, die schwingen, die tanzen, die wirbeln sich zu den mannigfaltigsten Geweben zusammen, die auf unsere Augen und Ohren einwirken und Töne und Farben hervorrufen. Das ergibt natürlich den Schluss, dass die Welt der Wirklichkeiten aus Atomen zusammengesetzt sei, dass sie nichts sei als eine in Bewegung begriffene Atomwelt. Und in dieser Welt bewegter Atome ergibt sich als Phantom das, was man als inneres Leben der verschiedenen Wesenheiten ansieht.
[ 36 ] So we have filled perceptible space with atoms and imagine them vibrating, dancing, and swirling together into the most diverse patterns, which affect our eyes and ears and produce sounds and colors. This naturally leads to the conclusion that the world of realities is composed of atoms, that it is nothing but a world of atoms in motion. And in this world of moving atoms, what is regarded as the inner life of various entities emerges as a phantom.
[ 37 ] Wenn man solche Theorie als Wissenschaft aufstellt, so kann dies ja in gewisser Beziehung nützlich sein; wenn man sie aber als Weltanschauung aufstellt, so müsste man auch die Konsequenzen aufstellen, und diese können nichts anderes sein, als dass das einzig Wirkliche in der Welt eine Welt von Atombewegungen ist, und dann wäre auch der Mensch nichts anderes als eine Summe bewegter Atome.
[ 37 ] If one posits such a theory as a science, it may indeed be useful in a certain respect; but if one posits it as a worldview, one would also have to draw the consequences, and these can be nothing other than that the only reality in the world is a world of atomic motion, and then human beings, too, would be nothing other than a sum of moving atoms.
[ 38 ] Was bleibt dann vom Menschen, wenn er stirbt? Wenn er stirbt, so zerstieben diese Atome, es bleibt nichts von dem Menschen, es bleibt nichts von dem, was seine Seele, nichts von dem, was sein Geist war, nur das Atom ist ewig. Die Atome sind das Einzige, was ewig und unzerstörbar ist. So wird dieser Gedankengang, wenn man ihn ausdenkt, zum Glaubensbekenntnis von der Ewigkeit des Gleichgültigsten: des kleinen atomistischen Götzen.
[ 38 ] What, then, remains of a person when he dies? When he dies, these atoms scatter; nothing remains of the person, nothing remains of what his soul was, nothing of what his spirit was—only the atom is eternal. Atoms are the only thing that is eternal and indestructible. Thus, when taken to its logical conclusion, this line of thought becomes a creed affirming the eternity of the most insignificant thing: the tiny atomistic idol.
[ 39 ] Es war im Grunde genommen nur aus einem gewissen Gefühl des Unzulänglichen heraus, als Du BoisReymond in seiner berühmten Rede sagte: Naturwissenschaft kann zu nichts anderem führen als zu einer Erklärung aller Tatsachen der Welt durch Bewegung der Atome. - Er sagte: Den Menschen naturwissenschaftlich erklären heißt, diese Atombewegungen bis ins Letzte hinein verstehen. - Aber er fand das Unzureichende dieser Erklärung, und er sagte sich: Aber es ist doch etwas anderes, ob ich Bewegungen sche, bewegte Atome, oder ob ich die einzigartige Tatsache in mir erlebe: Ich sehe Rot, oder ich rieche Rosenduft, oder höre Orgelton.
[ 39 ] It was essentially out of a certain sense of inadequacy that Du Bois-Reymond said in his famous speech: “Natural science can lead to nothing other than an explanation of all the facts of the world through the motion of atoms.” - He said: To explain human beings scientifically means to understand these atomic movements down to their very last detail. - But he found this explanation inadequate, and he said to himself: Yet it is quite another matter whether I observe movements—moving atoms—or whether I experience the unique fact within myself: I see red, or I smell the scent of a rose, or I hear the sound of an organ.
[ 40 ] Du Bois-Reymond hat hier auf etwas aufmerksam gemacht, was der deutsche Philosoph Leibniz schon ausgesprochen hatte, indem er sagte: Stellt euch einmal das menschliche Gehirn vor als eine Riesenmaschine, und zwar so groß, dass ihr darin spazieren gehen könnt. Während ich nun denke, «ich sehe Rot», beobachtet ihr nun, was da vorgeht. Wie die Räder und Riemen an einer Maschine könnt ihr nun sehen alle die Bewegungen der Atome meines Gehirns, während ich das denke. Aber was da denkt, aber was die Seele erlebt, während diese Bewegungen vor sich gehen, das seht ihr nicht. Die Tatsache wird euch nicht klar, warum ich fühle: «ich sehe Rot». Das fühlte auch Du Bois-Reymond, und er sagte: Naturwissenschaft kann nichts anderes geben als die Bewegung der Atome und Moleküle für irgendein inneres Erlebnis —, und das nannte er die astronomische Erkenntnis des Menschen. Er sagte, unmöglich könne die Wissenschaft vorrücken von dem, was bloß Bewegungen der Atome sind, zu einer wirklichen Erklärung dessen, was doch vorhanden ist als bestimmte Vorstellungen in der Seele. Warum sollte es auch einer Gruppe von Atomen nicht gleichgültig sein, wie sie lagern oder lagern werden, wie sie wirbeln und tanzen? Warum sollten sie hervorrufen die Vorstellungen, die nicht wegzuleugnenden: Das eine Mal sehe ich Rot, das andere Mal Blau und so weiter? Niemals werde die Naturwissenschaft imstande sein, die Brücke zu schlagen von äußerer Wahrnehmung zu meiner inneren Vorstellung, meinte Du Bois-Reymond.
[ 40 ] Du Bois-Reymond drew attention here to something that the German philosopher Leibniz had already expressed when he said: Imagine the human brain as a giant machine—so large, in fact, that you could walk around inside it. Now, as I think, “I see red,” you observe what is happening there. Just as you would observe the gears and belts of a machine, you can now see all the movements of the atoms in my brain while I am thinking this. But what is thinking there—what the soul experiences while these movements are taking place—that you do not see. The fact remains unclear to you as to why I feel, “I see red.” Du Bois-Reymond felt this as well, and he said: Natural science can offer nothing more than the movement of atoms and molecules to account for any inner experience—and he called this the astronomical understanding of humanity. He said it was impossible for science to advance from what are merely movements of atoms to a true explanation of what does exist as specific ideas in the soul. Why shouldn’t a group of atoms care how they are arranged or will be arranged, how they swirl and dance? Why should they evoke the ideas that cannot be denied: one moment I see red, the next blue, and so on? Natural science will never be able to bridge the gap between external perception and my inner conception, Du Bois-Reymond believed.
[ 41 ] Das war dazumal das eine Bekenntnis des Naturforschers über die Grenzen der Naturwissenschaft. Es war zu gleicher Zeit das Bekenntnis, das diesen Atomismus in FCSSCII'I gcschlagen hat
[ 41 ] At the time, this was the natural scientist’s confession regarding the limits of natural science. It was also the confession that led to the rejection of this atomism in FCSSCII'I
[ 42 ] Nun, da, wo Naturwissenschaft aufhört, da setzt Geisteswissenschaft ein. Was sagt Geisteswissenschaft zu all dem? Sie hat dazu zu sagen: Ja, wenn du noch so viel konstatierst, dass da draußen nur bewegte Luft ist, wenn du einen Ton hörst, so darfst du daraus nicht schließen, dass das Ohr den Ton erschafft. Das ist ungefähr ebenso gescheit, wie das Folgende: Angenommen, ich bekomme ein Telegramm aus Amerika: «Schicke mit sofort das und das», und ich gehe und untersuche den Draht und finde da materielle Vorgänge und wollte daraus schließen: Also schafft mir mein eigenes Innere oder der Telegrammbeamte den Inhalt des Telegrammes.
[ 42 ] Well, where natural science ends, the humanities begin. What do the humanities have to say about all this? They say: Yes, no matter how many times you observe that there is nothing out there but moving air, when you hear a sound, you must not conclude from that that the ear creates the sound. That is about as sensible as the following: Suppose I receive a telegram from America: “Send this and that immediately,” and I go and examine the wire and find material processes there, and then conclude: So either my own inner self or the telegraph operator is creating the content of the telegram.
[ 43 ] Es wird hier — vernünftigerweise — der Draht, das Materielle benützt zur Vermittlung zwischen Empfänger und Absender. Wir haben nie das Recht, wenn wir einen materiellen Vorgang sehen, zu glauben, dass nur dieser als Realität vorhanden wäre. Wir dürfen über ein Gebiet nicht urteilen, für das wir uns noch keine Wahrnehmungsorgane erschaffen haben, dazu haben wir ebenso wenig ein Recht zu urteilen wie ein Blinder über Farbe und Licht.
[ 43 ] Here—reasonably enough—the wire, the material medium, is used to mediate between the receiver and the sender. When we observe a material process, we never have the right to believe that only this process exists as reality. We must not pass judgment on a realm for which we have not yet developed the organs of perception; we have just as little right to do so as a blind person has to judge color and light.
[ 44 ] Geisteswissenschaft sagt: Der Ton gehört der realen Welt an, und er war es, der die Erschütterungen der Luft hervorgerufen hat.
[ 44 ] The humanities say: Sound belongs to the real world, and it was sound that caused the vibrations in the air.
[ 45 ] Was ist ein Atom? Wodurch wissen wir nun, dass ein Ding im Raum vor uns ist und ein materielles Dasein hat? Wir wissen es zunächst durch unsere äußere Sinneswahrnehmung, dadurch, dass es uns erscheint mit einer bestimmten Farbe oder einem gewissen Glanze, oder so, dass es tönen kann, oder uns eine gewisse Wärme zeigt, riecht oder schmeckt; wir nehmen es wahr durch seine Eigenschaften, die es unseren Sinnen offenbart und durch die es uns Farben-, Ton-, Geruchs-, Geschmacksund Wärmeempfindungen anregt.
[ 45 ] What is an atom? How do we know that an object is in space in front of us and has a material existence? We know this, first of all, through our external sensory perception—through the fact that it appears to us with a certain color or a certain luster, or that it can produce a sound, or that it exhibits a certain warmth, smell, or taste; we perceive it through its properties, which it reveals to our senses and through which it stimulates sensations of color, sound, smell, taste, and warmth.
[ 46 ] Was ist nun ein Atom? Ein Atom ist kein wirkliches Ding des Raumes. Eigene Wärme hat es nicht, denn Wärme entsteht erst durch die Bewegung der Atome; eine Farbe hat es nicht, die Farbe wird erst hervorgerufen durch die Bewegung der Atome, auch andere Eigenschaften hat es keine, denn alle diese Eigenschaften werden erst hervorgerufen durch die Bewegung der Atome. Dieses Atom, das keine Wirklichkeit hat, ist überhaupt nichts für den, der real denkt. Es ist etwas, was zu den Dingen hinzu erfunden worden ist, eine Rechnungsmünze der Forschung, ein menschlicher Gedanke, der es uns möglich macht, aus einem gewissen Schema heraus die Welt zu begreifen.
[ 46 ] What, then, is an atom? An atom is not a real object in space. It has no heat of its own, for heat arises only from the motion of atoms; it has no color, for color is produced only by the motion of atoms; nor does it have any other properties, for all these properties are produced only by the motion of atoms. This atom, which has no reality, is nothing at all to those who think realistically. It is something that has been invented to supplement reality—a conceptual tool of research, a human construct that enables us to understand the world according to a certain framework.
[ 47 ] Träumerei ist die Atomwelt, die reinste Phantasie, nicht einmal so wirklich wie Farbe und Licht, sondern nur zu allem hinzugedacht.
[ 47 ] Daydreaming is the atomic world, the purest imagination—not even as real as color and light, but merely imagined in addition to everything else.
[ 48 ] Geisteswissenschaft steht so ganz auf dem Boden Goethes, von dem die wenigsten Leute wissen, dass er ein ebenso großer Naturforscher wie Dichter war, und so wie er sicht derjenige, der geisteswissenschaftlich denkt, Wirklichkeit in dem, was vor unseren Sinnen steht. Er sieht in der Sinnenwelt nichts anderes als Zusammenfügen von dem, was wir in der geistigen Welt erleben.
[ 48 ] Spiritual science is thus firmly rooted in the work of Goethe, about whom very few people know that he was as great a natural scientist as he was a poet; and just as he did, those who think in terms of spiritual science perceive reality in what lies before our senses. They see the sensory world as nothing more than a composite of what we experience in the spiritual world.
[ 49 ] Wenn wir eine Rose sehen, und sie ist gelb, so sehen wir eine gewisse Form, eine Farbe, nehmen einen gewissen Wärmegrad wahr, einen bestimmten Geruch und so weiter, und dann müssen wir uns sagen: Willst du hinter die Dinge schauen, so musst du nicht die Atome untersuchen, die du erfunden hast, sondern den Geist, der hinter den Dingen steht und den deine Seele erleben kann. Die Erscheinung selbst ist die Realität, der Geist in ihr, das ist dasjenige, was wir suchen können im Raume ausgebreitet. Wie das Eis sich aus dem Wasser heraus verdichtet hat, so hat aus dem Geistigen heraus sich die physisch-sinnliche Welt verdichtet.
[ 49 ] When we see a rose, and it is yellow, we see a certain shape, a color, perceive a certain degree of warmth, a specific scent, and so on, and then we must tell ourselves: If you want to look behind things, you must not examine the atoms you have invented, but rather the spirit that lies behind things and that your soul can experience. The phenomenon itself is reality; the spirit within it is what we can seek, spread out in space. Just as ice has condensed from water, so too has the physical-sensory world condensed from the spiritual.
[ 50 ] Das naturwissenschaftliche Denken und Geisteswissenschaft, sie stehen einander gegenüber: Geisteswissenschaft, sie erfindet nicht hinter der physisch-sinnlichen Welt phantastische Atomtänze, sondern sie sieht hinter Farben, hinter Tönen, hinter Wärme und so weiter geistige Wesenheiten.
[ 50 ] Scientific thinking and the humanities stand in opposition to one another: the humanities do not invent fantastical atomic dances behind the physical, sensory world, but rather perceive spiritual entities behind colors, sounds, warmth, and so on.
[ 51 ] Schwer ist eine Verständigung zwischen den beiden Strömungen möglich, aber schwer nur, wenn man auf dem Boden des materialistischen Denkens stehen bleibt. Gehen wir einmal an der Hand eines Beispieles an die Tatsachenwelt heran, so finden wir gerade als Geisteswissenschafter, als wahre Bekenner der geistigen Welt, wie gerade das, was gegolten hat als festes Fundament für das naturwissenschaftliche Glaubensbekenntnis, Stück um Stück in den letzten Jahren abgebröckelt ist. Noch vor zwei Jahren wurde behauptet, dass der Mensch von den höheren Tieren abstamme.
[ 51 ] It is difficult for the two schools of thought to reach an understanding, but it is difficult only if one remains rooted in materialistic thinking. If we approach the world of facts through an example, we find—precisely as scholars of the humanities, as true adherents of the spiritual world—that what was once regarded as the solid foundation of the scientific creed has crumbled piece by piece in recent years. As recently as two years ago, it was claimed that humans descended from higher animals.
[ 52 ] Legen wir uns einmal die Frage vor: Wie steht es mit der Abstammung des Menschen von den höheren Tieren, von den Affen? Es besteht zwar zwischen dem Körper eines Menschen und eines höheren Affen eine gewisse Ähnlichkeit. Das hat der mehr oberflächlich gebliebenen Betrachtung Huxleys den Satz eingegeben, dass zwischen dem Bau eines Menschen und dem Bau des höheren Affen ein geringerer Unterschied sei als zwischen den höheren und niederen Affenarten. In den letzten Jahren hat sich aber die Unmöglichkeit gezeigt, den Menschenbau an den Affenbau anzulehnen. In gewisser Beziehung hat allerdings der Mensch mit dem Gibbon große Ähnlichkeit, nur hat der Gibbon furchtbar große Vorderfüße, fast bis auf den Boden. In Bezug darauf ist er viel ähnlicher viel niedriger stehenden Affenarten als dem Gibbon.
[ 52 ] Let us consider the following question: What is the truth about human descent from higher animals, from apes? There is, admittedly, a certain resemblance between the human body and that of a higher ape. This led Huxley, in his more superficial analysis, to state that there is less difference between the structure of a human and that of a higher ape than between the higher and lower species of apes. In recent years, however, it has become clear that it is impossible to equate human anatomy with that of apes. In a certain respect, however, humans bear a great resemblance to the gibbon; only the gibbon has terribly large front feet, reaching almost to the ground. In this regard, humans are much more similar to much lower-ranking species of apes than to the gibbon.
[ 53 ] Wenn man nun dabei bleiben wollte, dass der Mensch vom Gibbon abstamme, so müsste man denken: Nun, die Geschichte ginge so: Zunächst haben sie, die Affen, kurze Hände, dann aber, als der Gibbon-Affe entstanden ist, haben sie lange Hände bekommen, und dann wieder sind sie kurz geworden beim Menschen. So ist man allmählich darauf gekommen, zu sagen, dass, trotzdem der Gibbon in Bezug auf gewisse Eigenschaften am ähnlichsten dem Menschen ist, dieser Mensch hinwiederum von einem niedriger stehenden Affen abstammen müsse, und der Gibbon nur eine Art Seitenlinie wäre, die besonders lange Hände bekommen habe.
[ 53 ] If one were to insist that humans are descended from gibbons, one would have to reason as follows: Well, the story would go like this: At first, the apes had short hands, but then, when the gibbon evolved, they developed long hands, and then the hands became short again in humans. Thus, people gradually came to say that, even though the gibbon is most similar to humans in certain characteristics, humans must in turn be descended from a lower-ranking ape, and the gibbon is merely a side branch that happened to develop particularly long hands.
[ 54 ] Das ist ein einfacher Fall; aber in Bezug auf solche Vergleiche ist man weitergegangen, und da hat es sich gezeigt, dass es ganz unmöglich ist, gerade aus den höheren Affen den Menschen herzuleiten. Da müsste man schon zurückgehen auf niedrigere Affen, sodass alle höheren Affen nur Seitenlinien wären. Doch immer weiter will es nicht stimmen. Ja, es haben sich gewichtige Stimmen erhoben, dass der Mensch auf viel niedrigere Tierformen zurückgehen müsste, und man ist gezwungen worden sozusagen, diejenigen Tiergruppen, die dem Menschen am nächsten stehen, immer mehr abzurücken vom Menschen. Dieser Weg wird weitergehen, und man wird herausfinden, dass alles dasjenige, was unmittelbare Verwandtschaft ist mit dem Menschen, nicht gefunden wird, und man wird die Entwicklungslinie weiter und weiter zurückverfolgen müssen, und man wird darauf kommen, dass überhaupt das Wesen, von dem der Mensch hergeleitet ist, gar nicht physisch, sondern geistig war.
[ 54 ] This is a simple case; but such comparisons have been taken further, and it has become apparent that it is entirely impossible to trace human origins directly from the higher apes. One would have to go back to lower apes, so that all higher apes would be merely side branches. Yet this theory does not hold up when taken further. Indeed, authoritative voices have argued that humans must be traced back to much lower animal forms, and researchers have been compelled, so to speak, to increasingly distance those animal groups closest to humans from humans themselves. This trend will continue, and it will become clear that no direct relatives of humans can be found; the evolutionary line will have to be traced farther and farther back, and it will be realized that the being from which humans are derived was not physical at all, but spiritual.
[ 55 ] Die Naturwissenschaft weiß es noch nicht, aber sie ist durch die Tatsachen auf den Weg gedrängt, der seinem Ziele nach durch die Geisteswissenschaft vorgezeichnet ist. Die physische Tatsachenwelt wird sich immer mehr und mehr als eine Bestätigung der Geisteswissenschaft ergeben.
[ 55 ] Natural science does not yet know it, but the facts are pushing it down a path whose destination has been mapped out by spiritual science. The world of physical facts will increasingly prove to be a confirmation of spiritual science.
[ 56 ] Und nun fragen wir uns: Wie steht es in Bezug auf unser anderes Beispiel, die Atomwelt? Schon aus gewissen tiefer eindringenden Theorien heraus hat ein neuerer Naturforscher, der Chemiker Ostwald, überhaupt die ganze Atomistik verworfen. Auf der Lübecker Naturforscherversammlung hatte Ende der Achtzigerjahre Ostwald über die Überwindung des Materialismus gesprochen und da auf das Widerspruchsvolle derselben hingewiesen. Er vertrat da nicht die Anschauung von dem ewigen materiellen Atomklümpchen, vielmehr sagt er: Alles, was als Atome auftrete, seien Kraftenergiezentren.
[ 56 ] And now let us ask ourselves: What about our other example, the atomic world? Based on certain more profound theories, a recent natural scientist, the chemist Ostwald, has rejected the entire field of atomic theory altogether. At the Lübeck Congress of Natural Scientists in the late 1880s, Ostwald had spoken about overcoming materialism and pointed out its internal contradictions. He did not advocate the view of the eternal material atomic particle; rather, he said that everything that appears as atoms are centers of force and energy.
[ 57 ] Er gebrauchte einen Vergleich und sagte: Wenn ich einen Schlag mit einem Stock bekomme, ist mir da nicht die Materie des Stockes ganz gleichgültig und nur die Kraft, mit der ich den Schlag erhielt, das Wesentliche? Die Energie, die auf dich losgelassen wird? Überall sind es Kräfte, Energien, und wenn der Mensch die Kräfte als raumerfüllend empfindet, dann empfindet er Materie.
[ 57 ] He used an analogy and said: If I am struck with a stick, isn’t the material of the stick completely irrelevant to me, and isn’t the force with which I received the blow the essential thing? The energy unleashed upon you? Everywhere there are forces, energies, and when a person perceives these forces as filling space, then he perceives matter.
[ 58 ] Das war noch eine Spekulation, andere sind schon durch die Tatsachen noch weitergeführt worden. Nehmen wir an, es verbinden sich Kupfer und Chlor. Diese verbinden sich unter Feuererscheinungen. Wärme tritt auf. Wenn man nun diese Körper wieder trennen will, so muss man dieselbe Wärme wieder zuführen. Da erweist sich also diese Wärme als etwas sehr Reales, die doch nur Bewegung sein soll.
[ 58 ] That was still just speculation; others have been taken even further by the facts. Let us assume that copper and chlorine combine. They combine with the appearance of fire. Heat is generated. If one now wishes to separate these substances again, one must supply the same amount of heat. Thus, this heat proves to be something very real, even though it is supposed to be nothing more than motion.
[ 59 ] Gewisse Forscher, die tiefer nachdachten, haben sich nun gesagt: Also Wärme tritt auf, wenn gewisse Atome sich verbinden, sich aneinanderlegen; will man diese wieder trennen, so muss man die Wärme wieder zuführen. Daraus haben sie nun geschlossen: Wir müssen uns die Atome also ähnlich vorstellen wie solche Kinderballons, die mit Luft gefüllt sind. Wenn man diese zusammendrückt, so geht die Luft heraus. Will man sie wieder prall haben, so muss man Luft hineinleiten. Wie die Luft in diesen Kinderballons, so müsse man sich — meinten sie — die Wärme in den Atomen vorstellen. Atome und Moleküle selbst müssen wir uns vorstellen als eine Art Säcke, und die Wärme ist das, was die Säcke ausfüllt, wie Mehl die Mehlsäcke. Bei freiem Kupfer und Chlor, da sind nun diese Säcke mit Wärme ganz angefüllt. Verbinden sich aber diese Körper, dann pressen sich diese Säcke zusammen und die Wärme wird ausgetrieben. Bringen wir sie durch irgendetwas wieder auseinander, dann müssen wir auch wieder die Wärme hinzufügen.
[ 59 ] Some researchers who thought more deeply about this have now reasoned: Heat is produced when certain atoms combine and come together; if one wants to separate them again, one must supply heat once more. From this, they have concluded: We must therefore imagine atoms as being similar to those children’s balloons filled with air. When you squeeze them, the air escapes. If you want them to be full again, you have to pump air back in. Just as with the air in these children’s balloons, so—they reasoned—must we imagine heat within the atoms. We must imagine atoms and molecules themselves as a kind of sack, and heat is what fills the sacks, just as flour fills flour sacks. In the case of free copper and chlorine, these “bags” are completely filled with heat. But when these elements combine, the “bags” are pressed together and the heat is expelled. If we separate them again by some means, we must also add the heat back in.
[ 60 ] Solche Denker sind so dazu gezwungen worden, die Wärme — etwas, was sonst bloß als eine Bewegung angesehen wird — als etwas Wirkliches, Reales anzuerkennen, die sich allerdings noch in einer Schale befinden soll. Der Geisteswissenschafter würde nun sagen: Du rechnest also mit der Wärme als mit etwas Wirklichem, Realem, und nur damit du dein Atom noch retten kannst, fügst du die Schale hinzu. Ich schenke dir auch noch die Schale. — Geisteswissenschaft ist der Anschauung, dass das Atom und Molekül nichts anderes als die kondensierte Qualität Wärme selbst ist, und zwar nicht nur die Füllung, sondern auch die Säcke dazu. Wenn wir die Schale weglassen, dann bleibt geformte Wärme, und wir stellen uns unter einem materiellen Teilchen nichts anderes vor als die geformte Sinnesempfindung. Das ist dann dasjenige, was wirklich real ist.
[ 60 ] Such thinkers have thus been forced to recognize heat—something that is otherwise regarded merely as a form of motion—as something real and tangible, though it is supposedly still contained within a shell. The spiritual scientist would now say: So you are treating heat as something real and tangible, and you add the shell only so that you can still save your atom. I’ll even grant you the shell. — Spiritual science holds the view that the atom and the molecule are nothing other than the condensed quality of heat itself—not only the filling, but also the bags that contain it. If we omit the shell, what remains is shaped heat, and we conceive of a material particle as nothing other than a shaped sensory perception. That, then, is what is truly real.
[ 61 ] Andere haben noch einen Schritt weiter gemacht. Leitet man einen elektrischen Strom durch ausgepumpte Glasröhren, sogenannte Geißler’sche Röhren, dann treten darin Lichterscheinungen auf.
[ 61 ] Others have gone a step further. When an electric current is passed through evacuated glass tubes—known as Geissler tubes—light phenomena occur inside them.
[ 62 ] Dadurch ist man darauf gekommen, anzunehmen, dass da nicht bloß bewegte Materie darinnen sei, sondern es hat sich gezeigt, dass man gar nicht anders denken kann, als dass die Elektrizität sich loslöst von der Materie und selbstständig weiterfließt. Man hat gesehen, es gibt überhaupt fließende Elektrizität. Das, was man früher nur als eine Eigenschaft der Materie angesehen hat, das sah man nun schon als etwas Selbstständiges an. Die Eigenschaft selbst fließt dahin in der Elektrizität und Elektronen nannte man solche fließende Elektrizität.
[ 62 ] This led to the assumption that it contained not merely moving matter; rather, it became clear that one could not help but conclude that electricity detaches itself from matter and flows independently. It was observed that flowing electricity exists at all. What had previously been regarded merely as a property of matter was now seen as something independent. The property itself flows within electricity, and such flowing electricity came to be called “electrons.”
[ 63 ] Der ehemalige englische Premierminister Balfour hat 1904 in einer Rede darauf aufmerksam gemacht, dass durch solche Anschauungen wesentlich veränderte Betrachtungsformen in Bezug auf die Materie eintreten müssen ... /Lücke] dass Materie überhaupt nichts anderes sei als in gewisser Beziehung gefrorene Elektrizität.
[ 63 ] In a speech in 1904, former British Prime Minister Balfour pointed out that such views must lead to fundamentally different ways of looking at matter ... /gap] that matter is, in a certain sense, nothing other than frozen electricity.
[ 64 ] Zeigt uns diese Umwälzung der Anschauungen nicht deutlich, wie die Naturwissenschaft auf dem Wege ist, zu der theosophischen Lehre zu kommen, dass der Geist das Ursprüngliche ist und das Übrige nur verdichteter Geist?
[ 64 ] Doesn't this upheaval in views clearly show us how natural science is on its way to arriving at the theosophical teaching that the spirit is the primal substance and that everything else is merely condensed spirit?
[ 65 ] So ist man dahin gekommen, das, was früher nur Bewegung der Materie sein sollte, bereits verselbstständigt als fließende Elektrizität anzusehen, und die Materie ist im Grunde genommen darnach nur verdichtete, fließende Elektrizität.
[ 65 ] Thus, what was once thought to be merely the motion of matter has come to be regarded as a separate entity—flowing electricity—and, in essence, matter is nothing more than condensed, flowing electricity.
[ 66 ] Die Krone aber hat all dem aufgesetzt eine Entdeckung, die in den letzten Jahren erst an uns herangetreten ist: die Entdeckung des Radiums. Diese Radiumforschung, was hat sie gezeigt? Sie wissen alle, dass das Radium den Menschen aufmerksam gemacht hat darauf, dass gewisse Substanzen — die radioaktiven Substanzen — merkwürdige Ausstrahlungen haben, die nur durch ihre Wirkungen festgestellt werden können, zum Beispiel, dass sie die nicht leitende Luft elektrisch leitend machen und dass sie auf die fotografische Platte wirken. Diese Ausstrahlungen des Radiums, die waren für die betreffenden Denker, die damit zu tun hatten, auf keine andere Art zunächst erklärbar als dadurch, dass sie annahmen, die Ausstrahlung gehe bis in das Atom hinein. Das Atom ist es selbst, welches diese Ausströmungen — auch Emanation genannt — aussendet, ja, man ist zu dem Gedanken gezwungen worden, dass das Atom sich nach und nach vollständig ausstrahlt in seinen Wirkungen. Wir sehen, das Atom ist vollständig abgebaut und zersplittert, sodass wir es nur noch in seinen Wirkungen, in seinen Eigenschaften wahrnehmen können.
[ 66 ] But the crowning achievement of all this has been a discovery that has only come to our attention in recent years: the discovery of radium. What has this research into radium revealed? You all know that radium has drawn people’s attention to the fact that certain substances—radioactive substances—emit strange radiation that can only be detected by its effects; for example, that it makes non-conductive air electrically conductive and that it affects photographic plates. These emanations from radium could initially be explained in no other way to the scientists involved than by assuming that the emanation penetrated into the atom itself. It is the atom itself that emits these radiations—also called emanations—indeed, one has been compelled to conclude that the atom gradually radiates itself completely through its effects. We see that the atom is completely broken down and fragmented, so that we can perceive it only through its effects and properties.
[ 67 ] Ja, wir sehen noch mehr. Der geniale englische Physiker Ramsay hat gezeigt, dass man eine gewisse Ausstrahlung, eine Emanation des Radiums überführen kann in eine andere Substanz, ein anderes Element, das Helium. Die Physiker fangen an zu berechnen, wann überhaupt völlig die Eigenschaften einer solchen Substanz aufhören, wann sich ein solches Atom völlig zersplittert. Wir sehen, wie heute berechnet wird — ich will nicht über die Richtigkeit der Berechnung, sondern nur über die Umwandlung der Denkweise sprechen —, wie gewisse Substanzen in 5000 Millionen Jahren so weit sein werden, dass sie alle ihre Eigenschaften verloren haben, dass sie nicht mehr da sein werden als materielle Substanz, sich aufgelöst haben werden in den Weltenraum. Ewig ist das Atom allein, das keine Eigenschaften hat, meinte man damals, nur die chemischen Elemente, die Atome sind das Ewige, alles andere vergeht.
[ 67 ] Yes, we see even more. The brilliant English physicist Ramsay has shown that a certain radiation, an emanation from radium, can be transformed into another substance, another element: helium. Physicists are beginning to calculate when the properties of such a substance cease entirely, when such an atom completely disintegrates. We see how calculations are made today—I do not wish to speak about the accuracy of the calculations, but only about the shift in thinking—how certain substances will, in 5,000 million years, have reached a point where they have lost all their properties, where they will no longer exist as material substance, but will have dissolved into outer space. Only the atom that has no properties is eternal, it was believed at the time; only the chemical elements—the atoms—are eternal; everything else passes away.
[ 68 ] Durch diese neuen Forschungsergebnisse nun treten die Tatsachen in den Gesichtskreis der Menschen, die Tatsachenergebnisse, die zeigen, wie dasjenige, was man als das Festeste angeschen hatte, das Atom, sich auflöst, zersplittert, wie der Leib dieses Atoms dem Naturforscher unter den Händen zerfällt in die Eigenschaften, die durch seine Bewegungen allein hätten entstehen sollen. So musste der Gedanke an ein ewiges Atom zerschellen, es ist vergänglich, es zerstiebt, und nichts hat derjenige, der Atomistiker im alten Sinne sein will, mehr in den Händen.
[ 68 ] Through these new research findings, the facts are now coming into people’s view—facts that show how that which was once considered the most solid thing, the atom, dissolves and shatters, how the body of this atom disintegrates in the natural scientist’s hands into the properties that should have arisen solely from its movements. Thus, the idea of an eternal atom has been shattered; it is transient, it disintegrates, and those who wish to remain atomists in the old sense have nothing left in their hands.
[ 69 ] So ist die Naturwissenschaft in unserer Zeit an einen Scheideweg gestellt. Entweder kann sie ihre alten Theorien weiter fortbauen und dann Theorien haben, die mit den Tatsachen immer mehr in Widerspruch kommen, gegen welche die Tatsachen geradezu zum Spott da sind, oder aber sie kann den Weg gehen, der nach und nach dahin führt, den Vorfahren des Menschen immer weiter und weiter zurückzurücken bis in das Geistig-Seelische hinein und die Materie immer mehr aufzulösen - und das letzte Auflösungsprodukt, das wird der Geist sein. So sehen wir, wie die Geisteswissenschaft ein Pionier ist, der vorausarbeitet der Zukunft, und vor uns steht in dieser Zukunft etwas, das wir aussprechen können mit den Worten: Wir sehen voraus den Frieden zwischen Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft, zwischen dem, was Naturerkennen ist, und dem, was durch Erkenntnis des Geistes den Menschen mit Sicherheit und Seligkeit erfüllen kann.
[ 69 ] Thus, natural science today stands at a crossroads. Either it can continue to build upon its old theories and end up with theories that increasingly contradict the facts—theories that the facts themselves make a mockery of—or it can take the path that gradually leads to tracing humanity’s ancestors farther and farther back into the spiritual-soul realm and dissolving matter more and more—and the final product of this dissolution will be the spirit. Thus we see how spiritual science is a pioneer working ahead of the future, and before us in this future lies something we can express with the words: We foresee peace between natural science and spiritual science, between what is the knowledge of nature and what, through the knowledge of the spirit, can fill human beings with certainty and bliss.
[ 70 ] Freilich war es vor mehr als 100 Jahren noch zu früh für eine solche Verbindung dieser beiden Strömungen, und Schiller hatte recht, als er sagte: Beide müssten noch getrennte Wege gehen und erst in späterer Zeit könnten sie sich einmal vereinigen.
[ 70 ] Of course, more than 100 years ago, it was still too early for such a union of these two movements, and Schiller was right when he said: Both would have to go their separate ways for the time being, and only later would they be able to unite.
[ 71 ] Das neunzehnte Jahrhundert hat nunmehr den Weg gewiesen: Die Wissenschaft des Äußeren, Sinnlichen, sie hat Tatsachen gefunden und Ergebnisse gezeitigt, die selbst hinausdrängen über den Boden des rein SinnlichWirklichen. Daneben hat sich die Theosophie entwickelt. Sie, die Theosophie, wird selbst aus sich heraus, aus ihren geistigen Erkenntnissen, den Weg zu den Tatsachen zeigen können. Sie wird zeigen können, wie die äußere Sinneswelt ein Ausdruck des Geistigen ist. So wird Geisteswissenschaft herunterführen die Philosophie, die Erkenntnis des Übersinnlichen, die vor hundert Jahren noch nur in abstrakten Begriffen lebte, die in Wolkenhöhen schweb-te, sie herunterführen so, dass sie nicht nur mit abstrakten Begriffen und Ideen allein hantiert, sondern hinweist auf die wirkliche, konkrete Tatsachenerkenntnis im Geistigen, und Naturwissenschaft wird hinaufsteigen und von den nur rein äußeren Sinneserscheinungen den Weg finden zum Geiste, und so werden sich beide treffen, während vor mehr als hundert Jahren die Begriffsphilosophie nicht herunterkommen konnte zu den Tatsachen der konkreten Wirklichkeit.
[ 71 ] The nineteenth century has now shown the way: the science of the external, the sensory world has discovered facts and produced results that themselves extend beyond the realm of the purely sensory-real. Alongside this, theosophy has developed. Theosophy itself, drawing from within—from its spiritual insights—will be able to point the way to the facts. It will be able to show how the external sensory world is an expression of the spiritual. Thus spiritual science will bring down philosophy—the knowledge of the supersensible, which a hundred years ago still existed only in abstract concepts and hovered in the clouds—it will bring it down in such a way that it no longer deals solely with abstract concepts and ideas, but points to the real, concrete knowledge of facts in the spiritual realm, and natural science will ascend and find its way from purely external sensory phenomena to the spiritual; and thus the two will meet, whereas more than a hundred years ago, conceptual philosophy could not descend to the facts of concrete reality.
[ 72 ] Darüber musste Zeit verfließen. Die ist nun verflossen. Der Geist drängt in die Wirklichkeit herunter und will anwendbar und fruchtbar werden auch in dieser äußeren Wirklichkeit. Und so können wir einen schönen Horizont, eine schöne Perspektive der Geisteswelt hinstellen und können sagen: Gerade, wenn wir uns realistisch auf den Boden der Tatsachen stellen, der sinnlichen sowohl wie der geistigen Welt, so sehen wir, wie Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft zusammenlaufen, um etwas zu geben, was für den Menschen Leben ist, was sich umwandeln wird in der menschlichen Seele und dem Menschen geben wird Kraft und Sicherheit und Zuversicht zu sich selbst im Leben und was ihm auch Kraft geben wird, in sich zu fühlen und zu empfinden und zu erkennen das, was nur durch den Geist erkannt werden kann: das Ewige in der Menschenseele.
[ 72 ] Time had to pass for this. That time has now passed. The spirit pushes its way down into reality and seeks to become applicable and fruitful even within this outer reality. And so we can present a beautiful horizon, a beautiful perspective of the spiritual world, and say: Precisely when we stand realistically on the ground of facts—both in the sensory and the spiritual worlds— we see how the natural sciences and the spiritual sciences converge to offer something that is life for human beings—something that will be transformed within the human soul and will give people strength, security, and self-confidence in life, and which will also give them the strength to feel, sense, and recognize within themselves that which can only be recognized through the spirit: the eternal in the human soul.
