The Essence of Anthroposophy
within the World Of Sense, Soul And Spirit
GA 68b
16 January 1906, Stuttgart
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The Circular Flow of Man's Life, tr. SOL
38. Die Ideale der Menschheit und die Ideale der Eingeweihten
38. The Ideals of Humanity and the Ideals of the Initiates
[ 1 ] Derjenige, der eine gewisse Neigung zum geistigen Leben hat, «der seine Helden sich selber wählen muss den Weg zum Olymp hinan», dem wird manches im Lauf der Zeit begegnen, was er aus Kunst und Wissenschaft aufgenommen hat, das ihm als Ideal erschien. Daneben gibt es die Welt der praktischen Menschen, welche mit Ideal und Idealismus den Begriff der Träumerei, der Weltfremdheit verbindet.
[ 1 ] Those who have a certain inclination toward intellectual life—“who must choose their own heroes on the path up to Olympus”—will, over time, encounter many things they have absorbed from art and science that seemed to them to be ideals. Alongside this is the world of practical people, who associate the concepts of “ideal” and “idealism” with daydreaming and naivety.
[ 2 ] Einer derjenigen, welche den Begriff des Ideals am schönsten erfasst haben, ist Johann Gottlieb Fichte. Er hat einmal in einer Gruppe von jungen Leuten gesagt: Dass Ideale nicht unmittelbar anzuwenden sind im wirklichen Leben, das wissen wir andern auch, wenn nicht sogar besser. Jene andern aber, welche das Gefühl dafür nicht haben, sie mögen vorläufig warten. Ideale kann man nicht wie Essen und Trinken anwenden alle Tage; aber für den Idealisten sind die Ideale die großen wirksamen Kräfte des Menschenlebens, jene Kräfte, die er herunterholt aus den unsichtbaren Reichen, um sie einzuführen in die sichtbare Welt. Zwar können die kleinen, unwichtigen Erscheinungen des äußeren Lebens ohne bedeutsame Ideale erlebt werden, aber die großen Fortschritte der Menschheit sind nur von denjenigen zustande gekommen, welche fähig werden, sich vom Reiche der Wirklichkeit zu erheben in das Reich der Ideale. Nicht diejenigen, die sich praktisch dünken, sind die eigentlichen Fortschrittsmenschen, sondern diejenigen, auf welche der Alltagsmensch herunterschaut als Idealisten.
[ 2 ] One of those who best captured the concept of the ideal is Johann Gottlieb Fichte. He once said to a group of young people: “We know as well as anyone else—if not better—that ideals cannot be directly applied in real life. But those others who lack a sense of this may wait for now.” Ideals cannot be applied every day like eating and drinking; but for the idealist, ideals are the great, effective forces of human life—those forces that he draws down from the invisible realms to introduce into the visible world. It is true that the small, unimportant phenomena of external life can be experienced without significant ideals, but the great advances of humanity have been achieved only by those who are capable of rising from the realm of reality into the realm of ideals. It is not those who consider themselves practical who are the true agents of progress, but rather those whom the average person looks down upon as idealists.
[ 3 ] Die Idealisten, so sagen sie, seien weltfremde Leute. Aber in Wahrheit ist die Zukunft immer weltfremd in der Gegenwart. Der Idealist ist allerdings etwas ganz anderes als der Praktiker. Der Idealist ist in seiner Seelenrichtung ganz anders gestimmt. Er hat ganz andere Seelenerfahrungen. Wir müssen eine ganz bestimmte Empfindungsart ausbilden und wir können einem Kinde keinen größeren Dienst erweisen, als diese Seelenverfassung in ihm ausbilden, welche nicht träumerische, sondern praktische Idealität ausmacht.
[ 3 ] They say that idealists are people out of touch with reality. But in truth, the future is always out of touch with reality in the present. The idealist, however, is something entirely different from the pragmatist. The idealist is attuned to a completely different state of mind. He has entirely different spiritual experiences. We must cultivate a very specific way of feeling, and we cannot do a greater service for a child than to foster within them this state of mind, which constitutes not a dreamy but a practical idealism.
[ 4 ] Dies ist die devotionelle Seelenstimmung. Nicht durch den Verstand darf man gewisse Ideale einsehen, sondern derjenige, welcher verehrende, devotionelle Stimmung in sich entwickelt, der entwickelt sie zum Begreifen der Ideale.
[ 4 ] This is the devotional state of mind. One must not come to understand certain ideals through the intellect; rather, it is the person who develops a reverent, devotional state of mind within themselves who comes to understand those ideals.
[ 5 ] In der Jugend besaßen wir kritiklose Verehrung, und wir können uns nichts Besseres antun, als zum Beispiel uns fähig zu machen, einen Menschen so zu verehren, dass, wenn uns von ihm erzählt wird und wir ihn auch noch nicht gesehen haben, er uns als schön und verehrungswürdig erscheint. Wer viele solche Stimmungen in seiner Jugend gehabt, wer so verehren gelernt hat, der hat wirklich etwas von solcher Seelenstimmung ausgebildet, die ihm wirkliche Macht im Leben erzeugt. Wirkliches wird durch Wirkliches erzeugt. Wir ringen uns allmählich dazu heran, wirkliche Kraft zu erzeugen dadurch, dass wir verehren lernen.
[ 5 ] In our youth, we possessed uncritical admiration, and there is nothing better we can do for ourselves than, for example, to cultivate the ability to admire a person so deeply that, when we hear about them—even before we have seen them—they appear to us as beautiful and worthy of admiration. Whoever has experienced many such feelings in their youth, whoever has learned to revere in this way, has truly cultivated a state of mind that gives them real power in life. The real is produced by the real. We gradually work our way toward generating real strength by learning to revere.
[ 6 ] Das ist eine wirkliche Lebenslehre, und sie will die devotionelle Lebensanschauung entwickeln. Nichts können wir der Jugend Besseres geben als diese Kraft, zu verehren, dieses Hingebungsvolle, dieses Ehrfurchtsvolle. Wir verdanken unendlich viel dem, was wir in der Lage sind, kritiklos zu verehren. Dies ist eine innerliche Erfahrung, die man machen muss, um ihre Tragweite zu ermessen. Hierdurch kommt der Mensch zu dem, was man das Unpersönliche nennt.
[ 6 ] This is a true lesson in life, and it aims to cultivate a devotional outlook on life. There is nothing better we can give to young people than this power to revere, this spirit of devotion, this sense of awe. We owe an infinite debt to that which we are able to revere uncritically. This is an inner experience that one must undergo in order to grasp its full significance. Through this, a person arrives at what is called the impersonal.
[ 7 ] Interesseloses Entfalten von Kraft in den Angelegenheiten, die wir als die richtigen erkannt haben, ohne dass wir persönliches Interesse daran haben, das befähigt uns, kraftvolle Ideale zu entwickeln.
[ 7 ] Exerting effort selflessly in matters we have recognized as right, without any personal interest in them, enables us to develop powerful ideals.
[ 8 ] Große Genien der Weltgeschichte sind dadurch groß geworden, dass sie die Angelegenheiten, die sie persönlich nicht interessierten, zu ihren eigenen gemacht haben. Ferner gelangen wir zu dieser devotionellen Stimmung, wenn wir dasjenige, was wir als das Richtige erkannt haben, tun ohne Hinsehn auf persönlichen Erfolg. Dies widerspricht nicht in Hinsicht auf äußere Wirkung; aber wir sollen uns in den wichtigsten Angelegenheiten unseres äußeren Lebens so entscheiden, dass wir zu sagen vermögen: Fast sehe ich als sicher voraus, dass mein erster oder zweiter oder dritter Versuch misslingen wird, aber dennoch unternehme ich es. — Also nicht sehen auf den Erfolg. Dies ist natürlich radikal hingestellt, und es wird im Leben manches anders sein; aber auf die Gesinnung kommt es an.
[ 8 ] The great geniuses of world history became great by making matters that did not personally interest them their own. Furthermore, we attain this spirit of devotion when we do what we have recognized as right without regard for personal success. This does not contradict the pursuit of external results; but in the most important matters of our external lives, we should make decisions such that we can say: I almost certainly foresee that my first, second, or third attempt will fail, but I will undertake it nonetheless. — So do not focus on success. This is, of course, a radical statement, and many things will be different in real life; but what matters is the attitude.
[ 9 ] Ideen wirken fort im Leben. Dies kann man beobachten an Herders «Ideen zu einer Philosophie der Geschichte der Menschheit», dem schönsten Elementarbuch der Theosophie, dessen Ideen Goethe, Schiller, Novalis, Schlegel aufgesogen haben. Von diesem Werke konnte Goethe sagen: Das ist die schönste Art, wie Ideen fortwirken im Leben, obwohl man ihren Ursprung so leicht vergisst. Und mit den großen Idealen der geistigen Führer der Menschheit bilden sich auch die Formen. Bis in die alleralltäglichsten Verrichtungen des Lebens bilden die Menschheitsgenien die Menschen um. Um uns zu den Idealen zu erheben, müssen wir die geistige Schöpfung in uns aufnehmen; das verehren, was über dem Alltäglichen schwebt. Es ist eine Indiskretion, das Alltägliche zu sehen in dem Leben der großen Genien, anstatt das zu sehen, was hinausragt über das Alltägliche.
[ 9 ] Ideas continue to have an impact on life. This can be seen in Herder’s *Ideas for a Philosophy of the History of Mankind*, the most beautiful introductory text on theosophy, whose ideas were absorbed by Goethe, Schiller, Novalis, and Schlegel. Of this work, Goethe said: “This is the most beautiful way in which ideas continue to have an effect in life, even though one so easily forgets their origin.” And with the great ideals of humanity’s spiritual leaders, forms also take shape. Even in the most mundane tasks of daily life, the geniuses of humanity transform people. To rise to the ideals, we must take spiritual creation into ourselves; we must revere that which soars above the mundane. It is a lack of discernment to see the mundane in the lives of the great geniuses, rather than seeing what transcends the mundane.
[ 10 ] Hegel sagt: Ihr glaubt, irgendein Ideal sei eine Abstraktion? Für mich ist ein Ideal keine solche, sondern etwas ganz Konkretes. — Idealismus ist nicht allein Erkenntnis der Ideale, sondern er ist eine Stimmung, eine Empfindung, die in uns lebendig werden muss, die eine Lebenskraft werden muss. Die Ideale der Menschheit sind deshalb die tiefsten Kräfte, die in der Menschheit wirksam sind. Die großen Genien der Menschheit, die Dichter, Tondichter, Maler, Bildhauer, alle diese Führer der Menschheit verzeichnet die Geschichte, die der eine besser, der andere weniger gut versteht. Sie stehen als die Führer der Menschheit oben an; aber diejenigen, von welchen sie ihre Kraft saugen, die stehen hinter ihnen. Die Zeiten überschauend und beherrschend stehen diejenigen, welche für die Menschheit kaum mehr als ein Name sind - nämlich die «großen Eingeweihten».
[ 10 ] Hegel says: Do you believe that any ideal is an abstraction? For me, an ideal is not an abstraction, but something quite concrete. — Idealism is not merely the recognition of ideals; rather, it is a mood, a feeling that must come alive within us, that must become a life force. The ideals of humanity are therefore the deepest forces at work within humanity. The great geniuses of humanity—the poets, composers, painters, sculptors—all these leaders of humanity are recorded in history, which some understand better and others less well. They stand at the forefront as the leaders of humanity; but those from whom they draw their strength stand behind them. Surveying and governing the ages are those who are little more than a name to humanity—namely, the “great Initiates.”
[ 11 ] Die größten derselben, die Begründer der großen Religionen, sie sind der Menschheit bekannt geworden; wie sie aber selbst waren, in ihrem Innern, das weiß die Menschheit nicht. Das soll durch die theosophische Weltanschauung erst wieder populär werden.
[ 11 ] The greatest among them—the founders of the major religions—have become known to humanity; but humanity does not know what they were truly like, deep within. The theosophical worldview is intended to make this knowledge popular once again.
[ 12 ] Derjenige, der die ganze ägyptische Kultur mit der großen Weisheit des Ägyptertums erfüllte, der das alles geistig beherrschte, das ist eigentlich der große Hermes, der ägyptische Eingeweihte!
[ 12 ] The one who imbued the entire Egyptian culture with the great wisdom of Egyptianism, who spiritually mastered it all—that is, in fact, the great Hermes, the Egyptian initiate!
[ 13 ] Derjenige, auf den die Kultur Indiens zurückgeht: Krishna, der ist eigentlich seinem Seelenleben nach ganz unbekannt.
[ 13 ] The figure to whom Indian culture traces its origins—Krishna—is actually a complete mystery in terms of his inner life.
[ 14 ] In Buddhas Seele hineinzusehen, ist auch nur wenigen gegeben, und was in Zoroasters Seele vorging, ist nur sehr wenigen zu schauen möglich; ebenso Pythagoras’, Platos; dann die Inkarnation des zweiten Logos: Christus; dann der große Eingeweihte, der Unbekannte aus dem Oberland, — den die Geschichte gar nicht einmal kennt — Meister Jesus. Hinter den Größten finden wir immer die Allergrößten. Wie sich der Mensch von den Führern inspirieren lässt, so lassen sich die Führer wieder von den noch Größeren inspirieren.
[ 14 ] Only a few are granted the ability to look into the soul of the Buddha, and what went on in the soul of Zoroaster is visible to only a very few; the same is true of Pythagoras and Plato; then there is the incarnation of the Second Logos: Christ; then the great Initiate, the Unknown One from the Oberland—whom history does not even recognize—Master Jesus. Behind the greatest, we always find the greatest of all. Just as human beings are inspired by their leaders, so too are the leaders inspired by those who are even greater.
[ 15 ] Was ist nun ein Eingeweihter? Es ist derjenige, der etwas weiß von den verborgenen Kräften in der Welt, von deren tiefsten, geheimnisvollsten. Es ist in der Regel ein großes Geheimnis, das er hat, und es ist seine Mission, dieses Geheimnis wirksam zu machen in der Welt.
[ 15 ] So what is an initiate? It is someone who knows something about the hidden forces in the world—the deepest, most mysterious ones. As a rule, he possesses a great secret, and his mission is to make that secret effective in the world.
[ 16 ] Die wirklichen Eingeweihten werden nicht leugnen, dass sie Eingeweihte sind, aber sie werden sagen, dass es unmöglich ist, zunächst die tiefsten Gesetze des Daseins, die verborgenen Kräfte zu enthüllen. Ein Eingeweihter mag sogar mit Worten sein Geheimnis erzählen, aber die Welt wird es nicht bemerken. Gar mancher ist unter den Menschen in seinem äußeren Beruf das, was man etwas Gewöhnliches nennt; er könnte ein Schuhmacher sein wie Jakob Böhme, aber er ist für seine Umgebung nicht erkennbar als Eingeweihter. Das, was er weiß, ist eine geistige Kraft, oder eine Summe von Kräften, die man in der Gegenwart durch irgendein Mittel hineinsetzen muss in die Menschheit, und diese Kräfte wirken durch die Jahrhunderte hindurch, wenn sie auch nicht sofort wirken.
[ 16 ] True initiates will not deny that they are initiates, but they will say that it is impossible, at first, to reveal the deepest laws of existence, the hidden forces. An initiate may even speak of his secret in words, but the world will not take notice. Many among humanity are, in their outward profession, what one might call ordinary; he might be a shoemaker like Jakob Böhme, but he is not recognizable as an initiate to those around him. What he knows is a spiritual power—or a sum of powers—that must be introduced into humanity in the present by some means, and these powers work throughout the centuries, even if they do not take effect immediately.
[ 17 ] Derjenige ist ein Eingeweihter, der weiß, was in der Zukunft geschehen soll, und er leitet den Gang der Menschheitsentwicklung in einer großen, bestimmten Richtung.
[ 17 ] An initiate is one who knows what is to happen in the future, and who guides the course of human development in a grand, specific direction.
[ 18 ] Wie der Chemiker gewisse Stoffe verbindet und beherrscht, so beherrscht der Eingeweihte geistige Kräfte.
[ 18 ] Just as the chemist combines and controls certain substances, so does the initiate control spiritual powers.
[ 19 ] Derjenige, der eine höhere Entwicklung erreichen will, der muss die Illusion des persönlichen Selbst überwinden. Während wir auch nur den Schein des Persönlichen haben, sind wir doch nur ein Glied im Organismus. Die Hand, die verdorrt, wenn sie abgesägt wird, ist doch auch nur ein Glied im Organismus, nichts für sich allein. So, wie der Mensch beherrscht wird von der Seele, so sprechen diejenigen, die die Gesetze der Natur [der] Erde erkennen, vom Erdgeist. Das ist die Seele der Erde, und wir alle mit ihr zusammen sind der Körper der Erdseele. Wir müssen nicht nur verstandesgemäß erkennen, dass die Selbstheit Illusion ist; auch das Empfinden, das Fühlen unseres Innersten muss erkennen, dass wir Teile sind eines Ganzen.
[ 19 ] Anyone who wishes to attain a higher level of development must overcome the illusion of the personal self. As long as we retain even the mere appearance of individuality, we are still only a part of the organism. The hand, which withers when it is sawed off, is also merely a part of the organism—nothing in and of itself. Just as human beings are governed by the soul, so do those who recognize the laws of nature [of] the Earth speak of the Earth Spirit. This is the soul of the Earth, and all of us together with it are the body of the Earth Soul. We must not only recognize intellectually that the sense of self is an illusion; our innermost feelings and sensibilities must also recognize that we are parts of a whole.
[ 20 ] «Meine Seele wäre nichts ohne die andern», sagt Angelus Silesius. Wenn diese Illusion schwindet und der Mensch so loskommt von seiner Persönlichkeit, sich so hinzugeben vermag, so wird er reif, eine gewisse Belehrung zu empfangen, und diese ist ein tief inneres Erleben seiner Seele. Zunächst ist es das größte Erlebnis, das der Mensch hier auf unserem Erdenrunde machen kann.
[ 20 ] “My soul would be nothing without others,” says Angelus Silesius. When this illusion fades and a person is thus freed from his personality, able to surrender himself in this way, he becomes ready to receive a certain teaching, and this is a deeply inner experience of his soul. First and foremost, it is the greatest experience a person can have here on our earthly sphere.
[ 21 ] Trotzdem wir Teil eines Ganzen sind, sind wir doch ein ganz besonderes Wesen; wir sind ein Baustein im Weltall, der aber zusammenbrechen müsste, wenn wir herausgenommen würden.
[ 21 ] Even though we are part of a whole, we are still very special beings; we are a building block of the universe, which would collapse if we were removed.
[ 22 ] Der Eingeweihte lernt erkennen, welcher Buchstabe er im Weltenall ist, im Weltenbuch ist; er lernt sein tiefstes innerstes Wesen kennen, das nur einmal vorhanden ist. Er muss seinen Buchstaben erkennen, aber jeder hat einen andern Buchstaben, den er selbst erkennen muss. Alles Lernen von den Eingeweihten besteht darin, dass wir hingeführt werden, dass uns die Richtung angegeben wird, aber was wir sind, das müssen wir uns selbst sagen. Dies kann niemand verstehen, dies tiefe Geheimnis versteht kein anderer; das versteht nur jeder selbst. So weit gekommen zu sein, dass wir das «innere Wort» haben — den Buchstaben — das befähigt uns, geistige Kräfte zu entwickeln.
[ 22 ] The initiate learns to recognize which letter he is in the universe, in the Book of the World; he comes to know his deepest, innermost being, which exists only once. He must recognize his letter, but everyone has a different letter that he must recognize for himself. All learning from the initiates consists in our being guided, in being shown the direction, but what we are, we must tell ourselves. No one else can understand this; no one else comprehends this deep mystery; only each person can understand it for themselves. Having reached the point where we possess the “inner word”—the letter—enables us to develop spiritual powers.
[ 23 ] Und was hat das alles für einen Wert? Wenn auch zugegeben werden muss, dass die Menschen sich über vieles, vieles streiten und dass sie darüber im Kampf sind, so gibt es doch ein gewisses Gebiet der Wahrheit, wo nur das innere Erlebnis entscheidet. Die Menschen streiten sich wegen ihrer Leidenschaften, wegen ihrer Wünsche, Begierden und Triebe — aber überall, wo der reine Gedanke, der leidenschaftsfreie Gedanke herrscht, da gibt es keinen Streit. Aber man muss den Gedanken in der reinen Ätherhöhe sehen.
[ 23 ] And what is the value of all this? While it must be admitted that people argue about many, many things and are at odds over them, there is nevertheless a certain realm of truth where only inner experience is decisive. People argue because of their passions, their desires, their cravings, and their instincts—but wherever pure thought, passionless thought, reigns, there is no strife. But one must view thought in the pure heights of the ether.
[ 24 ] Und das können nur sehr wenige! Dieses Einheitsgebiet, der gereinigte, in Ätherhöhe schwebende Gedanke harmonisiert die Menschen.
[ 24 ] And very few are capable of that! This unified realm—the purified thought floating at the level of the ether—harmonizes people.
[ 25 ] Das ist Manas! Die Ideale der Menschen sind Gedanken, aber noch durchsetzt von Wünschen, Begierden und Leidenschaften. Die Menschen können noch streiten über ihre Ideale, weil die Leidenschaften, die Vorstellungen und Vorurteile des einen andere sind wie die Leidenschaften, Vorstellungen und Vorurteile des andern.
[ 25 ] This is Manas! Human ideals are thoughts, but they are still intertwined with desires, cravings, and passions. People can still argue about their ideals because one person’s passions, ideas, and prejudices differ from another’s.
[ 26 ] Steigen wir aber hinauf zu den Idealen der Eingeweihten! - Durch die innerste Erziehung des Menschen ist da erreicht, dass er seine Leidenschaften, Begierden und Wünsche so gereinigt hat, wie der denkende Mensch auch seine Gedanken gereinigt hat. Christus sagt daher: Heiliget eure Gedanken! — Könnte eine Anzahl von Menschen beisammen sein, die ihre Leidenschaften, Begierden, Wünsche so gereinigt haben, so würden sie zusammenstimmen wie die Gedanken dieser Menschen. Hat der Mensch die Reinigung, die Läuterung durchgemacht, so finden sich die Menschen in etwas Gleichem, das alle umfasst, sie stimmen zusammen. Das, was sich so entwickelt, das ist die Budhi, die keimhaft in allen Menschen liegt.
[ 26 ] But let us ascend to the ideals of the Initiates!—Through the innermost education of the human being, one has attained a state in which one’s passions, desires, and wishes have been purified, just as the thinking person has purified his thoughts. Christ therefore says: Sanctify your thoughts! — If a group of people were to gather who had purified their passions, desires, and wishes in this way, they would be in harmony, just as the thoughts of these people are in harmony. Once a person has undergone this purification and refinement, people find themselves united in something common that encompasses them all; they are in harmony. What develops in this way is the budhi, which lies in embryonic form within all human beings.
[ 27 ] Bloß manasische Naturen sind einig in ihren Gedanken. Diejenigen aber, die Budhi entwickelt haben, sind einig in ihren Gefühlen.
[ 27 ] Only those of a manasic nature are united in their thoughts. But those who have developed budhi are united in their feelings.
[ 28 ] So erblicken wir auf dem Grunde der Menschennatur etwas Geistiges, Göttliches. Die Ideale der Eingeweihten sind zum Enthusiasmus geworden; das ist: «in Gott»!
[ 28 ] Thus we perceive something spiritual, something divine, at the very core of human nature. The ideals of the initiates have become enthusiasm; that is: “in God”!
[ 29 ] Denn wenn sie die Budhi entwickelt haben, können sie das, was ihr tiefstes Ich ist, ihre Note, ihr Wort erhalten; dann kann der Mensch seine lebendigen Ideale in die Menschheit abfließen lassen. Kraftvoll wird ein Gedanke, wenn er durch Wünsche beseelt ist. Ist er von der göttlichen Kraft durchsetzt, dann kann er in den Keim der Menschheitsentwicklung hineinversetzt werden, dann kann er die Entwicklung durch die Jahrhunderte tragen.
[ 29 ] For once they have developed the budhi, they can preserve what constitutes their deepest self—their essence, their word; then human beings can allow their living ideals to flow into humanity. A thought becomes powerful when it is animated by desires. If it is imbued with divine power, then it can be planted in the seed of human development; then it can carry that development through the centuries.
[ 30 ] So haben die großen Eingeweihten aus dem Verborgenen und Unsichtbaren heraus die eigentlichen Seelenkräfte hineinversetzt in die Menschheit und haben im Unsichtbaren die Erscheinungen geschaffen, die sich dann in der Geschichte als Ereignisse abspielen.
[ 30 ] Thus, the great Initiates, working from the hidden and unseen realm, have infused humanity with the true forces of the soul and have created, in the unseen, the phenomena that then unfold as events in history.
[ 31 ] Dies nennt Schiller «die Gestalt». Der Mensch wird dann gewahr das Eigentliche, das Verborgene, das Übersinnliche.
[ 31 ] Schiller calls this “the Form.” Man then becomes aware of the essential, the hidden, the supernatural.
[ 32 ] Von ihm gilt das schöne Schiller’sche Wort:
[ 32 ] Schiller’s beautiful words apply to him:
Nur der Körper eignet jenen Mächten,
Die das dunkle Schicksal flechten;
Aber frei von jeder Zeitgewalt,
Die Gespielin seliger Naturen
Wandelt oben in des Lichtes Fluren
Göttlich unter Göttern die Gestalt.
Only the body is subject to those powers,
That weave the dark fate;
But free from every power of time,
The companion of blissful natures
Wanders above in the realms of light
Divine among gods, her form.
[ 33 ] Die großen Eingeweihten widersprechen sich nicht; sie drücken sich verschieden aus, weil sie für verschiedene Lebensalter des Menschengeschlechtes sprechen, gerade, wie wenn man einem Knaben von acht Jahren dieselbe Wahrheit im gleichen Gewande bieten würde wie einem Jüngling von 20 Jahren.
[ 33 ] The great Initiates do not contradict one another; they express themselves differently because they speak to different stages of human development, just as if one were to present the same truth in the same form to an eight-year-old boy as to a young man of 20.
[ 34 ] Die Eingeweihten wissen, dass sie Eingeweihte sind. Ihr Ziel ist, die entsprechenden Kräfte in die Menschheit hineinzupflanzen, damit sie sich weiter aufwärts entwickelt.
[ 34 ] The initiates know that they are initiates. Their goal is to instill the necessary powers within humanity so that it may continue to evolve upward.
