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The Rudolf Steiner Archive

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Der Kreislauf des Menschen
innerhalb der Sinnes Seelen und Geisteswelt
GA 68b

16 Januar 1906, Stuttgart

38. Die Ideale der Menschheit und die Ideale der Eingeweihten

[ 1 ] Derjenige, der eine gewisse Neigung zum geistigen Leben hat, «der seine Helden sich selber wählen muss den Weg zum Olymp hinan», dem wird manches im Lauf der Zeit begegnen, was er aus Kunst und Wissenschaft aufgenommen hat, das ihm als Ideal erschien. Daneben gibt es die Welt der praktischen Menschen, welche mit Ideal und Idealismus den Begriff der Träumerei, der Weltfremdheit verbindet.

[ 2 ] Einer derjenigen, welche den Begriff des Ideals am schönsten erfasst haben, ist Johann Gottlieb Fichte. Er hat einmal in einer Gruppe von jungen Leuten gesagt: Dass Ideale nicht unmittelbar anzuwenden sind im wirklichen Leben, das wissen wir andern auch, wenn nicht sogar besser. Jene andern aber, welche das Gefühl dafür nicht haben, sie mögen vorläufig warten. Ideale kann man nicht wie Essen und Trinken anwenden alle Tage; aber für den Idealisten sind die Ideale die großen wirksamen Kräfte des Menschenlebens, jene Kräfte, die er herunterholt aus den unsichtbaren Reichen, um sie einzuführen in die sichtbare Welt. Zwar können die kleinen, unwichtigen Erscheinungen des äußeren Lebens ohne bedeutsame Ideale erlebt werden, aber die großen Fortschritte der Menschheit sind nur von denjenigen zustande gekommen, welche fähig werden, sich vom Reiche der Wirklichkeit zu erheben in das Reich der Ideale. Nicht diejenigen, die sich praktisch dünken, sind die eigentlichen Fortschrittsmenschen, sondern diejenigen, auf welche der Alltagsmensch herunterschaut als Idealisten.

[ 3 ] Die Idealisten, so sagen sie, seien weltfremde Leute. Aber in Wahrheit ist die Zukunft immer weltfremd in der Gegenwart. Der Idealist ist allerdings etwas ganz anderes als der Praktiker. Der Idealist ist in seiner Seelenrichtung ganz anders gestimmt. Er hat ganz andere Seelenerfahrungen. Wir müssen eine ganz bestimmte Empfindungsart ausbilden und wir können einem Kinde keinen größeren Dienst erweisen, als diese Seelenverfassung in ihm ausbilden, welche nicht träumerische, sondern praktische Idealität ausmacht.

[ 4 ] Dies ist die devotionelle Seelenstimmung. Nicht durch den Verstand darf man gewisse Ideale einsehen, sondern derjenige, welcher verehrende, devotionelle Stimmung in sich entwickelt, der entwickelt sie zum Begreifen der Ideale.

[ 5 ] In der Jugend besaßen wir kritiklose Verehrung, und wir können uns nichts Besseres antun, als zum Beispiel uns fähig zu machen, einen Menschen so zu verehren, dass, wenn uns von ihm erzählt wird und wir ihn auch noch nicht gesehen haben, er uns als schön und verehrungswürdig erscheint. Wer viele solche Stimmungen in seiner Jugend gehabt, wer so verehren gelernt hat, der hat wirklich etwas von solcher Seelenstimmung ausgebildet, die ihm wirkliche Macht im Leben erzeugt. Wirkliches wird durch Wirkliches erzeugt. Wir ringen uns allmählich dazu heran, wirkliche Kraft zu erzeugen dadurch, dass wir verehren lernen.

[ 6 ] Das ist eine wirkliche Lebenslehre, und sie will die devotionelle Lebensanschauung entwickeln. Nichts können wir der Jugend Besseres geben als diese Kraft, zu verehren, dieses Hingebungsvolle, dieses Ehrfurchtsvolle. Wir verdanken unendlich viel dem, was wir in der Lage sind, kritiklos zu verehren. Dies ist eine innerliche Erfahrung, die man machen muss, um ihre Tragweite zu ermessen. Hierdurch kommt der Mensch zu dem, was man das Unpersönliche nennt.

[ 7 ] Interesseloses Entfalten von Kraft in den Angelegenheiten, die wir als die richtigen erkannt haben, ohne dass wir persönliches Interesse daran haben, das befähigt uns, kraftvolle Ideale zu entwickeln.

[ 8 ] Große Genien der Weltgeschichte sind dadurch groß geworden, dass sie die Angelegenheiten, die sie persönlich nicht interessierten, zu ihren eigenen gemacht haben. Ferner gelangen wir zu dieser devotionellen Stimmung, wenn wir dasjenige, was wir als das Richtige erkannt haben, tun ohne Hinsehn auf persönlichen Erfolg. Dies widerspricht nicht in Hinsicht auf äußere Wirkung; aber wir sollen uns in den wichtigsten Angelegenheiten unseres äußeren Lebens so entscheiden, dass wir zu sagen vermögen: Fast sehe ich als sicher voraus, dass mein erster oder zweiter oder dritter Versuch misslingen wird, aber dennoch unternehme ich es. — Also nicht sehen auf den Erfolg. Dies ist natürlich radikal hingestellt, und es wird im Leben manches anders sein; aber auf die Gesinnung kommt es an.

[ 9 ] Ideen wirken fort im Leben. Dies kann man beobachten an Herders «Ideen zu einer Philosophie der Geschichte der Menschheit», dem schönsten Elementarbuch der Theosophie, dessen Ideen Goethe, Schiller, Novalis, Schlegel aufgesogen haben. Von diesem Werke konnte Goethe sagen: Das ist die schönste Art, wie Ideen fortwirken im Leben, obwohl man ihren Ursprung so leicht vergisst. Und mit den großen Idealen der geistigen Führer der Menschheit bilden sich auch die Formen. Bis in die alleralltäglichsten Verrichtungen des Lebens bilden die Menschheitsgenien die Menschen um. Um uns zu den Idealen zu erheben, müssen wir die geistige Schöpfung in uns aufnehmen; das verehren, was über dem Alltäglichen schwebt. Es ist eine Indiskretion, das Alltägliche zu sehen in dem Leben der großen Genien, anstatt das zu sehen, was hinausragt über das Alltägliche.

[ 10 ] Hegel sagt: Ihr glaubt, irgendein Ideal sei eine Abstraktion? Für mich ist ein Ideal keine solche, sondern etwas ganz Konkretes. — Idealismus ist nicht allein Erkenntnis der Ideale, sondern er ist eine Stimmung, eine Empfindung, die in uns lebendig werden muss, die eine Lebenskraft werden muss. Die Ideale der Menschheit sind deshalb die tiefsten Kräfte, die in der Menschheit wirksam sind. Die großen Genien der Menschheit, die Dichter, Tondichter, Maler, Bildhauer, alle diese Führer der Menschheit verzeichnet die Geschichte, die der eine besser, der andere weniger gut versteht. Sie stehen als die Führer der Menschheit oben an; aber diejenigen, von welchen sie ihre Kraft saugen, die stehen hinter ihnen. Die Zeiten überschauend und beherrschend stehen diejenigen, welche für die Menschheit kaum mehr als ein Name sind - nämlich die «großen Eingeweihten».

[ 11 ] Die größten derselben, die Begründer der großen Religionen, sie sind der Menschheit bekannt geworden; wie sie aber selbst waren, in ihrem Innern, das weiß die Menschheit nicht. Das soll durch die theosophische Weltanschauung erst wieder populär werden.

[ 12 ] Derjenige, der die ganze ägyptische Kultur mit der großen Weisheit des Ägyptertums erfüllte, der das alles geistig beherrschte, das ist eigentlich der große Hermes, der ägyptische Eingeweihte!

[ 13 ] Derjenige, auf den die Kultur Indiens zurückgeht: Krishna, der ist eigentlich seinem Seelenleben nach ganz unbekannt.

[ 14 ] In Buddhas Seele hineinzusehen, ist auch nur wenigen gegeben, und was in Zoroasters Seele vorging, ist nur sehr wenigen zu schauen möglich; ebenso Pythagoras’, Platos; dann die Inkarnation des zweiten Logos: Christus; dann der große Eingeweihte, der Unbekannte aus dem Oberland, — den die Geschichte gar nicht einmal kennt — Meister Jesus. Hinter den Größten finden wir immer die Allergrößten. Wie sich der Mensch von den Führern inspirieren lässt, so lassen sich die Führer wieder von den noch Größeren inspirieren.

[ 15 ] Was ist nun ein Eingeweihter? Es ist derjenige, der etwas weiß von den verborgenen Kräften in der Welt, von deren tiefsten, geheimnisvollsten. Es ist in der Regel ein großes Geheimnis, das er hat, und es ist seine Mission, dieses Geheimnis wirksam zu machen in der Welt.

[ 16 ] Die wirklichen Eingeweihten werden nicht leugnen, dass sie Eingeweihte sind, aber sie werden sagen, dass es unmöglich ist, zunächst die tiefsten Gesetze des Daseins, die verborgenen Kräfte zu enthüllen. Ein Eingeweihter mag sogar mit Worten sein Geheimnis erzählen, aber die Welt wird es nicht bemerken. Gar mancher ist unter den Menschen in seinem äußeren Beruf das, was man etwas Gewöhnliches nennt; er könnte ein Schuhmacher sein wie Jakob Böhme, aber er ist für seine Umgebung nicht erkennbar als Eingeweihter. Das, was er weiß, ist eine geistige Kraft, oder eine Summe von Kräften, die man in der Gegenwart durch irgendein Mittel hineinsetzen muss in die Menschheit, und diese Kräfte wirken durch die Jahrhunderte hindurch, wenn sie auch nicht sofort wirken.

[ 17 ] Derjenige ist ein Eingeweihter, der weiß, was in der Zukunft geschehen soll, und er leitet den Gang der Menschheitsentwicklung in einer großen, bestimmten Richtung.

[ 18 ] Wie der Chemiker gewisse Stoffe verbindet und beherrscht, so beherrscht der Eingeweihte geistige Kräfte.

[ 19 ] Derjenige, der eine höhere Entwicklung erreichen will, der muss die Illusion des persönlichen Selbst überwinden. Während wir auch nur den Schein des Persönlichen haben, sind wir doch nur ein Glied im Organismus. Die Hand, die verdorrt, wenn sie abgesägt wird, ist doch auch nur ein Glied im Organismus, nichts für sich allein. So, wie der Mensch beherrscht wird von der Seele, so sprechen diejenigen, die die Gesetze der Natur [der] Erde erkennen, vom Erdgeist. Das ist die Seele der Erde, und wir alle mit ihr zusammen sind der Körper der Erdseele. Wir müssen nicht nur verstandesgemäß erkennen, dass die Selbstheit Illusion ist; auch das Empfinden, das Fühlen unseres Innersten muss erkennen, dass wir Teile sind eines Ganzen.

[ 20 ] «Meine Seele wäre nichts ohne die andern», sagt Angelus Silesius. Wenn diese Illusion schwindet und der Mensch so loskommt von seiner Persönlichkeit, sich so hinzugeben vermag, so wird er reif, eine gewisse Belehrung zu empfangen, und diese ist ein tief inneres Erleben seiner Seele. Zunächst ist es das größte Erlebnis, das der Mensch hier auf unserem Erdenrunde machen kann.

[ 21 ] Trotzdem wir Teil eines Ganzen sind, sind wir doch ein ganz besonderes Wesen; wir sind ein Baustein im Weltall, der aber zusammenbrechen müsste, wenn wir herausgenommen würden.

[ 22 ] Der Eingeweihte lernt erkennen, welcher Buchstabe er im Weltenall ist, im Weltenbuch ist; er lernt sein tiefstes innerstes Wesen kennen, das nur einmal vorhanden ist. Er muss seinen Buchstaben erkennen, aber jeder hat einen andern Buchstaben, den er selbst erkennen muss. Alles Lernen von den Eingeweihten besteht darin, dass wir hingeführt werden, dass uns die Richtung angegeben wird, aber was wir sind, das müssen wir uns selbst sagen. Dies kann niemand verstehen, dies tiefe Geheimnis versteht kein anderer; das versteht nur jeder selbst. So weit gekommen zu sein, dass wir das «innere Wort» haben — den Buchstaben — das befähigt uns, geistige Kräfte zu entwickeln.

[ 23 ] Und was hat das alles für einen Wert? Wenn auch zugegeben werden muss, dass die Menschen sich über vieles, vieles streiten und dass sie darüber im Kampf sind, so gibt es doch ein gewisses Gebiet der Wahrheit, wo nur das innere Erlebnis entscheidet. Die Menschen streiten sich wegen ihrer Leidenschaften, wegen ihrer Wünsche, Begierden und Triebe — aber überall, wo der reine Gedanke, der leidenschaftsfreie Gedanke herrscht, da gibt es keinen Streit. Aber man muss den Gedanken in der reinen Ätherhöhe sehen.

[ 24 ] Und das können nur sehr wenige! Dieses Einheitsgebiet, der gereinigte, in Ätherhöhe schwebende Gedanke harmonisiert die Menschen.

[ 25 ] Das ist Manas! Die Ideale der Menschen sind Gedanken, aber noch durchsetzt von Wünschen, Begierden und Leidenschaften. Die Menschen können noch streiten über ihre Ideale, weil die Leidenschaften, die Vorstellungen und Vorurteile des einen andere sind wie die Leidenschaften, Vorstellungen und Vorurteile des andern.

[ 26 ] Steigen wir aber hinauf zu den Idealen der Eingeweihten! - Durch die innerste Erziehung des Menschen ist da erreicht, dass er seine Leidenschaften, Begierden und Wünsche so gereinigt hat, wie der denkende Mensch auch seine Gedanken gereinigt hat. Christus sagt daher: Heiliget eure Gedanken! — Könnte eine Anzahl von Menschen beisammen sein, die ihre Leidenschaften, Begierden, Wünsche so gereinigt haben, so würden sie zusammenstimmen wie die Gedanken dieser Menschen. Hat der Mensch die Reinigung, die Läuterung durchgemacht, so finden sich die Menschen in etwas Gleichem, das alle umfasst, sie stimmen zusammen. Das, was sich so entwickelt, das ist die Budhi, die keimhaft in allen Menschen liegt.

[ 27 ] Bloß manasische Naturen sind einig in ihren Gedanken. Diejenigen aber, die Budhi entwickelt haben, sind einig in ihren Gefühlen.

[ 28 ] So erblicken wir auf dem Grunde der Menschennatur etwas Geistiges, Göttliches. Die Ideale der Eingeweihten sind zum Enthusiasmus geworden; das ist: «in Gott»!

[ 29 ] Denn wenn sie die Budhi entwickelt haben, können sie das, was ihr tiefstes Ich ist, ihre Note, ihr Wort erhalten; dann kann der Mensch seine lebendigen Ideale in die Menschheit abfließen lassen. Kraftvoll wird ein Gedanke, wenn er durch Wünsche beseelt ist. Ist er von der göttlichen Kraft durchsetzt, dann kann er in den Keim der Menschheitsentwicklung hineinversetzt werden, dann kann er die Entwicklung durch die Jahrhunderte tragen.

[ 30 ] So haben die großen Eingeweihten aus dem Verborgenen und Unsichtbaren heraus die eigentlichen Seelenkräfte hineinversetzt in die Menschheit und haben im Unsichtbaren die Erscheinungen geschaffen, die sich dann in der Geschichte als Ereignisse abspielen.

[ 31 ] Dies nennt Schiller «die Gestalt». Der Mensch wird dann gewahr das Eigentliche, das Verborgene, das Übersinnliche.

[ 32 ] Von ihm gilt das schöne Schiller’sche Wort:

Nur der Körper eignet jenen Mächten,
Die das dunkle Schicksal flechten;
Aber frei von jeder Zeitgewalt,
Die Gespielin seliger Naturen
Wandelt oben in des Lichtes Fluren
Göttlich unter Göttern die Gestalt.

[ 33 ] Die großen Eingeweihten widersprechen sich nicht; sie drücken sich verschieden aus, weil sie für verschiedene Lebensalter des Menschengeschlechtes sprechen, gerade, wie wenn man einem Knaben von acht Jahren dieselbe Wahrheit im gleichen Gewande bieten würde wie einem Jüngling von 20 Jahren.

[ 34 ] Die Eingeweihten wissen, dass sie Eingeweihte sind. Ihr Ziel ist, die entsprechenden Kräfte in die Menschheit hineinzupflanzen, damit sie sich weiter aufwärts entwickelt.