Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

The Essence of Anthroposophy
within the World Of Sense, Soul And Spirit
GA 68b

5 February 1907, Basel

Translate the original German text into any language:

Versions Available:

The Circular Flow of Man's Life, tr. SOL
  1. Der Kreislauf des Menschen

45. Die Rätselfragen des Daseins

45. The Riddles of Existence

[ 1 ] Die Rätselfragen über unser Dasein sind so alt wie die denkende Menschheit überhaupt, und nicht nur zu allen Zeiten, sondern auch unter allen Völkern sind sie aufgestellt worden. Aber auch in jedem einzelnen Menschenleben gibt es Augenblicke des Aufblickens zu etwas Höherem, Rätselhaftem. Besonders eine große Frage wird immer und immer wieder von der denkenden Menschheit aufgestellt, nämlich die nach dem Sinn und der Bedeutung unseres Daseins. Überhaupt kann man sagen, dass alle andern Rätselfragen schließlich auf diese eine Frage nach dem Sinn des Weltalls hinauslaufen. Und in jedem einzelnen Menschen schlummert tief innerlich der gefühlsmäßige Wunsch, eine Antwort auf diese Frage zu erhalten. Aber nicht nur die Unkenntnis über solch hohe Dinge wie über den Wandel der Gestirne oder den Ursprung unseres Daseins drängt uns zu Fragen, oft tun dies näher liegende Dinge in noch viel größerem Maße; ja, es gibt Zeiten im Menschenleben, wo einem direkt alles zu einem Rätsel wird, wo man nimmer begreift, warum Leid und Schmerz uns heimsuchen, warum wir von niederer Geburt sind, während doch andere Menschen in den herrlichsten Lebenslagen sich befinden, warum es uns schlecht geht, uns, die wir doch einen scheinbar schuldlosen Lebenswandel einhalten. Ja, besonders schwer wird es uns zu begreifen, dass wir bezüglich der Lebensgüter zurückgesetzt sind, obgleich unsere Nebenmenschen mit scheinbar ebenso wenig Verdiensten ins Dasein getreten sind und sie nun mit den verschiedenartigsten Gütern reich gesegnet sind.

[ 1 ] The enigmatic questions about our existence are as old as thinking humanity itself, and they have been posed not only throughout history but also among all peoples. Yet even in every single human life, there are moments of looking up toward something higher and mysterious. One great question in particular is posed again and again by thinking humanity: namely, the question of the meaning and significance of our existence. In general, it can be said that all other enigmatic questions ultimately boil down to this one question about the meaning of the universe. And deep within every single person lies the emotional desire to receive an answer to this question. But it is not only ignorance of such lofty matters as the movement of the stars or the origin of our existence that compels us to ask questions; often, more immediate concerns do so to an even greater extent; indeed, there are times in human life when everything suddenly becomes a mystery, when one can no longer understand why suffering and pain afflict us, why we are of humble birth while other people find themselves in the most splendid circumstances, why we fare so poorly, even though we lead what seems to be a blameless life. Yes, it is especially difficult for us to understand that we are disadvantaged in terms of life’s blessings, even though our fellow human beings entered this world with seemingly just as little merit and are now richly blessed with the most diverse kinds of blessings.

[ 2 ] Neben den großen Daseinsfragen gibt es jedoch noch Fragen des Lebens, deren Lösungen nun nicht nur unsern Verstand und Scharfsinn befriedigen dürfen, sondern die sich uns wie Trost und Beruhigung in unsere Herzen ergießen sollen und unsere Seelen erfüllen mit harmonischer, das Leben wirklich begreifender Stimmung. Freilich darf nicht etwa nur das Gemüt allein mitsprechen bei einer objektiven Lösung der Daseinsfragen. Denn nach der monistischen Weltanschauung, welche annimmt, dass sowohl Geist wie Gemüt aus derselben Urquelle des Daseins fließen, verlangen auch beide Berücksichtigung.

[ 2 ] In addition to the great questions of existence, however, there are also questions of life whose solutions must not only satisfy our intellect and discernment, but should also pour into our hearts as comfort and reassurance and fill our souls with a harmonious spirit that truly comprehends life. Of course, the emotions alone must not be the sole factor in an objective solution to the questions of existence. For according to the monistic worldview, which assumes that both mind and emotions flow from the same primordial source of existence, both must be taken into consideration.

[ 3 ] Es hat je und je große Epochen der Menschheitsentwicklung gegeben, wo sich die Lösungsversuche der Daseinsfragen wie Frieden in die unruhigen Seelen gesenkt haben. So geben die Religionen in ihrer Art solche Lösungen der großen Fragen; aber sie berücksichtigen hauptsächlich nur die eine Seite des menschlichen Wesens, das heißt, sie befriedigen mehr nur das Gemüt, nicht aber ebenso den urteilenden Verstand.

[ 3 ] Throughout history, there have been great eras in human development when attempts to resolve existential questions—such as peace—have found their way into troubled souls. Thus, religions, in their own way, provide such solutions to the great questions; but they take into account mainly only one side of human nature—that is, they satisfy more the emotions than the reasoning mind.

[ 4 ] Schon seit einiger Zeit ist in unsere Kultur etwas hineingezogen, was sich wie ein Zwiespalt ausnimmt zwischen jenen religiösen Lösungen, die manchem heilig gewesen und ihm die Wahrheit bedeutet haben, und dem, was die Wissenschaft lehrt.

[ 4 ] For some time now, something has crept into our culture that appears to be a conflict between those religious solutions that have been sacred to some and have represented the truth to them, and what science teaches.

[ 5 ] Schon dem Kinde stellen sich solche Fragen in banger Weise entgegen. Es wird in großen religiösen Bildern eingeführt in die Lehren von der Herkunft und der Bestimmung des Menschen, daneben aber nimmt es auch die Lehren der populären Naturwissenschaft in sich auf, es hört von der Entwicklung des Menschen und überhaupt aller Lebewesen durch rein natürliche Kräfte.

[ 5 ] Even children are confronted with such questions in a way that fills them with anxiety. They are introduced to the teachings about the origin and destiny of humankind through grand religious imagery; at the same time, however, they also absorb the teachings of popular science, hearing about the development of humankind and, indeed, of all living beings through purely natural forces.

[ 6 ] Die Folgen, welche für eine junge Seele hieraus erwachsen müssen, können zweierlei Art sein: Entweder stumpft sich bei einem solchen Menschen der Sinn ab für alle höheren Dinge, der Enthusiasmus für die Fragen nach dem Sinn des Lebens und des Daseins schwindet dahin, oder aber er stellt sich ganz auf Seite der Naturwissenschaft und beginnt nun von seinem vermeintlich überlegenen Standpunkte aus, die religiösen Wahrheiten absichtlich mit Füßen zu treten.

[ 6 ] The consequences that must arise from this for a young soul can be of two kinds: Either such a person’s sensitivity to all higher things becomes dulled, and their enthusiasm for questions about the meaning of life and existence fades away, or they align themselves entirely with the natural sciences and, from their supposedly superior vantage point, begin to deliberately trample religious truths underfoot.

[ 7 ] Vielerlei Versuche hat es gegeben, diesen Zwiespalt zu lösen. Fast jeder Tag bringt uns neue Beweise, wie hier und dort die Menschen bestrebt sind, Licht zu bringen in die Rätselfragen des Daseins, wenn auch diese persönlichen Versuche nicht unmittelbar die wissenschaftliche Einsicht fördern.

[ 7 ] There have been many attempts to resolve this conflict. Almost every day brings us new evidence of how, here and there, people are striving to shed light on the enigmas of existence, even if these personal efforts do not directly advance scientific understanding.

[ 8 ] Aber noch ein anderer Lösungsversuch hat sich seit den letzten Jahrzehnten mit immer größerer Macht Geltung verschafft. Obgleich er still und bescheiden in unsere Kultur eingeschlichen ist, hat er doch heute schon Tausenden und Abertausenden von Gemütern Ruhe und Frieden gebracht. Was gerade diesen Lösungsversuch vor allen andern auszeichnet, ist, dass er sich nicht auf die engen Grenzen eines Volkes bloß erstreckt, sondern die Anhänger dieser Lehre sind über die ganze Erde zerstreut, gehören den verschiedensten Nationen und Religionen an.

[ 8 ] But yet another attempt at a solution has gained ground with ever-increasing force over the past few decades. Although it has crept into our culture quietly and modestly, it has already brought peace and tranquility to thousands upon thousands of souls. What distinguishes this particular approach from all others is that it is not limited to the narrow confines of a single people; rather, the followers of this teaching are scattered across the entire earth and belong to a wide variety of nations and religions.

[ 9 ] Dieser Lösungsversuch der Rätselfragen des Daseins ist angestellt worden durch die Geisteswissenschaft. Sie sagt uns: Der Mensch nimmt die Welt der Sinne um uns herum wahr, aber damit hat es noch nicht sein Bewenden, wie dies die materielle Wissenschaft meint, für welche alles, was jenseits der sinnlichen Wahrnehmbarkeit liegt, transzendent ist.

[ 9 ] This attempt to solve the riddles of existence has been undertaken by spiritual science. It tells us: Human beings perceive the sensory world around us, but that is not the end of the matter, as material science believes—for which everything that lies beyond sensory perception is transcendent.

[ 10 ] Für die Geisteswissenschaft ist der Mensch ein Wesen, das in Entwicklung begriffen ist. Das Wort Entwicklung mutet uns so bekannt an; wie sollte es auch nicht, das Zauberwort eines großen Umkreises der Wissenschaften der letzten Zeit. Die Geisteswissenschaft allerdings nimmt dieses Wort noch in einem andern Sinne als die Naturwissenschaft es nimmt. Entwicklung ist für die Geisteswissenschaft eine innere Tat des Menschen. Wir stehen mitten in der Entwicklung drinnen, nicht soll sie uns bloß ein von außen zu Betrachtendes sein.

[ 10 ] For the humanities, human beings are beings in the process of development. The word “development” sounds so familiar to us; and how could it not, given that it has been the magic word of a broad range of recent sciences. The humanities, however, use this word in a different sense than the natural sciences do. For the humanities, development is an inner act of the human being. We are right in the midst of this development; it is not meant to be merely something to be observed from the outside.

[ 11 ] Wenn unsere Sinne Grenzen der Erkenntnis haben, so rührt das davon her, dass wir uns bis zu einem bestimmten Punkt entwickelt haben. Dort, wo wir in unserer Entwicklung stehen, ist für uns die Grenze des Erkennens. Aber wir können uns weiter und höher entwickeln mit dem nötigen Ernst und der erforderlichen inneren Klarheit. Auch unsere Sinne sind nicht ein von Anbeginn an Fertiges; sie sind Produkte langer Entwicklungsperioden. Das Auge, dieses herrlich komplizierte Organ, ist herausgezaubert worden aus dem primitivsten Anfange, ähnlich das Ohr, das vielleicht ursprünglich nichts als ein einfacher statischer Apparat gewesen ist.

[ 11 ] If our senses have limits to our understanding, it is because we have developed only to a certain point. Wherever we stand in our development, that is the limit of our understanding. But we can develop further and higher with the necessary seriousness and the required inner clarity. Nor are our senses something that was complete from the very beginning; they are the products of long periods of development. The eye, this wonderfully complex organ, has been conjured forth from the most primitive beginnings, much like the ear, which may originally have been nothing more than a simple static apparatus.

[ 12 ] Ähnlich können sich wohl in der menschlichen Seele noch Fähigkeiten entwickeln, die uns dann das offenbaren können, was heute noch unter undurchdringlichen Schleiern verborgen liegt. Es mag dieses geistige Sehendwerden für den Menschen dann ein ebenso großes Erlebnis sein wie das physische Sehendwerden für einen Blinden. Für den Blinden gibt es nur eine Welt des Tastsinnes und der Töne um sich herum. Die Welt des Lichtes und der Farben existieren zwar an sich, allein er nimmt nichts davon wahr, daher ist für ihn dies nichts. So ist es auch mit den geistigen Erkenntnisorganen. Wem die Möglichkeit [abgeht], auf jene höhere Art zu erkennen, der nimmt von jenen höheren Welten nichts wahr; er braucht aber deshalb noch nicht zu leugnen, dass es eine Entwicklung und Wiedergeburt der Seele geben kann, sodass man über die Grenzen des gewöhnlichen Verstandes hinausgehen kann und neue Welten um sich herum zu schauen vermag. In diesem Sinne sucht die Geisteswissenschaft die Daseinsfragen und Welträtsel zu lösen.

[ 12 ] Similarly, abilities may well develop within the human soul that can then reveal to us what is still hidden today behind impenetrable veils. For human beings, this spiritual awakening of sight may then be just as profound an experience as the physical regaining of sight is for a blind person. For the blind person, there is only a world of touch and sound around them. The world of light and color does indeed exist in and of itself, but since they perceive nothing of it, it is nothing to them. The same is true of the spiritual organs of perception. Those who lack the ability to perceive in that higher way perceive nothing of those higher worlds; but that does not mean they must deny that there can be a development and rebirth of the soul, enabling one to go beyond the limits of ordinary understanding and perceive new worlds around oneself. In this sense, spiritual science seeks to solve the questions of existence and the mysteries of the world.

[ 13 ] Für manchen scheint das freilich, was die Geisteswissenschaft zu sagen hat, eine Lächerlichkeit zu sein, weil es für ihn, den Unentwickelten, absolut keine überzeugenden Beweise gibt. Allein für den in diesen Dingen drinnen Arbeitenden ist die Sache anders. Es ist übrigens eine bekannte Tatsache, dass viele Dinge, welche nachmals die Menschen tief ergriffen haben, bei ihrem ersten Auftreten Spott und Hohn ernteten.

[ 13 ] To some, of course, what the humanities have to say seems ridiculous, because for them—the undeveloped—there is absolutely no convincing evidence. But for those who are deeply engaged in these matters, the situation is different. Incidentally, it is a well-known fact that many things which later moved people deeply were met with ridicule and scorn when they first appeared.

[ 14 ] Unter solchen Gesichtspunkten nun wollen wir dasjenige große Daseinsrätsel besprechen, das handelt vom Wesen des Menschen, während des Lebens und nach dem Sterben, das also nach dem Schicksal der Seele fragt.

[ 14 ] From this perspective, let us now discuss that great mystery of existence—the nature of human beings, both during life and after death—which thus raises questions about the fate of the soul.

[ 15 ] Für die Geisteswissenschaft gestaltet sich die Erforschung der menschlichen Wesenheit eben viel schwieriger, als dies für die materialistische Wissenschaft für die Erforschung des Menschen ist, den sie bloß kennt. Diese sieht in dem bloß physischen Leib des Menschen sein ganzes Wesen. Für die Geisteswissenschaft hingegen ist diese Leiblichkeit des Menschen bloß ein Teil seiner gesamten Wesenheit. Der physische Leib ist der für unsere Sinne wahrnehmbare Teil des Menschen. Er ist aufgebaut aus dem scheinbar leblosen Stoff aus der Natur um uns herum. Die Geisteswissenschaft kennt jedoch außer diesem physischen Leib noch weitere höhere Glieder der menschlichen Natur.

[ 15 ] For spiritual science, the study of the human being is far more difficult than it is for materialistic science to study the human being, whom it knows only in this way. Materialistic science regards the human being’s purely physical body as his entire being. For spiritual science, on the other hand, this physicality of the human being is merely a part of his total being. The physical body is the part of the human being that is perceptible to our senses. It is composed of the seemingly lifeless matter found in the nature around us. Spiritual science, however, recognizes, in addition to this physical body, other, higher aspects of human nature.

[ 16 ] Von der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts bis ins letzte Drittel hinein galt als Tor, wer von solchen Dingen zu reden sich unterstanden hatte. Heute haben sich jedoch die Meinungen und Anschauungen in dieser Beziehung wieder etwas geändert. Am Anfang des neunzehnten und zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts hat man noch von einer Lebenskraft gesprochen, worunter man etwas ganz anderes verstand als ein nach rein mechanischen Gesetzen Existierendes.

[ 16 ] From the mid-nineteenth century through the last third of that century, anyone who dared to speak of such things was considered a fool. Today, however, opinions and views on this matter have shifted somewhat once again. At the beginning of the nineteenth century and toward the end of the eighteenth, people still spoke of a “vital force,” by which they meant something entirely different from something existing according to purely mechanical laws.

[ 17 ] In der rein materialistischen Theorie indessen meinte man, dass das Leben bloß ein geeignetes Zusammenwirken physischer Kräfte bedeute.

[ 17 ] In purely materialistic theory, however, it was believed that life was merely a suitable interaction of physical forces.

[ 18 ] Heute gibt es wieder manch einen Forscher, der anhand von Tatsachen zur Überzeugung gelangt ist, dass im menschlichen Leben noch anderes vorhanden ist und wirkt als bloß physische Stoffe und Kräfte. In früheren Jahrhunderten und Jahrtausenden sind derlei Dinge durch die Geheimwissenschaften erforscht worden. Über diese Geheimforschungen existiert eine bedeutende Menge Literatur, wo man sich genauer informieren mag.

[ 18 ] Today, there are once again many researchers who, based on facts, have come to the conclusion that there is more to human life—and that it is influenced by more—than mere physical substances and forces. In earlier centuries and millennia, such matters were explored by the occult sciences. There is a significant body of literature on these occult studies, where one can find more detailed information.

[ 19 ] Das zweite Glied der menschlichen Wesenheit heißt Lebens- oder Ätherleib. Man hat darunter nicht etwas wie einen aus jenem hypothetischen physikalischen Äther bestehendes Gebilde zu betrachten, sondern man gewinnt die richtige Anschauung davon durch folgende Betrachtung: Ein Kristall kann in sich selber bestehen durch seine physischen und chemischen Kräfte; einem Lebewesen hingegen genügen diese allein nicht mehr. Sobald das Leben aus ihm gewichen ist, zerfallen die einzelnen Teile des physischen Leibes, weil sie als solche in einer unmöglichen Mischung stehen. Das, was sie nun zusammenhält, ist eben der Lebensleib. Dieser ist der Träger von Wachstum und Fortpflanzung.

[ 19 ] The second component of the human being is called the life body or etheric body. This should not be understood as some kind of structure composed of that hypothetical physical ether; rather, the correct understanding of it is gained through the following consideration: A crystal can exist on its own through its physical and chemical forces; for a living being, however, these alone are no longer sufficient. As soon as life has departed from it, the individual parts of the physical body disintegrate because, as such, they exist in an impossible mixture. What holds them together is precisely the life body. This is the bearer of growth and reproduction.

[ 20 ] Das dritte Glied ist der astralische Leib, der Träger von Lust und Leid, von Freude und Schmerz, von Leidenschaft und Trieb. Er umfasst das niedere Seelenleben des Menschen, auch das niedere Vorstellungsleben des Alltags.

[ 20 ] The third member is the astral body, the vehicle of pleasure and suffering, of joy and pain, of passion and instinct. It encompasses the lower life of the human soul, including the lower imaginative life of everyday existence.

[ 21 ] Als viertes Glied der menschlichen Wesenheit nennen wir das Ich, welches den Menschen von allen andern irdischen Lebewesen unterscheidet. Den Ätherleib hat er mit Pflanzen und Tieren gemeinsam, den Astralleib bloß mit der Tierwelt. Das vierte Glied hingegen hat er, wie gesagt, mit keinem andern Erdenwesen gemein. Tiefer angelegte Naturen haben immer dieses Ich als etwas ganz Besonderes empfunden. «Ich» ist nun ein gar merkwürdiger Name, den man nicht wie irgendeinen andern Namen von einem Gegenstand aussagen könnte, sondern jeder kann nur zu sich selber «Ich» sagen. Dieser Name kann niemals von außen an unser Ohr dringen, wenn er eine Bezeichnung von uns selbst sein soll.

[ 21 ] We call the “I” the fourth member of the human being, which distinguishes humans from all other earthly living beings. Humans share the etheric body with plants and animals, and the astral body only with the animal kingdom. The fourth member, however, as mentioned, is unique to humans and shared by no other earthly being. People of a more profound nature have always perceived this “I” as something quite special. “I” is indeed a most remarkable name—one that cannot be applied to an object like any other name, but rather one that each person can say only to themselves. This name can never reach our ears from the outside if it is to be a designation of ourselves.

[ 22 ] Alle tieferen Religionen, und das sind die, welche auf Geisteswissenschaft fußen, wissen, dass, wenn die Seele jenen Namen «Ich» ausdrückt, dann gleichsam Gott in ihr spricht. Man hat deshalb diesen Namen schon im hebräischen Altertum den unaussprechlichen Namen Gottes genannt, der nur in der innersten Seele ertönen kann. Jean Paul erzählt in seiner Biografie jenen erhabenen Moment seiner eigenen Ich-Geburt; in diesem Moment hat er in das Allerheiligste seines Wesens hineingeblickt.

[ 22 ] All profound religions—and these are the ones based on spiritual science—know that when the soul utters the name “I,” God, as it were, speaks through it. That is why, even in ancient Hebrew times, this name was called the unpronounceable name of God, which can resound only in the innermost soul. In his biography, Jean Paul recounts that sublime moment of the birth of his own “I”; in that moment, he gazed into the innermost sanctum of his being.

[ 23 ] Eine jede okkulte Schule lässt seit dem grauesten Altertum den Menschen mindestens aus diesen vier Gliedern bestehen, welche zusammen wirken und weben. Von diesem Gesichtspunkte aus werden sich uns auch die Fäden ergeben, durch die wir der Lösung des menschlichen Daseinsrätsels näherkommen können.

[ 23 ] Since the earliest antiquity, every occult school has regarded human beings as consisting of at least these four elements, which interact and interweave. From this perspective, we will also discover the threads that can bring us closer to solving the riddle of human existence.

[ 24 ] Erst der kultivierte und hoch stehende Mensch kann sich dieser vier Glieder bewusst werden. Der «Wilde» und der europäische Durchschnittsmensch unterscheiden sich nur dadurch, dass jener den Trieben und Leidenschaften unbedingt folgt, dieser aber weiß dass man ihnen nicht folgen darf. Das Ich hat beim Letzteren begonnen, den Astralleib zu läutern. Hier ist also der astrale Leib gespalten in einen vom Ich beeinflussten Teil und einen, der den Begierden freigegeben ist.

[ 24 ] Only a cultured and elevated person can become aware of these four members. The “savage” and the average European differ only in that the former unconditionally follows his instincts and passions, while the latter knows that one must not follow them. In the latter, the ego has begun to purify the astral body. Here, then, the astral body is divided into a part influenced by the ego and a part that is left to the mercy of desires.

[ 25 ] Aber das Ich arbeitet nicht nur am astralischen Leib, sondern es arbeitet auch am Äther- oder Lebensleib. Alle irdischen, rasch vorüberziehenden Eindrücke sind für die Geistesforschung Veränderungen im Ätherleib. Viel hat derjenige geleistet, welcher tiefgehende und bleibende Veränderungen in seinem Ätherleib zustande gebracht hat, zum Beispiel sein Gedächtnis verbessert. Die großen Impulse des Hineinarbeitens in den Ätherleib sind die künstlerischen und religiösen Vorstellungen; denn sie veredeln am wesentlichsten den Ätherleib. Auf noch höherer Stufe erfolgt sogar eine Umwandlung des physischen Leibes.

[ 25 ] But the “I” does not work only on the astral body; it also works on the etheric or life body. All earthly, fleeting impressions are, from the perspective of spiritual research, changes in the etheric body. A great deal has been accomplished by one who has brought about profound and lasting changes in his etheric body—for example, by improving his memory. The great impulses for working into the etheric body are artistic and religious ideas; for they are what most essentially ennoble the etheric body. At an even higher level, a transformation of the physical body even takes place.

[ 26 ] Die Unterschiede zwischen diesen einzelnen Stufen werden nur erst recht klar, wenn wir Schlaf und Tod betrachten. Ersterer kann als der jüngere Bruder des Letzteren bezeichnet werden.

[ 26 ] The differences between these individual stages become all the more clear when we consider sleep and death. The former can be described as the younger brother of the latter.

[ 27 ] Vorstellung vom Wesen des Schlafes: Während des Schlafes geschehen Veränderungen am menschlichen Wesen. Im Bette liegen vom Schlafenden bloß der physische Leib und der Ätherleib; herausgelockert jedoch sind der Astralleib und das Ich. Triebe, Begierden und Leidenschaften, Gefühle und Empfindungen sinken im Schlafe hinunter in ein unbewusstes Dunkel. Alle Eigenschaften, welche den Ätherleib als Träger haben, sind im menschlichen Schlafe tätig oder doch vorhanden. Wie können wir das Wesen des sterbenden und des gestorbenen Menschen verstehen? Der Unterschied zwischen Schlaf und Tod liegt darin, dass im Schlaf das Ich und der astralische Leib aus dem physischen Körper hinausgehoben werden, während im Tode auch der Ätherleib sich vom physischen Körper trennt, sodass dieser Letztere dann als toter Leichnam zurückbleibt, der chemisch eine unmögliche Mischung darstellt.

[ 27 ] Concept of the Nature of Sleep: During sleep, changes take place within the human being. Only the physical body and the etheric body of the sleeper remain in bed; the astral body and the ego, however, are drawn out. Instincts, desires, and passions, feelings, and sensations sink down into an unconscious darkness during sleep. All qualities that have the etheric body as their vehicle are active—or at least present—during human sleep. How can we understand the nature of the dying and the deceased? The difference between sleep and death lies in the fact that during sleep, the “I” and the astral body are lifted out of the physical body, whereas in death, the etheric body also separates from the physical body, so that the latter remains as a dead corpse, which chemically constitutes an impossible mixture.

[ 28 ] Allerdings kommt es vor, dass kurz nach dem Tode Äther- und physischer Leib noch beisammen bleiben. In solchen Momenten steht das ganze Leben zwischen Geburt und Tod wie ein großes Bild vor dem Bewusstsein.

[ 28 ] However, it does happen that shortly after death, the etheric and physical bodies remain together. In such moments, the entire life between birth and death stands before the consciousness like a great picture.

[ 29 ] Manche Menschen wissen solche Momente ihres Lebens anzugeben, besonders wenn sie einmal in großer Lebensgefahr geschwebt haben. Hier tritt in einem kurzen Moment dasjenige ein, was nach dem Tode für alle Menschen zutrifft. Nur durch den physischen Leib wird die Enge des Bewusstseins gebildet. Der Ätherleib ist der Träger des Gedächtnisses, welches eben im physischen Leib beengt und begrenzt ist. In jenem Augenblick indessen gelangt das Gedächtnis zu wunderbarer Ausdehnung.

[ 29 ] Some people can describe such moments in their lives, especially if they have once been in grave danger. In that brief moment, what applies to all human beings after death occurs. It is only through the physical body that the narrowness of consciousness is formed. The etheric body is the bearer of memory, which is precisely confined and limited within the physical body. At that moment, however, memory attains a wondrous expansion.

[ 30 ] Der Ätherleib löst sich dann beim allmählichen Absterben wie ein zweiter Leichnam vom physischen Körper ab, um sich nach einiger Zeit in seiner Sphäre gänzlich aufzulösen. Dabei bleibt aber im Menschen die Essenz seines Lebens übrig. Diese wirkt und lebt in ihm und besteht aus jenem Gedächtnis-Tableau des Lebens. Er nimmt dies mit auf seiner Wanderung nach dem Leben. Dann tritt zugleich auch der Moment ein, wo sich diejenigen Teile des astralischen Leibes auflösen, welche nicht vom Ich bearbeitet worden sind.

[ 30 ] As death gradually sets in, the etheric body separates from the physical body like a second corpse, only to dissolve completely in its own sphere after some time. However, the essence of a person’s life remains within them. This essence continues to act and live within them and consists of that tableau of life’s memories. They take this with them on their journey beyond this life. At the same time, the moment arrives when those parts of the astral body that have not been worked upon by the “I” dissolve.

[ 31 ] Nun kommt eine Tatsache, die ebenso gut logisch bewiesen werden kann wie irgendein biologisches Gesetz, aber von wenigen wird sie richtig und gründlich durchdacht, nämlich die menschliche unsterbliche Individualität, bestehend aus Ich und Lebensessenz, findet eine neue Möglichkeit, in dieses irdische Leben einzutreten. Die Geistesforschung aller Zeiten und auch die heutige Theosophie lehren die Reinkarnation.

[ 31 ] Now here is a fact that can be proven logically just as well as any biological law, yet few people think it through correctly and thoroughly: namely, that the human immortal individuality—consisting of the “I” and the life essence—finds a new way to enter this earthly life. Spiritual research throughout history, as well as modern theosophy, teaches reincarnation.

[ 32 ] Das, was heute als Wesenskern im Menschen lebt, war schon öfters auf Erden da und wird wieder- und immer wiederkehren, natürlich nicht immer in derselben äußerlichen Form.

[ 32 ] What lives today as the essence of the human being has been present on Earth many times before and will return again and again—though, of course, not always in the same outward form.

[ 33 ] Jeder Mensch hat die Möglichkeit und die Kraft, sich durch Arbeit seines Ich höher zu entwickeln. Dadurch erfolgen eine Veredlung des Ätherleibes und eine Vergrößerung der Lebensessenz als Fähigkeiten und angeborene Eigenschaften. Je öfter der Mensch durch ein solches Leben hindurchgegangen ist und je besser er ein solches Leben angewendet hat, desto edler werden seine Kräfte und sein Streben.

[ 33 ] Every person has the opportunity and the power to develop themselves to a higher level through the work of their “I.” This results in the refinement of the etheric body and an increase in the life essence, manifesting as abilities and innate qualities. The more often a person has lived such a life and the better they have applied it, the more noble their powers and their aspirations become.

[ 34 ] Die Geisteswissenschaft führt den Menschen über den geistigen Aberglauben hinaus, während jegliche materialistische Wissenschaft eher zum Aberglauben führt, weil sie bestrebt ist, das Unvollkommene aus dem Unvollkommenen zu erklären. Mehr und mehr sollen wir danach trachten, möglichst viel Unvergängliches mit ins überphysische Reich hinüberzunehmen.

[ 34 ] Spiritual science leads humanity beyond spiritual superstition, whereas any materialistic science tends to lead to superstition because it strives to explain the imperfect through the imperfect. We should strive more and more to carry as much of the imperishable as possible with us into the supraphysical realm.

[ 35 ] Der Ichkern geht durch viele Leben des Menschen hindurch und steigt immer höher hinan zu Gott. Ursprünglich stammt die Seele auch aus der Göttlichkeit. Vergleich mit der Biene, die mit Honig beladen in den Bienenkorb zurückkehrt: [Die alte griechische Weisheit sagt mit Bezug hierauf, die menschliche Seele gleicht einer Biene, die ausfliegt, um Honig zu sammeln. Sie fliegt aus dem Schoße der Gottheit und sammelt im Leben den Honig der Erfahrung, den sie wieder zur Gottheit trägt.] In früheren Daseinszuständen liegen also die Ursachen der jetzigen Art unseres Daseins. So gibt es schließlich kein Leid, das nicht karmisch ausgeglichen würde vor Abschluss des letzten Lebens.

[ 35 ] The core of the self passes through many human lives and ascends ever higher toward God. Originally, the soul also originates from the Divine. A comparison with the bee, which returns to the hive laden with honey: [Ancient Greek wisdom says in this regard that the human soul is like a bee that flies out to gather honey. It flies out from the bosom of the Divine and gathers the honey of experience throughout life, which it carries back to the Divine.] Thus, the causes of our present way of being lie in earlier states of existence. Ultimately, there is no suffering that is not karmically balanced before the end of the last life.

[ 36 ] Aus solchen Gesichtspunkten heraus erwächst Kraft und Trost für das Leben! So kann man Schmerzen ertragen, weil man das Bewusstsein hat, dass doch ein Ausgleich stattfindet, früher oder später. Die Taten weiß man nun nicht fruchtlos, sondern sie haben alle ihre Wichtigkeit und Bedeutung.

[ 36 ] From such perspectives, strength and comfort for life arise! This is how one can endure pain, because one is aware that balance will be restored, sooner or later. One no longer sees one’s actions as fruitless; rather, they all have their own importance and meaning.

[ 37 ] Karma heißen die in feste Eigenschaften verwandelten Tätigkeiten. Dieses Gesetz waltet in der ganzen Natur.

[ 37 ] Karma refers to actions that have been transformed into fixed characteristics. This law prevails throughout all of nature.

[ 38 ] Aus solchen Perspektiven heraus enthüllen sich die Daseinsrätsel. Die Lösungen sind zugleich Antworten für das Gemüt. So empfinden wir die großen Wahrheiten, welche uns vom Vergänglichen hinüberführen ins Unvergängliche, ins Unsterbliche!

[ 38 ] It is from such perspectives that the mysteries of existence are revealed. The solutions are, at the same time, answers for the soul. Thus we perceive the great truths that lead us from the transitory to the eternal, to the immortal!