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The Rudolf Steiner Archive

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The Essence of Anthroposophy
within the World Of Sense, Soul And Spirit
GA 68b

7 November 1908, Munich

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The Circular Flow of Man's Life, tr. SOL
  1. Der Kreislauf des Menschen

46. Hellsehen und Phantasie

46. Clairvoyance and Imagination

[ 1 ] [Meine sehr verehrten Anwesenden!] Während ihres schönen, für das neuere Geistesleben so bedeutsamen Freundschaftsbundes tauschten Goethe und Schiller die Werke, die sie in der Zeit dieser ihrer Freundschaft arbeiteten, aus, und als Schiller von Goethe einige Teile des «Wilhelm Meister» erhielt, da schrieb er ihm merkwürdige, man möchte sagen, zunächst sonderbare Worte. Überwältigt von dem Eindruck des Kapitels, das er damals erhielt, schrieb er:

[ 1 ] [My esteemed audience!] During their beautiful friendship—one so significant for modern intellectual life—Goethe and Schiller exchanged the works they produced during the course of their friendship, and when Schiller received several sections of *Wilhelm Meister* from Goethe, he wrote him remarkable—one might even say, at first glance, peculiar—words. Overwhelmed by the impression made by the chapter he received at that time, he wrote:

Der Dichter ist der einzig wahre Mensch, und der beste
Philosoph ist nur eine Karikatur gegen ihn.

The poet is the only true human being, and the best
philosopher is merely a caricature of him.

[ 2 ] Sonderbar erscheinen diese Worte, aber man wird sie nicht mehr so sonderbar finden, wenn man ein wenig eindringt in Schillers Seele und erforscht, wie er eigentlich diesen Ausspruch gemeint hat. Man wird Aufschluss darüber erlangen, wenn man diese Worte mit dem Inhalt jenes berühmten Briefes vergleicht, den Schiller, kurz nachdem die beiden ihre Freundschaft geschlossen hatten, an Goethe schrieb, jenes Briefes, der ja schon häufig von mir erwähnt worden ist. Da schrieb Schiller:

[ 2 ] These words may seem strange, but they will no longer seem so strange once one delves a little into Schiller’s soul and explores what he actually meant by this statement. One will gain insight into this by comparing these words with the content of that famous letter Schiller wrote to Goethe shortly after the two had become friends—the letter I have, in fact, mentioned many times before. In it, Schiller wrote:

Lange schon habe ich, [obgleich aus ziemlicher Ferne, dem Gang Ihres Geistes zugesehen und den Weg, den Sie sich vorgezeichnet haben, mit immer erneuter Bewunderung bemerkt. ...]

For a long time now, [albeit from a considerable distance], I have been observing the course of your mind and noting the path you have charted for yourself with ever-renewed admiration. ...]

[ 3 ] Und nun verbreitet er sich über die Art und Weise, wie Goethe die Welt ansieht. Er sagt, dass Goethe seinen Blick frei und offen und objektiv über die Dinge der Welt richtet und dass er versucht, eine Anschauung nicht auf spekulativem Wege zu gewinnen, sondern indem er in der Allheit der Erscheinungen der Welt das Notwendige sucht. Ein «heldenmütiges» Unternehmen nennt es Schiller. Und dann erklärt er in seiner Art, warum er dieses Unternehmen so heldenmäßig findet, und da sagt er dann: Alle Ihre Kräfte, Ihre Geisteskräfte wirken harmonisch zusammen und richten sich zuletzt nach der Vereinigerin von allen Geisteskräften in Ihrer Seele, nach der Imagination.

[ 3 ] And now he goes on to discuss the way Goethe views the world. He says that Goethe casts his gaze freely, openly, and objectively upon the things of the world, and that he seeks to gain insight not through speculation, but by searching for the essential within the totality of the world’s phenomena. Schiller calls it a “heroic” undertaking. And then, in his own way, he explains why he finds this undertaking so heroic, saying: All your powers, your mental faculties, work together harmoniously and ultimately align themselves with the unifier of all mental faculties in your soul—the imagination.

[ 4 ] Also wir sehen daraus, dass Schiller in Goethes Art, die Welt anzusehen, und zwar auch in der Seelentätigkeit Goethes, aus der seine künstlerischen Werke ausgeflossen sind, dass er darin etwas sieht, was den Menschen ganz besonders tief hineinführen kann in die Geheimnisse des Daseins. Schiller sieht also in der Eigenart, wie Goethe seine Imagination, seine Phantasie ausgebildet hat, etwas Besonderes, und wenn man prüft, was da eigentlich spielte an Gedanken und Meinungen zwischen Goethe und Schiller, so findet man, dass Schiller in der Anschauung des höchsten Geistigen ein bedeutungsvoller Begriff von der Phantasie aufgegangen ist, und zwar das, was man nennen könnte die «innere Wahrheit der Phantasie».

[ 4 ] So we see from this that Schiller recognizes in Goethe’s way of viewing the world—and indeed in the inner workings of Goethe’s soul, from which his artistic works sprang—something that can lead human beings particularly deeply into the mysteries of existence. Schiller thus sees something special in the unique way Goethe developed his imagination and his fantasy, and when one examines the actual exchange of thoughts and opinions between Goethe and Schiller, one finds that Schiller, in his conception of the highest spiritual realm, arrived at a significant concept of fantasy—namely, what one might call the “inner truth of fantasy.”

[ 5 ] Schiller trachtete ja danach — und das ist wiederum aus seinen Briefen zu ersehen —, zu erkennen, wie der Mensch durch Entwicklung hinkommen könne zum vollen Menschen. In jeder Menschennatur erblickte er einen höheren Menschen, einen repräsentativen Menschen, dem der gewöhnliche Alltagsmensch sich immer mehr nähern muss. In Goethes Art, in der Phantasie die Geisteskräfte zusammenwirken zu lassen, von der Phantasie ausstrahlen zu lassen, was jeder anderen Seelenkraft ihren Platz anweist — in dieser Art von Seelentätigkeit fand Schiller etwas, was den Menschen zum Vollmenschen macht, was ihn am besten dahin bringt, sich zu vereinigen mit den Urgründen der Welt, woraus der Mensch und die Dinge geflossen sind.

[ 5 ] Schiller sought—and this, too, can be seen in his letters—to understand how human beings could, through development, become fully human. In every human nature, he saw a higher human being, a representative human being, toward whom the ordinary, everyday person must continually strive to draw nearer. In Goethe’s way of allowing the spiritual powers to interact within the imagination, of letting the imagination radiate what assigns each other power of the soul its proper place—in this kind of soul activity, Schiller found something that makes a person a fully realized human being, something that best leads them to unite with the primordial sources of the world from which human beings and things have flowed.

[ 6 ] Wenn man so unsere großen Geister über Phantasie reden hört, so nimmt sich das etwas anders aus, als wenn, nicht nur im Alltagsleben, sondern auch in vielen heute der Wissenschaft nahestehenden oder sogar ergebenen Kreisen, von der Phantasie geredet wird. Man stellt heute die Phantasie in einen solchen Gegensatz zu dem objektiven Wahrheitsstreben, als ob sie jenen Seelenfähigkeiten, die zur Erforschung des Wahren führen, direkt entgegengesetzt wäre, als wenn sie nur dazu diente, die Dinge in beliebiger Weise zu kombinieren. Wenn wir uns zu einem Verständnis Goethes durchringen und überzeugt sind, dass Goethe in diesen Dingen Fachmann war, so hat vielleicht ein Goethe’sches Wort für uns einen aufklärenden Wert, das Wort:

[ 6 ] When one hears our great minds speak of imagination in this way, it strikes one as somewhat different from the way imagination is discussed—not only in everyday life, but also in many circles today that are close to or even devoted to science. Today, imagination is set in such stark contrast to the objective pursuit of truth that it seems as if it were directly opposed to those faculties of the soul that lead to the exploration of truth—as if its sole purpose were to combine things in any arbitrary way. If we bring ourselves to understand Goethe and are convinced that he was an expert in these matters, then perhaps a quote from Goethe may offer us some insight: “/p”

Der Mensch strebt danach, die Geheimnisse der Natur zu ergründen, und er sehnt sich nach ihrer würdigsten Auslegerin, der Kunst.

Humans strive to unravel the mysteries of nature, and they yearn for its most worthy interpreter: art.

[ 7 ] Ja, Goethe spricht das Schöne, das heißt die Hervorbringungen der Phantasie, den Inhalt des künstlerischen Schaffens so an, dass er sagt: Die Kunst, das Schöne, also die Kinder der Phantasie, sind eine Manifestation geheimer Naturgesetze, die ohne ihre Tätigkeit nie ergründet werden könnten.

[ 7 ] Yes, Goethe speaks of beauty—that is, the products of the imagination, the substance of artistic creation—in such a way that he says: Art and beauty, the children of the imagination, are a manifestation of secret laws of nature that could never be fathomed without their activity.

[ 8 ] Nun müssen wir allerdings dem Alltagsverstand recht geben, der die Phantasie als ein Kombinationsvermögen bezeichnet, das nach der Lust der Seele arbeitet, also aus Gefallen und anderen Impulsen heraus, die im objektiven Sinne nichts mit der Erkenntnis zu tun haben. Wir müssen zugestehen, dass Phantasie in vieler Beziehung den Menschen hinwegführt von der Wahrheit. Wohin käme man, wenn man zugeben wollte, dass die Phantasie eine Rolle in den äußeren wissenschaftlichen Erforschungen spielt? Zwar wird niemand leugnen, dass die Phantasie im wissenschaftlichen Forschen eine vorläufige Rolle spielen darf. Derjenige, der mit kombinierender Phantasie zu arbeiten vermag, der ist imstande, verborgene Zusammenhänge zu erkennen, die der andere nicht sieht, der im Laboratorium oder im physikalischen Kabinett arbeitet und Erfahrung an Erfahrung gliedert. Aber man wird natürlich durchaus zugeben müssen, dass für gewisse Gebiete des Forschens, des Lebens, es absolut notwendig ist, dass, wenn jemand durch seine Phantasie solche Kombinationen macht, er durch die Erfahrung das, was er kombiniert hat, in streng äußerlichen Beweisen belegt. So kann die Phantasie zwar eine Führerin sein zu diesem oder jenem Zusammenhang, aber sie muss bewahrheitet werden durch die Mittel der äußeren, objektiven Forschung; das wollen wir zugestehen.

[ 8 ] Now, however, we must agree with common sense, which defines imagination as a capacity for combination that operates according to the whims of the soul—that is, out of pleasure and other impulses that, in an objective sense, have nothing to do with knowledge. We must admit that, in many respects, imagination leads people astray from the truth. Where would we end up if we were to admit that imagination plays a role in external scientific research? Admittedly, no one will deny that imagination may play a preliminary role in scientific research. Those who are able to work with a combinatory imagination are capable of recognizing hidden connections that others do not see—those who work in the laboratory or in the physics laboratory and systematically organize one experiment after another. But of course one must admit that in certain areas of research and of life, it is absolutely necessary that, when someone makes such combinations through his imagination, he substantiate what he has combined with strictly external evidence through experience. Thus, while the imagination can indeed serve as a guide to this or that connection, it must be verified by the means of external, objective research; we are willing to concede that.

[ 9 ] Dennoch weist uns ein solches Wort wie das von Goethe — oder eine solche Stellung zur Sache wie die von Schiller — darauf hin, dass Goethe in den Werken der Phantasie, in der schöpferischen Betätigung der Phantasie etwas sieht, was auch einen Wahrheitsgehalt darbietet, im Gegensatz zu dem willkürlichen, fessellosen Spiel, das wir vielleicht besser als ein phantastisches Spiel der Vorstellungen bezeichnen. Derjenige aber, das werden Sie leicht zugeben können, welcher also von der Phantasie spricht, dass sie irgendetwas enthält von Wahrheit, der kann nicht davon sprechen, dass er durch die Außenwelt zur Anerkennung dieses Wahrheitsgehaltes gezwungen wird.

[ 9 ] Nevertheless, a statement such as Goethe’s—or an attitude toward the matter such as Schiller’s—points out to us that Goethe sees in the works of the imagination, in the creative activity of the imagination, something that also offers a measure of truth, in contrast to the arbitrary, unrestrained play that we might better describe as a fantastical play of ideas. But anyone—as you will readily admit—who speaks of the imagination as containing something of the truth cannot claim to be compelled by the external world to acknowledge this element of truth.

[ 10 ] Wenn wir Tatsache an Tatsache reihen und die Gesetze zu ergründen suchen, dann zwingen uns die Beobachtungsresultate zu unserem Urteil. Wenn wir die Phantasie sprechen lassen, dann besteht ein solcher äußerer Zwang nicht. Dasjenige, was der Phantasie zugrunde liegt, was die Phantasie hervorbringt, wäre also doch etwas, was als Wahrheit die Phantasie durchzieht. Es müsste demnach eine innere Gesetzmäßigkeit wiederum so walten, dass gewisse Gedanken, die durch die Phantasie zusammengebracht werden, als wirklich vor einem höheren Forum erscheinen, dass gewisse Schlüsse der Phantasie durch eine innere Notwendigkeit einen Ausdruck von Wahrheit darbieten.

[ 10 ] When we string facts together and seek to fathom the laws, the results of our observations compel us to reach a conclusion. When we give free rein to our imagination, however, no such external compulsion exists. That which underlies the imagination—that which gives rise to it—would therefore be something that permeates the imagination as truth. Consequently, an inner regularity must be at work in such a way that certain thoughts, brought together by the imagination, appear as real before a higher authority, and that certain conclusions of the imagination, through an inner necessity, present an expression of truth.

[ 11 ] Also es müsste in der schöpferischen Phantasietätigkeit, wenn sie wahrhafte Berechtigung haben soll, etwas wirksam sein, was wie ein innerer Führer des Menschen ihn in seinem phantasievollen Schaffen leitet, was ihn nicht beliebig nach Lust und Freude durch Gedanken befruchten lässt, sondern was ihn dazu führt, dass er mit sicherer innerer Richtung Gedanken an Gedanken reiht und dadurch etwas erhält, was in gewisser Beziehung Ausdruck der Wahrheit ist.

[ 11 ] So, if creative imagination is to have any true justification, there must be something at work—something that, like an inner guide, directs a person in their imaginative creation; something that does not allow them to let their thoughts run wild at will, but rather leads them to string thought upon thought with a sure inner direction, thereby producing something that, in a certain sense, is an expression of truth.

[ 12 ] Wenn wir so einen wahren, großen Dichter von der Phantasie als einer Enträtslerin innerer Wahrheiten reden hören, dann ist es wohl gestattet, diese schöpferische Seelentätigkeit, diese Phantasie, zu messen an derjenigen Seelentätigkeit, an der Seelenfähigkeit, welche geeignet ist, im Sinne der Geisteswissenschaft oder Theosophie hineinzuführen in die Untergründe des Daseins.

[ 12 ] When we hear such a true, great poet speak of the imagination as a key to inner truths, then it is surely permissible to measure this creative activity of the soul—this imagination—against that activity of the soul, that capacity of the soul, which is capable of leading us, in the sense of spiritual science or theosophy, into the depths of existence.

[ 13 ] Wir haben im Laufe der Jahre mancherlei über diese Geisteswelt, die der sinnlichen zugrunde liegt, gesprochen. Die Methoden, die zu den Ergebnissen, die wir so oft besprochen haben, führen, diese Methoden sind — so furchtbar auch das Wort für manche moderne Menschen klingen mag —, sind die sogenannten hellseherischen Methoden. Mitteilungen über Tatsachen und Wesenheiten der geistigen Welt bietet die Geisteswissenschaft, und gefunden werden diese Tatsachen und Wesenheiten auf dem Wege des Hellsehens. Es wird hier nicht meine Aufgabe sein, gewisse niedere Formen des Hellsehens zu besprechen — sie können höchstens gestreift werden —, denn diese niederen Formen können niemals zu irgendwie wirklichen Ergebnissen der Geisteswissenschaft führen. Dagegen wird es meine Aufgabe sein, nach Maßgabe der uns zugemessenen Zeit zu besprechen die Methode und die Tragweite des sogenannten höheren, des durch echte, wirklich sachgemäße Schulung errungenen Hellsehens.

[ 13 ] Over the years, we have spoken at length about this spiritual world that underlies the sensory world. The methods that lead to the findings we have so often discussed—as frightening as the word may sound to some modern people—are the so-called clairvoyant methods. Spiritual science provides insights into the facts and beings of the spiritual world, and these facts and beings are discovered through clairvoyance. It will not be my task here to discuss certain lower forms of clairvoyance—they can at most be touched upon briefly—for these lower forms can never lead to any truly meaningful results in spiritual science. On the other hand, it will be my task, within the time allotted to us, to discuss the method and scope of so-called higher clairvoyance—that which is attained through genuine, truly proper training.

[ 14 ] Hellsehen kennt ja mancher Mensch der Gegenwart nur in der Form des sogenannten niederen Hellsehens, da, wo es uns entgegentritt wie eine zufällige Gabe oder Krankheit, im Somnambulismus und anderen Formen. Da gibt es Zustände in der menschlichen Natur, durch die der Mensch nicht in der gewöhnlichen Weise sich zu seiner Umwelt verhält, sondern in denen er sein Seelenleben ausgefüllt hat, sagen wir, von Bildern einer anderen Welt. Der Somnambule ist für die Außenwelt in einer Art von Schlaf. Dieser Schlaf ist vielleicht in einem so geringen Grad vorhanden, dass der Laie immer wiederum erwidert: Ja, das ist ja ein vollständig Wacher, der nur in seinem wachen Zustande anders sieht als der gewöhnliche Mensch. - Und ein solcher Mensch, der so anders sieht, wird ein Hellseher genannt. Wenn er in diesem mehr oder weniger schlafähnlichen Zustande Bilder wahrnimmt, so bilden diese Bilder an Inhalt zum Teil Absonderliches, zum Teil recht Sinnvolles. Er kann diese Bilder mitteilen, kann in der verschiedensten Weise die Umwelt in Erstaunen setzen über Dinge, die er sieht. Er weiß in diesem somnambulen Zustande selbst durch Vorhersage gewisse Dinge, die dann trotz aller Gegenrede eintreffen. Ein solcher [somnambuler Mensch], der sein äußeres Tagesbewusstsein herabgestimmt hat, kann Aussagen machen über gewisse Zustände, die ihm bevorstehen, die staunenswert erscheinen. Ein solcher Kranker weiß genau anzugeben, was ihm helfen kann, wie er zu behandeln ist. In solchen Zuständen dringt ja die Menschenseele in der Tat durch die Hülle der äußeren Sinneswelt hindurch und hat eine andere Welt vor sich. Das ist durchaus nicht abzuleugnen, und wer es leugnet, der hat eben keine Forschung auf diesem Gebiet angestellt.

[ 14 ] Many people today are familiar with clairvoyance only in the form of so-called “lower clairvoyance”—where it appears to us as a chance gift or illness, in somnambulism, and in other forms. There are states in human nature in which a person does not relate to their environment in the usual way, but in which their inner life is filled, so to speak, with images from another world. To the outside world, the somnambulist is in a kind of sleep. This sleep may be present to such a slight degree that the layperson always responds: “Yes, but this is a fully awake person who simply perceives things differently in their waking state than the average person.” —And such a person, who perceives things so differently, is called a clairvoyant. When they perceive images in this more or less sleep-like state, the content of these images is partly strange and partly quite meaningful. He can communicate these images and, in a wide variety of ways, astonish those around him with the things he sees. In this somnambulistic state, he even knows through prophecy certain things that then come to pass despite all objections. Such a [somnambulist], who has subdued his outer daytime consciousness, can make statements about certain conditions that lie ahead for him, which seem astonishing. Such a patient can specify exactly what can help him and how he should be treated. In such states, the human soul does indeed penetrate through the shell of the external sensory world and finds another world before it. This cannot be denied at all, and anyone who denies it has simply not conducted any research in this field.

[ 15 ] Aber alle diese Formen sind es nicht, die uns eigentlich interessieren. Das, was durch solch niederes Hellsehen gewonnen wird, das kann nicht Gegenstand der Geisteswissenschaft sein, von der wir hier reden. Gegenstand dieser Geisteswissenschaft ist allein das, was auf dem Wege des geschulten Hellsehens gewonnen wird, desjenigen Hellsehens, das sich der Mensch erworben hat in vollständig bewusster Anwendung der Methoden, die ihm aus den entsprechenden Schulen gegeben werden. Jeden Schritt macht der angehende Hellseher mit strenger Kontrolle seiner selbst, vollständig bewusst, geradeso, wie sich die anderen Menschen in Bezug auf die äußere Welt verhalten, die sie mit den Sinnen wahrnehmen. Die Frage ist nur jetzt diese: Wie haben wir uns das Werden eines solchen Hellsehers vorzustellen?

[ 15 ] But it is not all of these forms that actually interest us. What is gained through such lower forms of clairvoyance cannot be the subject of the spiritual science of which we are speaking here. The subject of this spiritual science is solely that which is gained through trained clairvoyance—the kind of clairvoyance that a person has acquired through the fully conscious application of the methods taught to them by the relevant schools. The aspiring clairvoyant takes every step with strict self-control, fully consciously, just as other people behave in relation to the external world they perceive with their senses. The question now is simply this: How are we to conceive of the development of such a clairvoyant?

[ 16 ] Wenn wir sein Wesen definieren wollen, so können wir sagen: Es lässt sich in Bezug auf wissenschaftliche Methodik mit dem vergleichen, was wir äußere Forschung im heutigen Sinne des Wortes nennen. Der Forscher macht sich allerlei Instrumente und Werkzeuge, durch die er das, was innerhalb der Sinneswelt zu erforschen ist, erforscht. Er erfindet sich wissenschaftliche Methoden, durch die er in systematischer Art die Dinge so erschauen kann, dass sie ihm sozusagen ihre Geheimnisse offenbaren. So umgibt sich der wissenschaftliche Forscher mit Instrumenten, so stattet er sich aus mit Methoden, die es ihm möglich machen, die Dinge so anzuordnen, dass sie ihm etwas sagen. Auch der Geistesforscher arbeitet mit seinem Instrument, mit einem sehr komplizierten sogar, und er kann nichts erforschen ohne dieses Instrument. Welches ist dieses Instrument?

[ 16 ] If we wish to define its nature, we can say: In terms of scientific methodology, it can be compared to what we call “external research” in the modern sense of the word. The researcher creates all kinds of instruments and tools through which he investigates what is to be explored within the sensory world. He devises scientific methods through which he can systematically perceive things in such a way that they, so to speak, reveal their secrets to him. Thus, the scientific researcher surrounds himself with instruments and equips himself with methods that enable him to arrange things in such a way that they reveal something to him. The spiritual researcher, too, works with his instrument—a very complex one, in fact—and he cannot investigate anything without this instrument. What is this instrument?

[ 17 ] Das ist er selbst. Aber es ist nicht er selbst in dem Zustande, wie die Seele im Alltagsleben steht. Es ist der Mensch erst dann dieses Instrument, wenn er durch die Methoden, die man ihm an die Hand geben kann, sein ganzes Erkenntnisvermögen, seine Seelenkonstitution so umgestaltet hat, dass er sich andere, allerdings jetzt geistige Organe angeeignet hat. Er muss den Moment erlebt haben, wo er sich aus eigener Erfahrung heraus sagen kann: Nun gewiss, jeder vernünftige Mensch sagt sich, es kann nicht so sein, dass sich das, was uns umgibt, durch die Werkzeuge unserer fünf Sinne erschöpft, denn hat jemand einen dieser Sinne nicht, fehlt ihm die Möglichkeit, mit sehenden Augen zu schauen, so ist [für ihn] die Lichtwelt nicht da. Sie ist da, wenn das Organ da ist. Mit jedem neuen Organ bietet sich ein neuer Inhalt der Außenwelt, daher dürfen wir nicht die Wirklichkeit begrenzen. Es müssen also oder können um uns herum verborgene, unsichtbare übersinnliche Welten sein, und insofern man dies in dieser vorsichtigen Weise ausspricht, «sie können da sein», ist logisch nichts dagegen einzuwenden.

[ 17 ] That is himself. But it is not himself in the state in which the soul finds itself in everyday life. A person becomes this instrument only when, through the methods that can be provided to him, he has transformed his entire capacity for knowledge and the constitution of his soul to such an extent that he has acquired other—albeit now spiritual—organs. He must have experienced the moment when, based on his own experience, he can say to himself: “Certainly, every reasonable person tells themselves that it cannot be the case that what surrounds us is limited to what we perceive through the instruments of our five senses; for if someone lacks one of these senses, they lack the ability to see with seeing eyes, and so the world of light does not exist [for them]. It exists when the organ is present.” With every new organ comes a new aspect of the external world; therefore, we must not limit reality. There must therefore—or can—be hidden, invisible, supersensory worlds around us, and insofar as one expresses this in this cautious manner—“they may exist”—there is logically nothing to object to.

[ 18 ] Derjenige, der im eben charakterisierten Sinne Hellseher wird, der bildet sich so um, dass diese verborgene Welt für ihn ebenso wahrnehmbar wird wie für die gewöhnlichen Augen die Licht- und Farbenwelt. Und so wie für den operierten Blindgeborenen eine neue Welt hereinbricht, die Licht- und Farbenwelt, so strömt auf den also erweckten Hellseher aus seiner Umgebung eine neue Welt herein, die dann seine Beobachtungswelt ist. Aber man darf nicht glauben, dass dies durch irgendwelche Mittel erreicht wird, die etwa als abergläubige oder als vorurteilsvolle zu bezeichnen wären. In strenger Umgestaltung des menschlichen Erkenntnisvermögens zu einem Instrument der höheren Wahrnehmung wird das vollzogen. Natürlich kann ich nur allgemein andeuten, wie das geschieht. Aber wir wollen doch auch zu solchen, sozusagen höheren Kapiteln gehen, auch in öffentlichen Vorträgen, und wenigstens skizzenhaft andeuten, wie geforscht wird.

[ 18 ] The person who becomes a clairvoyant in the sense just described transforms himself in such a way that this hidden world becomes just as perceptible to him as the world of light and color is to ordinary eyes. And just as a new world—the world of light and color—opens up for someone born blind who has undergone surgery, so too does a new world pour in from the surroundings of the clairvoyant who has been awakened in this way; this then becomes his world of observation. But one must not believe that this is achieved through any means that could be described as superstitious or prejudiced. This is accomplished through a radical transformation of the human faculty of cognition into an instrument of higher perception. Of course, I can only hint at this in general terms. But let us also turn to such—so to speak—higher chapters, even in public lectures, and at least sketch out how this research is conducted.

[ 19 ] Der Mensch, wenn er die umliegende Welt wahrnimmt, wird am treuesten dieser umliegenden Welt gegenüber sein, wenn er sich von ihr das, was sie ihm zu sagen hat, möglichst ohne die Einmischung der Willkür sagen lässt. Daher sehen wir den Forscher mit Recht bestrebt, und sorgsam bestrebt, dass nichts von subjektiver Willkür irgendwelcher Art eingemischt wird in das, was er als Resultat erstrebt, dass alles die Dinge selbst diktieren, dass der Mensch durch seine Methoden der Natur nur die Gelegenheit gibt, sich auszusprechen. Je weniger Willkür wir dabei anwenden, desto besser ist es. Aber der Mensch kann ja nicht umhin, über die Dinge der Außenwelt nachzudenken, und eine leichte Erwägung wird Ihnen sagen können, dass Sie aus der Außenwelt, aus der Beobachtung Ihre Wahrnehmung, Ihre Sinnesempfindung gewinnen, dass Sie die einzelnen Dinge des äußeren Lebens hereinströmen lassen; aber Sie werden auch verstehen, dass das, was man Begriff nennt, nicht aus der Außenwelt in uns hereinströmt. Schon eine äußerliche Tatsache kann Ihnen den Beweis dafür liefern, dass der Mensch da, wo er die Außenwelt erforscht, ihr eigentlich aus seinem Innern die Begriffe entgegenbringt; und gerade das moderne Denken wird das zugeben müssen. Richtet dieses Denken sich zurück um ein paar Jahrtausende und betrachtet es die Begriffe über den Bau unseres Sternensystems, so muss es sich sagen: Wenn das Auge hinaufgesehen hat, da hat die äußere Wahrnehmung dasselbe gesehen, was Kopernikus, Galilei gesehen haben; die Gesetze aber, die darin walten, die Begriffe und Ideen über das Weltgebäude, die sind erst im Laufe der Zeit errungen worden. Wodurch ist zum Beispiel Kopernikus zu seiner Anschauung über den Sternenhimmel gekommen? Dadurch, dass er dasselbe Beobachtungsmaterial, das auch seinen Vorfahren vorgelegen hat, anders kombinierte, dass er den Geist, die in ihm waltende Begriffswelt, in anderer Weise angewendet hat als seine Vorfahren. Durch das, was er hinzugetragen hat zur Beobachtung, hat er das Wesentliche für unser Jahrhundert gesehen.

[ 19 ] When a person perceives the surrounding world, he will be most faithful to that world if he allows it to tell him what it has to say, as far as possible without the interference of arbitrariness. That is why we rightly see the researcher striving—and striving diligently—to ensure that no subjective arbitrariness of any kind is introduced into the results he seeks, that everything is dictated by the things themselves, and that, through his methods, he merely gives nature the opportunity to express itself. The less arbitrariness we apply in this process, the better. But human beings cannot help but reflect on the things of the external world, and a moment’s consideration will show you that you derive your perceptions and sensory experiences from the external world—from observation—and that you allow the individual elements of external life to flow into you; yet you will also understand that what is called a concept does not flow into us from the external world. Even a single external fact can provide proof that, when a person explores the external world, they are actually bringing concepts from within themselves to meet it; and modern thinking, in particular, will have to admit this. If this thinking looks back a few millennia and considers the concepts regarding the structure of our solar system, it must say to itself: When the eye looked up, external perception saw the same thing that Copernicus and Galileo saw; but the laws governing it—the concepts and ideas about the structure of the world—were only arrived at in the course of time. How, for example, did Copernicus arrive at his view of the starry sky? By combining the same observational data that had also been available to his ancestors in a different way—by applying his mind, the conceptual world within him, in a different manner than his ancestors had. Through what he brought to the observation, he saw what was essential for our century.

[ 20 ] So könnten wir es für alle Gebiete zeigen. Der orthodoxeste Darwinianer muss sich sagen: Auch vor Haeckel haben die Menschen die Tatsachen der Welt betrachtet. Dass sie zu ihrer Theorie gekommen sind, hängt nicht davon ab, dass Haeckel die Umwelt in anderer Weise erlebt hat, sondern dass er in anderer Art und Weise an die Dinge herangetreten ist. Also es ist wesentlich, was der Mensch hinzubringt.

[ 20 ] We could demonstrate this for all fields. Even the most orthodox Darwinian must admit: People observed the facts of the world even before Haeckel. The fact that they arrived at their theory does not depend on Haeckel having experienced the environment differently, but rather on his having approached things in a different way. So what a person brings to the table is essential.

[ 21 ] Und noch durch einen anderen Fall können wir klarmachen, wie Begriffe und Ideen nicht das sind, was von außen in den Menschen einströmt, sondern was er selbst in die Welt hineintragen muss. Versuchen Sie es einmal, darüber nachzudenken, wenn Sie hinausfahren auf das Meer bis zu einem Punkte, wo Sie nur Meer haben, Meer, auf welchem rings um Sie herum das Himmelsgewölbe zu ruhen scheint. Sie werden sich dann sagen: Das Himmelsgewölbe scheint zu ruhen in Form eines Kreises auf der Meeresoberfläche; aber verstehen werden Sie den Kreis durch solche Beobachtungen nicht. Sie werden ihn erst verstehen, wenn Sie von der äußeren Beobachtung absehen und imstande sind, im eigenen Geist, unabhängig von der Beobachtung, sich den Kreis zu konstruieren, wenn Sie imstande sind, geistig das Bild zu zeichnen, bei dem alle Punkte gleich weit vom Mittelpunkt entfernt sind. Um dieses Bild im Geiste zu haben, um den [Kreis] zu verstehen, brauchen Sie keine Kreide, keine äußere Beobachtung. Sie können das im Geiste konstruieren und alle Gesetze sich im Geiste klarmachen. Und wenn Sie in die Wirklichkeit hinaustreten und Anordnungen sehen, die im Kreise sind, dann muss das übereinstimmen mit dem, was Sie in der Studierstube als die Gesetze des Kreises ausgedacht haben. Niemals hätte der große Kepler die Gesetze des Laufes der Planeten finden können, wenn nicht zuerst im Geiste die Bahn[en der Planeten] ihm aufgetaucht wäre[n] und er dann gefunden hätte: Wenn er hinausschaut, dann bewegen sich die Sterne in den Linien, die er zuerst im Geiste konstruiert hat.

[ 21 ] And through yet another example, we can make it clear that concepts and ideas are not something that flows into a person from the outside, but rather something that the person himself must bring into the world. Try thinking about this as you sail out to sea to a point where there is nothing but sea—sea upon which the vault of heaven seems to rest all around you. You will then say to yourself: The vault of heaven seems to rest in the form of a circle on the surface of the sea; but you will not understand the circle through such observations. You will only understand it when you look beyond external observation and are able to construct the circle in your own mind, independently of observation—when you are able to mentally draw the image in which all points are equidistant from the center. To have this image in your mind, to understand the [circle], you need no chalk, no external observation. You can construct this in your mind and clarify all the laws for yourself there. And when you step out into reality and see arrangements that are circular, then this must correspond to what you have conceived in your study as the laws of the circle. The great Kepler could never have discovered the laws governing the motion of the planets if the orbits [of the planets] had not first appeared to him in his mind, leading him to realize: When he looks out, the stars move along the lines he had first constructed in his mind.

[ 22 ] So tragen wir die Begriffs- und Ideenwelt in höherem Sinne des Wortes in uns. Wir bringen sie zu den äußeren Dingen hinzu, und diese sagen uns: Was du gedacht hast, das vollführen wir. Der Stern sagt gleichsam: Du hast in deiner Seele eine Linie ausgedacht; ich aber bewege mich im Sinne dieser Linie. Und so kommen Sie dazu, einzusehen, dass das, was in Ihrer Seele lebt, ohne dass Sie aufnehmen eine äußere Sinnesbeobachtung, dass das als eine geistige Grundlage und Gesetzmäßigkeit dieser Sinneswelt zugrunde liegt; aber die Bestätigung müssen Sie sich herholen aus dieser Sinneswelt. Etwas aussagen über diese Sinneswelt können Sie erst dann, wenn sie Ihnen Erscheinungen bietet, die in das Gedachte hineinfallen.

[ 22 ] Thus, in the highest sense of the word, we carry within us the world of concepts and ideas. We bring them to bear on external things, and these things tell us: “What you have thought, we carry out.” The star says, as it were: “You have conceived a line in your soul; but I move in accordance with that line.” And so you come to realize that what lives in your soul—without your having to rely on external sensory observation—lies at the foundation of this sensory world as a spiritual basis and law; but you must draw confirmation from this sensory world itself. You can only say anything about this sensory world when it presents you with phenomena that correspond to what you have conceived.

[ 23 ] Nun denken Sie sich einmal, dass der Mensch — und ich gebe in diesem Fall allerdings die einfachsten Dinge der sogenannten geheimwissenschaftlichen Schule an —, dass der Mensch versucht, einen Gedanken festzuhalten, welcher in seiner eigenen Seele konstruiert ist, wie etwa ein Kreis, ohne dass er mit dem Bilde in der Seele herausgeht in die Beobachtungswelt. Wenn nun der Mensch es zustande bringt, eine Weile abzusehen von aller äußeren Beobachtung und in sich festzuhalten vermag die Aufmerksamkeit auf ein solches inneres Bild, wenn er sich blind und taub macht für die äußere Umgebung und an einem solchen Bilde haften bleibt, wenn er seine Seele konzentriert auf dieses Bild, dann übt er die erste Elementarbetätigung auf dem Wege zum Hellsehen — das, was man als Konzentration bezeichnet.

[ 23 ] Now imagine that a person—and in this case I am referring to the simplest concepts of the so-called school of esoteric science—attempts to hold onto a thought that is constructed within their own soul, such as a circle, without taking that image from within the soul out into the observable world. If a person manages to refrain from all external observation for a while and is able to focus their attention inwardly on such an inner image—if they make themselves blind and deaf to their external surroundings and remain fixed on such an image, if they concentrate their soul on this image—then they are practicing the first elementary exercise on the path to clairvoyance: what is known as concentration.

[ 24 ] Alles geht davon aus, dass die Menschenseele sich zunächst an etwas hält, was in ihr selbst allein lebt, wofür es gleichgültig ist zunächst, ob es etwas Äußeres gibt, dem es entspricht, oder nicht. Es kommt auf die Tätigkeit der Seele an, festzuhalten in strenger innerer Richtung solche Tätigkeit die auf ein Seelengebilde gerichtet ist. Darauf kommt es an. Nun genügt natürlich nicht eine einmalige solche Tätigkeit, sondern sie muss oft wiederholt werden; und auch dann, wenn sie oft und oft wiederholt wird, ist das eigentlich Wirksame nicht das, was der Mensch an Gedankenbildern gewinnen kann, wenn er eigentlich noch ganz auf die Anregung der äußeren Sinneswelt angewiesen ist.

[ 24 ] Everything is based on the assumption that the human soul initially clings to something that lives within it alone, for which it is, at first, irrelevant whether there is an external object corresponding to it or not. What matters is the soul’s activity—to maintain, in a strict inner direction, such activity that is directed toward a structure of the soul. That is what matters. Of course, a single instance of such activity is not enough; it must be repeated often. And even when it is repeated time and again, what is truly effective is not what a person can gain in the form of mental images when he or she is still entirely dependent on the stimuli of the external sensory world.

[ 25 ] Es liegen jahrtausendealte Erfahrungen in Bezug auf Hellsehen vor, Erfahrungen von Leuten, die wissen und ihre Ratschläge erteilen, um innere Seelenkräfte zu entwickeln. Vor allem will ich nur darauf aufmerksam machen, dass es gewisse Wahrheiten, Kernsätze gibt. Nun braucht man gar nicht von der Wahrheit solcher Sätze überzeugt zu sein, welche in gewisser Beziehung die Besitztümer der Forscher auf diesem Gebiete sind. Man nehme an, jemand sagt: Ich kann ja nicht von vornherein von der Wahrheit solcher Sätze, die sich vielleicht auf ein Ewiges beziehen, überzeugt sein. — Das braucht er auch nicht; das gehört nicht zum Anfang. Je größer die Unbefangenheit ist, desto besser. Wenn der Lehrer dem Schüler etwas gibt, wovon er sagt: Erfülle deine Seele so, dass du in der Zeit, wo es in deiner Seele lebt, nichts um dich herum wahrnimmst und dich einzig und allein diesem Seeleninhalt hingibst —, dann braucht man durchaus nicht an diesen Seeleninhalt zu glauben. Der Lehrer kann sogar sagen: Glaube nicht daran, aber lasse es in dir wirken. Das ist es, worauf es ankommt. Konzentriere dich darauf, und du wirst sehen, dass solches Ruhen der Seele auf diesem Inhalte eine Wirkung erzielt. Nicht, dass du eine Überzeugung gewinnst, sondern dass dieser Inhalt in deiner Seele wirkt, darauf kommt es an. — Wenn jemand sagt, der Lehrer gibt seinem Schüler etwas, was gar nicht wahr ist, so kann ruhig erwidert werden: Es mag sein, dass es nicht wahr ist, dass die äußere Wahrheit nicht anwendbar ist auf solch einen Satz; aber darauf kommt es nicht an, sondern darauf, dass es eine wirkende Kraft in der Seele wird, dass aus der Seele Verborgenes, dessen sich die Seele früher nicht bewusst war, hervorgeht. Man wird sehen, dass man bei stetiger Wiederholung einer solchen Anweisung innere Erlebnisse haben kann.

[ 25 ] There is millennia-old experience regarding clairvoyance—experiences of people who know and offer advice on how to develop inner spiritual powers. Above all, I simply want to point out that there are certain truths, core principles. Now, one need not be convinced of the truth of such principles, which, in a certain sense, are the domain of researchers in this field. Suppose someone says: “I cannot be convinced from the outset of the truth of such principles, which may pertain to the eternal.” — Nor does he need to be; that is not part of the beginning. The greater the open-mindedness, the better. When the teacher gives the student something and says, “Fill your soul in such a way that, while it lives within your soul, you perceive nothing around you and devote yourself solely and entirely to this inner content”—then you certainly do not need to believe in this inner content. The teacher may even say, “Do not believe in it, but let it work within you.” That is what matters. Concentrate on it, and you will see that such a resting of the soul on this content produces an effect. It is not that you gain a conviction, but that this content works within your soul—that is what matters. — If someone says that the teacher gives his student something that is not true at all, one can calmly reply: It may be that it is not true, that external truth does not apply to such a statement; but that is not what matters. What matters is that it becomes a working force within the soul, that hidden things—of which the soul was previously unaware—emerge from the soul. You will see that, with constant repetition of such an instruction, you can have inner experiences.

[ 26 ] Von ganz besonderer Wirksamkeit sind für dieses Hervorholen verborgener Seelenfähigkeiten gewisse Symbole, symbolische Vorstellungen. Und gerade an einem Symbolum sei charakterisiert, wie sich eigentlich so etwas verhält. Ich möchte von jenem Symbolum sprechen, auf das ich schon häufig hingewiesen habe, von dem schwarzen Kreuz, das von roten Rosen umgeben ist. Wir wollen uns den abstrakten Sinn zunächst, der keine große Bedeutung hat für die hellseherische Schulung, vor die Seele führen. Am besten wird es sein, wenn man an Goethes Wort erinnert:

[ 26 ] Certain symbols and symbolic images are particularly effective in bringing these hidden soul abilities to the surface. Let us use one symbol in particular to illustrate how this actually works. I would like to speak of that symbol to which I have already referred frequently—the black cross surrounded by red roses. Let us first consider its abstract meaning, which is of little significance for clairvoyant training. It will be best to recall Goethe’s words:

Wer das nicht hat,
dieses Stirb und Werde,
ist nur ein trüber Gast
auf dieser dunklen Erde.

Whoever lacks this,
this dying and becoming,
is but a gloomy guest
on this dark earth.

[ 27 ] Stirb und werde — was heißt das? Das heißt nichts anderes, als dass wir uns bei der Entwicklung unserer Seele dazu erheben müssen, über die Dinge unserer Sinneswelt hinauszukommen, dass diese Dinge zunächst sozusagen um uns herum verschwinden müssen, sodass wir uns gewissermaßen in einem der Sinneswelt gegenüber unbewussten Zustand befinden, der sich vergleichen lässt mit Kampf und Tod. Absterben muss zunächst die Sinneswelt. Wer aber dann ohne Inhalt bleibt, wessen Seele leer bleibt, wenn der Inhalt abstirbt, der ist ein trüber Gast. Etwa das will Goethe sagen: Wenn es dir gelingt, deine Aufmerksamkeit von allem Äußeren abzulenken, wenn du sicher bist, dass nichts einfließt von der äußeren Welt, wenn du dann aus den verborgenen Tiefen der Seele etwas herausholen kannst, was das Blickfeld deiner Seele erfüllt, was anders ist als das Äußere, dann bist du neu erstanden in einer anderen Welt, dann bist du «geworden». Stirb und werde — das Absterben der niederen Natur, der äußeren Sinneswahrnehmung ist im schwarzen Kreuz charakterisiert. Das Aufleuchten einer neuen Welt aus diesem Tod der Sinneswelt heraus ist charakterisiert in den roten Rosen daran. Und wenn wir in einem umfassenden kosmischen Sinne dann dieses Rosenkreuz deuten, so müssen wir sagen: Im mineralischen Reich, im pflanzlichen, in dem, was man die unbewusste Natur nennt, lebt ein Geistiges. Das liegt allem zugrunde. Der Mensch richtet seinen Blick auf die Umwelt, er nimmt sie wahr. Demjenigen, der eine Ahnung von dem Geistigen hat, erscheint diese Umwelt nur wie ein äußerer Ausdruck des darunter liegenden Geistigen. Er sagt sich geradezu: Der ganzen unbewussten Natur liegt ein Göttlich-Geistiges zugrunde; aber es ist wie in einem Grabe darinnen, es ist wie erstorben. Die Menschenseele ist wie ein Stahl an einem Feuerstein; indem sie erkennend daran schlägt, leuchtet hervor, was darinnen verborgen liegt. In der menschlichen Seele erstehen die göttlich-geistigen Inhalte; sie leben auf. So muss der Geist erst durch den Tod der unbewussten Welt hindurchgehen, um neu aufzuleben.

[ 27 ] Die and be reborn—what does that mean? It means nothing other than that, in the development of our soul, we must rise above the things of our sensory world; that these things must first, so to speak, disappear from around us, so that we find ourselves, as it were, in a state of unconsciousness with regard to the sensory world—a state that can be compared to struggle and death. The sensory world must first die away. But whoever is then left without substance—whose soul remains empty when that substance dies—is a dreary guest. This is roughly what Goethe means: If you succeed in diverting your attention from all that is external, if you are certain that nothing from the external world is seeping in, if you can then draw forth from the hidden depths of the soul something that fills the field of vision of your soul—something different from the external—then you have been reborn into another world; then you have “become.” Die and be reborn—the dying off of the lower nature, of external sensory perception, is symbolized by the black cross. The dawning of a new world out of this death of the sensory world is symbolized by the red roses on it. And when we interpret this Rosicrucian symbol in a comprehensive, cosmic sense, we must say: In the mineral kingdom, in the plant kingdom, and in what is called unconscious nature, a spiritual element lives. This underlies everything. Human beings direct their gaze toward the environment; they perceive it. To those who have a sense of the spiritual, this environment appears merely as an outward expression of the spiritual that underlies it. They say to themselves quite literally: The entire unconscious nature is grounded in a divine-spiritual reality; but it lies within as if in a tomb; it is as if it were dead. The human soul is like steel against a flint; as it strikes it with insight, what lies hidden within shines forth. The divine-spiritual contents arise within the human soul; they come to life. Thus, the spirit must first pass through the death of the unconscious world in order to come to life anew.

[ 28 ] Und ich könnte erzählen von allen möglichen Gebieten des geistigen Lebens. Ich könnte anführen, was zu einer zunächst verstandesgemäßen Erklärung dieses Symbolums dienen könnte. Aber darum kann es sich gar nicht handeln. Es kann sich nur darum handeln, dass wir nicht den Gedanken hegen, es sei beliebig erfunden. Für den angehenden Hellseher handelt es sich nicht darum, was es bedeuten mag. Es kann jemand sagen: Nun ja, ihr mögt gut über das Rosenkreuz sprechen, dem Forscher aber, dem objektiven, dem ist das gleichgültig, denn er gewinnt dadurch nichts über die Geheimnisse der Natur, dass er sich ein schwarzes Kreuz vorstellt, das sagt ihm nichts. Wenn wir Experimente machen mit der Fallmaschine oder anderem, dann finden wir ein Gesetz. Dieses, in Worten ausgedrückt, sagt uns etwas; es entspricht einer objektiven Wahrheit; ein Rosenkreuz sagt mir nichts. - So kann der Betreffende sagen. Derjenige, der auf dem Boden der hellseherischen Schulung steht, darf erwidern: Das macht nichts, darauf kommt es nicht an. Die Vorstellungen, um die es sich handelt, sind gar nicht dazu da, um in äußerer Wahrheit etwas abzubilden, sie werden daher am wirksamsten, wenn sie Symbole sind, die vieldeutig sind. Nicht darauf kommt es an, dass man in einem solchen Symbolum ausdrücken will, die Dinge der äußeren Welt seien so oder so, sondern dass man in rein innerlicher Seelentätigkeit, zunächst in Anlehnung an die äußeren Ausdrücke, ein solches Symbolum bildet, dass man ein solches Symbolum in möglichst die äußeren Dinge ausschließender Weise konzentriert in der Seele betrachtet. Was dieses Symbolum in der Seele bewirkt, darauf kommt es an.

[ 28 ] And I could speak about all sorts of areas of spiritual life. I could cite what might serve as an initial rational explanation of this symbol. But that is not the point at all. The point is simply that we must not entertain the idea that it was invented arbitrarily. For the aspiring clairvoyant, the question is not what it might mean. Someone might say: Well, you may talk all you like about the Rose Cross, but to the researcher—the objective one—it is of no consequence, for he gains nothing about the mysteries of nature by imagining a black cross; it tells him nothing. When we conduct experiments with the free-fall apparatus or other devices, we discover a law. This law, expressed in words, tells us something; it corresponds to an objective truth; a Rose Cross tells me nothing. - That is what the person in question might say. The one who is grounded in clairvoyant training may reply: That doesn’t matter; that’s not the point. The mental images in question are not meant to represent anything in external reality; they are therefore most effective when they are symbols that are open to multiple interpretations. What matters is not that one seeks to express through such a symbol that the things of the external world are this way or that way, but rather that one forms such a symbol through purely inner activity of the soul—initially drawing on external expressions—and then contemplates this symbol in the soul in a concentrated manner that excludes external things as much as possible. What this symbol brings about in the soul—that is what matters.

[ 29 ] Wenn so in immer sich steigernder innerer Konzentration der Mensch so etwas als Symbolum in seiner Seele leben lässt — und manches andere noch —, dann sind das Mittel, die in ihm schlummernden Kräfte wachzurufen. Es geschieht da mit dem Menschen etwas ganz Besonderes. Da kann er erleben - und es sind wirkliche Erlebnisse —, dass die Beweise, die wirklichen Gewährleistungen dieser Sache sich ihm ergeben. Der Mensch wird zuletzt zu folgenden Gefühlen kommen, die ich Sie bitte genau zu beobachten. Er wird sich sagen: Es ist eigentlich nur eine Art Brücke gewesen, was ich mir vorgestellt habe; dieses Rosenkreuz ist eine Brücke. Jetzt habe ich etwas erhalten, was nicht damit zusammenhängt, zu dem mir das Rosenkreuz nur verholfen hat, was aufsteigt in meiner Seele und was zunächst ein Erlebnis ist, wie man es nicht durch äußere Anregung erhalten kann. Zunächst weiß der Schüler nicht, ob das, was da in seinem Innern aufsteigt, eine Schaumblase, eine Fata Morgana, ein phantastisches Gebilde ist oder ob es irgendeiner Wirklichkeit entspricht. Das weiß er nicht, aber es kommt darauf an, dass er sich die Fähigkeit erwirbt, solches zunächst in seinem Innern zu erleben, zu schauen. Denn auch das ist noch ein Umweg für das höhere Hellsehen. Was zunächst auftritt, sind Bilder.

[ 29 ] When, in ever-increasing inner concentration, a person allows something like this—and many other things as well—to live as a symbol within their soul, these are the means to awaken the powers that lie dormant within them. Something very special happens to the person at that moment. There he can experience—and these are genuine experiences—that the proofs, the true assurances of this matter, reveal themselves to him. Ultimately, the person will arrive at the following feelings, which I ask you to observe closely. He will say to himself: What I had imagined was really just a kind of bridge; this Rose Cross is a bridge. Now I have received something that is unrelated to that—something to which the Rose Cross merely served as a means—something that rises within my soul and is, at first, an experience that cannot be obtained through external stimulation. At first, the student does not know whether what is rising within him is a bubble of soap, a mirage, a fantastical construct, or whether it corresponds to some kind of reality. He does not know this, but what matters is that he acquires the ability to first experience and perceive such things within himself. For this, too, is still a detour toward higher clairvoyance. What first appears are images.

[ 30 ] Aber nunmehr, wenn der Schüler fortgesetzt solche Übungen macht, dann tritt für ihn ein weiteres Gefühl ein, das sich durch nichts weiter belegen lässt als durch die Erfahrung, das Gefühl, das ihm sagt: Es kommt nun auch nicht auf die Bilder an, sondern auf das, was sich in diesen Bildern ausspricht. Und nun weiß er, dass es sich mit diesen Bildern, die er erlebt im Innersten, etwa so verhält: Wenn Sie auf Ihr Auge drücken oder einen elektrischen Strom durchgehen lassen, so kann ein beliebiger Lichtimpuls durch das Auge gehen, ein Lichtschein in Ihnen aufglänzen. In diesem Falle haben Sie einen Lichteindruck, der durch die Konstitution des Auges hervorgerufen wird. So ist es auch, wenn zuerst die Bilder auftauchen, die hervorgerufen werden durch die Befolgung der entsprechenden Ratschläge, dann zucken durch die Seele wie geistige Blitze Dinge, die allerdings neu sind, die aber sich wirklich so ausnehmen wie das Licht, das Sie im Auge durch einen Schlag oder einen elektrischen Strom erzeugen. Aber Sie wissen ganz genau, wenn Sie sich einem äußeren Gegenstande gegenüberstellen, dass zwar die Beschaffenheit des Auges Ihnen den Lichteindruck ermöglicht; Sie können jedoch durch Erfahrung, durch eine im Erlebnis gewonnene Gewissheit sich sagen: Das, was nur durch meine Augen hervorgerufen worden ist, ist nichts, das Eigentliche ist der Gegenstand. Ich stehe dem Gegenstand gegenüber, er teilt sich mir mit durch mein Auge als Gegenstand.

[ 30 ] But now, as the student continues to do such exercises, a further feeling arises within him—one that can be substantiated by nothing other than experience—a feeling that tells him: What matters now is not the images themselves, but what is expressed through them. And now he knows that these images, which he experiences in his innermost being, are something like this: If you press on your eye or pass an electric current through it, any light impulse can pass through the eye, causing a glimmer of light to shine within you. In this case, you have a sensation of light that is caused by the structure of the eye. It is the same when the images first appear—images brought about by following the corresponding advice—and then things flicker through the soul like spiritual flashes; these are indeed new, but they truly resemble the light you produce in your eye through a blow or an electric current. But you know quite precisely, when you face an external object, that although the nature of the eye enables you to perceive light, you can nevertheless tell yourself—through experience, through a certainty gained from lived experience—that what has been produced solely by my eyes is nothing; the actual reality is the object. I stand before the object; it reveals itself to me through my eye as an object.

[ 31 ] Dieser Zeitpunkt tritt ein für den hellsehenden Menschen. Diese Bilder werden zuletzt etwas, wodurch sich eine neue Wirklichkeit ausspricht. Ebenso sicher, wie der Mensch, der mit seinem Auge einem äußeren Gegenstand gegenübertritt, weiß, dass der Gegenstand sich ausspricht, so weiß der Hellseher, dass es zwar von seiner Natur abhängt, dass solche Bilder aufsteigen, aber er weiß auch ganz genau: In der Art, wie jetzt diese Bilder von ihm erlebt werden, sprechen sich objektive Wesenheiten und Tatsachen der geistigen Welt aus.

[ 31 ] This moment occurs for the clairvoyant. These images ultimately become something through which a new reality expresses itself. Just as surely as a person who looks at an external object with his eyes knows that the object reveals itself, so the clairvoyant knows that, although the emergence of such images depends on his nature, he also knows quite precisely: in the way these images are now experienced by him, objective entities and facts of the spiritual world reveal themselves.

[ 32 ] Das ist also auf ganz natürliche Weise in strenger innerer Schulung zu erringen. Wie man auf äußerem Gebiete Phantastik und Realität unterscheiden kann im Erlebnisse selber, ebenso ist es notwendig, dass der Schüler sich auf diesem Gebiete gesundes Urteil und gesunden Sinn erhält, denn hier ist es viel leichter als im äußeren Leben, Illusion mit Realität zu verwechseln. Daher muss in einer solchen Schulung zu wirklichem höherem Hellsehen etwas anderes parallel gehen.

[ 32 ] This, then, is to be attained in a completely natural way through rigorous inner training. Just as one can distinguish between fantasy and reality in the experiences themselves in the external realm, so too is it necessary for the student to maintain sound judgment and common sense in this realm, for here it is much easier than in external life to confuse illusion with reality. Therefore, in such training toward true higher clairvoyance, something else must proceed in parallel.

[ 33 ] Würde der Schüler nur das an sich herankommen lassen, was geschildert worden ist, dann würde er der Gefahr ausgesetzt sein, dass er als Hellseher in gewissem Sinne [ein] Wahnsinniger wird, und zwar dadurch, dass er auf diesem Gebiete der sich wandelnden Bilder des höheren geistigen Lebens durch seine subjektiven Gefühle, durch seine Persönlichkeit sich selbst Schein für Wirklichkeit erzaubern kann. Es muss parallel dieser genannten Schulung gehen, dass der Mensch durch gewisse Anweisungen, die ihm gegeben werden, lernt, auf alles in dieser höheren Geisteswelt zu verzichten, was mit seinen Wünschen, was mit seiner Persönlichkeit zusammenhängt.

[ 33 ] If the student were to allow only what has been described to enter his consciousness, he would be at risk of becoming, in a certain sense, a madman as a clairvoyant—namely, because in this realm of shifting images of the higher spiritual life, he could, through his subjective feelings and his personality, conjure up illusions as reality. This training must be accompanied by certain instructions given to the individual, through which he learns to renounce everything in this higher spiritual world that is connected to his desires or his personality.

[ 34 ] Hier kommt man auf ein Kapitel, wo man sehr schwer verstanden wird. Denn was sagen alle Psychologen der Gegenwart? Sie kennen das nicht, was eben geschildert wurde und was von Hunderten als Realität erlebt wird. Sie sagen daher: Wenn der Mensch der äußeren Welt gegenübersteht, da korrigiert ihn die Sinneswelt so, dass sie ihm die Realitäten gibt; aber wenn sich der Mensch also seiner inneren Tätigkeit überlässt, dann spricht natürlich Gefühl, subjektive Neigung mit, und dann gestaltet sich das Gefühl um zu solchen Bildern; das kann niemals Anspruch auf Objektivität machen. — Auf dem Gebiete, dass die Herren meinen, haben sie recht, denn sie haben keinen Begriff davon, was vorgehen muss in Bezug auf das wirkliche Ausrotten und Austilgen der Subjektivität, der subjektiven Meinungen und Neigungen. Die müssen ganz weg sein. Man muss verzichten lernen auf irgendeine Vorliebe oder Sympathie.

[ 34 ] This brings us to a topic that is very difficult to understand. For what do all contemporary psychologists say? They are unfamiliar with what has just been described and what is experienced as reality by hundreds of people. They therefore say: When a person faces the external world, the sensory world corrects them in such a way that it provides them with reality; but when a person thus surrenders to their inner activity, then of course feeling and subjective inclination come into play, and then that feeling takes shape as such images; this can never lay claim to objectivity. — In this regard, gentlemen, you are correct, for you have no concept of what must take place in terms of the actual eradication and elimination of subjectivity, of subjective opinions and inclinations. These must be completely eliminated. One must learn to renounce any preference or sympathy.

[ 35 ] Dazu gibt es wieder ganz besondere Übungen, damit nicht das eintritt, was unsere landläufigen Psychologen mit Recht für das gewöhnliche Menschenleben schildern, dass nämlich das Willkürliche sich einmischt. Der Mensch muss alles herausgeworfen haben, was ihm Schein für Wirklichkeit vorzaubern könnte. Dann aber kann er das objektive Geistige in der wahren Gestalt behalten.

[ 35 ] There are, once again, very specific exercises for this, so that what our conventional psychologists rightly describe as characteristic of ordinary human life—namely, the intrusion of the arbitrary—does not occur. A person must have cast out everything that might conjure up an illusion of reality. Only then can they retain the objective spiritual in its true form.

[ 36 ] Es muss noch etwas gesagt werden. Da, wo auf diesem Weg der Schulung das Hellsehen vorbereitet wird, wo Fachmännisches herrscht auf diesem Gebiete und nicht Dilettantismus — welch Letzterer gar furchtbar wimmelt in der Welt —, da wird ein großer Wert darauf gelegt, dass der Weg nicht ohne bestimmte Vorbedingungen angetreten wird. Denn es ist ein großer Unterschied, ob man als unwissender Mensch, nur mit den gewöhnlichen Begriffen der Welt ausgestattet, diesen schwierigen Weg geht, oder ob man vorher aufgenommen hat in sich höhere Begriffe über gewisse Geheimnisse des Daseins, die man erforschen, erproben kann, die wir durch die Mitteilungen der Forscher erhalten können. Es ist ein großer Unterschied, ob man auf diese oder jene Weise vordringt. Man kann auch mit einer geringen Summe von äußeren Erfahrungen diesen Weg durchmachen. Dann aber ist der Seeleninhalt arm, und es drängt sich in ein paar Vorstellungen alles das, was man schauen kann, zusammen, und dann kommen die unrichtig geschulten Hellseher zustande, die Sie immer wieder finden werden, die in ihren Schriften darstellen: Jetzt bin ich so weit gekommen, dass ich durch Konzentration, durch das Ausprägen meiner Seele mich mit Gott vereinigt habe; und dann drücken sie den Gott aus als einen von Licht durchleuchteten Diamanten oder so etwas. Das ist eine irrige Vorstellung, eine Vorstellung, die im Grunde genommen sich von der gewöhnlichen Beschreibung eines äußerlichen Sinnesdinges nicht anders unterscheidet, als dass der Betreffende das seinen Gott nennt.

[ 36 ] There is still something that needs to be said. Wherever clairvoyance is prepared for on this path of training, wherever expertise prevails in this field rather than amateurism—the latter of which is all too prevalent in the world—great importance is placed on ensuring that the path is not embarked upon without certain prerequisites. For there is a great difference between embarking on this difficult path as an uninformed person, equipped only with the ordinary concepts of the world, and having first absorbed within oneself higher concepts regarding certain mysteries of existence—concepts that can be explored and tested, and which we can obtain through the communications of researchers. There is a great difference between proceeding in one way or the other. One can also traverse this path with only a small amount of external experience. But then the soul’s content is poor, and everything one can perceive is crammed into a few ideas; and this is how the improperly trained clairvoyants come into being—those you will encounter time and again, who describe in their writings: “I have now reached the point where, through concentration and the shaping of my soul, I have united myself with God”; and then they describe God as a diamond illuminated by light, or something of that sort. This is a mistaken conception—one that, when you get right down to it, differs from the ordinary description of an external sensory object in nothing other than the fact that the person in question calls it “God.”

[ 37 ] Wenn solche «Hellseher» immer wieder und wieder ihre höhere Welt besprechen, alle Herrlichkeiten der höheren Welt durch nichts anderes ausdrücken als durch solche triviale Schilderungen, so beruht das darauf, dass sie nicht richtig vorbereitet an diese Schulung herangegangen sind. Wenn aber einer mit einem erprobten Lehrer herangeht an diese Dinge, dann ist das, was er erreicht, was in die Bilder hereinfließt, die er sich vorbereitet hat, dann ist das ein mannigfaltiger Welteninhalt, und alles, was den Menschen im Umkreis die äußere Natur bieten kann mit allen ihren Schönheiten und Herrlichkeiten und Geheimnissen, ist nur ein kleiner Ausschnitt der ganzen ihn umgebenden Welt. Viel großartiger, herrlicher ist das, was als unbekannte Welt hinter der bekannten liegt und was als die Urgründe alles Sichtbaren hereinleuchtet. Das ist dann aber auch so, dass der Mensch, der das erlebt, weiß, dass er sich nicht betrügt, dass er nicht etwa äußere Eindrücke hinaufträgt in dieses Gebiet; er weiß wohl: Das, was er da erlebt, kann er niemals in der äußeren Sinneswelt erleben.

[ 37 ] When such “clairvoyants” discuss their higher world over and over again, expressing all the glories of that higher world through nothing but such trivial descriptions, it is because they did not approach this training properly prepared. But when someone approaches these matters with an experienced teacher, what they attain—what flows into the images they have prepared—is a manifold content of the world; and everything that the external natural world around them can offer, with all its beauties, glories, and mysteries, is only a small fragment of the entire world surrounding them. Far greater and more magnificent is what lies as an unknown world beyond the known, and what shines forth as the very foundations of all that is visible. But it is also true that the person who experiences this knows that they are not deceiving themselves, that they are not, for example, projecting external impressions into this realm; they know full well: what they experience there, they can never experience in the external sensory world.

[ 38 ] Das ist der Weg der ruhigen Entwicklung, durch den der Mensch dahin kommt, wirklich hineinzuschauen in die geistigen Welten. Das ist geschultes Hellsehen.

[ 38 ] This is the path of quiet development through which a person comes to truly look into the spiritual worlds. This is trained clairvoyance.

[ 39 ] Nun, was geschieht mit einem Menschen objektiv, wenn er solche Methoden anwendet? Wir erinnern uns, dass der Mensch für die Geisteswissenschaft ja nicht in dem beschlossen ist, was die Sinne wahrnehmen können, sondern dass dieses Äußerliche, dieser physische Leib, bloß ein Glied der gesamten Menschennatur ist. Dieser physische Leib ist für die Geisteswissenschaft durchdrungen von übersinnlichen Gliedern, zunächst vom Ätherleib, und in physischen und Ätherleib eingegliedert der Astralleib. In dem Astralleib haben wir den Träger von Lust und Leid, Freude und Schmerz, von Trieben, Instinkten, Begierden, von allen innerlichen Erlebnissen. Da hineingegliedert ist das vierte Glied des Menschen, der Träger des Selbstbewusstseins.

[ 39 ] Now, what objectively happens to a person when they apply such methods? We recall that, for spiritual science, the human being is not confined to what the senses can perceive, but that this outer aspect—this physical body—is merely one component of the entire human nature. For spiritual science, this physical body is permeated by supersensory components, first and foremost the etheric body, and integrated into the physical and etheric bodies is the astral body. In the astral body we find the bearer of pleasure and suffering, joy and pain, of drives, instincts, and desires—of all inner experiences. Integrated into it is the fourth component of the human being, the bearer of self-consciousness.

[ 40 ] Nun wurde auch hier schon vor Ihnen charakterisiert, was im Sinne der Geisteswissenschaft eigentlich der Schlaf ist. Was geschieht denn, wenn des Abends für des Menschen subjektive Wahrnehmung hinuntersinken in das Meer des Vergessens Lust und Leid, alle IchEindrücke des Tages, wenn sozusagen Vergessen oder Bewusstlosigkeit sich ausbreitet um den Menschen? Was ist da mit diesem Menschen geschehen? Da ist im Bette liegen geblieben der physische Leib und Ätherleib; der Astralleib aber mit dem Ich hat sich herausbewegt und wirkt jetzt von außen auf den physischen und Ätherleib. Es versinken unsere inneren Welten in die Vergessenheit hinunter, weil sich in der Nacht der Astralleib nicht der äußeren Sinnesorgane bedient. Morgens steigt dann der Astralleib mit dem Ich wieder hinein in den physischen und Ätherleib; er bedient sich der Sinne wieder, und die Sinneswelt taucht für des Menschen Bewusstsein auf. Wodurch kann der Mensch die äußere Sinneswelt wahrnehmen? Dadurch, dass er Augen und Ohren und die anderen Sinnesorgane hat. Wären diese Organe nicht vorhanden, so wäre die Umwelt stumm und lichtlos für den Menschen. Der Astralleib ist in der Nacht, wenn er herausgehoben ist, auch in einer Welt, einer geistigen Welt. Aber er hat keine Organe, um sie wahrzunehmen. Er hat in seiner feinen Substanzialität keine Organe, wie der Mensch sie heute in der groben physischen Substanz hat. Nur durch Organe ist eine Welt um den Menschen herum wahrzunehmen. Würde der Astralleib Organe haben, dann würde er ebenso seine Umwelt wahrnehmen können, wenn er außerhalb des physischen und Ätherleibes ist, wie mithilfe der physischen Sinne wahrgenommen werden kann, was den Menschen in der physischen Welt umgibt.

[ 40 ] Now, even before you arrived, it has already been described here what sleep actually is in the sense of spiritual science. What happens, then, when in the evening—from the perspective of human subjective perception—pleasure and suffering, all the “I” impressions of the day, sink into the sea of oblivion, when, so to speak, forgetfulness or unconsciousness spreads around the human being? What has happened to this person? The physical body and the etheric body have remained lying in bed; but the astral body, together with the “I,” has moved out and now acts from the outside upon the physical and etheric bodies. Our inner worlds sink down into oblivion because, at night, the astral body does not make use of the external sense organs. In the morning, the astral body, together with the “I,” re-enters the physical and etheric bodies; it makes use of the senses again, and the sensory world reappears in the person’s consciousness. How is a person able to perceive the external sensory world? Through the fact that they have eyes, ears, and the other sense organs. If these organs were not present, the external world would be silent and devoid of light for the person. At night, when it is lifted out of the body, the astral body is also in a world—a spiritual world. But it has no organs with which to perceive it. In its fine substance, it has no organs such as human beings have today in their coarse physical substance. It is only through organs that the world around a person can be perceived. If the astral body had organs, it would be able to perceive its surroundings just as well when outside the physical and etheric bodies as the physical senses enable us to perceive what surrounds us in the physical world.

[ 41 ] Nun handelt es sich darum: Soll der Mensch die geistige Welt wahrnehmen, dann müssen seinem Astralleibe Organe gegeben werden, geistige Ohren und geistige Augen. Wodurch geschieht dies? Das geschieht eben durch jene Methoden, die angeführt worden sind, durch Konzentration, durch das Leben in gewissen Vorstellungen und Bildern. Wenn bei einem solchen Menschen der Astralleib des Nachts herausgeht, so ist dieser Astralleib ganz anders. Das weiß derjenige, der das hellseherische Bewusstsein erlangt hat. Es ist so, wie wenn Sie sich vorstellen würden, dass im physischen Leibe die Organe anfangen, sich zu differenzieren und die Umwelt wahrzunehmen. Was eine ungeordnete Masse war, das gliedert sich zu Organen. Es dauert lange, bis sich die Organe bilden im Astralleibe, bis das, was früher wie ein undifferenzierter Nebel war, anfängt herauszukommen in schön geformten Organen. Dann aber tritt das ein für den Menschen, was ihm möglich macht, diese Bilder in seiner Seele zu haben, die vorhin charakterisiert worden sind. Diese Bilderwelt entsteht dadurch, dass der Mensch sich solche Organe eingliedert.

[ 41 ] The point is this: If a person is to perceive the spiritual world, his astral body must be endowed with organs—spiritual ears and spiritual eyes. How does this happen? It happens precisely through the methods that have been described: through concentration and through living within certain ideas and images. When the astral body of such a person leaves the physical body at night, that astral body is entirely different. Anyone who has attained clairvoyant consciousness knows this. It is as if you were to imagine that, within the physical body, the organs begin to differentiate and perceive the environment. What was once a formless mass organizes itself into organs. It takes a long time for the organs to form in the astral body, until what was previously like an undifferentiated mist begins to emerge as beautifully formed organs. But then what enables a person to have these images in their soul—which were described earlier—begins to take place. This world of images arises as a result of the person integrating such organs into themselves.

[ 42 ] Man nennt seit alten Zeiten den Vorgang, der also für den Menschen eintritt, die Reinigung, die Läuterung, die Katharsis, und zwar aus dem Grunde, weil der Mensch dadurch lernt, nicht bloß durch den Schleier der äußeren Sinnlichkeit die geistige Welt zu ahnen, sondern weil er dann in diese geistige Welt hineinsieht so, dass sein Schauen gereinigt ist von der äußeren Sinneswelt, dass die äußere Sinneswelt verwischt wird und dennoch nicht Bewusstlosigkeit eintritt. Katharsis, Reinigung, Läuterung wurde immer in richtiger Weise beschrieben als die erste Stufe des geschulten Hellsehens.

[ 42 ] Since ancient times, the process that occurs within a person has been called purification, refinement, or catharsis, and this is because through it the human being learns not merely to sense the spiritual world through the veil of external sensuality, but because he then looks into this spiritual world in such a way that his vision is purified of the external sensory world, so that the external sensory world fades away without, however, leading to a loss of consciousness. Catharsis, purification, and refinement have always been correctly described as the first stage of trained clairvoyance.

[ 43 ] Dann tritt eine spätere Stufe für den Hellseher ein. Erst ist es so, dass, wenn der Mensch am Morgen zurückkommt in den physischen und Ätherleib, dass dann die äußeren Organe wieder wirken und die stärkere Kraft haben. Er kann sozusagen die inneren, noch feinen und beweglichen Organe nicht handhaben; es übertönt der äußere Eindruck des Auges und des Ohres das, was die inneren astralischen Organe sehen können. Vorhanden ist es ja immer, denn die geistige Welt ist innerhalb der Sinneswelt —, aber solange der Mensch diese Organe noch schwach ausgebildet hat, solange sie erst im astralischen Leibe sind, werden sie übertönt von den sinnlichen Organen und den Kräften des Ätherleibes. Indem der Mensch nun emsig fortarbeitet auf diese Art, kommt er so weit, dass er die Organe innerlich so fest hat und handhaben kann, dass er auch des Morgens, wenn er hineinsteigt in den physischen und Ätherleib, durch diese Organe neben den sinnlichen Wahrnehmungen auch das Geistige erblickt. In diesem Augenblick hat der Mensch das erreicht, was immer innerhalb der Schulen, die sich auf diesem Felde betätigen, die Erleuchtung, Photismus, genannt worden ist.

[ 43 ] Then a later stage begins for the clairvoyant. At first, when a person returns to the physical and etheric bodies in the morning, the external organs begin to function again and have greater power. He cannot, so to speak, control the inner organs, which are still subtle and agile; the external impressions received by the eyes and ears drown out what the inner astral organs are capable of perceiving. It is always present, of course, for the spiritual world lies within the sensory world—but as long as a person’s astral organs are still underdeveloped, as long as they remain within the astral body, they are drowned out by the sensory organs and the forces of the etheric body. As the human being now continues to work diligently in this way, he reaches a point where he has such firm control over these inner organs that even in the morning, when he enters the physical and etheric bodies, he can perceive the spiritual realm through these organs alongside his sensory perceptions. At that moment, the person has attained what has always been called “enlightenment” or “photism” within the schools active in this field.

[ 44 ] Das sind alles durchaus reale Vorgänge, die erlebbar sind, und sie entstehen nicht etwa dadurch, dass dies oder jenes an dem Menschen geschieht, was er nicht in seiner Hand hätte. Schritt für Schritt wendet der Mensch die in den entsprechenden Schulen gehandhabten Methoden an, um sich zu jenem Instrument umzugestalten, durch das er wahrnehmen kann die geistige Welt. Worauf also beruht es, dass der Mensch hellsehend wird? Darauf, dass er seinen inneren unsichtbaren Menschen organisiert, dass er das chaotische Gebilde dieses inneren Menschen, das sonst nur ein Erlebnis hat, wenn die Außenwelt einwirkt, dass er es umschafft zu einer ebenso regelmäßigen Organisation, wie der äußere physische Leib es durch die äußere Natur geworden ist.

[ 44 ] These are all very real processes that can be experienced, and they do not arise simply because this or that happens to a person over which they have no control. Step by step, a person applies the methods taught in the appropriate schools to transform himself into the instrument through which he can perceive the spiritual world. So what is the basis for a person becoming clairvoyant? It is based on the fact that he organizes his inner, invisible self—that he transforms the chaotic structure of this inner self, which otherwise experiences only when the external world acts upon it—into an organization as regular as the outer physical body has become through external nature.

[ 45 ] Genau derselbe Entwicklungsweg, den die Natur mit dem Menschen gemacht hat, um ihn aus niederer Stufe zu dem heutigen Wesen mit den vollkommenen Organen zu machen, derselbe Entwicklungsweg wird in die Hand genommen von dem Menschen selbst, wird von ihm fortgesetzt. Wo die Natur den Menschen entlässt, wird von ihm selber weitergearbeitet. Wer darüber nachdenkt, wird nicht die geringste Unlogik darin finden, dass derjenige, der sich auf den Pfad begibt, es zu wirklichen Erlebnissen bringen kann.

[ 45 ] The very same path of development that nature has taken with humankind—to transform it from a lower stage into the being we are today, with perfect organs—is taken up by humankind itself and continued by it. Where nature leaves off, humankind continues the work on its own. Anyone who reflects on this will find not the slightest illogicality in the fact that those who set out on this path can achieve genuine experiences.

[ 46 ] Wenn der Mensch auf diese Art Einblick in die geistigen Welten gewinnt, so hat er es dem zu verdanken, dass er seinen inneren Menschen so stark gemacht hat, dass er eine selbstständige Wesenheit ist gegenüber den äußeren Organen. Der Mensch ist sein eigener Herr geworden. Das ist ein Grundsatz, der in allen solchen Schulen als abstrakte Charakteristik dieser Sache ausgesprochen wird. Wenn der Mensch bis zu dieser Stufe gekommen ist, so verdankt er das der Herrschaft über seinen Ätherleib zunächst. Der Lebensleib ist bei dem nicht entwickelten Menschen sozusagen etwas Unelastisches, das nur den Kräften der Natur folgt. Bei dem Hellscher ist er etwas, was der astralische Leib seinen Formen anpasst. Er ist elastisch geworden, weil die stärkere Kraft darin wirkt.

[ 46 ] When a person gains insight into the spiritual worlds in this way, it is because he has made his inner self so strong that it has become an independent entity distinct from his external organs. The human being has become his own master. This is a principle that is expressed in all such schools as an abstract characteristic of this matter. When a person has reached this stage, he owes it first and foremost to his mastery over his etheric body. In the undeveloped human being, the life body is, so to speak, something inflexible that merely follows the forces of nature. In the clairvoyant, it is something that the astral body adapts to its own forms. It has become flexible because a stronger force is at work within it.

[ 47 ] Wenn wir jetzt jenes Hellsehen streifen, das durch niedere Zustände hervorgerufen wird, die wir im Allgemeinen — es ist das freilich laienhaft gesprochen — als menschliche Schwächezustände charakterisieren, so müssen wir sagen: Das rührt von etwas ganz anderem her und ist niemals kontrollierbar, beruht aber auf denselben Gesetzen. Immer, wenn der Mensch so von selbst somnambul wird, oder wenn auf den Menschen gewirkt wird mit unerlaubten Mitteln, oder wenn der Mensch diese oder jene Krankheit durchmacht, so kann es eintreten, dass sein Ätherleib im physischen Leib gelöst wird, sodass jener kompakte Zusammenhang zwischen physischem Leib und Ätherleib nicht besteht, wie es im normalen Zustande der Fall ist. Dies kann tatsächlich durch Krankheitsprozesse vor sich gehen, und im Grunde genommen ist das meiste auf dem Gebiete des niederen Hellsehens auf pathologische Zustände zurückzuführen. Dann hat der Mensch einen Ätherleib, der nicht so fest gebunden ist. Während beim geschulten Hellseher die Lockerung dadurch geschieht, dass sich der Astralleib stark macht und den Ätherleib in seine Gewalt bekommt, geschieht es beim niederen Hellsehen dadurch, dass ein Organ erkrankt. Durch die Erkrankung löst es sich aus dem Ätherleib in gewisser Weise heraus; der Ätherleib wird für solche Menschen frei.

[ 47 ] If we now touch upon that form of clairvoyance brought about by lower states—which we generally characterize, in layman’s terms, as states of human weakness—we must say: This stems from something entirely different and is never controllable, yet it is based on the same laws. Whenever a person spontaneously becomes somnambulistic, or when external forces act upon them through unauthorized means, or when a person is suffering from this or that illness, it can happen that their etheric body becomes detached from the physical body, so that the compact connection between the physical body and the etheric body no longer exists, as it does in the normal state. This can indeed occur as a result of disease processes, and, fundamentally speaking, most phenomena in the realm of lower clairvoyance can be attributed to pathological conditions. In such cases, a person’s etheric body is not as firmly bound. While in the case of the trained clairvoyant this loosening occurs because the astral body becomes strong and takes control of the etheric body, in the case of lower clairvoyance it occurs because an organ becomes diseased. Through the disease, it detaches itself from the etheric body in a certain way; the etheric body becomes free for such people.

[ 48 ] Solange das physische Gehirn in noch ganz normalem innigem Zusammenhang mit dem ätherischen steht, solange kann der astralische Leib nichts anfangen mit dem ätherischen; das physische Gehirn hält den Ätherleib. Tritt eine Abnormität ein, so wird ein größeres oder kleineres Stück des Ätherleibes heraustreten aus der Zusammenfügung mit dem physischen Leibe; es kann leichter gehandhabt werden, und es wird gehandhabt vom Astralleibe so, dass eine Art natürlicher Erleuchtung eintritt, die aber in ihrem Inhalt nicht irgendeine höhere Welt darbieten kann, nicht zu höheren Ergebnissen führen kann, weil alle Kontrolle, alle Sicherheit, alles bewusste Verfolgen der Dinge eben ausgeschlossen ist. Menschen, die so hellseherisch geworden sind, können — dadurch, dass ihr Zustand auf demselben Prinzip beruht wie beim geschulten Hellseher, nämlich auf der Beherrschung des Ätherleibes durch den Astralleib —, sie können ungeordnete Einblicke tun in die höheren Welten; was sie erzählen, kann Tatsache sein, es wird aber niemals ein wirkliches Resultat der Geisteswissenschaft daraus hervorgehen können. Was hier gesagt wird, ist nicht ein Leugnen der Realität dessen, was solche Menschen sehen, sondern ein Aufmerksammachen darauf, dass die strengen Resultate der Geisteswissenschaft nur auf dem Wege des geschulten Hellsehens erlangt werden.

[ 48 ] As long as the physical brain remains in a completely normal, intimate connection with the etheric body, the astral body cannot interact with the etheric body; the physical brain holds the etheric body in place. If an abnormality occurs, a larger or smaller portion of the etheric body will break away from its connection with the physical body; it can be manipulated more easily, and it is manipulated by the astral body in such a way that a kind of natural enlightenment occurs—but one that, in its content, cannot reveal any higher world nor lead to higher results, because all control, all certainty, and all conscious pursuit of things are precisely excluded. People who have become clairvoyant in this way—because their state is based on the same principle as that of the trained clairvoyant, namely, the control of the etheric body by the astral body—can gain disordered glimpses into the higher worlds; what they describe may be factual, but it will never yield a genuine result of spiritual science. What is said here is not a denial of the reality of what such people see, but rather a reminder that the rigorous findings of spiritual science can be attained only through the path of trained clairvoyance.

[ 49 ] Nur mit einem Wort möchte ich einen Einwurf streifen, der gemacht werden könnte. Es könnte jemand sagen: Also beruht das niedere Hellsehen immer auf pathologischen Zuständen; wie kann ein Krankheitsprozess wirkliche Einsicht hervorbringen? — Das ist kurzsichtig gesprochen. Gesundheit und Erkenntnis gehen nicht parallele Wege. Der Mensch kann krank werden, und gerade durch diesen Krankheitsprozess kann die übersinnliche Welt frei werden für das Einfließen aus der höheren Welt; etwas Widerspruchsvolles ist das nicht. Ebenso wenig liegt darin eine Empfehlung, dass man einen Menschen krank machen soll, um ihn zum Hellseher zu machen.

[ 49 ] I would like to briefly address an objection that might be raised. Someone might say: So lower clairvoyance is always based on pathological conditions; how can a disease process produce true insight? — That is a short-sighted view. Health and insight do not follow parallel paths. A person can become ill, and it is precisely through this process of illness that the supersensible world can become open to the inflow from the higher world; there is no contradiction in this. Nor does this imply a recommendation that one should make a person ill in order to turn them into a clairvoyant.

[ 50 ] So sehen wir, worauf das beruht und wie es beschaffen ist, was dem Menschen die Tatsachen und Wesenheiten einer höheren Welt ebenso ins Blickfeld des Bewusstseins hereinführt, wie durch die sinnliche Beobachtung die Welt um uns herum in dieses Bewusstsein hereingebracht wird. Genau dasselbe, nur auf anderem Blickfeld, liegt vor. Und wie wir in der Sinneswelt die Pflanzen, die Mineralien wahrnehmen, so haben wir in der geistigen Welt das um uns, was uns diese Sinneswelt erst erklärbar macht, weil sie aus der geistigen hervorgegangen ist. Und wenn der Hellseher Mitteilungen macht über das, was er gesehen hat, so tut er das, um zu erzählen. Er will nichts beweisen, er will erzählen, was er erlebt dadurch, dass er strenge Methoden auf seine eigene Seelenentwicklung anwendet. Und indem er erzählt, vermittelt er eine Welt, die logisch eingesehen werden kann, die auch von dem gewöhnlichen Verstande eingesehen werden kann.

[ 50 ] Thus we see what this is based on and how it is constituted—what brings the facts and entities of a higher world into the field of human consciousness just as sensory observation brings the world around us into that consciousness. It is exactly the same process, only in a different field of vision. And just as we perceive plants and minerals in the sensory world, so too do we have in the spiritual world that which makes this sensory world understandable to us in the first place, because it has emerged from the spiritual world. And when the clairvoyant reports on what he has seen, he does so in order to recount it. He does not seek to prove anything; he wishes to recount what he has experienced by applying rigorous methods to his own spiritual development. And by recounting it, he conveys a world that can be understood logically, one that can also be grasped by the ordinary mind.

[ 51 ] Wenn wir in anderer Weise aussprechen, was die Erlebnisse des Hellsehers sind, so müssen wir uns sagen: Unsere innere Welt, unsere Seelenwelt wird im gewöhnlichen Leben bestimmt von dem, was draußen vorgeht. Dass ich mir zum Beispiel vorstelle einen grünen Stängel mit Blättern daran, dass ich dieses Bild behaupte, das rührt davon her, dass ich in bestimmter Weise organisiert bin. Die Rose da draußen bestimmt mich, strömt ihre Kräfte in mich herein, indem sie mir die Vorstellung ihrer äußeren Wesenheit übermittelt.

[ 51 ] If we describe the clairvoyant’s experiences in a different way, we must acknowledge that our inner world—our spiritual world—is shaped in everyday life by what is happening outside. For example, the fact that I imagine a green stem with leaves on it—that I hold onto this image—stems from the fact that I am organized in a certain way. The rose out there influences me, pouring its forces into me by conveying to me the image of its outer being.

[ 52 ] So ist es auch auf dem Gebiete des Geistigen. Es sind die geistigen Wesenheiten, die sich dem entwickelten Menschen erschließen, die in seinem inneren Seelenleben sich abspiegeln, wie die äußeren Sinnesdinge im gewöhnlichen Vorstellen sich abspiegeln. Also es erlebt der Hellseher in seinem Seelenleben die geistige Außenwelt und er sagt sich: Wenn ich in die Sinneswelt blicke, dann weiß ich, dass diese Sinneswelt geschaffen, geordnet, bestimmt wird von den Wesenheiten, deren Wirken und Walten sich mir eröffnet, wenn ich den hellseherischen Blick über die Sinneswelt richte. — Er sagt sich: Dass die Sinneswelt mir geordnet entgegentritt, kommt daher, dass sie so gestaltet worden ist von den Wesen, die ich sehe. Die Blüte vor mir, ein Kristall, ein Gebirge, es ist alles aus dem Geist herausgearbeitet. Die geistigen Untergründe schaue ich, sehe ich. Nichts würde ich von ihnen sehen können, wenn ich mich meiner Willkür überließe. Ich muss sozusagen mein Seelenleben zum Opfer bringen und muss die Welt des höheren geistigen Selbstes in meine Seele einströmen lassen; sie muss auf mich wirken, sie ist das Bestimmende.

[ 52 ] The same is true in the spiritual realm. It is the spiritual beings that reveal themselves to the evolved human being, reflecting in his inner soul life just as external sensory objects are reflected in ordinary perception. Thus, the clairvoyant experiences the spiritual outer world in his inner life and says to himself: When I look into the sensory world, I know that this sensory world is created, ordered, and determined by the beings whose activity and governance reveal themselves to me when I direct my clairvoyant gaze upon the sensory world. — He says to himself: The fact that the sensory world appears to me in an ordered way stems from the fact that it has been shaped in this way by the beings I see. The flower before me, a crystal, a mountain—it is all fashioned out of the spirit. I perceive the spiritual foundations; I see them. I would not be able to see anything of them if I were to surrender to my own whims. I must, so to speak, sacrifice my inner life and allow the world of the higher spiritual self to flow into my soul; it must act upon me—it is the determining factor.

[ 53 ] Und nun denken Sie sich eines: Denken Sie sich, dass diese Welt da ist, dass sie wirkt, dass sie immer auf den Menschen wirkt, wenn auch nicht auf sein Bewusstsein. Denken Sie sich, dass ein Mensch da steht in der Welt; um ihn herum ist die Welt, die der Hellseher sieht; sie wirkt auf jeden Menschen. Auf den bloß sinnlichen Beobachter wirkt sie dadurch, dass sie ein äußeres Gesicht darbietet; auf den Hellseher wirkt sie so, dass er zunächst diese geistige Welt nicht sieht, dass sie aber als bestimmende Kraft wirkt, dass er zwar nicht aufblicken kann zu einer Welt von geistigen Kräften, dass aber auf eine ihm unbewusste Art einströmen die Kräfte dieser Wesenheiten. Er sieht sie nicht, aber sie senden Kräfte, ordnen sein Vorstellungsleben, bestimmen das, was seine Seele erlebt. Ein Mensch sieht einen anderen Menschen; würde er nichts weiter sehen, so würde er ein Bild nur der äußeren Welt erhalten. Jetzt wirkt die geistige Welt so, dass sie ihm ihre Kräfte schickt. Jetzt ist er nicht zufrieden mit den Vorstellungen der äußeren, sinnlichen Welt. Er gestaltet sich um, um sich nach und nach zu dem erhabenen Bilde zu machen, das zum Beispiel der Grieche in der Zeus-Statue dargestellt hat. Dieselbe Kraft und Wesenheit, die der Hellseher sieht, die wirkt gleichsam auf den mit wahrer Phantasie begabten Menschen so, dass sie an seiner Seite steht, sodass sie ihn leitet und führt, dass sie die Vorstellungen zusammenkombiniert.

[ 53 ] And now imagine this: Imagine that this world exists, that it exerts an influence, that it always affects human beings, even if not their consciousness. Imagine a person standing in the world; surrounding him is the world that the clairvoyant sees; it affects every human being. It affects the purely sensory observer by presenting an outward appearance; it affects the clairvoyant in such a way that, at first, he does not see this spiritual world, but it acts as a determining force—though he cannot look up to a world of spiritual forces, the forces of these beings flow into him in a way that is unconscious to him. He does not see them, but they send forth forces, organize his life of imagination, and determine what his soul experiences. A person sees another person; if he saw nothing more than that, he would receive only an image of the outer world. Now the spiritual world acts by sending its forces to him. Now he is no longer satisfied with the images of the outer, sensory world. He transforms himself in order to gradually become the sublime image that, for example, the Greeks depicted in the statue of Zeus. The very same force and being that the clairvoyant sees acts, as it were, upon the person endowed with true imagination in such a way that it stands by his side, guiding and leading him, combining his ideas.

[ 54 ] Und so wirkt die Phantasie wie eine Seelenkraft, die von den Welten befruchtet wird, in die der Hellseher hineinschaut, eine Seelenkraft, in die die höheren Welten heruntersenden ihre Gesetze, sodass der mit Phantasie Begabte die äußeren Dinge umformt, damit in ihnen die Wahrheiten der geistigen Welten leben. Da haben wir den realen Grund der Phantasie, und da begreifen wir, dass Schiller von Goethe sagen konnte, wie bei ihm Verstand und Vernunft und Fühlen und alle Seelenkräfte harmonisch zusammenwirken und von der Phantasie befruchtet werden. Wir begreifen, dass er sagen konnte: Was auf diese Weise geschaffen wird, charakterisiert den Menschen als den einzig wahren Menschen, denn er wirkt nicht nur durch eine einzelne Seelenkraft, sondern er nimmt alles zusammen, und alles wirkt nach der Phantasie — die nicht mit der äußeren Wahrheit zu stimmen braucht —, nach der Imagination hin. Und so können wir es auch begreifen, dass Goethe der Anschauung sein kann: Es gibt eine Phantasie, die nicht mit der äußeren Wahrheit zu stimmen braucht, die aber eine eigene Bestimmtheit hat. Das haben wir gesehen. Es gibt eine Phantasie, die zwar noch nicht zum Hellsehen kommt, die aber befruchtet ist von den Kräften, die der Hellseher schaut. So wird es uns begreiflich, wenn Schiller alle anderen Betätigungen des Menschen als einseitig erscheinen, aber in der Anschauung Goethes ihm aufgeht: Der Künstler, der die einzelnen Seelenkräfte zusammennimmt, um das, was er als äußere Neuformung in der Sinneswelt erhält, befruchten zu lassen von den geistigen Welten; solcher Künstler ist der einzig wahre Mensch.

[ 54 ] And so the imagination acts like a power of the soul that is nourished by the worlds into which the clairvoyant gazes—a power of the soul into which the higher worlds send down their laws—so that the person gifted with imagination transforms external things so that the truths of the spiritual worlds may live within them. Therein lies the true basis of imagination, and there we come to understand why Schiller could say of Goethe that in him intellect, reason, feeling, and all the soul’s powers work together harmoniously and are nourished by the imagination. We understand that he could say: What is created in this way characterizes the human being as the only true human being, for he does not act through a single power of the soul alone, but takes everything together, and everything acts through the imagination—which need not correspond to external truth—toward the realm of the imagination. And so we can also understand that Goethe could hold the view: There is a fantasy that need not correspond to external truth, but which possesses its own distinct character. We have seen this. There is a fantasy that, while not yet attaining clairvoyance, is nonetheless nourished by the forces that the clairvoyant perceives. Thus it becomes clear to us why Schiller regards all other human activities as one-sided, yet in Goethe’s conception it dawns on him: The artist who brings together the individual powers of the soul in order to allow what he perceives as an external reshaping in the sensory world to be enriched by the spiritual worlds—such an artist is the only true human being.

[ 55 ] Freilich, Schiller wusste nichts von der Geisteswissenschaft, aber er fühlte, um was es sich handelte. Ebenso ist das, was Goethe von der Phantasie sagt, durchaus richtig. Wahr ist es, wenn Goethe sagt, dass die echte Kunst, die also aus der Phantasie heraus schafft, die Offenbarung geheimer Naturgesetze ist, die ohne Phantasie niemals entdeckt werden könnten. Mag uns die äußere Beobachtung rein äußere Sinnestatsachen und -wahrheiten liefern, die innere Wahrheit ist etwas, dem die von oben her befruchtete Phantasie viel nähersteht als Verstandeskräfte.

[ 55 ] Admittedly, Schiller knew nothing about the science of the spirit, but he sensed what it was all about. Likewise, what Goethe says about the imagination is entirely correct. It is true, as Goethe says, that genuine art—that is, art created from the imagination—is the revelation of secret laws of nature that could never be discovered without the imagination. While external observation may provide us with purely external sensory facts and truths, inner truth is something to which the imagination, inspired from above, is much closer than the powers of reason.

[ 56 ] Und so sehen wir, wie die Dinge in der Welt gewissermaßen verteilt sind. Der Mensch ist veranlagt dazu, hinaufzusteigen in die höheren Welten. In jeder Seele schlummern die höheren Fähigkeiten. Derjenige, der die Geduld und Ausdauer hat — durch viele Leben vielleicht hindurch —, der darf die Hoffnung haben, hineinzuschauen in die Welten, die erst die äußere Sinneswelt verständlich machen. Aber bis dahin, bis der Mensch das erreicht, ist ihm etwas gegeben wie ein Vorläufer, ein Stellvertreter für die Einsicht in die höheren Welten. Er kann sich befruchten lassen von diesen höheren Welten und dann die Außenwelt, im Schaffen des Künstlers zum Beispiel, so umgestalten, dass sie einen Abglanz bietet der geistigen Welten.

[ 56 ] And so we see how things in the world are, so to speak, distributed. Human beings are predisposed to ascend into the higher worlds. The higher abilities lie dormant in every soul. Those who have the patience and perseverance—perhaps over the course of many lifetimes—may hope to glimpse the worlds that alone make the outer sensory world comprehensible. But until then, until a person reaches that point, they are given something like a forerunner, a substitute for insight into the higher worlds. They can allow themselves to be inspired by these higher worlds and then transform the outer world—in the artist’s creative work, for example—in such a way that it offers a reflection of the spiritual worlds.

[ 57 ] Und so schauen wir in der Kunst nicht bloß die Sinneswelt so an, wie die Natur die Sinneswelt schafft, sondern wir schauen in den großen Kunstwerken den schaffenden Gott selber, der durch das Medium des Menschengeistes, der Menschenphantasie gegangen ist. Wir sehen im Umkreis der Kunstwerke ein äußeres Abbild dessen, was zwar nicht unmittelbare Sinneswirklichkeit ist, dafür aber ein Ausdruck für geistige Welten, insofern geistige Welten durch Sinnlich-Materielles ihren Ausdruck finden können. Und so sehen wir, dass im Geistesleben der Menschheit die Phantasie dem großen Ziel, dem Hellsehen, dem Hineinschauen in die geistigen Welten voranleuchtet. Dies Ziel haben einzelne Menschen schon erreicht dadurch, dass sie die genannten Mittel angewendet haben. Es erscheint uns diese Geisteswelt als der Beherrscher alles niederen Daseins und das Hellsehen als das, wodurch der Mensch Anteil gewinnt an der geistigen Welt; es ruft den Menschen hinauf in die Sphären einer höheren Welt. Und dieses Hellsehens Stellvertreter in der Sinneswelt, sodass der Mensch schon einen Abglanz der geistigen Welt, zum Beispiel durch die Kunst haben kann, das ist die Phantasie. Und je tiefer wir in diesen Zusammenhang hineinschauen, desto mehr erkennen wir: Das Hellsehen ist der Beherrscher der menschlichen Geisteskräfte im umfassendsten Sinne einer Welterkenntnis und des Verständnisses der Welt; und die Phantasie ist der Statthalter des Hellsehens innerhalb der sinnlichen Welt.

[ 57 ] And so, in art, we do not merely view the sensory world as nature creates it, but in the great works of art we behold the creative God Himself, who has worked through the medium of the human spirit and the human imagination. In the realm of works of art, we see an outward reflection of that which, while not immediate sensory reality, is nonetheless an expression of spiritual worlds—insofar as spiritual worlds can find expression through the sensory and material. And so we see that in the spiritual life of humanity, the imagination points the way toward the great goal of clairvoyance—of looking into the spiritual worlds. Individual people have already attained this goal by applying the methods mentioned. This spiritual world appears to us as the ruler of all lower forms of existence, and clairvoyance as the means by which human beings gain a share in the spiritual world; it calls human beings upward into the spheres of a higher world. And the representative of this clairvoyance in the sensory world—so that human beings can already have a reflection of the spiritual world, for example through art—is the imagination. And the deeper we look into this connection, the more we recognize: Clairvoyance is the ruler of the human spiritual powers in the most comprehensive sense of world knowledge and understanding; and the imagination is the representative of clairvoyance within the sensory world.