Der Kreislauf des Menschen
innerhalb der Sinnes Seelen und Geisteswelt
GA 68b
7 November 1908, München
46. Hellsehen und Phantasie
[ 1 ] [Meine sehr verehrten Anwesenden!] Während ihres schönen, für das neuere Geistesleben so bedeutsamen Freundschaftsbundes tauschten Goethe und Schiller die Werke, die sie in der Zeit dieser ihrer Freundschaft arbeiteten, aus, und als Schiller von Goethe einige Teile des «Wilhelm Meister» erhielt, da schrieb er ihm merkwürdige, man möchte sagen, zunächst sonderbare Worte. Überwältigt von dem Eindruck des Kapitels, das er damals erhielt, schrieb er:
Der Dichter ist der einzig wahre Mensch, und der beste
Philosoph ist nur eine Karikatur gegen ihn.
[ 2 ] Sonderbar erscheinen diese Worte, aber man wird sie nicht mehr so sonderbar finden, wenn man ein wenig eindringt in Schillers Seele und erforscht, wie er eigentlich diesen Ausspruch gemeint hat. Man wird Aufschluss darüber erlangen, wenn man diese Worte mit dem Inhalt jenes berühmten Briefes vergleicht, den Schiller, kurz nachdem die beiden ihre Freundschaft geschlossen hatten, an Goethe schrieb, jenes Briefes, der ja schon häufig von mir erwähnt worden ist. Da schrieb Schiller:
Lange schon habe ich, [obgleich aus ziemlicher Ferne, dem Gang Ihres Geistes zugesehen und den Weg, den Sie sich vorgezeichnet haben, mit immer erneuter Bewunderung bemerkt. ...]
[ 3 ] Und nun verbreitet er sich über die Art und Weise, wie Goethe die Welt ansieht. Er sagt, dass Goethe seinen Blick frei und offen und objektiv über die Dinge der Welt richtet und dass er versucht, eine Anschauung nicht auf spekulativem Wege zu gewinnen, sondern indem er in der Allheit der Erscheinungen der Welt das Notwendige sucht. Ein «heldenmütiges» Unternehmen nennt es Schiller. Und dann erklärt er in seiner Art, warum er dieses Unternehmen so heldenmäßig findet, und da sagt er dann: Alle Ihre Kräfte, Ihre Geisteskräfte wirken harmonisch zusammen und richten sich zuletzt nach der Vereinigerin von allen Geisteskräften in Ihrer Seele, nach der Imagination.
[ 4 ] Also wir sehen daraus, dass Schiller in Goethes Art, die Welt anzusehen, und zwar auch in der Seelentätigkeit Goethes, aus der seine künstlerischen Werke ausgeflossen sind, dass er darin etwas sieht, was den Menschen ganz besonders tief hineinführen kann in die Geheimnisse des Daseins. Schiller sieht also in der Eigenart, wie Goethe seine Imagination, seine Phantasie ausgebildet hat, etwas Besonderes, und wenn man prüft, was da eigentlich spielte an Gedanken und Meinungen zwischen Goethe und Schiller, so findet man, dass Schiller in der Anschauung des höchsten Geistigen ein bedeutungsvoller Begriff von der Phantasie aufgegangen ist, und zwar das, was man nennen könnte die «innere Wahrheit der Phantasie».
[ 5 ] Schiller trachtete ja danach — und das ist wiederum aus seinen Briefen zu ersehen —, zu erkennen, wie der Mensch durch Entwicklung hinkommen könne zum vollen Menschen. In jeder Menschennatur erblickte er einen höheren Menschen, einen repräsentativen Menschen, dem der gewöhnliche Alltagsmensch sich immer mehr nähern muss. In Goethes Art, in der Phantasie die Geisteskräfte zusammenwirken zu lassen, von der Phantasie ausstrahlen zu lassen, was jeder anderen Seelenkraft ihren Platz anweist — in dieser Art von Seelentätigkeit fand Schiller etwas, was den Menschen zum Vollmenschen macht, was ihn am besten dahin bringt, sich zu vereinigen mit den Urgründen der Welt, woraus der Mensch und die Dinge geflossen sind.
[ 6 ] Wenn man so unsere großen Geister über Phantasie reden hört, so nimmt sich das etwas anders aus, als wenn, nicht nur im Alltagsleben, sondern auch in vielen heute der Wissenschaft nahestehenden oder sogar ergebenen Kreisen, von der Phantasie geredet wird. Man stellt heute die Phantasie in einen solchen Gegensatz zu dem objektiven Wahrheitsstreben, als ob sie jenen Seelenfähigkeiten, die zur Erforschung des Wahren führen, direkt entgegengesetzt wäre, als wenn sie nur dazu diente, die Dinge in beliebiger Weise zu kombinieren. Wenn wir uns zu einem Verständnis Goethes durchringen und überzeugt sind, dass Goethe in diesen Dingen Fachmann war, so hat vielleicht ein Goethe’sches Wort für uns einen aufklärenden Wert, das Wort:
Der Mensch strebt danach, die Geheimnisse der Natur zu ergründen, und er sehnt sich nach ihrer würdigsten Auslegerin, der Kunst.
[ 7 ] Ja, Goethe spricht das Schöne, das heißt die Hervorbringungen der Phantasie, den Inhalt des künstlerischen Schaffens so an, dass er sagt: Die Kunst, das Schöne, also die Kinder der Phantasie, sind eine Manifestation geheimer Naturgesetze, die ohne ihre Tätigkeit nie ergründet werden könnten.
[ 8 ] Nun müssen wir allerdings dem Alltagsverstand recht geben, der die Phantasie als ein Kombinationsvermögen bezeichnet, das nach der Lust der Seele arbeitet, also aus Gefallen und anderen Impulsen heraus, die im objektiven Sinne nichts mit der Erkenntnis zu tun haben. Wir müssen zugestehen, dass Phantasie in vieler Beziehung den Menschen hinwegführt von der Wahrheit. Wohin käme man, wenn man zugeben wollte, dass die Phantasie eine Rolle in den äußeren wissenschaftlichen Erforschungen spielt? Zwar wird niemand leugnen, dass die Phantasie im wissenschaftlichen Forschen eine vorläufige Rolle spielen darf. Derjenige, der mit kombinierender Phantasie zu arbeiten vermag, der ist imstande, verborgene Zusammenhänge zu erkennen, die der andere nicht sieht, der im Laboratorium oder im physikalischen Kabinett arbeitet und Erfahrung an Erfahrung gliedert. Aber man wird natürlich durchaus zugeben müssen, dass für gewisse Gebiete des Forschens, des Lebens, es absolut notwendig ist, dass, wenn jemand durch seine Phantasie solche Kombinationen macht, er durch die Erfahrung das, was er kombiniert hat, in streng äußerlichen Beweisen belegt. So kann die Phantasie zwar eine Führerin sein zu diesem oder jenem Zusammenhang, aber sie muss bewahrheitet werden durch die Mittel der äußeren, objektiven Forschung; das wollen wir zugestehen.
[ 9 ] Dennoch weist uns ein solches Wort wie das von Goethe — oder eine solche Stellung zur Sache wie die von Schiller — darauf hin, dass Goethe in den Werken der Phantasie, in der schöpferischen Betätigung der Phantasie etwas sieht, was auch einen Wahrheitsgehalt darbietet, im Gegensatz zu dem willkürlichen, fessellosen Spiel, das wir vielleicht besser als ein phantastisches Spiel der Vorstellungen bezeichnen. Derjenige aber, das werden Sie leicht zugeben können, welcher also von der Phantasie spricht, dass sie irgendetwas enthält von Wahrheit, der kann nicht davon sprechen, dass er durch die Außenwelt zur Anerkennung dieses Wahrheitsgehaltes gezwungen wird.
[ 10 ] Wenn wir Tatsache an Tatsache reihen und die Gesetze zu ergründen suchen, dann zwingen uns die Beobachtungsresultate zu unserem Urteil. Wenn wir die Phantasie sprechen lassen, dann besteht ein solcher äußerer Zwang nicht. Dasjenige, was der Phantasie zugrunde liegt, was die Phantasie hervorbringt, wäre also doch etwas, was als Wahrheit die Phantasie durchzieht. Es müsste demnach eine innere Gesetzmäßigkeit wiederum so walten, dass gewisse Gedanken, die durch die Phantasie zusammengebracht werden, als wirklich vor einem höheren Forum erscheinen, dass gewisse Schlüsse der Phantasie durch eine innere Notwendigkeit einen Ausdruck von Wahrheit darbieten.
[ 11 ] Also es müsste in der schöpferischen Phantasietätigkeit, wenn sie wahrhafte Berechtigung haben soll, etwas wirksam sein, was wie ein innerer Führer des Menschen ihn in seinem phantasievollen Schaffen leitet, was ihn nicht beliebig nach Lust und Freude durch Gedanken befruchten lässt, sondern was ihn dazu führt, dass er mit sicherer innerer Richtung Gedanken an Gedanken reiht und dadurch etwas erhält, was in gewisser Beziehung Ausdruck der Wahrheit ist.
[ 12 ] Wenn wir so einen wahren, großen Dichter von der Phantasie als einer Enträtslerin innerer Wahrheiten reden hören, dann ist es wohl gestattet, diese schöpferische Seelentätigkeit, diese Phantasie, zu messen an derjenigen Seelentätigkeit, an der Seelenfähigkeit, welche geeignet ist, im Sinne der Geisteswissenschaft oder Theosophie hineinzuführen in die Untergründe des Daseins.
[ 13 ] Wir haben im Laufe der Jahre mancherlei über diese Geisteswelt, die der sinnlichen zugrunde liegt, gesprochen. Die Methoden, die zu den Ergebnissen, die wir so oft besprochen haben, führen, diese Methoden sind — so furchtbar auch das Wort für manche moderne Menschen klingen mag —, sind die sogenannten hellseherischen Methoden. Mitteilungen über Tatsachen und Wesenheiten der geistigen Welt bietet die Geisteswissenschaft, und gefunden werden diese Tatsachen und Wesenheiten auf dem Wege des Hellsehens. Es wird hier nicht meine Aufgabe sein, gewisse niedere Formen des Hellsehens zu besprechen — sie können höchstens gestreift werden —, denn diese niederen Formen können niemals zu irgendwie wirklichen Ergebnissen der Geisteswissenschaft führen. Dagegen wird es meine Aufgabe sein, nach Maßgabe der uns zugemessenen Zeit zu besprechen die Methode und die Tragweite des sogenannten höheren, des durch echte, wirklich sachgemäße Schulung errungenen Hellsehens.
[ 14 ] Hellsehen kennt ja mancher Mensch der Gegenwart nur in der Form des sogenannten niederen Hellsehens, da, wo es uns entgegentritt wie eine zufällige Gabe oder Krankheit, im Somnambulismus und anderen Formen. Da gibt es Zustände in der menschlichen Natur, durch die der Mensch nicht in der gewöhnlichen Weise sich zu seiner Umwelt verhält, sondern in denen er sein Seelenleben ausgefüllt hat, sagen wir, von Bildern einer anderen Welt. Der Somnambule ist für die Außenwelt in einer Art von Schlaf. Dieser Schlaf ist vielleicht in einem so geringen Grad vorhanden, dass der Laie immer wiederum erwidert: Ja, das ist ja ein vollständig Wacher, der nur in seinem wachen Zustande anders sieht als der gewöhnliche Mensch. - Und ein solcher Mensch, der so anders sieht, wird ein Hellseher genannt. Wenn er in diesem mehr oder weniger schlafähnlichen Zustande Bilder wahrnimmt, so bilden diese Bilder an Inhalt zum Teil Absonderliches, zum Teil recht Sinnvolles. Er kann diese Bilder mitteilen, kann in der verschiedensten Weise die Umwelt in Erstaunen setzen über Dinge, die er sieht. Er weiß in diesem somnambulen Zustande selbst durch Vorhersage gewisse Dinge, die dann trotz aller Gegenrede eintreffen. Ein solcher [somnambuler Mensch], der sein äußeres Tagesbewusstsein herabgestimmt hat, kann Aussagen machen über gewisse Zustände, die ihm bevorstehen, die staunenswert erscheinen. Ein solcher Kranker weiß genau anzugeben, was ihm helfen kann, wie er zu behandeln ist. In solchen Zuständen dringt ja die Menschenseele in der Tat durch die Hülle der äußeren Sinneswelt hindurch und hat eine andere Welt vor sich. Das ist durchaus nicht abzuleugnen, und wer es leugnet, der hat eben keine Forschung auf diesem Gebiet angestellt.
[ 15 ] Aber alle diese Formen sind es nicht, die uns eigentlich interessieren. Das, was durch solch niederes Hellsehen gewonnen wird, das kann nicht Gegenstand der Geisteswissenschaft sein, von der wir hier reden. Gegenstand dieser Geisteswissenschaft ist allein das, was auf dem Wege des geschulten Hellsehens gewonnen wird, desjenigen Hellsehens, das sich der Mensch erworben hat in vollständig bewusster Anwendung der Methoden, die ihm aus den entsprechenden Schulen gegeben werden. Jeden Schritt macht der angehende Hellseher mit strenger Kontrolle seiner selbst, vollständig bewusst, geradeso, wie sich die anderen Menschen in Bezug auf die äußere Welt verhalten, die sie mit den Sinnen wahrnehmen. Die Frage ist nur jetzt diese: Wie haben wir uns das Werden eines solchen Hellsehers vorzustellen?
[ 16 ] Wenn wir sein Wesen definieren wollen, so können wir sagen: Es lässt sich in Bezug auf wissenschaftliche Methodik mit dem vergleichen, was wir äußere Forschung im heutigen Sinne des Wortes nennen. Der Forscher macht sich allerlei Instrumente und Werkzeuge, durch die er das, was innerhalb der Sinneswelt zu erforschen ist, erforscht. Er erfindet sich wissenschaftliche Methoden, durch die er in systematischer Art die Dinge so erschauen kann, dass sie ihm sozusagen ihre Geheimnisse offenbaren. So umgibt sich der wissenschaftliche Forscher mit Instrumenten, so stattet er sich aus mit Methoden, die es ihm möglich machen, die Dinge so anzuordnen, dass sie ihm etwas sagen. Auch der Geistesforscher arbeitet mit seinem Instrument, mit einem sehr komplizierten sogar, und er kann nichts erforschen ohne dieses Instrument. Welches ist dieses Instrument?
[ 17 ] Das ist er selbst. Aber es ist nicht er selbst in dem Zustande, wie die Seele im Alltagsleben steht. Es ist der Mensch erst dann dieses Instrument, wenn er durch die Methoden, die man ihm an die Hand geben kann, sein ganzes Erkenntnisvermögen, seine Seelenkonstitution so umgestaltet hat, dass er sich andere, allerdings jetzt geistige Organe angeeignet hat. Er muss den Moment erlebt haben, wo er sich aus eigener Erfahrung heraus sagen kann: Nun gewiss, jeder vernünftige Mensch sagt sich, es kann nicht so sein, dass sich das, was uns umgibt, durch die Werkzeuge unserer fünf Sinne erschöpft, denn hat jemand einen dieser Sinne nicht, fehlt ihm die Möglichkeit, mit sehenden Augen zu schauen, so ist [für ihn] die Lichtwelt nicht da. Sie ist da, wenn das Organ da ist. Mit jedem neuen Organ bietet sich ein neuer Inhalt der Außenwelt, daher dürfen wir nicht die Wirklichkeit begrenzen. Es müssen also oder können um uns herum verborgene, unsichtbare übersinnliche Welten sein, und insofern man dies in dieser vorsichtigen Weise ausspricht, «sie können da sein», ist logisch nichts dagegen einzuwenden.
[ 18 ] Derjenige, der im eben charakterisierten Sinne Hellseher wird, der bildet sich so um, dass diese verborgene Welt für ihn ebenso wahrnehmbar wird wie für die gewöhnlichen Augen die Licht- und Farbenwelt. Und so wie für den operierten Blindgeborenen eine neue Welt hereinbricht, die Licht- und Farbenwelt, so strömt auf den also erweckten Hellseher aus seiner Umgebung eine neue Welt herein, die dann seine Beobachtungswelt ist. Aber man darf nicht glauben, dass dies durch irgendwelche Mittel erreicht wird, die etwa als abergläubige oder als vorurteilsvolle zu bezeichnen wären. In strenger Umgestaltung des menschlichen Erkenntnisvermögens zu einem Instrument der höheren Wahrnehmung wird das vollzogen. Natürlich kann ich nur allgemein andeuten, wie das geschieht. Aber wir wollen doch auch zu solchen, sozusagen höheren Kapiteln gehen, auch in öffentlichen Vorträgen, und wenigstens skizzenhaft andeuten, wie geforscht wird.
[ 19 ] Der Mensch, wenn er die umliegende Welt wahrnimmt, wird am treuesten dieser umliegenden Welt gegenüber sein, wenn er sich von ihr das, was sie ihm zu sagen hat, möglichst ohne die Einmischung der Willkür sagen lässt. Daher sehen wir den Forscher mit Recht bestrebt, und sorgsam bestrebt, dass nichts von subjektiver Willkür irgendwelcher Art eingemischt wird in das, was er als Resultat erstrebt, dass alles die Dinge selbst diktieren, dass der Mensch durch seine Methoden der Natur nur die Gelegenheit gibt, sich auszusprechen. Je weniger Willkür wir dabei anwenden, desto besser ist es. Aber der Mensch kann ja nicht umhin, über die Dinge der Außenwelt nachzudenken, und eine leichte Erwägung wird Ihnen sagen können, dass Sie aus der Außenwelt, aus der Beobachtung Ihre Wahrnehmung, Ihre Sinnesempfindung gewinnen, dass Sie die einzelnen Dinge des äußeren Lebens hereinströmen lassen; aber Sie werden auch verstehen, dass das, was man Begriff nennt, nicht aus der Außenwelt in uns hereinströmt. Schon eine äußerliche Tatsache kann Ihnen den Beweis dafür liefern, dass der Mensch da, wo er die Außenwelt erforscht, ihr eigentlich aus seinem Innern die Begriffe entgegenbringt; und gerade das moderne Denken wird das zugeben müssen. Richtet dieses Denken sich zurück um ein paar Jahrtausende und betrachtet es die Begriffe über den Bau unseres Sternensystems, so muss es sich sagen: Wenn das Auge hinaufgesehen hat, da hat die äußere Wahrnehmung dasselbe gesehen, was Kopernikus, Galilei gesehen haben; die Gesetze aber, die darin walten, die Begriffe und Ideen über das Weltgebäude, die sind erst im Laufe der Zeit errungen worden. Wodurch ist zum Beispiel Kopernikus zu seiner Anschauung über den Sternenhimmel gekommen? Dadurch, dass er dasselbe Beobachtungsmaterial, das auch seinen Vorfahren vorgelegen hat, anders kombinierte, dass er den Geist, die in ihm waltende Begriffswelt, in anderer Weise angewendet hat als seine Vorfahren. Durch das, was er hinzugetragen hat zur Beobachtung, hat er das Wesentliche für unser Jahrhundert gesehen.
[ 20 ] So könnten wir es für alle Gebiete zeigen. Der orthodoxeste Darwinianer muss sich sagen: Auch vor Haeckel haben die Menschen die Tatsachen der Welt betrachtet. Dass sie zu ihrer Theorie gekommen sind, hängt nicht davon ab, dass Haeckel die Umwelt in anderer Weise erlebt hat, sondern dass er in anderer Art und Weise an die Dinge herangetreten ist. Also es ist wesentlich, was der Mensch hinzubringt.
[ 21 ] Und noch durch einen anderen Fall können wir klarmachen, wie Begriffe und Ideen nicht das sind, was von außen in den Menschen einströmt, sondern was er selbst in die Welt hineintragen muss. Versuchen Sie es einmal, darüber nachzudenken, wenn Sie hinausfahren auf das Meer bis zu einem Punkte, wo Sie nur Meer haben, Meer, auf welchem rings um Sie herum das Himmelsgewölbe zu ruhen scheint. Sie werden sich dann sagen: Das Himmelsgewölbe scheint zu ruhen in Form eines Kreises auf der Meeresoberfläche; aber verstehen werden Sie den Kreis durch solche Beobachtungen nicht. Sie werden ihn erst verstehen, wenn Sie von der äußeren Beobachtung absehen und imstande sind, im eigenen Geist, unabhängig von der Beobachtung, sich den Kreis zu konstruieren, wenn Sie imstande sind, geistig das Bild zu zeichnen, bei dem alle Punkte gleich weit vom Mittelpunkt entfernt sind. Um dieses Bild im Geiste zu haben, um den [Kreis] zu verstehen, brauchen Sie keine Kreide, keine äußere Beobachtung. Sie können das im Geiste konstruieren und alle Gesetze sich im Geiste klarmachen. Und wenn Sie in die Wirklichkeit hinaustreten und Anordnungen sehen, die im Kreise sind, dann muss das übereinstimmen mit dem, was Sie in der Studierstube als die Gesetze des Kreises ausgedacht haben. Niemals hätte der große Kepler die Gesetze des Laufes der Planeten finden können, wenn nicht zuerst im Geiste die Bahn[en der Planeten] ihm aufgetaucht wäre[n] und er dann gefunden hätte: Wenn er hinausschaut, dann bewegen sich die Sterne in den Linien, die er zuerst im Geiste konstruiert hat.
[ 22 ] So tragen wir die Begriffs- und Ideenwelt in höherem Sinne des Wortes in uns. Wir bringen sie zu den äußeren Dingen hinzu, und diese sagen uns: Was du gedacht hast, das vollführen wir. Der Stern sagt gleichsam: Du hast in deiner Seele eine Linie ausgedacht; ich aber bewege mich im Sinne dieser Linie. Und so kommen Sie dazu, einzusehen, dass das, was in Ihrer Seele lebt, ohne dass Sie aufnehmen eine äußere Sinnesbeobachtung, dass das als eine geistige Grundlage und Gesetzmäßigkeit dieser Sinneswelt zugrunde liegt; aber die Bestätigung müssen Sie sich herholen aus dieser Sinneswelt. Etwas aussagen über diese Sinneswelt können Sie erst dann, wenn sie Ihnen Erscheinungen bietet, die in das Gedachte hineinfallen.
[ 23 ] Nun denken Sie sich einmal, dass der Mensch — und ich gebe in diesem Fall allerdings die einfachsten Dinge der sogenannten geheimwissenschaftlichen Schule an —, dass der Mensch versucht, einen Gedanken festzuhalten, welcher in seiner eigenen Seele konstruiert ist, wie etwa ein Kreis, ohne dass er mit dem Bilde in der Seele herausgeht in die Beobachtungswelt. Wenn nun der Mensch es zustande bringt, eine Weile abzusehen von aller äußeren Beobachtung und in sich festzuhalten vermag die Aufmerksamkeit auf ein solches inneres Bild, wenn er sich blind und taub macht für die äußere Umgebung und an einem solchen Bilde haften bleibt, wenn er seine Seele konzentriert auf dieses Bild, dann übt er die erste Elementarbetätigung auf dem Wege zum Hellsehen — das, was man als Konzentration bezeichnet.
[ 24 ] Alles geht davon aus, dass die Menschenseele sich zunächst an etwas hält, was in ihr selbst allein lebt, wofür es gleichgültig ist zunächst, ob es etwas Äußeres gibt, dem es entspricht, oder nicht. Es kommt auf die Tätigkeit der Seele an, festzuhalten in strenger innerer Richtung solche Tätigkeit die auf ein Seelengebilde gerichtet ist. Darauf kommt es an. Nun genügt natürlich nicht eine einmalige solche Tätigkeit, sondern sie muss oft wiederholt werden; und auch dann, wenn sie oft und oft wiederholt wird, ist das eigentlich Wirksame nicht das, was der Mensch an Gedankenbildern gewinnen kann, wenn er eigentlich noch ganz auf die Anregung der äußeren Sinneswelt angewiesen ist.
[ 25 ] Es liegen jahrtausendealte Erfahrungen in Bezug auf Hellsehen vor, Erfahrungen von Leuten, die wissen und ihre Ratschläge erteilen, um innere Seelenkräfte zu entwickeln. Vor allem will ich nur darauf aufmerksam machen, dass es gewisse Wahrheiten, Kernsätze gibt. Nun braucht man gar nicht von der Wahrheit solcher Sätze überzeugt zu sein, welche in gewisser Beziehung die Besitztümer der Forscher auf diesem Gebiete sind. Man nehme an, jemand sagt: Ich kann ja nicht von vornherein von der Wahrheit solcher Sätze, die sich vielleicht auf ein Ewiges beziehen, überzeugt sein. — Das braucht er auch nicht; das gehört nicht zum Anfang. Je größer die Unbefangenheit ist, desto besser. Wenn der Lehrer dem Schüler etwas gibt, wovon er sagt: Erfülle deine Seele so, dass du in der Zeit, wo es in deiner Seele lebt, nichts um dich herum wahrnimmst und dich einzig und allein diesem Seeleninhalt hingibst —, dann braucht man durchaus nicht an diesen Seeleninhalt zu glauben. Der Lehrer kann sogar sagen: Glaube nicht daran, aber lasse es in dir wirken. Das ist es, worauf es ankommt. Konzentriere dich darauf, und du wirst sehen, dass solches Ruhen der Seele auf diesem Inhalte eine Wirkung erzielt. Nicht, dass du eine Überzeugung gewinnst, sondern dass dieser Inhalt in deiner Seele wirkt, darauf kommt es an. — Wenn jemand sagt, der Lehrer gibt seinem Schüler etwas, was gar nicht wahr ist, so kann ruhig erwidert werden: Es mag sein, dass es nicht wahr ist, dass die äußere Wahrheit nicht anwendbar ist auf solch einen Satz; aber darauf kommt es nicht an, sondern darauf, dass es eine wirkende Kraft in der Seele wird, dass aus der Seele Verborgenes, dessen sich die Seele früher nicht bewusst war, hervorgeht. Man wird sehen, dass man bei stetiger Wiederholung einer solchen Anweisung innere Erlebnisse haben kann.
[ 26 ] Von ganz besonderer Wirksamkeit sind für dieses Hervorholen verborgener Seelenfähigkeiten gewisse Symbole, symbolische Vorstellungen. Und gerade an einem Symbolum sei charakterisiert, wie sich eigentlich so etwas verhält. Ich möchte von jenem Symbolum sprechen, auf das ich schon häufig hingewiesen habe, von dem schwarzen Kreuz, das von roten Rosen umgeben ist. Wir wollen uns den abstrakten Sinn zunächst, der keine große Bedeutung hat für die hellseherische Schulung, vor die Seele führen. Am besten wird es sein, wenn man an Goethes Wort erinnert:
Wer das nicht hat,
dieses Stirb und Werde,
ist nur ein trüber Gast
auf dieser dunklen Erde.
[ 27 ] Stirb und werde — was heißt das? Das heißt nichts anderes, als dass wir uns bei der Entwicklung unserer Seele dazu erheben müssen, über die Dinge unserer Sinneswelt hinauszukommen, dass diese Dinge zunächst sozusagen um uns herum verschwinden müssen, sodass wir uns gewissermaßen in einem der Sinneswelt gegenüber unbewussten Zustand befinden, der sich vergleichen lässt mit Kampf und Tod. Absterben muss zunächst die Sinneswelt. Wer aber dann ohne Inhalt bleibt, wessen Seele leer bleibt, wenn der Inhalt abstirbt, der ist ein trüber Gast. Etwa das will Goethe sagen: Wenn es dir gelingt, deine Aufmerksamkeit von allem Äußeren abzulenken, wenn du sicher bist, dass nichts einfließt von der äußeren Welt, wenn du dann aus den verborgenen Tiefen der Seele etwas herausholen kannst, was das Blickfeld deiner Seele erfüllt, was anders ist als das Äußere, dann bist du neu erstanden in einer anderen Welt, dann bist du «geworden». Stirb und werde — das Absterben der niederen Natur, der äußeren Sinneswahrnehmung ist im schwarzen Kreuz charakterisiert. Das Aufleuchten einer neuen Welt aus diesem Tod der Sinneswelt heraus ist charakterisiert in den roten Rosen daran. Und wenn wir in einem umfassenden kosmischen Sinne dann dieses Rosenkreuz deuten, so müssen wir sagen: Im mineralischen Reich, im pflanzlichen, in dem, was man die unbewusste Natur nennt, lebt ein Geistiges. Das liegt allem zugrunde. Der Mensch richtet seinen Blick auf die Umwelt, er nimmt sie wahr. Demjenigen, der eine Ahnung von dem Geistigen hat, erscheint diese Umwelt nur wie ein äußerer Ausdruck des darunter liegenden Geistigen. Er sagt sich geradezu: Der ganzen unbewussten Natur liegt ein Göttlich-Geistiges zugrunde; aber es ist wie in einem Grabe darinnen, es ist wie erstorben. Die Menschenseele ist wie ein Stahl an einem Feuerstein; indem sie erkennend daran schlägt, leuchtet hervor, was darinnen verborgen liegt. In der menschlichen Seele erstehen die göttlich-geistigen Inhalte; sie leben auf. So muss der Geist erst durch den Tod der unbewussten Welt hindurchgehen, um neu aufzuleben.
[ 28 ] Und ich könnte erzählen von allen möglichen Gebieten des geistigen Lebens. Ich könnte anführen, was zu einer zunächst verstandesgemäßen Erklärung dieses Symbolums dienen könnte. Aber darum kann es sich gar nicht handeln. Es kann sich nur darum handeln, dass wir nicht den Gedanken hegen, es sei beliebig erfunden. Für den angehenden Hellseher handelt es sich nicht darum, was es bedeuten mag. Es kann jemand sagen: Nun ja, ihr mögt gut über das Rosenkreuz sprechen, dem Forscher aber, dem objektiven, dem ist das gleichgültig, denn er gewinnt dadurch nichts über die Geheimnisse der Natur, dass er sich ein schwarzes Kreuz vorstellt, das sagt ihm nichts. Wenn wir Experimente machen mit der Fallmaschine oder anderem, dann finden wir ein Gesetz. Dieses, in Worten ausgedrückt, sagt uns etwas; es entspricht einer objektiven Wahrheit; ein Rosenkreuz sagt mir nichts. - So kann der Betreffende sagen. Derjenige, der auf dem Boden der hellseherischen Schulung steht, darf erwidern: Das macht nichts, darauf kommt es nicht an. Die Vorstellungen, um die es sich handelt, sind gar nicht dazu da, um in äußerer Wahrheit etwas abzubilden, sie werden daher am wirksamsten, wenn sie Symbole sind, die vieldeutig sind. Nicht darauf kommt es an, dass man in einem solchen Symbolum ausdrücken will, die Dinge der äußeren Welt seien so oder so, sondern dass man in rein innerlicher Seelentätigkeit, zunächst in Anlehnung an die äußeren Ausdrücke, ein solches Symbolum bildet, dass man ein solches Symbolum in möglichst die äußeren Dinge ausschließender Weise konzentriert in der Seele betrachtet. Was dieses Symbolum in der Seele bewirkt, darauf kommt es an.
[ 29 ] Wenn so in immer sich steigernder innerer Konzentration der Mensch so etwas als Symbolum in seiner Seele leben lässt — und manches andere noch —, dann sind das Mittel, die in ihm schlummernden Kräfte wachzurufen. Es geschieht da mit dem Menschen etwas ganz Besonderes. Da kann er erleben - und es sind wirkliche Erlebnisse —, dass die Beweise, die wirklichen Gewährleistungen dieser Sache sich ihm ergeben. Der Mensch wird zuletzt zu folgenden Gefühlen kommen, die ich Sie bitte genau zu beobachten. Er wird sich sagen: Es ist eigentlich nur eine Art Brücke gewesen, was ich mir vorgestellt habe; dieses Rosenkreuz ist eine Brücke. Jetzt habe ich etwas erhalten, was nicht damit zusammenhängt, zu dem mir das Rosenkreuz nur verholfen hat, was aufsteigt in meiner Seele und was zunächst ein Erlebnis ist, wie man es nicht durch äußere Anregung erhalten kann. Zunächst weiß der Schüler nicht, ob das, was da in seinem Innern aufsteigt, eine Schaumblase, eine Fata Morgana, ein phantastisches Gebilde ist oder ob es irgendeiner Wirklichkeit entspricht. Das weiß er nicht, aber es kommt darauf an, dass er sich die Fähigkeit erwirbt, solches zunächst in seinem Innern zu erleben, zu schauen. Denn auch das ist noch ein Umweg für das höhere Hellsehen. Was zunächst auftritt, sind Bilder.
[ 30 ] Aber nunmehr, wenn der Schüler fortgesetzt solche Übungen macht, dann tritt für ihn ein weiteres Gefühl ein, das sich durch nichts weiter belegen lässt als durch die Erfahrung, das Gefühl, das ihm sagt: Es kommt nun auch nicht auf die Bilder an, sondern auf das, was sich in diesen Bildern ausspricht. Und nun weiß er, dass es sich mit diesen Bildern, die er erlebt im Innersten, etwa so verhält: Wenn Sie auf Ihr Auge drücken oder einen elektrischen Strom durchgehen lassen, so kann ein beliebiger Lichtimpuls durch das Auge gehen, ein Lichtschein in Ihnen aufglänzen. In diesem Falle haben Sie einen Lichteindruck, der durch die Konstitution des Auges hervorgerufen wird. So ist es auch, wenn zuerst die Bilder auftauchen, die hervorgerufen werden durch die Befolgung der entsprechenden Ratschläge, dann zucken durch die Seele wie geistige Blitze Dinge, die allerdings neu sind, die aber sich wirklich so ausnehmen wie das Licht, das Sie im Auge durch einen Schlag oder einen elektrischen Strom erzeugen. Aber Sie wissen ganz genau, wenn Sie sich einem äußeren Gegenstande gegenüberstellen, dass zwar die Beschaffenheit des Auges Ihnen den Lichteindruck ermöglicht; Sie können jedoch durch Erfahrung, durch eine im Erlebnis gewonnene Gewissheit sich sagen: Das, was nur durch meine Augen hervorgerufen worden ist, ist nichts, das Eigentliche ist der Gegenstand. Ich stehe dem Gegenstand gegenüber, er teilt sich mir mit durch mein Auge als Gegenstand.
[ 31 ] Dieser Zeitpunkt tritt ein für den hellsehenden Menschen. Diese Bilder werden zuletzt etwas, wodurch sich eine neue Wirklichkeit ausspricht. Ebenso sicher, wie der Mensch, der mit seinem Auge einem äußeren Gegenstand gegenübertritt, weiß, dass der Gegenstand sich ausspricht, so weiß der Hellseher, dass es zwar von seiner Natur abhängt, dass solche Bilder aufsteigen, aber er weiß auch ganz genau: In der Art, wie jetzt diese Bilder von ihm erlebt werden, sprechen sich objektive Wesenheiten und Tatsachen der geistigen Welt aus.
[ 32 ] Das ist also auf ganz natürliche Weise in strenger innerer Schulung zu erringen. Wie man auf äußerem Gebiete Phantastik und Realität unterscheiden kann im Erlebnisse selber, ebenso ist es notwendig, dass der Schüler sich auf diesem Gebiete gesundes Urteil und gesunden Sinn erhält, denn hier ist es viel leichter als im äußeren Leben, Illusion mit Realität zu verwechseln. Daher muss in einer solchen Schulung zu wirklichem höherem Hellsehen etwas anderes parallel gehen.
[ 33 ] Würde der Schüler nur das an sich herankommen lassen, was geschildert worden ist, dann würde er der Gefahr ausgesetzt sein, dass er als Hellseher in gewissem Sinne [ein] Wahnsinniger wird, und zwar dadurch, dass er auf diesem Gebiete der sich wandelnden Bilder des höheren geistigen Lebens durch seine subjektiven Gefühle, durch seine Persönlichkeit sich selbst Schein für Wirklichkeit erzaubern kann. Es muss parallel dieser genannten Schulung gehen, dass der Mensch durch gewisse Anweisungen, die ihm gegeben werden, lernt, auf alles in dieser höheren Geisteswelt zu verzichten, was mit seinen Wünschen, was mit seiner Persönlichkeit zusammenhängt.
[ 34 ] Hier kommt man auf ein Kapitel, wo man sehr schwer verstanden wird. Denn was sagen alle Psychologen der Gegenwart? Sie kennen das nicht, was eben geschildert wurde und was von Hunderten als Realität erlebt wird. Sie sagen daher: Wenn der Mensch der äußeren Welt gegenübersteht, da korrigiert ihn die Sinneswelt so, dass sie ihm die Realitäten gibt; aber wenn sich der Mensch also seiner inneren Tätigkeit überlässt, dann spricht natürlich Gefühl, subjektive Neigung mit, und dann gestaltet sich das Gefühl um zu solchen Bildern; das kann niemals Anspruch auf Objektivität machen. — Auf dem Gebiete, dass die Herren meinen, haben sie recht, denn sie haben keinen Begriff davon, was vorgehen muss in Bezug auf das wirkliche Ausrotten und Austilgen der Subjektivität, der subjektiven Meinungen und Neigungen. Die müssen ganz weg sein. Man muss verzichten lernen auf irgendeine Vorliebe oder Sympathie.
[ 35 ] Dazu gibt es wieder ganz besondere Übungen, damit nicht das eintritt, was unsere landläufigen Psychologen mit Recht für das gewöhnliche Menschenleben schildern, dass nämlich das Willkürliche sich einmischt. Der Mensch muss alles herausgeworfen haben, was ihm Schein für Wirklichkeit vorzaubern könnte. Dann aber kann er das objektive Geistige in der wahren Gestalt behalten.
[ 36 ] Es muss noch etwas gesagt werden. Da, wo auf diesem Weg der Schulung das Hellsehen vorbereitet wird, wo Fachmännisches herrscht auf diesem Gebiete und nicht Dilettantismus — welch Letzterer gar furchtbar wimmelt in der Welt —, da wird ein großer Wert darauf gelegt, dass der Weg nicht ohne bestimmte Vorbedingungen angetreten wird. Denn es ist ein großer Unterschied, ob man als unwissender Mensch, nur mit den gewöhnlichen Begriffen der Welt ausgestattet, diesen schwierigen Weg geht, oder ob man vorher aufgenommen hat in sich höhere Begriffe über gewisse Geheimnisse des Daseins, die man erforschen, erproben kann, die wir durch die Mitteilungen der Forscher erhalten können. Es ist ein großer Unterschied, ob man auf diese oder jene Weise vordringt. Man kann auch mit einer geringen Summe von äußeren Erfahrungen diesen Weg durchmachen. Dann aber ist der Seeleninhalt arm, und es drängt sich in ein paar Vorstellungen alles das, was man schauen kann, zusammen, und dann kommen die unrichtig geschulten Hellseher zustande, die Sie immer wieder finden werden, die in ihren Schriften darstellen: Jetzt bin ich so weit gekommen, dass ich durch Konzentration, durch das Ausprägen meiner Seele mich mit Gott vereinigt habe; und dann drücken sie den Gott aus als einen von Licht durchleuchteten Diamanten oder so etwas. Das ist eine irrige Vorstellung, eine Vorstellung, die im Grunde genommen sich von der gewöhnlichen Beschreibung eines äußerlichen Sinnesdinges nicht anders unterscheidet, als dass der Betreffende das seinen Gott nennt.
[ 37 ] Wenn solche «Hellseher» immer wieder und wieder ihre höhere Welt besprechen, alle Herrlichkeiten der höheren Welt durch nichts anderes ausdrücken als durch solche triviale Schilderungen, so beruht das darauf, dass sie nicht richtig vorbereitet an diese Schulung herangegangen sind. Wenn aber einer mit einem erprobten Lehrer herangeht an diese Dinge, dann ist das, was er erreicht, was in die Bilder hereinfließt, die er sich vorbereitet hat, dann ist das ein mannigfaltiger Welteninhalt, und alles, was den Menschen im Umkreis die äußere Natur bieten kann mit allen ihren Schönheiten und Herrlichkeiten und Geheimnissen, ist nur ein kleiner Ausschnitt der ganzen ihn umgebenden Welt. Viel großartiger, herrlicher ist das, was als unbekannte Welt hinter der bekannten liegt und was als die Urgründe alles Sichtbaren hereinleuchtet. Das ist dann aber auch so, dass der Mensch, der das erlebt, weiß, dass er sich nicht betrügt, dass er nicht etwa äußere Eindrücke hinaufträgt in dieses Gebiet; er weiß wohl: Das, was er da erlebt, kann er niemals in der äußeren Sinneswelt erleben.
[ 38 ] Das ist der Weg der ruhigen Entwicklung, durch den der Mensch dahin kommt, wirklich hineinzuschauen in die geistigen Welten. Das ist geschultes Hellsehen.
[ 39 ] Nun, was geschieht mit einem Menschen objektiv, wenn er solche Methoden anwendet? Wir erinnern uns, dass der Mensch für die Geisteswissenschaft ja nicht in dem beschlossen ist, was die Sinne wahrnehmen können, sondern dass dieses Äußerliche, dieser physische Leib, bloß ein Glied der gesamten Menschennatur ist. Dieser physische Leib ist für die Geisteswissenschaft durchdrungen von übersinnlichen Gliedern, zunächst vom Ätherleib, und in physischen und Ätherleib eingegliedert der Astralleib. In dem Astralleib haben wir den Träger von Lust und Leid, Freude und Schmerz, von Trieben, Instinkten, Begierden, von allen innerlichen Erlebnissen. Da hineingegliedert ist das vierte Glied des Menschen, der Träger des Selbstbewusstseins.
[ 40 ] Nun wurde auch hier schon vor Ihnen charakterisiert, was im Sinne der Geisteswissenschaft eigentlich der Schlaf ist. Was geschieht denn, wenn des Abends für des Menschen subjektive Wahrnehmung hinuntersinken in das Meer des Vergessens Lust und Leid, alle IchEindrücke des Tages, wenn sozusagen Vergessen oder Bewusstlosigkeit sich ausbreitet um den Menschen? Was ist da mit diesem Menschen geschehen? Da ist im Bette liegen geblieben der physische Leib und Ätherleib; der Astralleib aber mit dem Ich hat sich herausbewegt und wirkt jetzt von außen auf den physischen und Ätherleib. Es versinken unsere inneren Welten in die Vergessenheit hinunter, weil sich in der Nacht der Astralleib nicht der äußeren Sinnesorgane bedient. Morgens steigt dann der Astralleib mit dem Ich wieder hinein in den physischen und Ätherleib; er bedient sich der Sinne wieder, und die Sinneswelt taucht für des Menschen Bewusstsein auf. Wodurch kann der Mensch die äußere Sinneswelt wahrnehmen? Dadurch, dass er Augen und Ohren und die anderen Sinnesorgane hat. Wären diese Organe nicht vorhanden, so wäre die Umwelt stumm und lichtlos für den Menschen. Der Astralleib ist in der Nacht, wenn er herausgehoben ist, auch in einer Welt, einer geistigen Welt. Aber er hat keine Organe, um sie wahrzunehmen. Er hat in seiner feinen Substanzialität keine Organe, wie der Mensch sie heute in der groben physischen Substanz hat. Nur durch Organe ist eine Welt um den Menschen herum wahrzunehmen. Würde der Astralleib Organe haben, dann würde er ebenso seine Umwelt wahrnehmen können, wenn er außerhalb des physischen und Ätherleibes ist, wie mithilfe der physischen Sinne wahrgenommen werden kann, was den Menschen in der physischen Welt umgibt.
[ 41 ] Nun handelt es sich darum: Soll der Mensch die geistige Welt wahrnehmen, dann müssen seinem Astralleibe Organe gegeben werden, geistige Ohren und geistige Augen. Wodurch geschieht dies? Das geschieht eben durch jene Methoden, die angeführt worden sind, durch Konzentration, durch das Leben in gewissen Vorstellungen und Bildern. Wenn bei einem solchen Menschen der Astralleib des Nachts herausgeht, so ist dieser Astralleib ganz anders. Das weiß derjenige, der das hellseherische Bewusstsein erlangt hat. Es ist so, wie wenn Sie sich vorstellen würden, dass im physischen Leibe die Organe anfangen, sich zu differenzieren und die Umwelt wahrzunehmen. Was eine ungeordnete Masse war, das gliedert sich zu Organen. Es dauert lange, bis sich die Organe bilden im Astralleibe, bis das, was früher wie ein undifferenzierter Nebel war, anfängt herauszukommen in schön geformten Organen. Dann aber tritt das ein für den Menschen, was ihm möglich macht, diese Bilder in seiner Seele zu haben, die vorhin charakterisiert worden sind. Diese Bilderwelt entsteht dadurch, dass der Mensch sich solche Organe eingliedert.
[ 42 ] Man nennt seit alten Zeiten den Vorgang, der also für den Menschen eintritt, die Reinigung, die Läuterung, die Katharsis, und zwar aus dem Grunde, weil der Mensch dadurch lernt, nicht bloß durch den Schleier der äußeren Sinnlichkeit die geistige Welt zu ahnen, sondern weil er dann in diese geistige Welt hineinsieht so, dass sein Schauen gereinigt ist von der äußeren Sinneswelt, dass die äußere Sinneswelt verwischt wird und dennoch nicht Bewusstlosigkeit eintritt. Katharsis, Reinigung, Läuterung wurde immer in richtiger Weise beschrieben als die erste Stufe des geschulten Hellsehens.
[ 43 ] Dann tritt eine spätere Stufe für den Hellseher ein. Erst ist es so, dass, wenn der Mensch am Morgen zurückkommt in den physischen und Ätherleib, dass dann die äußeren Organe wieder wirken und die stärkere Kraft haben. Er kann sozusagen die inneren, noch feinen und beweglichen Organe nicht handhaben; es übertönt der äußere Eindruck des Auges und des Ohres das, was die inneren astralischen Organe sehen können. Vorhanden ist es ja immer, denn die geistige Welt ist innerhalb der Sinneswelt —, aber solange der Mensch diese Organe noch schwach ausgebildet hat, solange sie erst im astralischen Leibe sind, werden sie übertönt von den sinnlichen Organen und den Kräften des Ätherleibes. Indem der Mensch nun emsig fortarbeitet auf diese Art, kommt er so weit, dass er die Organe innerlich so fest hat und handhaben kann, dass er auch des Morgens, wenn er hineinsteigt in den physischen und Ätherleib, durch diese Organe neben den sinnlichen Wahrnehmungen auch das Geistige erblickt. In diesem Augenblick hat der Mensch das erreicht, was immer innerhalb der Schulen, die sich auf diesem Felde betätigen, die Erleuchtung, Photismus, genannt worden ist.
[ 44 ] Das sind alles durchaus reale Vorgänge, die erlebbar sind, und sie entstehen nicht etwa dadurch, dass dies oder jenes an dem Menschen geschieht, was er nicht in seiner Hand hätte. Schritt für Schritt wendet der Mensch die in den entsprechenden Schulen gehandhabten Methoden an, um sich zu jenem Instrument umzugestalten, durch das er wahrnehmen kann die geistige Welt. Worauf also beruht es, dass der Mensch hellsehend wird? Darauf, dass er seinen inneren unsichtbaren Menschen organisiert, dass er das chaotische Gebilde dieses inneren Menschen, das sonst nur ein Erlebnis hat, wenn die Außenwelt einwirkt, dass er es umschafft zu einer ebenso regelmäßigen Organisation, wie der äußere physische Leib es durch die äußere Natur geworden ist.
[ 45 ] Genau derselbe Entwicklungsweg, den die Natur mit dem Menschen gemacht hat, um ihn aus niederer Stufe zu dem heutigen Wesen mit den vollkommenen Organen zu machen, derselbe Entwicklungsweg wird in die Hand genommen von dem Menschen selbst, wird von ihm fortgesetzt. Wo die Natur den Menschen entlässt, wird von ihm selber weitergearbeitet. Wer darüber nachdenkt, wird nicht die geringste Unlogik darin finden, dass derjenige, der sich auf den Pfad begibt, es zu wirklichen Erlebnissen bringen kann.
[ 46 ] Wenn der Mensch auf diese Art Einblick in die geistigen Welten gewinnt, so hat er es dem zu verdanken, dass er seinen inneren Menschen so stark gemacht hat, dass er eine selbstständige Wesenheit ist gegenüber den äußeren Organen. Der Mensch ist sein eigener Herr geworden. Das ist ein Grundsatz, der in allen solchen Schulen als abstrakte Charakteristik dieser Sache ausgesprochen wird. Wenn der Mensch bis zu dieser Stufe gekommen ist, so verdankt er das der Herrschaft über seinen Ätherleib zunächst. Der Lebensleib ist bei dem nicht entwickelten Menschen sozusagen etwas Unelastisches, das nur den Kräften der Natur folgt. Bei dem Hellscher ist er etwas, was der astralische Leib seinen Formen anpasst. Er ist elastisch geworden, weil die stärkere Kraft darin wirkt.
[ 47 ] Wenn wir jetzt jenes Hellsehen streifen, das durch niedere Zustände hervorgerufen wird, die wir im Allgemeinen — es ist das freilich laienhaft gesprochen — als menschliche Schwächezustände charakterisieren, so müssen wir sagen: Das rührt von etwas ganz anderem her und ist niemals kontrollierbar, beruht aber auf denselben Gesetzen. Immer, wenn der Mensch so von selbst somnambul wird, oder wenn auf den Menschen gewirkt wird mit unerlaubten Mitteln, oder wenn der Mensch diese oder jene Krankheit durchmacht, so kann es eintreten, dass sein Ätherleib im physischen Leib gelöst wird, sodass jener kompakte Zusammenhang zwischen physischem Leib und Ätherleib nicht besteht, wie es im normalen Zustande der Fall ist. Dies kann tatsächlich durch Krankheitsprozesse vor sich gehen, und im Grunde genommen ist das meiste auf dem Gebiete des niederen Hellsehens auf pathologische Zustände zurückzuführen. Dann hat der Mensch einen Ätherleib, der nicht so fest gebunden ist. Während beim geschulten Hellseher die Lockerung dadurch geschieht, dass sich der Astralleib stark macht und den Ätherleib in seine Gewalt bekommt, geschieht es beim niederen Hellsehen dadurch, dass ein Organ erkrankt. Durch die Erkrankung löst es sich aus dem Ätherleib in gewisser Weise heraus; der Ätherleib wird für solche Menschen frei.
[ 48 ] Solange das physische Gehirn in noch ganz normalem innigem Zusammenhang mit dem ätherischen steht, solange kann der astralische Leib nichts anfangen mit dem ätherischen; das physische Gehirn hält den Ätherleib. Tritt eine Abnormität ein, so wird ein größeres oder kleineres Stück des Ätherleibes heraustreten aus der Zusammenfügung mit dem physischen Leibe; es kann leichter gehandhabt werden, und es wird gehandhabt vom Astralleibe so, dass eine Art natürlicher Erleuchtung eintritt, die aber in ihrem Inhalt nicht irgendeine höhere Welt darbieten kann, nicht zu höheren Ergebnissen führen kann, weil alle Kontrolle, alle Sicherheit, alles bewusste Verfolgen der Dinge eben ausgeschlossen ist. Menschen, die so hellseherisch geworden sind, können — dadurch, dass ihr Zustand auf demselben Prinzip beruht wie beim geschulten Hellseher, nämlich auf der Beherrschung des Ätherleibes durch den Astralleib —, sie können ungeordnete Einblicke tun in die höheren Welten; was sie erzählen, kann Tatsache sein, es wird aber niemals ein wirkliches Resultat der Geisteswissenschaft daraus hervorgehen können. Was hier gesagt wird, ist nicht ein Leugnen der Realität dessen, was solche Menschen sehen, sondern ein Aufmerksammachen darauf, dass die strengen Resultate der Geisteswissenschaft nur auf dem Wege des geschulten Hellsehens erlangt werden.
[ 49 ] Nur mit einem Wort möchte ich einen Einwurf streifen, der gemacht werden könnte. Es könnte jemand sagen: Also beruht das niedere Hellsehen immer auf pathologischen Zuständen; wie kann ein Krankheitsprozess wirkliche Einsicht hervorbringen? — Das ist kurzsichtig gesprochen. Gesundheit und Erkenntnis gehen nicht parallele Wege. Der Mensch kann krank werden, und gerade durch diesen Krankheitsprozess kann die übersinnliche Welt frei werden für das Einfließen aus der höheren Welt; etwas Widerspruchsvolles ist das nicht. Ebenso wenig liegt darin eine Empfehlung, dass man einen Menschen krank machen soll, um ihn zum Hellseher zu machen.
[ 50 ] So sehen wir, worauf das beruht und wie es beschaffen ist, was dem Menschen die Tatsachen und Wesenheiten einer höheren Welt ebenso ins Blickfeld des Bewusstseins hereinführt, wie durch die sinnliche Beobachtung die Welt um uns herum in dieses Bewusstsein hereingebracht wird. Genau dasselbe, nur auf anderem Blickfeld, liegt vor. Und wie wir in der Sinneswelt die Pflanzen, die Mineralien wahrnehmen, so haben wir in der geistigen Welt das um uns, was uns diese Sinneswelt erst erklärbar macht, weil sie aus der geistigen hervorgegangen ist. Und wenn der Hellseher Mitteilungen macht über das, was er gesehen hat, so tut er das, um zu erzählen. Er will nichts beweisen, er will erzählen, was er erlebt dadurch, dass er strenge Methoden auf seine eigene Seelenentwicklung anwendet. Und indem er erzählt, vermittelt er eine Welt, die logisch eingesehen werden kann, die auch von dem gewöhnlichen Verstande eingesehen werden kann.
[ 51 ] Wenn wir in anderer Weise aussprechen, was die Erlebnisse des Hellsehers sind, so müssen wir uns sagen: Unsere innere Welt, unsere Seelenwelt wird im gewöhnlichen Leben bestimmt von dem, was draußen vorgeht. Dass ich mir zum Beispiel vorstelle einen grünen Stängel mit Blättern daran, dass ich dieses Bild behaupte, das rührt davon her, dass ich in bestimmter Weise organisiert bin. Die Rose da draußen bestimmt mich, strömt ihre Kräfte in mich herein, indem sie mir die Vorstellung ihrer äußeren Wesenheit übermittelt.
[ 52 ] So ist es auch auf dem Gebiete des Geistigen. Es sind die geistigen Wesenheiten, die sich dem entwickelten Menschen erschließen, die in seinem inneren Seelenleben sich abspiegeln, wie die äußeren Sinnesdinge im gewöhnlichen Vorstellen sich abspiegeln. Also es erlebt der Hellseher in seinem Seelenleben die geistige Außenwelt und er sagt sich: Wenn ich in die Sinneswelt blicke, dann weiß ich, dass diese Sinneswelt geschaffen, geordnet, bestimmt wird von den Wesenheiten, deren Wirken und Walten sich mir eröffnet, wenn ich den hellseherischen Blick über die Sinneswelt richte. — Er sagt sich: Dass die Sinneswelt mir geordnet entgegentritt, kommt daher, dass sie so gestaltet worden ist von den Wesen, die ich sehe. Die Blüte vor mir, ein Kristall, ein Gebirge, es ist alles aus dem Geist herausgearbeitet. Die geistigen Untergründe schaue ich, sehe ich. Nichts würde ich von ihnen sehen können, wenn ich mich meiner Willkür überließe. Ich muss sozusagen mein Seelenleben zum Opfer bringen und muss die Welt des höheren geistigen Selbstes in meine Seele einströmen lassen; sie muss auf mich wirken, sie ist das Bestimmende.
[ 53 ] Und nun denken Sie sich eines: Denken Sie sich, dass diese Welt da ist, dass sie wirkt, dass sie immer auf den Menschen wirkt, wenn auch nicht auf sein Bewusstsein. Denken Sie sich, dass ein Mensch da steht in der Welt; um ihn herum ist die Welt, die der Hellseher sieht; sie wirkt auf jeden Menschen. Auf den bloß sinnlichen Beobachter wirkt sie dadurch, dass sie ein äußeres Gesicht darbietet; auf den Hellseher wirkt sie so, dass er zunächst diese geistige Welt nicht sieht, dass sie aber als bestimmende Kraft wirkt, dass er zwar nicht aufblicken kann zu einer Welt von geistigen Kräften, dass aber auf eine ihm unbewusste Art einströmen die Kräfte dieser Wesenheiten. Er sieht sie nicht, aber sie senden Kräfte, ordnen sein Vorstellungsleben, bestimmen das, was seine Seele erlebt. Ein Mensch sieht einen anderen Menschen; würde er nichts weiter sehen, so würde er ein Bild nur der äußeren Welt erhalten. Jetzt wirkt die geistige Welt so, dass sie ihm ihre Kräfte schickt. Jetzt ist er nicht zufrieden mit den Vorstellungen der äußeren, sinnlichen Welt. Er gestaltet sich um, um sich nach und nach zu dem erhabenen Bilde zu machen, das zum Beispiel der Grieche in der Zeus-Statue dargestellt hat. Dieselbe Kraft und Wesenheit, die der Hellseher sieht, die wirkt gleichsam auf den mit wahrer Phantasie begabten Menschen so, dass sie an seiner Seite steht, sodass sie ihn leitet und führt, dass sie die Vorstellungen zusammenkombiniert.
[ 54 ] Und so wirkt die Phantasie wie eine Seelenkraft, die von den Welten befruchtet wird, in die der Hellseher hineinschaut, eine Seelenkraft, in die die höheren Welten heruntersenden ihre Gesetze, sodass der mit Phantasie Begabte die äußeren Dinge umformt, damit in ihnen die Wahrheiten der geistigen Welten leben. Da haben wir den realen Grund der Phantasie, und da begreifen wir, dass Schiller von Goethe sagen konnte, wie bei ihm Verstand und Vernunft und Fühlen und alle Seelenkräfte harmonisch zusammenwirken und von der Phantasie befruchtet werden. Wir begreifen, dass er sagen konnte: Was auf diese Weise geschaffen wird, charakterisiert den Menschen als den einzig wahren Menschen, denn er wirkt nicht nur durch eine einzelne Seelenkraft, sondern er nimmt alles zusammen, und alles wirkt nach der Phantasie — die nicht mit der äußeren Wahrheit zu stimmen braucht —, nach der Imagination hin. Und so können wir es auch begreifen, dass Goethe der Anschauung sein kann: Es gibt eine Phantasie, die nicht mit der äußeren Wahrheit zu stimmen braucht, die aber eine eigene Bestimmtheit hat. Das haben wir gesehen. Es gibt eine Phantasie, die zwar noch nicht zum Hellsehen kommt, die aber befruchtet ist von den Kräften, die der Hellseher schaut. So wird es uns begreiflich, wenn Schiller alle anderen Betätigungen des Menschen als einseitig erscheinen, aber in der Anschauung Goethes ihm aufgeht: Der Künstler, der die einzelnen Seelenkräfte zusammennimmt, um das, was er als äußere Neuformung in der Sinneswelt erhält, befruchten zu lassen von den geistigen Welten; solcher Künstler ist der einzig wahre Mensch.
[ 55 ] Freilich, Schiller wusste nichts von der Geisteswissenschaft, aber er fühlte, um was es sich handelte. Ebenso ist das, was Goethe von der Phantasie sagt, durchaus richtig. Wahr ist es, wenn Goethe sagt, dass die echte Kunst, die also aus der Phantasie heraus schafft, die Offenbarung geheimer Naturgesetze ist, die ohne Phantasie niemals entdeckt werden könnten. Mag uns die äußere Beobachtung rein äußere Sinnestatsachen und -wahrheiten liefern, die innere Wahrheit ist etwas, dem die von oben her befruchtete Phantasie viel nähersteht als Verstandeskräfte.
[ 56 ] Und so sehen wir, wie die Dinge in der Welt gewissermaßen verteilt sind. Der Mensch ist veranlagt dazu, hinaufzusteigen in die höheren Welten. In jeder Seele schlummern die höheren Fähigkeiten. Derjenige, der die Geduld und Ausdauer hat — durch viele Leben vielleicht hindurch —, der darf die Hoffnung haben, hineinzuschauen in die Welten, die erst die äußere Sinneswelt verständlich machen. Aber bis dahin, bis der Mensch das erreicht, ist ihm etwas gegeben wie ein Vorläufer, ein Stellvertreter für die Einsicht in die höheren Welten. Er kann sich befruchten lassen von diesen höheren Welten und dann die Außenwelt, im Schaffen des Künstlers zum Beispiel, so umgestalten, dass sie einen Abglanz bietet der geistigen Welten.
[ 57 ] Und so schauen wir in der Kunst nicht bloß die Sinneswelt so an, wie die Natur die Sinneswelt schafft, sondern wir schauen in den großen Kunstwerken den schaffenden Gott selber, der durch das Medium des Menschengeistes, der Menschenphantasie gegangen ist. Wir sehen im Umkreis der Kunstwerke ein äußeres Abbild dessen, was zwar nicht unmittelbare Sinneswirklichkeit ist, dafür aber ein Ausdruck für geistige Welten, insofern geistige Welten durch Sinnlich-Materielles ihren Ausdruck finden können. Und so sehen wir, dass im Geistesleben der Menschheit die Phantasie dem großen Ziel, dem Hellsehen, dem Hineinschauen in die geistigen Welten voranleuchtet. Dies Ziel haben einzelne Menschen schon erreicht dadurch, dass sie die genannten Mittel angewendet haben. Es erscheint uns diese Geisteswelt als der Beherrscher alles niederen Daseins und das Hellsehen als das, wodurch der Mensch Anteil gewinnt an der geistigen Welt; es ruft den Menschen hinauf in die Sphären einer höheren Welt. Und dieses Hellsehens Stellvertreter in der Sinneswelt, sodass der Mensch schon einen Abglanz der geistigen Welt, zum Beispiel durch die Kunst haben kann, das ist die Phantasie. Und je tiefer wir in diesen Zusammenhang hineinschauen, desto mehr erkennen wir: Das Hellsehen ist der Beherrscher der menschlichen Geisteskräfte im umfassendsten Sinne einer Welterkenntnis und des Verständnisses der Welt; und die Phantasie ist der Statthalter des Hellsehens innerhalb der sinnlichen Welt.
