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Der Kreislauf des Menschen
innerhalb der Sinnes Seelen und Geisteswelt
GA 68b

5 Februar 1907, Basel

45. Die Rätselfragen des Daseins

[ 1 ] Die Rätselfragen über unser Dasein sind so alt wie die denkende Menschheit überhaupt, und nicht nur zu allen Zeiten, sondern auch unter allen Völkern sind sie aufgestellt worden. Aber auch in jedem einzelnen Menschenleben gibt es Augenblicke des Aufblickens zu etwas Höherem, Rätselhaftem. Besonders eine große Frage wird immer und immer wieder von der denkenden Menschheit aufgestellt, nämlich die nach dem Sinn und der Bedeutung unseres Daseins. Überhaupt kann man sagen, dass alle andern Rätselfragen schließlich auf diese eine Frage nach dem Sinn des Weltalls hinauslaufen. Und in jedem einzelnen Menschen schlummert tief innerlich der gefühlsmäßige Wunsch, eine Antwort auf diese Frage zu erhalten. Aber nicht nur die Unkenntnis über solch hohe Dinge wie über den Wandel der Gestirne oder den Ursprung unseres Daseins drängt uns zu Fragen, oft tun dies näher liegende Dinge in noch viel größerem Maße; ja, es gibt Zeiten im Menschenleben, wo einem direkt alles zu einem Rätsel wird, wo man nimmer begreift, warum Leid und Schmerz uns heimsuchen, warum wir von niederer Geburt sind, während doch andere Menschen in den herrlichsten Lebenslagen sich befinden, warum es uns schlecht geht, uns, die wir doch einen scheinbar schuldlosen Lebenswandel einhalten. Ja, besonders schwer wird es uns zu begreifen, dass wir bezüglich der Lebensgüter zurückgesetzt sind, obgleich unsere Nebenmenschen mit scheinbar ebenso wenig Verdiensten ins Dasein getreten sind und sie nun mit den verschiedenartigsten Gütern reich gesegnet sind.

[ 2 ] Neben den großen Daseinsfragen gibt es jedoch noch Fragen des Lebens, deren Lösungen nun nicht nur unsern Verstand und Scharfsinn befriedigen dürfen, sondern die sich uns wie Trost und Beruhigung in unsere Herzen ergießen sollen und unsere Seelen erfüllen mit harmonischer, das Leben wirklich begreifender Stimmung. Freilich darf nicht etwa nur das Gemüt allein mitsprechen bei einer objektiven Lösung der Daseinsfragen. Denn nach der monistischen Weltanschauung, welche annimmt, dass sowohl Geist wie Gemüt aus derselben Urquelle des Daseins fließen, verlangen auch beide Berücksichtigung.

[ 3 ] Es hat je und je große Epochen der Menschheitsentwicklung gegeben, wo sich die Lösungsversuche der Daseinsfragen wie Frieden in die unruhigen Seelen gesenkt haben. So geben die Religionen in ihrer Art solche Lösungen der großen Fragen; aber sie berücksichtigen hauptsächlich nur die eine Seite des menschlichen Wesens, das heißt, sie befriedigen mehr nur das Gemüt, nicht aber ebenso den urteilenden Verstand.

[ 4 ] Schon seit einiger Zeit ist in unsere Kultur etwas hineingezogen, was sich wie ein Zwiespalt ausnimmt zwischen jenen religiösen Lösungen, die manchem heilig gewesen und ihm die Wahrheit bedeutet haben, und dem, was die Wissenschaft lehrt.

[ 5 ] Schon dem Kinde stellen sich solche Fragen in banger Weise entgegen. Es wird in großen religiösen Bildern eingeführt in die Lehren von der Herkunft und der Bestimmung des Menschen, daneben aber nimmt es auch die Lehren der populären Naturwissenschaft in sich auf, es hört von der Entwicklung des Menschen und überhaupt aller Lebewesen durch rein natürliche Kräfte.

[ 6 ] Die Folgen, welche für eine junge Seele hieraus erwachsen müssen, können zweierlei Art sein: Entweder stumpft sich bei einem solchen Menschen der Sinn ab für alle höheren Dinge, der Enthusiasmus für die Fragen nach dem Sinn des Lebens und des Daseins schwindet dahin, oder aber er stellt sich ganz auf Seite der Naturwissenschaft und beginnt nun von seinem vermeintlich überlegenen Standpunkte aus, die religiösen Wahrheiten absichtlich mit Füßen zu treten.

[ 7 ] Vielerlei Versuche hat es gegeben, diesen Zwiespalt zu lösen. Fast jeder Tag bringt uns neue Beweise, wie hier und dort die Menschen bestrebt sind, Licht zu bringen in die Rätselfragen des Daseins, wenn auch diese persönlichen Versuche nicht unmittelbar die wissenschaftliche Einsicht fördern.

[ 8 ] Aber noch ein anderer Lösungsversuch hat sich seit den letzten Jahrzehnten mit immer größerer Macht Geltung verschafft. Obgleich er still und bescheiden in unsere Kultur eingeschlichen ist, hat er doch heute schon Tausenden und Abertausenden von Gemütern Ruhe und Frieden gebracht. Was gerade diesen Lösungsversuch vor allen andern auszeichnet, ist, dass er sich nicht auf die engen Grenzen eines Volkes bloß erstreckt, sondern die Anhänger dieser Lehre sind über die ganze Erde zerstreut, gehören den verschiedensten Nationen und Religionen an.

[ 9 ] Dieser Lösungsversuch der Rätselfragen des Daseins ist angestellt worden durch die Geisteswissenschaft. Sie sagt uns: Der Mensch nimmt die Welt der Sinne um uns herum wahr, aber damit hat es noch nicht sein Bewenden, wie dies die materielle Wissenschaft meint, für welche alles, was jenseits der sinnlichen Wahrnehmbarkeit liegt, transzendent ist.

[ 10 ] Für die Geisteswissenschaft ist der Mensch ein Wesen, das in Entwicklung begriffen ist. Das Wort Entwicklung mutet uns so bekannt an; wie sollte es auch nicht, das Zauberwort eines großen Umkreises der Wissenschaften der letzten Zeit. Die Geisteswissenschaft allerdings nimmt dieses Wort noch in einem andern Sinne als die Naturwissenschaft es nimmt. Entwicklung ist für die Geisteswissenschaft eine innere Tat des Menschen. Wir stehen mitten in der Entwicklung drinnen, nicht soll sie uns bloß ein von außen zu Betrachtendes sein.

[ 11 ] Wenn unsere Sinne Grenzen der Erkenntnis haben, so rührt das davon her, dass wir uns bis zu einem bestimmten Punkt entwickelt haben. Dort, wo wir in unserer Entwicklung stehen, ist für uns die Grenze des Erkennens. Aber wir können uns weiter und höher entwickeln mit dem nötigen Ernst und der erforderlichen inneren Klarheit. Auch unsere Sinne sind nicht ein von Anbeginn an Fertiges; sie sind Produkte langer Entwicklungsperioden. Das Auge, dieses herrlich komplizierte Organ, ist herausgezaubert worden aus dem primitivsten Anfange, ähnlich das Ohr, das vielleicht ursprünglich nichts als ein einfacher statischer Apparat gewesen ist.

[ 12 ] Ähnlich können sich wohl in der menschlichen Seele noch Fähigkeiten entwickeln, die uns dann das offenbaren können, was heute noch unter undurchdringlichen Schleiern verborgen liegt. Es mag dieses geistige Sehendwerden für den Menschen dann ein ebenso großes Erlebnis sein wie das physische Sehendwerden für einen Blinden. Für den Blinden gibt es nur eine Welt des Tastsinnes und der Töne um sich herum. Die Welt des Lichtes und der Farben existieren zwar an sich, allein er nimmt nichts davon wahr, daher ist für ihn dies nichts. So ist es auch mit den geistigen Erkenntnisorganen. Wem die Möglichkeit [abgeht], auf jene höhere Art zu erkennen, der nimmt von jenen höheren Welten nichts wahr; er braucht aber deshalb noch nicht zu leugnen, dass es eine Entwicklung und Wiedergeburt der Seele geben kann, sodass man über die Grenzen des gewöhnlichen Verstandes hinausgehen kann und neue Welten um sich herum zu schauen vermag. In diesem Sinne sucht die Geisteswissenschaft die Daseinsfragen und Welträtsel zu lösen.

[ 13 ] Für manchen scheint das freilich, was die Geisteswissenschaft zu sagen hat, eine Lächerlichkeit zu sein, weil es für ihn, den Unentwickelten, absolut keine überzeugenden Beweise gibt. Allein für den in diesen Dingen drinnen Arbeitenden ist die Sache anders. Es ist übrigens eine bekannte Tatsache, dass viele Dinge, welche nachmals die Menschen tief ergriffen haben, bei ihrem ersten Auftreten Spott und Hohn ernteten.

[ 14 ] Unter solchen Gesichtspunkten nun wollen wir dasjenige große Daseinsrätsel besprechen, das handelt vom Wesen des Menschen, während des Lebens und nach dem Sterben, das also nach dem Schicksal der Seele fragt.

[ 15 ] Für die Geisteswissenschaft gestaltet sich die Erforschung der menschlichen Wesenheit eben viel schwieriger, als dies für die materialistische Wissenschaft für die Erforschung des Menschen ist, den sie bloß kennt. Diese sieht in dem bloß physischen Leib des Menschen sein ganzes Wesen. Für die Geisteswissenschaft hingegen ist diese Leiblichkeit des Menschen bloß ein Teil seiner gesamten Wesenheit. Der physische Leib ist der für unsere Sinne wahrnehmbare Teil des Menschen. Er ist aufgebaut aus dem scheinbar leblosen Stoff aus der Natur um uns herum. Die Geisteswissenschaft kennt jedoch außer diesem physischen Leib noch weitere höhere Glieder der menschlichen Natur.

[ 16 ] Von der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts bis ins letzte Drittel hinein galt als Tor, wer von solchen Dingen zu reden sich unterstanden hatte. Heute haben sich jedoch die Meinungen und Anschauungen in dieser Beziehung wieder etwas geändert. Am Anfang des neunzehnten und zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts hat man noch von einer Lebenskraft gesprochen, worunter man etwas ganz anderes verstand als ein nach rein mechanischen Gesetzen Existierendes.

[ 17 ] In der rein materialistischen Theorie indessen meinte man, dass das Leben bloß ein geeignetes Zusammenwirken physischer Kräfte bedeute.

[ 18 ] Heute gibt es wieder manch einen Forscher, der anhand von Tatsachen zur Überzeugung gelangt ist, dass im menschlichen Leben noch anderes vorhanden ist und wirkt als bloß physische Stoffe und Kräfte. In früheren Jahrhunderten und Jahrtausenden sind derlei Dinge durch die Geheimwissenschaften erforscht worden. Über diese Geheimforschungen existiert eine bedeutende Menge Literatur, wo man sich genauer informieren mag.

[ 19 ] Das zweite Glied der menschlichen Wesenheit heißt Lebens- oder Ätherleib. Man hat darunter nicht etwas wie einen aus jenem hypothetischen physikalischen Äther bestehendes Gebilde zu betrachten, sondern man gewinnt die richtige Anschauung davon durch folgende Betrachtung: Ein Kristall kann in sich selber bestehen durch seine physischen und chemischen Kräfte; einem Lebewesen hingegen genügen diese allein nicht mehr. Sobald das Leben aus ihm gewichen ist, zerfallen die einzelnen Teile des physischen Leibes, weil sie als solche in einer unmöglichen Mischung stehen. Das, was sie nun zusammenhält, ist eben der Lebensleib. Dieser ist der Träger von Wachstum und Fortpflanzung.

[ 20 ] Das dritte Glied ist der astralische Leib, der Träger von Lust und Leid, von Freude und Schmerz, von Leidenschaft und Trieb. Er umfasst das niedere Seelenleben des Menschen, auch das niedere Vorstellungsleben des Alltags.

[ 21 ] Als viertes Glied der menschlichen Wesenheit nennen wir das Ich, welches den Menschen von allen andern irdischen Lebewesen unterscheidet. Den Ätherleib hat er mit Pflanzen und Tieren gemeinsam, den Astralleib bloß mit der Tierwelt. Das vierte Glied hingegen hat er, wie gesagt, mit keinem andern Erdenwesen gemein. Tiefer angelegte Naturen haben immer dieses Ich als etwas ganz Besonderes empfunden. «Ich» ist nun ein gar merkwürdiger Name, den man nicht wie irgendeinen andern Namen von einem Gegenstand aussagen könnte, sondern jeder kann nur zu sich selber «Ich» sagen. Dieser Name kann niemals von außen an unser Ohr dringen, wenn er eine Bezeichnung von uns selbst sein soll.

[ 22 ] Alle tieferen Religionen, und das sind die, welche auf Geisteswissenschaft fußen, wissen, dass, wenn die Seele jenen Namen «Ich» ausdrückt, dann gleichsam Gott in ihr spricht. Man hat deshalb diesen Namen schon im hebräischen Altertum den unaussprechlichen Namen Gottes genannt, der nur in der innersten Seele ertönen kann. Jean Paul erzählt in seiner Biografie jenen erhabenen Moment seiner eigenen Ich-Geburt; in diesem Moment hat er in das Allerheiligste seines Wesens hineingeblickt.

[ 23 ] Eine jede okkulte Schule lässt seit dem grauesten Altertum den Menschen mindestens aus diesen vier Gliedern bestehen, welche zusammen wirken und weben. Von diesem Gesichtspunkte aus werden sich uns auch die Fäden ergeben, durch die wir der Lösung des menschlichen Daseinsrätsels näherkommen können.

[ 24 ] Erst der kultivierte und hoch stehende Mensch kann sich dieser vier Glieder bewusst werden. Der «Wilde» und der europäische Durchschnittsmensch unterscheiden sich nur dadurch, dass jener den Trieben und Leidenschaften unbedingt folgt, dieser aber weiß dass man ihnen nicht folgen darf. Das Ich hat beim Letzteren begonnen, den Astralleib zu läutern. Hier ist also der astrale Leib gespalten in einen vom Ich beeinflussten Teil und einen, der den Begierden freigegeben ist.

[ 25 ] Aber das Ich arbeitet nicht nur am astralischen Leib, sondern es arbeitet auch am Äther- oder Lebensleib. Alle irdischen, rasch vorüberziehenden Eindrücke sind für die Geistesforschung Veränderungen im Ätherleib. Viel hat derjenige geleistet, welcher tiefgehende und bleibende Veränderungen in seinem Ätherleib zustande gebracht hat, zum Beispiel sein Gedächtnis verbessert. Die großen Impulse des Hineinarbeitens in den Ätherleib sind die künstlerischen und religiösen Vorstellungen; denn sie veredeln am wesentlichsten den Ätherleib. Auf noch höherer Stufe erfolgt sogar eine Umwandlung des physischen Leibes.

[ 26 ] Die Unterschiede zwischen diesen einzelnen Stufen werden nur erst recht klar, wenn wir Schlaf und Tod betrachten. Ersterer kann als der jüngere Bruder des Letzteren bezeichnet werden.

[ 27 ] Vorstellung vom Wesen des Schlafes: Während des Schlafes geschehen Veränderungen am menschlichen Wesen. Im Bette liegen vom Schlafenden bloß der physische Leib und der Ätherleib; herausgelockert jedoch sind der Astralleib und das Ich. Triebe, Begierden und Leidenschaften, Gefühle und Empfindungen sinken im Schlafe hinunter in ein unbewusstes Dunkel. Alle Eigenschaften, welche den Ätherleib als Träger haben, sind im menschlichen Schlafe tätig oder doch vorhanden. Wie können wir das Wesen des sterbenden und des gestorbenen Menschen verstehen? Der Unterschied zwischen Schlaf und Tod liegt darin, dass im Schlaf das Ich und der astralische Leib aus dem physischen Körper hinausgehoben werden, während im Tode auch der Ätherleib sich vom physischen Körper trennt, sodass dieser Letztere dann als toter Leichnam zurückbleibt, der chemisch eine unmögliche Mischung darstellt.

[ 28 ] Allerdings kommt es vor, dass kurz nach dem Tode Äther- und physischer Leib noch beisammen bleiben. In solchen Momenten steht das ganze Leben zwischen Geburt und Tod wie ein großes Bild vor dem Bewusstsein.

[ 29 ] Manche Menschen wissen solche Momente ihres Lebens anzugeben, besonders wenn sie einmal in großer Lebensgefahr geschwebt haben. Hier tritt in einem kurzen Moment dasjenige ein, was nach dem Tode für alle Menschen zutrifft. Nur durch den physischen Leib wird die Enge des Bewusstseins gebildet. Der Ätherleib ist der Träger des Gedächtnisses, welches eben im physischen Leib beengt und begrenzt ist. In jenem Augenblick indessen gelangt das Gedächtnis zu wunderbarer Ausdehnung.

[ 30 ] Der Ätherleib löst sich dann beim allmählichen Absterben wie ein zweiter Leichnam vom physischen Körper ab, um sich nach einiger Zeit in seiner Sphäre gänzlich aufzulösen. Dabei bleibt aber im Menschen die Essenz seines Lebens übrig. Diese wirkt und lebt in ihm und besteht aus jenem Gedächtnis-Tableau des Lebens. Er nimmt dies mit auf seiner Wanderung nach dem Leben. Dann tritt zugleich auch der Moment ein, wo sich diejenigen Teile des astralischen Leibes auflösen, welche nicht vom Ich bearbeitet worden sind.

[ 31 ] Nun kommt eine Tatsache, die ebenso gut logisch bewiesen werden kann wie irgendein biologisches Gesetz, aber von wenigen wird sie richtig und gründlich durchdacht, nämlich die menschliche unsterbliche Individualität, bestehend aus Ich und Lebensessenz, findet eine neue Möglichkeit, in dieses irdische Leben einzutreten. Die Geistesforschung aller Zeiten und auch die heutige Theosophie lehren die Reinkarnation.

[ 32 ] Das, was heute als Wesenskern im Menschen lebt, war schon öfters auf Erden da und wird wieder- und immer wiederkehren, natürlich nicht immer in derselben äußerlichen Form.

[ 33 ] Jeder Mensch hat die Möglichkeit und die Kraft, sich durch Arbeit seines Ich höher zu entwickeln. Dadurch erfolgen eine Veredlung des Ätherleibes und eine Vergrößerung der Lebensessenz als Fähigkeiten und angeborene Eigenschaften. Je öfter der Mensch durch ein solches Leben hindurchgegangen ist und je besser er ein solches Leben angewendet hat, desto edler werden seine Kräfte und sein Streben.

[ 34 ] Die Geisteswissenschaft führt den Menschen über den geistigen Aberglauben hinaus, während jegliche materialistische Wissenschaft eher zum Aberglauben führt, weil sie bestrebt ist, das Unvollkommene aus dem Unvollkommenen zu erklären. Mehr und mehr sollen wir danach trachten, möglichst viel Unvergängliches mit ins überphysische Reich hinüberzunehmen.

[ 35 ] Der Ichkern geht durch viele Leben des Menschen hindurch und steigt immer höher hinan zu Gott. Ursprünglich stammt die Seele auch aus der Göttlichkeit. Vergleich mit der Biene, die mit Honig beladen in den Bienenkorb zurückkehrt: [Die alte griechische Weisheit sagt mit Bezug hierauf, die menschliche Seele gleicht einer Biene, die ausfliegt, um Honig zu sammeln. Sie fliegt aus dem Schoße der Gottheit und sammelt im Leben den Honig der Erfahrung, den sie wieder zur Gottheit trägt.] In früheren Daseinszuständen liegen also die Ursachen der jetzigen Art unseres Daseins. So gibt es schließlich kein Leid, das nicht karmisch ausgeglichen würde vor Abschluss des letzten Lebens.

[ 36 ] Aus solchen Gesichtspunkten heraus erwächst Kraft und Trost für das Leben! So kann man Schmerzen ertragen, weil man das Bewusstsein hat, dass doch ein Ausgleich stattfindet, früher oder später. Die Taten weiß man nun nicht fruchtlos, sondern sie haben alle ihre Wichtigkeit und Bedeutung.

[ 37 ] Karma heißen die in feste Eigenschaften verwandelten Tätigkeiten. Dieses Gesetz waltet in der ganzen Natur.

[ 38 ] Aus solchen Perspektiven heraus enthüllen sich die Daseinsrätsel. Die Lösungen sind zugleich Antworten für das Gemüt. So empfinden wir die großen Wahrheiten, welche uns vom Vergänglichen hinüberführen ins Unvergängliche, ins Unsterbliche!