Der Kreislauf des Menschen
innerhalb der Sinnes Seelen und Geisteswelt
GA 68b
22 Januar 1907, Nürnberg
44. Blut ist Ein Ganz Besondrer Saft
[ 1 ] Sie wissen, dass der Ausspruch, welcher das Leitmotiv bilden soll unseres Vortrags, «Blut ist [ein ganz besondrer Saft]», sich findet in Goethes «Faust». Mephistopheles, der Sendling der Hölle, also des Bösen, verlangt von Faust eine Unterschrift des Vertrags, den er mit ihm schließt, mit Blut. Es handelt sich darum, dass Faust, in dem Goethe den Repräsentanten den strebenden Menschen hingestellt hat, hineingestellt ist zwischen Gut und Böse, dass Faust vom Diener der Hölle bedient werden soll und dass Mephistopheles Faust das Leben hindurch begleiten soll und Faust dafür ihm sich selbst verschreibt. Dieser Vertrag soll mit Blut unterschrieben werden, so verlangt’s Mephistopheles. Nun wissen Sie, dass die Antwort auf Fausts Bemerkung, ob es denn einer solchen Form, und gerade des Bluts bedürfe, ist: «Und Blut ist ein ganz besondrer Saft.»
[ 2 ] [Es] gibt [eine] ganze Literatur über Faust, aber die wenigsten kennen die Bedeutung des Wortes «Mephistopheles»: der Lügner, der Verderber — aus dem Hebräischen =; noch viel weniger [kennen sie] diejenige des Blutes. In einem der letzten Kommentare über Faust können Sie lesen, man müsse den Ausspruch des Mephistopheles so fassen: Mephistopheles fordert das Blut und bemerkt ironisch dazu: «Blut ist ein ganz besondrer Saft», weil er das Blut hasst, weil es ihm ganz besonders unangenehm ist, so fordert er die Unterschrift in Blut. Man muss wirklich «Goetheerklärer» sein, wenn man einen solchen Ausspruch tun kann. Können Sie sich bei Vernunft vorstellen, dass Sie etwas verlangen als besonderen Preis, weil es Ihnen das Unangenehmste ist? Das macht man nicht; wenn man etwas verlangt, so strenge wie Mephisto es tut, mit der Unterschrift nämlich, so bezeichnet man damit dies Etwas als etwas Wertvolles. Die gesunde Vernunft gibt einfach die Erwägung, dass der Sendbote der Hölle ganz besonderen Wert legt auf das Blut. Deshalb die Unterschrift in Blut.
[ 3 ] Wir können die Sage, welche Goethe seinem Gedicht zugrunde gelegt hat, zurückverfolgen bis zum sechzehnten Jahrhundert. Schon da finden wir die Verschreibung in Blut, da wird sie noch ganz besonders anschaulich dargestellt. Wie Faust die Ader geöffnet wird, wie das Blut herausrieselt, wie es dann gerinnt, wie zuletzt das Zeichen erscheint: O Mensch, entfliche!
[ 4 ] Die Faustsage ist wiederum nur eine von jenen vielen Sagen, in denen das Blut und die Blutverschreibung eine Rolle spielt. Es ist nicht durch irgendeinen Einfall die Blutverschreibung in die Faustsage gekommen, sondern durch das, wodurch wir in so vielen Sagen und Mythen eine tiefe Weisheit bildlich ausgedrückt finden. Wie rätselhaft erscheint oft eine Tatsache! Der Geistesforscher aber weiß, dass, wenn wir die alten Sagen und Märchen durchstöbern — nicht so durchstöbern wie die heutigen materialistischen Gelehrten, die von einer dichtenden Volksphantasie sprechen, die der Kenner des Volkes gewiss nirgends gefunden hat, die von phantastischen Gebilden sprechen —, wenn wir nicht so, sondern als Geistesforscher beobachten, wir in ihnen überall tiefe geistige Wahrheiten ausgedrückt finden, bildliche Aussprüche für tiefe geistige Wahrheiten. Es ist etwas höchst Eigentümliches, dass, wenn wir einfache Ausdrücke des Volkes anschauen, wir die großen geistigen Wahrheiten im Bilde vor uns haben, bildlich dargestellt finden. Das sind Märchen, Mythen, Sagen! Und wir können uns immer fragen: Ist vielleicht in dieser Volkssage, vielleicht in diesem einen Ausspruch eine tiefe geistige Wahrheit enthalten? Und wir wollen dann als Geisteswissenschafter diesen Ausspruch untersuchen.
[ 5 ] So soll uns heute beschäftigen die Bedeutung des Blutes, die Bedeutung dieses besonderen Saftes, beim einzelnen Menschen sowohl als auch im Menschheits- und Völkerleben. Wenn wir hineinleuchten in das Rätsel des Blutes, so werden wir einiges Licht über wichtige Kulturfragen der Gegenwart erhalten.
[ 6 ] Verstehen werden wir das, was wir darüber zu sagen haben, wenn wir uns an einen uralten Spruch halten, einen Ausspruch, den man den hermetischen Grundsatz nennt. Von einem der größten Eingeweihten, Hermes Trismegistos, dem ägyptischen Initiierten, stammt er. Dieser wird von vielen Gelehrten für eine fabelhafte Persönlichkeit gehalten. Die Geisteswissenschaft weiß aber, dass er der größte Lehrer der ägyptischen Kultur war. Dieser Satz sieht zuerst absonderlich aus, er heißt: «Es ist oben alles so wie unten, unten alles so wie oben.»
[ 7 ] Was ist das? Sie werden’s verstehen, wenn sie Folgendes erwägen: Sie sehen auf eines Menschen Antlitz eine lächelnde Miene; es ist Ihnen ohne Weiteres klar, dass Heiterkeit in der Seele dieses Menschen anwesend ist. Sie sehen eine Träne, es ist Ihnen klar, dass Traurigkeit oder Schmerz auf die Seele des Menschen sich gelagert hat. Sie schließen aus dem, was die Augen am Äußeren sehen, auf das Innere, vom Materiellen auf das Geistige. Nun nennt man im Sinne der Philosophie des Hermes Trismegistos das Materielle, Stoffliche das Untere, und das GeistigSeelische das Obere. Und derjenige, der diese Philosophie kennt, ist sich klar, dass es eine geistige Welt gibt, dass alles, was in dieser geistigen Welt sich abspielt, seinen Ausdruck finden kann im Materiellen. Irgendeinmal, sagt uns diese Philosophie, findet ein jegliches Geistige seinen materiellen Ausdruck. Es gibt kein Geistiges, das sich nicht einmal in der Physiognomie des Materiellen ausdrückt, und kein Materielles, das nicht seine geistige Seite hätte. Alles unten im Materiellen wie oben im Geistigen.
[ 8 ] In der mittelalterlichen Philosophie desjenigen großen, wunderbaren Bruderbundes, den man den Bruderbund vom Heiligen Gral nennt, da hätten Sie, wenn Sie unsichtbare Zuschauer hätten sein können, zwischen Lehrer und Schülern des Heiligen-Gral-Bundes eine lang dauernde Unterrichtsszene belauschen können. Diese kann ich nicht in anderer Weise kurz skizzieren als etwa in Form eines Gespräches. Abgespielt hat sie sich nicht so, aber eine Vorstellung erhalten Sie von dem, was zwischen Lehrer und Schüler geschehen ist.
[ 9 ] Da wurde dem Schüler klargemacht: Ebenso wie du, wenn du eine lachende Miene in einem Gesicht siehst, auf die Seele des Menschen und ihre Heiterkeit schließen kannst und von der Träne auf die traurige Seele, so kannst du das in der ganzen Natur. Für einen solchen Schüler war das, was Goethe als den Erdgeist charakterisiert, nicht bloß ein poetisches Bild, sondern Wirklichkeit. Wie jeder Mensch, wenn er seine Mitmenschen lachend oder mit traurigem Gesichte vor sich sieht, sich sagt: Hier habe ich nicht nur Fleisch und Blut, sondern eine Seele, so war der mittelalterliche Gralsschüler dahin gebracht worden, sich zu sagen: Wenn ich diese Erde mit ihren Steinen, Pflanzen, Tieren, Menschen und allem Sonstigen anschaue, so ist sie mir, ebenso wie der Menschenkörper, der Ausdruck einer Seele oder eines Geistes; und ganz klar hat man ihm gemacht: Wenn dein Finger sich einbilden würde, eine selbstständige Wesenheit ohne deine Seele zu sein, so könntest du dich leicht davon überzeugen, dass das nicht der Fall ist, wenn du ihn vom ganzen Körper lostrenntest. Er würde verdorren in kurzer Zeit. Er kann kein selbstständiges Leben führen. Ebenso wenig du selbst, der du zu der Erdseele gehörst. Könntest du dich trennen von ihr, würdest du dich nur wenige Meilen von der Erde entfernen, so verdorrtest du wie der Finger. Der Finger gibt sich nun nicht der törichten Illusion hin, eine selbstständige Wesenheit sein zu können, weil er angewachsen ist; könnte er herumspazieren wie der Mensch, so würde er es machen wie dieser.
[ 10 ] So wurde für den Schüler der Ausspruch eine tiefe Wahrheit, und der Erdgeist eine wirkliche Wesenheit. Und wenn er über die Fluren ging, so leuchtete in ihm ein Erkennen auf, tief zu Herzen gehend. Wenn er die eine Pflanze sah mit dem lachenden Gesicht, so war’s ihm der Ausdruck des heiteren Erdgeistes, und wenn er eine andere mit dunklen violetten Blüten erblickte, so war’s ihm der Ausdruck des trauernden Erdgeistes; die ganze Erde wurde ihm der Ausdruck eines Geistes, wie auch der scheinbar tote Stein.
[ 11 ] Als dann der Schüler überging in die sogenannte Rosenkreuzerische Schule, die im vierzehnten Jahrhundert begründet wurde, da ging der Unterricht auch noch zu Folgendem fort, man sagte: Seht den Stein an, diesen Kristall! Er besteht aus einer gewissen Substanz. Vergleiche diesen Stoff mit der tierischen und menschlichen Substanz. Diese ist durchzogen von Trieben und Begierden, von Verlangen und Wünschen; aber wunschlos, ohne Verlangen — nur von Glas - von dem Lichte erhellt, steht die Steinsubstanz da; keusch gegenüber der tierischen und menschlichen Substanz. — Und so musste sich der Schüler tiefer einleben in den keuschen Stein. Als hohes Ideal schwebte ihm das Ziel vor Augen, so rein zu werden wie der Stein in seiner Art. Dieses Gefühl dem keuschen Stein gegenüber musste der Schüler empfinden.
[ 12 ] Nur den ersten Satz darf ich Ihnen sagen einer tiefernsten Formel, welche jedes Mal, wenn ein wichtiger Abschnitt im Unterricht da war, gesprochen worden ist, von der Formel, die den Durchgang der göttlichen Weisheit durch alle Natur anzeigt. Da, wo die Weltweisheit unten im Steinreich schafft, charakterisiert man sie in der Formel: Die Steine sind stumm. Ich habe das ewige Schöpferwort in sie gelegt und verborgen, keusch und schamvoll tragen sie es in den Tiefen.
[ 13 ] Und eine andere Szene, die sich abspielte innerhalb der Gralsschulen, war diese: Man zeigte auf den Pflanzenkelch, der sich heraushebt aus der Pflanze, und sprach: Betrachte die Pflanze! Sie streckt ihre Wurzeln in die Erde hinein und ihre Befruchtungsorgane der Sonne entgegen, jene Organe, die uns hier in keuscher Reinheit erscheinen, und vom Sonnenstrahl, den man nennt die heilige Lichtlanze, geküsst wurde. Und dieser Pflanzenkelch enthält dieselben Fortpflanzungsorgane, die durch das Schamgefühl bedeckt werden müssen im Menschenreich. — Der Mensch ist die völlig umgekehrte Pflanze. Die Wurzeln sind der Kopf der Pflanze. Wir müssen uns vorstellen, dass der Mensch durch die Aufnahme der Begierden und Triebe das, was die Pflanze als keuschen Kelch der Sonne entgegenhält, schamvoll zu verbergen hat. Ein Werdegang findet statt von der Pflanze zum Menschen. Denken Sie sich die Pflanze durch einen Strich nach unten angedeutet, das Tier macht die halbe Wendung, der Mensch die ganze. Das zeichnet man hin: ein Kreuz entsteht. Plato hat das so ausgedrückt: Die Weltseele ist am Kreuz des Weltenleibes gekreuzigt. — Denn die drei Reiche empfand man in der Geisteswissenschaft als das Kreuz, und indem die Weltseele durchgeht von der Pflanze zum Menschen, geht sie das Kreuz durch.
[ 14 ] Und nun sagte man weiter dem Schüler: Denke dir diese Entwicklung, denke dir den keuschen Pflanzenkelch als Vorbild für die menschliche Hervorbringungskraft, und diese von aller Begierde geläutert; denke dir den Menschen als ein hervorbringendes, schöpferisches Wesen, so rein und keusch wie den Blütenkelch der Pflanze, dann schwebt dem Menschen der Kelch vor Augen als das geistige Produktionsorgan der Zukunft, geküsst von der Sonne des geistigen Lebens. Dieses Ideal nennt man den Heiligen Gral. - So wurde der geistige Inhalt des Heiligen Grals an die Schüler verteilt.
[ 15 ] Sie sehen, derjenige, der als ein solcher Wissenschafter durch die Natur geht, sieht im Kelch einen tiefen Hinweis auf das, was der Mensch werden soll. So spricht das Untere, die Materie, den Geist, das Obere, überall aus.
[ 16 ] Und wir lernen das Untere verstehen, wenn wir dafür das Obere kennenlernen. Die Materie des Blutes verstehen wir, wenn wir das Obere, das ihr entspricht, kennenlernen. Unsere Aufgabe besteht zunächst darin, geistig den Menschen zu betrachten und dann zu sehen, was im Geistigen dem Blut entspricht.
[ 17 ] Wir brauchen nicht mehr ausführlich das Wesen des Menschen im Geistigen kennenzulernen. Vier Glieder: physischer, ätherischer, astralischer Körper und Ich, durch das der Mensch die Krone der Schöpfung geworden ist. Das Ich ist dasjenige, was sinnige Naturen immer empfinden als den Ausdruck des Eigentlich-Ewigen im Menschen. Und Sie brauchen sich nur ganz gering anzustrengen, um zu überlegen, was dieser Name «Ich» im Unterschied von allen andern Namen bedeutet. Den Stuhl kann jeder Stuhl nennen; das kann nicht geschehen mit dem Namen «Ich». Keiner kann zu mir «Ich» sagen, niemals kann der Name «Ich» von außen an uns herantreten, wenn er uns bedeuten soll. Die Seele muss anfangen, von innen heraus zu sprechen. Mit dem Ich drücken wir etwas aus, was sich selbst seinen Namen gibt. Das haben die wahren Religionen allezeit empfunden. Es hat zum Beispiel die alte hebräische Geheimwissenschaft dieses Göttliche den Gott selbst, und den Namen dafür den unaussprechlichen Namen Gottes genannt. «Ich bin, der ich bin» bedeutet nichts anderes als dieses «Ich bin» in der Seele. Und das empfanden die, die da hörten, das empfanden die Zuhörer: Das Erklingen des Geistigen in der Seele, wenn ausgesprochen wurde: «Jav» = «Ich bin der ich bin»; das ist der unaussprechliche Name Gottes.
[ 18 ] Das Ich also ist das oberste der vier Glieder des Menschen. Von diesen vier Gliedern können Sie nur den physischen Leib hier sehen und tasten, et cetera. Die andern drei Glieder sind das Obere im Menschen; aber jedem Oberen entspricht ein Unteres. Jedes dieser drei Glieder baut sich auf im physischen Leibe besondere Organe. Das, wovon der gewöhnliche materialistische Anatomist etwas weiß, der physische Leib, ist auch ein vielgliedriges Wesen. Seine Organe sind nicht gleichartig, viererlei Organe hat der Mensch: Solche Organe, die rein physisch sind, nur vom physischen Leib selbst aufgebaut, dann solche, die er nicht hat entwickeln können ohne Ätherleib, ohne Astralleib, ohne Ich. Gewisse Organe sind das Untere des Ätherleibs, gewisse das Untere des Astralleibs, und gewisse der physische Ausdruck, das Untere des Ich.
[ 19 ] Dabei dürfen Sie nicht glauben, dass physische Organe, die nur vom Physischen aufgebaut sind, auch in einem bloß physischen Körper sein können; alle sind durchdrungen vom Äther- und Astralleib; aber ihre Form haben diese Ersteren bloß vom physischen Leib. Ohr, Auge sind physikalische Apparate. In seinen Sinnen ist der Mensch ein Ausdruck des physischen Leibes. Gehen Sie nun von diesen Sinnen zu den Ernährungs-, Fortpflanzungs- und Wachstumsorganen: Die sind nicht mehr bloße physikalische Apparate, die sind aufgebaut und sind das Untere vom Ätherleib. Sie haben sich demnach vorzustellen, dass der menschliche Leib in seinen Sinnesorganen und seinem Knochengerüste vom physischen Prinzip selbst aufgebaut ist. Dadurch, dass er vom Ätherleib durchdrungen ist, gliedern sich die andern ein. Die Pflanze ist auch von einem Ätherleib durchdrungen, daher hat sie auch eingegliedert die Ernährungs-, Wachstums und Fortpflanzungsorgane. In dem Augenblick, wo ein Wesen außerdem noch durchdrungen ist von einem Astralleib, gliedert sich ein dem Wesen ein Nervensystem. Dieses ist der Ausdruck für den Astralleib.
[ 20 ] Indem sich der Mensch nach und nach als ein materielles Wesen entwickelt hat, ging er hindurch durch die verschiedenen Reiche der Natur; er hat den Weg gefunden vom bloß physischen Körper bis herauf zu den höheren, und die höheren Glieder seiner Wesenheit haben den niederen immer mehr Organe eingegliedert. Die Organe sind nicht gleichwertig, die Nerven sind der Ausdruck des Astralleibs, Magen und Leber der des Lebensleibes; gleichsam die äußere Physiognomie finden sie im Untern für das Obere.
[ 21 ] Die Sache kann noch genauer ausgeführt werden: Der Astralleib hat sich langsam entwickelt; er besteht aus verschiedenen Gliedern, zunächst aus dem sogenannten Empfindungsleib, dem niedersten Glied, dann der Empfindungsseele, dann der Verstandesseele, und schließlich der Bewusstseinsseele. Nach und nach haben sie sich entwickelt. Wenn Sie dieses Nach-und-nach-Entwickeln des Menschen verstehen wollen, müssen Sie noch einmal anfangen bei dem Untersten. Sehen Sie ein physisches Wesen an! Dieses nennen große Philosophen einen Spiegel des ganzen Weltensystems. Warum? Sehen Sie sich den kleinsten Stein an, bedenken Sie, er könnte nicht so sein, wie er ist, wenn nicht die ganze Umwelt so wäre, wie sie ist. Der große Naturforscher Cuvier hat gesagt: Wenn ihr einem ganz weisen Anatomen einen einzigen Knochen zeigt, so würde er aus seinem Bau sehen können, wie der Bau des ganzen Tieres sein muss, dem er gehört; wäre der Knochen ein wenig anders, müsste der ganze Bau anders sein. Im Einzelnen drückt sich aus das Ganze, das gilt für den ganzen Kosmos.
[ 22 ] Wie ein einzelner Knochen so sein muss, wie er ist, weil das Ganze so ist, wie es ist, und wie er anders wäre, wenn das Ganze anders wäre, so würde ein ganz weises Wesen aus dem kleinsten Steinchen angeben können, wie der ganze Planet gestaltet ist. Ein Spiegel des Kosmos ist das Einzelne.
[ 23 ] Aber wenn wir hinaufschreiten von dem bloß leblosen Spiegel des Kosmos, wie er schon im Stein sich zeigt, so erscheint uns diese kosmische Spiegelung höher, wenn wir sie sehen da, wo den Wesen ein Leben zugrunde liegt. Da spiegelt sich der Kosmos nicht so wie im Stein, da setzt sich der Prozess der Spiegelung im Innern fort. Es schließt sich das Wesen nach außen ab. Vorgänge im Innern werden angeregt, weil außen gewisse Vorgänge sind. Die Pflanze zeigt in ihren Bewegungen Spiegelungen des Äußeren.
[ 24 ] Im Nervensystem ist die Spiegelung noch vollkommener. Das einfachste Nervensystem ist das, welches im Menschen noch vorhanden ist als das sympathische, welches sich ausbreitet in zwei Strängen zu beiden Seiten des Rückenmarks und von dessen Tätigkeit unser Bewusstsein nicht weiß. Dieses Nervensystem ist als das unterste Nervensystem das Untere für den Empfindungsleib. Nun können Sie sehen, wie gerade in meiner «Theosophie» gezeigt ist, wie im Empfindungsleib die Empfindungsseele sich eingliedert. Davon gibt es einen Ausdruck im Unteren: Der Rückenmarksnervenstrang gliedert sich hinein zwischen die zwei Ganglienstränge. Alles unten so wie oben!
[ 25 ] Ein wunderbarer Ausdruck des geistigen Lebens ist die materielle Welt. Die Theosophie wird Ihnen ein geistiges Bild der Welt bieten. Dieses hat den Siegelabdruck draußen. Und dies ist die Bedeutung des Wortes Siegel. Da, wo wir ein Materielles vor uns haben, von dem wir das Geistige noch nicht kennen, da nennt man es in der Sprache der Offenbarungen St. Johannis «versiegelt». Und unsere Welt wird offenbar werden mit ihren sieben Geheimnissen. Die ganze Welt ist siebengliederig: sieben Farben, sieben Töne, sieben Glieder des Menschen. Nichts Wunderbares liegt darin, nur dasselbe Grundgesetz. Dieses siebengliederige Universum ist, soweit es nicht enthüllt ist, ein Buch mit sieben Siegeln. Wenn es entsiegelt wird, wird man das Obere für das Untere erkennen.
[ 26 ] Für die Verstandesseele, die ein höheres Glied im Astralleib ist, ist das Gehirn der äußere Ausdruck, das Untere.
[ 27 ] Nun entsteht die Frage: Wenn der physische Leib sozusagen sein eigener physischer Ausdruck ist, alles was zum Ernährungs- et cetera -system gehört, der Ausdruck des Ätherleibes, wenn das Nervensystem derjenige des Astralleibes ist, was ist dann der Ausdruck des Ewigen?
[ 28 ] Das ist das Blut und das Blutsystem. Überall, wo das Blut auftritt, ist es Ausdruck eines Ich.
[ 29 ] Damit werden wir in geisteswissenschaftlicher Weise begreifen, wie es kommt, dass zum Beispiel beim Menschen, wenn sein Keim sich entwickelt, das Herz und das Blut erst kommen, wenn schon alle Organe herausgebildet sind im Mutterleibe. Das entspricht ganz dem, was im Geiste stattfindet. Das Ich ist die Krone von allem und erscheint auch zuletzt.
[ 30 ] Es ergibt sich weiter ein wunderbarer Zusammenhang zwischen Blut und Ich. Es wird schon aufleuchten können eine Ahnung davon, wie das Blut mit dem Ich zusammenhängt, mit dem ureigensten Wesen der menschlichen Persönlichkeit, wenn Sie Folgendes betrachten: Da, wo das Ich sich fürchtet, in Schrecken gerät, wird sein physischer Körper bleich; da, wo es sich verbergen will, kommt das Blut in Form der Schamröte zum Vorschein. Wo das Ich besonders engagiert ist, schen wir am äußeren Ausdruck in der Verfärbung des Gesichtes. Das ist trivial, aber es gibt eine Ahnung von dem Zusammenhang zwischen dem Ich und dem Blut.
[ 31 ] Sehen Sie, unsere materialistische Wissenschaft betrachtet das Herz als eine Art Pumpwerk. Sie ist der Anschauung, dass das Herz das Blut durch den Körper pumpt, so ganz mechanisch. Hegel hat als einziger deutscher Philosoph des neunzehnten Jahrhunderts gewusst, dass das nicht so ist. Er hat gesagt: Nicht das Herz ist es, das das Blut treibt, sondern das Blut ist es, das dem Herzen die Bewegung gibt. Und das Blut bekommt seine Bewegung von der Seele, wird angetrieben von dem Geiste heraus. Das Herz schlägt schneller, wenn der geistige Impuls da ist. Das Blut ist das treibende Element des Herzens.
[ 32 ] Es war ein kühner Satz, er ist aber Gemeingut der Geisteswissenschaft. Diese hat nie etwas anderes gesagt als dies: dass die Seele selbst es ist, die unter dem Impuls des Ich das Blut entweder unter einem Schrecken oder unter irgendeinem andern, was dem Seelischen angehört, dass diese Seele, dieses Ich das Blut und dadurch das Herz treibt.
[ 33 ] Und damit werden Sie zu gleicher Zeit darauf hingewiesen, auf etwas in der Geisteswissenschaft, was Ihnen eins begreiflich machen wird. Das Herz ist nämlich etwas, was der heutigen materiellen Wissenschaft einen Strich durch die Rechnung macht. Die willkürlichen Muskeln sind sogenannte quergestreifte Muskeln, alle unwillkürlichen sogenannte Muskeln mit glatten Muskelfasern. Das Herz ist nun ein unwillkürlicher Muskel; die meisten Menschen können ihn nicht dirigieren. Und dennoch ist er quergestreift; woher kommt das? Das erklärt die Geisteswissenschaft so: Das Herz, wie es heute ist, ist im Anfange seiner Entwicklung; es wird eine Zeit geben, wo das, was heute noch eine unwillkürliche Bewegung ist, eine willkürliche werden, seinem Geiste unterstehen wird. Das Gehirn ist das Denkorgan von heute und das Herz wird Geistorgan der Zukunft werden. In der Zukunft wird das Herz eine ganz andere Stellung einnehmen. Der Mensch wird sein Blut bewusst durch seinen Körper rollen. Das Herz wird der Ausdruck seines Geisteslebens sein, ein bewusst wirkender Muskel. In der Zukunft wird es so sein. Darum ist es heut im Keime schon so. So haben wir diese ganz anders[artigen] Organe des Menschen, Blut und Herz, als den Ausdruck des Ich und können es verfolgen in seiner Bedeutung für die Welt.
[ 34 ] Man spricht von Blutsverwandtschaft, von der Bedeutung des Blutes. Man ahnt das, aber man hat keine wirkliche Einsicht darein. Ich will Ihnen aus dem Leben heraus solche Ahnungen vor Augen führen: Anzengruber und Rosegger, die als Schilderer des Bauernlebens bekannt sind — Letzterer beschreibt sie, wie er sie gesehen, Ersterer aber völlig aus sich heraus, ohne dass er sie genauer beobachtet und studiert hat, und zwar sehr treffend — haben ein Gespräch miteinander geführt, worin Rosegger zu Anzengruber gesagt hat: Du lebst und lebtest ganz in der Stadt, und hast trotzdem die Bauern so vortrefflich charakterisiert. Wenn du nun hinausgingst zu ihnen, und dir sie genau ansehen würdest, wie müsstest du sie dann erst schildern können. Das möchte mich nur irre machen, antwortete Anzengruber. Ich habe zwar mein ganzes Leben in der Stadt zugebracht, aber meine Ahnen waren Bauern, lauter Bauern, das liegt halt so im Blute.
[ 35 ] Es liegt so im Blute — das könnte einem wie ein Bild vorkommen; ist es aber ein bloßes Bild? Der Anzengruber schilderte wirklich aus seinem Blut heraus. Er hatte kein Notizheft. Warum? Nicht etwa, weil das Blut sich vererbt hat, das kann sich nicht vererben. Kein Tropfen Blut geht über vom Vater auf den Sohn. Es ist sogar das Späteste, was im Keim entsteht. Aber ebenso, wie Sie von Ihrem Vater ihre Nase ererben, die Struktur äußerer Organe, so ererben Sie die Struktur Ihres Nervensystems, die Struktur Ihrer inneren Organe. Alles das, was der Ausdruck des physischen Leibes, des Äther- und Astralleibes ist, ererben Sie von Ihren Ahnen. Sie könnten ebenso gut den Magen auf seine Ähnlichkeit mit dem des Vaters untersuchen wie die Nase. Und Sie könnten die Ähnlichkeit des Anzengrubergehirns mit dem seiner Bauernvorfahren untersuchen, wie die Nase. Die Glieder der menschlichen Wesenheit, die sich auf diese Weise als ähnlich den Vorfahrenformen erweisen, drücken sich ab im Blute wie in einer Tafel, weil das Blut das Ich repräsentiert. Was auf das Blut einen Eindruck macht, macht auf das Ich einen Eindruck. Lebe ich ganz als ein Sohn meines Vorfahren, ist das, was sich vererbt hat, das Stärkste in mir, dann drückt sich das Vererbte ins Blut ein, und ich empfinde im Blute das, was im Innern meiner Vorfahren noch vorhanden war. Sind dafür die Eindrücke der äußeren Welt stärker, so übertönt das, was da in mein Ich, mein Blut eindringt, das, was vom Innern herausströmt. Ich vergesse das, was die Vorfahren haben einströmen lassen.
[ 36 ] So wird der, von dem man sagt, dass er «Rasse» hat, so recht ein Sohn seines Geschlechtes sein, die Struktur seiner Vorfahren haben. Das drückt er in sein Blut, sein Ich ein. Der, bei dem die Rasse nicht mehr so stark ist, ist auf die Eindrücke von außen angewiesen. Die hat jeder für sich, ob Sohn dieses oder jenes Vaters. Sie haben diese ihre innern Impulse übertönt bei stärkeren äußeren Eindrücken. Sind die Eindrücke der Außenwelt stärker, so hat diese sein Blut, lebt in ihm Rasse, so hat die Rasse sein Blut. Was der Vorfahr erlebt hat, drückt sich dann in dem aus, was er tut, schreibt.
[ 37 ] Das dehnen Sie aus, und betrachten Sie die geistige menschliche Herkunft. Denken Sie sich: Es drückt sich noch mehr aus von dem, was sich ererbt. Denken Sie sich das; das hat es wirklich gegeben.
[ 38 ] Wenn wir zurückgehen in uralte Zeiten, finden wir bei jedem Volke einen gewissen Ausgangspunkt. Ganz andere Eheverhältnisse, Verhältnisse der Liebe und Zusammengehörigkeit und Verwandtschaft herrschten da; innerhalb der Familie, des Stammes heirateten die Einzelnen. Bei jedem Volke finden Sie dann den Übergang von dem, was man nennen kann die Nah-Ehe, zu dem was man heißt die ferne Ehe. Es würde in der Zeit der Ersteren den Usus, das Gesetz eines Stammes durchbrochen haben, wenn ein männliches oder weibliches Glied herausgeheiratet hätte. Bei jedem Volke sehen wir aber, wie die Nah-Ehe später durchbrochen wird, wie die Einzelnen in andere Stämme hineinheirateten. Und überall ist dieser Übergang von der Nah-Ehe, wo sich Blutsverwandte verbinden zu der fernen Ehe, wo [sich] Fernstehende vereinigen, mit einer Änderung des Geistesleben verknüpft.
[ 39 ] Die Sagen der Völker haben uns aufbewahrt diesen Übergang von der nahen zur fernen Ehe in einer besonderen, eigenartigen Weise. Viele Sagen existieren, wo die Frauen geraubt werden, fortgeführt werden in fremde Stämme. Etwas Tragisches bei dem Übergang von der alten Ordnung zum Neuen kommt in ihnen zum Ausdruck. Der Übergang zu der fernen Ehe ist verknüpft mit einem Übergang von einem alten Hellsehen zu einem modernen, mehr auf die äußere Sinneswelt angewiesenen Beobachten. Wo die Nah-Ehe allgemeiner Brauch ist, da haben die Leute noch etwas wie ein natürliches Hellsehen. Das verliert sich, wenn dem nahen Blute fremdes beigemischt wird. Das, was der Anzengruber in seinem Blute fühlte, fühlten die, welche in der nahen Ehe standen, auch, aber in viel höherem Grade. Da fühlte man nicht so dunkel, so halb unbewusst wie Anzengruber, was die Vorfahren erlebt hatten, sondern so wie etwas Selbsterlebtes. Durch die nahe Verwandtschaft war die vererbte Struktur so stark, dass sie sich in das Blut eindrückte. So empfand das Ich, das Blut, das ganze Geschlecht, nicht bloß sich selbst. Erst als fremdes Blut sich zumischte, hörte die Macht der Generation auf, verlor sich der alte Ahnenkultus. Wo man einen fernen Vorfahren verehrt hatte, rührte es nicht her von der Phantasie, sondern daher, dass der fernste Nachkomme in seinem Blute, seinem Ich sich verbunden fühlte mit den Ahnen. Hellsehen war da. Alle Sagen, die wie Bilder der Wahrheiten dastehen, werden uns erklärlich, wenn wir wissen, dass sie aus anderen Anschauungen hervorgegangen sind, aus dem Hellsehen, das sich noch heute bei primitiven Naturvölkern findet.
[ 40 ] Das müssen Sie wissen, wenn Sie die Schriften verstehen wollen, welche auf der Geisteswissenschaft fußen. Eine Schrift gehört vor allem hierher: die Bibel. Die wichtigsten Partien darin können Sie nicht verstehen in den [Zeiten] von heute. Es ist unmöglich, wenn man eines nicht weiß: dass mit einem Namen in alten Zeiten nicht das bezeichnet wurde, was sich in einer Persönlichkeit darstellt, sondern das, was in der nahen Ehe durch ganze Generationen dahinlebte. Weil im Blut des entferntesten Nachkommen die vererbte Struktur sich ausdrückte, empfand man alles dieses selbst in seinem Ich. Sie wirkte noch nicht wie beim Anzengruber, sondern wie ein wahres Gedächtnis. Wie sich der Mensch, bei dem durch die Fern-Ehe alles Blut mit anderem zusammengeflossen ist, nur an das eigene Leben erinnert, so derjenige aus der nahen Ehe an alles, was die Ahnen erlebt haben. Sie, die aus der Nah-Ehe, bezeichneten das als zu ihrem Ich gehörig. Durch ganze Generationen hindurch klingt derselbe Name, weil man sich erinnerte der Erlebnisse des Ahnen. So bezeichnete man als Adam nicht einen einzelnen Menschen, sondern eine durchlaufende Erinnerung durch Generationen.
[ 41 ] Lassen Sie sich von der Bibel die ursprünglichen Zeitalter schildern; die weiß es, dass man da die Namen so gegeben hat. Ein wunderbares Licht fällt so auf jene alten Berichte. Sie sind richtig, sobald man weiß, dass ihre Namen in die Zeit hineingehören, wo die gleiche Struktur sich im Blute immer und immer wieder ausdrückte.
[ 42 ] Und dann finden wir überall, wo der Übergang von der nahen zur fernen Ehe stattfindet, wie jene uralte hellsehende Erinnerung getötet wird. Sie können heute überall die allerersten Elementarwahrheiten finden, die im Okkultismus Jahrtausende alt sind. Den Satz können Sie dargestellt finden: Je verwandter die Blutszusammengehörigkeit ist, desto lebendiger ist die Seherkraft. Die Blutmischung wirkte auslöschend auf das Leben des geistigen Leibes. Heute machen die Forscher Versuche, ob man mischen kann das Blut verschiedener Tiere. Das Blut von Mäusen tötet die Ratten nicht, das von Kaninchen nicht die Hasen, weil diese Tiere nahe verwandt sind, das Blut weiter voneinander abstehender Tieren tötet diese. Fernes Blut tötet hier wirklich. Beim Menschen war es anders. Da wirkte das ferne Blut auslöschend nicht auf den physischen Leib, sondern auf den geistigen Leib, der der Träger jener höheren Weisheit war.
[ 43 ] Da zeigt sich uns die Funktion des Blutes. Da sehen wir, dass derjenige das Ich hat, der das Blut hat. Wo die größere Macht die Außenwelt bekommen hat, weil fernes Blut sich beimischte, da wirkten die äußeren Erfahrungen, und da hatten diese das Blut. Wer das Blut eines Wesens hat, hat das Ich des Wesens.
[ 44 ] Es ist nicht alles für alle Zeit dasselbe, damals als die Nah-Ehe war, waren die Verhältnisse auf der Erde andere. Für die neue Zeit gilt das nicht; weil die Verhältnisse auf der Erde sich geändert haben, musste das Ich in die ferne Ehe übergehen. Die Adelsgeschlechter haben das Alte noch erhalten, das hat heute nachteilige Folgen. Was in alten Zeiten der Träger hoher geistiger Menschheitsentwickler war, muss in der materialistischen Zeit schädlich wirken.
[ 45 ] In der Zukunft wird die Menschheit wieder zu höherem Schauen aufsteigen, aber [in] anderer Art bewusst, indem der Einzelne der geistigen Wiedergeburt sich bemächtigen wird; er wird so stark werden, dass er selbst als Person den Geist einzudrücken vermag in sein Blut, Macht bekommt über sein Blut. Da wird der Mensch wieder hellsichtig werden, sodass er nicht bloß abstrakte Kenntnisse zu erobern, sondern diese Erkenntnisse ins Blut überzuführen vermag. Versuchen Sie, was Sie wollen, an theoretischen Kenntnissen sich zu erwerben, die bleiben trocken und abstrakt, nüchtern und kahl; versuchen Sie, Erkenntnisse so herauszubilden, dass Begriffe für Sie Gefühle, höhere Affekte werden, Ihr Blut berührt, dann wird das höhere Erkenntnis. Daher jene mittelalterliche Schulung, die den Schüler über die Fluren geführt hat, die die Blumen zu seinem Blute sprechen ließ, und nicht nur zu seinem kühlen Verstande.
[ 46 ] So hängen die Dinge zusammen. Es ist notwendig, die Funktion des Blutes zu erforschen. So, wie das Blut der Hervorbringer dessen ist, was das Ich zusammenhält, so wird, wenn wir von außen das Geistesleben an das Blut heranbringen und es nicht zum Blute passt, das Geistesleben nicht vom Blute verstanden werden können. Deshalb kann der Europäer seine Kultur einem «wilden» Volksstamme nicht einfach aufdrängen. Sie können, wenn der eine Volksstamm nicht zum andern passt, noch so viel predigen; sie erreichen ihren Zweck nicht, sie vernichten ihn nur. So haben die Spanier die Indianer vernichtet, die Blutdifferenzen waren zu groß gewesen. Ganz anderes Blut hatten die Indianer als die Europäer.
[ 47 ] So werden Sie sehen, dass der geistige Verkehr zwischen den Völkern bewusst geregelt werden muss. Auf die Mission des Blutes muss man sehen, die Blutfrage hängt mit der Kolonialfrage zusammen. Hier kann man wieder erkennen, wie praktisch die Theosophie ist. Es wird die Zeit kommen, wo man das bewusst wird leiten müssen, was man Kulturmischungen nennt. Nicht übersehen dürfen wir, dass nur das Obere in das Untere eindringen kann, das in diesem Untern sich wirklich Ausdruck zu verschaffen vermag.
[ 48 ] Studiert die Verhältnisse eures Blutes, denn dann lernt ihr die Verhältnisse eurer verschiedenen Iche kennen.
[ 49 ] Wenn Sie zu einem Menschen sprechen im alltäglichen Leben, reden Sie ihm Begriffe abstrakter Natur vor, kahle, öde Begriffe! Der andere kann viel lernen von Ihnen, aber alles, was er lernen kann, bleibt in einem gewissen schattenhaften Begriffszustand. Reden Sie ihm etwas zu, was sein Herz ergreift, sein Blut in Wallung bringt, dann haben Sie nicht bloß seinen Verstand, dann haben Sie ihn innen, dann haben Sie sein Ich. Wer des Menschen Blut hat, hat sein Ich. Wer eines Volkes Blut hat — nicht materialistisch, sondern als Ausdruck des Ich —, der hat das Volk, und wer ein Volk haben will, es lehren will, der muss sein Ich und den Ausdruck seines Ich im Blute verstehen. Ob man im Guten, ob man im Bösen sich bemächtigen will eines menschlichen Ich, man muss sich des Blutes bemächtigen.
[ 50 ] So haben die Volkssagen hier Weisheit gesprochen, indem sie die Blutsverschreibung zum Ausdruck genommen haben, um anzuzeigen, dass ein Mensch sich ganz verschreibt. Tiefe Weisheit steckt in der Sage, die den Teufel den Faust, sein ganzes Ich gewinnen lässt dadurch, dass er sich die Unterschrift mit Blut verschafft. Hat Mephistopheles das Blut des Faust, dann hat er sein Ich. Deshalb hat er es nicht spöttisch gemeint, sondern es ist Wahrheit und wirklich der Ausdruck tiefer Weisheit; ja, gerade die tiefste Weisheit vom Wesen des Menschen im Sinne, dass das Untere der Ausdruck des Oberen ist, sie bestätigt uns diesen Satz: Und das Blut, ja, das Blut ist ein ganz besonderer Saft.
