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The Rudolf Steiner Archive

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The Essence of Anthroposophy
within the World Of Sense, Soul And Spirit
GA 68b

12 March 1910, Munich

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The Circular Flow of Man's Life, tr. SOL
  1. Der Kreislauf des Menschen

55. Die Mission der Andacht

55. The Mission of Devotion

[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Als ich das letzte Mal hier vor Ihnen sprechen durfte über die «Mission des Zornes» und «die Mission der Wahrheit» für die Menschenseele, da konnte ich hinweisen auf den Spruch des großen griechischen Philosophen Heraklit: «Der Seele Grenzen wirst du nimmermehr ausfindig machen und wenn du auch alle Straßen durchwandeltest, so weit sind ihre Gebiete.» — Und schon dazumal ist die Berechtigung dieses Spruches über die Weite des menschlichen Seelenlebens nachgewiesen worden daran, dass wir einigermaßen eindringen können in das komplizierte Gefüge dieses unseres eigenen Seelenlebens nur dann, wenn wir sozusagen zuerst ein wenig Ordnung in die Betrachtung der Seele hineinbringen; das heißt, wenn wir nicht dabei stehen bleiben, die Seele einfach anzusehen als dasjenige, als was sie uns entgegentritt — als eine Summe von aufund abwogenden Empfindungen, Gefühlen, Trieben, Begierden, von Vorstellungen, von Ideen, von Idealen und so weiter, sondern dass wir uns klar werden, wie dieses Seelenleben zerfällt in drei voneinander gesonderte Gebiete: in dasjenige, was man zunächst nennen kann innerhalb des Menschen die Empfindungsseele, dasjenige, was man nennen kann die Verstandes- oder Gemütsseele und endlich das dritte, höchste Seelenglied, das man nennen kann die Bewusstseinsseele. Denn diese drei verschiedenen Seelenglieder haben drei ganz verschiedene Arten von Entwicklungsbedingungen. Und was sozusagen uns lehren kann, wie das eine dieser Seelenglieder sich entwickelt, das ist nicht zu gleicher Zeit geeignet, uns Aufschluss zu geben über die Entwicklungsgesetze und Entwicklungsbedingungen des anderen der genannten Seelenglieder.

[ 1 ] Ladies and gentlemen! The last time I had the privilege of speaking before you here about the “Mission of Wrath” and the “Mission of Truth” for the human soul, I was able to refer to the saying of the great Greek philosopher Heraclitus: “You will never discover the limits of the soul, and even if you were to walk every path, so vast are its realms.” — And even back then, the validity of this saying regarding the vastness of human soul life was demonstrated by the fact that we can only penetrate to some extent into the complex fabric of our own soul life if we first, so to speak, bring a little order to our contemplation of the soul; that is to say, if we do not stop at simply viewing the soul as what it presents itself to us—as a sum of fluctuating sensations, feelings, drives, desires, conceptions, ideas, ideals, and so on—but rather if we come to understand how this inner life is divided into three distinct realms: that which we might first call the sentient soul within the human being, that which we might call the intellectual or emotional soul, and finally the third, highest member of the soul, which we might call the conscious soul. For these three distinct members of the soul have three entirely different kinds of developmental conditions. And what can, so to speak, teach us how one of these soul elements develops is not at the same time capable of providing insight into the laws and conditions of development of the other soul elements mentioned.

[ 2 ] Unsere Empfindungsseele stellt sich uns zunächst als dasjenige dar, was in uns antwortet auf die äußeren Anregungen, die uns entgegentreten sowohl aus der Natur wie aus dem Menschenleben, was zunächst Eindrücke empfängt von der Außenwelt und dann aufgrund dieser Eindrücke dasjenige eben entwickelt, was wir nennen können die Leidenschaften für irgendetwas, die Triebe, dieses oder jenes zu tun oder haben zu wollen. Alles das also, was uns an Trieben, Begierden, Leidenschaften, an ungeordnetem Seelenleben, wie es auch in der niedersten Menschenseele sich entfaltet, entgegentritt, das bezeichnen wir als den Bereich der Empfindungsseele.

[ 2 ] Our sensuous soul first presents itself to us as that which responds within us to the external stimuli we encounter from both nature and human life—that which first receives impressions from the external world and then, on the basis of these impressions, develops precisely what we might call the passions for something, the drives to do or desire this or that. All of this—that is, the impulses, desires, passions, and disordered inner life that unfold even in the lowest human soul—we designate as the realm of the sensory soul.

[ 3 ] Wenn dann der Mensch in seiner Entwicklung weiterkommt, wenn er sich — wie man sagen könnte — verinnerlicht, dann tritt das ein, was man das Hervorgehen der Verstandes- oder Gemütsseele gegenüber der Empfindungsseele nennen kann. Solange der Mensch auf irgendeine äußere Anregung hin seinen Zorn walten lässt, solange er auf irgendeinen äußeren Eindruck hin von dem Affekte der Furcht ergriffen wird, können wir nur sprechen von der Empfindungsseele.

[ 3 ] When a person then progresses in their development, when they—as one might say—internalize themselves, what occurs is what can be called the emergence of the intellectual or emotional soul in contrast to the sensory soul. As long as a person gives free rein to his anger in response to some external stimulus, as long as he is seized by the emotion of fear in response to some external impression, we can speak only of the sentient soul.

[ 4 ] Wenn aber der Mensch die Gefühle, die Eindrücke der Außenwelt selbstständig in seinem Innern verarbeitet, wenn er außer dem Hingegeben-Sein an die äußere Welt sich in sich selber etwas vertiefen kann, sodass er miteinander verbindet, kombiniert die Eindrücke der Außenwelt, dann hebt er sich allmählich herauf aus dem bloßen Gewoge der Empfindungsseele und kommt in sich selber zu demjenigen, was man nennen kann verständige Beherrschung der Triebe, Begierden und Leidenschaften mit Ideen, was man auf der anderen Seite bezeichnen kann als ein Besänftigen, Läutern der ungezügelten Triebe und Leidenschaften durch das Gemüt. Kurz, Verstandes- oder Gemütsseele, die eigentlich eine Einheit darstellen, sie sind dasjenige, durch das sich der Mensch über die bloße Empfindungsseele herauferhebt.

[ 4 ] But when a person independently processes the feelings and impressions of the external world within himself, when—in addition to being absorbed in the external world—he is able to delve into himself to some extent, so that he connects and combines the impressions of the external world, then he gradually rises above the mere turmoil of the sensory soul and arrives within himself at what can be called the rational control of instincts, desires, and passions through ideas—which, on the other hand, can be described as a soothing and purifying of unbridled instincts and passions through the mind. In short, the rational soul and the emotional soul—which actually constitute a unity—are that through which human beings rise above the mere sensory soul.

[ 5 ] Dass eine solche Erhebung stattfindet, dass gleichsam der Mensch sich von außen abkehren kann und die Eindrücke in sich selber bis zu einer gewissen Vollkommenheit verarbeiten kann, das lehrt uns das äußere Leben, wenn wir ein Beispiel ins Auge fassen wie das Folgende. Gewiss gab es viele Menschen, die Zeitgenossen waren der Ereignisse von 1750 bis 1815. Dahinein fielen gewaltige Umwälzungen des Lebens. Nahen wir einmal mit einem prüfenden Blick denjenigen, die diese Ereignisse haben auf sich wirken lassen. Auf ihre Empfindungsseele haben sie gewirkt. Hingerissen von den Empfindungen, von den Eindrücken waren alle diejenigen, die sie haben sehen können. In gewisser Beziehung weiser geworden, reicher an Lebensweisheit und Erfahrung sind [aber] nur diejenigen [geworden], welche diese Eindrücke in sich selbst verarbeitet haben. Die standen dann mit einem anderen inneren Seelenleben, mit einem geklärteren inneren Seelenleben im Jahre 1815 der Welt gegenüber als etwa 1770. Das ist das Herausheben der Verstandes- oder Gemütsseele aus der Empfindungsseele.

[ 5 ] That such an elevation takes place—that a person can, as it were, turn away from the outside world and process these impressions within themselves to a certain degree of perfection—is what external life teaches us when we consider an example such as the following. Certainly, there were many people who were contemporaries of the events from 1750 to 1815. This period was marked by tremendous upheavals in life. Let us now take a closer look at those who allowed these events to take their course. They had an effect on their emotional nature. All those who were able to witness these events were swept away by the feelings and impressions. [However], only those who processed these impressions within themselves [became] wiser in a certain sense, richer in life wisdom and experience. They then faced the world in 1815 with a different inner life of the soul—a clearer inner life of the soul—than they had, say, in 1770. This is the elevation of the intellectual or emotional soul above the soul of feeling.

[ 6 ] Wenn wir aber nur diese Verstandes- oder Gemütsseele in uns wirken haben würden, dann würden wir sozusagen immer mehr und mehr in uns hineinsteigen. Wir würden zwar an Lebensweisheit, an Lebenserfahrung reicher werden, aber es würde nicht das über unsere Seele kommen, was wir nennen Welterkenntnis, Erkenntnis der großen Gesetze, die hinter den Dingen liegen und denen wir uns nur dadurch nähern können, dass wir wiederum aus uns herausgehen, dass wir die Eindrücke wiederum mit demjenigen durchdringen, was wir uns an Lebenserfahrung und Lebensweisheit angeeignet haben; und das tritt ein durch die Erkenntnis- oder Bewusstseinsseele, die den Menschen wieder aus sich heraus und zur Welt hinführt. Er lässt in dem Augenblick die Bewusstseinsseele walten, wo er sozusagen nicht bloß in sich selber reicher und reicher wird an Ideen, sondern wo er diese Ideen dazu anwendet, um das, was zunächst als eine Menge von Eindrücken da ist, zu ordnen, zu durchdringen so, dass ihm die Gesetze des Daseins, die Gesetze der Welt allmählich erscheinen, dass er gleichsam mit seiner Bewusstseinsseele sich wiederum nach außen hin mit dieser Welt verbindet.

[ 6 ] But if only this intellectual or emotional soul were at work within us, then we would, so to speak, withdraw more and more into ourselves. We would indeed grow richer in wisdom and life experience, but what we call “knowledge of the world”—the understanding of the great laws that lie behind things, and which we can approach only by stepping out of ourselves again, by permeating our impressions with what we have acquired through life experience and wisdom—would not come to our soul; and this occurs through the knowing or conscious soul, which leads the human being out of himself and back toward the world. At that moment, he allows the consciousness soul to take the lead—not merely when, so to speak, he becomes richer and richer in ideas within himself, but when he applies these ideas to organize and penetrate what initially exists as a multitude of impressions, so that the laws of existence, the laws of the world gradually become apparent to him, so that, as it were, through his soul of consciousness, he reconnects outwardly with this world.

[ 7 ] Und wenn wir uns fragen — auch das wurde schon erwähnt —, was waltet [in] unserem Inneren zu dem Ziele, diese drei Seelenglieder in entsprechende Wirksamkeit gegeneinander zu bringen, das eine aus dem andern herauszuarbeiten, das eine auf das andere zurückwirken zu lassen? Dasjenige, was da in uns wirkt, ist das eigentliche Menschen-Ich, der eigentliche Träger des menschlichen Selbstbewusstseins.

[ 7 ] And when we ask ourselves—as has already been mentioned—what is at work within us with the aim of bringing these three soul elements into appropriate interaction with one another, of working one out of the other, of allowing one to influence the other? That which is at work within us is the true human “I,” the true bearer of human self-consciousness.

[ 8 ] Dieses menschliche Ich aber ist es auch, das in einer fortwährenden Entwicklung begriffen ist. Gleichsam noch wie untergetaucht ruht es in der Empfindungsseele. Solange bloß die Empfindungsseele waltet, erscheint das Ich wie ein Sklave dieser Empfindungsseele, hingegeben sklavisch allen Eindrücken der Außenwelt, überwältigt gleichsam von all den Farben-, Licht-, Wärmeeindrücken, tyrannisiert von seinen Leidenschaften, Trieben und Begierden.

[ 8 ] But it is also this human “I” that is in a state of constant development. As it were, still submerged, it rests within the sensory soul. As long as the sensory soul alone reigns, the “I” appears as a slave to this sensory soul, slavishly devoted to all impressions from the external world, as it were overwhelmed by all the impressions of color, light, and warmth, and tyrannized by its passions, drives, and desires.

[ 9 ] Dann aber arbeitet dieses Ich weiter, arbeitet selbst daran, den Menschen immer reifer und reifer zu machen. Dadurch, dass die Verstandesseele herausgeläutert wird aus der Empfindungsseele, dadurch wird das Ich immer unabhängiger, dadurch wird es immer mehr zum Herrn über die Triebe, Begierden und Leidenschaften, dadurch wird es immer mehr und mehr dazu geführt, sich selber die Richtung und das Ziel des Lebens zu bestimmen. Dann arbeitet sich das Ich herauf bis zur Bewusstseinsseele, um sozusagen wie durch die Haut der Seele hinauszudringen und sich mit den Dingen wieder zu vereinigen, in den Dingen und Ereignissen der Welt zu leben.

[ 9 ] But then this “I” continues to work, striving on its own to make the human being ever more mature. As the intellectual soul is purified from the sensory soul, the “I” becomes increasingly independent; it increasingly becomes the master of the drives, desires, and passions; and it is increasingly led to determine for itself the direction and goal of life. Then the “I” works its way up to the soul of consciousness, so to speak, to break through the skin of the soul and reunite with things, to live within the things and events of the world.

[ 10 ] So sehen wir, dass das Ich es ist, das in diesen drei Seelengliedern waltet, und wir haben in den letzten Vorträgen betont — das sei heute nur skizzenhaft wiederholt — dass so etwas wie ein Affekt, wie der Zorn, durch seine eigene Natur innerhalb der Empfindungsseele wirkt, um das Ich in der richtigen Weise zur Entwicklung kommen zu lassen. Wenn der Mensch sich den äußeren Eindrücken zunächst so überlässt, dass er einem solchen Eindrucke unmittelbar im Sinne der Empfindungsseele folgt, sodass er im Zorne aufwallt, dann wirkt dieser Zorn selber auf seine Seele wiederum zurück. Wir können es erleben, dass der Zorn, weil er das Ich verdunkelt, weil er dem Ich das volle, klare, helle Bewusstsein nimmt, weil er das Ich nicht zu ganz selbstsüchtigem Dasein heraustreten lässt, dadurch dieses noch unentwickelte Ich heilsam dämpft. Es ist noch ganz Sklave der Empfindungsseele, es würde sich den waltenden Trieben ganz überlassen, und er dämpft es zu einer gewissen Ohnmacht herab, lässt es nicht vollständig sich ausleben. Dadurch, dass er es dämpft, tut er tatsächlich etwas Gutes. Würde der Zorn bloß zum Ausleben des Ichs führen, dann würde er jedes Mal durch das Ausleben des Ichs dieses Ich verstärken in seiner Selbstsucht, in seiner Eigenwilligkeit.

[ 10 ] Thus we see that it is the “I” that reigns over these three members of the soul, and we have emphasized in recent lectures—which I will only briefly recap here today—that something like an emotion, such as anger, works by its very nature within the sensory soul to allow the “I” to develop in the proper way. When a person initially surrenders to external impressions to the extent that he follows such an impression directly through the sensuous soul, so that he is overcome by anger, then this anger itself in turn affects his soul. We can observe that anger—because it obscures the “I,” because it robs the “I” of full, clear, and lucid consciousness, and because it prevents the “I” from stepping out into a wholly self-centered existence—thereby salutarily tempers this still undeveloped “I.” It is still entirely a slave to the feeling soul; it would surrender itself completely to the prevailing drives, and anger tempers it down to a certain powerlessness, not allowing it to fully run its course. By tempering it, anger actually does something good. If anger were merely to lead to the self’s self-expression, then each time the self expressed itself, this self would be reinforced in its selfishness and self-will.

[ 11 ] In dieser Richtung konnten wir die Mission des Zornes für die Erziehung des Ichs suchen. Der Zorn vergiftet gleichsam die Selbstsucht dadurch, dass er das Ich herunterdrängt. Und das können wir bei allen Affekten finden, dass sie eine Art Selbstregulierung der Seele oder des Ichs bedeuten.

[ 11 ] In this vein, we could consider the role of anger in the development of the ego. Anger, as it were, counteracts selfishness by suppressing the ego. And we can observe this in all emotions: they serve as a form of self-regulation for the soul or the ego.

[ 12 ] Und dann haben wir [darauf] hinweisen können, wie die Wahrheit in der menschlichen Seele erzieherisch wirkt für das Ich. Da sie etwas ist, was der Mensch ganz in sich selber einsehen muss, wenn er sie wirklich in seinem Ich erleben will, so kann er sie nur dadurch erleben, dass er sie in sich selber erkennt, diese Wahrheit. So muss das Ich ganz in sich selber leben, wenn es zu einer wirklichen Wahrheit kommen will. Es kann eine Million von Menschen gegen die Wahrheit 3 x 3 = 9 stimmen; wenn das Ich diese Wahrheit in sich selber ergriffen hat, dann weiß das Ich, dass 3 x 3 = 9 ist, dass es wahr ist. Dadurch ist das Ich ganz bei sich, wenn es die Wahrheit durchdringt.

[ 12 ] And then we were able to point out how truth has an educational effect on the “I” within the human soul. Since truth is something a person must fully grasp within themselves if they truly wish to experience it in their “I,” they can experience it only by recognizing this truth within themselves. Thus, the “I” must live entirely within itself if it is to arrive at true truth. A million people may vote against the truth that 3 × 3 = 9; but if the “I” has grasped this truth within itself, then the “I” knows that 3 × 3 = 9, that it is true. Through this, the “I” is fully at one with itself when it penetrates the truth.

[ 13 ] Zugleich aber ist die Wahrheit etwas, was nichts aufkommen lässt von Selbstsucht und Egoität, sondern etwas, was dieses Ich zugleich herausführt aus sich selber. Wahrheit ist das Einzige, was im Ich ganz erlebt werden muss und was zu gleicher Zeit das Ich wiederum ganz selbstlos machen kann. Denn sind wir einmal mit unserem Ich bei einer Wahrheit, die in sich selber erlebt werden muss, angekommen, dann gehört diese Wahrheit nicht bloß dem einzelnen Ich an, sondern ist ein Allgemeingut für ein jegliches Ich.

[ 13 ] At the same time, however, truth is something that leaves no room for selfishness or egotism, but rather something that simultaneously leads the “I” out of itself. Truth is the only thing that must be fully experienced within the self and that, at the same time, can in turn make the self completely selfless. For once we have arrived with our self at a truth that must be experienced in and of itself, this truth does not merely belong to the individual self, but is a common heritage for every self.

[ 14 ] Dadurch ist die Wahrheit ein mächtiger Erzicher für die Verstandes- oder Gemütsseele, weil sie das Ich herausführt aus der Selbstsucht und zu gleicher Zeit im höchsten Grade die Kräfte der Eigenheit anspornt. Denn nur in einem solchen Ich kann die Wahrheit erlebt werden, das diese Wahrheit bei sich selbst suchen will. So kann man Affekte wie den Zorn in gewisser Beziehung, wenn sie überwunden und geläutert werden, als Erzieher der Empfindungsseele, und die Wahrheit als gewaltigen Erzieher der Verstandes- oder Gemütsseele ansehen.

[ 14 ] Thus, truth is a powerful educator for the intellectual or emotional soul, because it leads the “I” out of selfishness and, at the same time, stimulates the powers of individuality to the highest degree. For truth can be experienced only in an “I” that seeks this truth within itself. Thus, in a certain sense, emotions such as anger—when they are overcome and purified—can be regarded as educators of the emotional soul, and truth as a powerful educator of the intellectual or emotional soul.

[ 15 ] Ebenso gibt es nun einen Erzieher für die Bewusstseinsseele, für dasjenige in uns, was unser Ich und damit unsere Seele überhaupt wiederum aus uns völlig herausführt und uns zusammenwachsen lässt mit der äußeren Welt, mit demjenigen, was nicht in uns ruht, sondern außer uns ist, und mit dem wir zusammenwachsen müssen, wenn wir nicht in uns selber veröden wollen. Und der Erziehung dieses dritten Seelengliedes soll die heutige Betrachtung gewidmet sein.

[ 15 ] Similarly, there is now an educator for the conscious soul—for that part of us which, through our “I,” leads our soul as a whole completely out of ourselves and allows us to grow together with the external world, with that which does not rest within us but is outside of us, and with which we must grow together if we do not wish to become desolate within ourselves. And today’s reflection is to be devoted to the education of this third member of the soul.

[ 16 ] So, wie der Zorn die Mission hat, in gewisser Beziehung den Egoismus in der Empfindungsseele zu dämpfen, und wie die Wahrheit die Mission hat, in der Verstandesseele das Ich anzuleiten, sowohl in sich zu sein, wie den Trieb zu bekommen, außer sich zu gehen, so wird dasjenige, was wir Andacht nennen, der Erzieher für die Bewusstseinsseele, um den rechten Weg zu zeigen, sich mit der äußeren Welt, mit demjenigen, was außerhalb unseres Ichs liegt, wiederum zu vereinigen. Dadurch wird uns die Andacht in ihrer wahren Mission erst erscheinen können, dass wir ihre Bestimmung erkennen lernen für dieses dritte der menschlichen Seelenglieder. Allerdings müssen wir, um sozusagen die ganze Mission der Andacht für die menschliche Seele darstellen zu können, ein wenig tiefer in das Getriebe dieser unserer Seele hineinschauen.

[ 16 ] Just as anger has the mission, in a certain sense, to curb selfishness in the feeling soul, and just as truth has the mission, in the intellectual soul, to guide the “I” both to be within itself and to develop the impulse to step outside oneself—so that which we call devotion becomes the educator of the conscious soul, showing it the right path to reunite with the external world, with that which lies outside our “I.” Only then will devotion reveal its true mission to us, as we come to recognize its purpose for this third member of the human soul. However, in order to be able to describe, so to speak, the entire mission of devotion for the human soul, we must look a little more deeply into the workings of our soul.

[ 17 ] Andacht ist es ja - schon nach dem Wortgebrauch —, was den Menschen aus sich heraus- und in das andere, das vor allen Dingen zunächst ein Unbekanntes hinter dem Sichtbaren, hinter dem Wahrnehmbaren ist, hineindringen lässt. Verstehen aber können wir nur diese Andacht, wenn wir uns zunächst fragen: Wie muss Geisteswissenschaft, von deren Gesichtspunkt aus hier gesprochen wird, dieses ganze Verhältnis des Menschen oder des menschlichen Ichs zu dem Unbekannten auffassen?

[ 17 ] Devotion is, after all—as the term itself suggests—what enables human beings to step outside themselves and penetrate into the other, which is, above all and first and foremost, an unknown entity lying beyond the visible, beyond the perceptible. But we can only understand this devotion if we first ask ourselves: How must spiritual science—from whose perspective we are speaking here—conceive of this entire relationship of the human being, or the human “I,” to the unknown?

[ 18 ] Da ist ja immer und immer wiederum von dieser Stelle hervorgehoben worden, dass Geisteswissenschaft gerade dazu berufen ist, hindurchzudringen durch die äußere Welt der physischen Wirklichkeit zu demjenigen, das zunächst für diese äußere physische Wirklichkeit ein Unbekanntes, ein Verborgenes ist. Und immer wieder ist darauf aufmerksam gemacht worden, dass der Mensch nur dadurch eindringen kann in die unbekannte, hinter der physischen Welt liegende geistige Welt, dass er in seiner Seele selber erweckt die geistigen Organe, die geistigen Wahrnehmungsfähigkeiten, die hinter das Sinnlich-Physische führen.

[ 18 ] It has been emphasized time and again in this context that spiritual science is specifically called upon to penetrate through the outer world of physical reality to that which is, at first, unknown and hidden from this outer physical reality. And it has been pointed out time and again that human beings can only penetrate the unknown spiritual world lying beyond the physical world by awakening within their own souls the spiritual organs—the spiritual powers of perception—that lead beyond the sensory-physical realm.

[ 19 ] Und damit wir uns verständigen können, soll nur mit ein paar Worten das angedeutet werden, was Sie jetzt ganz ausführlich finden als eine Beschreibung des Weges, den die menschliche Seele nehmen kann in die geistige Welt, sowohl in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten», wie auch in der zweiten Abteilung der jetzt erschienenen «Geheimwissenschaft». Was Sie dort ausführlich geschildert finden, soll hier kurz angedeutet werden.

[ 19 ] And so that we may understand one another, I shall briefly outline here what you will now find described in great detail as the path the human soul can take into the spiritual world—both in my book *How to Attain Knowledge of the Higher Worlds* and in the second section of the recently published *The Secret Science*. What is described in detail there will be briefly outlined here.

[ 20 ] Angedeutet soll werden, wie der Mensch selber ein Geistesforscher werden und Mitteilungen machen kann aus der geistigen Welt heraus, wenn er seine Seele so bearbeitet, dass die in ihr schlummernden Kräfte und Fähigkeiten zur äußeren Wirksamkeit kommen. Da muss der Mensch etwas, was sonst ohne seinen Willen im alltäglichen Leben immer eintritt, mit seinem Willen und seinem Bewusstsein hervorrufen. Das alltägliche Ereignis, das mit dem Menschen sich abspielt ohne seinen Willen, das ist dasjenige, dass die auf- und abwogenden Wahrnehmungen, Triebe, Leidenschaften, dass Lust und Leid am Abend, wenn der Mensch sich müde findet, aufhören, in der Seele bewusst zu sein, dass sie in ein unbestimmtes Dunkel hinuntersinken. Da hören in dieser Zeit des Einschlafens die äußeren Eindrücke auf. Dafür aber sinkt der Mensch in den Zustand des Unbewusstseins, besser des Unterbewusstseins hinunter. Seine Seele ist leer von äußeren Eindrücken; aber er weiß sozusagen auch nichts mehr von irgendeiner Welt und von inneren Erlebnissen.

[ 20 ] The intention is to suggest how a person can become a spiritual researcher and communicate with the spiritual world by cultivating their soul in such a way that the powers and abilities lying dormant within it become active in the external world. To do this, a person must use their will and consciousness to bring about something that otherwise occurs in everyday life without their will. The everyday occurrence that takes place within a person without their will is this: the ebb and flow of perceptions, drives, and passions—the pleasures and sorrows—cease to be consciously present in the soul in the evening when a person feels tired, sinking into an indeterminate darkness. At this time, as one falls asleep, external impressions cease. In their place, however, a person sinks into a state of unconsciousness—or rather, the subconscious. Their soul is empty of external impressions; yet, so to speak, they are also no longer aware of any world or of inner experiences.

[ 21 ] Dasjenige, was so unwillkürlich sich vollzieht, das muss der Geistesforscher, derjenige, der sich hineinleben will in die geistige Welt, bewusst und durch seine Willkür hervorrufen können. Er muss die äußeren Eindrücke bewusst zum Schweigen bringen. Er muss auch allen Interessen, allen Sympathien und Antipathien mit den äußeren Eindrücken Stillstand und Schweigen gebieten. Ganz dasselbe, was des Abends bei der Ermüdung im Einschlafen eintritt an Schweigen, an Stillstand der äußeren Anregungen und Eindrücke, das muss willkürlich der geistige Erkenner bei sich hervorrufen. Aber er muss bei alledem dabei sein; er muss verhüten können durch seinen Willen und sein Bewusstsein, wenn er also die Seele leer macht von allen äußeren Anregungen und Eindrücken, dass sein Bewusstsein in Unbewusstheit übergeht. Er muss sozusagen bei leerer Seele so bewusst sein können, wie er sonst bei einer vollen Seele, die äußere Eindrücke erhält, bewusst ist. So also muss der Geistesforscher die Kraft haben, abzuweisen alle äußeren Eindrücke, dennoch aber bewusst verharren können im Zustande der leeren Seele. Das ist der erste Akt, den der Geistesforscher durchzuführen hat.

[ 21 ] That which occurs so involuntarily must be something that the spiritual researcher—the one who wishes to immerse himself in the spiritual world—is able to consciously evoke through his own will. He must consciously silence external impressions. He must also command all interests, all sympathies and antipathies arising from external impressions to come to a standstill and fall silent. The very same stillness and cessation of external stimuli and impressions that occurs in the evening when fatigue sets in and one falls asleep—this is what the spiritual knower must bring about in himself at will. But he must remain present throughout all this; he must be able to prevent—through his will and consciousness—his consciousness from slipping into unconsciousness when he empties the soul of all external stimuli and impressions. He must, so to speak, be just as conscious with an empty soul as he otherwise is with a full soul that receives external impressions. Thus, the spiritual researcher must have the power to repel all external impressions, yet still be able to remain conscious in the state of an empty soul. This is the first act that the spiritual researcher must perform.

[ 22 ] Das Zweite ist, dass er eine Reihe von Vorstellungen und Empfindungen und Willensimpulsen, die ihm bezeichnet werden, auf seine Seele wirken lässt. Diejenigen Vorstellungen und Empfindungen und Willensimpulse, die er nunmehr aus innerer Kraft heraus in seiner Seele beleben muss, sind nicht dazu da, äußere Eindrücke widerzuspiegeln, eine äußere Wahrheit zu geben. Wer sie von diesem Gesichtspunkte aus ansehen würde, würde sich sehr irren. Dasjenige, was da das innere Leben des geistigen Erkennens ausmachen muss, das ist ein Aufsteigen von ganz bestimmten, meinetwegen symbolischen Begriffen und Vorstellungen und so weiter, die so stark in der Seele wirken, dass sie allerdings dieses Seelenleben, das leer geworden ist, mächtig von innen heraus aufrütteln, stärker sogar aufrütteln, als alle äußeren Eindrücke und Anregungen das Seelenleben aufrütteln können. Das ist der zweite Akt des geistigen Erkennens, wenn der Geistesforscher selber solche Erlebnisse in sich anregen kann, die seine Seele mächtig aufrütteln.

[ 22 ] The second point is that he allows a series of ideas, sensations, and impulses of the will—which are presented to him—to take effect upon his soul. Those ideas, sensations, and impulses of the will, which he must now bring to life in his soul through his own inner strength, are not meant to reflect external impressions or to convey an external truth. Anyone who viewed them from this perspective would be greatly mistaken. What must constitute the inner life of spiritual cognition is an ascent of very specific—let us say, symbolic—concepts, ideas, and so on, which have such a powerful effect on the soul that they indeed powerfully stir this inner life, which has become empty, from within—even more powerfully than any external impressions or stimuli can stir the life of the soul. This is the second act of spiritual cognition, when the spiritual researcher himself can stir up within himself such experiences that powerfully shake his soul.

[ 23 ] Dies darf aber nicht das Ende sein. Würde der geistige Erkenner stehen bleiben wollen bei diesem Akt, dann würde er nicht aufsteigen können in Wahrheit zu einem Einblick in die geistige Welt; er muss den dritten Akt hinzufügen, der darin besteht, dass er durch seine Kraft dasjenige, was sonst erdbebenartig auf seine Seele wirken würde durch die bloße innere Versenkung, so mildert, dass er sein ganzes Seelenleben umgestaltet wie zu einer inneren Meeresstille, zu einer vollständigen [inneren] Windstille. Dann, wenn er imstande ist, seine Seele also innerlich zu beherrschen und zu bearbeiten, wird er die Erfahrung machen, dass aus seinem Inneren an geistigen Organen etwas aufsteigt, was sich auf einer höheren Stufe nur vergleichen lässt mit den äußeren Sinnen auf niederer Stufe. Dann — es ist dies schon öfter gesagt worden - tritt das ein, dass die geistige Welt, die immer um ihn herum ist wie Farbe und Licht um den Blindgeborenen, hereinflutet so, wie Licht und Farbe in das Auge des operierten Blindgeborenen hereinfluten.

[ 23 ] But this must not be the end. If the spiritual seeker were to wish to stop at this stage, he would not be able to truly ascend to a deeper understanding of the spiritual world; he must add the third act, which consists in using his own strength to temper—through mere inner contemplation—that which would otherwise affect his soul like an earthquake, so that he transforms his entire soul life into something like an inner stillness of the sea, a complete [inner] calm. Then, when he is thus able to master and cultivate his soul inwardly, he will experience that something rises from within him through his spiritual faculties, which, on a higher level, can only be compared to the external senses on a lower level. Then—as has often been said—the spiritual world, which is always around him like color and light around one born blind, floods in just as light and color flood into the eye of one born blind who has undergone surgery.

[ 24 ] So also kann der Mensch in die geistige Welt eindringen. Dann erschließt sich ihm das hinter dem SinnlichPhysischen waltende und wirkende geistige Unbekannte, die geistigen Tatsachen, die geistigen Wesenheiten, die nicht da sind für die bloß sinnliche und verstandesmäßige Auffassung der Wirklichkeit.

[ 24 ] This is how a person can enter the spiritual world. Then the spiritual unknown—which reigns and acts behind the sensory-physical realm—opens up to them: the spiritual realities and spiritual beings that are not accessible to a purely sensory or intellectual perception of reality.

[ 25 ] Nun ist der Mensch also mitten drinnen stehend in einer Welt des geistigen Lebens. Aber zunächst verschließt sich diese geistige Welt seinem physischen Blick und Verstand. Wir müssen uns fragen: Welches sind die Gründe dafür, dass sich diese geistige Welt vor dem physischen Blick und vor dem Verstande des Menschen verschließt? Dafür gibt es Gründe, und diese Gründe werden uns dadurch klar werden, dass wir uns fragen: Ja, wo tritt denn im gewöhnlichen Leben uns das ein klein wenig entgegen, was wie eine Grenze dasteht zwischen der physischen und der geistigen Welt?

[ 25 ] So here we are, standing right in the midst of a world of spiritual life. But at first, this spiritual world remains hidden from our physical eyes and our intellect. We must ask ourselves: What are the reasons why this spiritual world remains hidden from human physical sight and understanding? There are reasons for this, and these reasons will become clear to us when we ask ourselves: Indeed, where in everyday life do we encounter even a small glimpse of what stands as a boundary between the physical and the spiritual world?

[ 26 ] Das tritt uns entgegen gerade in demjenigen Moment, den wir vorhin bezeichnet haben. Was tut im Grunde genommen der Geistesforscher, wenn er seine inneren Seelenkräfte regsam macht? Er macht jenen Moment, der sonst unwillkürlich für den Menschen eintritt, den Moment des Einschlafens, zu einem bewussten, und was sonst durch das Einschlafen eintritt, das gestaltet der geistige Erforscher gerade zu einem höchsten Erlebnis. Beim gewöhnlichen Bewusstsein sinkt alles dasjenige, was überhaupt der Mensch erleben konnte, beim Einschlafen in ein unbewusstes Dunkel hinunter. In derjenigen Welt, in welche der Mensch jegliche Nacht eintaucht, in der er verweilt während des Schlafes, da könnte er wahrnehmen die geistige Welt. Denn das ist hier schon öfter gezeigt worden, dass gerade dasjenige, was wir «Seelenwesen» nennen, aus dem physischen Leib und aus dem, was damit verbunden ist, aus dem Äther- oder Lebensleib sich heraushebt, aber in dem Augenblick, wo dasjenige, was wir Seelenwesen nennen, sich heraushebt mit dem Schlafe, hört für den Menschen im normalen Bewusstsein eben die Bewusstheit auf, das heißt es umzieht sich ihm die Welt, in die er eintritt, mit einem Schleier, sodass er sie nicht sehen kann. In diese Welt aber sieht hinein derjenige, der zum geistigen Forscher wird!

[ 26 ] This confronts us precisely at the moment we described earlier. What, essentially, does the spiritual researcher do when he activates his inner soul forces? He transforms that moment—which otherwise occurs involuntarily for human beings, the moment of falling asleep—into a conscious one; and what otherwise occurs through falling asleep, the spiritual researcher transforms into a supreme experience. In ordinary consciousness, everything that a human being could possibly experience sinks into an unconscious darkness upon falling asleep. In that world into which a person plunges every night—the world in which they dwell during sleep—they could perceive the spiritual world. For it has already been shown here on several occasions that it is precisely what we call the “soul being” that lifts itself out of the physical body and out of what is connected to it—the etheric or life body— but at the very moment when what we call the soul being detaches itself with the onset of sleep, consciousness ceases for the person in normal consciousness—that is, the world into which they enter is veiled, so that they cannot see it. But the one who becomes a spiritual researcher can see into this world!

[ 27 ] Und wodurch erlangt der Mensch für die äußere Welt nur ein Bewusstsein? Für die äußere Welt erlangt der Mensch ein Bewusstsein, wenn er morgens wiederum untertaucht in seinen physischen Leib und sich der physischen Organe und des physischen Verstandes, der an das Gehirn gebunden ist, bedient. Dadurch aber ist er an die Grenze der physischen Organe gebunden. Der Geistesforscher hingegen, wenn er einmal das erreicht hat, was eben skizzenhaft geschildert worden ist, wenn er diese inneren Fähigkeiten erlangt hat, der tritt wiederum zurück in seinen physischen Leib, sodass er jetzt nicht mehr bloß durch die physischen Sinne wahrzunehmen braucht, sondern dass er unmittelbar mit den inneren Organen der Seele auch in seiner Umwelt wahrnehmen kann. Dadurch sieht er hinter dasjenige, was in der äußeren Welt wie eine Grenze sich ausbreitet und die eigentliche geistige Welt verdeckt. Der Geistesforscher lernt hinter jede Farbe zu schauen in dasjenige hinein, was die Farbe vor uns hinstellt; der geistige Forscher hört hinter jedem Ton dasjenige, was als geistiges Wesen dahintersteht. Hinter jeden wahrzunehmenden Eindruck schaut er. Die Welt wird kristallhell für ihn. Und wenn er so durchsieht durch den Teppich der äußeren Welt, dann enthüllen sich ihm geistige Wesenheiten und Wirklichkeiten.

[ 27 ] And how does a human being attain consciousness of the external world? A human being attains consciousness of the external world when, in the morning, he once again enters his physical body and makes use of his physical organs and his physical intellect, which is bound to the brain. But in doing so, they are bound by the limitations of the physical organs. The spiritual researcher, on the other hand, once they have attained what has just been outlined, once they have acquired these inner faculties, steps back into their physical body so that they no longer need to perceive solely through the physical senses, but can perceive their surroundings directly through the inner organs of the soul. In this way, he sees beyond what spreads out in the outer world like a boundary and veils the actual spiritual world. The spiritual researcher learns to look beyond every color into what the color reveals to us; the spiritual researcher hears, behind every sound, what stands behind it as a spiritual being. He looks beyond every perceptible impression. The world becomes crystal clear to him. And when he looks through the veil of the outer world in this way, spiritual beings and realities are revealed to him.

[ 28 ] Wenn aber der Geistesforscher so eindringt in die geistige Welt, dann kann er das gar nicht anders — ohne dass er in Gefahr geraten würde, Schiffbruch zu erleiden —, als dass er zwei wichtige Erlebnisse im Laufe seiner Einweihung oder Entwicklung zur geistigen Forschung durchmacht. Diese zwei wichtigen Erlebnisse sind auch genauer beschrieben in den beiden Büchern, die vorhin erwähnt worden sind. Es sind diejenigen, die man nennt die Begegnung mit den Hütern der Schwelle.

[ 28 ] But when the spiritual researcher penetrates the spiritual world in this way, he has no choice—if he is to avoid the danger of foundering—but to undergo two important experiences in the course of his initiation or development as a spiritual researcher. These two important experiences are also described in greater detail in the two books mentioned earlier. They are what are known as the encounters with the Guardians of the Threshold.

[ 29 ] Es ist so, dass der Mensch, bevor in der richtigen Weise seine inneren Seelenfähigkeiten erwachen, bevor er imstande wird, hinunterzutauchen in jenes Dunkel im Schlaf, bevor er die Wirklichkeit dahinter wahrnimmt, er die Begegnung machen muss mit demjenigen, was man den kleinen Hüter der Schwelle nennt. Das ist jene Wahrnehmung, durch die dem Menschen klar und deutlich die eigene Wesenheit in wirklicher Selbsterkenntnis vor die Seele tritt. Dadurch lernt der Mensch verstehen, was er eigentlich ist. Er lernt vor allen Dingen kennen dasjenige, was man wirkliche individuelle Karma- und Reinkarnations-Erkenntnis nennen kann. Der Mensch lernt erkennen, wie er von Leben zu Leben gegangen, bevor er in dieses Leben eingetreten ist, lernt erkennen, wie er in den verflossenen Leben dieses oder jenes in seine Seele eingeschrieben hat als sein Karma dadurch, dass er so oder so gelebt hat, wahr oder mit Irrtum beladen, schönen oder hässlichen Eindrücken hingegeben, gute oder böse Taten verrichtend in verflossenen Leben. Je nach dem er so oder so gelebt hat, lernt er erkennen, was seine Seele in sich eingeschrieben und was sie noch durchzumachen hat, um auszumerzen allen Irrtum, alles dasjenige, was die Seele hindern würde zu einer gewissen Vollkommenheitsstufe zu gelangen. Alles dasjenige, was die Seele an Unvollkommenheiten in sich hat, das lernt der Mensch da kennen als eine Art zweites Ich, als etwas, was er zu überwinden hat, als eine Art von Doppelgänger, von dem er genau weiß: Das musst du überwinden, sonst wirst du niemals das Ziel der menschlichen Lebensbahn erreichen.

[ 29 ] The fact is that before a person’s inner soul faculties awaken in the proper way, before he becomes capable of diving down into that darkness during sleep, before he perceives the reality behind it, he must encounter what is called the little guardian of the threshold. This is the perception through which a person’s own essence appears clearly and distinctly before their soul in true self-knowledge. Through this, a person learns to understand what they truly are. Above all, they come to know what can be called true individual knowledge of karma and reincarnation. A person learns to recognize how he has passed from life to life before entering this one; he learns to recognize how, in past lives, he has inscribed this or that into his soul as his karma—by having lived in one way or another, whether truthfully or burdened with error, indulging in beautiful or ugly impressions, and performing good or evil deeds in past lives. Depending on how they have lived—in one way or another—they come to recognize what their soul has inscribed within itself and what it still must go through in order to eradicate all error, everything that would prevent the soul from reaching a certain level of perfection. All the imperfections that the soul carries within itself—the person comes to recognize these as a kind of second self, as something they must overcome, as a kind of doppelgänger, about whom they know full well: You must overcome this, otherwise you will never reach the goal of the human life journey.

[ 30 ] Diese Begegnung mit dem eigenen Doppelgänger, sie wäre für den Menschen, wenn er nicht genügend vorbereitet würde, ein erschütterndes, ein furchtbares Ereignis. Geisteswissenschaft sorgt dafür, dass der Mensch nur dann dazu kommt, diesen Hüter der Schwelle in seiner wahren Gestalt zu sehen, wenn er genügend dazu vorbereitet ist. Und man sollte nicht hineinkommen in das eigene menschliche Seelenleben, ehe man diese Erfahrung gemacht hat, wie unvollkommen man sein muss durch sein ganzes Vorleben. Dadurch wird dasjenige ausgebildet in uns, was uns erst befähigt, ohne Gefahr zu laufen, hineinzutreten in die eigenen Kräfte der Seele.

[ 30 ] This encounter with one’s own double would be a shocking, terrifying event for a person who were not sufficiently prepared. Spiritual science ensures that a person only comes to see this guardian of the threshold in his true form when he is sufficiently prepared for it. And one should not enter into one’s own human soul life until one has experienced just how imperfect one must be as a result of one’s entire past life. Through this, that which enables us to enter into the powers of our own soul without running any risk is developed within us.

[ 31 ] Was würde geschehen, wenn wir in diese Untergründe der Seele hineintreten könnten ohne diese Begegnung mit dem Hüter der Schwelle? Da würde etwas eintreten, was sehr verderblich wäre für den Menschen. Nehmen wir einmal an, es würde so geschehen, dass der Mensch durch irgendein Ereignis, ohne die Begegnung mit dem kleinen Hüter der Schwelle zu haben, eintritt in übersinnliche geistige Fähigkeiten seiner Seele. Dann würde dieses Eintreten nicht alle jene Dämpfung, alle jene Läuterung erfahren können, die einzig und allein möglich ist, wenn wir uns in unserer ganzen Unvollkommenheit als einen Doppelgänger vor uns haben. Dann würden nicht die guten Eigenschaften unserer Seele hervortreten, um sozusagen zu mildern alles dasjenige, was in unserem Ich waltet und webt an selbstsüchtigen, an den bloß unser Ich berücksichtigenden Impulsen und Trieben. Würde der Mensch, [ohne] mit dem Hüter der Schwelle Bekanntschaft zu machen, in sein Ich hinuntersteigen, dann würde dies bedeuten für ihn, dass aufgestachelt würden in ihm alle schlimmen Seiten seines Wesens. Alles, wozu er fähig wäre an schlimmen Impulsen seines Wesens, würde in ihm wachgerufen werden. Alles, was an Hochmut, Eitelkeit, Lügenhaftigkeit in seiner Seele wurzelte, würde sich wie eine mächtige Kraft aufbäumend geltend machen. Und der Mensch würde werden im höchsten Maße ein Wesen, das sich durch den eigenen Egoismus selber verzehrt und verbrennt; der Mensch würde in seinem eigenen Egoismus zugrunde gehen; er würde sich in einen solchen Konflikt bringen mit der Welt, dass er an seinem eigenen Egoismus sich zunächst verzehrte. Das ist dasjenige, was uns charakterisieren kann, wie der Mensch sozusagen eine gewisse Wohltat genießt in seinem Leben dadurch, dass ihm sein Bewusstsein verdunkelt wird im Moment des Einschlafens. Würde er nicht unbewusst im Schlafe weilen, so würde er sich aus der Welt, in der er dann bewusst wäre, eine fortdauernde Steigerung seines Egoismus und seiner Unwahrhaftigkeit herausholen.

[ 31 ] What would happen if we could enter these depths of the soul without encountering the guardian of the threshold? Something would occur that would be very destructive for human beings. Let us suppose, for a moment, that it were to happen that a person, through some event, were to gain access to the supersensible spiritual faculties of their soul without encountering the little guardian of the threshold. Then this entry would not be able to undergo all that tempering, all that purification, which is possible only when we have before us, in all our imperfection, a double of ourselves. Then the good qualities of our soul would not come to the fore to, so to speak, temper all that reigns and weaves within our “I”—the selfish impulses and drives that consider only our own “I.” If a person were to descend into his ego [without] making the acquaintance of the Guardian of the Threshold, this would mean for him that all the evil aspects of his nature would be stirred up within him. Everything he is capable of in terms of the evil impulses of his nature would be awakened within him. Everything rooted in his soul—arrogance, vanity, and deceitfulness—would assert itself, rearing up like a mighty force. And the human being would become, to the highest degree, a being who consumes and burns himself up through his own selfishness; the human being would perish in his own selfishness; he would bring himself into such a conflict with the world that he would first consume himself through his own selfishness. This is what can characterize us—how a person, so to speak, enjoys a certain benefit in life through the fact that his consciousness is darkened at the moment he falls asleep. Were he not to remain unconscious during sleep, he would derive from the world—in which he would then be conscious—a continuous intensification of his selfishness and his insincerity.

[ 32 ] Nun gibt es für alle die Dinge, welche sozusagen auf einer erhöhteren Menschenstufe auftreten müssen zum Behufe der menschlichen Entwicklung, im gewöhnlichen Leben schwache Abdrücke, etwas wie Vorbereitungen. Wir können sagen: Wenn der Mensch auch nicht etwa in dieser Verkörperung irgendeine Neigung hätte, über das gewöhnliche Leben schon hinauszugehen zu einer höheren Bewusstseinsstufe, so kann er sich doch immer dazu vorbereiten, auch [schon] in diesem Leben. Und eine Vorbereitung für dieses Hinuntersteigen in die eigene Seele, eine Vorbereitung, die so wirkt, dass sie die sozusagen normale äußere Seele behütet davor, in vollständigen Egoismus und Unwahrhaftigkeit zu versinken, ist alles dasjenige, was wir in unsere Empfindungsseele hereinnehmen an Empfindungen und Gefühlen der Demut.

[ 32 ] Now, for all those things that, so to speak, must occur at a higher level of human existence for the sake of human development, there are faint traces in ordinary life—something like preparations. We can say: Even if a person does not, in this particular incarnation, have any inclination to transcend ordinary life and reach a higher level of consciousness, he can still prepare himself for it, even [already] in this life. And a preparation for this descent into one’s own soul—a preparation that acts to protect the, so to speak, normal outer soul from sinking into complete selfishness and insincerity—is everything we take into our feeling soul in the form of sensations and feelings of humility.

[ 33 ] Die Demut ist dadurch ein wirksames Selbsterziehungsmittel, dass sie, wenn wir sie walten lassen in unserem bewussten Tagesleben, wenn wir unsere Seele durchgießen lassen von der Demut, [dass sie dann] unser Seelenleben durchimpft mit einem seelischen Stoffe, der die Seele dann [davor] bewahrt, wenn sie hinuntersteigt in die geistige Welt, alle Kräfte der Selbstsucht aus diesem Ich herauszuholen. Deshalb wird die Demut als eine vorbereitende Eigenschaft für alle diejenigen so empfohlen, welche sich schon im gewöhnlichen wachen Tagesleben dazu bereiten wollen, allmählich diese ihre Seele fähig zu machen, selbstlos zu werden auch an den Orten, wo sie sonst selbstsüchtig werden könnte.

[ 33 ] Humility is an effective means of self-education because, when we allow it to guide our conscious daily life, when we let humility permeate our soul, [so that it then] permeates our inner life with a spiritual substance that protects the soul—when it descends into the spiritual world—from drawing all the forces of selfishness out of this “I.” That is why humility is recommended as a preparatory quality for all those who, even in their ordinary waking daily life, wish to prepare themselves to gradually enable their soul to become selfless, even in those situations where it might otherwise become selfish.

[ 34 ] Durch alles das, was wir in die Seele als Demut gießen, machen wir uns auch die Begegnung mit dem Hüter der Schwelle leichter. Wir machen sie uns leichter dadurch, dass wir dann unserer Unvollkommenheit schon im Wachen bewusst werden und den Hüter nicht in so furchtbar abstoßender Gestalt uns vor die Augen treten finden. Es wird gleichsam seine Grausigkeit abgestreift.

[ 34 ] Through everything we instill in our souls as humility, we also make our encounter with the Guardian of the Threshold easier. We make it easier by becoming aware of our imperfection even while awake, so that we do not find the Keeper appearing before our eyes in such a terribly repulsive form. His horror is, as it were, stripped away.

[ 35 ] So ist Demut etwas, was als ein gutes Erziehungsmittel sich darstellt bei dem Hinuntersteigen in die eigene Seele, in deren Tiefen, die sich uns sonst verschließen zu unserem Heil. Solange wir unreif sind, müssen sie sich verschließen, wenn wir nicht Schiffbruch leiden wollen im Leben. Das ist gleichsam eine Art von Grenze nach unten, nach jenem «unten», das wir bezeichnen müssen als dasjenige, was im Untergrunde, in den Tiefen unseres Seelenlebens liegt, das sich im Schlafe verbirgt vor uns selber.

[ 35 ] Thus, humility is something that serves as a good educational tool when we descend into our own soul, into its depths, which are otherwise closed off to us for our own good. As long as we are immature, they must remain closed off if we do not wish to be shipwrecked in life. This is, as it were, a kind of boundary toward the “below”—that “below” which we must describe as that which lies beneath the surface, in the depths of our inner life, hidden from us even in sleep.

[ 36 ] Aber es gibt eine andere Grenze; und diese tritt uns dann vor die Seele, wenn wir uns nochmals mit dem bekannt machen, was eben vorhin skizziert worden ist. Es wurde gesagt, dass der Geistesforscher nicht angewiesen ist, wenn er wiederum zurückkehrt in den physischen Leib, auf das bloße physische Wahrnehmen, auf das bloße Denken mit dem Verstande, sondern dass er Seelenfähigkeiten, innere Fähigkeiten herauszuheben vermag, durch die er hindurchschauen kann auf die geistigen Untergründe, auf die geistigen Wesenheiten und Tatsachen der Welt. Diese verschließen sich nun auch vor dem äußeren Blick der Menschen im normalen Bewusstseinszustande. Warum denn das? Sie verschließen sich aus dem Grunde, weil der Mensch, wenn er unvorbereitet treten würde vor dasjenige, was hinter der Sinnenwelt als deren Urgründe vorhanden ist, geblendet würde, wie vernichtet würde.

[ 36 ] But there is another limit; and this becomes apparent to us when we familiarize ourselves once more with what has just been outlined. It has been said that when the spiritual researcher returns to the physical body, he is not limited to mere physical perception or mere thinking with the intellect, but that he is able to draw upon soul faculties—inner faculties—through which he can look through to the spiritual underpinnings, to the spiritual beings and realities of the world. These, however, remain hidden from the outward gaze of people in their normal state of consciousness. Why is that? They remain hidden because if a person were to approach unprepared what lies behind the sensory world as its very foundations, they would be blinded—as if annihilated.

[ 37 ] Derjenige Weg, welcher uns sozusagen in der allermildesten Form anzeigt, wie der Mensch gleichsam so aus seinen gewöhnlichen Leibesfähigkeiten heraustritt, der Außenwelt als geistig gegenüber, der gelindeste Grad ist derjenige, den man genannt hat Ekstase. Diese ist eigentlich nichts Gutes. Sie bringt den Menschen allerdings dazu, dass er in gewisser Weise sich über sein physisches Sehen und Hören und Begreifen und Verstehen erhebt zu einer Art von geistiger Anschauung der Außenwelt, aber diese Ekstase, wie sie so häufig geschildert wird, verdunkelt damit das unmittelbare Ichbewusstsein. Der Mensch ist dann außer sich; er trägt sein Ich nicht in die Welt der geistigen Erlebnisse hinein. Wie der Schlaf einen Schleier gleichsam ausbreitet über das, was wir erleben würden zu unserem Unheil, weil wir dadurch selbstsüchtig werden müssten, so breitet sich aus der Schleier der äußeren Wirklichkeit über die dahinter liegende geistige Welt, und auch das tritt wie eine wohltätige Wirkung dem Menschen gegenüber auf, der unvorbereitet an diese geistige Welt herantreten wollte.

[ 37 ] The path that shows us, so to speak, in the gentlest possible way how a person, as it were, steps out of his ordinary physical faculties to face the external world spiritually—the gentlest degree of this is what has been called ecstasy. This is actually not a good thing. It does, however, lead a person, in a certain sense, to rise above his physical seeing, hearing, grasping, and understanding to a kind of spiritual perception of the external world; but this ecstasy, as it is so often described, thereby obscures immediate self-consciousness. The person is then beside himself; he does not carry his “I” into the world of spiritual experiences. Just as sleep spreads a veil, as it were, over what we would otherwise experience to our detriment—because it would make us selfish—so too does the veil of external reality spread over the spiritual world lying behind it; and this, too, appears as a beneficial effect to the person who would approach this spiritual world unprepared.

[ 38 ] Wer als wirklicher Geistesforscher hineingehen will in dieses Geistige, der muss haben eine andere Begegnung. Es ist die Begegnung mit dem sogenannten großen oder größeren Hüter der Schwelle. Das ist dasjenige, was uns in dem Augenblick, wo wir sozusagen durchbrechen das gewöhnliche Anschauen und gewöhnliche Verstehen, vor Augen führt, wie weit wir abstehen von einem vollständigen Begreifen der Welt. Dann tritt uns der große Hüter der Schwelle entgegen. Und er weist uns klar an, wie wir nun nicht mehr alle jene Fragen nach den letzten Gründen so ohne Weiteres zu stellen haben, wie wir nicht mehr neugierig eintreten sollen hinter den Schleier des Daseins, ohne dass wir erst von Stufe zu Stufe sorgfältig und langsam weben und arbeiten an den Fähigkeiten, die uns hinaufführen, um langsam die Einblicke zu gewinnen von Welt zu Welt. Dann lernen wir durch diesen größeren Hüter der Schwelle — er soll nur von diesem Gesichtspunkte aus hier charakterisiert werden — was wir alles noch nicht haben an Fähigkeiten, um einzudringen in die geistige Welt. Wir bekommen zu gleicher Zeit Anleitung, wie wir das ausarbeiten sollen, was wir noch nicht haben. Die Selbstvervollkommnung, der wir uns unterwerfen müssen, tritt uns durch das, was man den größeren Hüter der Schwelle nennt, mit aller Deutlichkeit entgegen.

[ 38 ] Anyone who, as a true spiritual researcher, wishes to enter into this spiritual realm must have a different kind of encounter. It is the encounter with what is called the great or greater Keeper of the Threshold. This is what, at the very moment when we, so to speak, break through ordinary perception and ordinary understanding, reveals to us just how far we are from a complete understanding of the world. Then the great Keeper of the Threshold steps before us. And he clearly instructs us that we must no longer pose all those questions about ultimate causes so casually, and that we must no longer curiously step behind the veil of existence without first, step by step, carefully and slowly cultivating and developing the abilities that lead us upward, so that we may gradually gain insights from one world to the next. Then, through this greater Keeper of the Threshold—who is to be characterized here solely from this perspective—we learn what abilities we still lack in order to penetrate the spiritual world. At the same time, we receive guidance on how to develop what we still lack. The self-perfection to which we must submit is presented to us with the utmost clarity through what is called the Greater Keeper of the Threshold.

[ 39 ] Nun kann sich aber auch für diesen Grad eines höheren Erlebens, für den Grad des Eindringens in alle die geistigen Untergründe, in die großen unbekannten Wesenheiten, der Mensch schon im gewöhnlichen, sozusagen normalen Bewusstsein vorbereiten. Und weil alles in der Menschheit auf Entwicklung angelegt ist, so steht auch in unserem gewöhnlichen Leben dasjenige darinnen, durch das wir uns nähern dürfen den Geheimnissen des Daseins, den unbekannten Welten, die hinter den sinnlichen Wirklichkeiten stehen. Das steht darinnen wie ein Erzieher, der nach und nach uns dazu führen kann, auch den Eindruck des größeren Hüters der Schwelle abzumildern. So wie wir, wenn wir als ein Demütiger zu dem kleineren Hüter der Schwelle geführt werden, diese Begegnung mildern können, der uns dann nicht in seiner grausigen Gestalt erscheint, in welcher er uns sonst den Doppelgänger unserer Unvollkommenheiten krass vorführte, so können wir mildern jene andere Begegnung mit dem größeren Hüter der Schwelle, dem ja jeder Mensch im Verlauf seiner Entwicklung doch begegnen muss. Den Eindruck jener großen, gewaltigen Gestalt, die uns durch ihre Glorie, durch die Art, wie sie uns entgegentritt, wenn sie uns sagt: So musst du werden —, die uns gerade durch ihre Majestät zeigt, was wir noch auszubilden haben, können wir ebenfalls mildern. Wir werden nicht mit Furcht und Schreck zurückgestoßen wie vor einem Cherubim mit dem feurigen Schwert, wenn wir richtig vorbereitet sind. Und unbewusst bereiten sich die Menschen, die auf dem rechten Lebensweg, auf dem Weg einer wahren inneren Moral sind, immerzu vor auf diesen großen Moment.

[ 39 ] However, even for this level of higher experience—the level of penetration into all the spiritual depths, into the great unknown entities—human beings can already prepare themselves in their ordinary, so to speak, normal state of consciousness. And because everything in humanity is geared toward development, even our ordinary life contains within it that which allows us to draw nearer to the mysteries of existence, to the unknown worlds that lie beyond sensory realities. It is present there like a teacher who can gradually guide us to soften the impression made by the greater Guardian of the Threshold. Just as, when we are led as humble beings to the lesser Guardian of the Threshold, we can soften this encounter—so that he no longer appears to us in his terrifying form, in which he would otherwise starkly present us with the doppelgänger of our imperfections—so too can we soften that other encounter with the greater Guardian of the Threshold, whom every human being must eventually encounter in the course of their development. We can likewise soften the impression of that great, mighty figure who, through his glory—through the way he confronts us when he says, “This is what you must become”—shows us, precisely through his majesty, what we still have to develop. If we are properly prepared, we will not be driven back in fear and terror as if before a cherubim with a flaming sword. And unconsciously, people who are on the right path in life—the path of true inner morality—are constantly preparing themselves for this great moment.

[ 40 ] Und dasjenige, was uns vorbereitet in unserer Bewusstseinsseele, um in der richtigen Weise in dieser Bewusstseinsseele mit dem Ich wiederum herauszutreten, nicht nur an die physische Wirklichkeit, sondern in die geistige Wirklichkeit, um eine geistige Erkenntnis uns aneignen zu dürfen, das ist dasjenige, was man mit dem Worte «Andacht» bezeichnet. Andacht ist dasjenige, was in der Seele erregt wird an inneren Impulsen für das Unbekannte, für uns insofern Unbekannte, als wir es noch nicht verstehen können. Hätten wir gar nichts in uns, was uns hinwiese auf das, was wir noch nicht verstehen können, dann könnten der Drang und die Sehnsucht nicht erwachen, um zum Unbekannten hinzukommen. Alles dasjenige, was wir einst verstehen wollen und erst verstehen können, wenn wir in es hineingetreten sind, das muss zuerst in einer dunklen Weise wie eine Sehnsucht in uns wirken. Dasjenige, was uns zu dem hinzieht, dem wir noch nicht gewachsen sind, unter dem wir noch stehen, außer dem wir uns befinden, das ist die Andacht. Wahrhaft andächtig können wir sein gerade dem gegenüber, von dem wir wissen: Wir durchdringen es noch nicht mit unseren Seelenkräften, mit unserer Erkenntnis. Dann aber ist diese Andacht etwas, was uns gerade in der rechten Art und Weise heranbringt an das Betreffende, damit wir es in würdiger Weise betreten, sodass wir wahre, nicht triviale Erkenntnis davon gewinnen können.

[ 40 ] And that which prepares us in our conscious soul—so that we may step forth once more in the proper way from this conscious soul with the “I,” not only into physical reality but also into spiritual reality, in order to acquire spiritual knowledge—that is what is referred to by the word “devotion.” Contemplation is what stirs within the soul through inner impulses toward the unknown—unknown to us insofar as we cannot yet understand it. If we had nothing within us that pointed us toward what we cannot yet understand, then the urge and the longing to reach the unknown could not awaken. Everything we one day wish to understand—and can only understand once we have entered into it—must first take effect within us in a dark, yearning way. That which draws us toward what we are not yet equal to, what stands above us, and what lies beyond us—that is devotion. We can be truly devout precisely toward that which we know we cannot yet penetrate with the powers of our soul or with our knowledge. But then this devotion is something that brings us closer to the object in question in just the right way, so that we may enter it with dignity and gain true, not trivial, knowledge of it.

[ 41 ] Dass aller Erkenntnis vorausgehen muss etwas wie ein solches Gefühl, das ist von vornherein begreiflich. Es braucht sich jemand nur zu überlegen, dass ja zwar alles der Mensch durch die Logik einsehen muss, dass man also durch logisches Denken an alles herantreten muss, dass die Logik das ist, was uns alles beweisen kann im Dasein. Aber was beweist uns die Logik selber? Soll man nicht zum Selbstwiderspruch kommen, dass die Logik sich selber beweist, dann muss man annehmen, dass in der Menschenseele etwas anderes ist als bloße Logik, was wiederum die Logik beweist. Logik kann nur bewiesen werden durch etwas, was selber nichts mit der Logik zu tun hat. Und das ist im Menschen dasjenige, was man nennen kann sein ursprüngliches gesundes Wahrheitsgefühl. So führt uns das Logische zuletzt auf das Gefühl zurück. Alles Verstehen führt uns auf das Gefühl zurück.

[ 41 ] That all knowledge must be preceded by something like such a feeling is understandable from the outset. One need only consider that, while it is true that humans must understand everything through logic—that is, that we must approach everything through logical thinking—and that logic is what can prove everything to us in existence. But what does logic itself prove to us? If one is not to arrive at the self-contradiction that logic proves itself, then one must assume that there is something else in the human soul besides mere logic—something that, in turn, proves logic. Logic can only be proven by something that has nothing to do with logic itself. And that is, in human beings, what one might call their original, healthy sense of truth. Thus, logic ultimately leads us back to feeling. All understanding leads us back to feeling.

[ 42 ] Man kommt über diese Sache nicht hinaus, wenn man aufrichtig ist. Deshalb darf es einen auch nicht überraschen; wenn ein höchstes Erkennen eines Unbekannten hinter den Dingen zuerst in uns auftritt in jenem hingebungsvollen Gefühl, das wir als die Andacht bezeichnen. Und wenn diese Andacht, die in uns waltet und wirkt und webt an unserer Seele, bevor wir etwas erkannt haben, das wir andächtig verehren, wenn dieses Gefühl selber dasjenige ist, was uns hinaufführt, sozusagen den Berg hinaufführt zu dem, was sich dann unserem Erkennen ergibt — das ist Andacht im höchsten Sinne des Wortes.

[ 42 ] If one is sincere, there is no getting around this matter. Therefore, it should come as no surprise that the highest recognition of an unknown presence behind things first arises within us in that devotional feeling we call devotion. And if this devotion, which reigns within us, works within us, and weaves its way into our soul before we have recognized anything that we reverently worship—if this feeling itself is what leads us upward, so to speak, up the mountain toward that which then reveals itself to our understanding—that is devotion in the highest sense of the word.

[ 43 ] Aber alles das, was uns im höchsten Stile entgegentritt, tritt uns auch in der ersten Anlage entgegen äußerlich. Und so ist Andacht in ihrer höchsten Vollendung allerdings dasjenige, was in uns lebt als sehnsüchtiges Sich-Hingeben einem Unbekannten, damit sich uns das einstmals erschließen möge, wenn wir dazu reif sind, aber es ist diese Andacht in minderem Grade vorhanden gegenüber all demjenigen, was wir noch nicht erkannt haben, auch in der gewöhnlichen äußeren Welt.

[ 43 ] But everything that confronts us in the highest sense also confronts us outwardly in its initial form. And so devotion, in its highest perfection, is indeed that which lives within us as a longing surrender to the unknown, so that it may one day reveal itself to us when we are ready; yet this devotion is present to a lesser degree toward all that we have not yet come to know, even in the ordinary external world.

[ 44 ] Wenn zum Beispiel ein jüngerer Mensch zu einem älteren, erfahreneren hinblickt, so kann er ihn natürlich nicht überschauen; denn es ist Eitelkeit, wenn wir glauben, manchmal gar sehr aus dem heutigen Zeitbewusstsein heraus glauben, auf einer beliebigen Stufe des Daseins alles aburteilen zu können. Für denjenigen, der einen Begriff hat von Erkenntnis, nimmt es sich drollig aus, wenn irgendjemand glaubt, zum Beispiel eine umfassende Persönlichkeit wie Goethe biografisch beschreiben zu können, denn es handelt sich darum, dass wir im Grunde nur denjenigen verstehen können, dem wir uns schon gleich gemacht haben. Würden wir kein Verhältnis gewinnen können zu demjenigen, dem wir uns noch nicht gleich gemacht haben, dann würden wir überhaupt kein Verständnis für ihn erlangen können.

[ 44 ] For example, when a younger person looks up to an older, more experienced one, he naturally cannot fully comprehend him; for it is vanity to believe—sometimes even strongly, based on our contemporary worldview—that we can judge everything at any stage of existence. To anyone who has a concept of knowledge, it seems absurd when someone believes, for example, that they can biographically describe a multifaceted figure like Goethe, for the fact is that we can fundamentally understand only those with whom we have already identified. If we were unable to establish a connection with those with whom we have not yet identified, then we would be unable to gain any understanding of them at all.

[ 45 ] Aber die menschliche Seele ist so eingerichtet: Wenn sie sich ihre gesunden Empfindungen wahrt, dann kann sie lange eine Sache verehren, sich andächtig ihr hingeben, bevor sie dieselbe erkennt. Und so ist es bei allem Reifwerden der menschlichen Seele. Und diejenigen, die das Leben in seinen auch nur äußeren Tiefen betrachten, die werden das bestätigt finden, was hier schon öfter hervorgehoben worden ist: dass man sich im späteren Leben immer wiederum und wiederum so dankbar zurückerinnert an die Stunden und Augenblicke der Kindheit, in denen man so recht andächtig verehren konnte dieses oder jenes menschliche Wesen, diese oder jene Persönlichkeit.

[ 45 ] But the human soul is constituted in such a way that, if it preserves its healthy sensibilities, it can revere something for a long time, devoting itself to it with devotion, before it comes to recognize it. And so it is with all the maturing of the human soul. And those who observe life even in its most superficial depths will find confirmation of what has already been emphasized here many times: that in later life one always recalls, time and again, with such gratitude the hours and moments of childhood in which one was able to revere this or that human being, this or that personality, with such devotion.

[ 46 ] Es wird immer ein großer Moment bleiben, wenn ein Mensch erleben konnte im Kreise seiner Familie, dass diese oder jene Persönlichkeit verehrt ist, mit der man bekannt ist. Das Kind hat [vielleicht] diese Persönlichkeit noch nicht gesehen, also noch nicht einmal den äußeren Eindruck genossen; es sieht sozusagen aus den Erzählungen zu dem, was man sehen kann, wie zu einem gänzlich Unbekannten auf. Dann erlebt es den Tag, um im äußeren Erleben zunächst einen Eindruck zu bekommen von der vorher verehrten Persönlichkeit. Dann steht es vielleicht mit scheuer Ehrfurcht vor der Türklinke, die ihm Eingang verschaffen soll zu der Persönlichkeit, die es verehren gelernt hat. Wenn das Kind diese Gefühle gehabt hat, dann tritt es auch in ganz anderer Weise an den äußeren Eindruck heran, dann wird ausstrahlen etwas von dem wunderbaren Glanz, den unsere Seele ausstrahlen kann da, wo sie zuerst Andacht und Verehrung entwickelt, bevor sie an den Gegenstand herantritt.

[ 46 ] It will always be a special moment when a person is able to experience, surrounded by their family, the reverence shown toward a particular figure they know. The child may not have seen this figure yet—and thus may not even have had the chance to form a first impression; they look up, as it were, from the stories about what can be seen, as if to something entirely unknown. Then they experience the day, seeking first to gain an impression through external experience of the figure they had previously admired. Then they may stand with shy reverence before the doorknob that is to grant them entry to the figure they have come to admire. Once the child has had these feelings, it approaches the outward impression in a completely different way; then it will radiate something of the wondrous splendor that our soul can radiate when it first develops reverence and admiration before approaching the object.

[ 47 ] Andacht und Verehrung sind etwas wunderbar Leuchtendes, das wunderbare Strahlen werfen kann [auf das], was uns eben später erst entgegentritt. Man erinnert sich — so sagte ich eben — als an die größten Momente seiner Kindheit zurück, an eben solche Momente, wo man so recht gelernt hat zu verehren auch schon gegenüber dem, was einem in der Außenwelt entgegentreten kann. Und man hat so an diesen Keimen der Andacht einen kleinen Abglanz von demjenigen, was jene umfassende Andacht geben kann, die sich hinaufsteigert zu demjenigen, was uns mehr oder weniger ein Unbekanntes bleiben muss. Auch wenn es sich uns bis zu einem gewissen Grad als Erkenntnis der geistigen Welt schon erschlossen hat, bleibt etwas uns doch wiederum unbekannt; denn hinter jedem Bekannten steht wiederum ein Unbekanntes. Schon die gewöhnlichen Andachten sind ein Abglanz dieser umfassenden Andacht, mit der unsere Seele nach dem Unbekannten hinstrebt, bevor sie vollständig in dieses Unbekannte eindringen kann.

[ 47 ] Devotion and reverence are something wonderfully luminous that can cast a marvelous light [upon] what we will encounter later on. One looks back—as I just said—on the greatest moments of one’s childhood, on precisely such moments when one truly learned to revere even that which one might encounter in the outside world. And in these seeds of devotion, one finds a small reflection of what that all-encompassing devotion can offer—a devotion that soars upward toward that which must remain, to a greater or lesser extent, unknown to us. Even if, to a certain degree, it has already opened up to us as an understanding of the spiritual world, something still remains unknown to us; for behind every known thing lies, in turn, an unknown. Even ordinary devotions are a reflection of this all-encompassing devotion with which our soul strives toward the unknown before it can fully penetrate this unknown.

[ 48 ] So haben wir in der Andacht eine Kraft, welche uns befähigt, den Weg, den Pfad anzutreten nach dem Unbekannten. Und da es wahr ist, dass aus dem Geistigen und Unbekannten heraus die Kräfte und Fähigkeiten treten, die im äußeren menschlichen Sinnlichen bekannt und offenbar sind, so ist es auch der Fall, dass unsere eigenen Kräfte, die aus der geistigen Welt uns zuströmen, uns nur zuströmen können, wenn wir zu dieser geistigen Welt selber den rechten Weg, den Weg durch die Andacht suchen. Schon im gewöhnlichen Leben, wie es uns entgegentritt zwischen Geburt und Tod, können wir das Heilsame der Andacht finden.

[ 48 ] Thus, in devotion, we find a strength that enables us to set out on the path toward the unknown. And just as it is true that the forces and abilities known and evident in the outer, human, sensory world arise from the spiritual and the unknown, so it is also the case that our own forces, which flow to us from the spiritual world, can only flow to us if we ourselves seek the right path to this spiritual world—the path through devotion. Even in ordinary life, as it unfolds before us between birth and death, we can find the healing power of devotion.

[ 49 ] Wenn wir das Leben so betrachten, so müssen wir sagen, dass es überall durchzogen ist — neben allen anderen Stimmungen, die entwickelt werden können für die Welt, neben den Stimmungen der Freude und der Lust, neben den Stimmungen des Jauchzens und der Begeisterung - auch von der Möglichkeit, den Erscheinungen des Daseins gegenüber, ob bekannt oder nicht bekannt, die Stimmung der Andacht zu entwickeln. Dies tritt uns entgegen zum Beispiel in der Dichtung, in der Tatsache, dass neben dem Liede des Jauchzens, neben dem der Freude, neben dem des Entzückens auch die Hymne und die Ode stehen. Es tritt uns entgegen in allen Künsten, und wir dürfen sagen: Ebenso, wie es Kunstwerke gibt, die uns gleichsam bekräftigen darin, wie wir gleich und verwandt sind den Dingen des Daseins, so gibt es auch Kunstwerke, die eine Ahnung in uns hervorrufen von demjenigen, wie wir streben können nach dem Höchsten, die uns gleichsam hinanziehen zu einem Höchsten.

[ 49 ] If we view life in this way, we must say that it is permeated throughout—alongside all other moods that can be developed toward the world, alongside the moods of joy and pleasure, alongside the moods of jubilation and enthusiasm—by the possibility of developing a mood of reverence in the face of the phenomena of existence, whether known or unknown. We encounter this, for example, in poetry, in the fact that alongside the song of jubilation, alongside that of joy, alongside that of rapture, there also stand the hymn and the ode. We encounter this in all the arts, and we may say: Just as there are works of art that, as it were, affirm to us how we are equal to and connected with the things of existence, so too are there works of art that evoke in us a sense of how we can strive toward the highest, that draw us, as it were, toward the highest.

[ 50 ] So tritt uns im Leben überall genügend Anlass entgegen zur Andacht; und das sollten wir im Leben beobachten; wir sollten es vor allem in einer wahren Lebenspädagogik nicht außer Acht lassen, denn wichtig ist es, dass wir in unserer Kindheit aufnehmen in unser Lebensschicksal dasjenige, was uns die Andacht geben kann.

[ 50 ] Thus, life presents us with ample opportunities for contemplation everywhere; and we should be mindful of this in our daily lives; above all, we should not overlook it in a true philosophy of life, for it is important that we incorporate into the course of our lives, from childhood onward, what contemplation can offer us.

[ 51 ] Wenn wir das Leben zwischen Geburt und Tod betrachten, dann kann man das, was man Karma, das große Schicksalsgesetz nennt, was uns als die Verkettung von geistigen Ursachen und Wirkungen entgegentritt, finden; aber es tritt einem auf eigenartige Weise entgegen. Es zeigen sich zum Beispiel gewisse Dinge, die als Ursache gelegt werden in frühester Jugend, in ihren Wirkungen im späteren Alter. Was wir vielleicht in der Kindheit durch dieses oder jenes aufnehmen, tritt in einer Wirkung hervor erst im Greisenalter. Und je nachdem die Ursachen waren, je nachdem sind die Wirkungen. Die Wirkungen sind nicht gleich, sondern so, dass wir erst verstehen müssen den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung.

[ 51 ] When we consider life between birth and death, we can find what is called karma—the great law of destiny—which presents itself to us as a chain of spiritual causes and effects; but it presents itself in a peculiar way. For example, certain things that are laid as causes in early youth manifest their effects in later life. What we may absorb in childhood through this or that only manifests as an effect in old age. And depending on what the causes were, so too are the effects. The effects are not the same; rather, we must first understand the connection between cause and effect.

[ 52 ] Der junge Mensch, der heranwächst, erzogen in rechtem Sinne und ohne das, was etwa in irgendeine Schattenseite der Andacht hinein verzerrt wird, der heranwächst in der richtigen Andacht, der wird bemerken, dass dies sich umwandelt in seiner Seele in etwas anderes. Es gibt das, was wir bei einer intimeren Lebenserkenntnis da oder dort auftreten sehen können, dass dieser oder jener Mensch in eine Gruppe von anderen Menschen tritt — vielleicht redet er gar nichts oder wenig —, aber sein Dasein schon gießt aus, was man nennen kann ein wohltätiges Element. Es beglückt und segnet das Dasein eines solchen Menschen seine Umgebung. Dasjenige, was da aufstrahlt von ihm seelisch, das ist in ihn hineingekommen.

[ 52 ] The young person who is growing up, raised in the true sense and without anything that might be distorted into some dark side of devotion—who is growing up in true devotion—will notice that this transforms into something else within his or her soul. There is something we can observe here and there in a more intimate understanding of life: when this or that person enters a group of other people—perhaps saying nothing at all, or very little—yet their very presence radiates what might be called a beneficent element. The presence of such a person brings joy and blessing to those around them. That which radiates from him spiritually has entered into him.

[ 53 ] Aber es kommt nicht in das spätere Leben eines Menschen diese Kraft des Segens hinein, wenn sie nicht wurzelt in demjenigen, was wir in der Jugend in uns als die Stimmung der Andacht entwickelt haben. Andacht in der Jugend wandelt sich durch das Leben hindurch in die Kraft, zu segnen im Alter. Das ist ein karmischer Zusammenhang, wie er uns zwischen Geburt und Tod entgegentritt. Nicht bloß aus der Geisteswissenschaft heraus brauchen wir das zu wissen; wer das Leben kennt, der kann das überall sehen. Wir könnten es in die symbolischen Worte fassen: Der wird niemals die Hand ausstrecken können zum Segnen, der nicht fähig gewesen ist, in der Jugend andächtig zu verehren mit gebeugten Knien und gefalteten Händen. Die gebeugten Knie und die gefalteten Hände in der Jugend, sie sind die Ursache, die im Alter sich in die segenspendenden Hände umgestalten. Das gehört einmal zu unseren Lebensweisheiten. Da sehen wir eine jener Kräfte, die uns kommen aus der geistigen Welt heraus, wenn wir auch noch nicht in der Lage sind, in diese hineinzuschauen. Die Andacht führt uns zunächst hinauf in die geistige Welt, die sich unserem Schauen noch verschließt, weil sich uns der größere Hüter der Schwelle nicht zeigen darf. Sie verschließt sich uns, schickt uns aber aus sich heraus die Kräfte, die in ihren Wirkungen, alles durchdringend, aus unseren Handlungen selber hervortreten.

[ 53 ] But this power of blessing does not enter into a person’s later life unless it is rooted in what we have developed within ourselves in our youth as a spirit of devotion. Devotion in youth transforms throughout life into the power to bless in old age. This is a karmic connection that we encounter between birth and death. We do not need to know this solely from spiritual science; anyone who knows life can see it everywhere. We could express it in symbolic terms: One who has not been able to worship devoutly in youth—with bent knees and clasped hands—will never be able to extend a hand to bless. The bent knees and folded hands of youth are the cause that, in old age, transforms into blessing hands. This is one of the wisdoms of our lives. Here we see one of those forces that come to us from the spiritual world, even if we are not yet able to look into it. Devotion first leads us upward into the spiritual world, which is still hidden from our sight because the greater Guardian of the Threshold is not permitted to reveal himself to us. It remains hidden from us, yet sends forth from within itself the forces whose effects, permeating everything, emerge from our own actions.

[ 54 ] So können wir in uns die Stimmung der Andacht entwickeln gegenüber einer unbekannten Welt. Wir werden vielleicht noch nicht hineindringen können zu einem Erkennen derselben, sie aber gießt aus sich heraus Kräfte, die sich umwandeln in unserer Seele und die zu Wirkungsimpulsen werden für unser äußeres Leben. Geradeso, wie wenn wir des Abends einschlafen ermüdet und früh erfrischt aufwachen, wie uns die Nacht bringt die Erquickung, wie uns das herauskommt, was unsere ermüdeten Arme wiederum fähig macht zum Arbeiten, so ist es im äußeren Leben, wenn wir uns zu stellen wissen zu den unbekannten Welten — in die wir noch nicht hineinschauen vermögen, die hinter der sinnlichen Wirklichkeit stehen -, wenn wir uns ihnen andächtig nahen. So mögen sie uns, wie der sanfte Schlaf, unserem Bewusstsein verhüllen ihre Kräfte; aber sie geben uns ihre Kräfte. Und die Andacht ist es, durch die wir hinpilgern können zu unbekannten Welten und die uns die Kräfte dieser unbekannten Welten erschließt, uns dadurch mit unserem Ich aus uns selber herausbringend und zur Wirksamkeit fähig machend in der äußeren Welt. So nähern wir uns mit unserem Ich andächtig den unbekannten Welten. Aus ihnen wird unser Ich reicher gemacht mit demjenigen, was uns mit der Welt wiederum zusammenführen kann. Wir werden mächtiger, stärker, kräftiger durch das, was uns durch die Andacht wird.

[ 54 ] In this way, we can cultivate within ourselves a spirit of reverence toward an unknown world. We may not yet be able to penetrate it to understand it, but it radiates forces that are transformed within our soul and become impulses of action for our outer life. Just as when we fall asleep at night, weary, and wake up refreshed in the morning—just as the night brings us refreshment, just as it restores what enables our weary arms to work again—so it is in our outer life when we know how to approach the unknown worlds — into which we are not yet able to look, which lie beyond sensory reality — when we approach them with reverence. Thus, like gentle sleep, their forces may veil our consciousness; yet they bestow their forces upon us. And it is devotion that enables us to make our pilgrimage to unknown worlds and that opens up to us the powers of these unknown worlds, thereby bringing our “I” out of ourselves and enabling us to be effective in the outer world. Thus, with our “I,” we approach the unknown worlds with devotion. From them, our “I” is enriched with that which can reunite us with the world. We become more powerful, stronger, and more vigorous through what devotion bestows upon us.

[ 55 ] Das ist die Mission der Andacht für das Seelenglied, das wir als Bewusstseinsseele bezeichnen und durch das wir wiederum aus uns heraustreten und unser Ich in die Außenwelt gleichsam ergießen. Alles, was uns fruchtbar macht für die Außenwelt, das verdanken wir unseren andächtigen Stimmungen gegenüber demjenigen, was verehrungswürdig ist. Und derjenige Mensch wird nicht eingreifen können [im Leben], der nicht andächtig sein kann. Da werden Menschen kommen und werden sagen: Ja, mir gelingt nichts, die Menschen glauben nicht an mich, die Menschen wollen mich nicht verstehen. Man geht dann auf die Erscheinungen, die sich so erweisen, aber nicht auf die Gründe zurück. Die Gründe liegen darin, dass solche Menschen, die sich genötigt finden, unverstanden sich zu fühlen, niemals die Stimmung der Andacht bei sich finden konnten. Das ist die Mission der Andacht für die Erziehung unseres Ich zum Zusammenwachsen mit der Welt.

[ 55 ] This is the mission of devotional prayer for the soul element that we call the conscious soul, through which we, in turn, step outside of ourselves and, as it were, pour our “I” out into the outer world. Everything that makes us fruitful for the outer world, we owe to our devotional dispositions toward that which is worthy of reverence. And the person who cannot be devotional will not be able to intervene [in life]. Then people will come and say: Yes, I succeed at nothing; people do not believe in me; people do not want to understand me. People then focus on the phenomena that present themselves in this way, but not on the underlying reasons. The reason lies in the fact that such people, who find themselves compelled to feel misunderstood, have never been able to find within themselves the spirit of devotion. This is the mission of devotion: to educate our “I” to grow together with the world.

[ 56 ] So wachsen wir zuerst sozusagen unbewusst in die Welt hinein durch die Kräfte, die uns die Andacht gibt, um uns allmählich zu nähern der geistigen Welt selber, wenn wir uns durch das, was die Andacht in uns erzeugt, dazu reif gemacht haben. Wir müssen uns nun aber auch klar darüber sein, dass die Andacht in gewisser Beziehung das Ich aus sich herausführt, und dass der Mensch, wenn er die rechten Wege, die rechten Pfade der Welt gehen will, sich in der gegenwärtigen Entwicklungsperiode niemals seines Ich entäußern darf; denn das Ich gibt ihm die Urteilsfähigkeit, das richtige Folgerungsvermögen, die Möglichkeit, sich ohne Verwirrungen in die Welt hineinzustellen. Daher muss sich derjenige vor Augen halten, der von vornherein eine Neigung hat, sich andächtigen Stimmungen hinzugeben, dass er zwar so weit als irgend möglich gehen darf in der andächtigen Stimmung, sich aber niemals in der Hingabe verlieren darf.

[ 56 ] Thus, we first grow into the world, so to speak, unconsciously through the forces that devotional practice gives us, in order to gradually draw closer to the spiritual world itself once we have matured enough through what devotional practice brings about within us. However, we must also be clear that devotional practice, in a certain sense, leads the “I” out of itself, and that if a person wishes to walk the right paths of the world, they must never relinquish their “I” during the present stage of development; for the “I” gives them the capacity for judgment, the ability to reason correctly, and the possibility of engaging with the world without confusion. Therefore, anyone who has a natural inclination to surrender to devotional moods must bear in mind that, while they may go as far as possible into that devotional mood, they must never lose themselves in that surrender.

[ 57 ] Wir können die beiden Elemente der Andacht, die sich uns in ihr zeigen, bezeichnen als Ergebenheit, als Hingabe auf der einen Seite und als Liebe auf der anderen Seite. Wenn in unserer Seele unser Gefühl durchströmt und durchwärmt ist von Liebe zu einem Wesen, so ist diese Liebe das eine Element, das uns zur Andacht führt; die Ergebenheit des Willens, sie ist das andere Element, das zur Andacht führt. Und wo Liebe und Hingegebenheit auftreten, da müssen sie auch auftreten [als Liebe und Hingegebenheit] an das Unbekannte; denn es besteht ein inniger Zusammenhang zwischen allen Wesen, auch zwischen den niederen Wesen und uns selbst. Aus Liebe und Hingabe besteht dasjenige in unserer Seele, was sich als Andacht dann ausleben kann. Aber wir dürfen in der Hingabe nicht uns selbst verlieren; wir müssen in die Stimmung der Andacht hineingehen unter der Wahrung unseres Ich. Tun wir das nicht, dann lähmen wir unseren Willen, dann tritt eine Schwächung statt einer Stärkung unseres Willens ein. Treten wir mit einer blinden, nicht mit Verstandesseele durchzogenen Liebe an die Dinge heran, dann wird diese Liebe blind, dann werden wir, statt zur Erkenntnis, zu einer Form Aberglaubens, blinden Glaubens kommen. Und vor allen Dingen, wenn Verstand und Gemüt nicht durchdringen unsere Liebe und sie läutern, werden wir dazu kommen, dass das in uns auftritt, was wir ungeführte, unberatene Liebe nennen können. Das aber ist Schwärmerei. Das ist dasjenige, was sich zuletzt zum Wahn gegenüber dem Unbekannten steigern kann. So wie wir durch eine Ergebenheit oder Hingabe, in der wir unser Ich verlieren, allmählich zur geistigen Ohnmacht verurteilt werden, so werden wir zu einem Irrlichtelieren in der Welt durch unsere Liebe verführt, die nicht durchleuchtet ist von den Taten des Führers, der für alles Zurechtfinden eben da ist: von der Verstandes- oder Gemütsseele.

[ 57 ] We can describe the two elements of devotion that are revealed to us as submission and surrender on the one hand, and love on the other. When our soul is filled with and warmed by love for a being, this love is the one element that leads us to devotion; the submission of the will is the other element that leads to devotion. And wherever love and devotion arise, they must also arise [as love and devotion] toward the unknown; for there is an intimate connection between all beings, including the lower beings and ourselves. Love and devotion constitute that part of our soul which can then manifest itself as devotion. But we must not lose ourselves in devotion; we must enter into the mood of devotion while preserving our sense of self. If we do not do this, we paralyze our will, and our will is weakened rather than strengthened. If we approach things with a blind love, one not permeated by the intellectual soul, then this love becomes blind, and instead of gaining insight, we will arrive at a form of superstition, of blind faith. And above all, if the intellect and the emotional soul do not permeate our love and purify it, we will end up with what we might call unguided, unreflective love. But that is fanaticism. It is that which can ultimately escalate into delusion regarding the unknown. Just as we are gradually condemned to spiritual powerlessness through a devotion or surrender in which we lose our sense of self, so too are we led astray into a wandering like a will-o’-the-wisp through our love, which is not illuminated by the actions of the guide who is there precisely to help us find our way: the soul of reason or the soul of feeling.

[ 58 ] Weder unseren Willen dürfen wir verlieren noch unser vom Verstand beratenes Gefühl, wenn die günstigen Wirkungen der Andacht auftreten sollen, die geschildert worden sind.

[ 58 ] We must not lose either our will or our reason-guided emotions if the beneficial effects of devotion, as described, are to occur.

[ 59 ] Dabei wird man wohl auch erkennen, dass die Erziehung zur Andacht wie die Andacht selbst etwas nötig macht, was ferne steht allem bloß Verstandesmäßigen. Wenn ein richtiger Mittelweg gefunden werden muss zwischen Heil und Gefahr, dann tritt immer das ein, was man nennen kann Lebenstakt und Lebensgefühl. Daher wird man auch nicht durch abstrakte Ideen jemand in der richtigen Weise in die Andacht führen können, sondern nur dadurch, dass auf seine ganze Seele sich ausgießt dasjenige, was wiederum von einer richtig geleiteten Andacht kommt. Deshalb wird gerade bei der Erziehung in die Andacht das Anschauen des anderen andächtigen Menschen so gewaltig wirken können, wird hier das Beispiel eine so große Rolle spielen müssen.

[ 59 ] In this context, one will likely also recognize that the cultivation of devotion, like devotion itself, requires something that lies far beyond anything purely intellectual. When a proper middle ground must be found between salvation and danger, what always comes into play is what one might call the rhythm of life and a sense of life. Therefore, one cannot lead someone into devotion in the proper way through abstract ideas alone, but only by allowing that which, in turn, flows from properly guided devotion to pour out over their entire soul. That is why, especially in the education in devotion, observing another devout person can have such a powerful effect; here, example must play such a significant role.

[ 60 ] Deshalb ist es auch, dass Andacht da, wo sie kultiviert werden sollte, so sehr darauf angewiesen war, in Gemeinschaft gepflegt zu werden; deshalb ist es auch, warum der einzeln durch die Welt gehende Mensch recht wenig zur Andacht kommen kann. Und wie sie leicht sich entwickeln kann im Anschauen des anderen, so ist die Andacht auch das, was uns herausführt aus uns, was uns zusammenführt mit den anderen Menschen, denn nichts ist so schön entflammend unsere Andacht, als wenn wir sie teilen können mit andern, die zum Gleichen andächtig aufblicken. So führt auch in dieser Beziehung Andacht unsere Seele hinauf zu den Höhen, wo sie als Bewusstseinsseele aus sich heraustritt, wo sie Gemeinschaft schließt mit der Umwelt. In der Andacht hat der Mensch etwas, was den Menschen aus sich herausführt, was ihn frei macht von bloßem selbstsüchtigem Fühlen, Wollen und Denken, was ihn anweist dazu, gemeinschaftlich mit anderen in seinem Ich etwas zu haben, wozu er aufblicken kann. Das ist die Mission der Andacht in der menschlichen Gesellschaft. Sie führt Ich zu Ich, sie gießt eine wunderbare Stimmung und Atmosphäre aus über eine Gemeinde, wenn sie in der richtigen Weise gehegt und gepflegt wird.

[ 60 ] That is why devotion, where it should be cultivated, was so dependent on being nurtured in community; that is also why a person walking alone through the world can find very little room for devotion. And just as it can easily develop through contemplating others, devotion is also what leads us out of ourselves, what brings us together with other people; for nothing kindles our devotion more beautifully than when we can share it with others who are looking up in the same spirit of devotion. Thus, in this respect as well, devotion leads our soul upward to the heights, where it steps out of itself as a soul of consciousness, where it enters into communion with the world around it. In devotion, a person finds something that leads them out of themselves, that frees them from mere selfish feeling, willing, and thinking, and that guides them to share, together with others in their “I,” something to which they can look up. This is the mission of devotion in human society. It leads “I” to “I”; it pours out a wonderful mood and atmosphere over a congregation when it is properly nurtured and cultivated.

[ 61 ] So spielt Andacht im gewöhnlichen und im gesteigerten Leben die denkbar größte Rolle für den Menschen. Und Andacht führt ihn auch hinauf zu den Höhen des Lebens. Das ist es ja, was alle diejenigen erstreben, die durchbrechen wollen die äußere sinnliche Decke, die in die geistige Welt hineinkommen wollen. Das ist es, was sie erstreben durch die Sehnsucht und den Trieb der Andacht: zu dem hinaufzudringen, was sie also andächtig verehren, mit dem leben zu können, was sie zuerst andächtig verehren; sich vereinigen zu können mit demjenigen, was man andächtig erst verehrt, in dem stehen zu können, zu dem man erst hinaufstrebt von unten. Das nannte man zu allen Zeiten #nio mystica, geistige Vereinigung mit der geistigen Welt, aus der der Mensch heraus ist, mit der er sich aber bewusst vereinigen kann, wenn er sich nach und nach reif dazu gemacht hat. Mystische Vereinigung schwebte als hohes Ideal allen geistig Strebenden vor. Allen geistig Strebenden erschien dasjenige, was in der menschlichen Seele lebt und wirkt als Kräfte, wie ein Weibliches, das hinaufzieht in andächtiger Stimmung zu dem, was die Welt durchwebt und durchwirkt und die Seele befruchten kann als ein Männliches. Das war es auch, was Goethe empfunden hat heraus aus seiner guten Erkenntnis der mystischen Stimmung der Menschheitsentwicklung, als er den «Chorus mysticus» am Ende seines Lebenswerkes schrieb. Da schrieb er die Worte hin, die gleichsam wie aus unbekannten Geistesweiten hereinklingen in unsere Seele und uns das Strebe- und Entwicklungsrätsel unserer Seele vor das geistige Auge führen, die uns sagen, dass alles, was in der Außenwelt uns entgegentritt, ein Gleichnis ist für ein Ewiges, dass das erreicht werden kann durch geistiges Streben, was unzulänglich ist für Sinnesstreben. Was wir nicht mit Worten des Physischen beschreiben können, das wird getan, wenn wir uns zusammenfinden mit dem, was uns aus der geistigen Welt heraus begeistert. Und dann klingen sie aus, diese Worte, in jenes wunderbare Diktum, das uns da sagt: Die Seele ist wie ein ewig Weibliches, das sich befruchten lässt von dem, was als ein Männliches in den Weltengeheimnissen lebt, hinter dem sinnlichen Dasein. So klingt Goethes «Chorus mysticus» wie auflösend das große Rätsel der menschlichen Entwicklung an unser Ohr:

[ 61 ] Thus, devotion plays the greatest conceivable role for human beings in both ordinary and elevated life. And devotion also leads them upward to the heights of life. This is, after all, what all those strive for who wish to break through the outer, sensory veil and enter the spiritual world. This is what they strive for through the longing and impulse of devotion: to ascend to that which they devoutly revere, to be able to live with that which they first devoutly revere; to be able to unite with that which one first devoutly reveres, to be able to stand in that to which one first strives from below. This has been called throughout the ages #nio mystica—spiritual union with the spiritual world from which the human being originates, but with which he can consciously unite once he has gradually matured to the point of being ready. Mystical union stood before all spiritual seekers as a lofty ideal. To all those striving spiritually, that which lives and works in the human soul as forces appeared as a feminine principle that, in a devout mood, draws upward toward that which interweaves and permeates the world and can fertilize the soul as a masculine principle. This was also what Goethe sensed, drawing from his deep understanding of the mystical mood of human development, when he wrote the “Chorus mysticus” at the end of his life’s work. There he wrote the words that, as it were, resonate into our souls from unknown spiritual expanses and bring the mystery of our soul’s striving and development before our inner eye—words that tell us that everything we encounter in the outer world is a parable for the Eternal, and that what is beyond the reach of sensory striving can be attained through spiritual striving. What we cannot describe with physical words is accomplished when we unite with that which inspires us from the spiritual world. And then these words resonate into that wonderful dictum that tells us: The soul is like an eternal feminine that allows itself to be fertilized by that which lives as a masculine in the mysteries of the worlds, beyond sensory existence. Thus does Goethe’s “Chorus mysticus” sound to our ears as if it were unraveling the great mystery of human development:

Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis,
Das Unzulängliche,
Hier wird’s Erreignis,
Das Unbeschreibliche,
Hier ist’s getan,
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.

All that is fleeting
Is but a parable,
That which is inadequate,
Here it becomes an event,
That which is indescribable,
Here it is done,
The eternally feminine
Draws us upward.

[ 62 ] Aber wenn wir aus dem Verständnis der Mission der Andacht heraus also lernen, unsere eigene Seele zu begreifen, wie sie uns als das Ewig-Weibliche hinanzieht zu dem Ewig-Männlichen, das uns als Welten-Weisheit hereinströmen soll, dann gewinnen wir auch aus diesem Verständnis der Mission der Andacht heraus dies höhere Verständnis für die wirkliche Vereinigung mit dem EwigMännlichen in der Welt. Und die Gewissheit empfinden wir gegenüber demjenigen, was sich als Weltgeheimnis ausbreitet, dass wir diese unio mystica einmal erreichen können durch unser geistiges Streben und dass wir uns gerade durch die Stimmung der Andacht dieser unio mystica immer mehr nähern, um sie zuletzt zu erleben.

[ 62 ] But when, through an understanding of the mission of devotion, we learn to comprehend our own soul—how it draws us, as the Eternal Feminine, toward the Eternal Masculine, which is to flow into us as World Wisdom—then we also gain, from this understanding of the mission of devotion, a higher understanding of true union with the Eternal Masculine in the world. And we feel a certainty regarding that which unfolds as the mystery of the world: that we can one day attain this unio mystica through our spiritual striving, and that it is precisely through the spirit of devotion that we draw ever closer to this unio mystica, so that we may ultimately experience it.

[ 63 ] Und so klingt uns auf der einen Seite das GoetheWort, wenn wir die menschliche Seele betrachten:

[ 63 ] And so, on the one hand, Goethe’s words resonate with us when we contemplate the human soul:

Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan!

The Eternal Feminine
Draws us upward!

[ 64 ] Und so klingt uns als der Ausdruck der Wahrheit, die uns aus der unio mystica fließt, ein anderes Wort, das sich uns aufdrängen muss, wenn wir die Gewissheit empfangen, dass wir uns vereinigen können mit dem Ewig-Männlichen. Wie als eine Ergänzung des Goethe’schen Wortes: «Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan» wird derjenige, der der einstigen Erlangung der unio mystica gewiss ist, hinaufblickend zu den Geheimnissen des Daseins sagen: Das Ewig-Männliche führet uns hinan!

[ 64 ] And so, as an expression of the truth that flows to us from the unio mystica, another word resonates with us—one that must impose itself upon us when we receive the certainty that we can unite with the Eternal Masculine. As if to complement Goethe’s words, “The Eternal Feminine draws us upward,” the one who is certain of the eventual attainment of the unio mystica will, looking up toward the mysteries of existence, say: The Eternal Masculine leads us upward!