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Der Kreislauf des Menschen
innerhalb der Sinnes Seelen und Geisteswelt
GA 68b

12 März 1910, München

55. Die Mission der Andacht

[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Als ich das letzte Mal hier vor Ihnen sprechen durfte über die «Mission des Zornes» und «die Mission der Wahrheit» für die Menschenseele, da konnte ich hinweisen auf den Spruch des großen griechischen Philosophen Heraklit: «Der Seele Grenzen wirst du nimmermehr ausfindig machen und wenn du auch alle Straßen durchwandeltest, so weit sind ihre Gebiete.» — Und schon dazumal ist die Berechtigung dieses Spruches über die Weite des menschlichen Seelenlebens nachgewiesen worden daran, dass wir einigermaßen eindringen können in das komplizierte Gefüge dieses unseres eigenen Seelenlebens nur dann, wenn wir sozusagen zuerst ein wenig Ordnung in die Betrachtung der Seele hineinbringen; das heißt, wenn wir nicht dabei stehen bleiben, die Seele einfach anzusehen als dasjenige, als was sie uns entgegentritt — als eine Summe von aufund abwogenden Empfindungen, Gefühlen, Trieben, Begierden, von Vorstellungen, von Ideen, von Idealen und so weiter, sondern dass wir uns klar werden, wie dieses Seelenleben zerfällt in drei voneinander gesonderte Gebiete: in dasjenige, was man zunächst nennen kann innerhalb des Menschen die Empfindungsseele, dasjenige, was man nennen kann die Verstandes- oder Gemütsseele und endlich das dritte, höchste Seelenglied, das man nennen kann die Bewusstseinsseele. Denn diese drei verschiedenen Seelenglieder haben drei ganz verschiedene Arten von Entwicklungsbedingungen. Und was sozusagen uns lehren kann, wie das eine dieser Seelenglieder sich entwickelt, das ist nicht zu gleicher Zeit geeignet, uns Aufschluss zu geben über die Entwicklungsgesetze und Entwicklungsbedingungen des anderen der genannten Seelenglieder.

[ 2 ] Unsere Empfindungsseele stellt sich uns zunächst als dasjenige dar, was in uns antwortet auf die äußeren Anregungen, die uns entgegentreten sowohl aus der Natur wie aus dem Menschenleben, was zunächst Eindrücke empfängt von der Außenwelt und dann aufgrund dieser Eindrücke dasjenige eben entwickelt, was wir nennen können die Leidenschaften für irgendetwas, die Triebe, dieses oder jenes zu tun oder haben zu wollen. Alles das also, was uns an Trieben, Begierden, Leidenschaften, an ungeordnetem Seelenleben, wie es auch in der niedersten Menschenseele sich entfaltet, entgegentritt, das bezeichnen wir als den Bereich der Empfindungsseele.

[ 3 ] Wenn dann der Mensch in seiner Entwicklung weiterkommt, wenn er sich — wie man sagen könnte — verinnerlicht, dann tritt das ein, was man das Hervorgehen der Verstandes- oder Gemütsseele gegenüber der Empfindungsseele nennen kann. Solange der Mensch auf irgendeine äußere Anregung hin seinen Zorn walten lässt, solange er auf irgendeinen äußeren Eindruck hin von dem Affekte der Furcht ergriffen wird, können wir nur sprechen von der Empfindungsseele.

[ 4 ] Wenn aber der Mensch die Gefühle, die Eindrücke der Außenwelt selbstständig in seinem Innern verarbeitet, wenn er außer dem Hingegeben-Sein an die äußere Welt sich in sich selber etwas vertiefen kann, sodass er miteinander verbindet, kombiniert die Eindrücke der Außenwelt, dann hebt er sich allmählich herauf aus dem bloßen Gewoge der Empfindungsseele und kommt in sich selber zu demjenigen, was man nennen kann verständige Beherrschung der Triebe, Begierden und Leidenschaften mit Ideen, was man auf der anderen Seite bezeichnen kann als ein Besänftigen, Läutern der ungezügelten Triebe und Leidenschaften durch das Gemüt. Kurz, Verstandes- oder Gemütsseele, die eigentlich eine Einheit darstellen, sie sind dasjenige, durch das sich der Mensch über die bloße Empfindungsseele herauferhebt.

[ 5 ] Dass eine solche Erhebung stattfindet, dass gleichsam der Mensch sich von außen abkehren kann und die Eindrücke in sich selber bis zu einer gewissen Vollkommenheit verarbeiten kann, das lehrt uns das äußere Leben, wenn wir ein Beispiel ins Auge fassen wie das Folgende. Gewiss gab es viele Menschen, die Zeitgenossen waren der Ereignisse von 1750 bis 1815. Dahinein fielen gewaltige Umwälzungen des Lebens. Nahen wir einmal mit einem prüfenden Blick denjenigen, die diese Ereignisse haben auf sich wirken lassen. Auf ihre Empfindungsseele haben sie gewirkt. Hingerissen von den Empfindungen, von den Eindrücken waren alle diejenigen, die sie haben sehen können. In gewisser Beziehung weiser geworden, reicher an Lebensweisheit und Erfahrung sind [aber] nur diejenigen [geworden], welche diese Eindrücke in sich selbst verarbeitet haben. Die standen dann mit einem anderen inneren Seelenleben, mit einem geklärteren inneren Seelenleben im Jahre 1815 der Welt gegenüber als etwa 1770. Das ist das Herausheben der Verstandes- oder Gemütsseele aus der Empfindungsseele.

[ 6 ] Wenn wir aber nur diese Verstandes- oder Gemütsseele in uns wirken haben würden, dann würden wir sozusagen immer mehr und mehr in uns hineinsteigen. Wir würden zwar an Lebensweisheit, an Lebenserfahrung reicher werden, aber es würde nicht das über unsere Seele kommen, was wir nennen Welterkenntnis, Erkenntnis der großen Gesetze, die hinter den Dingen liegen und denen wir uns nur dadurch nähern können, dass wir wiederum aus uns herausgehen, dass wir die Eindrücke wiederum mit demjenigen durchdringen, was wir uns an Lebenserfahrung und Lebensweisheit angeeignet haben; und das tritt ein durch die Erkenntnis- oder Bewusstseinsseele, die den Menschen wieder aus sich heraus und zur Welt hinführt. Er lässt in dem Augenblick die Bewusstseinsseele walten, wo er sozusagen nicht bloß in sich selber reicher und reicher wird an Ideen, sondern wo er diese Ideen dazu anwendet, um das, was zunächst als eine Menge von Eindrücken da ist, zu ordnen, zu durchdringen so, dass ihm die Gesetze des Daseins, die Gesetze der Welt allmählich erscheinen, dass er gleichsam mit seiner Bewusstseinsseele sich wiederum nach außen hin mit dieser Welt verbindet.

[ 7 ] Und wenn wir uns fragen — auch das wurde schon erwähnt —, was waltet [in] unserem Inneren zu dem Ziele, diese drei Seelenglieder in entsprechende Wirksamkeit gegeneinander zu bringen, das eine aus dem andern herauszuarbeiten, das eine auf das andere zurückwirken zu lassen? Dasjenige, was da in uns wirkt, ist das eigentliche Menschen-Ich, der eigentliche Träger des menschlichen Selbstbewusstseins.

[ 8 ] Dieses menschliche Ich aber ist es auch, das in einer fortwährenden Entwicklung begriffen ist. Gleichsam noch wie untergetaucht ruht es in der Empfindungsseele. Solange bloß die Empfindungsseele waltet, erscheint das Ich wie ein Sklave dieser Empfindungsseele, hingegeben sklavisch allen Eindrücken der Außenwelt, überwältigt gleichsam von all den Farben-, Licht-, Wärmeeindrücken, tyrannisiert von seinen Leidenschaften, Trieben und Begierden.

[ 9 ] Dann aber arbeitet dieses Ich weiter, arbeitet selbst daran, den Menschen immer reifer und reifer zu machen. Dadurch, dass die Verstandesseele herausgeläutert wird aus der Empfindungsseele, dadurch wird das Ich immer unabhängiger, dadurch wird es immer mehr zum Herrn über die Triebe, Begierden und Leidenschaften, dadurch wird es immer mehr und mehr dazu geführt, sich selber die Richtung und das Ziel des Lebens zu bestimmen. Dann arbeitet sich das Ich herauf bis zur Bewusstseinsseele, um sozusagen wie durch die Haut der Seele hinauszudringen und sich mit den Dingen wieder zu vereinigen, in den Dingen und Ereignissen der Welt zu leben.

[ 10 ] So sehen wir, dass das Ich es ist, das in diesen drei Seelengliedern waltet, und wir haben in den letzten Vorträgen betont — das sei heute nur skizzenhaft wiederholt — dass so etwas wie ein Affekt, wie der Zorn, durch seine eigene Natur innerhalb der Empfindungsseele wirkt, um das Ich in der richtigen Weise zur Entwicklung kommen zu lassen. Wenn der Mensch sich den äußeren Eindrücken zunächst so überlässt, dass er einem solchen Eindrucke unmittelbar im Sinne der Empfindungsseele folgt, sodass er im Zorne aufwallt, dann wirkt dieser Zorn selber auf seine Seele wiederum zurück. Wir können es erleben, dass der Zorn, weil er das Ich verdunkelt, weil er dem Ich das volle, klare, helle Bewusstsein nimmt, weil er das Ich nicht zu ganz selbstsüchtigem Dasein heraustreten lässt, dadurch dieses noch unentwickelte Ich heilsam dämpft. Es ist noch ganz Sklave der Empfindungsseele, es würde sich den waltenden Trieben ganz überlassen, und er dämpft es zu einer gewissen Ohnmacht herab, lässt es nicht vollständig sich ausleben. Dadurch, dass er es dämpft, tut er tatsächlich etwas Gutes. Würde der Zorn bloß zum Ausleben des Ichs führen, dann würde er jedes Mal durch das Ausleben des Ichs dieses Ich verstärken in seiner Selbstsucht, in seiner Eigenwilligkeit.

[ 11 ] In dieser Richtung konnten wir die Mission des Zornes für die Erziehung des Ichs suchen. Der Zorn vergiftet gleichsam die Selbstsucht dadurch, dass er das Ich herunterdrängt. Und das können wir bei allen Affekten finden, dass sie eine Art Selbstregulierung der Seele oder des Ichs bedeuten.

[ 12 ] Und dann haben wir [darauf] hinweisen können, wie die Wahrheit in der menschlichen Seele erzieherisch wirkt für das Ich. Da sie etwas ist, was der Mensch ganz in sich selber einsehen muss, wenn er sie wirklich in seinem Ich erleben will, so kann er sie nur dadurch erleben, dass er sie in sich selber erkennt, diese Wahrheit. So muss das Ich ganz in sich selber leben, wenn es zu einer wirklichen Wahrheit kommen will. Es kann eine Million von Menschen gegen die Wahrheit 3 x 3 = 9 stimmen; wenn das Ich diese Wahrheit in sich selber ergriffen hat, dann weiß das Ich, dass 3 x 3 = 9 ist, dass es wahr ist. Dadurch ist das Ich ganz bei sich, wenn es die Wahrheit durchdringt.

[ 13 ] Zugleich aber ist die Wahrheit etwas, was nichts aufkommen lässt von Selbstsucht und Egoität, sondern etwas, was dieses Ich zugleich herausführt aus sich selber. Wahrheit ist das Einzige, was im Ich ganz erlebt werden muss und was zu gleicher Zeit das Ich wiederum ganz selbstlos machen kann. Denn sind wir einmal mit unserem Ich bei einer Wahrheit, die in sich selber erlebt werden muss, angekommen, dann gehört diese Wahrheit nicht bloß dem einzelnen Ich an, sondern ist ein Allgemeingut für ein jegliches Ich.

[ 14 ] Dadurch ist die Wahrheit ein mächtiger Erzicher für die Verstandes- oder Gemütsseele, weil sie das Ich herausführt aus der Selbstsucht und zu gleicher Zeit im höchsten Grade die Kräfte der Eigenheit anspornt. Denn nur in einem solchen Ich kann die Wahrheit erlebt werden, das diese Wahrheit bei sich selbst suchen will. So kann man Affekte wie den Zorn in gewisser Beziehung, wenn sie überwunden und geläutert werden, als Erzieher der Empfindungsseele, und die Wahrheit als gewaltigen Erzieher der Verstandes- oder Gemütsseele ansehen.

[ 15 ] Ebenso gibt es nun einen Erzieher für die Bewusstseinsseele, für dasjenige in uns, was unser Ich und damit unsere Seele überhaupt wiederum aus uns völlig herausführt und uns zusammenwachsen lässt mit der äußeren Welt, mit demjenigen, was nicht in uns ruht, sondern außer uns ist, und mit dem wir zusammenwachsen müssen, wenn wir nicht in uns selber veröden wollen. Und der Erziehung dieses dritten Seelengliedes soll die heutige Betrachtung gewidmet sein.

[ 16 ] So, wie der Zorn die Mission hat, in gewisser Beziehung den Egoismus in der Empfindungsseele zu dämpfen, und wie die Wahrheit die Mission hat, in der Verstandesseele das Ich anzuleiten, sowohl in sich zu sein, wie den Trieb zu bekommen, außer sich zu gehen, so wird dasjenige, was wir Andacht nennen, der Erzieher für die Bewusstseinsseele, um den rechten Weg zu zeigen, sich mit der äußeren Welt, mit demjenigen, was außerhalb unseres Ichs liegt, wiederum zu vereinigen. Dadurch wird uns die Andacht in ihrer wahren Mission erst erscheinen können, dass wir ihre Bestimmung erkennen lernen für dieses dritte der menschlichen Seelenglieder. Allerdings müssen wir, um sozusagen die ganze Mission der Andacht für die menschliche Seele darstellen zu können, ein wenig tiefer in das Getriebe dieser unserer Seele hineinschauen.

[ 17 ] Andacht ist es ja - schon nach dem Wortgebrauch —, was den Menschen aus sich heraus- und in das andere, das vor allen Dingen zunächst ein Unbekanntes hinter dem Sichtbaren, hinter dem Wahrnehmbaren ist, hineindringen lässt. Verstehen aber können wir nur diese Andacht, wenn wir uns zunächst fragen: Wie muss Geisteswissenschaft, von deren Gesichtspunkt aus hier gesprochen wird, dieses ganze Verhältnis des Menschen oder des menschlichen Ichs zu dem Unbekannten auffassen?

[ 18 ] Da ist ja immer und immer wiederum von dieser Stelle hervorgehoben worden, dass Geisteswissenschaft gerade dazu berufen ist, hindurchzudringen durch die äußere Welt der physischen Wirklichkeit zu demjenigen, das zunächst für diese äußere physische Wirklichkeit ein Unbekanntes, ein Verborgenes ist. Und immer wieder ist darauf aufmerksam gemacht worden, dass der Mensch nur dadurch eindringen kann in die unbekannte, hinter der physischen Welt liegende geistige Welt, dass er in seiner Seele selber erweckt die geistigen Organe, die geistigen Wahrnehmungsfähigkeiten, die hinter das Sinnlich-Physische führen.

[ 19 ] Und damit wir uns verständigen können, soll nur mit ein paar Worten das angedeutet werden, was Sie jetzt ganz ausführlich finden als eine Beschreibung des Weges, den die menschliche Seele nehmen kann in die geistige Welt, sowohl in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten», wie auch in der zweiten Abteilung der jetzt erschienenen «Geheimwissenschaft». Was Sie dort ausführlich geschildert finden, soll hier kurz angedeutet werden.

[ 20 ] Angedeutet soll werden, wie der Mensch selber ein Geistesforscher werden und Mitteilungen machen kann aus der geistigen Welt heraus, wenn er seine Seele so bearbeitet, dass die in ihr schlummernden Kräfte und Fähigkeiten zur äußeren Wirksamkeit kommen. Da muss der Mensch etwas, was sonst ohne seinen Willen im alltäglichen Leben immer eintritt, mit seinem Willen und seinem Bewusstsein hervorrufen. Das alltägliche Ereignis, das mit dem Menschen sich abspielt ohne seinen Willen, das ist dasjenige, dass die auf- und abwogenden Wahrnehmungen, Triebe, Leidenschaften, dass Lust und Leid am Abend, wenn der Mensch sich müde findet, aufhören, in der Seele bewusst zu sein, dass sie in ein unbestimmtes Dunkel hinuntersinken. Da hören in dieser Zeit des Einschlafens die äußeren Eindrücke auf. Dafür aber sinkt der Mensch in den Zustand des Unbewusstseins, besser des Unterbewusstseins hinunter. Seine Seele ist leer von äußeren Eindrücken; aber er weiß sozusagen auch nichts mehr von irgendeiner Welt und von inneren Erlebnissen.

[ 21 ] Dasjenige, was so unwillkürlich sich vollzieht, das muss der Geistesforscher, derjenige, der sich hineinleben will in die geistige Welt, bewusst und durch seine Willkür hervorrufen können. Er muss die äußeren Eindrücke bewusst zum Schweigen bringen. Er muss auch allen Interessen, allen Sympathien und Antipathien mit den äußeren Eindrücken Stillstand und Schweigen gebieten. Ganz dasselbe, was des Abends bei der Ermüdung im Einschlafen eintritt an Schweigen, an Stillstand der äußeren Anregungen und Eindrücke, das muss willkürlich der geistige Erkenner bei sich hervorrufen. Aber er muss bei alledem dabei sein; er muss verhüten können durch seinen Willen und sein Bewusstsein, wenn er also die Seele leer macht von allen äußeren Anregungen und Eindrücken, dass sein Bewusstsein in Unbewusstheit übergeht. Er muss sozusagen bei leerer Seele so bewusst sein können, wie er sonst bei einer vollen Seele, die äußere Eindrücke erhält, bewusst ist. So also muss der Geistesforscher die Kraft haben, abzuweisen alle äußeren Eindrücke, dennoch aber bewusst verharren können im Zustande der leeren Seele. Das ist der erste Akt, den der Geistesforscher durchzuführen hat.

[ 22 ] Das Zweite ist, dass er eine Reihe von Vorstellungen und Empfindungen und Willensimpulsen, die ihm bezeichnet werden, auf seine Seele wirken lässt. Diejenigen Vorstellungen und Empfindungen und Willensimpulse, die er nunmehr aus innerer Kraft heraus in seiner Seele beleben muss, sind nicht dazu da, äußere Eindrücke widerzuspiegeln, eine äußere Wahrheit zu geben. Wer sie von diesem Gesichtspunkte aus ansehen würde, würde sich sehr irren. Dasjenige, was da das innere Leben des geistigen Erkennens ausmachen muss, das ist ein Aufsteigen von ganz bestimmten, meinetwegen symbolischen Begriffen und Vorstellungen und so weiter, die so stark in der Seele wirken, dass sie allerdings dieses Seelenleben, das leer geworden ist, mächtig von innen heraus aufrütteln, stärker sogar aufrütteln, als alle äußeren Eindrücke und Anregungen das Seelenleben aufrütteln können. Das ist der zweite Akt des geistigen Erkennens, wenn der Geistesforscher selber solche Erlebnisse in sich anregen kann, die seine Seele mächtig aufrütteln.

[ 23 ] Dies darf aber nicht das Ende sein. Würde der geistige Erkenner stehen bleiben wollen bei diesem Akt, dann würde er nicht aufsteigen können in Wahrheit zu einem Einblick in die geistige Welt; er muss den dritten Akt hinzufügen, der darin besteht, dass er durch seine Kraft dasjenige, was sonst erdbebenartig auf seine Seele wirken würde durch die bloße innere Versenkung, so mildert, dass er sein ganzes Seelenleben umgestaltet wie zu einer inneren Meeresstille, zu einer vollständigen [inneren] Windstille. Dann, wenn er imstande ist, seine Seele also innerlich zu beherrschen und zu bearbeiten, wird er die Erfahrung machen, dass aus seinem Inneren an geistigen Organen etwas aufsteigt, was sich auf einer höheren Stufe nur vergleichen lässt mit den äußeren Sinnen auf niederer Stufe. Dann — es ist dies schon öfter gesagt worden - tritt das ein, dass die geistige Welt, die immer um ihn herum ist wie Farbe und Licht um den Blindgeborenen, hereinflutet so, wie Licht und Farbe in das Auge des operierten Blindgeborenen hereinfluten.

[ 24 ] So also kann der Mensch in die geistige Welt eindringen. Dann erschließt sich ihm das hinter dem SinnlichPhysischen waltende und wirkende geistige Unbekannte, die geistigen Tatsachen, die geistigen Wesenheiten, die nicht da sind für die bloß sinnliche und verstandesmäßige Auffassung der Wirklichkeit.

[ 25 ] Nun ist der Mensch also mitten drinnen stehend in einer Welt des geistigen Lebens. Aber zunächst verschließt sich diese geistige Welt seinem physischen Blick und Verstand. Wir müssen uns fragen: Welches sind die Gründe dafür, dass sich diese geistige Welt vor dem physischen Blick und vor dem Verstande des Menschen verschließt? Dafür gibt es Gründe, und diese Gründe werden uns dadurch klar werden, dass wir uns fragen: Ja, wo tritt denn im gewöhnlichen Leben uns das ein klein wenig entgegen, was wie eine Grenze dasteht zwischen der physischen und der geistigen Welt?

[ 26 ] Das tritt uns entgegen gerade in demjenigen Moment, den wir vorhin bezeichnet haben. Was tut im Grunde genommen der Geistesforscher, wenn er seine inneren Seelenkräfte regsam macht? Er macht jenen Moment, der sonst unwillkürlich für den Menschen eintritt, den Moment des Einschlafens, zu einem bewussten, und was sonst durch das Einschlafen eintritt, das gestaltet der geistige Erforscher gerade zu einem höchsten Erlebnis. Beim gewöhnlichen Bewusstsein sinkt alles dasjenige, was überhaupt der Mensch erleben konnte, beim Einschlafen in ein unbewusstes Dunkel hinunter. In derjenigen Welt, in welche der Mensch jegliche Nacht eintaucht, in der er verweilt während des Schlafes, da könnte er wahrnehmen die geistige Welt. Denn das ist hier schon öfter gezeigt worden, dass gerade dasjenige, was wir «Seelenwesen» nennen, aus dem physischen Leib und aus dem, was damit verbunden ist, aus dem Äther- oder Lebensleib sich heraushebt, aber in dem Augenblick, wo dasjenige, was wir Seelenwesen nennen, sich heraushebt mit dem Schlafe, hört für den Menschen im normalen Bewusstsein eben die Bewusstheit auf, das heißt es umzieht sich ihm die Welt, in die er eintritt, mit einem Schleier, sodass er sie nicht sehen kann. In diese Welt aber sieht hinein derjenige, der zum geistigen Forscher wird!

[ 27 ] Und wodurch erlangt der Mensch für die äußere Welt nur ein Bewusstsein? Für die äußere Welt erlangt der Mensch ein Bewusstsein, wenn er morgens wiederum untertaucht in seinen physischen Leib und sich der physischen Organe und des physischen Verstandes, der an das Gehirn gebunden ist, bedient. Dadurch aber ist er an die Grenze der physischen Organe gebunden. Der Geistesforscher hingegen, wenn er einmal das erreicht hat, was eben skizzenhaft geschildert worden ist, wenn er diese inneren Fähigkeiten erlangt hat, der tritt wiederum zurück in seinen physischen Leib, sodass er jetzt nicht mehr bloß durch die physischen Sinne wahrzunehmen braucht, sondern dass er unmittelbar mit den inneren Organen der Seele auch in seiner Umwelt wahrnehmen kann. Dadurch sieht er hinter dasjenige, was in der äußeren Welt wie eine Grenze sich ausbreitet und die eigentliche geistige Welt verdeckt. Der Geistesforscher lernt hinter jede Farbe zu schauen in dasjenige hinein, was die Farbe vor uns hinstellt; der geistige Forscher hört hinter jedem Ton dasjenige, was als geistiges Wesen dahintersteht. Hinter jeden wahrzunehmenden Eindruck schaut er. Die Welt wird kristallhell für ihn. Und wenn er so durchsieht durch den Teppich der äußeren Welt, dann enthüllen sich ihm geistige Wesenheiten und Wirklichkeiten.

[ 28 ] Wenn aber der Geistesforscher so eindringt in die geistige Welt, dann kann er das gar nicht anders — ohne dass er in Gefahr geraten würde, Schiffbruch zu erleiden —, als dass er zwei wichtige Erlebnisse im Laufe seiner Einweihung oder Entwicklung zur geistigen Forschung durchmacht. Diese zwei wichtigen Erlebnisse sind auch genauer beschrieben in den beiden Büchern, die vorhin erwähnt worden sind. Es sind diejenigen, die man nennt die Begegnung mit den Hütern der Schwelle.

[ 29 ] Es ist so, dass der Mensch, bevor in der richtigen Weise seine inneren Seelenfähigkeiten erwachen, bevor er imstande wird, hinunterzutauchen in jenes Dunkel im Schlaf, bevor er die Wirklichkeit dahinter wahrnimmt, er die Begegnung machen muss mit demjenigen, was man den kleinen Hüter der Schwelle nennt. Das ist jene Wahrnehmung, durch die dem Menschen klar und deutlich die eigene Wesenheit in wirklicher Selbsterkenntnis vor die Seele tritt. Dadurch lernt der Mensch verstehen, was er eigentlich ist. Er lernt vor allen Dingen kennen dasjenige, was man wirkliche individuelle Karma- und Reinkarnations-Erkenntnis nennen kann. Der Mensch lernt erkennen, wie er von Leben zu Leben gegangen, bevor er in dieses Leben eingetreten ist, lernt erkennen, wie er in den verflossenen Leben dieses oder jenes in seine Seele eingeschrieben hat als sein Karma dadurch, dass er so oder so gelebt hat, wahr oder mit Irrtum beladen, schönen oder hässlichen Eindrücken hingegeben, gute oder böse Taten verrichtend in verflossenen Leben. Je nach dem er so oder so gelebt hat, lernt er erkennen, was seine Seele in sich eingeschrieben und was sie noch durchzumachen hat, um auszumerzen allen Irrtum, alles dasjenige, was die Seele hindern würde zu einer gewissen Vollkommenheitsstufe zu gelangen. Alles dasjenige, was die Seele an Unvollkommenheiten in sich hat, das lernt der Mensch da kennen als eine Art zweites Ich, als etwas, was er zu überwinden hat, als eine Art von Doppelgänger, von dem er genau weiß: Das musst du überwinden, sonst wirst du niemals das Ziel der menschlichen Lebensbahn erreichen.

[ 30 ] Diese Begegnung mit dem eigenen Doppelgänger, sie wäre für den Menschen, wenn er nicht genügend vorbereitet würde, ein erschütterndes, ein furchtbares Ereignis. Geisteswissenschaft sorgt dafür, dass der Mensch nur dann dazu kommt, diesen Hüter der Schwelle in seiner wahren Gestalt zu sehen, wenn er genügend dazu vorbereitet ist. Und man sollte nicht hineinkommen in das eigene menschliche Seelenleben, ehe man diese Erfahrung gemacht hat, wie unvollkommen man sein muss durch sein ganzes Vorleben. Dadurch wird dasjenige ausgebildet in uns, was uns erst befähigt, ohne Gefahr zu laufen, hineinzutreten in die eigenen Kräfte der Seele.

[ 31 ] Was würde geschehen, wenn wir in diese Untergründe der Seele hineintreten könnten ohne diese Begegnung mit dem Hüter der Schwelle? Da würde etwas eintreten, was sehr verderblich wäre für den Menschen. Nehmen wir einmal an, es würde so geschehen, dass der Mensch durch irgendein Ereignis, ohne die Begegnung mit dem kleinen Hüter der Schwelle zu haben, eintritt in übersinnliche geistige Fähigkeiten seiner Seele. Dann würde dieses Eintreten nicht alle jene Dämpfung, alle jene Läuterung erfahren können, die einzig und allein möglich ist, wenn wir uns in unserer ganzen Unvollkommenheit als einen Doppelgänger vor uns haben. Dann würden nicht die guten Eigenschaften unserer Seele hervortreten, um sozusagen zu mildern alles dasjenige, was in unserem Ich waltet und webt an selbstsüchtigen, an den bloß unser Ich berücksichtigenden Impulsen und Trieben. Würde der Mensch, [ohne] mit dem Hüter der Schwelle Bekanntschaft zu machen, in sein Ich hinuntersteigen, dann würde dies bedeuten für ihn, dass aufgestachelt würden in ihm alle schlimmen Seiten seines Wesens. Alles, wozu er fähig wäre an schlimmen Impulsen seines Wesens, würde in ihm wachgerufen werden. Alles, was an Hochmut, Eitelkeit, Lügenhaftigkeit in seiner Seele wurzelte, würde sich wie eine mächtige Kraft aufbäumend geltend machen. Und der Mensch würde werden im höchsten Maße ein Wesen, das sich durch den eigenen Egoismus selber verzehrt und verbrennt; der Mensch würde in seinem eigenen Egoismus zugrunde gehen; er würde sich in einen solchen Konflikt bringen mit der Welt, dass er an seinem eigenen Egoismus sich zunächst verzehrte. Das ist dasjenige, was uns charakterisieren kann, wie der Mensch sozusagen eine gewisse Wohltat genießt in seinem Leben dadurch, dass ihm sein Bewusstsein verdunkelt wird im Moment des Einschlafens. Würde er nicht unbewusst im Schlafe weilen, so würde er sich aus der Welt, in der er dann bewusst wäre, eine fortdauernde Steigerung seines Egoismus und seiner Unwahrhaftigkeit herausholen.

[ 32 ] Nun gibt es für alle die Dinge, welche sozusagen auf einer erhöhteren Menschenstufe auftreten müssen zum Behufe der menschlichen Entwicklung, im gewöhnlichen Leben schwache Abdrücke, etwas wie Vorbereitungen. Wir können sagen: Wenn der Mensch auch nicht etwa in dieser Verkörperung irgendeine Neigung hätte, über das gewöhnliche Leben schon hinauszugehen zu einer höheren Bewusstseinsstufe, so kann er sich doch immer dazu vorbereiten, auch [schon] in diesem Leben. Und eine Vorbereitung für dieses Hinuntersteigen in die eigene Seele, eine Vorbereitung, die so wirkt, dass sie die sozusagen normale äußere Seele behütet davor, in vollständigen Egoismus und Unwahrhaftigkeit zu versinken, ist alles dasjenige, was wir in unsere Empfindungsseele hereinnehmen an Empfindungen und Gefühlen der Demut.

[ 33 ] Die Demut ist dadurch ein wirksames Selbsterziehungsmittel, dass sie, wenn wir sie walten lassen in unserem bewussten Tagesleben, wenn wir unsere Seele durchgießen lassen von der Demut, [dass sie dann] unser Seelenleben durchimpft mit einem seelischen Stoffe, der die Seele dann [davor] bewahrt, wenn sie hinuntersteigt in die geistige Welt, alle Kräfte der Selbstsucht aus diesem Ich herauszuholen. Deshalb wird die Demut als eine vorbereitende Eigenschaft für alle diejenigen so empfohlen, welche sich schon im gewöhnlichen wachen Tagesleben dazu bereiten wollen, allmählich diese ihre Seele fähig zu machen, selbstlos zu werden auch an den Orten, wo sie sonst selbstsüchtig werden könnte.

[ 34 ] Durch alles das, was wir in die Seele als Demut gießen, machen wir uns auch die Begegnung mit dem Hüter der Schwelle leichter. Wir machen sie uns leichter dadurch, dass wir dann unserer Unvollkommenheit schon im Wachen bewusst werden und den Hüter nicht in so furchtbar abstoßender Gestalt uns vor die Augen treten finden. Es wird gleichsam seine Grausigkeit abgestreift.

[ 35 ] So ist Demut etwas, was als ein gutes Erziehungsmittel sich darstellt bei dem Hinuntersteigen in die eigene Seele, in deren Tiefen, die sich uns sonst verschließen zu unserem Heil. Solange wir unreif sind, müssen sie sich verschließen, wenn wir nicht Schiffbruch leiden wollen im Leben. Das ist gleichsam eine Art von Grenze nach unten, nach jenem «unten», das wir bezeichnen müssen als dasjenige, was im Untergrunde, in den Tiefen unseres Seelenlebens liegt, das sich im Schlafe verbirgt vor uns selber.

[ 36 ] Aber es gibt eine andere Grenze; und diese tritt uns dann vor die Seele, wenn wir uns nochmals mit dem bekannt machen, was eben vorhin skizziert worden ist. Es wurde gesagt, dass der Geistesforscher nicht angewiesen ist, wenn er wiederum zurückkehrt in den physischen Leib, auf das bloße physische Wahrnehmen, auf das bloße Denken mit dem Verstande, sondern dass er Seelenfähigkeiten, innere Fähigkeiten herauszuheben vermag, durch die er hindurchschauen kann auf die geistigen Untergründe, auf die geistigen Wesenheiten und Tatsachen der Welt. Diese verschließen sich nun auch vor dem äußeren Blick der Menschen im normalen Bewusstseinszustande. Warum denn das? Sie verschließen sich aus dem Grunde, weil der Mensch, wenn er unvorbereitet treten würde vor dasjenige, was hinter der Sinnenwelt als deren Urgründe vorhanden ist, geblendet würde, wie vernichtet würde.

[ 37 ] Derjenige Weg, welcher uns sozusagen in der allermildesten Form anzeigt, wie der Mensch gleichsam so aus seinen gewöhnlichen Leibesfähigkeiten heraustritt, der Außenwelt als geistig gegenüber, der gelindeste Grad ist derjenige, den man genannt hat Ekstase. Diese ist eigentlich nichts Gutes. Sie bringt den Menschen allerdings dazu, dass er in gewisser Weise sich über sein physisches Sehen und Hören und Begreifen und Verstehen erhebt zu einer Art von geistiger Anschauung der Außenwelt, aber diese Ekstase, wie sie so häufig geschildert wird, verdunkelt damit das unmittelbare Ichbewusstsein. Der Mensch ist dann außer sich; er trägt sein Ich nicht in die Welt der geistigen Erlebnisse hinein. Wie der Schlaf einen Schleier gleichsam ausbreitet über das, was wir erleben würden zu unserem Unheil, weil wir dadurch selbstsüchtig werden müssten, so breitet sich aus der Schleier der äußeren Wirklichkeit über die dahinter liegende geistige Welt, und auch das tritt wie eine wohltätige Wirkung dem Menschen gegenüber auf, der unvorbereitet an diese geistige Welt herantreten wollte.

[ 38 ] Wer als wirklicher Geistesforscher hineingehen will in dieses Geistige, der muss haben eine andere Begegnung. Es ist die Begegnung mit dem sogenannten großen oder größeren Hüter der Schwelle. Das ist dasjenige, was uns in dem Augenblick, wo wir sozusagen durchbrechen das gewöhnliche Anschauen und gewöhnliche Verstehen, vor Augen führt, wie weit wir abstehen von einem vollständigen Begreifen der Welt. Dann tritt uns der große Hüter der Schwelle entgegen. Und er weist uns klar an, wie wir nun nicht mehr alle jene Fragen nach den letzten Gründen so ohne Weiteres zu stellen haben, wie wir nicht mehr neugierig eintreten sollen hinter den Schleier des Daseins, ohne dass wir erst von Stufe zu Stufe sorgfältig und langsam weben und arbeiten an den Fähigkeiten, die uns hinaufführen, um langsam die Einblicke zu gewinnen von Welt zu Welt. Dann lernen wir durch diesen größeren Hüter der Schwelle — er soll nur von diesem Gesichtspunkte aus hier charakterisiert werden — was wir alles noch nicht haben an Fähigkeiten, um einzudringen in die geistige Welt. Wir bekommen zu gleicher Zeit Anleitung, wie wir das ausarbeiten sollen, was wir noch nicht haben. Die Selbstvervollkommnung, der wir uns unterwerfen müssen, tritt uns durch das, was man den größeren Hüter der Schwelle nennt, mit aller Deutlichkeit entgegen.

[ 39 ] Nun kann sich aber auch für diesen Grad eines höheren Erlebens, für den Grad des Eindringens in alle die geistigen Untergründe, in die großen unbekannten Wesenheiten, der Mensch schon im gewöhnlichen, sozusagen normalen Bewusstsein vorbereiten. Und weil alles in der Menschheit auf Entwicklung angelegt ist, so steht auch in unserem gewöhnlichen Leben dasjenige darinnen, durch das wir uns nähern dürfen den Geheimnissen des Daseins, den unbekannten Welten, die hinter den sinnlichen Wirklichkeiten stehen. Das steht darinnen wie ein Erzieher, der nach und nach uns dazu führen kann, auch den Eindruck des größeren Hüters der Schwelle abzumildern. So wie wir, wenn wir als ein Demütiger zu dem kleineren Hüter der Schwelle geführt werden, diese Begegnung mildern können, der uns dann nicht in seiner grausigen Gestalt erscheint, in welcher er uns sonst den Doppelgänger unserer Unvollkommenheiten krass vorführte, so können wir mildern jene andere Begegnung mit dem größeren Hüter der Schwelle, dem ja jeder Mensch im Verlauf seiner Entwicklung doch begegnen muss. Den Eindruck jener großen, gewaltigen Gestalt, die uns durch ihre Glorie, durch die Art, wie sie uns entgegentritt, wenn sie uns sagt: So musst du werden —, die uns gerade durch ihre Majestät zeigt, was wir noch auszubilden haben, können wir ebenfalls mildern. Wir werden nicht mit Furcht und Schreck zurückgestoßen wie vor einem Cherubim mit dem feurigen Schwert, wenn wir richtig vorbereitet sind. Und unbewusst bereiten sich die Menschen, die auf dem rechten Lebensweg, auf dem Weg einer wahren inneren Moral sind, immerzu vor auf diesen großen Moment.

[ 40 ] Und dasjenige, was uns vorbereitet in unserer Bewusstseinsseele, um in der richtigen Weise in dieser Bewusstseinsseele mit dem Ich wiederum herauszutreten, nicht nur an die physische Wirklichkeit, sondern in die geistige Wirklichkeit, um eine geistige Erkenntnis uns aneignen zu dürfen, das ist dasjenige, was man mit dem Worte «Andacht» bezeichnet. Andacht ist dasjenige, was in der Seele erregt wird an inneren Impulsen für das Unbekannte, für uns insofern Unbekannte, als wir es noch nicht verstehen können. Hätten wir gar nichts in uns, was uns hinwiese auf das, was wir noch nicht verstehen können, dann könnten der Drang und die Sehnsucht nicht erwachen, um zum Unbekannten hinzukommen. Alles dasjenige, was wir einst verstehen wollen und erst verstehen können, wenn wir in es hineingetreten sind, das muss zuerst in einer dunklen Weise wie eine Sehnsucht in uns wirken. Dasjenige, was uns zu dem hinzieht, dem wir noch nicht gewachsen sind, unter dem wir noch stehen, außer dem wir uns befinden, das ist die Andacht. Wahrhaft andächtig können wir sein gerade dem gegenüber, von dem wir wissen: Wir durchdringen es noch nicht mit unseren Seelenkräften, mit unserer Erkenntnis. Dann aber ist diese Andacht etwas, was uns gerade in der rechten Art und Weise heranbringt an das Betreffende, damit wir es in würdiger Weise betreten, sodass wir wahre, nicht triviale Erkenntnis davon gewinnen können.

[ 41 ] Dass aller Erkenntnis vorausgehen muss etwas wie ein solches Gefühl, das ist von vornherein begreiflich. Es braucht sich jemand nur zu überlegen, dass ja zwar alles der Mensch durch die Logik einsehen muss, dass man also durch logisches Denken an alles herantreten muss, dass die Logik das ist, was uns alles beweisen kann im Dasein. Aber was beweist uns die Logik selber? Soll man nicht zum Selbstwiderspruch kommen, dass die Logik sich selber beweist, dann muss man annehmen, dass in der Menschenseele etwas anderes ist als bloße Logik, was wiederum die Logik beweist. Logik kann nur bewiesen werden durch etwas, was selber nichts mit der Logik zu tun hat. Und das ist im Menschen dasjenige, was man nennen kann sein ursprüngliches gesundes Wahrheitsgefühl. So führt uns das Logische zuletzt auf das Gefühl zurück. Alles Verstehen führt uns auf das Gefühl zurück.

[ 42 ] Man kommt über diese Sache nicht hinaus, wenn man aufrichtig ist. Deshalb darf es einen auch nicht überraschen; wenn ein höchstes Erkennen eines Unbekannten hinter den Dingen zuerst in uns auftritt in jenem hingebungsvollen Gefühl, das wir als die Andacht bezeichnen. Und wenn diese Andacht, die in uns waltet und wirkt und webt an unserer Seele, bevor wir etwas erkannt haben, das wir andächtig verehren, wenn dieses Gefühl selber dasjenige ist, was uns hinaufführt, sozusagen den Berg hinaufführt zu dem, was sich dann unserem Erkennen ergibt — das ist Andacht im höchsten Sinne des Wortes.

[ 43 ] Aber alles das, was uns im höchsten Stile entgegentritt, tritt uns auch in der ersten Anlage entgegen äußerlich. Und so ist Andacht in ihrer höchsten Vollendung allerdings dasjenige, was in uns lebt als sehnsüchtiges Sich-Hingeben einem Unbekannten, damit sich uns das einstmals erschließen möge, wenn wir dazu reif sind, aber es ist diese Andacht in minderem Grade vorhanden gegenüber all demjenigen, was wir noch nicht erkannt haben, auch in der gewöhnlichen äußeren Welt.

[ 44 ] Wenn zum Beispiel ein jüngerer Mensch zu einem älteren, erfahreneren hinblickt, so kann er ihn natürlich nicht überschauen; denn es ist Eitelkeit, wenn wir glauben, manchmal gar sehr aus dem heutigen Zeitbewusstsein heraus glauben, auf einer beliebigen Stufe des Daseins alles aburteilen zu können. Für denjenigen, der einen Begriff hat von Erkenntnis, nimmt es sich drollig aus, wenn irgendjemand glaubt, zum Beispiel eine umfassende Persönlichkeit wie Goethe biografisch beschreiben zu können, denn es handelt sich darum, dass wir im Grunde nur denjenigen verstehen können, dem wir uns schon gleich gemacht haben. Würden wir kein Verhältnis gewinnen können zu demjenigen, dem wir uns noch nicht gleich gemacht haben, dann würden wir überhaupt kein Verständnis für ihn erlangen können.

[ 45 ] Aber die menschliche Seele ist so eingerichtet: Wenn sie sich ihre gesunden Empfindungen wahrt, dann kann sie lange eine Sache verehren, sich andächtig ihr hingeben, bevor sie dieselbe erkennt. Und so ist es bei allem Reifwerden der menschlichen Seele. Und diejenigen, die das Leben in seinen auch nur äußeren Tiefen betrachten, die werden das bestätigt finden, was hier schon öfter hervorgehoben worden ist: dass man sich im späteren Leben immer wiederum und wiederum so dankbar zurückerinnert an die Stunden und Augenblicke der Kindheit, in denen man so recht andächtig verehren konnte dieses oder jenes menschliche Wesen, diese oder jene Persönlichkeit.

[ 46 ] Es wird immer ein großer Moment bleiben, wenn ein Mensch erleben konnte im Kreise seiner Familie, dass diese oder jene Persönlichkeit verehrt ist, mit der man bekannt ist. Das Kind hat [vielleicht] diese Persönlichkeit noch nicht gesehen, also noch nicht einmal den äußeren Eindruck genossen; es sieht sozusagen aus den Erzählungen zu dem, was man sehen kann, wie zu einem gänzlich Unbekannten auf. Dann erlebt es den Tag, um im äußeren Erleben zunächst einen Eindruck zu bekommen von der vorher verehrten Persönlichkeit. Dann steht es vielleicht mit scheuer Ehrfurcht vor der Türklinke, die ihm Eingang verschaffen soll zu der Persönlichkeit, die es verehren gelernt hat. Wenn das Kind diese Gefühle gehabt hat, dann tritt es auch in ganz anderer Weise an den äußeren Eindruck heran, dann wird ausstrahlen etwas von dem wunderbaren Glanz, den unsere Seele ausstrahlen kann da, wo sie zuerst Andacht und Verehrung entwickelt, bevor sie an den Gegenstand herantritt.

[ 47 ] Andacht und Verehrung sind etwas wunderbar Leuchtendes, das wunderbare Strahlen werfen kann [auf das], was uns eben später erst entgegentritt. Man erinnert sich — so sagte ich eben — als an die größten Momente seiner Kindheit zurück, an eben solche Momente, wo man so recht gelernt hat zu verehren auch schon gegenüber dem, was einem in der Außenwelt entgegentreten kann. Und man hat so an diesen Keimen der Andacht einen kleinen Abglanz von demjenigen, was jene umfassende Andacht geben kann, die sich hinaufsteigert zu demjenigen, was uns mehr oder weniger ein Unbekanntes bleiben muss. Auch wenn es sich uns bis zu einem gewissen Grad als Erkenntnis der geistigen Welt schon erschlossen hat, bleibt etwas uns doch wiederum unbekannt; denn hinter jedem Bekannten steht wiederum ein Unbekanntes. Schon die gewöhnlichen Andachten sind ein Abglanz dieser umfassenden Andacht, mit der unsere Seele nach dem Unbekannten hinstrebt, bevor sie vollständig in dieses Unbekannte eindringen kann.

[ 48 ] So haben wir in der Andacht eine Kraft, welche uns befähigt, den Weg, den Pfad anzutreten nach dem Unbekannten. Und da es wahr ist, dass aus dem Geistigen und Unbekannten heraus die Kräfte und Fähigkeiten treten, die im äußeren menschlichen Sinnlichen bekannt und offenbar sind, so ist es auch der Fall, dass unsere eigenen Kräfte, die aus der geistigen Welt uns zuströmen, uns nur zuströmen können, wenn wir zu dieser geistigen Welt selber den rechten Weg, den Weg durch die Andacht suchen. Schon im gewöhnlichen Leben, wie es uns entgegentritt zwischen Geburt und Tod, können wir das Heilsame der Andacht finden.

[ 49 ] Wenn wir das Leben so betrachten, so müssen wir sagen, dass es überall durchzogen ist — neben allen anderen Stimmungen, die entwickelt werden können für die Welt, neben den Stimmungen der Freude und der Lust, neben den Stimmungen des Jauchzens und der Begeisterung - auch von der Möglichkeit, den Erscheinungen des Daseins gegenüber, ob bekannt oder nicht bekannt, die Stimmung der Andacht zu entwickeln. Dies tritt uns entgegen zum Beispiel in der Dichtung, in der Tatsache, dass neben dem Liede des Jauchzens, neben dem der Freude, neben dem des Entzückens auch die Hymne und die Ode stehen. Es tritt uns entgegen in allen Künsten, und wir dürfen sagen: Ebenso, wie es Kunstwerke gibt, die uns gleichsam bekräftigen darin, wie wir gleich und verwandt sind den Dingen des Daseins, so gibt es auch Kunstwerke, die eine Ahnung in uns hervorrufen von demjenigen, wie wir streben können nach dem Höchsten, die uns gleichsam hinanziehen zu einem Höchsten.

[ 50 ] So tritt uns im Leben überall genügend Anlass entgegen zur Andacht; und das sollten wir im Leben beobachten; wir sollten es vor allem in einer wahren Lebenspädagogik nicht außer Acht lassen, denn wichtig ist es, dass wir in unserer Kindheit aufnehmen in unser Lebensschicksal dasjenige, was uns die Andacht geben kann.

[ 51 ] Wenn wir das Leben zwischen Geburt und Tod betrachten, dann kann man das, was man Karma, das große Schicksalsgesetz nennt, was uns als die Verkettung von geistigen Ursachen und Wirkungen entgegentritt, finden; aber es tritt einem auf eigenartige Weise entgegen. Es zeigen sich zum Beispiel gewisse Dinge, die als Ursache gelegt werden in frühester Jugend, in ihren Wirkungen im späteren Alter. Was wir vielleicht in der Kindheit durch dieses oder jenes aufnehmen, tritt in einer Wirkung hervor erst im Greisenalter. Und je nachdem die Ursachen waren, je nachdem sind die Wirkungen. Die Wirkungen sind nicht gleich, sondern so, dass wir erst verstehen müssen den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung.

[ 52 ] Der junge Mensch, der heranwächst, erzogen in rechtem Sinne und ohne das, was etwa in irgendeine Schattenseite der Andacht hinein verzerrt wird, der heranwächst in der richtigen Andacht, der wird bemerken, dass dies sich umwandelt in seiner Seele in etwas anderes. Es gibt das, was wir bei einer intimeren Lebenserkenntnis da oder dort auftreten sehen können, dass dieser oder jener Mensch in eine Gruppe von anderen Menschen tritt — vielleicht redet er gar nichts oder wenig —, aber sein Dasein schon gießt aus, was man nennen kann ein wohltätiges Element. Es beglückt und segnet das Dasein eines solchen Menschen seine Umgebung. Dasjenige, was da aufstrahlt von ihm seelisch, das ist in ihn hineingekommen.

[ 53 ] Aber es kommt nicht in das spätere Leben eines Menschen diese Kraft des Segens hinein, wenn sie nicht wurzelt in demjenigen, was wir in der Jugend in uns als die Stimmung der Andacht entwickelt haben. Andacht in der Jugend wandelt sich durch das Leben hindurch in die Kraft, zu segnen im Alter. Das ist ein karmischer Zusammenhang, wie er uns zwischen Geburt und Tod entgegentritt. Nicht bloß aus der Geisteswissenschaft heraus brauchen wir das zu wissen; wer das Leben kennt, der kann das überall sehen. Wir könnten es in die symbolischen Worte fassen: Der wird niemals die Hand ausstrecken können zum Segnen, der nicht fähig gewesen ist, in der Jugend andächtig zu verehren mit gebeugten Knien und gefalteten Händen. Die gebeugten Knie und die gefalteten Hände in der Jugend, sie sind die Ursache, die im Alter sich in die segenspendenden Hände umgestalten. Das gehört einmal zu unseren Lebensweisheiten. Da sehen wir eine jener Kräfte, die uns kommen aus der geistigen Welt heraus, wenn wir auch noch nicht in der Lage sind, in diese hineinzuschauen. Die Andacht führt uns zunächst hinauf in die geistige Welt, die sich unserem Schauen noch verschließt, weil sich uns der größere Hüter der Schwelle nicht zeigen darf. Sie verschließt sich uns, schickt uns aber aus sich heraus die Kräfte, die in ihren Wirkungen, alles durchdringend, aus unseren Handlungen selber hervortreten.

[ 54 ] So können wir in uns die Stimmung der Andacht entwickeln gegenüber einer unbekannten Welt. Wir werden vielleicht noch nicht hineindringen können zu einem Erkennen derselben, sie aber gießt aus sich heraus Kräfte, die sich umwandeln in unserer Seele und die zu Wirkungsimpulsen werden für unser äußeres Leben. Geradeso, wie wenn wir des Abends einschlafen ermüdet und früh erfrischt aufwachen, wie uns die Nacht bringt die Erquickung, wie uns das herauskommt, was unsere ermüdeten Arme wiederum fähig macht zum Arbeiten, so ist es im äußeren Leben, wenn wir uns zu stellen wissen zu den unbekannten Welten — in die wir noch nicht hineinschauen vermögen, die hinter der sinnlichen Wirklichkeit stehen -, wenn wir uns ihnen andächtig nahen. So mögen sie uns, wie der sanfte Schlaf, unserem Bewusstsein verhüllen ihre Kräfte; aber sie geben uns ihre Kräfte. Und die Andacht ist es, durch die wir hinpilgern können zu unbekannten Welten und die uns die Kräfte dieser unbekannten Welten erschließt, uns dadurch mit unserem Ich aus uns selber herausbringend und zur Wirksamkeit fähig machend in der äußeren Welt. So nähern wir uns mit unserem Ich andächtig den unbekannten Welten. Aus ihnen wird unser Ich reicher gemacht mit demjenigen, was uns mit der Welt wiederum zusammenführen kann. Wir werden mächtiger, stärker, kräftiger durch das, was uns durch die Andacht wird.

[ 55 ] Das ist die Mission der Andacht für das Seelenglied, das wir als Bewusstseinsseele bezeichnen und durch das wir wiederum aus uns heraustreten und unser Ich in die Außenwelt gleichsam ergießen. Alles, was uns fruchtbar macht für die Außenwelt, das verdanken wir unseren andächtigen Stimmungen gegenüber demjenigen, was verehrungswürdig ist. Und derjenige Mensch wird nicht eingreifen können [im Leben], der nicht andächtig sein kann. Da werden Menschen kommen und werden sagen: Ja, mir gelingt nichts, die Menschen glauben nicht an mich, die Menschen wollen mich nicht verstehen. Man geht dann auf die Erscheinungen, die sich so erweisen, aber nicht auf die Gründe zurück. Die Gründe liegen darin, dass solche Menschen, die sich genötigt finden, unverstanden sich zu fühlen, niemals die Stimmung der Andacht bei sich finden konnten. Das ist die Mission der Andacht für die Erziehung unseres Ich zum Zusammenwachsen mit der Welt.

[ 56 ] So wachsen wir zuerst sozusagen unbewusst in die Welt hinein durch die Kräfte, die uns die Andacht gibt, um uns allmählich zu nähern der geistigen Welt selber, wenn wir uns durch das, was die Andacht in uns erzeugt, dazu reif gemacht haben. Wir müssen uns nun aber auch klar darüber sein, dass die Andacht in gewisser Beziehung das Ich aus sich herausführt, und dass der Mensch, wenn er die rechten Wege, die rechten Pfade der Welt gehen will, sich in der gegenwärtigen Entwicklungsperiode niemals seines Ich entäußern darf; denn das Ich gibt ihm die Urteilsfähigkeit, das richtige Folgerungsvermögen, die Möglichkeit, sich ohne Verwirrungen in die Welt hineinzustellen. Daher muss sich derjenige vor Augen halten, der von vornherein eine Neigung hat, sich andächtigen Stimmungen hinzugeben, dass er zwar so weit als irgend möglich gehen darf in der andächtigen Stimmung, sich aber niemals in der Hingabe verlieren darf.

[ 57 ] Wir können die beiden Elemente der Andacht, die sich uns in ihr zeigen, bezeichnen als Ergebenheit, als Hingabe auf der einen Seite und als Liebe auf der anderen Seite. Wenn in unserer Seele unser Gefühl durchströmt und durchwärmt ist von Liebe zu einem Wesen, so ist diese Liebe das eine Element, das uns zur Andacht führt; die Ergebenheit des Willens, sie ist das andere Element, das zur Andacht führt. Und wo Liebe und Hingegebenheit auftreten, da müssen sie auch auftreten [als Liebe und Hingegebenheit] an das Unbekannte; denn es besteht ein inniger Zusammenhang zwischen allen Wesen, auch zwischen den niederen Wesen und uns selbst. Aus Liebe und Hingabe besteht dasjenige in unserer Seele, was sich als Andacht dann ausleben kann. Aber wir dürfen in der Hingabe nicht uns selbst verlieren; wir müssen in die Stimmung der Andacht hineingehen unter der Wahrung unseres Ich. Tun wir das nicht, dann lähmen wir unseren Willen, dann tritt eine Schwächung statt einer Stärkung unseres Willens ein. Treten wir mit einer blinden, nicht mit Verstandesseele durchzogenen Liebe an die Dinge heran, dann wird diese Liebe blind, dann werden wir, statt zur Erkenntnis, zu einer Form Aberglaubens, blinden Glaubens kommen. Und vor allen Dingen, wenn Verstand und Gemüt nicht durchdringen unsere Liebe und sie läutern, werden wir dazu kommen, dass das in uns auftritt, was wir ungeführte, unberatene Liebe nennen können. Das aber ist Schwärmerei. Das ist dasjenige, was sich zuletzt zum Wahn gegenüber dem Unbekannten steigern kann. So wie wir durch eine Ergebenheit oder Hingabe, in der wir unser Ich verlieren, allmählich zur geistigen Ohnmacht verurteilt werden, so werden wir zu einem Irrlichtelieren in der Welt durch unsere Liebe verführt, die nicht durchleuchtet ist von den Taten des Führers, der für alles Zurechtfinden eben da ist: von der Verstandes- oder Gemütsseele.

[ 58 ] Weder unseren Willen dürfen wir verlieren noch unser vom Verstand beratenes Gefühl, wenn die günstigen Wirkungen der Andacht auftreten sollen, die geschildert worden sind.

[ 59 ] Dabei wird man wohl auch erkennen, dass die Erziehung zur Andacht wie die Andacht selbst etwas nötig macht, was ferne steht allem bloß Verstandesmäßigen. Wenn ein richtiger Mittelweg gefunden werden muss zwischen Heil und Gefahr, dann tritt immer das ein, was man nennen kann Lebenstakt und Lebensgefühl. Daher wird man auch nicht durch abstrakte Ideen jemand in der richtigen Weise in die Andacht führen können, sondern nur dadurch, dass auf seine ganze Seele sich ausgießt dasjenige, was wiederum von einer richtig geleiteten Andacht kommt. Deshalb wird gerade bei der Erziehung in die Andacht das Anschauen des anderen andächtigen Menschen so gewaltig wirken können, wird hier das Beispiel eine so große Rolle spielen müssen.

[ 60 ] Deshalb ist es auch, dass Andacht da, wo sie kultiviert werden sollte, so sehr darauf angewiesen war, in Gemeinschaft gepflegt zu werden; deshalb ist es auch, warum der einzeln durch die Welt gehende Mensch recht wenig zur Andacht kommen kann. Und wie sie leicht sich entwickeln kann im Anschauen des anderen, so ist die Andacht auch das, was uns herausführt aus uns, was uns zusammenführt mit den anderen Menschen, denn nichts ist so schön entflammend unsere Andacht, als wenn wir sie teilen können mit andern, die zum Gleichen andächtig aufblicken. So führt auch in dieser Beziehung Andacht unsere Seele hinauf zu den Höhen, wo sie als Bewusstseinsseele aus sich heraustritt, wo sie Gemeinschaft schließt mit der Umwelt. In der Andacht hat der Mensch etwas, was den Menschen aus sich herausführt, was ihn frei macht von bloßem selbstsüchtigem Fühlen, Wollen und Denken, was ihn anweist dazu, gemeinschaftlich mit anderen in seinem Ich etwas zu haben, wozu er aufblicken kann. Das ist die Mission der Andacht in der menschlichen Gesellschaft. Sie führt Ich zu Ich, sie gießt eine wunderbare Stimmung und Atmosphäre aus über eine Gemeinde, wenn sie in der richtigen Weise gehegt und gepflegt wird.

[ 61 ] So spielt Andacht im gewöhnlichen und im gesteigerten Leben die denkbar größte Rolle für den Menschen. Und Andacht führt ihn auch hinauf zu den Höhen des Lebens. Das ist es ja, was alle diejenigen erstreben, die durchbrechen wollen die äußere sinnliche Decke, die in die geistige Welt hineinkommen wollen. Das ist es, was sie erstreben durch die Sehnsucht und den Trieb der Andacht: zu dem hinaufzudringen, was sie also andächtig verehren, mit dem leben zu können, was sie zuerst andächtig verehren; sich vereinigen zu können mit demjenigen, was man andächtig erst verehrt, in dem stehen zu können, zu dem man erst hinaufstrebt von unten. Das nannte man zu allen Zeiten #nio mystica, geistige Vereinigung mit der geistigen Welt, aus der der Mensch heraus ist, mit der er sich aber bewusst vereinigen kann, wenn er sich nach und nach reif dazu gemacht hat. Mystische Vereinigung schwebte als hohes Ideal allen geistig Strebenden vor. Allen geistig Strebenden erschien dasjenige, was in der menschlichen Seele lebt und wirkt als Kräfte, wie ein Weibliches, das hinaufzieht in andächtiger Stimmung zu dem, was die Welt durchwebt und durchwirkt und die Seele befruchten kann als ein Männliches. Das war es auch, was Goethe empfunden hat heraus aus seiner guten Erkenntnis der mystischen Stimmung der Menschheitsentwicklung, als er den «Chorus mysticus» am Ende seines Lebenswerkes schrieb. Da schrieb er die Worte hin, die gleichsam wie aus unbekannten Geistesweiten hereinklingen in unsere Seele und uns das Strebe- und Entwicklungsrätsel unserer Seele vor das geistige Auge führen, die uns sagen, dass alles, was in der Außenwelt uns entgegentritt, ein Gleichnis ist für ein Ewiges, dass das erreicht werden kann durch geistiges Streben, was unzulänglich ist für Sinnesstreben. Was wir nicht mit Worten des Physischen beschreiben können, das wird getan, wenn wir uns zusammenfinden mit dem, was uns aus der geistigen Welt heraus begeistert. Und dann klingen sie aus, diese Worte, in jenes wunderbare Diktum, das uns da sagt: Die Seele ist wie ein ewig Weibliches, das sich befruchten lässt von dem, was als ein Männliches in den Weltengeheimnissen lebt, hinter dem sinnlichen Dasein. So klingt Goethes «Chorus mysticus» wie auflösend das große Rätsel der menschlichen Entwicklung an unser Ohr:

Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis,
Das Unzulängliche,
Hier wird’s Erreignis,
Das Unbeschreibliche,
Hier ist’s getan,
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.

[ 62 ] Aber wenn wir aus dem Verständnis der Mission der Andacht heraus also lernen, unsere eigene Seele zu begreifen, wie sie uns als das Ewig-Weibliche hinanzieht zu dem Ewig-Männlichen, das uns als Welten-Weisheit hereinströmen soll, dann gewinnen wir auch aus diesem Verständnis der Mission der Andacht heraus dies höhere Verständnis für die wirkliche Vereinigung mit dem EwigMännlichen in der Welt. Und die Gewissheit empfinden wir gegenüber demjenigen, was sich als Weltgeheimnis ausbreitet, dass wir diese unio mystica einmal erreichen können durch unser geistiges Streben und dass wir uns gerade durch die Stimmung der Andacht dieser unio mystica immer mehr nähern, um sie zuletzt zu erleben.

[ 63 ] Und so klingt uns auf der einen Seite das GoetheWort, wenn wir die menschliche Seele betrachten:

Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan!

[ 64 ] Und so klingt uns als der Ausdruck der Wahrheit, die uns aus der unio mystica fließt, ein anderes Wort, das sich uns aufdrängen muss, wenn wir die Gewissheit empfangen, dass wir uns vereinigen können mit dem Ewig-Männlichen. Wie als eine Ergänzung des Goethe’schen Wortes: «Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan» wird derjenige, der der einstigen Erlangung der unio mystica gewiss ist, hinaufblickend zu den Geheimnissen des Daseins sagen: Das Ewig-Männliche führet uns hinan!