Goethe and the Present
GA 68c
26 January 1905, Berlin
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Goethe and the Present, tr. SOL
16. Goethes Evangelium I
16. Goethe's Gospel I
[ 1 ] [In diesen Vorträgen möchte ich ein Bild der theosophischen Weltanschauung geben, das ganz frei ist von jeglicher Dogmatik, indem ich an Erscheinungen unseres eigenen Geisteslebens versuche zu zeigen, was ihm eigen ist.]
[ 1 ] [In these lectures, I would like to present a picture of the theosophical worldview that is entirely free from any dogmatism, by attempting to show, through phenomena of our own spiritual life, what is characteristic of it.]
[ 2 ] Diejenigen, welche wissen, wie sehr ich mich gewehrt habe gegen das Propagandistische, gegen das Propagieren, werden auch wissen, wie stark ich mich gewendet habe gegen die Anschauung, dass es sich bei der Theosophie um das Hereintragen irgendeiner fremden orientalischen Weltanschauung in unsere Zeit handelt, und wie ich betont habe, dass Theosophie Leben sein muss; unmittelbares, wirkliches Leben. Wäre die Theosophie etwas, was erst durch die Theosophische Gesellschaft in die Welt gekommen wäre, dann könnte man wirklich recht wenig Vertrauen zu ihr haben. Wie sollte es sein, dass durch Jahrtausende hindurch die Menschheit hätte warten müssen auf das neue Evangelium der Theosophie! Es ist vielmehr die Erneuerung der in der menschlichen Seele wurzelnden geistigen Strömung, mit der wir es in der Theosophischen Gesellschaft zu tun haben. Am meisten aber muss es den Menschen der Gegenwart interessieren, wenn er sieht, wie ihm nahestehende Genien ganz und gar durchdrungen sind von dem, was man Theosophie, theosophische Weltanschauung nennt.
[ 2 ] Those who know how strongly I have opposed propaganda and the propagation of ideas will also know how vehemently I have opposed the view that Theosophy involves the introduction of some foreign Eastern worldview into our time, and how I have emphasized that Theosophy must be life—immediate, real life. If Theosophy were something that had only come into the world through the Theosophical Society, then one could indeed have very little confidence in it. How could it be that, for millennia, humanity would have had to wait for the new gospel of Theosophy! Rather, what we are dealing with in the Theosophical Society is the renewal of the spiritual current rooted in the human soul. But what should interest people today most of all is seeing how geniuses close to them are completely imbued with what is called Theosophy, the theosophical worldview.
[ 3 ] Von allen Übrigen abgesehen ist es vor allen Dingen eine große deutsche Persönlichkeit, deren Werk, besonders das Werk des späteren Lebens, ganz in dieser Weltanschauung wurzelt: das ist Goethe. Zwar kann Sie die Zusammenstellung Goethes und der Theosophie zunächst überraschen; aber wer sich gleich mir seit mehr als zwanzig Jahren mit dem Studium Goethes befasst, namentlich mit dem Studium der tiefen Goethe’schen «Faust»-Dichtung, der wird sich immer mehr und mehr in das einleben, was ich heute versuchen werde auszuführen. Ich habe manche «Faust»-Erklärung, manchen «Faust»-Forscher kennengelernt im Laufe der Jahre, manchen Versuch, einzudringen in das Wunderwerk dieser «Faust»-Dichtung. Allein, in ungezwungenster Weise, ganz von selbst, hat sich mir das ergeben, was ich Ihnen vortragen werde. Im ersten der beiden Vorträge werde ich über Goethes Evangelium sprechen, ausgehend von Goethes «Faust»-Dichtung, und im nächsten Vortrag einige Ausblicke auf Goethe von diesem Gesichtspunkte aus geben. Wir werden dann versuchen, nachdem ich einen Vortrag über Grundbegriffe der Theosophie eingeschoben habe, Goethe da zu erfassen, wo er sich uns am tiefsten enthüllt und am wenigsten begriffen ist: in seinem Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie, das man nur verstehen muss, um einen tiefen Blick zu tun auf der einen Seite in die Weisheit der Welt und auf der andern Seite in die innerste Natur, in die innerste Seele Goethes. In einer zwanglosen Weise werden sich an diese Goethe-Vorträge Betrachtungen anschließen können über die großen Eingeweihten aller Zeiten und über Ibsen. Ich werde dann versuchen, einen Vortrag einzuschieben über die Bedeutung des Siegfried sowie des Parzival und Lohengrin.
[ 3 ] Setting aside all others, there is above all one great German figure whose work—especially that of his later life—is deeply rooted in this worldview: Goethe. Admittedly, the juxtaposition of Goethe and theosophy may surprise you at first; but anyone who, like me, has been engaged in the study of Goethe for more than twenty years—particularly the study of Goethe’s profound “Faust” poetry—will find themselves increasingly attuned to what I shall attempt to expound today. Over the years, I have encountered many interpretations of Faust, many scholars of Faust, and many attempts to penetrate the marvel that is the Faust epic. Yet what I am about to present to you has revealed itself to me in the most natural way, quite of its own accord. In the first of these two lectures, I will speak about Goethe’s Gospel, taking Goethe’s Faust as my starting point, and in the next lecture I will offer some insights into Goethe from this perspective. We will then attempt—after I have interspersed a lecture on the basic concepts of theosophy— to grasp Goethe where he reveals himself to us most deeply and is least understood: in his fairy tale of the green serpent and the beautiful lily, which one need only understand to gain a profound insight, on the one hand, into the wisdom of the world and, on the other hand, into Goethe’s innermost nature, into his innermost soul. These lectures on Goethe will be followed, in a casual manner, by reflections on the great initiates of all times and on Ibsen. I will then attempt to include a lecture on the significance of Siegfried, as well as Parzival and Lohengrin.
[ 4 ] Goethe war seiner ganzen Natur nach, dem innersten Sinn seines Lebens nach Theosoph. Er war es vor allen Dingen aus dem Grunde, weil er niemals eine Grenze des Erkennens, eine Grenze seines Wissens und Wirkens angenommen hat, sondern vor allen Dingen davon tief durchdrungen war, dass es keinen menschlichen Standpunkt gibt, über den nicht hinausgeschritten werden kann zu einem noch höheren, von dem aus die Welt sich nicht nur in einem weiteren Umkreis, sondern auch in sinnvollerer Bedeutung erschließt. Goethe war durch seine ganze Anlage zu der Weltanschauung bestimmt, von der wir hier handeln. Seine Weltanschauung ging davon aus, dass der Mensch in einem tief verwandtschaftlichen Verhältnis steht zu der ganzen übrigen Welt und dass diese übrige Welt nicht eine bloß stoffliche, nicht eine bloß äußerlich physische, sondern ebenso eine geistige ist, dass in der ganzen Welt sich ausdrückt ein göttlicher, schaffender, wirkender Geist. Dies, könnte man sagen, sei Pantheismus. Aber der Pantheismus geht davon aus, dass eine unbestimmte göttliche Wesenheit sich in der Welt ausbreitet und auch den Menschen belebt. Theosophische Weltanschauung aber geht davon aus, dass es sich nicht um eine unbestimmte, nicht zu fassende Wesenheit handelt, sondern um eine geistige Wesenheit, zu der wir immer mehr und mehr hinansteigen können, und dass wir uns in ein Verhältnis zu dieser geistigen Wesenheit setzen können; [hinaufsteigen können zu lebendigem Verhältnis zum großen Gott].
[ 4 ] Goethe was, by his very nature and in the deepest sense of his life, a theosophist. He was so, above all, because he never accepted any limit to cognition, any limit to his knowledge and activity, but was, above all, deeply imbued with the conviction that there is no human standpoint beyond which one cannot advance to an even higher one, from which the world reveals itself not only in a broader scope but also in a more meaningful way. Goethe was, by his very nature, destined for the worldview we are discussing here. His worldview was based on the premise that human beings stand in a deeply kinship-like relationship to the rest of the world, and that this rest of the world is not merely material, not merely outwardly physical, but equally spiritual—that a divine, creative, active Spirit expresses itself throughout the entire world. One might say that this is pantheism. But pantheism assumes that an indeterminate divine entity pervades the world and also animates human beings. The Theosophical worldview, however, assumes that this is not an indeterminate, incomprehensible entity, but rather a spiritual entity toward which we can continually ascend, and that we can establish a relationship with this spiritual entity; [we can ascend to a living relationship with the great God].
[ 5 ] Durch seine ganze Anlage war Goethe zu diesem Sich-in-ein-Verhältnis-Setzen geeignet. Schon als siebenjähriger Knabe sucht er sich den Gott. Er errichtete einen Altar mit Pflanzen und Steinen und obendrauf Räucherkerzchen, nahm ein Brennglas, und als die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne zum Fenster hereinschienen, sammelte er die Sonnenstrahlen, sodass sie die Räucherkerzchen entzündeten. So war ihm diese Zusammenstellung ein Altar, auf dem er einen Naturdienst, einen Gottesdienst verrichtete. [Am Feuer der Natur wollte er sich einen Opferdienst entzünden], so angeboren war ihm diese Weltanschauung. Als er dann in Leipzig immer mehr und besser die Welt selbst kennengelernt und sich in den einzelnen Wissenschaften umgetan hatte, da kam ihm eine Anschauung, die ganz Theosophie ist. Er erzählt sie uns in «Dichtung und Wahrheit». Da sagt er: Wenn wir die verschiedenen Religionen und Philosophien der Welt überschauen, finden wir überall etwas Gemeinschaftliches, einen gemeinsamen Wahrheitskern. Wo auch immer Religion, Philosophie, Weltanschauung aufgetreten ist, ob in mythisch-allegorischer oder philosophischer Form, überall ist es das Bestreben des Menschen, den Zusammenhang zu suchen zwischen seinem niederen Selbst und dem Tiefsten in seiner Brust, welches man als das Göttliche bezeichnet und durch das er einen Zusammenhang mit der Gottheit selbst gewinnen kann. So haben die Weisen aller Zeiten den Pendelschlag gezeigt zwischen dem niederen und dem höheren Selbst, und wir sehen, wie sich das in Märchen, Mythen und Sagen zum Ausdruck bringt; überall ist es zu finden.
[ 5 ] Goethe’s entire disposition made him well-suited to this act of placing himself in a relationship. Even as a seven-year-old boy, he sought out God. He built an altar with plants and stones, placed incense sticks on top, took a magnifying glass, and when the first rays of the rising sun shone through the window, he focused the sun’s rays so that they lit the incense sticks. Thus, this arrangement served as an altar upon which he performed a service to nature, a religious service. [He wanted to kindle a sacrificial rite by the fire of nature]—so innate was this worldview to him. Then, as he came to know the world itself more and more deeply and thoroughly in Leipzig and immersed himself in the various sciences, a perspective emerged within him that is pure theosophy. He recounts it to us in Poetry and Truth. There he says: When we survey the various religions and philosophies of the world, we find something in common everywhere, a shared core of truth. Wherever religion, philosophy, or a worldview has emerged—whether in mythical-allegorical or philosophical form—it is always the human striving to seek the connection between one’s lower self and the deepest part of one’s heart, which is called the divine and through which one can attain a connection with the Deity itself. Thus, the sages of all ages have illustrated the pendulum swing between the lower and the higher self, and we see how this finds expression in fairy tales, myths, and legends; it can be found everywhere.
[ 6 ] Als dann Goethe nach seinem Leipziger Studium selbst an der Pforte des Todes vorbeigegangen war und nach Frankfurt zurückgekehrt war, da widmete er sich mystischen Studien. Sie können in «Dichtung und Wahrheit» lesen, was für ein Niederschlag Goethe aus dieser Zeit geblieben ist, und was dann in ihm hervorgekommen ist, als er die Naturwissenschaft genau kennengelernt hatte in seiner Straßburger Zeit. Das drückt sich in nichts besser aus als darin, dass er beschloss, das ganze Drängen des Menschen nach Weisheit und nach dem Eins-Sein mit der göttlichen Natur in einer großen Dichtung, der «Faust»-dichtung, zum Ausdruck zu bringen. Er greift damit auf diejenige Sagenwelt zurück, durch welche das ausgehende Mittelalter den Gegensatz zwischen alter und neuer Zeit zur Andeutung gebracht hat.
[ 6 ] After Goethe had himself brushed with death following his studies in Leipzig and returned to Frankfurt, he devoted himself to mystical studies. You can read in Poetry and Truth what impact this period had on Goethe and what emerged within him once he had gained a thorough understanding of the natural sciences during his time in Strasbourg. Nothing expresses this better than his decision to give voice to humanity’s entire yearning for wisdom and for oneness with the divine in a great poetic work, Faust. In doing so, he draws upon the world of legends through which the waning Middle Ages hinted at the contrast between the old and the new eras.
[ 7 ] Faust ist diejenige Persönlichkeit, welche sich von aller Tradition, von den Grundvorstellungen des Mittelalters befreien und aus der eigenen Brust heraus zu einem höheren Wissen vordringen will. Goethe hat den Faust nicht, wie das sechzehnte Jahrhundert es noch tat, zugrunde gehen lassen, sondern er hat ihn durch die Kraft der eigenen strebenden Seele erlösen lassen. Damit hat er dieses ganze Problem auf eine neue Basis gestellt, sodass wir noch heute jedes Wort dieser Dichtung als Ausdruck unserer eigenen Gedanken und Gefühle empfinden müssen. Ich werde Einzelnes noch in den folgenden Vorträgen besprechen. Ich muss Sie nun direkt hineinführen in das, um was es sich hier handelt.
[ 7 ] Faust is the character who seeks to free himself from all tradition and the fundamental ideas of the Middle Ages, and to advance toward a higher knowledge from within his own heart. Goethe did not allow Faust to perish, as was still the case in the sixteenth century, but instead had him redeemed through the power of his own striving soul. In doing so, he placed this entire problem on a new foundation, so that even today we must perceive every word of this poem as an expression of our own thoughts and feelings. I will discuss specific details in the following lectures. I must now introduce you directly to what is at stake here.
[ 8 ] Zunächst hat Goethe, nachdem er in der Jugend den Faust als strebenden Menschen hingestellt hatte und seine «Faust»-Dichtung nach Weimar mitgebracht hatte und aufgestiegen war zu einer reineren Erkenntnis und Weltanschauung, seinen «Faust» in den neunziger Jahren auf eine neue Grundlage gestellt. Am Beginn des «Faust» finden wir den «Prolog im Himmel». Da will uns Goethe zeigen, um was es sich handelt in seiner «Faust»-Dichtung. Er will uns nichts anderes als das sagen: Das Schicksal des Menschen wird nicht bloß in dieser physischen Welt bestimmt, es wird in höheren, geistigen Welten bestimmt. Wenn Sie sich erinnern an meine Vorträge in diesem Winter, so habe ich dazumal gesagt: Die physische Welt, die uns umgibt, ist nicht die einzige Welt, es gibt höhere Welten, die Welt der Seele oder astrale Welt und das, was wir die devachanische Welt nennen, die geistige Welt, den Himmel. Dasjenige, was einen Kampf durchlebt in der äußeren Welt, das hat nicht allein Bedeutung für die äußere Welt, sondern ist ein Abglanz von Kräften der übersinnlichen Welten. Wenn wir in die Seelenwelt eindringen, dringen wir in eine Welt farbigen Daseins ein. Die Astralwelt ist für den, dessen geistige Sinne geöffnet sind, als eine in Farben erglänzende Welt wahrzunehmen, von einer Schönheit und Großartigkeit, aber auch von einer Furchtbarkeit und Grausamkeit, die niemals in unserer physischen Welt gefunden werden. Die devachanische Welt ist als eine tönende zu bezeichnen. Die Pythagoreische Sphärenmusik ist für den, dessen geistige Ohren geöffnet sind, wirklich zu hören; sie ist nicht bloß eine Allegorie, sondern eine Wirklichkeit.
[ 8 ] First, after portraying Faust in his youth as a man striving for greatness, bringing his “Faust” poem with him to Weimar, and having ascended to a purer understanding and worldview, Goethe placed his “Faust” on a new foundation in the 1890s. At the beginning of Faust we find the “Prologue in Heaven.” Here, Goethe seeks to show us what his Faust poem is all about. He wants to tell us nothing other than this: Human destiny is not determined solely in this physical world; it is determined in higher, spiritual worlds. If you recall my lectures this winter, I said at the time: The physical world that surrounds us is not the only world; there are higher worlds—the world of the soul, or the astral world, and what we call the devachanic world, the spiritual world, heaven. That which undergoes a struggle in the outer world is not significant solely for the outer world, but is a reflection of forces from the supersensible worlds. When we enter the world of the soul, we enter a world of colorful existence. For those whose spiritual senses are open, the astral world can be perceived as a world resplendent with colors—a world of beauty and grandeur, but also of terror and cruelty that are never found in our physical world. The Devachanic world can be described as a world of sound. The Pythagorean music of the spheres can truly be heard by those whose spiritual ears are open; it is not merely an allegory, but a reality.
[ 9 ] So ist es nun im höchsten Grade interessant, dass Goethe ganz sachgemäß, ich möchte sagen, mit einem technischen Ausdruck des Mystikers oder Theosophen diese Welt des Devachan in seinem «Prolog im Himmel» schildert. Die Planeten und die Sonne sind seelenbegabt. Sachgemäß spricht Goethe im Sinne der Mystik; so muss er auch aussprechen, dass er jenes Tönen in dieser Welt findet. So lässt er wirklich diesen «Prolog im Himmel» anheben:
[ 9 ] It is therefore extremely interesting that Goethe, quite appropriately—I would say, using a technical term of a mystic or theosophist—describes this world of Devachan in his “Prologue in Heaven.” The planets and the sun are endowed with souls. Goethe speaks appropriately in the spirit of mysticism; thus, he must also express that he finds that sound in this world. And so he truly begins this “Prologue in Heaven” as follows:
Die Sonne tönt nach alter Weise
In Brudersphären Wettgesang,
Und ihre vorgeschriebne Reise
Vollendet sie mit Donnergang.
The sun resounds in the ancient way
In the realms of the brothers, a contest of song,
And its prescribed journey
It completes with a thunderous roar.
[ 10 ] Die Sonne tönt nicht im physischen Sinn, und wer sagt, dass es sich nur um ein Bild handelt, der sagt eine Oberflächlichkeit. Sie können sehen, wo Faust, durch die Läuterung hindurchgegangen, nach dem Devachan erhoben werden soll, wie exakt wiederum von dieser devachanischen Welt von Goethe gesprochen wird:
[ 10 ] The sun does not make a sound in the physical sense, and anyone who says that this is merely a metaphor is speaking superficially. You can see, when Faust—having undergone purification—is to be raised to Devachan, just how precisely Goethe describes this Devachanic world:
Tönend wird für Geistesohren
schon der neue Tag geboren.
With a sound that resonates in the ears of the spirit
the new day is already dawning.
[ 11 ] Hier spricht Goethe von Geistes-Ohren, vom Tönen der geistigen Welt. Wir beschreiben es nicht in der Form dichterischer Bilder, sondern in der Sprache der theosophischen Wissenschaft. Im «Prolog im Himmel» kann fast jedes Wort so gedeutet werden, dass es im Sinne unserer Weltanschauung liegt. In diesem sehen wir ein wichtiges Prinzip des menschlichen Daseins auftreten. Sie alle wissen von dem Karma-Gesetz. Sie wissen, dass der Mensch die Erfahrungen, die er in dieser Welt macht, mitnimmt, wenn er durch die Pforte des Todes geht, und dass er dann die Früchte dieser Welt so mitnimmt, dass er sozusagen einen Extrakt, sein Ewiges, aus dieser irdischen Welt herausholt. Dadurch, dass seine Gedanken ein Abbild der geistigen Welt sind, dadurch kann er die Früchte in die geistige Welt mitnehmen. Es ist ganz im Sinne des Gesetzes vom Karma, wenn Gott den Engeln zuruft:
[ 11 ] Here Goethe speaks of the ears of the spirit, of the sounds of the spiritual world. We do not describe this in the form of poetic imagery, but in the language of theosophical science. In the “Prologue in Heaven,” almost every word can be interpreted in a way that aligns with our worldview. In this, we see an important principle of human existence emerge. You are all familiar with the law of karma. You know that when a person passes through the gate of death, they take with them the experiences they have had in this world, and that they then take the fruits of this world with them in such a way that they extract, so to speak, an essence—their eternal self—from this earthly world. Because their thoughts are a reflection of the spiritual world, they are able to take these fruits with them into the spiritual world. It is entirely in accordance with the Law of Karma when God calls out to the angels:
Und was in schwankender Erscheinung schwebt
Befestiget mit dauernden Gedanken.
And whatever hovers in shifting form
Is anchored by enduring thoughts.
[ 12 ] Es kann natürlich durchaus derjenige, der will, sagen, das seien dichterische Bilder. Der aber, der weiß, wie Goethe, bevor er diese Dinge geschrieben hat, durch Jahrzehnte hindurch sich nicht nur praktisch mit Mystik befasst hat, sondern auch die Mystik des Mittelalters gründlich kennengelernt hat, der weiß, dass Goethe diese Dinge herausgeholt hat aus der mystischen Denkweise und Anschauung. Wir wissen, dass theosophische Weltanschauung ihre Grundlage zurückführt auf die großen Weisen, auf höhere geistige Individualitäten, welche jetzt schon auf derjenigen Stufe angelangt sind, auf die der Durchschnittsmensch sich erst in der Zukunft erhebt. Diese großen Weisen sind die großen Lehrer der Menschheit. Es ist der Theosophie zum Vorwurf gemacht worden, dass sie von solchen unbekannten Weisen spricht. Goethe spricht auch von solchen unbekannten Weisen, da, wo Faust im ersten Monolog, von der Nichtigkeit des Wissens durchdrungen, den Quell des Lebens erfassen will und einen Abglanz vom göttlichen Leben bereits erblickt hat.
[ 12 ] Of course, anyone who wishes to may say that these are poetic images. But anyone who knows—as Goethe did—that before he wrote these things, he had not only engaged with mysticism in a practical way for decades but had also thoroughly familiarized himself with medieval mysticism, knows that Goethe drew these ideas from the mystical way of thinking and perspective. We know that the theosophical worldview traces its foundations back to the great sages, to higher spiritual individualities who have already reached the level to which the average person will only rise in the future. These great sages are the great teachers of humanity. Theosophy has been criticized for speaking of such unknown sages. Goethe also speaks of such unknown sages in the passage where Faust, in his first monologue—imbued with the futility of knowledge—seeks to grasp the source of life and has already caught a glimpse of the divine life.
Jetzt erst erkenn’ ich, was der Weise spricht:
‹Die Geisterwelt ist nicht verschlossen;
Dein Sinn ist zu, dein Herz ist tot!
Auf, bade, Schüler, unverdrossen
Die ird’sche Brust im Morgenrot!›
Only now do I understand what the sage says:
“The spirit world is not closed off;
Your mind is closed, your heart is dead!
Come, disciple, bathe undaunted
Your earthly breast in the morning glow!”
[ 13 ] Das ist ein Ausdruck, der bei den Mystikern aller Zeiten vorkommt. Jakob Böhme hat das Werk, mit dem er seine mystische Laufbahn begann, «Aurora» genannt. «Morgenrot» ist bei Goethe in Anführungszeichen gesetzt. Er spricht etwas aus, was er als innere Erfahrung von seiner praktischen Mystik kannte, nicht eine allgemeine Phrase, eine allgemeine Redensart; er spricht ganz im technischmystischen Sinne.
[ 13 ] This is an expression found among mystics of all ages. Jakob Böhme titled the work with which he began his mystical career “Aurora.” Goethe places “Morgenrot” in quotation marks. He is expressing something he knew from his own inner experience of practical mysticism, not a general phrase or a common saying; he is speaking entirely in the technical-mystical sense.
[ 14 ] Wenn wir den «Faust» überblicken, was stellt sich uns dar im ersten Teil? Sie wissen, wir unterscheiden ein niederes Selbst, das Selbst, welches durch die Tore der Sinne seine Erfahrungen in der Umwelt macht und, durch mannigfaltige Wege geläutert, endlich zum höheren Selbst emporsteigt. Wenn Sie den ersten Teil durchlesen, werden Sie den Kampf des niederen Selbst des Menschen mit der umgebenden Welt geschildert finden. Diesen Kampf muss Faust erst bestehen, bevor er zur wahrhaft mystischen Erkenntnis in seinem eigenen Innern kommen kann. Von Anfang an strebt er nach dieser Erkenntnis. Und wiederum stehen wir vor einigen Sätzen, die nur der verstehen kann, der mit theosophischer Weltanschauung vertraut ist. Als Faust seinen Zusammenhang mit dem höheren Ich erkennt, da wendet er sich an den Erdgeist. Das ist ein Meisterstück einer Schilderung des seelischen Lebens; [des Astralkörpers der Erde, aus den Früchten geistig gewirkt und gewebtes unvergängliches Seelenkleid].
[ 14 ] When we survey Faust, what do we see in the first part? As you know, we distinguish between a lower self—the self that gains experience of the external world through the gates of the senses—and, purified through manifold paths, finally ascends to the higher self. As you read through the first part, you will find a depiction of the struggle of the human lower self with the surrounding world. Faust must first overcome this struggle before he can attain true mystical knowledge within himself. From the very beginning, he strives for this knowledge. And once again, we encounter several sentences that can only be understood by those familiar with the theosophical worldview. When Faust recognizes his connection to the higher Self, he turns to the Earth Spirit. This is a masterpiece of a depiction of spiritual life; [the astral body of the Earth, spiritually fashioned from its fruits and woven into an imperishable garment of the soul].
In Lebensfluten, im Tatensturm
Wall’ ich auf und ab,
Webe hin und her!
Geburt und Grab, Ein ewiges Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein glühend Leben,
So schaff' ich am sausenden Webstuhl der Zeit
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.
In the tides of life, in the storm of deeds
I surge back and forth,
Weaving to and fro!
Birth and grave, an eternal sea,
A shifting weave,
A blazing life,
Thus I toil at the whirring loom of time
And weave a living garment for the Deity.
[ 15 ] Diese Schilderung, namentlich die letzte Zeile, ist für jede Mystik sehr bedeutungsvoll, sie spricht aus, wie die Seele aus den früheren Erfahrungen dieses Selbst eine Form wirkt und webt, die ewig bleibt.
[ 15 ] This description—particularly the last line—is highly significant for all forms of mysticism; it expresses how the soul, drawing on the soul’s earlier experiences of this Self, shapes and weaves a form that endures eternally.
[ 16 ] Faust muss sich abwenden wie ein furchtsam gekrümmter Wurm. Er ist noch nicht reif, zu den Quellen des Lebens zu dringen. Er muss an der Hand des Versuchers Mephistopheles sein Selbst durch die Welt hindurchführen. Goethe gibt diesem eine Gestalt im Sinne der alten hebräischen Mystik. «Mephis» heißt «Verderber», und «Tophel» heißt «Lügner». Das sind diejenigen Kräfte und Wesenheiten, die immer als Hemmnis in der Welt da sind. Während der Mensch nach vorwärts strebt, halten sie zurück, und in der moralischen Welt werden sie die Versucher. Der Versucher ist Mephistopheles. Er führt Faust durch die Regionen des niederen Selbst, durch alle Arten der Erfahrung unseres niederen Selbst.
[ 16 ] Faust must turn away like a worm cowering in fear. He is not yet ready to reach the sources of life. He must let Mephistopheles, the tempter, guide him through the world. Goethe gives Mephistopheles a form in the spirit of ancient Hebrew mysticism. “Mephis” means “corruptor,” and “Tophel” means “liar.” These are the forces and entities that are always present in the world as obstacles. While human beings strive to move forward, these forces hold them back, and in the moral world, they become the tempters. The tempter is Mephistopheles. He guides Faust through the realms of the lower self, through all kinds of experiences of our lower self.
[ 17 ] Wir sehen, wie Faust unbefriedigt ist von der Wissenschaft des Verstandes. Höchste Gelehrsamkeit kann nicht mehr sein als Beschäftigung mit der Sinneswelt. Er wird dann durch Leidenschaft und so weiter hindurchgeführt zur Läuterung. Faust will nun nochmals hintreten vor den Geist, von dem er sich wegwenden musste. Vor diesen Geist tritt er wiederum in der Szene «Wald und Höhle». Den Geist kann er nun so ansprechen, dass er ein Grundbekenntnis aussprechen kann, wie Sie es in jedem theosophischen Buch finden. Es spricht ihn an, dass dieser Geist ihm zeigen kann, dass in allen Wesen unsere Brüder zu finden sind, wie wir mit allen verbunden sind, und dass, wenn wir unsere Verwandtschaft mit allen Brüdern finden, wir unser eigenes göttliches Ich finden. In wunderschöner Weise schildert Goethe in Bildern das Aufsteigen des Menschen in seiner Erkenntnis.
[ 17 ] We see how Faust is dissatisfied with the science of the intellect. Even the highest scholarship can be nothing more than an engagement with the sensory world. He is then led through passion and so on toward purification. Faust now wishes to stand once more before the Spirit from whom he had to turn away. He appears before this Spirit once more in the scene “The Forest and the Cave.” He is now able to address the Spirit in such a way that he can express a fundamental creed, as you will find in any theosophical book. He is moved by the fact that this spirit can show him that our brothers are to be found in all beings, how we are connected to all, and that when we discover our kinship with all our brothers, we find our own divine self. Goethe beautifully depicts, in imagery, the ascent of the human being in his knowledge.
Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewendet.
Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich,
Kraft, sie zu fühlen, zu genießen. Nicht
Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
Vergönnest mir, in ihre tiefe Brust,
Wie in den Busen eines Freunds zu schauen.
Du führst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbei, und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.
Sublime Spirit, you gave me, gave me everything,
That I asked for. You did not in vain
Turn your face toward me in the fire.
You gave me the magnificent natural world as my kingdom,
The power to feel it, to enjoy it. You do not
do you merely allow me to be a cold, marveling visitor,
but grant me to gaze into its deep bosom,
as into the bosom of a friend.
You lead the procession of the living
past me, and teach me to know my brothers
in the silent thicket, in air and water.
[ 18 ] Das ist das Großartige, dass Goethe seinen Faust bis zu diesem Bekenntnis des Hineinschauens in das eigene Selbst geführt hat. Da, wo Faust im niederen Selbst das Vergängliche des Lebens sieht, nachdem er durch eine Reihe von Versuchungen hindurchgegangen ist, da erlangt er Einblick, dass es möglich ist, wirklich das höhere Selbst zu erkennen.
[ 18 ] What is so remarkable is that Goethe led his Faust to this acknowledgment of looking inward into his own self. Just as Faust, having gone through a series of temptations, sees the transience of life in his lower self, he gains insight into the fact that it is possible to truly recognize the higher self.
[ 19 ] Faust soll nun, nachdem er tief niedergeschmettert wurde durch die Verhängnisse des Lebens, hinaufgeführt werden zu höheren Stufen. Zuvor hat er nur die Erfahrung gemacht dessen, was dem niederen Egoismus erfahrbar ist. Jetzt arbeitet er am kaiserlichen Hof für das niedere Selbst anderer. Mitten heraus aus diesem Arbeiten, aus dem Vergänglichen der Welt wird Faust auf einen unmittelbar mystischen Standpunkt gebracht. Goethe hat selbst die Anschauung zurückgewiesen, als ob der zweite Teil des «Faust» etwas anderes wäre als die reinste Ausprägung wirklich mystischen Seelenlebens. Er wurde gefragt von einem Freund, ob er seinen «Faust» so schließen wolle, wie er im ersten Teil schrieb:
[ 19 ] Now that Faust has been deeply crushed by the vicissitudes of life, he is to be led up to higher levels. Previously, he had only experienced what is accessible to base egoism. Now he works at the imperial court for the base selves of others. In the midst of this work, amidst the transience of the world, Faust is raised to an immediately mystical vantage point. Goethe himself rejected the view that the second part of Faust was anything other than the purest expression of a truly mystical inner life. A friend asked him whether he intended to conclude his Faust as he had written in the first part:
Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange
Ist sich des rechten Weges wohl bewusst.
A good person, even in their darkest moments
Is well aware of the right path.
[ 20 ] O nein, antwortete Goethe, Faust endet im höchsten Alter, und im Alter wird man Mystiker. Das wäre aber Aufklärung. Als Goethe eine Weltanschauung erlangt hatte, die einen freien Ausblick in die geistige Welt gestattete, da konnte er den «Faust» nicht mehr im Sinne der Aufklärung enden lassen. So hat er im Jahre 1827 über den zweiten Teil des «Faust» zu Eckermann gesagt: Ich habe den «Faust» so gedacht, dass die Bilder auch interessant, dramatisch sind für das Gemüt. Jeder kann sich erfreuen an den Bildern. Aber für den Eingeweihten liegt noch etwas ganz anderes in meinem «Faust». Sie werden sehen, dass manches Rätsel darin verhüllt ist. Goethe hat zwar nichts Unerforschliches hineingeheimnisst in den zweiten Teil des «Faust», aber etwas, was für den oberflächlichen Sinn nicht gefunden werden kann.
[ 20 ] “Oh no,” replied Goethe, “Faust dies at a very advanced age, and in old age one becomes a mystic. But that would be Enlightenment.” Once Goethe had attained a worldview that allowed a free glimpse into the spiritual world, he could no longer let Faust end in the spirit of the Enlightenment. Thus, in 1827, he said to Eckermann about the second part of Faust: “I conceived Faust in such a way that the images are also interesting and dramatic for the mind.” Everyone can take pleasure in the imagery. But for the initiate, there is something quite different in my Faust. You will see that many a riddle is veiled within it. Goethe did not, admittedly, conceal anything unfathomable in the second part of Faust, but rather something that cannot be discovered by the superficial mind.
[ 21 ] Da verlangt der Kaiser am Hofe, dass Paris und Helena allen erscheinen. Wir sind vor ein Problem gestellt, das uns über die physische Welt hinausführt. Goethe fasst es im tiefsten Sinn. Faust muss zu den «Müttern» hinuntersteigen. Die Gelehrten haben viele Dinge hineingedeutet. Für den, welcher mit mystischer Erkenntnis ausgestattet ist, ist es klar, was hier gemeint ist. In aller Mystik wurde immer das höchste Seelische der Welt als erwas Weibliches bezeichnet. Das ist ganz sachgemäß, denn was der Mensch Erkenntnis, höheres Leben nennt, das geht ihm in der Seele auf, wenn er sich befruchten lässt von den Kräften, die im Universum wirken. Die Erkenntnis ist ein Befruchtungsprozess; deshalb wurde in aller Mystik das Ewige im Weiblichen gesucht, bei den «Müttern». Die theosophische Weltanschauung sieht das Höchste, das die menschliche Seele erreichen kann, in der höheren, oberen Dreiheit, im Sanskrit: Manas, Budhi, Atman; Geistselbst, Lebensgeist und eigentlicher Geist des Menschen. Diese höhere Dreiheit muss im Menschen entwickelt sein, wenn er zu wahrer Selbsterkenntnis kommen will. Dann aber erlangt er den Zusammenhang mit den urewigen Quellen des Daseins. Dass es sich um eine solche Dreiheit handelt, deutet Goethe dadurch an, dass er bei den Müttern den Dreifuß aufgestellt sein lässt, aus dem Feuer herausströmt. Dieses Feuer kennt die Mystik als die Urmaterie. Da kann Faust das Geistige von Paris und Helena heraufholen. Das Geistige ist nicht oben und nicht unten, deshalb sagt Mephistopheles:
[ 21 ] At court, the emperor demands that Paris and Helen appear before everyone. We are faced with a problem that takes us beyond the physical world. Goethe captures this in its deepest sense. Faust must descend to the “Mothers.” Scholars have read many things into this. For those endowed with mystical insight, it is clear what is meant here. In all forms of mysticism, the highest spiritual aspect of the world has always been described as something feminine. This is entirely appropriate, for what human beings call knowledge and higher life dawns upon them in their souls when they allow themselves to be fertilized by the forces at work in the universe. Knowledge is a process of fertilization; that is why, in all forms of mysticism, the eternal has been sought in the feminine, in the “mothers.” The theosophical worldview sees the highest that the human soul can attain in the higher, upper trinity, in Sanskrit: Manas, Budhi, Atman—the spiritual self, the life spirit, and the true spirit of the human being. This higher trinity must be developed within the human being if he is to attain true self-knowledge. Only then, however, does he attain a connection with the primal, eternal sources of existence. Goethe alludes to this trinity by having the mothers set up a tripod from which fire flows. Mysticism recognizes this fire as the primordial matter. There, Faust can draw forth the spiritual essence from Paris and Helen. The spiritual is neither above nor below; that is why Mephistopheles says:
Versinke denn! Ich könnt’ auch sagen: steige!
Then sink! I could just as well say: rise!
[ 22 ] Da zeigt sich, wie das, was ewig ist von Paris und Helena, heraufgeholt wird aus der seelisch-geistigen Welt.
[ 22 ] This shows how that which is eternal in Paris and Helen is drawn up from the spiritual-soul world.
[ 23 ] Nun ist aber entscheidend, damit der Mensch sich zu diesem rein Geistigen erheben kann, dass er so weit geläutert ist, dass das Verlangen des Körpers, dass die niederen seelischen Eigenschaften und Triebe geläutert sind, dass der Mensch nicht mehr stürmisch verlangt nach diesem höchsten Geistigen, sondern dass er sich selbstlos zu diesem Höchsten verhält. Als Faust es heraufbringt, verlangt er stürmisch danach, und das bewirkt eine Explosion. Faust muss noch geläutert und gereinigt werden. Er muss das Geheimnis kennenlernen, wie die Menschennatur sich aufbaut, wie die drei Glieder Leib, Seele und Geist zusammenwirken, um ein Ganzes zu bilden. Die etablierte Psychologie kennt nur Leib und Seele, sie ist eine Wissenschaft, die bei zwei Dritteln des menschlichen Wesens stehen geblieben ist, weil sie die Dreigliedrigkeit des Menschen nicht anerkennt. Die Schulpsychologie kommt sich sehr gelehrt vor, aber sie ist für den, der die Dinge durchschaut, das Dilettantischste, was sich nur denken lässt. Faust soll erkennen, wie Leib, Seele und Geist sich verbinden, dies tiefe Geheimnis der Menschennatur. An dieser Stelle können wir Goethe am tiefsten belauschen, wie er ganz und gar Mystiker geworden ist, wie er sich in die Erkenntnisse eingelebt hat, die auch in unseren theosophischen Lehrbüchern stehen.
[ 23 ] Now, however, it is crucial—in order for a person to rise to this purely spiritual realm—that he be purified to such an extent that the desires of the body and the lower qualities and drives of the soul are purified, so that the person no longer craves this highest spiritual realm impetuously, but rather relates to it selflessly. When Faust brings this up, he craves it impetuously, and this causes an explosion. Faust still needs to be purified and cleansed. He must come to know the mystery of how human nature is structured, how the three members—body, soul, and spirit—interact to form a whole. Conventional psychology recognizes only body and soul; it is a science that has remained stuck at two-thirds of the human being because it does not acknowledge the threefold nature of the human being. School psychology considers itself very learned, but to those who see through it, it is the most amateurish thing imaginable. Faust is meant to recognize how body, soul, and spirit are united—this profound mystery of human nature. It is here that we can most deeply perceive Goethe, how he has become a mystic through and through, how he has immersed himself in the insights that are also found in our theosophical textbooks.
[ 24 ] Zunächst soll Faust das Seelische kennenlernen. Das Seelische wird uns vorgeführt in einer eigentümlichen, aber sachgemäßen Weise, indem Faust wieder zurückgeführt wird nach dem Laboratorium, in dem er früher schon war und in dem nun der Homunculus erzeugt wird. Dieser Homunculus ist nichts anderes als ein Bild der menschlichen Seele. Und es ist in wunderbarer Weise jedes Wort verständlich, wenn man den Homunculus als Seele ohne Leib anfasst, als Seele, die sich noch nicht inkarniert hat. Dem Homunculus
[ 24 ] First, Faust is to become acquainted with the soul. The soul is presented to us in a peculiar yet appropriate way, as Faust is led back to the laboratory where he had been before and where the homunculus is now being created. This homunculus is nothing other than an image of the human soul. And every word becomes wonderfully clear when one conceives of the homunculus as a soul without a body—a soul that has not yet incarnated. The homunculus
fehlt es nicht an geistigen Eigenschaften,
Doch gar zu sehr am greiflich Tüchtighaften.
There is no lack of intellectual qualities,
but there is a severe lack of tangible competence.
[ 25 ] Wenn die Seele leibfrei ist, wenn sie ohne die Hüllen der Körperlichkeit auftritt, dann ist sie hellseherisch, nicht angewiesen darauf, durch die Sinne zu sehen. Sie sieht hinein ins Innerste der Menschennatur. Sie nimmt nicht bloß dasjenige wahr, was äußere Farbe hat, in äußeren Tönen klingt, dann nimmt sie die Triebe, die intimsten Gedanken des Menschen wahr. Das ist etwas, was man hellseherisch wahrnehmen kann, die außerphysische Welt. Den Homunculus lässt Goethe hellseherisch sein. Den ganzen Traum Fausts beschreibt der Homunculus, der in das Innere der Menschenseele hineinsieht. So können wir den ganzen zweiten Teil des «Faust» durchgehen: Die Seele ist im Homunculus ausgedrückt.
[ 25 ] When the soul is free from the body, when it appears without the veils of physicality, it is clairvoyant, not dependent on seeing through the senses. It sees into the very core of human nature. It perceives not only what has outward color or resounds in outward tones, but also the drives and the most intimate thoughts of human beings. This is something that can be perceived clairvoyantly: the non-physical world. Goethe endows the Homunculus with clairvoyance. The Homunculus, who looks into the innermost depths of the human soul, describes Faust’s entire dream. In this way, we can examine the entire second part of Faust: the soul is expressed through the Homunculus.
[ 26 ] Das dritte Glied des Menschen, der Leib, er ist dasjenige, was sich nicht nur im Sinne der Naturwissenschaft, sondern auch im Sinne der Mystik vom Unvollkommensten zum Vollkommensten entwickelt hat. Aber die Mystik betrachtet nicht nur, so wie die moderne Naturwissenschaft, wie sich das Leibliche vom Unvollkommensten zum Vollkommensten entwickelt hat, sondern die Mystik zeigt auch, wie sich das Leibliche hindurchentwickelt hat durch das Mineralreich, das Pflanzenreich, das Tierreich bis zum Menschen. Der Leib hat sich auf diesem Weg heraufentwickelt, bis er fähig geworden ist, sich mit der Seele zu verbinden. Diese allmähliche Entwicklung des Leiblichen stellt Goethe im zweiten Teil des «Faust» in großartigen Bildern dar. Er lässt den Homunculus Mephisto und Faust hinführen auf die Felder der «Klassischen Walpurgisnacht». Da wird er zusammengebracht mit dem, der die Verwandlung der leiblichen Gestalt leitet, mit Proteus, und auch mit den Weisen Thales und Anaxagoras, welche wissen, wie die körperlichen Verwandlungen vor sich gehen. Da wird gezeigt, wie dieser Homunculus als Seele einen Leib dadurch bekommen kann, dass er sich hindurchlebt durch alle Reiche der Natur. Beim untersten muss er anfangen, beim mineralischen Reich, dann geht es langsam zu den höheren Reichen. In wunderbarer Weise wird von Goethe geschildert, wie diese Leibwerdung vom Mineralreich zum Pflanzenreich aufsteigt. Goethe hat einen Ausdruck geprägt, um dieses so wunderbar plastisch zu schildern:
[ 26 ] The third aspect of the human being—the body—is that which has developed from the most imperfect to the most perfect, not only in the sense of natural science but also in the sense of mysticism. But mysticism does not merely observe, as modern natural science does, how the physical body has developed from the most imperfect to the most perfect; rather, mysticism also shows how the physical body has developed through the mineral kingdom, the plant kingdom, and the animal kingdom, all the way to the human being. The body has evolved along this path until it became capable of uniting with the soul. Goethe depicts this gradual development of the physical body in magnificent imagery in the second part of Faust. He has the homunculus lead Mephisto and Faust out into the fields of the “Classical Walpurgis Night.” There he is brought together with the one who guides the transformation of the physical form—Proteus—as well as with the sages Thales and Anaxagoras, who know how physical transformations take place. There it is shown how this homunculus, as a soul, can acquire a body by living through all the kingdoms of nature. He must begin at the lowest level, the mineral kingdom, and then slowly proceed to the higher kingdoms. Goethe describes in a marvelous way how this process of becoming a body ascends from the mineral kingdom to the plant kingdom. Goethe coined an expression to describe this so wonderfully vividly:
Es grunelt so
It growls like this
[ 27 ] — die Pflanzengebilde!
[ 27 ] — the plant structures!
[ 28 ] Erst auf einer gewissen Stufe der Entwicklung tritt das ein, was man Geschlechtsleben nennt, dass sich dieses verbindet mit allen gestaltenden Kräften, die schon früher vorhanden waren. Goethe drückt das aus, indem er Eros sich auf dieser Stufe mit dem nach Gestaltung ringenden Homunculus verbinden lässt. So hat Goethe geschildert, wie sich die Seele durchgliedert, bis sie reif ist, den Geist aufzunehmen. Da stehen wir am Ende des zweiten Aktes des zweiten Teiles des «Faust». Faust hat kennengelernt das Geheimnis, wie sich die drei Glieder der Menschennatur verbinden: das Unsterbliche, das Ewige, das im Reiche der «Mütter» ist, die Seele und der Leib. Dadurch kann sich ein Mensch inkarnieren. Dadurch kann sich dasjenige, was in der äußeren Welt auch physisch lebte und längst vergangenen Zeiten angehörte, Helena, auch wieder inkarnieren. Sie treffen wir wieder am Beginn des dritten Aktes. Sie hat sich inkarniert, Helena steht leibhaftig vor Faust. So ist Faust durchgegangen durch die mystische Erkenntnis, er hat das Geheimnis der Menschwerdung erfahren, erlebt.
[ 28 ] It is only at a certain stage of development that what is called sexual life emerges, connecting with all the formative forces that were already present earlier. Goethe expresses this by having Eros unite at this stage with the homunculus striving for form. This is how Goethe described how the soul develops until it is ripe to receive the spirit. Here we are at the end of the second act of the second part of Faust. Faust has come to know the secret of how the three members of human nature are united: the immortal, the eternal—which is in the realm of the “Mothers”—the soul, and the body. This is what enables a human being to incarnate. This is what enables that which also lived physically in the outer world and belonged to times long past—Helena—to incarnate once more. We encounter her again at the beginning of the third act. She has incarnated; Helena stands in the flesh before Faust. Thus, Faust has passed through this mystical insight; he has experienced and come to know the mystery of becoming human.
[ 29 ] Ich habe gesagt, in jeder Mystik wird das Seelische im Menschen als etwas Weibliches vorgestellt. Dann kommt das Ringen um das Höhere, das Streben zum Höheren gerade in Fausts Streben nach Helena zum Ausdruck. Faust verbindet sich mit Helena. Das ist zunächst der symbolische Ausdruck für ein inneres Erlebnis. Faust sucht das Höhere, und da wird das Geistige geboren. Das Symbol der Poesie drückt das aus durch die Verbindung des seelischen Männlichen und Weiblichen, wobei die höhere geistige Erkenntnis gezeugt wird: Euphorion. Euphorion stellt dar, wie in mystischen Augenblicken der Geist in der Menschennatur auflebt. Diese Augenblicke kennt der Mystiker. Aber eines muss er noch erfahren: Zunächst ist das, was er so erlebt, nur ein vorübergehender Augenblick, nur ein Feieraugenblick des Lebens, ein Augenblick mystischer Vertiefung; dann muss er wieder zu seinem Beruf, zu seinen alltäglichen Wissenschaften zurückkehren. Feieraugenblicke sind diese mystischen Erkenntnisse; Feieraugenblicke aber sterben schnell: Euphorion stirbt schnell. Was jetzt folgt, ist tief aus mystischem Bewusstsein herausgeholt. Euphorion, nachdem er wieder entschwunden ist in das geistige Reich, er ruft der Mutter Helena zu:
[ 29 ] I have said that in every form of mysticism, the soul within the human being is conceived as something feminine. Then the struggle for the higher, the striving toward the higher, finds expression precisely in Faust’s pursuit of Helena. Faust unites with Helena. This is, first and foremost, the symbolic expression of an inner experience. Faust seeks the higher, and that is where the spiritual is born. The symbol of poetry expresses this through the union of the masculine and feminine aspects of the soul, whereby higher spiritual knowledge is brought forth: Euphorion. Euphorion represents how, in mystical moments, the spirit comes alive within human nature. The mystic knows these moments. But there is one thing he must still experience: At first, what he experiences in this way is only a fleeting moment, merely a moment of celebration in life, a moment of mystical immersion; then he must return to his calling, to his everyday sciences. These mystical insights are moments of celebration; but moments of celebration die quickly: Euphorion dies quickly. What follows now is drawn deeply from mystical consciousness. Euphorion, after he has vanished once more into the spiritual realm, calls out to his mother Helena:
Lass mich im düstern Reich,
Mutter, mich nicht allein!
Don't leave me alone, Mother,
in this dark realm!
[ 30 ] Das ist eine Stimme, die jeder, der mystische Augenblicke erlebt hat, einmal gehört hat. Das Geistige ruft immer der Seele, der «Mutter» zu: Lass mich nicht allein, suche mich! Da kann nicht Theorie sprechen, da muss unmittelbare Erfahrung sprechen, um die ganze Tiefe, um die es sich hier an dieser Stelle handelt, zu erkennen. Die mystischen Feieraugenblicke werden dargestellt durch Euphorion. Die abgeklärte Weltanschauung Fausts, im Vergleich mit dem, was am Kaiserhof vorgegangen ist, tritt jetzt in Erscheinung. Faust soll nun dazu geführt werden, nicht bloß einzelne Feieraugenblicke der mystischen Versenkung zu erfahren, denn das ist noch ein unvollkommener Zustand. Der vollkommene Mystiker wirkt aus der geistigen Welt heraus; er wirkt selbstlos hingegeben, wie ein Bote der Gottheit, so als ob die Gottheit selbst schafft. So ist es bei Faust, als er zu höheren Stufen gekommen ist.
[ 30 ] This is a voice that everyone who has experienced mystical moments has heard at least once. The spiritual realm always calls out to the soul, the “Mother”: “Do not leave me alone; seek me out!” Theory cannot speak here; direct experience must speak in order to grasp the full depth of what is at stake here. The mystical moments of contemplation are portrayed by Euphorion. Faust’s serene worldview, in contrast to what took place at the imperial court, now comes to the fore. Faust is now to be led not merely to experience isolated moments of mystical contemplation, for that is still an imperfect state. The perfect mystic acts from within the spiritual world; he acts with selfless devotion, like a messenger of the Divine, as if the Divine itself were creating. This is the case with Faust when he has reached higher levels.
[ 31 ] Aber noch ist Faust nicht so weit, dass er über alles, was das niedere Selbst an Anfechtungen erleidet, erhaben ist. Da darf nichts mehr zu den Sinnen des Mystikers sprechen, da müssen die Sinne ein Durchgangstor für das Geistige werden. Noch einmal, zum letzten Mal, verfällt Faust der Versuchung. Etwas stört sein Auge, er lässt die Hütte von Philemon und Baucis wegschaffen. Das war die letzte äußere Versuchung, fortan kann er nicht mehr durch seine Sinne versucht werden.
[ 31 ] But Faust is not yet at the point where he is elevated above all the trials that the lower self endures. Nothing must speak to the mystic’s senses anymore; the senses must become a gateway to the spiritual. Once more, for the last time, Faust succumbs to temptation. Something disturbs his eye; he has Philemon and Baucis’s hut removed. That was the last external temptation; from now on, he can no longer be tempted through his senses.
[ 32 ] Aber im Menschen ist noch etwas, was an sein niederes Selbst herankommt, das ist das Gedächtnis, das in seinem niederen Selbst noch haftet, das ihn immer wieder hinunterzieht in diese niedere Welt. Es wird symbolisiert, indem die Sorge an Faust herantritt. Aber auch diese Anfechtung geht von ihm. Faust erblindet. Nun wird angedeutet, dass Faust, dadurch, dass er erblindet, ein Sehender wird: Im Innern leuchtet helles Licht, während es außen dunkel und finster wird. Er ist im schönsten Sinne zum Mystiker geworden, er ist zum Hellseher geworden, er sieht hinein in die geistige Welt.
[ 32 ] But there is still something within man that connects him to his lower self: memory, which still clings to his lower self and repeatedly pulls him down into this lower world. This is symbolized by worry approaching Faust. But even this trial passes from him. Faust goes blind. Now it is implied that, by going blind, Faust becomes one who sees: a bright light shines within him, while outside it grows dark and gloomy. He has become a mystic in the most beautiful sense; he has become a clairvoyant; he sees into the spiritual world.
[ 33 ] Faust hat einen Kampf durchgemacht durch die Stufen des niederen und höheren Selbst bis in die Tiefen der mystischen Weltanschauung. Ein Kampf zwischen Gut und Böse ist dieser Kampf des Niederen und Höheren. Nun hat Goethe gerade das, wie Gut und Böse zusammenwirken, um in der Mitte den menschlichen Kämpfer durch sich hindurchgehen zu lassen zur Läuterung, in einem geistvollen Rätsel im zweiten Teil im ersten Akt angedeutet. Vergeblich haben Erklärer dieses Wort zu erklären versucht.
[ 33 ] Faust has undergone a struggle through the stages of the lower and higher self, all the way to the depths of the mystical worldview. This struggle between the lower and the higher is a struggle between good and evil. Now, Goethe has precisely hinted at how good and evil interact—allowing the human warrior to pass through them in the middle for the sake of purification—in a profound riddle in the second part of the first act. Commentators have tried in vain to explain this passage.
Was ist verwünscht und stets willkommen?
Was ist ersehnt und stets verjagt?
Was immerfort in Schutz genommen?
Was hart gescholten und verklagt?
Wen darfst du nicht herbeiberufen?
Wen höret jeder gern genannt?
Was naht sich deines Thrones Stufen?
Was hat sich selbst hinweggebannt?
What is cursed yet always welcome?
What is longed for yet always driven away?
What is constantly protected?
What is harshly scolded and accused?
Whom must you not summon?
Whose name does everyone love to hear?
What approaches the steps of your throne?
What has banished itself?
[ 34 ] Sie werden in Faust-Kommentaren kaum eine Lösung dieser Rätselworte finden. Demjenigen aber, der den tieferen Sinn des «Faust» kennt, dem lösen sie sich ungezwungen. Zeile für Zeile können wir durchgehen und brauchen nur zu der ersten Zeile zu sagen «das Böse» und zu der zweiten «das Gute», und wir haben die ganze Lösung des Rätsels. So schildert Goethe diesen Kampf des Guten und Bösen im Menschen, und er lässt Faust zum Mystiker werden.
[ 34 ] You will hardly find an explanation for these enigmatic words in commentaries on Faust. But to those who know the deeper meaning of Faust, they unravel effortlessly. We can go through it line by line and need only say “evil” for the first line and “good” for the second, and we have the entire solution to the riddle. This is how Goethe depicts this struggle between good and evil within man, and he allows Faust to become a mystic.
[ 35 ] Die letzten Entwicklungsstufen kann Goethe nur noch andeuten, und er bedient sich der mystischen Symbolik. Jede Zeile ist wieder tief bezeichnend für den mystischen Weg, die mystischen Stufen, die der Mystiker in der praktischen Entwicklung durchgeht. Und dann deutet uns Goethe am Schluss an, dass er wirklich dieses im zweiten Teil des «Faust» gemeint hat. Er stand einsam da, als er zu dieser mystischen Erkenntnis gekommen war.
[ 35 ] Goethe can only hint at the final stages of development, and he makes use of mystical symbolism. Each line is once again deeply significant for the mystical path, the mystical stages that the mystic passes through in his practical development. And then, at the end, Goethe hints to us that this is indeed what he meant in the second part of Faust. He stood there alone when he had arrived at this mystical insight.
[ 36 ] Wenn man den «Faust» in der Jugend liest, wird man vieles finden, später wird man immer mehr finden und noch später immer noch mehr. Auch ich habe heute nur einen Schimmer dessen, was im «Faust» liegt, schildern können. Der «Faust» ist etwas ganz anderes geworden im zweiten Teil, als er im ersten Teil gedacht war. Der alte Goethe wird nur verstanden, wenn man ihn so tief nimmt. Er hat gewusst, dass um ihn viele leben, die den jungen Goethe in Schutz nehmen gegenüber dem alten. Darüber hat er in einem Momente des Grolls sich ausgesprochen, über diejenigen, die nur das Frühere und das, was sonst vom Leichtverständlichen vorhanden ist, gelten lassen wollen und da sagen: Goethe ist alt geworden. Ihnen ruft er zu:
[ 36 ] When one reads Faust in one’s youth, one will find much; later, one will find more and more; and still later, even more. I, too, have been able to describe today only a glimmer of what lies within Faust. Faust has become something entirely different in the second part than what was intended in the first. The older Goethe can only be understood if one takes him so deeply. He knew that there were many who defended the young Goethe against the older one. In a moment of resentment, he spoke out against those who want to accept only his earlier works and whatever else is easily understandable, and who say: “Goethe has grown old.” To them he cries out:
Da loben sie den Faust
Und was noch sunsten
In meinen Werken braust
Zu ihren Gunsten.
Das alte Mick und Mack
Das freut sich sehr;
Es meint das Lumpenpack,
Man wär’s nicht mehr!
There they praise Faust
And whatever else
Rages in my works
In their favor.
Old Mick and Mack
Are very pleased;
They think the rabble
Is no longer there!
[ 37 ] Goethe wusste, dass «er es noch war», wusste auch, dass er nicht verstanden werden konnte.
[ 37 ] Goethe knew that “he was still himself,” and he also knew that he could not be understood.
[ 38 ] In den zweiten Teil des «Faust» hat Goethe für den Eingeweihten, der es heraushören will, so manches hineingeheimnisst. Und dann hat er, um anzudeuten, dass er den «Faust» in mystischem Sinne aufgefasst haben will, den zweiten Teil mit dem «Chorus mysticus» geschlossen. Da zeigt er uns, wie er in jedem Vergänglichen nichts anderes sieht als ein Gleichnis für ein Unvergängliches, für ein Ewiges. Das ist die Anschauung der Mystik oder Theosophie, dass, was sinnlich vorhanden ist, nur ein Gleichnis für das Unvergängliche ist. Dasjenige, was der Mensch niemals erlangen kann in der Sinneswelt, wonach er strebt in der Sinneswelt, den wirklichen Sinn des Lebens zu erkennen, dieses «Unzulängliche», das wird «Ereignis» in der höheren Welt durch praktische Mystik; und was man nicht beschreiben kann, das kann erlebt werden. Dann werden die im Menschen schlummernden geistigen Kräfte geweckt; er nimmt nicht nur sinnlich wahr, sondern wird hinaufgeführt in die höheren Welten. Das für die sinnliche Welt «Unbeschreibliche» ist getan, jetzt in den höheren Welten. Und dasjenige, was die Mystiker aller Zeiten das «Weibliche» genannt haben, das Höchste, das, zu dem das Niedere hinstrebt, das, was Goethe bei den «Müttern», im «Weiblichen» gesucht hat, das «Ewig-Weibliche», das Höchste in der menschlichen Seele, das zieht den Menschen hinan. Das ist das grundsätzliche Bekenntnis Goethes, des Mystikers, das er hier zum Ausdruck gebracht hat und das zurückleuchtet auf all das, was er hineingeheimnisst hat in seinen «Faust»:
[ 38 ] In the second part of Faust, Goethe has hidden many secrets for the initiate who is willing to listen for them. And then, to suggest that he intended Faust to be understood in a mystical sense, he concluded the second part with the “Chorus mysticus.” There he shows us how he sees nothing in anything transitory but a parable for the imperishable, for the eternal. This is the perspective of mysticism or theosophy: that what exists in the sensory world is merely a parable for the imperishable. That which a human being can never attain in the sensory world—that which he strives for in the sensory world, namely, to recognize the true meaning of life—this “inadequacy” becomes an “event” in the higher world through practical mysticism; and what cannot be described can be experienced. Then the spiritual powers slumbering within the human being are awakened; he not only perceives through the senses but is led upward into the higher worlds. What is “indescribable” in the sensory world is accomplished, now in the higher worlds. And that which mystics of all ages have called the “feminine”—the highest, that toward which the lower strives, that which Goethe sought in the “mothers,” in the “feminine”—the “Eternally Feminine,” the highest in the human soul—draws the human being upward. This is the fundamental conviction of Goethe, the mystic, which he has expressed here and which sheds light on all that he has enshrined in his Faust:
Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche
Hier wird’s Ereignis;
as Unbeschreibliche,
ier ist’s getan;
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.
All that is fleeting
Is but a parable;
That which is inadequate
Here becomes an event;
The indescribable,
Here it is accomplished;
The eternally feminine
Draws us upward.
