Goethe and the Present
GA 68c
2 February 1905, Berlin
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Goethe and the Present, tr. SOL
17. Goethes Evangelium II
17. Goethe's Gospel II
[ 1 ] Vor acht Tagen versuchte ich, Goethes Weltanschauung an seinem «Faust» darzulegen. Wir haben dabei gesehen, dass Goethe den großen Kampf des Universums, des geistigen Universums, zwischen Gut und Böse, wie er sich abspielt im Menschen und um den Menschen, in der Weise darlegt, wie es im Sinne der Mystik oder dessen, was wir Theosophie nennen, ist. Wir haben gesehen, dass Goethe, da, wo er die Menschen hinweist auf die Welten, die über das Sinnliche hinausgehen, so zu Werke geht, dass wir an seinen Ausdrücken ganz genau nachweisen können seine intime Bekanntschaft mit dem, was wir in der Theosophie als unsere Überzeugung vertreten. Wir haben das sehen können am «Prolog im Himmel» und an der Art und Weise, wie er den Erdgeist sprechen lässt, dann aber auch in dem, was wir als Hindeutung auf die geistige Welt und als Gegenüberstellung des niederen und des höheren Selbst betrachten können. Wir haben die Ansprache an den Erdgeist näher betrachtet und gesehen, wie Goethe seinen Faust einführt in die Welt, die wir die Welt des höheren Erkennens nannten, indem er durchführte, wie der Mensch zusammengesetzt ist aus Leiblichem, Seelischem und Geistigem. Wir haben es zeigen können an dem Hinabsteigen des «Faust» zu den «Müttern», an den charakteristischen Eigenschaften des Homunculus, der in anderer Weise nicht plausibel gemacht werden kann, und dann an der Wiedermenschwerdung der Helena in der «Klassischen Walpurgisnacht». Wir haben gesehen, wie er aufsteigt zur Erkenntnis, hinaufsteigt auf die Höhen eines geistigen Montserrat, auf die Höhen der Erkenntnis und des mystischen Erlebens, abschließt mit den Worten, die er den Chorus mysticus sagen lässt, und darin andeutet, in welchem Sinne er den Faust aufgefasst wissen will.
[ 1 ] Eight days ago, I attempted to explain Goethe’s worldview as reflected in his Faust. In doing so, we saw that Goethe presents the great struggle of the universe—the spiritual universe—between good and evil, as it unfolds within and around human beings, in a manner consistent with mysticism or what we call theosophy. We have seen that whenever Goethe directs people’s attention to the worlds that transcend the sensory realm, he does so in such a way that we can clearly demonstrate, through his expressions, his intimate familiarity with what we hold as our conviction in theosophy. We have seen this in the “Prologue in Heaven” and in the way he has the Earth Spirit speak, but also in what we can regard as an allusion to the spiritual world and as a juxtaposition of the lower and higher self. We have examined the address to the Earth Spirit more closely and seen how Goethe introduces his Faust to the world we have called the world of higher knowledge by elucidating how the human being is composed of the physical, the psychical, and the spiritual. We were able to demonstrate this through Faust’s descent to the “Mothers,” through the characteristic qualities of the homunculus—which cannot be plausibly explained in any other way—and then through Helena’s return to human form in the “Classical Walpurgis Night.” We have seen how he ascends to knowledge, climbing to the heights of a spiritual Montserrat, to the heights of knowledge and mystical experience, concluding with the words he has the Chorus mysticus speak, and thereby hinting at the sense in which he wishes Faust to be understood.
[ 2 ] Das, was Goethe dabei zum Ausdruck gebracht hat, ist kein Spiel der Phantasie, auch nicht in bloß dichterischem Sinne gemeint, denn Goethe hat von jeher in der Kunst die Ausprägung geheimer Naturgesetze gesehen, was er ein anderes Mal so ausdrückte, dass er sagte: Die Kunst soll beruhen auf den tiefsten Grundlagen der Erkenntnis. Es ist ohne Zweifel, wenn wir Goethe verfolgen bis zu seiner Lebenshöhe, wenn wir aufschauen und aufblicken zu den geistigen Welten, dann werden wir eine fortwährende Steigerung zu wirklich mystischen Höhen bei Goethe selbst nachweisen können. Schon das letzte Mal habe ich darauf aufmerksam gemacht, dass die Hinlenkung des Goethe-Blickes zum Geistigen nicht nur in der Anlage war, sondern vorhanden war, als er schon eine Weltanschauung sich begründet hatte, als er bei seinem Eintritte in Weimar versuchte, sich klarzumachen, wie die Dinge in der Natur zusammenhängen, als er da eine geistige Wesenheit suchte, die aller Natur zugrunde liegt. Ich habe das letzte Mal schon gesprochen von dem «Natur»-Hymnus, den er in Weimar gedichtet hat. Da spricht er unmittelbar die Natur an, aber so, dass sie ihm zum unmittelbaren Ausdruck wird für eine geistige Wesenheit. An jedem Wort können Sie in diesem Prosahymnus sehen, dass er die Natur als ein Wesen geistiger Art anspricht. Er sagt in dem Buche «Zur Naturwissenschaft» im Allgemeinen über die Natur:
[ 2 ] What Goethe expressed here is not a flight of fancy, nor is it meant in a purely poetic sense, for Goethe has always viewed art as the manifestation of secret laws of nature—a view he once expressed by saying: “Art should be based on the deepest foundations of knowledge.” There is no doubt that if we follow Goethe to the pinnacle of his life, if we look up and gaze toward the spiritual worlds, then we will be able to demonstrate a continuous ascent to truly mystical heights in Goethe himself. I already pointed out last time that the turning of Goethe’s gaze toward the spiritual was not merely a tendency but was already present when he had already established a worldview for himself, when, upon his arrival in Weimar, he sought to understand how things in nature are interconnected, and when he sought there a spiritual entity that underlies all of nature. Last time I already spoke of the “Nature” hymn he composed in Weimar. There he addresses nature directly, but in such a way that it becomes for him a direct expression of a spiritual entity. In every word of this prose hymn, you can see that he addresses nature as a spiritual being. In his book On Natural Science, he says the following about nature in general:
Natur! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen — unvermögend aus ihr herauszutreten, und unvermögend tiefer in sie hineinzukommen. Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermüdet sind und ihrem Arme entfallen [...] Gedacht hat sie und sinnt beständig; aber nicht als ein Mensch, sondern als Naturf[...] Sie hat keine Sprache noch Rede, aber sie schafft Zungen und Herzen durch die sie fühlt und spricht [...] Ich sprach nicht von ihr. Nein, was wahr ist und was falsch ist, alles hat sie gesprochen. Alles ist ihre Schuld, alles ist ihr Verdienst.
Nature! We are surrounded and embraced by her—unable to step out of her, and unable to penetrate deeper into her. Uninvited and without warning, she draws us into the circle of her dance and carries us along until we are weary and slip from her arms [...] She has thought and continues to ponder; but not as a human being, rather as Nature[...] She has neither language nor speech, yet she creates tongues and hearts through which she feels and speaks [...] I was not speaking of her. No, whatever is true and whatever is false, she has spoken it all. Everything is her fault; everything is her merit.
[ 3 ] So stellt er sich in diese von ihm durchaus geistig gedachte Natur hinein und spricht von der Natur als von dem äußeren Ausdruck einer geistigen Wesenheit. Da Goethe die Natur in dieser Weise angesprochen hat, musste er ja aufsteigen. Denn so stellt er sich die leibliche Menschwerdung dar: Er stellt sich vor, dass das Seelische steht über der Natur. Es gehört zwar zum großen Weltganzen, und er spricht daher auch von einer höheren Natur. Aber indem er von der niederen Natur spricht, von den verschiedenen Veränderungen, von den Metamorphosen des Natürlichen, da baut er die Weltanschauung im Sinne des Mystischen auf. Um ein Beispiel zu geben, erwähne ich Paracelsus. Ohne ihn ist Goethe nicht denkbar. Durch Paracelsus ist Goethe verständlicher. Ich will nicht behaupten, dass des Paracelsus Lehren in Bausch und Bogen übernommen werden können. Glauben Sie nicht, dass ich denen das Wort reden will, welche heute wieder so sprechen möchten, wie Paracelsus gesprochen hat. Aber wir könnten von einem so auserwählt hohen Geiste noch unendlich viel lernen. Goethe hat von ihm auch unendlich viel gelernt. Nur ein einziges Wort, um zu zeigen, wie Goethe im Sinne des Paracelsus gestrebt hat: Paracelsus stellt sich vor die wahre Wesenheit des Menschen seelisch-geistig, sich verkörpernd in den Urformen des Naturwesens, im Mineralreich, Pflanzenreich, Tierreich, wo sie überall in einseitiger Weise zum Ausdruck kommt, um zuletzt im Menschen in allseitigster Weise sich auszuprägen. In den verschiedenen Mineralien, Pflanzen und Tieren sind Buchstaben geschaffen, mit denen der große Allgeist zuletzt den Menschen geschrieben hat. Es zeigt dies, einen wie tiefen Blick Paracelsus in das Menschenwesen getan hat. Als Goethe sich auf den Weg begibt, den Gang der Weltwesen von den unvollkommenen bis zu den vollkommenen zu studieren, drückt er sich in ähnlicher Weise aus wie Paracelsus. Frau von Stein bekam tagtäglich Antwort auf die Frage, wie seine Gedanken reiften. Da sagte er einmal zu ihr, als er glaubte, einer besonders wichtigen Entdeckung auf der Spur zu sein: Mein Buchstabieren hat mir geholfen. Er meinte, er habe versucht, kennenzulernen die Pflanzen und Tiere, die ihm, wie Paracelsus, Buchstaben waren zur Lösung des großen Rätsels, das der Mensch für den Menschen darstellt. In dieser Weise wollte Goethe vom Anfange seines Naturstudiums an vorgehen, um den großen geistigen Zusammenhang in allen Wesen zu suchen. So suchte er von Anfang an, was er die «Urpflanze» nannte, die in allen Pflanzen leben sollte und die im Grunde genommen der Geist des Pflanzendaseins ist. Dann stieg er auf zu dem «Urtier» und suchte das «Urtier» in den Tieren nachzuweisen. Metamorphose der Pflanzen und Metamorphose der Tiere — Sie brauchen sie nur zu lesen, und Sie werden die schönste theosophische Abhandlung über die Pflanzen und Tiere haben, die Sie nur finden können. Gerade durch diese Gesinnung wurde Goethe seinerzeit, und zwar bald nach seinem Eintritt in Weimar, zu einer wichtigen naturwissenschaftlichen Entdeckung geführt. Bis in die Zeit, in der Goethe sich auf die Naturstudien eingelassen hat, musste man die Tatsache, dass der Mensch höher steht als die Tiere, in dem Vorhandensein besonderer einzelner Organe finden. Dass sich der Mensch in seiner Leibesbeschaffenheit von den höheren Tieren unterscheide, dagegen hat sich schon Herder in seiner «Geschichte der Menschheit» gewendet. Herder war der Lehrer von Goethe in einem bedeutenden Maßstabe. Man sagte damals: Alle höheren Tiere haben die oberen Schneidezähne in einem besonderen Zwischenkieferknochen. Nur der Mensch hat keinen solchen Zwischenkieferknochen. Goethe sagte: Der Unterschied des Menschen von den übrigen Wesen ist seelisch-geistiger Art. Aber nicht in einer solchen Einzelheit kann der Unterschied gefunden werden, deshalb muss der Mensch auch einen Zwischenknochen haben. Die Forscher haben sich lange gesträubt, diese Entdeckung Goethes anzuerkennen. Aber heute ist es selbstverständlich, dass die Entdeckung auf einer vollen Tatsache beruht. So hat Goethe damals schon diese große naturwissenschaftliche Entdeckung aus seiner Gesinnung heraus gemacht. In Italien verfolgte er die Pflanzen- und Tierwelt in dem Sinne, Mittel und Wege zu finden, um die Wesen überblicken zu können. In der «Metamorphose der Pflanzen und Tiere» hat er ein Kabinettstück dafür gegeben. Der Gedanke, den Goethe durchgeführt hat, ist ein Gedanke, der sich schon bei Giordano Bruno in großem Umfange findet. Giordano Bruno ist nämlich, so wie es sich für jedes wirklich in die Tiefen der Natur und des Universums hineinsehende Wesen von selbst versteht, einer derjenigen, welcher das Durchgehen des Menschen durch die verschiedenen Inkarnationen annimmt, der annimmt, dass der Mensch oftmals schon da war und oftmals noch wiederkommen wird. Der Leib des Menschen, wie wir ihn vor uns haben, zeigt uns, wie Seele und Geist sich ausbreiten im Raum. Und wenn der Mensch stirbt, dann ziehen sich Seele und Geist zusammen, sie werden gleichsam punktuell, um sich wieder auszudehnen und dann wieder zusammenzuziehen. So wechselt das Dasein zwischen Ausdehnung und Zusammenziehen. Der Mensch steigt auf, indem er sich immer mehr und mehr steigert, vollkommener wird bei jeder neuen Ausdehnung, um sich wieder zusammenzuziehen und durch das rein geistige Reich zu gehen. Diese Gedanken hat Giordano Bruno gedacht, und sie wurden von Goethe auf das Pflanzen- und Tierleben ausgedehnt. Die ganze Metamorphose zeigt uns, dass die Pflanze von der Blüte und von der Wurzel aus im Zusammenziehen und Auseinanderfalten besteht. Das ist auch bei Swedenborg zu finden in den Büchern, wo er die grundlegenden Entdeckungen, die er gemacht hat, aufnotiert hat, die dann bei Goethe fruchtbar geworden sind und bei diesem uns wieder entgegentreten. Jetzt haben sich einige Gelehrte der nordischen Akademien zusammengetan, um die Schriften Swedenborgs herauszugeben, und man wird sehen, welche große Summe von Wissenschaft auf allen Gebieten der Naturwissenschaft bei Swedenborg zu finden ist. Goethe hat sich mit Swedenborg beschäftigt, und es gibt eine interessante Doktordissertation der Berliner Universität, von Hans Schlieper, worin der Zusammenhang der Schriften Goethes mit Swedenborg nachgewiesen ist. Wollen Sie einen Einblick gewinnen, wie Swedenborg diese Gedanken ausgeführt hat, dann brauchen Sie nur in Emersons «Repräsentanten des Menschengeschlechts» den Artikel über Swedenborg nachzulesen, und Sie werden die Gedanken finden, die bei Goethe so außerordentlich fruchtbar geworden sind. Sie werden aber auch finden, dass die verschiedenen Naturreiche zuletzt ihre Krönung finden müssen im Menschen, dass zuletzt sich zeigen muss, wie aus der kleinen Welt die Seele herausgeht, um in der großen Welt, im Kosmos, ihre Einheit zu finden. Schiller hat das auch in grandioser Weise zum Ausdruck gebracht. In seinem Briefwechsel mit Goethe schreibt Schiller am 23. August 1794:
[ 3 ] Thus he places himself within this nature—which he conceives entirely in spiritual terms—and speaks of nature as the outward expression of a spiritual being. Since Goethe addressed nature in this way, he was bound to ascend. For this is how he conceives of the physical incarnation: he imagines that the soul stands above nature. It is, of course, part of the great whole of the world, and he therefore also speaks of a higher nature. But in speaking of lower nature—of the various changes, of the metamorphoses of the natural world—he constructs a worldview in the mystical sense. To give an example, I mention Paracelsus. Goethe is inconceivable without him. Through Paracelsus, Goethe becomes more understandable. I do not mean to claim that Paracelsus’s teachings can be adopted wholesale. Do not think that I wish to speak on behalf of those who today would like to speak again as Paracelsus did. But we could still learn an infinite amount from such a uniquely exalted spirit. Goethe, too, learned an infinite amount from him. Just one word to illustrate how Goethe strove in the spirit of Paracelsus: Paracelsus places himself before the true essence of the human being—psychically and spiritually—embodied in the primordial forms of nature, in the mineral, plant, and animal kingdoms, where it is expressed in a one-sided manner everywhere, only to ultimately manifest itself in the most comprehensive way in human beings. In the various minerals, plants, and animals, letters are created with which the great Universal Spirit ultimately wrote the human being. This shows how deeply Paracelsus penetrated the human being. When Goethe set out to study the progression of worldly beings from the imperfect to the perfect, he expressed himself in a manner similar to Paracelsus. Mrs. von Stein received daily answers to the question of how his thoughts were maturing. Once, when he believed he was on the trail of a particularly important discovery, he said to her: “My spelling has helped me.” He meant that he had tried to get to know the plants and animals, which, like Paracelsus, were letters to him for solving the great riddle that human beings represent for one another. From the very beginning of his study of nature, Goethe intended to proceed in this way in order to seek the great spiritual connection within all beings. Thus, from the outset, he sought what he called the “primordial plant,” which was supposed to live within all plants and which, in essence, is the spirit of plant existence. Then he moved on to the “primordial animal” and sought to demonstrate the existence of the “primordial animal” within animals. The Metamorphosis of Plants and The Metamorphosis of Animals—you need only read them, and you will have the most beautiful theosophical treatise on plants and animals that you can possibly find. It was precisely this mindset that led Goethe, at that time—and indeed soon after his arrival in Weimar—to an important scientific discovery. Up until the time Goethe began his studies of nature, the fact that humans are superior to animals had to be found in the presence of specific individual organs. The idea, however, that humans differ from higher animals in their physical constitution had already been challenged by Herder in his History of Mankind. Herder was, to a significant extent, Goethe’s teacher. It was said at the time: All higher animals have their upper incisors set in a special intermediate jawbone. Only humans lack such an intermediate jawbone. Goethe said: The difference between humans and other beings is of a spiritual and mental nature. But the difference cannot be found in such a specific detail; therefore, humans must also have an intermediate bone. Researchers long resisted acknowledging Goethe’s discovery. But today it is taken for granted that the discovery is based on an indisputable fact. Thus, even back then, Goethe made this great scientific discovery out of his own conviction. In Italy, he studied the plant and animal worlds with the aim of finding ways to gain an overview of these beings. In The Metamorphosis of Plants and Animals, he presented a masterpiece of this kind. The idea that Goethe developed is one that is already found to a great extent in the work of Giordano Bruno. Giordano Bruno is, in fact—as is self-evident to any being who truly looks into the depths of nature and the universe—one of those who accepts that human beings pass through various incarnations, who accepts that human beings have been here many times before and will return many times again. The human body, as we see it before us, shows us how the soul and spirit expand into space. And when a human being dies, the soul and spirit contract; they become, as it were, point-like, only to expand again and then contract once more. Thus, existence alternates between expansion and contraction. Human beings ascend by continually elevating themselves, becoming more perfect with each new expansion, only to contract once more and pass through the purely spiritual realm. These were the thoughts of Giordano Bruno, and Goethe extended them to plant and animal life. The entire metamorphosis shows us that the plant, from the flower and the root, consists of contraction and unfolding. This can also be found in Swedenborg’s writings, where he recorded the fundamental discoveries he made, which then bore fruit in Goethe’s work and reappear to us through him. Now, a number of scholars from the Nordic academies have joined forces to publish Swedenborg’s writings, and we will see what a vast body of scientific knowledge across all fields of the natural sciences can be found in Swedenborg’s work. Goethe studied Swedenborg, and there is an interesting doctoral dissertation from the University of Berlin, by Hans Schlieper, which demonstrates the connection between Goethe’s writings and those of Swedenborg. If you wish to gain insight into how Swedenborg developed these ideas, you need only read the article on Swedenborg in Emerson’s Representative Men, and you will find the ideas that proved so extraordinarily fruitful in Goethe’s work. But you will also find that the various kingdoms of nature must ultimately find their culmination in humanity, that it must ultimately become evident how the soul emerges from the small world to find its unity in the great world, in the cosmos. Schiller also expressed this in a magnificent way. In his correspondence with Goethe, Schiller wrote on August 23, 1794:
Lange schon habe ich, obgleich aus ziemlicher Ferne, dem Gang Ihres Geistes zugesehen und den Weg, den Sie sich vorgezeichnet haben, mit immer erneuerter Bewunderung bemerkt. Sie suchen das Notwendige der Natur, aber Sie suchen es auf dem schweresten Wege, vor welchem jede schwächere Kraft sich wohl hüten wird. Sie nehmen die ganze Natur zusammen, um über das Einzelne Licht zu bekommen; in der Allheit ihrer Erscheinungsarten suchen Sie den Erklärungsgrund für das Individuum auf. Von der einfachen Organisation steigen Sie, Schritt vor Schritt, zu den mehr verwickelten hinauf, um endlich die verwickeltste von allen, den Menschen, genetisch aus den Materialien des ganzen Naturgebäudes zu erbauen. Dadurch, dass Sie ihn der Natur gleichsam nacherschaffen, suchen Sie in seine verborgene Technik einzudringen. Eine große und wahrhaft heldenmäßige Idee, die zur Genüge zeigt, wie sehr Ihr Geist das reiche Ganze seiner Vorstellungen in einer schönen Einheit zusammenhält. Sie können niemals gehofft haben, dass Ihr Leben zu einem solchen Ziele zureichen werde, aber einen solchen Weg auch nur einzuschlagen, ist mehr wert, als jeden andern zu endigen — und Sie haben gewählt, wie Achill in der Ilias zwischen Pythia und der Unsterblichkeit.
For a long time now, though from a considerable distance, I have observed the course of your mind and noted the path you have charted for yourself with ever-renewed admiration. You seek the essence of nature, but you seek it by the most arduous path, one that any weaker mind would surely avoid. You take all of nature as a whole in order to shed light on the individual; in the totality of its manifestations, you seek the basis for explaining the individual. From simple organisms, you ascend, step by step, to the more complex ones, in order to finally construct the most complex of all—human beings—genetically from the building blocks of the entire edifice of nature. By recreating him, as it were, in the image of nature, you seek to penetrate his hidden mechanisms. A grand and truly heroic idea, which amply demonstrates how deeply your mind holds together the rich whole of its concepts in a beautiful unity. You could never have hoped that your life would be sufficient to achieve such a goal, but merely setting out on such a path is worth more than completing any other—and you have chosen, like Achilles in the Iliad, between Pythia and immortality.
[ 4 ] Ich könnte noch weiterlesen, und Sie würden finden, wie jedes einzelne Wort Schillers treffend in Bezug auf Goethe ist. Goethe selbst hat sich über dieses Verhältnis des Menschen als eines Mikrokosmos zu der übrigen Natur in einer sehr schönen Weise ausgesprochen, indem er mit ungeheurer Kraft der Worte zeigt, wie im Menschen nicht eine Einzelheit, sondern der ganze Geist der Natur lebt, wie dieser ganze Geist zur Anschauung seiner selbst gelangt. Wer sich erinnert an die schönen Worte, die die deutschen Mystiker gesprochen haben, der wird unter anderen das Wort kennen: Im Menschen lebt die Gottheit, und im Menschen hat sich Gott ein Organ geschaffen, um sich selbst anzuschauen. Goethe sagt in seinem Buche über Winckelmann, da, wo er über Antikes spricht:
[ 4 ] I could go on reading, and you would find how every single one of Schiller’s words aptly applies to Goethe. Goethe himself has expressed this relationship between human beings—as a microcosm—and the rest of nature in a very beautiful way, demonstrating with tremendous power of language how not just a single aspect, but the entire spirit of nature lives within human beings, and how this entire spirit comes to perceive itself. Anyone who recalls the beautiful words spoken by the German mystics will be familiar, among others, with this one: “Divinity lives within man, and in man God has created an organ through which to contemplate Himself.” Goethe says in his book on Winckelmann, where he discusses antiquity:
Wenn die gesunde Natur des Menschen als ein Ganzes wirkt, wenn er sich in der Welt als in einem großen, schönen, würdigen und werten Ganzen fühlt, wenn das harmonische Behagen ihm ein reines, freies Entzücken gewährt — dann würde das Weltall, wenn es sich selbst empfinden könnte, als an sein Ziel gelangt aufjauchzen und den Gipfel des eigenen Werdens und Wesens bewundern.
When the healthy nature of human beings functions as a whole, when they feel at home in the world as part of a great, beautiful, dignified, and valuable whole, when this harmonious contentment grants them a pure, free delight—then the universe, if it could perceive itself, would rejoice at having reached its goal and marvel at the pinnacle of its own becoming and being.
[ 5 ] Was sagt Goethe da anderes, als was er in seinem «Faust» als den Durchgang aller Reiche durch die Natur darstellt. Goethe war nie zufrieden mit der materialistischen Auffassung der Natur. Und als Holbach in dieser Beziehung einen besonders krassen Ausdruck geschaffen hatte, da wendete er sich schon als junger Mann gegen ihn. Goethe sagt darüber, er [habe] nichts darin finden können als eine öde Spekulation, nicht aber eine wirkliche Naturerklärung. Und ferner, eine Materie sollte sein von Ewigkeit, und von Ewigkeit sollte sie bewegt sein, und dadurch sollte sie die Phänomene des Daseins hervorbringen. So fertigt Goethe den Materialismus ab. Goethe hat immer gestrebt, den Einklang zu finden zwischen dem, was er geistige Natur nennt, und dem, was die Verleibung der geistigen Natur darstellt. Daher war er ein Anhänger der Lehre, die in unserem Leiblichen, in den äußeren Gestalten der Natur die Verkörperung des Geistes sieht. Goethe stand zeitlebens auf diesem Standpunkte und erhöhte diesen Standpunkt zu immer klareren Formen. Nun bedingt aber dieser Standpunkt etwas anderes. Er bedingt, dass wir anerkennen, dass es mit dem Menschen nicht abgeschlossen ist. Die Reiche der Vollkommenheit müssen sich fortsetzen über den Menschen hinaus. Das ist theosophische Weltanschauung. So stehen wir als Theosophen nicht auf dem Standpunkte, dass das menschliche Wesen irgendwie abgeschlossen ist. Aber so, wie nebenbei auch unvollkommenere Wesenheiten sind, so erkennen wir auch an, dass wir vollkommenere und unvollkommenere Menschenbrüder haben, ja, dass es welche gibt, die weit über das Maß der übrigen Menschen hinausgeschritten sind. Das sind die großen Lehrer, die bemüht sind, die Menschen hinaufzuführen zu immer höheren und höheren Welten. Das ist ein Reich von den niedersten Wesen bis zu den Göttern. Wir erkennen an, dass der Mensch sich seinerzeit zur Göttlichkeit erheben wird, und wir erkennen heute schon eine Ordnung, die beginnt bei den niederen Geistern und endigt nicht eher, bis das physische Dasein erschöpft ist und wir hinaufblicken in Höhen und Wesen, die die Kluft ausfüllen zwischen den Menschenwesen und den Wesen, von denen die Menschen nur eine Ahnung haben. In diesem Sinne, dass er hinaufgeblickt hat zu höheren geistigen Wesenheiten, hat Goethe gesprochen sein Gedicht aus der ersten Weimarischen Zeit, das bekannte Gedicht «Das Göttliche»:
[ 5 ] What else is Goethe saying here other than what he depicts in his Faust as the passage of all realms through nature? Goethe was never satisfied with the materialistic view of nature. And when Holbach had formulated a particularly stark expression of this view, Goethe, even as a young man, turned against him. Goethe says of this that he could find nothing in it but barren speculation, not a true explanation of nature. Furthermore, matter was supposed to exist from eternity, and from eternity it was supposed to be in motion, thereby producing the phenomena of existence. Thus Goethe dismisses materialism. Goethe always strove to find harmony between what he calls spiritual nature and what constitutes the embodiment of spiritual nature. Therefore, he was a follower of the doctrine that sees the embodiment of the spirit in our physical being and in the outer forms of nature. Goethe held this viewpoint throughout his life and developed it into ever clearer forms. However, this standpoint implies something else. It implies that we must acknowledge that the human being is not the final stage. The realms of perfection must extend beyond the human being. This is the theosophical worldview. Thus, as theosophists, we do not take the standpoint that the human being is in any way a closed entity. But just as there are also less perfect beings, so too do we acknowledge that we have both more perfect and less perfect fellow human beings—indeed, that there are some who have advanced far beyond the level of the rest of humanity. These are the great teachers who strive to lead humanity upward into ever higher and higher worlds. This is a realm extending from the lowest beings all the way up to the gods. We acknowledge that humanity will one day rise to divinity, and we already recognize today an order that begins with the lower spirits and does not end until physical existence is exhausted, and we look up to heights and beings that fill the gulf between human beings and those beings of whom humans have only a faint inkling. It was in this sense—that he looked up to higher spiritual beings—that Goethe composed his poem from his early Weimar period, the well-known poem “The Divine”:
Edel sei der Mensch,
Hilfreich und gut!
Denn das allein
Unterscheidet ihn
Von allen Wesen,
Die wir kennen.
Heil den unbekannten
Höhern Wesen,
Die wir ahnen!
Ihnen gleiche der Mensch!
Sein Beispiel lehr’ uns
Jene glauben.
May man be noble,
Helpful and good!
For that alone
Distinguishes him
From all beings
That we know.
Hail to the unknown
Higher beings
That we sense!
May man be like them!
May his example teach us
To believe in them.
[ 6 ] Das ist das Gedicht, in dem Goethe die Stufenfolge hinauf zu höheren Wesen ausgesprochen hat. Diejenigen, welche hier theosophische Vorträge schon früher gehört haben, werden wissen, dass wir in der Theosophie eine ununterbrochene Folge von Wesen, vom heutigen Durchschnittsmenschen bis zu den höheren Wesen, anerkennen, dass wir wissen, dass unter uns Menschenbrüder sind, die hohe Stufen erlangt haben, die unsere Lehrer sind, sich aber von dem Getriebe der Menschen abgezogen haben, weil sie Freiheit haben müssen. Nur einer Anzahl von Schülern ist es möglich, sie zu sehen. Diejenigen, die sich zur Inbrunst tiefer Wahrheiten, zu einer entsprechenden Erkenntnis erheben, die eine freie sein muss, können diese erhöhten menschlichen Individualitäten hören. Goethe spricht dann von diesen höheren Individualitäten. Nur das Gedicht «Symbolum» brauche ich zu zitieren. Darin spricht er von dem heiligen Schauer, der uns durchdringen muss gegenüber der Wahrheit und gegenüber der geistigen Welt. Goethe spricht also hier von den Stimmen der Geister und der Meister. Das wird Ihnen die tiefe Übereinstimmung Goethes mit dem, was wir die theosophische Weltanschauung nennen, zeigen. Nun möchte ich Ihnen auch zeigen, dass eine solche Übereinstimmung bei Goethe wirklich sehr weit geht. Sie wissen, wir sprechen in der theosophischen Weltanschauung davon, dass die Menschen nicht nur den physischen Körper haben. Dieser physische Leib ist ein untergeordneter Leib des Menschen. Dann haben wir den Äther-Doppel-Leib. Der kann gesehen werden von dem, dessen seelische Organe offen sind. Er wird dann gesehen, wenn man sich den physischen Körper absuggeriert. Dann ist derselbe Raum, den der Mensch einnimmt, ausgefüllt von dem Ätherleib. Er sieht aus wie die Farbe der Pfirsichblüte. Dann kommt der Astralleib, der Ausdruck der Empfindungen, Triebe, Begierden und Leidenschaften. Diesen Leib nennt die theosophische Weltanschauung «Kama-Rupa». Von diesen drei übereinanderstehenden Körpern spricht man heute. Man spricht davon, dass ein Gleichnis vorhanden ist in unserer physischen Natur. Der sogenannte Okkultist spricht davon, dass der physische Leib ein äußeres Gleichnis hat in dem, was wir feste Körper nennen, dass dasjenige, was wir Ätherkörper nennen, eine Ähnlichkeit hat mit dem Flüssigen, und dass der Astralleib ein sinnliches Gleichnis hat in allem, was sich gas- und luftförmig ausnimmt. Alles, was sich gestaltet im sinnlichen und Triebleben, spricht man als Gleichnis an für den astralischen Leib. In mystischer Form spricht man von einer Gottheit, die diese Gestaltungen schafft. Das ist nichts anderes als «Kama». Goethe hat, als er die Wolkengebilde studierte, ganz im Sinne dieser Weltanschauung davon gesprochen, dass sich auch für ihn in der Ausprägung der Gestaltung des Wassers ein Abbild ergibt für das eigentlich Seelische, ein KamaRupa:
[ 6 ] This is the poem in which Goethe described the progression up to higher beings. Those who have attended theosophical lectures here before will know that in Theosophy we recognize an unbroken succession of beings, ranging from the average person of today to the higher beings; that we know there are fellow human beings among us who have attained high levels, who are our teachers, but who have withdrawn from the hustle and bustle of human life because they must have freedom. Only a select few disciples are able to see them. Those who rise to a fervor for profound truths, to a corresponding insight—which must be a free one—can hear these exalted human individualities. Goethe then speaks of these higher individualities. I need only quote the poem “Symbolum.” In it, he speaks of the sacred shudder that must pierce us in the face of truth and the spiritual world. Goethe is thus speaking here of the voices of the spirits and the Masters. This will show you the profound harmony between Goethe and what we call the theosophical worldview. Now I would also like to show you that such harmony truly extends very far in Goethe’s work. As you know, in the theosophical worldview we speak of the fact that human beings have more than just a physical body. This physical body is a subordinate body of the human being. Then we have the etheric double. It can be seen by those whose soul organs are open. It is seen when one visualizes the physical body away. Then the same space occupied by the human being is filled by the etheric body. It looks the color of peach blossoms. Next comes the astral body, the expression of feelings, drives, desires, and passions. The theosophical worldview calls this body “Kama-Rupa.” These three superimposed bodies are what we speak of today. It is said that there is a correspondance within our physical nature. The so-called occultist speaks of the physical body having an external correspondance in what we call solid bodies, of what we call the etheric body bearing a resemblance to liquids, and of the astral body having a sensory correspondance in everything that takes on a gaseous or air-like form. Everything that takes shape in the sensual and instinctual life is referred to as a likeness of the astral body. In mystical terms, one speaks of a deity who creates these forms. This is nothing other than “Kama.” When Goethe studied cloud formations, he spoke—entirely in keeping with this worldview—of how, for him as well, the distinct forms of water reveal an image of the truly spiritual, a Kama-Rupa:
Wenn Gottheit Camarupa, hoch und hehr,
Durch Lüfte schwankend wandelt leicht und schwer,
Des Schleiers Falten sammelt, sie zerstreut,
Am Wechsel der Gestalten sich erfreut,
Jetzt starr sich hält, dann schwindet wie ein Traum,
a staunen wir und traun dem Auge kaum;
When the deity Camarupa, lofty and majestic,
Wavers through the air, moving now lightly, now heavily,
Gathers the folds of her veil, then scatters them,
delighting in the shifting forms,
now standing still, then fading like a dream,
we marvel and can scarcely believe our eyes;
[ 7 ] Bis auf den Ausdruck «Camarupa» können Sie bei Goethe die theosophische Weltanschauung wiederfinden. Die Frage ist nun: Wie hängt Goethe mit dem zusammen, was wir wirklich theosophische Bewegung nennen und wie sie nicht etwa erst durch die Theosophische Gesellschaft geschaffen worden ist. Die Theosophische Gesellschaft [unternimmt] bloß eine Popularisierung der alten theosophischen Lehren, die immer vorhanden waren. Vor dem Jahre 1875 hat man streng an dem Grundsatz festgehalten, dass die theosophischen Lehren Geheimnis sein müssen, dass nur derjenige sie lernen kann, welcher sich zu ganz bestimmten Voraussetzungen und Bedingungen bekennt. Sie finden in meiner Zeitschrift «Luzifer-Gnosis» etwas besprochen, das Sie selbst zu Höherem hinlenken kann. In früheren Zeiten wurden die theosophischen Lehren nur in engsten Kreisen, in den sogenannten Geheimschulen betrieben. Nur diejenigen konnten bestimmte Lehren empfangen, die bestimmte Grade erreicht hatten. Ein bestimmter Grad von Geheimnissen wurde dem Menschen nur dann übermittelt, wenn er bestimmte Grade erreicht hatte. Die bedeutsamste Gesellschaft war die der Rosenkreuzer, eine streng geheime Gesellschaft. Was Sie davon in Büchern finden, können Sie meinetwegen als Schwindel bezeichnen. Was in der Literatur zu finden ist und was der Gelehrsamkeit zugänglich ist, das ist keine Rosenkreuzerei. Die Brüder kannten sich nur untereinander. An der Spitze standen zwölf Eingeweihte. Nur der Dreizehnte war der Führer. Das äußere Symbolum war das Kreuz mit Rosen. Die Gesellschaft hatte, trotzdem sie eine Geheimgesellschaft war, einen großen Einfluss auf den Gang der geistigen Entwicklung. In der Zeit, als der Materialismus noch nicht die großen Kreise beherrschte, konnte noch ein sehr großer geistiger Einfluss ausgeübt werden. Diese Rosenkreuzergesellschaft ist nun diejenige, deren Tradition und innere Bedeutung auch Goethe kannte. Er lernte sie frühzeitig kennen. In der Zeit, wo er nach einer sehr schweren Krankheit, nach seiner Leipziger Studienzeit, in Frankfurt sich aufhielt, wurde er durch eine gewisse Persönlichkeit in die Geheimnisse der Rosenkreuzer eingeweiht. Mehr und mehr vertiefte sich diese Mystik in Goethe. Nun hat er das, was er in dieser Beziehung zu sagen hatte, in einem sehr tiefen Gedichte niederlegen wollen. Er hat gerade in der Zeit, als er dieses Gedicht geschrieben hat, sich insofern als praktischer Mystiker erwiesen, als er das Leben als praktische Mystik aufgefasst hat. Nur unter bestimmten Voraussetzungen ist ihm das Vertrauteste gelehrt worden. Frau von Stein war eine seiner Vertrautesten. Er konnte sich diese Verbindung nicht anders vorstellen, als dass er zu ihr gehört hat schon in früheren Leben. Das ist das Wichtige. Nicht das Dogma von der Wiederverkörperung; das Leben unter diesem Gesichtspunkte aufzufassen ist die Hauptsache. So sagte Goethe einmal, um sich seine tiefe Verbindung, sein Verhältnis mit Frau von Stein klar zu machen: Du warst in abgelebten Zeiten sicherlich einmal meine Schwester oder meine Frau. Das ist die Art und Weise, wie er hier und auch in anderer Weise die Reinkarnation deutet. Selbstverständlich betrachtet Goethe dies als sein Geheimnis. Er spricht davon nur zu seinen Vertrauten. Deshalb können Sie manches von Goethe anführen, was scheinbar diesem widerspricht. Das können Sie auch bei anderen Mystikern finden. Dass es so ist, weiß man. Nun hat Goethe etwas von einem Aufstieg, von einer spirituellen Ordnung in der Rosenkreuzerei in dem genannten Gedicht zum Ausdruck gebracht. Dieses Gedicht ist Frau von Stein so sehr lieb geworden, es heißt «Die Geheimnisse». Es ist nicht fertig geworden. Die Größe des Gedichts hätte viel umfangreicher sein müssen. Er hätte sich vielleicht aussprechen können, wenn es so viele Strophen gehabt hätte wie das Jahr Tage. Klar hat er aber zum Ausdruck gebracht: erstens diese Grundidee und zweitens die Anschauung, dass ein Wahrheitskern in allen Religionen zu finden ist, dass alle großen Religionen eine Grundlehre, die sogenannte Weisheitsreligion, enthalten, und dass die verschiedenen Weisheitsreligionen verkörpert sind in einzelnen großen Eingeweihten, die zu einer Bruderschaft miteinander verbunden sind, dass sie verschieden sind nach deren Anlagen, nach der Landesbeschaffenheit und so weiter. Der Brahmanismus, der Buddhismus, der Konfuzianismus, die Lehren des Hermes, des Judentums, des Christentums; sie alle enthalten einen gemeinschaftlichen Wahrheitskern. Verschieden sind sie, weil diejenigen, welche wirklich den Menschen in seiner spirituellen Wesenheit erfassen, wissen, dass es sich nicht darum handelt, ein abstraktes Dogma durchzuführen, sondern dass man zu jedem Menschen in seiner Weise sprechen muss. Man muss nur den Wahrheitskern besitzen, dann kann man ihn in die Sitten jedes Landes kleiden. Sie finden, dass unsere theosophischen Lehren innerhalb der Hindu-Religion wieder aufgebaut haben die alten Lehren der Rishis, ebenso in Europa. Da sogar in einer Form, die der Wissenschaft wieder gewachsen sein wird. So kann zu jedem Volke in seiner besonderen Sprache gesprochen werden. Aber ein gemeinschaftlicher Wahrheitskern lebt in allen diesen Sprachen. Das war auch die Anschauung der Rosenkreuzer, die auch Goethe in dem Gedichte «Die Geheimnisse» ausgesprochen hat. Sie werden sehen, wie viel von Mystik und Theosophie in Goethe lebt, wenn wir seine geheimen Offenbarungen im Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie betrachten. Jetzt aber lassen Sie uns einmal diese rosenkreuzerische Färbung in seinem Gedichte, das ein Fragment geblieben ist, [betrachten]. Goethe weiß, dass nicht viele da sein werden, welche dieses Gedicht «Die Geheimnisse» werden verstehen können. Er weiß auch, dass dieses Gedicht so viel enthält, dass keiner sich vermessen darf zu glauben, es vollständig zu verstehen. Aber er drückt es klar aus, dass er uns in seine tiefste Seele sehen lässt:
[ 7 ] With the exception of the term “Camarupa,” you can find the theosophical worldview in Goethe’s work. The question now is: How is Goethe connected to what we truly call the Theosophical Movement—and how it was not, for example, created only by the Theosophical Society? The Theosophical Society merely [undertakes] the popularization of the ancient theosophical teachings, which have always existed. Before 1875, the principle was strictly adhered to that theosophical teachings must remain a secret, and that only those who meet very specific prerequisites and conditions may learn them. In my journal Luzifer-Gnosis you will find discussions of matters that can guide you toward higher realms. In earlier times, theosophical teachings were practiced only within the narrowest of circles, in the so-called secret schools. Only those who had attained certain degrees were able to receive specific teachings. A certain level of esoteric knowledge was imparted to a person only after they had attained specific degrees. The most significant society was that of the Rosicrucians, a strictly secret society. Whatever you find about it in books, you may, for all I care, call a hoax. What is found in literature and what is accessible to scholarship is not Rosicrucianism. The brothers knew only one another. At the head stood twelve initiates. Only the Thirteenth was the leader. The outward symbol was the cross with roses. Although it was a secret society, it exerted a great influence on the course of spiritual development. In the time when materialism had not yet come to dominate the wider world, it was still able to exert a very great spiritual influence. This Rosicrucian Society is the very one whose tradition and inner significance Goethe also knew. He became acquainted with it at an early age. During the time he spent in Frankfurt following a very serious illness, after his student years in Leipzig, he was initiated into the mysteries of the Rosicrucians by a certain individual. This mysticism took ever deeper root within Goethe. He then sought to express what he had to say on this subject in a very profound poem. Precisely at the time he wrote this poem, he proved himself to be a practical mystic insofar as he conceived of life as practical mysticism. Only under certain conditions was he taught what was most intimate to him. Mrs. von Stein was one of his closest confidantes. He could not conceive of this connection in any other way than that he had belonged to her even in earlier lives. That is the important point. Not the dogma of reincarnation; the main thing is to view life from this perspective. Thus Goethe once said, to clarify to himself his deep connection, his relationship with Mrs. von Stein: “In times long past, you were surely once my sister or my wife.” This is the way in which he interprets reincarnation here and in other contexts as well. Of course, Goethe regarded this as his secret. He spoke of it only to his closest confidants. That is why you may find certain statements by Goethe that seem to contradict this. You can find similar instances among other mystics as well. We know that this is the case. Now, in the poem mentioned—titled “The Secrets”—Goethe has expressed something of an ascent, of a spiritual order within the Rosicrucian movement. This poem became so dear to Mrs. von Stein. It was never completed; the poem’s scope should have been much greater. He might have been able to express himself fully if it had had as many stanzas as there are days in the year. But he clearly expressed, first, this fundamental idea, and second, the view that a core of truth can be found in all religions, that all great religions contain a fundamental teaching—the so-called “religion of wisdom”—and that the various religions of wisdom are embodied in individual great initiates who are united in a brotherhood, differing according to their aptitudes, the nature of their countries, and so on. Brahmanism, Buddhism, Confucianism, the teachings of Hermes, Judaism, and Christianity—they all contain a common core of truth. They differ because those who truly comprehend human beings in their spiritual essence know that it is not a matter of enforcing an abstract dogma, but rather that one must speak to each person in their own way. One need only possess the core of truth; then one can clothe it in the customs of every country. You will find that our theosophical teachings have rebuilt the ancient teachings of the Rishis within the Hindu religion, just as they have in Europe—even in a form that will once again be commensurate with science. In this way, one can speak to every people in their own particular language. But a common core of truth lives in all these languages. This was also the view of the Rosicrucians, which Goethe expressed in the poem “The Mysteries.” You will see how much mysticism and theosophy lives within Goethe when we consider his secret revelations in the fairy tale of the Green Snake and the Beautiful Lily. But now let us take a moment to [consider] this Rosicrucian hue in his poem, which has remained a fragment, [examine]. Goethe knows that there will not be many who will be able to understand this poem, “The Mysteries.” He also knows that this poem contains so much that no one should presume to believe they fully understand it. But he expresses it clearly, allowing us to glimpse into the depths of his soul:
Ein wunderbares Lied ist euch bereitet;
Vernehmt es gern, und jeden ruft herbei!
Durch Berg’ und Täler ist der Weg geleitet;
Hier ist der Blick beschränkt, dort wieder frei,
Und wenn der Pfad sacht in die Büsche gleitet,
O denket nicht, dass es ein Irrtum sei;
Wir wollen doch, wenn wir genug geklommen,
Zur rechten Zeit dem Ziele näher kommen.
A wonderful song has been prepared for you;
Listen to it with joy, and call everyone here!
The path winds through mountains and valleys;
Here the view is limited, there it opens up again,
And when the path gently winds through the bushes,
Oh, do not think it is a mistake;
For when we have climbed far enough,
We shall draw nearer to our destination at the right time.
[ 8 ] Dann zeigt er, wie Bruder Markus hinwandelt zu einem einsamen Kloster. In diesem wohnen zwölf Einsiedler, die Eingeweihten, geführt von dem Dreizehnten, den Goethe Humanus nennt, der alle umfasst. In jedem dieser Zwölf ist eine der großen Weltreligionen verkörpert. Je nach der Verschiedenheit der Länder und Zeiten sind die verschiedenen Religionen verschieden, in jedem der Eingeweihten ist jede der Religionen verschieden. In einem Kollegium wirken sie aber für die ganze Menschheit. Der Führer Humanus heißt deshalb so, weil er eine so späte Inkarnation ist, dass in ihm auf eigentümliche Weise der höchste Wahrheits- und Erkenntnisgehalt zum Ausdruck kommt. Diejenigen Menschen, welche verhältnismäßig in frühen Inkarnationen sind, die noch wenige Verkörperungen durchgemacht haben, bekommen die Lektionen des Lebens und steigen so weit auf, dass sie wie eine Selbstverständlichkeit den tiefsten Wahrheitskern in sich tragen. Dann brauchen sie in der neuen Verkörperung nicht zu studieren, dann sind sie so — durch gewisse Zeichen ihrer Geburt wird das symbolisch vorherverkündigt —, dass sie, wie das von den großen Initiierten der Menschheit gesagt werden muss, die Weltenweisheit ausströmen. Ein solcher ist Humanus. Nachdem er den Geist ausgeströmt hat in seine Umgebung, steigt er in höhere Sphären hinauf. Bruder Markus ist wieder eine solche Inkarnation. Von ihm sagt Goethe, als er erschienen war, dass er, wie aus höheren Ursachen den Eindruck gemacht habe, dass eine höhere Weisheit in die Welt kommen muss. Scheinbar einfach ist Bruder Markus. Aber er ist eine späte Wiederholung des Menschendaseins. Dieser Bruder Markus wird in demselben Momente hingeführt, wie Goethe sagt, in die Bruderloge, in der die Zwölf vereinigt sind, als Humanus die Zwölfe verlassen darf, wo nur sein Geist in ihnen bleibt, wo der Geist in die höheren Sphären hinaufsteigt. Bruder Markus nimmt seinen Platz ein. Diese Menschheitsregierung hat Goethe hier darstellen wollen.
[ 8 ] Then he shows how Brother Markus makes his way to a secluded monastery. Twelve hermits—the Initiates—live there, led by the Thirteenth, whom Goethe calls Humanus, who encompasses them all. Each of these Twelve embodies one of the great world religions. Depending on the diversity of countries and times, the various religions differ; in each of the initiates, each of the religions is different. As a collective, however, they work for all of humanity. The leader Humanus is so named because he is such a late incarnation that the highest content of truth and knowledge is expressed in him in a unique way. Those people who are in relatively early incarnations—who have undergone only a few incarnations—learn the lessons of life and ascend to such a degree that they naturally carry within themselves the deepest core of truth. Then, in their new incarnation, they need not study; they are such—as symbolically foretold by certain signs at their birth—that, as must be said of the great Initiates of humanity, they radiate worldly wisdom. Humanus is such a being. After he has radiated his spirit into his surroundings, he ascends into higher spheres. Brother Markus is another such incarnation. When he appeared, Goethe said of him that he had given the impression—as if from higher causes—that a higher wisdom must come into the world. Brother Markus appears to be simple. But he is a late reincarnation of human existence. This Brother Markus is led, at the very moment—as Goethe says—into the brotherhood in which the Twelve are united, just as Humanus is permitted to leave the Twelve, where only his spirit remains among them, and where the spirit ascends into the higher spheres. Brother Markus takes his place. It is this government of humanity that Goethe sought to depict here.
Das Zeichen sieht er prächtig aufgerichtet,
Das aller Welt zu Trost und Hoffnung steht,
Zu dem viel tausend Geister sich verpflichtet,
Zu dem viel tausend Herzen warm gefleht,
Das die Gewalt des bittern Tods vernichtet,
Das in so mancher Siegesfahne weht:
Ein Labequell durchdringt die matten Glieder,
Er sieht das Kreuz und schlägt die Augen nieder.
He sees the sign standing tall and majestic,
A source of comfort and hope for the whole world,
To which many thousands of spirits are devoted,
To which many thousands of hearts warmly pray,
Which destroys the power of bitter death,
Which flies on so many banners of victory:
A fountain of refreshment permeates his weary limbs,
He sees the cross and lowers his eyes.
[ 9 ] Von Anfang zeigt sich uns in diesem Gedicht, wie Goethe die spirituelle Lenkung der Menschheit von den Zwölfen ausgeführt sein lässt. Dreißig Jahre nachher hat sich eine Anzahl Studenten an ihn gewendet mit der Bitte, dass er einige Erklärungen abgeben möchte. Er hat auch versucht, einiges über dieses Gedicht zu sagen. Nur Einzelnes will ich Ihnen anführen. Er sprach sich ganz in theosophischem Sinne aus:
[ 9 ] From the very beginning, this poem reveals to us how Goethe depicts the spiritual guidance of humanity as carried out by the Twelve. Thirty years later, a number of students approached him with a request that he provide some explanations. He also attempted to say a few things about this poem. I would like to cite just a few examples for you. He expressed himself entirely in a theosophical sense:
Um nun die weitere Absicht, ja den Plan im allgemeinen und somit auch den Zweck des Gedichtes zu bekennen, eröffne ich, dass der Leser durch eine Art von ideellem Montserrat geführt werden und, nachdem er durch die verschiedenen Regionen der Berg-, Felsen- und Klippen-Höhen seinen Weg genommen, gelegentlich wieder auf weite und glückliche Ebenen gelangen sollte. Einen jeden der Rittermönche würde man in seiner Wohnung besucht und durch Anschauung klimatischer und nationaler Verschiedenheiten erfahren haben, dass die trefflichsten Männer von allen Enden der Erde sich hier versammeln mögen, wo jeder von ihnen Gott auf seine eigenste Weise im stillen verehre.
To now reveal the broader intention—indeed, the general plan and thus also the purpose of the poem—I will explain that the reader is to be guided through a kind of ideal Montserrat and, after making his way through the various regions of mountainous, rocky, and cliff-filled heights, should occasionally arrive once more at vast and blissful plains. One would have visited each of the knight-monks in his dwelling and, through observation of climatic and national differences, come to realize that the finest men from all corners of the earth may gather here, where each of them quietly worships God in his own unique way.
[ 10 ] Nun führt er uns vor, wie Bruder Markus in den Vorhof geführt wird. Das eigentliche Innere darzustellen, dazu ist Goethe nicht gekommen. Es wird uns aber dann gezeigt, wer der Bruder Humanus ist:
[ 10 ] Now he shows us how Brother Markus is led into the courtyard. Goethe did not get around to depicting the actual interior. However, we are then shown who Brother Humanus is:
Und fragst du mich, wie der Erwählte heiße,
Den sich das Aug’ der Vorsicht ausersah?
Den ich zwar oft, doch nie genugsam preise,
An dem so viel Unglaubliches geschah?
Humanus heißt der Heilige, der Weise,
Der beste Mann, den ich mit Augen sah:
Und sein Geschlecht, wie es die Fürsten nennen,
Sollst du zugleich mit seinen Ahnen kennen.
And if you ask me what the Chosen One’s name is,
Whom the eye of prudence has singled out?
Whom I often, though never sufficiently, praise,
To whom so many incredible things happened?
Humanus is the name of the saint, the sage,
The finest man I have ever seen with my own eyes:
And his lineage, as the princes call it,
You shall know along with his ancestors.
[ 11 ] Er zeigt hier auch, wie ein solcher Führer hinaufgekommen ist zu solchen Stufen. Das niedere Selbst muss sich hingeopfert haben. In der Opferung der Schlange werden wir das sehen, wenn wir von dem «Märchen» sprechen. Aber hier sehen wir, wie der Führer der zwölf Auserwählten sein höheres Selbst, seine Seele rettet. Wie er es durchgemacht hat, dieses Stirb und Werde, und nicht ein trüber Gast geblieben ist auf der dunklen Erde, sondern den Gottmenschen in sich erweckt hat. Er sagt uns klar und deutlich, dass er dieses höhere Selbst als ein Weibliches ansieht. Zur Rettung muss das Niedere abgetötet werden. In schöner Symbolik spricht Goethe in dem Gedicht «Die Geheimnisse» die Hinaufentwicklung eines Wesens, wie des Dreizehnten, aus. Das spricht er so aus:
[ 11 ] Here he also shows how such a leader has risen to such heights. The lower self must have sacrificed itself. We will see this in the sacrifice of the serpent when we discuss the “fairy tale.” But here we see how the leader of the twelve chosen ones saves his higher self, his soul. How he went through this process of dying and becoming, and did not remain a gloomy guest on the dark earth, but awakened the God-man within himself. He tells us clearly and unambiguously that he regards this higher self as feminine. For salvation, the lower self must be put to death. In beautiful symbolism, Goethe expresses in the poem “The Mysteries” the upward development of a being, such as the Thirteenth. He expresses it thus:
Als dritter Mann erzählt’ ich mehr und freier,
Wie ihn ein Geist der Mutter früh verhieß,
Und wie ein Stern bei seiner Taufe Feier
Sich glänzender am Abendhimmel wies,
Und wie mit weiten Fittichen ein Geier
Im Hofe sich bei Tauben niederließ;
Nicht grimmigstoßend und, wie sonst, zu schaden,
Er schien sie sanft zur Einigkeit zu laden.
Dann hat er uns bescheidentlich verschwiegen,
Wie er als Kind die Otter überwand,
Die er um seiner Schwester Arm sich schmiegen,
Um die Entschlafne fest gewunden fand.
Die Amme floh und ließ den Säugling liegen;
Er drosselte den Wurm mit sichrer Hand:
Die Mutter kam und sah mit Freudebeben
Des Sohnes Taten und der Tochter Leben.
As the third man, I spoke more freely and at greater length,
Of how a spirit had foretold his mother’s fate early on,
And how, during his baptismal ceremony,
A star shone more brightly in the evening sky,
And how, with wide wings, a vulture
Settled among the pigeons in the courtyard;
Not swooping menacingly or, as usual, to harm,
He seemed to gently invite them to harmony.
Then he modestly kept silent about
How, as a child, he overpowered the otter,
Which he found coiled tightly around his sister’s arm,
Wrapped firmly around the sleeping girl.
The wet nurse fled and left the infant behind;
He strangled the snake with a sure hand:
The mother came and, trembling with joy,
Beheld her son’s deeds and her daughter’s life.
[ 12 ] Die Schwester ist das Innerste der Seele, dasselbe wie das Ewig-Weibliche, das uns hinanzieht. Die Otter ist das, was abgestreift werden muss. Zu dem Symbolum fügt er die Erklärung:
[ 12 ] The sister is the innermost part of the soul, the same as the Eternal Feminine that draws us to it. The otter is that which must be shed. He adds the following explanation to the symbol:
Wenn einen Menschen die Natur erhoben,
Ist es kein Wunder, wenn ihm viel gelingt;
Man muss in ihm die Macht des Schöpfers loben,
Der schwachen Ton zu solcher Ehre bringt:
Doch wenn ein Mann von allen Lebensprobe
Die sauerste besteht, sich selbst bezwingt;
Dann kann man ihn mit Freuden andern zeigen
Und sagen: ‹Das ist er, das ist sein eigen!›
When nature has elevated a person,
It is no wonder that he achieves so much;
One must praise the power of the Creator within him,
Who raises the weak clay to such honor:
But when a man passes the harshest of life’s trials
By conquering himself;
Then one can joyfully show him to others
And say: “This is he, this is his own!”
[ 13 ] Wenn der Gottmensch in der Seele geboren wird, dann dringt alle Kraft vorwärts in die Weite:
[ 13 ] When the God-man is born in the soul, all power surges forward into the vastness:
Denn alle Kraft dringt vorwärts in die Weite,
Zu leben und zu wirken hier und dort;
Dagegen engt und hemmt von jeder Seite
Der Strom der Welt und reißt uns mit sich fort:
In diesem innern Sturm und äußern Streite
Vernimmt der Geist ein schwer verstanden Wort:
‹Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,
Befreit der Mensch sich, der sich überwindet.›
For all power surges forward into the vastness,
To live and act here and there;
Yet from every side, the current of the world
Restrains and hinders us, sweeping us along:
In this inner storm and outer strife
The spirit hears a word that is hard to understand:
“From the force that binds all beings,
The person who overcomes himself is set free.”
