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Goethe and the Present
GA 68c

6 March 1908, Amsterdam

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Goethe and the Present, tr. SOL
  1. Goethe und die Gegenwart

23. Theosophie, Goethe und Hegel

23. Theosophy, Goethe, and Hegel

I. Bericht aus einer niederländischen Broschüre

I. Report from a Dutch brochure

[ 1 ] Obenstehende Überschrift war der Titel eines Vortrages, gehalten von Rudolf Steiner in Amsterdam, Donnerstagabend in dem Gebäude «Van het Nut».

[ 1 ] The heading above was the title of a lecture given by Rudolf Steiner in Amsterdam on Thursday evening at the “Van het Nut” building.

[ 2 ] Der Redner, eingeführt bei seinen Zuhörern als der Generalsekretär (Vorsitzende) der Deutschen Abteilung der Theosophischen Vereinigung, begann damit, den Begriff Theosophie zu beschreiben. Theosophie will eine Bewegung sein, um unser Geistesleben zu vertiefen. Und man darf wohl sagen, dass die Theosophie in unserer Zeit dasjenige repräsentiert, was wir als eine große Bewegung in der ganzen Kulturwelt wahrnehmen.

[ 2 ] The speaker, introduced to his audience as the Secretary-General (Chair) of the German Section of the Theosophical Society, began by describing the concept of theosophy. Theosophy aims to be a movement dedicated to deepening our spiritual life. And it is fair to say that, in our time, Theosophy represents what we perceive as a major movement throughout the entire civilized world.

[ 3 ] Der Redner weist dann auf den wachsenden Internationalismus hin und auf das fortwährend mehr Wegfallen im Laufe der Jahrhunderte der Scheidewände zwischen Menschen und Menschen, zwischen Völkern und Völkern. Auf stofflichem Gebiet sehen wir hier den Bankier, den Industriellen, den Kaufmann eine wichtige Rolle spielen. Aber dies alles als stoffliche Erscheinungen sind Folgen des Bestehens von gemeinschaftlichen Ideen, Internationalisierung der Ideen.

[ 3 ] The speaker then points to growing internationalism and to the fact that, over the centuries, the barriers between people and people, between nations and nations, have been steadily breaking down. In the material realm, we see the banker, the industrialist, and the merchant playing an important role here. But all of these material manifestations are consequences of the existence of shared ideas—the internationalization of ideas.

[ 4 ] Was wir in früheren Jahrhunderten (und auch jetzt noch) auf religiösem Gebiet den einen Menschen von dem andern und das eine Volk von dem andern trennen sahen, das wird durch die Theosophie auf großartige Weise überbrückt, und dieses ist allein möglich dadurch, dass die theosophische Geistesströmung sich erstreckt bis in die tiefsten Grundlagen des Geisteslebens.

[ 4 ] What we have seen in past centuries (and even now) in the religious sphere as separating one person from another and one people from another is magnificently bridged by Theosophy, and this is possible solely because the theosophical spiritual current extends to the very foundations of spiritual life.

[ 5 ] Es ist nicht die theosophische Gesinnung, die sagt: «Wie ist es möglich, dass wir es so herrlich weit gebracht haben», und die mit einem gewissen Mitleid zurückschaut auf die alte «kindliche» Glaubensvorstellung.

[ 5 ] It is not the theosophical mindset that says, “How is it possible that we have come so far?” and looks back with a certain pity on the old “childlike” conception of faith.

[ 6 ] Wir in der Theosophie haben uns vollkommen von dem Wahn abgewandt, dass wir herabsehen dürfen auf das, was die Menschheit in früheren Zeiten zustande gebracht hat.

[ 6 ] We in Theosophy have completely turned away from the delusion that we may look down upon what humanity has accomplished in earlier times.

[ 7 ] Um die Beziehungen von Goethe, dem Dichter, und Hegel, dem Philosophen zu der theosophischen Lebensanschauung zu zeichnen, will der Redner diese Letzteren in ein paar Grundlinien darstellen:

[ 7 ] To illustrate the relationship between Goethe, the poet, and Hegel, the philosopher, to the theosophical worldview, the speaker will outline the latter in a few basic points:

[ 8 ] Ein erstes Prinzip ist, dass dieser sichtbaren Welt eine unsichtbare Welt zugrunde liegt; zweitens, dass der Mensch eine übersinnliche Welt hinter der sinnlichen Welt kennenlernen kann. Aber: nicht mit der gewöhnlichen sinnlichen Wahrnehmung ist die übersinnliche Welt zu erreichen. Nicht mit Zauberei, mit Aberglauben, mit Zurückfallen in alte Phantasien hat die Theosophie es zu tun. Derjenige der nicht allein die Tatsachen der stofflichen Welt wahrnimmt, sondern der von dem allen die geistigen Ursachen wahrnimmt, er wird sich bewusst einer höheren Anlage in sich selbst.

[ 8 ] A first principle is that an invisible world underlies this visible world; secondly, that human beings can come to know a supersensible world beyond the sensory world. However, the supersensible world cannot be reached through ordinary sensory perception. Theosophy has nothing to do with magic, superstition, or a regression to old fantasies. Those who perceive not only the facts of the material world but also the spiritual causes behind them all will become aware of a higher capacity within themselves.

[ 9 ] Dr. Steiner bringt dann ein Lieblingsbeispiel vom Menschen, der blind geboren ist und operiert wurde. Für ihn eröffnet sich eine Welt der Wahrnehmung. In sein Auge, das nun sieht, strömt eine Unendlichkeit von Licht und Farbenpracht, wovon der Mensch früher keinen Begriff hatte und sich keine Vorstellung bilden konnte. Als Bürger der niederen Naturreiche durch seine niedere Art, gehört der Mensch auf der anderen Seite durch seine höhere Art zum Reiche der höheren Welten, aus denen sein Wesen aufgebaut ist. Und so steht der Mensch mit seinem Inneren zwischen zwei Gebieten.

[ 9 ] Dr. Steiner then cites a favorite example of a person who was born blind and underwent surgery. A whole new world of perception opens up to him. An infinity of light and splendor of color floods into his eye, which can now see—things of which the person previously had no concept and could not even imagine. As a citizen of the lower natural kingdoms by virtue of his lower nature, the human being belongs, on the other hand, through his higher nature, to the realm of the higher worlds from which his being is composed. And so, inwardly, the human being stands between two realms.

[ 10 ] Nun sehen wir äußerlich das Leben des einzelnen Menschen sich abspielen zwischen Geburt und Tod, und wir sehen, wie er durch die Wahrnehmung der äußeren Welten stets reicher und reicher an Erfahrung wird. Und wir fragen uns: Was ist es und wo bleibt es, was der Mensch in all dieser Zeit in sich aufgenommen hat? Das, was wir aufgenommen haben, wandelt sich durch den Tod in einen Keim einer anderen Entwicklung. Die Summe der Lebenserfahrungen hat unsere Seele erreicht, und im Augenblick des Todes ergibt sich die Frucht des Lebens als ein Keim. In einem neuen Leben, in einer neuen Verkörperung entfaltet sich der Keim. Das können wir wahrnehmen in der Entwicklung eines Menschen vom Augenblick der Geburt an.

[ 10 ] Outwardly, we see the life of the individual human being unfold between birth and death, and we see how, through perception of the outer worlds, he becomes ever richer in experience. And we ask ourselves: What is it, and where does it remain, that the human being has taken in during all this time? What we have absorbed is transformed through death into the seed of a new development. The sum of our life experiences has reached our soul, and at the moment of death, the fruit of life emerges as a seed. In a new life, in a new incarnation, this seed unfolds. We can perceive this in a person’s development from the moment of birth.

[ 11 ] Was wir da wahrnehmen, kann nicht allein aus diesem einen Leben erklärt werden. So wie der Pflanzenkeim uns zu einer früheren Pflanze führt, so führt uns dieser geistige Seelenkeim zu einem früheren geistigen Leben. Das ist: das, was man gewöhnt ist, Reinkarnation zu nennen.

[ 11 ] What we perceive here cannot be explained by this one life alone. Just as a plant seed leads us to a previous plant, so this spiritual seed of the soul leads us to a previous spiritual life. This is what is commonly called reincarnation.

[ 12 ] Jedes Leben macht die Seele reicher mit den Früchten des Lebens, und in jedes Leben tritt der Mensch reicher hinein: Alles, was wir in uns haben, haben wir in früheren Leben erworben. Und wir wissen auch, das, was an Gedanken in dieser Welt lebt, die Frucht ist von früherer Menschheitsentwicklung. Aber wir sehen, dass sowohl die alten Märchen und Mythen sowie das, was wir gegenwärtig unsere Wissenschaft nennen, nur Formen sind der menschlichen Entwicklung — und dass wir später andere und höhere Formen dieser Entwicklung erreichen werden.

[ 12 ] Every life enriches the soul with the fruits of life, and a person enters each life enriched: Everything we possess within ourselves we have acquired in previous lives. And we also know that the thoughts that exist in this world are the fruit of humanity’s earlier development. But we see that both the ancient fairy tales and myths, as well as what we currently call our science, are merely forms of human development—and that we will later attain other, higher forms of this development.

[ 13 ] Wenn wir dies alles überschauen, dann sind wir imstande, die Brücke zu schlagen zu dem Dichter Goethe und zu dem Philosophen Hegel. Im ganzen Wesen von Goethe finden wir von Anfang an einen Grund von theosophischen Gefühlen. Der Knabe Goethe versucht bereits aus seinen geistigen Erfahrungen seine eigene göttlich-geistige Natur zu finden.

[ 13 ] When we take a broad view of all this, we are able to build a bridge to the poet Goethe and the philosopher Hegel. From the very beginning, we find a foundation of theosophical sentiments in Goethe’s entire being. Even as a boy, Goethe sought to discover his own divine-spiritual nature through his spiritual experiences.

[ 14 ] Der siebenjährige Knabe kann die äußeren Religionsformen seiner Zeit nicht als die seinen anerkennen, errichtet sich selber einen Altar auf einem Lesepult, und darauf legt er Steine und Pflanzen aus seines Vaters geologischer Sammlung: Naturprodukte, die er als Äußerungen des göttlichen Lebens empfindet. Und dann will er ein Opferfeuer entzünden, und er lässt die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne durch ein Brennglas fallen und die Opferkerze entzünden auf dem von ihm selbst errichteten Altar.

[ 14 ] The seven-year-old boy cannot accept the outward religious forms of his time as his own; he builds himself an altar on a reading desk and places on it stones and plants from his father’s geological collection—natural objects that he perceives as manifestations of divine life. And then he wants to light a sacrificial fire, so he focuses the first rays of the rising sun through a magnifying glass to light the sacrificial candle on the altar he has built himself.

[ 15 ] Auch als Künstler sucht er — z.B. auf seinen italienischen Reisen — nichts anderes als das große Leben der übersinnlichen Welt. Er spricht es dann auch aus, dass die Kunst der würdigste Dolmetscher der geistigen Welt ist. Man schaue auch in seinen Briefen an Winckelmann nach, wo er seine Ansicht beschreibt, dass alles, was in der Natur da ist an Ordnung, Harmonie und Maß, im Menschen widergespiegelt ist, wo es aufjauchzt zu der höchsten Spitze der Vollkommenheit.

[ 15 ] Even as an artist—for example, during his travels in Italy—he seeks nothing other than the grand life of the supernatural world. He also states explicitly that art is the most worthy interpreter of the spiritual world. One can also look to his letters to Winckelmann, where he describes his view that everything in nature—order, harmony, and proportion—is reflected in human beings, where it soars to the highest peak of perfection.

[ 16 ] Schiller schreibt an Goethe: Schon lange habe ich, erachtetster Freund, dem Gang Ihres Geistes, obzwar aus der Ferne, zugesehen. — Sie suchen es auf einem schwierigen Wege, aber Sie finden es sicher... usw. Vom Anfang an fühlt Goethe sich geboren aus der geistig-kosmischen Natur.

[ 16 ] Schiller writes to Goethe: “For a long time now, my most esteemed friend, I have been observing the course of your spirit, albeit from afar. — You are seeking it along a difficult path, but you will surely find it... etc.” From the very beginning, Goethe feels himself to be born of the spiritual-cosmic nature.

[ 17 ] Dass Goethe das Geistige im Menschen erkannt hat, zeigt nicht allein ein Gedicht aus den Dreissigerjahren des 18. Jahrhunderts, «Die Geheimnisse», in welchem er über das Rosenkreuzersymbol spricht: das schwarze Kreuz mit den roten Rosen; noch schöner gibt er sein Glaubensbekenntnis in dem Märchen von der schönen Lilie und der grünen Schlange und in seiner Faust-Dichtung. Der Redner weist auf Goethes Briefe an Eckermann, Wwo er sagt, dass sein Faust von zwei Gesichtspunkten aus betrachtet werden kann: Erstens ist es etwas für die Menschen im Theater, aber dann auch ist darin etwas für den Eingeweihten, der hinter dem sinnlichen Leben des Menschen das Geistesleben sieht. Wer das nicht hat, das Stirb und Werde, er bleibt nur ein trüber Gast auf dieser dunklen Erde.

[ 17 ] That Goethe recognized the spiritual aspect of human beings is demonstrated not only by a poem from the 1730s, “The Mysteries,” in which he discusses the Rosicrucian symbol—the black cross with the red roses—but even more beautifully in his profession of faith in the fairy tale of the Beautiful Lily and the Green Snake and in his Faust epic. The speaker points to Goethe’s letters to Eckermann, in which he says that his Faust can be viewed from two perspectives: First, it is something for people in the theater, but it also contains something for the initiate who sees the spiritual life behind human sensory existence. Whoever lacks this—this dying and becoming—remains merely a gloomy guest on this dark earth.

[ 18 ] Dann weist der Redner noch auf anderes hin; den meisten so wohlbekannt, aber von so wenigen, auch nicht von den meisten Goethe-Kommentatoren begriffen: auf den Prolog, wo Goethe spricht von der «Sphärenharmonie» und den himmlischen Chören; auf das Wiedererscheinen der Helena-Gestalt im zweiten Teil, Helena, die doch bereits gestorben war; und schließlich auf den Homunculus, womit er nichts anderes andeuten will als dasjenige vom Menschen, was von Verkörperung zu Verkörperung geht: die Seele: Er wurde gar zu gern verkörperlicht.

[ 18 ] The speaker then points out something else—something so well known to most, yet understood by so few, not even by most Goethe commentators: the prologue, where Goethe speaks of the “harmony of the spheres” and the heavenly choirs; to the reappearance of the figure of Helena in the second part—Helena, who had, after all, already died; and finally to the homunculus, by which he intends to allude to nothing other than that part of man which passes from one incarnation to the next: the soul. It was all too readily embodied.

[ 19 ] Kürzer ist der Redner in Bezug auf Hegel, namentlich wegen der bereits vorgeschrittenen Zeit der Versammlung. Hegel ist ein Zeitgenosse und in vielen Hinsichten der Schüler von Goethe. Alles verstand er bei Goethe, nur nicht die theosophische Grundlage. Hegel zeigt, wie weit jemand kommen kann, der nicht die oben genannten Grundlagen der Theosophie kennt.

[ 19 ] The speaker is more brief when it comes to Hegel, primarily because the meeting is already well underway. Hegel is a contemporary of Goethe’s and, in many respects, his student. He understood everything about Goethe, except for the theosophical foundation. Hegel demonstrates how far someone can go without knowing the aforementioned foundations of theosophy.

[ 20 ] Nehmt ein Glas Wasser: Sie können daraus nur Wasser schöpfen, wenn es darin ist. Und der Mensch kann nur Weisheit schöpfen aus einer Welt, die selbst von der Weisheit aufgebaut ist. Dieses zu beweisen hat Hegel erstrebt.

[ 20 ] Take a glass of water: you can only draw water from it if there is any in it. And human beings can only draw wisdom from a world that is itself built upon wisdom. Hegel sought to prove this.

[ 21 ] Hegel erkennt die Ideenwelt als eine zusammenhängende geistige Welt, unabhängig von der Natur, und er nennt diese Welt die reine Logik. «Logos» hat für Hegel die Bedeutung von: der große Urplan der Welt, die Summe der Ideen, die dieser Welt zugrunde liegen.

[ 21 ] Hegel recognizes the world of ideas as a coherent spiritual world, independent of nature, and he calls this world “pure logic.” For Hegel, “Logos” means: the great primordial plan of the world, the sum of the ideas that underlie this world.

[ 22 ] Der Redner weist dann auf die bekannte Systematik von Hegel hin und verfolgt, wie dieser spricht von den drei Seiten der Ideen: — die Idee an sich — die Idee in der Natur, ausgebreitet nach Raum und Zeit, wo sie sich selbst bewusst werden wird, hinabsteigend in verschiedene Formen, bis zu den Menschen und weiter - dann die Idee, zurückkehrend in ihr eigenes reines Wesen, sich in sich selbst bewusst geworden.

[ 22 ] The speaker then refers to Hegel’s well-known system and traces how Hegel speaks of the three aspects of the Idea: — the Idea in itself — the Idea in nature, spread out across space and time, where it will become conscious of itself, descending into various forms, down to human beings and beyond — then the Idea, returning to its own pure essence, having become conscious of itself.

[ 23 ] Doch, sagt der Redner, trägt Hegel in sich all die Beschränktheit seiner Zeit. Wir müssen nicht allein die philosophischen Linien sehen, nicht die «Ideenwelt» betrachten als etwas Absolutes. (Der Redner machte den Eindruck zu meinen: nicht als ein konkretes Ding).

[ 23 ] Yet, says the speaker, Hegel embodies all the limitations of his time. We must not focus solely on the philosophical lines, nor regard the “world of ideas” as something absolute. (The speaker gave the impression of meaning: not as a concrete thing).

[ 24 ] Für Hegel war die wissenschaftliche Weltbetrachtung etwas Absolutes geworden, und man hat immer das Gefühl, dass Hegel meint, dass wenn der Mensch die Ideenwelt begriffen hat, die Menschheit an ihr Ende gekommen ist. Hegel wusste nichts von der Unendlichkeit von Formen, wodurch die Ideenwelt sich allmählich in aufeinanderfolgenden Leben bewusst wird, und dass der Mensch den Logos des Gefühls sowie den Logos der Idee lernen muss zu leben und zu erleben. Aus der Hegel’schen Philosophie entstand eine Art Materialismus.

[ 24 ] For Hegel, the scientific view of the world had become something absolute, and one always has the feeling that Hegel believes that once humanity has grasped the world of ideas, it has reached its end. Hegel knew nothing of the infinity of forms through which the world of ideas gradually becomes conscious in successive lives, nor that human beings must learn to live and experience both the Logos of feeling and the Logos of the idea. A kind of materialism arose from Hegel’s philosophy.

[ 25 ] [Nachdem er] beinahe zwei volle Stunden unermüdlich mit großer Geisteskraft gesprochen [hatte], schloss dieser außergewöhnliche Redner seinen Vortrag mit den so treffenden Worten von Goethe:

[ 25 ] [After] speaking tirelessly for nearly two full hours with great intellectual vigor, this extraordinary orator concluded his lecture with Goethe’s most apt words:

Wär’ nicht das Auge sonnenhaft,
wie könnte uns die Sonne entzücken?
Wär nicht die Seele götterhaft,
wie könnte uns Göttliches entzücken!

If the eye were not like the sun,
how could the sun delight us?
If the soul were not divine,
how could the divine delight us!

II. Bericht im «Algemeen Handelsblad» vom 7. März 1908

II. Article in the “Algemeen Handelsblad” dated March 7, 1908

[ 26 ] Theosophie, Goethe und Hegel.

[ 26 ] Theosophy, Goethe, and Hegel.

[ 27 ] Über das obenstehende Thema wurde gestern Abend im «Nutsgebouw» in einer von der Niederländischen Abteilung der Theosophischen Gesellschaft einberufenen zahlreichen öffentlichen Versammlung das Wort geführt von dem Generalsekretär der Deutschen Abteilung, Dr. Rudolf Steiner.

[ 27 ] The Secretary-General of the German Section, Dr. Rudolf Steiner, spoke on the above topic last night at the “Nutsgebouw” during a well-attended public meeting convened by the Dutch Section of the Theosophical Society.

[ 28 ] Der Sprecher — eine interessante Figur: scharf abgegrenzter, asketischer Denkerkopf mit tiefliegenden, funkelnd-schwarzen Augen und langes, nach hinten gestrichenes matt-schwarzes Haar; obendrein ein Redner von großem Talent — fing seine Verhandlung an mit einer Zusammenfassung vom Wesen der Theosophie und deren Lehre.

[ 28 ] The speaker—an interesting figure: a sharply defined, ascetic intellectual with deep-set, sparkling black eyes and long, matte-black hair combed back; on top of that, a highly talented orator—began his presentation with a summary of the essence of theosophy and its teachings.

[ 29 ] Er sprach dabei von [der] — für diejenigen die in den theosophischen Ideen eingelebt sind — so vertrauten und ermunternden, aber für Novizen immer noch so erschütternden, imposanten, um nicht zu sagen furchterregenden Möglichkeit, dass der Mensch der ihn direkt umringenden, physischen, sinnlich-wahrnehmbaren Welt entwächst und sich bewegen und entwickeln geht auf einer übersinnlichen Daseinsstufe; so sich selber über sich selber erhebend; die Möglichkeit, dass der Mensch — nicht durch Zauberei oder mit Hilfe allerhand Aberglaubens, aber durch Kultivierung von in ihm schlummernden Seelenfakultäten — sucht und findet die geistigen Grundlagen, worauf sein sinnliches Dasein gegründet ist.

[ 29 ] He spoke of [the]—for those familiar with theosophical ideas—so familiar and encouraging, yet for novices still so unsettling, imposing, not to say terrifying, possibility that human beings may outgrow the physical, sensually perceptible world that directly surrounds them and move on to develop on a supersensible plane of existence; thus elevating himself above himself; the possibility that human beings—not through magic or with the aid of all manner of superstition, but through the cultivation of the soul faculties slumbering within them—seek and find the spiritual foundations upon which their sensory existence is based.

[ 30 ] Dr. Steiner sprach weiter von der Lehre der Reinkarnation, nach welcher Lehre die Menschenseele, in Lebensreihen Lebenserfahrung sammelnd, wächst in Fähigkeiten, Fakultäten und Aspekten, immer wieder in einem neuen Leben sich entfaltend als Wirkung, als Folge, als Konsequenz von vorigen Leben, um sich dann wieder, bereichert durch neue Erfahrung, zur Zusammenfassung, zur Kondensierung und Konzentration zurückzuziehen, um endlich sich aus der Welt unbewussten Fühlens, woraus sie geboren wurde, durch die Welt der Ideen oder des bewussten Fühlens, hinaufzukämpfen zu jenem Weltenplan, wo aus der Bewusstheit der Ideen die Einheit von Wissen und Willen geboren werden wird und die Menschenseele zurückkehren wird zu dem ewig-geistlichen Daseinskern, woraus das All ist hervorgekommen.

[ 30 ] Dr. Steiner went on to speak about the doctrine of reincarnation, according to which the human soul, as it gathers life experience through successive lifetimes, grows in abilities, faculties, and aspects, unfolding again and again in a new life as an effect, a result, or a consequence of previous lives, only to withdraw once more—enriched by new experience—toward synthesis, condensation, and concentration, in order to finally struggle upward from the world of unconscious feeling—from which it was born—through the world of ideas or conscious feeling, to that plane of existence where, out of the consciousness of ideas, the unity of knowledge and will will be born, and the human soul will return to the eternal-spiritual core of existence from which the universe has emerged.

[ 31 ] Dieses ewig-geistlichen Daseinskerns war der Knabe Goethe sich schon bewusst. Er baute sich aus Pflanzen und Mineralien einen Altar zur Verherrlichung alles Geschaffenen, und die Weihrauchkerze darauf entzündete er an der Sonne, der ewigen größten Manifestation des ewigen Gottes.

[ 31 ] Even as a boy, Goethe was already aware of this eternal, spiritual core of existence. He built himself an altar out of plants and minerals to glorify all creation, and he lit the incense candle on it by the sun, the greatest and eternal manifestation of the eternal God.

[ 32 ] Auch zur männlichen Reife gekommen, hörte er nicht auf, von all dem Seienden die übersinnlichen Grundlagen zu suchen. Reisend in Italien und da alte Kunstschätze bewundernd, schrieb er an seine Weimarer Freunde, wie er entdeckte «Schaffensnotwendigkeit-Gott».

[ 32 ] Even after reaching manhood, he never ceased to seek the supernatural foundations of all that exists. While traveling in Italy and admiring ancient works of art there, he wrote to his friends in Weimar about how he had discovered “God as the Necessity of Creation.”

[ 33 ] Und auch: «Ich vermute, dass die alten Griechen ein Kunstwerk schufen nach denselben Gesetzen, nach welchen auch die Natur ihr Schaffenswerk verrichtet, Gesetzen [denen] ich auf der Spur bin.»

[ 33 ] And also: “I suspect that the ancient Greeks created works of art according to the same laws by which nature carries out its creative work—laws [that] I am trying to uncover.”

[ 34 ] Und später schrieb er noch wieder in seinem Werk über Winckelmann: Im Menschen ist alles zusammengefasst, was die Natur besitzt an Ordnung, Harmonie und Maß.

[ 34 ] And later, in his work on Winckelmann, he wrote: “Everything that nature possesses in terms of order, harmony, and proportion is embodied in human beings.”

[ 35 ] Auch andere große Grundgedanken, welche der Theosophie zugrunde liegen, beherrschten Goethe und [kommen] in seinen Werken zum Ausdruck.

[ 35 ] Other major fundamental ideas underlying theosophy also influenced Goethe and [are] expressed in his works.

[ 36 ] So ist sein unvollendetes, aus 1780 datierendes Werk «Die Geheimnisse» eine treffende Zusammenfassung theosophischer Ideen, wo die Lehre der Reinkarnation Anerkennung findet in diesem schönen Bild: Vom Munde dieses Pilgers strömt die Weisheit, wie von Kindes Lippen.

[ 36 ] Thus, his unfinished work Die Geheimnisse (The Secrets), dating from 1780, is an apt summary of theosophical ideas, in which the doctrine of reincarnation is expressed in this beautiful image: Wisdom flows from the mouth of this pilgrim as from the lips of a child.

[ 37 ] Und wieder finden wir im Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie, aber vor allem im zweiten Teil von «Faust» Anerkennung dieser Lehre und andere treffende Deutungen von Goethes theosophischen Ideen.

[ 37 ] Once again, we find recognition of this teaching and other apt interpretations of Goethe’s theosophical ideas in the fairy tale of the Green Snake and the Beautiful Lily, but especially in the second part of Faust.

[ 38 ] Ohne ausführlich zu werden, könnten wir dem Sprecher nicht in seinen Zitaten folgen. Nur erwähnen wir noch seine überraschende Erklärung der rätselhaften «Homunculusfigur» aus dem zweiten Faustteil als eine Menschenseele auf dem Wege nach Reinkarnation.

[ 38 ] Without going into detail, we would be unable to follow the speaker’s arguments in his quotations. We will, however, mention his surprising explanation of the enigmatic “homunculus figure” from the second part of Faust as a human soul on its way to reincarnation.

[ 39 ] Die großen Weltengrundgedanken, welche Goethe in [die] «Dichtung hineingeheimnisst hat», spürte Dr. Steiner auch in der Philosophie Hegels. Auch dieser erkannte Gott, den Logos — dieses Wort in seine ursprüngliche Bedeutung zurückgeführt —, im «Ideenhaften Urplan der Welt», sah die Summe der Ideen zugrunde liegen am sinnlich-wahrnehmbaren Dasein, das also ein Abbild wird von dem «Geist-an-sich». Und in dem alleinstehenden subjektiven Geist des Menschen sah und ehrte Hegel den als Mikrokosmos widerspiegelten Makrokosmos.

[ 39 ] Dr. Steiner also sensed the great fundamental ideas of the world, which Goethe had “embedded as a mystery within [his] poetry,” in Hegel’s philosophy. Hegel, too, recognized God, the Logos—this word restored to its original meaning—in the “ideal primordial plan of the world”; he saw the sum total of ideas underlying sensually perceptible existence, which thus becomes an image of the “Spirit-in-itself.” And in the independent, subjective spirit of the human being, Hegel saw and honored the macrocosm reflected as a microcosm.

[ 40 ] Hier aber verhinderte Hegels Absolutismus, entstanden aus den Weltanschauungsgrenzen seiner Zeit, ihn, weiter zu gehen. Die fortwährende Entwicklung der Menschenseele als Mikrokosmos, bis wieder die Einheit mit dem kosmischen Kern erreicht ist, findet bei ihm keine Erkennung. Dies beeinträchtigt aber nicht die Größe — die jetzt meistens unverstandene Größe seines Grundgedankens, der rein theosophisch war, wie der Goethes, als dieser dichtete:

[ 40 ] Here, however, Hegel’s absolutism—which arose from the ideological limitations of his time—prevented him from going further. He fails to recognize the ongoing development of the human soul as a microcosm until unity with the cosmic core is once again achieved. This, however, does not detract from the greatness—the now largely misunderstood greatness—of his fundamental idea, which was purely theosophical, like Goethe’s when he wrote poetry:

Wär nicht das Auge sonnenhaft,
Wie könnt’ uns da das Licht entzücken.
Läg nicht in uns des Gottes Kraft,
Wie könnt’ uns Göttliches entzücken.

If the eye were not like the sun,
How could light delight us?
If God’s power did not dwell within us,
How could the divine delight us?

[ 41 ] Mit diesem Zitat endete Dr. Steiner seinen, in großem Interesse von dem zahlreichen Auditorium von Damen und Herren angehörten Vortrag.

[ 41 ] Dr. Steiner concluded his lecture—which was listened to with great interest by the large audience of ladies and gentlemen—with this quote.