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The Nature of Man
in the Light of Spiritual Science
GA 68d

3 February 1908, Mannheim

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The Nature of Man in the Light of Spiritual Science, tr. SOL
  1. Das Wesen des Menschen im Lichte der Geisteswissenschaft

18. Mann und Weib im Lichte der Geisteswissenschaft

18. Man and Woman in the Light of Spiritual Science

[ 1 ] Unter den mancherlei geistigen Bestrebungen der Gegenwart, die derjenige, der sich dafür interessiert, in der Literatur oder sonst in der Welt findet, ist auch die theosophische, die man auch wohl die geisteswissenschaftliche nennen kann. Sie hat die Aufgabe, menschliches Denken, Fühlen und Empfinden in einer besonderen Weise zu bilden. Einer, der von dieser Weltanschauung in Artikeln und Büchern etwas liest oder sonst etwas darüber hört, der kann leicht ein Vorurteil dagegen gewinnen. Manch einer glaubt, Theosophie sei nichts als die Aufwärmung eines alten Aberglaubens, sie widerspreche jedem gesunden wissenschaftlichen Sinn. Andere kommen mit einer gewissen Furcht zur Theosophie, weil sie glauben, hinter dieser Geistesrichtung stecke etwas von Religionsstifterei, eine Sektenbildung. Andere glauben, Theosophie führe die Menschen hinweg vom praktischen Leben, führe sie in ein träumerisches, phantastisches Gebiet, entfremde sie der vollen Alltäglichkeit. Andere wieder glauben, Theosophie wolle eine morgenländische Religion hier einführen.

[ 1 ] Among the various spiritual pursuits of the present day—which anyone interested in the subject can find in literature or elsewhere in the world—is theosophy, which might also be called the science of the spirit. Its purpose is to shape human thought, feeling, and perception in a particular way. Anyone who reads about this worldview in articles and books or hears about it elsewhere may easily develop a prejudice against it. Some believe that theosophy is nothing more than a rehash of old superstitions, that it contradicts all sound scientific reasoning. Others approach theosophy with a certain apprehension because they believe that behind this school of thought lies something akin to religious proselytizing or the formation of a sect. Still others believe that Theosophy leads people away from practical life, into a dreamy, fantastical realm, alienating them from the full reality of everyday life. Yet others believe that Theosophy seeks to introduce an Eastern religion here.

[ 2 ] Das heutige Thema mag Veranlassung geben, an der Hand der Betrachtung einer die Menschheit im weitesten Sinne interessierenden Frage zu zeigen, wie Theosophie imstande ist, die Frage auf einen höheren Gesichtspunkt zu heben, aber auch, die Mittel an die Hand zu geben zur Lösung der Frage. Damit ist etwas berührt, das im tiefsten Sinne des Herzens unsere Zeitgenossen in Anspruch nimmt. Die Theosophie kann sich nicht mischen in all das Fanatische, das gerade bei der Betrachtung solcher Fragen so oft entfaltet wird. Freilich könnte man glauben bei der Betrachtung solcher Fragen, dass Theosophie hinwegführt vom Leben. Aber wer so denkt, zieht eines nicht in Betracht, das ist, dass der Gesichtspunkt, der über dem parteimäßigen Getriebe steht, jeder Lebensstellung, jedem Standpunkt des Lebens gewachsen ist.

[ 2 ] Today’s topic may provide an opportunity to demonstrate—by examining a question of interest to humanity in the broadest sense—how Theosophy is capable of elevating the question to a higher perspective, but also of providing the means to resolve it. This touches upon something that engages our contemporaries in the deepest sense of the heart. Theosophy cannot involve itself in all the fanaticism that so often arises, particularly when such questions are considered. Of course, when considering such questions, one might believe that theosophy leads one away from life. But those who think this way fail to take one thing into account: namely, that the perspective which stands above partisan strife is equal to every situation in life and every standpoint in life.

[ 3 ] Wir müssen ein wenig hinweisen auf das, was Theosophie ins Genauere will, was sie anstrebt. Ganz anders als andere geistige Bestrebungen will Theosophie wirken, anders durch ihren Inhalt, anders durch ihre Art und Weise, wie sie an die Menschen herantritt. Die Theosophie ruht auf zwei festen Säulen. Die eine dieser Säulen ist die, dass es hinter der äußeren physischen Welt, die nur für die äußeren Sinne wahrnehmbar ist, eine übersinnliche, geistige Welt gibt, und die andere der Säulen ist die, dass im Menschen schlummernde Fähigkeiten liegen, durch die er, wenn sie entwickelt werden, die geistige Welt kennenlernen kann. Wenn dieses ausgesprochen wird, so hören wir vielfach auf der einen Seite den Einwand, dass die Vorstellung einer übersinnlichen Welt einer kindlichen Vorstellungsweise angehöre, welche die Menschheit in früheren Zeitaltern gehabt habe, weil man noch nichts wusste von der wissenschaftlichen Gesetzmäßigkeit überhaupt. Heute aber, wo die Menschheit dazu gelangt ist, die Welt der Gesetzmäßigkeit zu durchdringen, gezieme es den Menschen nicht mehr, zu glauben an eine Welt übersinnlicher Tatsachen. Es braucht dagegen nur ein einfacher Vergleich angeführt zu werden. Man sagt so leicht heute, die Wissenschaft hat uns gezeigt, dass bis zu einem gewissen Grade der Mensch nicht braucht geistige Wesen, die ihm entgegentreten. Die Wissenschaft könne zwar noch nicht alles erklären, aber das Ideal sei doch, diese Welt zu durchdringen mit ihren Methoden und Werkzeugen.

[ 3 ] We must briefly touch upon what Theosophy actually aims for in more detail, what it strives for. Theosophy seeks to work in a way that is quite different from other spiritual endeavors—different in its content and different in the way it approaches people. Theosophy rests on two solid pillars. One of these pillars is the belief that behind the outer physical world—which is perceptible only to the external senses—there exists a supersensible, spiritual world; and the other pillar is the belief that there are latent abilities within human beings through which, when developed, they can come to know the spiritual world. When this is stated, we often hear, on the one hand, the objection that the idea of a supersensible world belongs to a childlike mode of thinking that humanity possessed in earlier ages, because nothing was yet known about scientific laws in general. Today, however, now that humanity has come to penetrate the world of scientific laws, it is no longer fitting for people to believe in a world of supersensible realities. Yet one need only offer a simple comparison. It is so easy to say today that science has shown us that, to a certain extent, human beings do not need spiritual beings to confront them. Science may not yet be able to explain everything, but the ideal is nonetheless to penetrate this world with its methods and tools.

[ 4 ] Die Theosophie hätte keine Aussicht, wirklich einzugreifen in das Geistesleben der Menschheit, wenn sie gegen die Tatsachen der Wissenschaft Front machen wollte. Wenn aber auch die Tatsachen der Wissenschaften wahr sind, so widerspricht das dem nicht, dass hinter diesen Tatsachen geistige Vorgänge stehen. Eine Uhr kann auf Grundlage mechanischer Vorgänge erklärt werden, aber ist deshalb, weil wir die Uhr aus sich selbst erklären können, der Uhrmacher entbehrlich, die geistige Potenz, die dahintersteht? Keine wissenschaftliche Erklärung kann die hinter den Erscheinungen steckenden geistigen Wesen erklärlich machen. Der Hinblick auf die geistigen Hintergründe, auf Übersinnliches in der Welt, kann durch keine wissenschaftliche Erklärung überflüssig werden.

[ 4 ] Theosophy would have no hope of truly influencing the spiritual life of humanity if it were to take a stand against the facts of science. But even if the facts of science are true, that does not contradict the idea that spiritual processes lie behind these facts. A clock can be explained on the basis of mechanical processes, but does the fact that we can explain the clock in and of itself render the clockmaker—the spiritual power behind it—superfluous? No scientific explanation can account for the spiritual beings underlying these phenomena. No scientific explanation can render superfluous the consideration of spiritual backgrounds or the supersensible in the world.

[ 5 ] Auch der Einwand, das menschliche Erkenntnisvermögen reiche nicht aus, in die übersinnliche Welt einzudringen, kann nicht ernst genommen werden. In genau demselben Sinne spricht die Theosophie von einer übersinnlichen Welt, wie der große deutsche Philosoph Johann Gottlieb Fichte im Jahre 1813 zu seinen Zuhörern sprach von einer geistigen Welt. Er sagte, die[se] Welt setze voraus ein ganz anderes Sinneswerkzeug. Dann vergleicht er die Erkenntnis der geistigen Welt mit der Welt von Farben und Licht, die dem Blindgeborenen unzugänglich ist, weil ihm das Organ dafür fehlt.

[ 5 ] Nor can the objection that human cognitive faculties are insufficient to penetrate the supersensible world be taken seriously. Theosophy speaks of a supersensible world in exactly the same sense that the great German philosopher Johann Gottlieb Fichte spoke to his audience in 1813 about a spiritual world. He said that this world requires an entirely different sensory instrument. He then compares the perception of the spiritual world to the world of colors and light, which is inaccessible to someone born blind because they lack the organ necessary for it.

[ 6 ] Wir können das Beispiel Fichtes vom Blindgeborenen ausdehnen. Wir denken uns, ein Blindgeborener würde in diesem Raume operiert und würde plötzlich sehend. Eine neue, ihm bis dahin unbekannte Welt von Farben und Licht würde für ihn aufgehen. Nun sagt die Theosophie: Ebenso, wie hier eine neue Welt für den operierten Blindgeborenen auftritt, nachdem er das Organ dazu erhalten hat, ebenso ist es möglich, dass dem Menschen die Organe, die Goethe geistige Augen genannt hat, erweckt werden.

[ 6 ] We can expand on Fichte’s example of the person born blind. Let us imagine that a person born blind were to undergo surgery in this room and suddenly regain his sight. A new world of colors and light, previously unknown to him, would open up to him. Now, theosophy says: Just as a new world appears here for the person born blind who has undergone surgery after receiving the organ necessary for sight, so too is it possible for human beings to have awakened the organs that Goethe called “spiritual eyes.”

[ 7 ] Wenn wir heute Umschau halten in unserer Literatur, tritt uns etwas entgegen, was man nennen könnte den Man-Standpunkt oder den Wir-Standpunkt. Wie oft lesen wir da die Behauptung: Man kann erkennen, wir können erkennen, oder man kann das nicht wissen, wir können darüber nichts wissen et cetera, et cetera. Die Menschen merken nicht, welche tiefe Unlogik darinnen steckt, Derartiges zu behaupten. Ein jeder sollte logischerweise nur behaupten, dass er etwas auszusagen vermag über das, was er weiß. Über das, was vorhanden ist, entscheidet nur die Wahrnehmung, entscheidet nur das Erlebnis.

[ 7 ] When we look around at our literature today, we encounter what one might call the “one can” perspective or the “we can” perspective. How often do we read statements such as: “One can recognize,” “We can recognize,” or “One cannot know that,” “We cannot know anything about it,” et cetera, et cetera. People do not realize the profound illogicality inherent in making such claims. Logically, everyone should only claim to be able to say something about what they know. Only perception, only experience, determines what exists.

[ 8 ] Immer hat es unter den Menschen solche gegeben, die hineinschauen konnten in die geistigen Welten. Man nannte sie Eingeweihte oder Seher. Es gibt etwas, ein Erlebnis, was sich vergleichen lässt mit dem, was der Blindgeborene, wenn er glücklich operiert wird, erlebt, nur in viel großartigerer Weise, wo dem Menschen Organe erweckt werden für die geistigen Welten, die er dann selbst wahrnimmt. Zum Erforschen dieser geistigen Welten gehört Sehergabe, die Einweihung, die Erweckung.

[ 8 ] There have always been people who could glimpse into the spiritual worlds. They were called initiates or seers. There is something—an experience—that can be compared to what a person born blind experiences when, through a successful operation, their eyesight is restored, only in a far more magnificent way: when a person’s faculties for perceiving the spiritual worlds are awakened, and they then perceive these worlds for themselves. Exploring these spiritual worlds requires the gift of clairvoyance, initiation, and awakening.

[ 9 ] Wenn aber derjenige, der etwas weiß von den höheren Welten, die Tatsachen erzählt, dann kann sie jeder verstehen, der nur ein gesundes Wahrheitsgefühl mit sich bringt. Heute ist schon die Zahl derer groß, die aus geistiger Ahnung, aus gesundem Menschheitsgefühl, aus dem Wahrheitsgefühl erkennen die Wahrheit dieser theosophischen Weltanschauung. In diesem Sinne spricht Theosophie von den geistigen Welten, dass diese geistigen Welten rings um uns herum sind, wie Licht und Farbe und Glanz sind um den Blindgeborenen, der sie nur nicht sehen kann. Aus dieser geistigen Welt heraus sind die Tatsachen geschöpft, die der Seher heute der Welt mitteilt. Nichts von Agitation, nichts von irgendeinem Lehrberuf will der Theosoph sich hier sichern. Die Theosophie tritt nicht so der Welt entgegen wie manchmal eine Weltanschauung es tut, dass sie meint, der, welcher sie nicht einsehen kann, ist ein dummer Mensch, nein, der theosophische Forscher will nur Erzähler sein, und er ist sich klar darüber, dass es am besten ist, wenn er so wenig wie möglich Überredungskunst anwendet. Wer zur Theosophie überredet wird, hat für die Theosophie keinen Wert. Die Wahrheit muss aus der menschlichen Seele selbst entspringen. Wenn die Theosophie die Wahrheit bringt, muss eine jede Seele ihr zustimmen aus ihrem eigenen freien Entschluss heraus.

[ 9 ] But when someone who knows something about the higher worlds recounts the facts, anyone who possesses a sound sense of truth can understand them. Today, there are already many who, through spiritual intuition, a sound sense of humanity, and a sense of truth, recognize the truth of this theosophical worldview. In this sense, Theosophy speaks of the spiritual worlds, saying that these spiritual worlds are all around us, just as light, color, and radiance are around the person born blind, who simply cannot see them. It is from this spiritual world that the facts are drawn which the seer communicates to the world today. The Theosophist seeks to secure here neither agitation nor any kind of teaching position. Theosophy does not approach the world in the way that some worldviews do—assuming that anyone who cannot grasp it is a foolish person. No, the theosophical researcher wishes only to be a storyteller, and he is well aware that it is best to use as little persuasion as possible. Anyone who is persuaded to accept Theosophy has no value for Theosophy. The truth must spring from the human soul itself. If Theosophy brings the truth, every soul must agree with it of its own free will.

[ 10 ] Nach diesen Voraussetzungen wollen wir zuerst das Wesen des Menschen im Allgemeinen betrachten, um dann aus der geistigen Tatsachenwelt heraus das Wesen von Mann und Weib zu erkennen. Was die Sinne vom Menschen erkennen, ist nur ein Glied der menschlichen Wesenheit. Wenn wir dies anwenden auf Mann und Frau, dann können wir uns fragen: Erkennt denn das materialistische Denken alles an Mann und Frau? Könnte es denn bei ihnen nicht auch etwas Verborgenes geben, was äußerlich nicht beobachtet werden kann?

[ 10 ] Based on these premises, let us first consider the nature of the human being in general, so that we may then recognize the nature of man and woman from the spiritual realm of reality. What the human senses perceive is only one aspect of human nature. If we apply this to men and women, we may ask ourselves: Does materialistic thinking truly grasp everything about men and women? Could there not also be something hidden within them that cannot be observed externally?

[ 11 ] Gerade bei einer solchen Frage muss uns die Lebenspraxis der theosophischen Weltanschauung vor Augen treten. Wer möchte leugnen, dass im letzten Jahrhundert die Erforschung der sinnlichen Dinge auf einen Höhepunkt gelangt ist, der auch von der theosophischen Weltanschauung nur bewundert werden muss? Aber lassen wir ein wenig Revue passieren, was diejenigen, die Anspruch machen auf wissenschaftliche Bildung, im letzten Jahrhundert, als Urteil aussprechen über das Verhältnis von Mann und Frau. Es sollen nur ein paar Urteile angeführt werden als Beispiel dafür, wozu man kommt, wenn man das Geistige nicht kennt.

[ 11 ] It is precisely with regard to such a question that the practical application of the Theosophical worldview must come to the fore. Who would deny that, in the last century, the study of sensory phenomena reached a pinnacle that even the Theosophical worldview cannot help but admire? But let us briefly review the judgments passed in the last century by those who claim to have a scientific education regarding the relationship between men and women. Only a few of these judgments will be cited as examples of what one arrives at when one is unaware of the spiritual realm.

[ 12 ] Ein Naturforscher sagte: Wenn wir alles bei der Frau in Erwägung ziehen, dann ist der Grundcharakter der Frau Sanftmütigkeit. — Ein anderer sagte: Wenn man alles weiß, was uns in der Frau entgegentritt, dann muss man das zusammendrängen in einem Wort — das ist Zornmütigkeit. — Ein anderer, ein Anthropologe, fasste seine Anschauung über die Frau zusammen in das Wort: Der Frau eignen die Ergebenheitsgefühle. — Ein anderer sagte: Wer die Frau wirklich versteht, der weiß, dass das Hervorstechendste im Frauencharakter die Herrschsucht ist. Ein anderer versucht, alles zusammenzudrängen in ein Wort: Die Frau bildet das konservative Element in der Menschheitsentwicklung. - Ein anderer sagt: Wer die Geschichte wirklich versteht, der wird finden, dass alles Revolutionäre von den Frauen ausgeht. - In der Philosophie nennt man ein solches Denken, dass alles zusammenfasst, einzelne Gesichtspunkte zusammennimmt, ein synthetisches Denken. Ein Philosoph sagt: Alles beschränkt sich bei der Frau auf das synthetische Denken. — Ein englischer Philosoph dagegen sagt: Die Frau besitzt nur das analytische Denken.

[ 12 ] A naturalist said: “If we take everything about women into account, then the fundamental character trait of women is gentleness.” — Another said: “If one knows everything that we encounter in women, then one must condense it into a single word—and that is irascibility.” — Another, an anthropologist, summarized his view of women in the phrase: “Women are characterized by feelings of devotion.” — Another said: “Anyone who truly understands women knows that the most striking feature of a woman’s character is her desire to dominate.” Yet another attempts to condense everything into a single word: “Women constitute the conservative element in human development.” - Another says: “Whoever truly understands history will find that everything revolutionary originates with women.” - In philosophy, this kind of thinking—which synthesizes everything and brings together individual perspectives—is called synthetic thinking. One philosopher says: “For women, everything is limited to synthetic thinking.” — An English philosopher, on the other hand, says: “Women possess only analytical thinking.”

[ 13 ] Dies soll uns zeigen, wie viel Einklang und Sicherheit herrscht im Urteil der Wissenschaft. Diese sich widersprechenden Urteile können die Menschen nicht befriedigen. Aber die Menschen lechzen in Wirklichkeit nach den Antworten der Geisteswissenschaft auf die großen Fragen des Daseins. Es treten bei manchen heute schon gewichtige Ahnungen auf von dem, was hinter den äußeren Tatsachen steckt. Vor kurzer Zeit hat ein Buch eines jungen Mannes großes Aufsehen erregt: «Geschlecht und Charakter» von dem unglücklichen Weininger. In der Tat gibt es wesentlich gute naturwissenschaftliche Forschungen schon heute, die Weininger etwa tumultuarisch und dilettantenhaft herausgebracht hat. Eine merkwürdige Ansicht tritt uns da entgegen, die eine Ahnung vom Richtigen enthält. Weininger sagt: Eigentlich ist jedem Frauencharakter beigemischt etwas Männliches und jedem Manne etwas Weibliches. — Das ist eine Ahnung von etwas Richtigem, die sich allerdings ganz und gar dadurch verdorben hat, weil sie in eine materialistische Weltanschauung getaucht ist. Weininger unterscheidet eine männliche und eine weibliche Substanz, die in allen Menschen durcheinandergemischt sei. Er kommt da zu einem merkwürdigen Urteil über das Weibliche. Weininger charakterisiert das Weib genau so, dass er sagt: «Die Frau hat kein Ich, keine Individualität, keine Freiheit, keinen Charakter.» Er sieht aber in jeder Frau zur Hälfte das Männliche und in jedem Mann zur Hälfte das Weibliche. Es sind also diese Dinge bei allen untereinandergemischt. Wir sehen also, dass es hier zugeht wie bei Münchhausen, der sich selbst am Schopfe fasst; es ist eine Ansicht, die sich selber auflöst.

[ 13 ] This is meant to show us how much harmony and certainty there is in the judgments of science. These contradictory judgments cannot satisfy people. But in reality, people are yearning for the answers that spiritual science offers to the great questions of existence. Some people today are already experiencing profound intuitions about what lies behind outward facts. Not long ago, a book by a young man caused quite a stir: *Sex and Character* by the unfortunate Weininger. In fact, there is already substantial scientific research available today that Weininger presented in a rather tumultuous and amateurish manner. We encounter a curious view here that contains a glimmer of truth. Weininger says: “In reality, every female character has a touch of the masculine mixed into it, and every man has a touch of the feminine.”—This is a glimmer of truth, though it has been completely corrupted by being immersed in a materialistic worldview. Weininger distinguishes between a masculine and a feminine substance, which he claims are intermingled in all human beings. He arrives at a peculiar judgment regarding the feminine. Weininger characterizes women precisely by saying: “A woman has no ‘I,’ no individuality, no freedom, no character.” However, he sees half the masculine in every woman and half the feminine in every man. These elements are thus intermingled in everyone. We see, then, that this is akin to Munchausen grabbing himself by the scruff of the neck; it is a view that dissolves into itself.

[ 14 ] Durch die Theosophie sehen wir, dass das, was beim Menschen die Sinne wahrnehmen, nur ein Teil des Menschen ist; es ist der physische Leib, den der Mensch gemeinschaftlich hat mit allen sichtbaren Wesen um uns her. Strenger als irgendeine Wissenschaft steht die Theosophie auf dem Boden, dass das, was der Mensch im physischen Leibe an Stoffen und Kräften hat, dasselbe ist wie die Stoffe und Kräfte der ganzen physischen Natur. Aber diese Stoffe und Kräfte sind im Menschen so zusammengesetzt, dass sie in sich selbst zerfallen würden, wenn sie sich selbst überlassen wären. Der Kristall erhält sich durch seine eigenen Stoffe und Kräfte. Aber im Menschen und in jedem Lebewesen lebt als zweites Glied seiner Wesenheit der Ätherleib oder Lebensleib. Was ist er? Er ist ein fortwährender Kämpfer gegen den Zerfall des physischen Leibes. In dem Augenblick, wo der Mensch schreitet durch die Pforte des Todes, da ist der physische Leib den chemischen und physischen Stoffen und Kräften überlassen. Gemeinschaftlich mit allen Pflanzen und Tieren hat der Mensch das zweite Glied seiner Wesenheit, den Äther- oder Lebensleib.

[ 14 ] Through theosophy, we see that what humans perceive through their senses is only a part of the human being; it is the physical body, which humans share with all visible beings around us. More rigorously than any science, Theosophy maintains that the substances and forces present in the human physical body are the same as those of the entire physical nature. But these substances and forces are composed within the human being in such a way that they would disintegrate if left to their own devices. A crystal sustains itself through its own substances and forces. But in human beings and in every living creature, the etheric body—or life body—exists as the second aspect of their being. What is it? It is a constant fighter against the decay of the physical body. The moment a human being passes through the gate of death, the physical body is left to the chemical and physical substances and forces. In common with all plants and animals, human beings possess the second aspect of their being, the etheric or life body.

[ 15 ] Aber es gibt noch ein drittes Glied der menschlichen Wesenheit, was die Geisteswissenschaft durch ihre Methoden erkennt. Viel näher als die Knochen, Muskeln und Nerven, die in der Haut des Menschen eingeschlossen sind, steht ihm eine Summe von Freude und Schmerz, Trieben, Begierden, Leidenschaften und Empfindungen, bis zu den höchsten Idealen. Den Träger alles dieses nennt die Geisteswissenschaft den Astralleib. Diesen Astralleib hat der Mensch nur noch gemeinschaftlich mit der tierischen Welt.

[ 15 ] But there is a third aspect of human nature that spiritual science recognizes through its methods. Much closer to a person than the bones, muscles, and nerves enclosed within the human skin is a sum of joy and pain, drives, desires, passions, and sensations—extending all the way to the highest ideals. Spiritual science calls the vehicle of all this the astral body. This astral body is something that humans share only with the animal world.

[ 16 ] Dann gibt es ein viertes Glied der menschlichen Wesenheit, wodurch der Mensch die Krone der Erdenschöpfung ist. Es gibt in der deutschen Sprache ein Wort, was der Mensch nur von sich selber sagen kann, was kein anderer zu ihm sagen kann. Zu dem Stuhl kann jeder «Stuhl» sagen, zu dem Tisch jeder «Tisch», aber eines kann jeder Mensch nur zu sich selbst sagen: Das ist das Wörtchen «Ich». Dieses ist etwas so Wichtiges, dass alle Schulpsychologie keine Ahnung hat von der Wichtigkeit dieser Tatsache. Zu mir kann von außen dieser Name nicht gesprochen werden wie der Name irgendeines anderen Dinges in der Welt. Jeder kann den Namen nur selbst aussprechen. Das ist das Besondere bei dem Namen, der mit dem Wörtchen «Ich» bezeichnet wird. Niemals kann der Name «Ich» an unser Ohr klingen, wenn er uns selbst bezeichnet. Das haben sinnige Naturen immer empfunden. Jean Paul erzählt, wie ihm zum ersten Mal als Kind der Gedanke aufgegangen ist: «Ich bin ein Ich». Er sagt, er habe da in das verhangenste Allerheiligste seines Wesens hineingeblickt. Alle Religionen, alle Weltanschauungen, die hineingeschaut haben in das Wesen der Dinge, haben die Gewichtigkeit dieser Tatsache eingesehen. Deshalb haben die Religionen diesen Namen genannt den unaussprechlichen Namen Gottes. Der Gott selbst lebt auf in der Seele, wenn der Mensch zu sich «Ich» sagt; Schauer von Ehrfurcht gingen durch die Versammlung der Hebräer, wenn der alttestamentliche Priester diesen Namen aussprach: «Ich bin in innerster Seele, der Ich bin, Jahve.»

[ 16 ] Then there is a fourth aspect of human nature, through which human beings are the crown of earthly creation. There is a word in the German language that a person can only say about themselves—no one else can say it to them. Anyone can say “chair” to a chair, “table” to a table, but there is one thing every person can say only to themselves: the little word “I.” This is something so important that the entire field of school psychology has no idea of the significance of this fact. This name cannot be spoken to me from the outside, as the name of any other thing in the world is. Each person can only utter the name themselves. That is what is special about the name designated by the little word “I.” The name “I” can never ring in our ears when it refers to ourselves. Perceptive minds have always sensed this. Jean Paul recounts how, as a child, the thought first dawned on him: “I am an ‘I.’” He says he gazed into the most hidden sanctuary of his being. All religions, all worldviews that have looked into the essence of things, have recognized the significance of this fact. That is why religions have called this name the unpronounceable name of God. God Himself comes alive in the soul when a person says “I” to themselves; shivers of awe ran through the assembly of the Hebrews when the Old Testament priest uttered this name: “I am, in the innermost soul, the I Am, Yahweh.”

[ 17 ] Leicht kann man der Theosophie vorwerfen: Da macht ihr ja den Menschen zu einem Gott. - Aber wer behauptet, dass der Tropfen, der aus dem Meere genommen ist, das Meer selbst sei, der sagt etwas Unsinniges. Der Tropfen ist nicht das Meer, aber er enthält Meeressubstanz. Wir machen daher das Ich des Menschen nicht zu einem Gott, sondern zu einem Tropfen oder Funken der göttlichen Wesenheit.

[ 17 ] It is easy to accuse Theosophy of turning human beings into gods. — But anyone who claims that a drop taken from the ocean is the ocean itself is speaking nonsense. The drop is not the ocean, but it contains the substance of the ocean. We therefore do not make the human “I” into a god, but rather into a drop or spark of the divine essence.

[ 18 ] Wenn dieses Ich arbeitet an den anderen Gliedern der menschlichen Wesenheit, dem Astralleib, Ätherleib und physischen Leib, so entstehen daraus höhere Glieder des Menschen. Durch das, was sich zusammendrängt in dem Mittelpunkt des Wesens, was die Seele befähigt, das Wort «Ich bin» aus des Menschen Brust ertönen zu lassen, das macht den Menschen zur Krone der anderen Wesenheiten.

[ 18 ] When this “I” works upon the other members of the human being—the astral body, the etheric body, and the physical body—higher aspects of the human being arise as a result. It is through what is concentrated at the center of the being—that which enables the soul to let the words “I am” resound from the human breast—that the human being becomes the crown of all other beings.

[ 19 ] Betrachten wir nun den Zustand, in dem wir alle während der Nacht sind, den Schlafzustand. Man nennt den Schlaf auch den Bruder des Todes. Es geht mit allen Wahrheiten, die neu in die Welt treten, wie Voltaire sagt, wie mit den Gesandten gebildeter Staaten an den Höfen der Barbaren. Sie erwerben sich erst nach und nach Anerkennung. — Vergleichen wir den Tageszustand mit dem Zustand des Schlafes, wo alle Lust und alles Leid in ein unbestimmtes Dunkel versinken. Das rührt davon her, dass, wenn der Mensch einschläft, der Astralleib mit dem Ich herausgehoben ist aus dem Menschen. Die vier Glieder der menschlichen Natur sind getrennt im Schlafe in zwei und zwei. Im Tode ist es anders, da trennt sich nicht nur das Ich mit dem Astralleib, sondern auch noch der Ätheroder Lebensleib vom physischen Leibe. Der verlässt im Tode auch den physischen Leib, der dann Leichnam ist. Der Ätherleib oder Lebensleib ist der Kämpfer gegen den Verfall des physischen Leibes. In der Nacht ist herausgehoben das Ich mit dem Astralleibe. Worauf beruht es, dass der Mensch am Tage durch die Augen sicht, durch die Ohren hört? Augen und Ohren sind die Instrumente des Astralleibes. In dem Augenblick, wo der Mensch erwacht, da tauchen der Astralleib und das Ich unter in den Ätherleib und physischen Leib. Des Morgens, wenn er aufwacht aus dem Dunkel heraus, da erkennt er die Welt, die uns umgibt, in Form, Ton, Farbe, Glanz und Licht.

[ 19 ] Let us now consider the state in which we all find ourselves during the night: the state of sleep. Sleep is also called the brother of death. As Voltaire says, it is with all truths that are new to the world as it is with the envoys of civilized states at the courts of barbarians. They gain recognition only little by little. — Let us compare the waking state with the state of sleep, where all pleasure and all suffering sink into an indeterminate darkness. This is because, when a person falls asleep, the astral body, together with the “I,” is lifted out of the person. The four members of human nature are separated in sleep, two and two. In death it is different; there, not only does the “I” separate from the astral body, but the etheric or life body also separates from the physical body. The latter also leaves the physical body at death, which then becomes a corpse. The etheric body, or life body, is the force that combats the decay of the physical body. At night, the “I” is lifted out along with the astral body. On what does it depend that a person sees through the eyes and hears through the ears during the day? The eyes and ears are the instruments of the astral body. The moment a person awakens, the astral body and the “I” merge into the etheric body and the physical body. In the morning, when he awakens from the darkness, he perceives the world around us in form, sound, color, radiance, and light.

[ 20 ] Warum nimmt der Mensch die Welt nicht wahr während der Nacht, in der er während der Nacht lebt? Es ist heute schon für einzelne Menschen möglich, diese Welt wahrzunehmen, die eigentliche Heimat der Seele, in der sie in der Nacht lebt. Aus dieser Welt kehrt der Mensch am Morgen zurück in die physische Welt.

[ 20 ] Why does a person not perceive the world in which they live during the night? Even today, it is possible for some people to perceive this world—the true home of the soul—in which it lives at night. From this world, a person returns in the morning to the physical world.

[ 21 ] Im alltäglichen Leben nimmt der Mensch sich so aus, dass sein Ich und das Glied seiner Wesenheit, welches der Träger ist von Lust und Leid, untertaucht in die zwei Hüllen, die ihm eine Summe von Instrumenten geben zum Wahrnehmen der physischen Welt. So erscheint uns der Mensch auch, wenn wir von diesem Gesichtspunkte ausgehend die Frage nach der Wesenheit von Mann und Weib betrachten. Wenn wir den Menschen betrachten, wie er vor uns steht, mit dem physischen Leib, Ätherund Astralleib und dem Ich, dann stellt sich für die Geisteswissenschaft die Sache so dar, dass der physische Leib nur nach außen die bestimmten Eigenschaften bei Mann und Weib hat. Der Ätherleib hat die polaren, entgegengesetzten Eigenschaften. Für den Mann hat der Ätherleib weibliche Eigenschaften; für die Frau hat der Ätherleib männliche Eigenschaften.

[ 21 ] In everyday life, a human being appears in such a way that his ego and that aspect of his being which is the bearer of pleasure and suffering are immersed in the two sheaths that provide him with a set of instruments for perceiving the physical world. This is also how human beings appear to us when we consider the question of the nature of man and woman from this perspective. When we observe a human being standing before us—with their physical body, etheric body, astral body, and “I”—then, from the standpoint of spiritual science, the situation is such that the physical body possesses the specific characteristics of men and women only on the outside. The etheric body possesses polar, opposite characteristics. In men, the etheric body has feminine characteristics; in women, the etheric body has masculine characteristics.

[ 22 ] Wenn wir gute Beobachter sind, sehen wir bei dem Manne, der für die sinnliche Anschauung männliche Eigenschaften zeigt, gerade auch entgegengesetzte Eigenschaften auftreten. Wenn bei der Frau die entsprechenden Eigenschaften sich zeigen, dann treten sie mit einem bestimmt männlichen Charakter auf. Weil bei jedem Manne im Ätherleib weibliche Eigenschaften sind und bei jeder Frau männliche Eigenschaften, so sind diese Bezeichnungen, «männlich», «weiblich», ihrer sinnlichen Bedeutung nach nicht erschöpfend. Wer glaubt, dass, wenn man den physischen Leib des Menschen kennt, man alles vom Menschen weiß, der wird es nicht erklären können, warum man bei der Frau bald Zornmütigkeit, bald Ergebenheit findet.

[ 22 ] If we are keen observers, we see that in a man who displays masculine qualities to the senses, the very opposite qualities also manifest themselves. When the corresponding qualities manifest in a woman, they appear with a distinctly masculine character. Because every man possesses feminine qualities in his etheric body and every woman possesses masculine qualities, the terms “masculine” and “feminine” are not exhaustive in their sensory meaning. Anyone who believes that knowing the human physical body means knowing everything about a person will be unable to explain why a woman may exhibit anger one moment and devotion the next.

[ 23 ] Betrachten wir nun den ganzen Menschen, so sehen wir, dass das Geschlechtliche nur an den physischen und Ätherleib geknüpft ist, dass er es morgens beim Aufwachen ebenso als sein Werkzeug aufnimmt wie die übrigen Organe des physischen Leibes. Wir können hineinschauen in das Wesen des Menschen mithilfe der Geisteswissenschaft und sehen, wo das Geschlechtliche beginnt. Es ist nur vorhanden im physischen und Ätherleib. Es verlässt den Menschen während des Schlafes in der Nacht.

[ 23 ] If we now consider the whole human being, we see that the sexual aspect is linked only to the physical and etheric bodies; in the morning upon waking, the person takes it on as an instrument just as they do the other organs of the physical body. With the help of spiritual science, we can look into the essence of the human being and see where sexuality begins. It is present only in the physical and etheric bodies. It leaves the human being during sleep at night.

[ 24 ] In dem Moment, wo das Ich mit dem Astralleib den Menschen verlässt, verliert die Bezeichnung männlich und weiblich ganz und gar ihre Bedeutung. Da ist der Gegensatz, der sich in der physischen Welt abschattiert als männlich und weiblich, nicht vorhanden. In der geistigen Welt ist dieser Gegensatz der Gegensatz von Leben und Form, ja, von Leben und Tod. Wenn wir hinaufdringen in die geistigen Welten, so ist dieser Gegensatz fortwährend da, der Gegensatz des immer fortschreitenden Lebens und der fortwährenden Hemmung des Lebens; der sprießende Baum ist das eine und die Rinde oder Borke das andere.

[ 24 ] The moment the “I” leaves the human being together with the astral body, the terms “male” and “female” lose all meaning. The contrast that manifests in the physical world as male and female does not exist there. In the spiritual world, this opposition is the opposition between life and form—indeed, between life and death. As we ascend into the spiritual worlds, this opposition is ever-present: the opposition between ever-advancing life and the constant hindrance to life; the sprouting tree is one, and the bark is the other.

[ 25 ] Wir können dies an einem Beispiel des künstlerischen Schaffens betrachten. Wir stellen uns vor die Juno Ludovisi, jenes wunderbare Frauenbild. In der wunderbar breiten Stirn, in dem eigentümlichen Ausdruck, in all dem, was an Flächenhaftigkeit im Antlitz dieser Juno sich findet, da prägt sich etwas aus, dass wir sagen müssen: In dieser Form ist der Geist ausgestaltet. Aber er ist ganz Form geworden. Alles ist ausgeflossen in die Form. Der Geist, der sonst fortströmt, das Leben, musste in einem Moment festgehalten werden. Das ist das eine Extrem des Daseins, wo die Form so fest wird, dass sie das Leben in einem Moment festhält. Das andere ist das plastische Kunstwerk, das in der Nähe dieser Juno Ludovisi steht, der Zeus, mit der eigentümlichen Stirn, dem eigentümlichen Munde. Es ist eine charakteristische Form, keine eigentlich schöne Form. Wir können uns sagen, das Leben ist noch darin; die Form kann zu jeder Zeit anders sein.

[ 25 ] We can consider this using an example from artistic creation. Let us imagine the Juno Ludovisi, that marvelous portrait of a woman. In the wonderfully broad forehead, in the distinctive expression, in all the flatness found in the features of this Juno, something emerges that compels us to say: In this form, the spirit is fully realized. But it has become entirely form. Everything has flowed into the form. The spirit, which otherwise flows onward—life itself—had to be captured in a single moment. This is one extreme of existence, where form becomes so solid that it captures life in a single moment. The other is the sculptural work standing near this Juno Ludovisi—the Zeus, with his peculiar forehead and peculiar mouth. It is a characteristic form, not a form that is beautiful in the conventional sense. We can say to ourselves that life is still within it; the form can be different at any moment.

[ 26 ] Diese beiden Gegensätze des fortströmenden Lebens und des sich entfaltenden Lebens, das in der Form erstirbt, das sind in der höheren Welt das Männliche und Weibliche. Aus dem Weiblichen stammt die Form, die zur Plastik drängt; im Männlichen liegt die Form, die die Veränderung möglich macht. Da sehen wir, wie dasjenige, was uns bei Mann und Frau im Außen entgegentritt, ein Abbild des Übersinnlichen ist. Wenn das eingesehen werden wird, erst dann kann volles, durch keine Gegensätzlichkeit getrübtes Verständnis zwischen den beiden Geschlechtern auftreten. Dieses übergeschlechtliche Verständnis wird erst durch eine Anschauung gegeben wie die theosophische.

[ 26 ] These two opposites—life that flows forth and life that unfolds and then dies in form—are, in the higher world, the masculine and the feminine. From the feminine comes the form that strives toward sculpture; in the masculine lies the form that makes change possible. Here we see how what we encounter externally in men and women is a reflection of the supersensible. Only when this is understood can a full understanding between the two sexes—unclouded by any opposition—arise. This understanding that transcends gender is made possible only through a perspective such as the theosophical one.

[ 27 ] Unsere bisherige Kultur ist eine Männerkultur. Warum sind wir in die heutige Wissenschaft hineingeraten, in der alles aus der äußeren Sinnesanschauung herrührt, aus dem passiven sich Hingeben an die äußere Erfahrung? Man verbietet heute den Menschen die eigene innere Geistigkeit. Das rührt daher, weil diese Kultur eine Männerkultur ist, weil die Wissenschaft so weiblich geworden ist. Es war das, was entstand durch den weiblichen Ätherleib des Mannes. In der Theosophie haben wir eine Weltanschauung. Wir müssen den starken Quell der Gewissheit in den inneren Fähigkeiten finden. Männlich ist die Theosophie. Und das Merkwürdige ist: Heute interessieren sich hauptsächlich Frauen für die Theosophie. Das liegt daran, dass die Frau einen aktiven männlichen Ätherleib hat. Auf einen höheren Boden will die Theosophie die Menschheit heben als den, auf dem gewöhnlich diese Fragen nach Mann und Weib verhandelt werden. Heute spricht man von diesen Fragen gewöhnlich nur von allerniedrigstem Standpunkt aus. Und das wird noch auf die Spitze getrieben werden, je mehr die sinnlichen Vorstellungen Einfluss gewinnen. Erlösung, Wahrheit kann auf diesem Gebiet nur die Theosophie den Menschen bringen. Echtes Zusammenwirken der Geschlechter wird sie herbeiführen.

[ 27 ] Our culture to date has been a male-dominated culture. Why have we ended up in today’s science, in which everything stems from external sensory perception, from a passive surrender to external experience? Today, people are forbidden to cultivate their own inner spirituality. This stems from the fact that this culture is a male culture, because science has become so feminine. This is what arose through the man’s feminine etheric body. In Theosophy, we have a worldview. We must find the powerful source of certainty in our inner capacities. Theosophy is masculine. And the curious thing is: today, it is mainly women who are interested in Theosophy. This is because women have an active, masculine etheric body. Theosophy seeks to raise humanity to a higher plane than the one on which these questions of man and woman are usually discussed. Today, these issues are usually discussed only from the lowest possible standpoint. And this will be taken to extremes the more sensual notions gain influence. Only Theosophy can bring salvation and truth to humanity in this realm. It will bring about genuine cooperation between the sexes.

[ 28 ] Wirkliche Einsicht, wirkliche Erkenntnis kann nur die Erhebung über das Alltägliche geben. Theosophie will sein ein Heilmittel für die menschliche Kultur. Bewährt und bewiesen ist sie, wenn sie den Menschen hilft. Im wirklichen Leben muss sich die Theosophie bewähren. Schiller drückt in schönen Worten jenes Hinaufheben des Menschen über das Alltägliche aus:

[ 28 ] True insight, true knowledge can only come from rising above the mundane. Theosophy aims to be a remedy for human culture. It is proven and validated when it helps people. Theosophy must prove itself in real life. Schiller expresses this elevation of the human being above the mundane in beautiful words:

Nur der Körper eignet jenen Mächten,
Die das dunkle Schicksal flechten;
Aber frei von jeder Zeitgewalt,
Die Gespielin seliger Naturen
Wandelt oben in des Lichtes Fluren
Göttlich unter Göttern die Gestalt.

Only the body is subject to those powers,
That weave the dark fate;
But free from every power of time,
The companion of blissful beings
Wanders above in the realms of light
Divine among the gods in form.