The Nature of Man
in the Light of Spiritual Science
GA 68d
19 March 1908, Munich
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The Nature of Man in the Light of Spiritual Science, tr. SOL
22. Mann, Weib und Kind im Lichte der Geisteswissenschaft
22. Man, Woman, and Child in the Light of Spiritual Science
[ 1 ] Nirgends so sehr im Leben als dem heranwachsenden Kinde gegenüber muss demjenigen, der dafür einen Sinn hat, der Zug des Herzens sich hindrängen zu einer geistigen Auffassung des Daseins. Denn wenn es auch von einer unendlichen Wichtigkeit ist für alles Leben und Sein, durchzublicken durch die Sinnenwelt auf die geistigen Untergrundlagen des Daseins, so erscheint es noch als etwas ganz Besonderes, dass wir dem heranwachsenden Kinde gegenüber, in welchem Verhältnis wir auch immer zu ihm stehen mögen, dem noch verborgenen Geist zu seinem vollen freien Dasein zu verhelfen. Es steht das Kind vor uns, eingehüllt in das materielle Dasein seiner Zukunft. Wir wissen, dass diese Zukunft herausgeholt werden soll durch die Entwicklung aus dem Materiellen, wir wissen, dass aus dem Materiellen sich der Geist entfalten soll, wir haben es zu tun mit der Aufgabe, den Geist innerhalb des äußeren Sinnenscheins zu hegen und zu pflegen. Und wenn wir durch ein materielles Wissen in Irrtümer verfallen können in Bezug auf unsere Weltanschauung, so wissen wir, dass wir gegenüber unseren Aufgaben für Menschheitsheil und Pflicht tatsächlich in ihre Pfade verfallen, wenn wir keine Empfindung haben für den verborgenen Geist des heranwachsenden Kindes. Den Geist zu befreien aus den materiellen Hüllen, dazu befähigt uns die Geisteswissenschaft.
[ 1 ] Nowhere in life is it more evident than in the presence of a growing child that, for those who are attuned to it, the heart’s impulse must urge them toward a spiritual understanding of existence. For while it is of infinite importance for all life and being to look beyond the sensory world to the spiritual foundations of existence, it still seems something quite special that, in our dealings with a growing child—whatever our relationship to the child may be—we should help the spirit, still hidden within, to attain its full and free existence. The child stands before us, enveloped in the material existence of its future. We know that this future must be brought forth through development out of the material; we know that the spirit must unfold from the material; we are faced with the task of nurturing and caring for the spirit within the outward appearance of the senses. And while material knowledge may lead us into error regarding our worldview, we know that we truly stray from the path of our duties for the welfare of humanity if we lack a sense of the hidden spirit of the growing child. Spiritual science enables us to liberate the spirit from its material shells.
[ 2 ] Früher durfte ich sprechen über die Erziehung, heute soll uns mehr beschäftigen, was das Kind ist. Es soll uns beschäftigen das, was das Verhältnis des Kindes ist zu seiner Zukunft, zum vollen, menschenerfüllten Dasein. Denn aus einem solchen Wissen werden wir lernen, dem heranwachsenden Kinde recht förderlich sein zu können.
[ 2 ] In the past, I was allowed to speak about education; today, we should focus more on what a child is. We should focus on the child’s relationship to its future and to a full, fulfilling human existence. For it is from such knowledge that we will learn how to truly support the growing child.
[ 3 ] Es ist eine wichtige Frage: Wie haben wir uns gegenüber der Vergangenheit zum Kinde zu verhalten, wenn wir den richtigen Weg für die Entwicklung in der Zukunft finden wollen?
[ 3 ] This is an important question: How should we relate to the past if we want to find the right path for future development?
[ 4 ] In unserer heutigen Zeit, die von materiellen Vorstellungen imprägniert ist, spielt die Vererbung, die Abstammung eine große Rolle. Wenn wir den Sinn dafür haben, wie die Eigenschaften des Kindes hinaufgeführt werden, zuerst zum Elternpaar, dann zu den Vorfahren, begreifen wir, wie herrliche Blüten das naturwissenschaftliche Denken tragen konnte über die Vererbung. Aber die Geisteswissenschaft wird zeigen, dass wir gegenüber dem wichtigen Verhältnis von Mann, Weib und Kind damit nicht auskommen. Wer das Kind heranzubilden hat, sieht, wie sich die Talente und Fähigkeiten, das, was wir als individuell zusammenfassen, erweist als ein neues Rätsel. Wer seine Aufgabe ernst auffasst, fühlt sich wie ein neuer Rätsellöser gegenüber jeder einzelnen kindlichen Individualität.
[ 4 ] In our present age, which is steeped in materialistic ideas, heredity and ancestry play a major role. If we have an understanding of how a child’s characteristics are traced back—first to the parents, then to the ancestors—we can grasp what magnificent fruits scientific thinking has borne regarding heredity. But the spiritual sciences will show that this alone is not sufficient when it comes to the vital relationship between man, woman, and child. Anyone tasked with raising a child sees how the child’s talents and abilities—what we summarize as “individuality”—prove to be a new enigma. Anyone who takes this task seriously feels like a puzzle-solver faced with each child’s unique individuality.
[ 5 ] Vererbung und Individualität stellen sich uns in unser Thema. Vererbung ist etwas, was erwachsen ist aus den naturwissenschaftlichen Vorstellungen der Gegenwart. Diese sind viel weniger von einer umfassenden Beobachtung des menschlichen Lebens genommen als vielmehr aus der pflanzlichen und tierischen Natur. Nicht ein Wort, ein einziger kritischer Gedanke soll eingewendet werden gegen das Positive der naturwissenschaftlichen Forschung auf diesem Gebiet. Viel wird noch geleistet werden müssen auf diesem Gebiet. Aber ungenügend ist die Erforschung in Bezug auf den Menschen. Beobachtet man beim Menschen die individuellen Eigenschaften, und zwar zunächst die rein physischen, ererbten wie beim Tier, so verfällt man in Abstraktionen. Man erlangt für den Menschen armselige Begriffe, wo man für das Tierische äußerst fruchtbare Begriffe erlangt. Wir müssen uns vor Augen stellen den gewaltigen Unterschied von Menschen und Tieren, dass die in den unteren Reichen gewonnenen Begriffe nicht ausreichen für das Menschenleben. Wie haben beim Menschen vier Glieder seiner Wesenheit und so weiter. Des Menschen eigentliches Innere, das Seelische, und was aus seinem Ich strömt, ist unabhängig von den zwei Gliedern; physischem und Ätherleib. Wenn wir bedenken, dass wir es im Pflanzenreich nur mit physischem und Ätherleib, im Tierreich außer mit diesen noch mit dem Astralleib zu tun haben, dass der Astralleib ganz und gar hingegeben ist an den physischen Leib, während beim Menschen der Astralleib vom Ich beeinflusst wird, dann werden wir begreifen, dass wir die Begriffe von den anderen Reichen nicht auf den Menschen übertragen können.
[ 5 ] Heredity and individuality are central to our topic. Heredity is a concept that has emerged from contemporary scientific ideas. These ideas are based much less on a comprehensive observation of human life than on observations of the plant and animal kingdoms. Not a single word, not a single critical thought, should be raised against the positive contributions of scientific research in this field. Much work still needs to be done in this field. But research concerning human beings remains insufficient. If one observes individual characteristics in human beings—and initially the purely physical ones, which are inherited just as in animals—one falls into abstractions. One arrives at meager concepts regarding human beings, whereas one arrives at extremely fruitful concepts regarding the animal realm. We must bear in mind the enormous difference between humans and animals—that the concepts derived from the lower kingdoms are insufficient for human life. In humans, there are four members of their being, and so on. The true inner core of the human being—the soul—and what flows from the “I” is independent of the two members: the physical body and the etheric body. When we consider that in the plant kingdom we deal only with the physical and etheric bodies, and in the animal kingdom, in addition to these, with the astral body—and that the astral body is entirely subservient to the physical body, whereas in human beings the astral body is influenced by the “I”—then we will understand that we cannot transfer the concepts from the other kingdoms to human beings.
[ 6 ] Es gibt einen sehr einfachen Gedankengang, um das klarzumachen. Der große Unterschied zwischen Menschen und Tieren, wenn wir absehen von allem Okkulten, erscheint uns durch rein logische Betrachtung. Beim Tier haftet unser Interesse in gleichem Maße auf Großvater, Vater, Sohn und Enkel, was uns hauptsächlich interessiert, ist das Gattungsmäßige. Weit unter unserem Interesse für die Gattung steht das Interesse für die Individualität. Das Gattungsmäßige überstrahlt weit das Individuelle. Deshalb hat das Tier keine Biografie. Der Mensch allein hat eine Biografie, weil beim Menschen der Satz gilt, dass er in gewisser Beziehung seine eigene Gattung ist. So stark uns im Tier die Gattung interessiert, so stark muss uns beim Menschen interessieren das eigene Individuum. Mancher Hundevater wird sagen, der Mensch sei dem Tier nur gradeweise verschieden, wer ein Tier beobachte, könnte auch eine Biografie von seinem Hunde schreiben. - Natürlich gibt es Übertragungen des einen auf das andere. Man kann auch die Biografie einer Stahlfeder schreiben. Aber im eigentlichen Sinne hat sie nur der Mensch, und zwar auch der Unbedeutendste.
[ 6 ] There is a very simple line of reasoning to illustrate this. The major difference between humans and animals—setting aside all matters of the occult—becomes apparent through purely logical consideration. In the case of animals, our interest is directed equally toward the grandfather, father, son, and grandson; what interests us most is the generic aspect. Far below our interest in the species lies our interest in individuality. The species-specific far outshines the individual. That is why an animal has no biography. Only humans have a biography, because in the case of humans, the statement holds true that, in a certain sense, they are their own species. Just as strongly as we are interested in the species when it comes to animals, so strongly must we be interested in the individual when it comes to humans. Some dog owners will say that humans differ from animals only in degree; anyone who observes an animal could also write a biography of their dog. — Of course, there are parallels between the two. One could even write the biography of a steel nib. But in the true sense of the word, only humans have a biography—even the most insignificant among them.
[ 7 ] Mit der Tatsache der Biografie hängt etwas zusammen, etwas anderes. Wir sehen, wie das Tier geboren wird und kurz nach der Geburt seine Vollendung erreicht hat, wie es gewisse Verrichtungen vollbringt, weil diese Verrichtungen mit der Vererbung zusammenhängen. Dadurch, dass der Mensch eine Individualität ist, sehen wir uns jedem einzelnen Menschen gegenüber berechtigt, das ganz Individuelle zur Entwicklung zu bringen durch die Erziehung, dem entspricht die Entwicklung des Tieres, die durch die Artenreiche hindurchgeht.
[ 7 ] There is something else connected to the fact of the biography. We see how an animal is born and, shortly after birth, has already reached its full potential; how it performs certain tasks because these tasks are related to heredity. Because human beings are individuals, we consider it our right toward each individual human being to foster the development of what is uniquely individual through education; this corresponds to the development of the animal, which proceeds through the entire species lineage.
[ 8 ] Das führt uns zu der geisteswissenschaftlichen Tatsache, dass das Tier nur drei Körper hat und der Mensch den vierten dazu. Wenn wir sehen, dass aus dem Körper des Tieres Bewegungen und Impulse, Freude und Schmerz hervorströmen, so sagen wir, dass der Astralleib mit den niederen Leibern zusammenhängt und durch Vererbung ihre Eigentümlichkeiten erhält. Das zeigt die Ähnlichkeit der Physiognomie und der einzelnen Glieder. Der Ätherleib ist der Gestalter der Bilder des physischen Leibes. Beide erhalten ihre Gliederung durch die Abstammung.
[ 8 ] This leads us to the spiritual-scientific fact that the animal has only three bodies, while the human being has a fourth in addition. When we see movements and impulses, joy and pain flowing from the animal’s body, we say that the astral body is connected to the lower bodies and derives its characteristics from them through heredity. This is demonstrated by the similarity in physiognomy and the individual limbs. The etheric body shapes the images of the physical body. Both derive their structure from heredity.
[ 9 ] Indem der Mensch eine Individualität ist, also ein Ich zugrunde liegen hat, prägen sich die Impulse des Ich im astralischen Leibe aus. Wenn der astralische Leib innere Impulse hat, so finden sich im Menschen Dinge, die nicht begriffen werden können, wenn man bloße Vererbung zugrunde legt. Leicht kann man vom Standpunkt der Beobachtung Einwendung dagegen machen (Familie Bach und Bernoulli).
[ 9 ] Because human beings are individual beings—that is, because they are grounded in an “I”—the impulses of the “I” are imprinted on the astral body. When the astral body has inner impulses, certain aspects of the human being emerge that cannot be understood by relying solely on heredity. From an observational standpoint, it is easy to raise objections to this (the Bach and Bernoulli families).
[ 10 ] Solche Dinge nehmen sich so aus, als ob die menschliche Vererbung bestände, aber gleichsam mehr vergeistigt, höher ausgestaltet als bei den Pflanzen und Tieren. Man geht weiter und zeigt, dass in der Tat in einem solchen Falle das bedeutende Genie nach rückwärts verfolgt werden kann. Das Genie sei eine Summierung der Eigenschaften seiner Vorfahren. — Sonderbarer Schluss, denn dieses letzte Genie vererbt sich nicht weiter. Aus der einen Logik heraus sollte man sich nicht sonderlich verwundern, dass ein Nachkomme, und wenn er auch ein genialer Mensch ist, gewisse Kennzeichen seiner Vorfahren zeigt; es handelt sich aber eigentlich nur darum, eine richtige Erkenntnis über diese Vererbung zu haben. Bei einer Pflanze wird man nicht sonderlich verwundert sein, wenn sie anders wird auf verschiedenen Böden.
[ 10 ] Such things give the impression that human heredity exists, but in a manner of speaking, in a more spiritualized, more highly developed form than in plants and animals. The argument goes further and shows that, in such a case, the remarkable genius can indeed be traced back through the generations. Genius, it is claimed, is the sum of the characteristics of one’s ancestors. — A peculiar conclusion, for this final genius is not passed on. Based on this logic, one should not be particularly surprised that a descendant—even if he is a genius—exhibits certain characteristics of his ancestors; but what really matters is having a correct understanding of this inheritance. In the case of a plant, one is not particularly surprised when it grows differently in different soils.
[ 11 ] Aber keiner wird darüber zweifeln, dass nicht der Boden die Pflanze gemacht hat, sondern der Keim, der in den Boden hineingesenkt wurde. So braucht man sich nicht wundern, wenn man nass aus dem Wasser zurückkommt. Den Beweis der Vererbung damit führen zu wollen, dass das Genie am Ende der Generation erscheint, ist ein Beweis dafür, dass es sich nicht weitervererbt. Die Menschen bemerken die Unlogik nicht.
[ 11 ] But no one will doubt that it was not the soil that produced the plant, but rather the seed that was planted in the soil. So one shouldn’t be surprised to come back from the water wet. Attempting to prove heredity by arguing that genius appears at the end of a generation is proof that it is not passed down. People fail to notice the illogicality of this.
[ 12 ] Nur was man sehen will, wird gesehen. Wer als Erzieher dem werdenden Kinde gegenübersteht, für den bedarf es keines Beweises, dass außer der vererbten Eigenschaften etwas Ureigenes sich loslöst aus dem Innern. Wenn wir dieses Individuelle sich loslösen sehen, müssen wir uns fragen: Woher kommt das Individuelle? Darüber hat der Materialismus das abergläubische Kapitel seiner Erkenntnisse. Hier widerstreitet der Materialismus allen Voraussetzungen. Es wäre kein Wunder gewesen, wenn vor 300 Jahren gesagt worden wäre, dass das Individuelle aus dem Nichts herauskomme, aus der Summierung der Vorfahrenreihe. Vor 300 Jahren haben die Menschen geglaubt, dass aus dem Schlamm sich Fische bilden können. Da sprach ein italienischer Naturforscher den Satz aus: Lebendiges kann nicht aus scheinbar Totem entstehen. — Heute teilt die ganze Naturforschung Haeckels «Lebendiges kann nur aus Lebendigem entstehen». Als dies aber Redi aussprach, galt es als Ketzerei, sodass er nur mit Mühe dem Schicksal Giordano Brunos entging.
[ 12 ] We see only what we want to see. For an educator facing a developing child, there is no need for proof that, in addition to inherited traits, something inherently unique emerges from within. When we see this individuality emerge, we must ask ourselves: Where does this individuality come from? Materialism has a superstitious chapter in its body of knowledge on this subject. Here, materialism contradicts all basic premises. It would not have been surprising if, 300 years ago, it had been said that the individual arises from nothing, from the sum total of the ancestral line. Three hundred years ago, people believed that fish could form from mud. Then an Italian naturalist uttered the following statement: “Life cannot arise from what appears to be dead.” — Today, the entire field of natural science shares Haeckel’s view that “life can only arise from life.” But when Redi expressed this, it was considered heresy, so that he narrowly escaped the fate of Giordano Bruno.
[ 13 ] Heute ist es nicht mehr Mode, solche Ketzer zu verbrennen; man sieht sie als rückständige Leute an. Der Materialismus verbrennt nicht, er wendet andere inquisitorische Mittel an. Für die Geisteswissenschaft gilt der Satz: Geistiges kann nur aus Geistigem entstehen. — Keine Kombination physischer Ursachen kann das Individuelle erklären, ohne dass wir an ein Wunder appellieren. Abergläubisch ist der Materialist in Bezug auf das Geistige. Da steht die Geisteswissenschaft fest auf dem Boden, dass Geistiges aus Geistigem entsteht. Wir führen die Individualität auf Geistiges zurück.
[ 13 ] Today, it is no longer fashionable to burn such heretics; they are regarded as backward people. Materialism does not burn; it employs other inquisitorial methods. The following principle applies to spiritual science: The spiritual can arise only from the spiritual. — No combination of physical causes can explain individuality without our resorting to a miracle. The materialist is superstitious when it comes to the spiritual. Spiritual science, on the other hand, stands firmly on the ground that the spiritual arises from the spiritual. We trace individuality back to the spiritual.
[ 14 ] Da stehen wir vor dem, was uns die Geisteswissenschaft als umfassendes Gesetz gibt. Was in den niederen Reihen uns erscheint als Gattung, erscheint uns in Bezug auf den Menschen als wiederholtes Erdenleben. Was der Mensch in diesem Leben erwirbt, das ist die Grundlage, die Gestaltung der folgenden Leben. So sehen wir die wahre Individualität hindurchziehen als geistige Einheit durch viele Erdenleben. Setzen wir uns das ganze menschliche Individuum zusammen, dann finden wir, dass physischer und Ätherleib in der Vererbungslinie liegen, dass aber Ich und Astralleib zurückzuführen sind auf frühere Erdenleben und Geistiges. Wenn wir dies vor unsere geistigen Augen führen, so kann es uns als befriedigende Erklärung dafür ergeben, dass das Menschenwesen, das als Kind vor uns steht, uns erscheint als Kombination der Vererbung und Verkörperungen.
[ 14 ] Here we are faced with what spiritual science presents to us as a universal law. What appears to us in the lower realms as a species appears to us, in relation to human beings, as repeated earthly lives. What a human being acquires in this life forms the foundation and shape of subsequent lives. Thus we see true individuality unfolding as a spiritual unity through many earthly lives. If we consider the entire human individual as a whole, we find that the physical and etheric bodies are part of the hereditary line, whereas the I and the astral body can be traced back to earlier earthly lives and the spiritual realm. When we hold this before our spiritual eyes, it can provide us with a satisfactory explanation for why the human being standing before us as a child appears to us as a combination of heredity and past incarnations.
[ 15 ] Wie erklären wir nun solche Erscheinungen der Vererbung? Wir müssen uns sagen, dass das Kind lange da war, bevor an die physischen Merkmale gedacht werden konnte, die vererbbar sind. Ebenso, wie es im physischen Leben Anziehung und Abstoßung gibt, so gibt es diese Kraft zwischen den Hüllen, die von Mann und Weib gegeben werden.
[ 15 ] How, then, do we explain such manifestations of heredity? We must realize that the child existed long before anyone could have thought of the physical characteristics that are hereditary. Just as there is attraction and repulsion in physical life, so too is there this force between the sheaths imparted by the man and the woman.
[ 16 ] Nicht zu jedem Elternpaare fühlt sich ein Kind hingezogen, sondern dahin, wohinein es passt. Viel feinere Merkmale als das Gesicht vererben sich, aber diese gerade bilden die Anziehung für das Individuelle. Nicht nur hat der Mensch die äußere, sondern auch die innere Physiognomie. Das Kind muss durch das Anziehungsband hingetrieben werden zu derjenigen Verleiblichung, die die äußeren Instrumente für seine Talente geben. Die sich verkörpernde Menschenindividualität wählt sich das Elternpaar. Das mathematische Denken hat als Organ nicht das Gehirn, sondern die drei halbzirkelförmigen Kanäle im Ohr, die in den drei Richtungen des Raumes senkrecht aufeinanderstehen, die, wenn sie verletzt werden, den Orientierungssinn nehmen. Malerei beruht auf ganz bestimmtem Bau des Auges.
[ 16 ] A child is not drawn to just any set of parents, but rather to those with whom it feels a connection. Much more subtle characteristics than the face are inherited, but it is precisely these that form the basis of attraction to the individual. Human beings possess not only an external but also an internal physiognomy. The child must be drawn by the bond of attraction to the embodiment that provides the external instruments for its talents. The human individuality that is taking shape chooses its parents. Mathematical thinking does not have the brain as its organ, but rather the three semicircular canals in the ear, which stand perpendicular to one another in the three directions of space and, if damaged, cause a loss of the sense of orientation. Painting is based on a very specific structure of the eye.
[ 17 ] Von einem Widerspruch zwischen Vererbung und Wiederverkörperung ist nicht die Rede. Mann und Weib vererben nur das Physische. Das Kind wird in ein Elternpaar hineingeboren, wie es herausgeboren wird. Wir sehen die Pflanze, wie sie die charakteristischen Merkmale des Bodens aufnimmt. Das Kind sprießt hervor aus dem Abstammungsboden und zeigt alles, was an Vater und Mutter ist. Wir sehen auch auf das individuelle Keimhafte, was erst in diesen Boden als wahre Individualität hineingesenkt ist, was als geschlossene Wesenheit ist, durchgehend durch verschiedene Inkarnationen. Wir erinnern uns an Schopenhauer: Indem Mann und Weib sich suchen, wirkt eigentlich schon die Nachkommenschaft.
[ 17 ] There is no question of a contradiction between heredity and reincarnation. Man and woman bequeath only the physical. The child is born into a pair of parents just as it is born out of them. We see the plant as it absorbs the characteristic features of the soil. The child sprouts from the soil of its lineage and manifests everything that belongs to the father and mother. We also observe the individual germ—that which has been planted in this soil as true individuality, existing as a unified entity throughout various incarnations. We recall Schopenhauer: as man and woman seek one another, the offspring is already taking shape.
[ 18 ] Er hatte oft eindringende Gedankenblitze, die etwas ungemein Treffendes haben, die aber erst in ihr richtiges Licht gesetzt werden, wenn sie beleuchtet werden von der Geisteswissenschaft. In dem Individuellen der Liebe zwischen Mann und Weib liegt schon der Wille des werdenden Lebens, und in den Blicken, mit denen sich die Liebenden begegnen, liegt das ins Dasein strebende Kind, ja, es ist etwas ebenso Rätselhaftes, ja Rätselvolles in dem Liebesakt, wie etwas Individuelles in den einzelnen Menschen ist. Aber die Geisteswissenschaft beleuchtet es erst in der richtigen Weise. Was sehen wir in der Individualität, in dem Ich und dem astralischen Leib? Dasjenige, was spielt in der Liebe zwischen Mann und Weib, das, was das Lustgefühl in jedem einzelnen Fall ausmacht, was ist es? Der Reflex, das Spiegelbild der Individualität, die ins Leben hereinwill. Im Gefühl kündigt sich die herabsteigende Individualität an. Das Liebesgefühl geben der kindlichen Individualität Vater und Mutter.
[ 18 ] He often had sudden flashes of insight that were remarkably apt, but which are only properly understood when illuminated by spiritual science. The individuality of love between a man and a woman already contains the will of the life-to-be, and in the glances with which the lovers meet lies the child striving into existence; indeed, there is something just as enigmatic, indeed mysterious, in the act of love as there is something individual in each human being. But spiritual science is the first to shed the proper light on it. What do we see in individuality, in the “I” and the astral body? That which plays a role in the love between a man and a woman—that which constitutes the feeling of pleasure in each individual case—what is it? The reflection, the mirror image of individuality that seeks to enter into life. The descending individuality announces itself in feeling. The feeling of love is given to the child’s individuality by the father and mother.
[ 19 ] Beweisen lassen sich solche Dinge nicht, wahr aber sind sie für den, der die Wahrheit empfindet, durchschaut. Es gibt für das Reinkarnationsgesetz keine Beweise, es muss ein Erlebnis des inneren Lebens sein. In den Gefühlen zwischen Mann und Weib sehen wir fluten die herabsteigende Individualität. Das Kind wirft in Mann und Weib seinen Schatten voraus. Liebe und Lust sind nur die Ausströmungen des Astralischen. Physischer und Ätherleib des Mannes und der Frau setzen das Kind zusammen. Das Kind regt an den astralischen Leib zwischen Mann und Weib und die Folge davon ist das Spiel der Liebesempfindungen.
[ 19 ] Such things cannot be proven, yet they are true for those who sense and perceive the truth. There is no proof for the law of reincarnation; it must be an experience of the inner life. In the feelings between man and woman, we see the descending individuality surging forth. The child casts its shadow ahead into the man and woman. Love and desire are merely emanations of the astral body. The physical and etheric bodies of the man and woman bring the child into being. The child stimulates the astral body between the man and woman, and the result is the interplay of love’s emotions.
[ 20 ] Nun mag mancher sagen: Wie könnt ihr euch abfinden mit dem eigentlichen Mutter- und Vatergefühl? Sie erstehen wieder in ihrem Kinde. Die Liebe erscheint in höherem Glanze, die zwischen Eltern und Kindern besteht. Sie spielte von kindlicher Seite aus vor der Empfängnis. Das Kind fühlte sich angezogen durch seine noch vergeistigte Liebe, die Liebe spielte, bevor das erste Atom des Physischen entstanden ist, und das Kind liebt die Eltern, die es sich sucht, und wirft mit seiner Liebe den Schatten in den Liebesakt. Die Liebe erscheint uns noch verfeinert, vergeistigt.
[ 20 ] Now some might say: How can you come to terms with the true feeling of motherhood and fatherhood? They are reborn in their child. The love that exists between parents and children shines with greater radiance. It was already present on the child’s part even before conception. The child felt drawn by its love, which was still spiritual; love was at work before the first atom of the physical realm came into being; and the child loves the parents it seeks out, casting the shadow of its love into the act of love. Love appears to us even more refined, more spiritual.
[ 21 ] Wenn wir die Sachen so ansehen, wird uns das Vererbungssystem noch viel erklärlicher. Im Mann ist Weibliches und im Weib Männliches, dann werden wir begreifen, dass die Eigenschaften der Töchter vom Vater ausgehen, [die] der Söhne von der Mutter. Die Menschen, welche das Seelische in besonderer Ausprägung haben, haben es vielfach von der Mutter. Wir haben vier Merkmale, woraus eine große Kombination der Merkmale entsteht. Wir werden nicht so sonderbare Dinge sagen: Wir brauchen uns nicht zu wundern, dass die Frauen jetzt diese oder jene Merkmale haben. Diese Leute vergessen immer, dass die Frauen auch einen Vater hatten. Es stellt sich ein Geistiges und Leibliches in ein ganz anderes Licht. Es muss eine wichtige Folge haben, wenn wir dieses Bewusstsein ins Leben nehmen. Wir werden nicht bloß schauen auf physische Vererbung, sondern auf Individualität, die uns etwas Heiliges sein muss, etwas, was wir erlösen müssen aus seinen Hüllen. Eine solche Anschauung wird sich verwandeln in eine ganz andere und höhere Achtung und Schätzung der rätselhaften und zwar zu enträtselnden Individualität. Wir werden nicht nur achten lernen die Freiheit der Erwachsenen, sondern auch der Kinder-Individualität. Die Geisteswissenschaft führt uns zu Gefühlen, Empfindungen und praktischer Schöpfung gegenüber den Aufgaben des Lebens. Die Geisteswissenschaft sicht hinter dem Physisch-Gewordenen den schaffenden Geist, sieht das Materielle als Wirkung vergangener Geistigkeit.
[ 21 ] If we look at things this way, the system of inheritance becomes much clearer to us. There is a feminine aspect in men and a masculine aspect in women; then we will understand that the traits of daughters come from the father, [while] those of sons come from the mother. People who possess a particularly pronounced spiritual nature often inherit it from their mother. We have four characteristics, from which a vast combination of traits arises. We will not say such strange things: We need not be surprised that women now possess this or that characteristic. These people always forget that women also had a father. This casts the spiritual and the physical in an entirely different light. Bringing this awareness to life must have an important consequence. We will look not merely at physical heredity, but at individuality, which must be something sacred to us—something we must liberate from its outer shells. Such a perspective will transform into a wholly different and higher respect and appreciation for the enigmatic individuality that is indeed to be unraveled. We will learn to respect not only the freedom of adults but also the individuality of children. Spiritual science leads us to feelings, sensations, and practical creation in the face of life’s tasks. Spiritual science sees the creative spirit behind what has become physical and regards the material as the effect of past spirituality.
[ 22 ] Die Geisteswissenschaft sieht den Geist, der noch verhüllt ist, in die Zukunft hinein sich gestalten als ihr Helfer. Unser Wissen führt uns in das geistige Schaffen der Vergangenheit. Dadurch werden wir geführt zu einem Schätzen der sich entwickelnden Wesenheiten. Nur durch die Achtung vor der Freiheit des sich entwickelnden Menschen sorgen wir für den Menschenfortschritt in die Zukunft hinein. Goethe hat mit manchem Satz die großen Verhältnisse getroffen, die sich im Alltäglichen wiederholen. Wir blicken in die Vergangenheit zurück und sehen den schaffenden Geist. Das große Gestern der Welt wird uns durch Erkenntnis offenbar und wir erlangen dadurch die Achtung und Schätzung des Geistes, der erst werden will.
[ 22 ] Spiritual science sees the spirit—which is still veiled—shaping itself into the future as its helper. Our knowledge leads us into the spiritual creative work of the past. Through this, we are guided to appreciate evolving beings. Only by respecting the freedom of the evolving human being can we ensure human progress into the future. Goethe, in many of his statements, has captured the great patterns that recur in everyday life. We look back into the past and see the creative spirit. The world’s great past is revealed to us through insight, and through this we gain respect and appreciation for the spirit that is yet to come into being.
Liegt dir das Gestern klar und offen,
Wirst du im Heute kräftig sein,
So kannst du auf ein Morgen hoffen,
Das nicht minder glücklich sei.
If yesterday is clear and open to you,
You will be strong today,
And so you can hope for a tomorrow
That will be no less happy.
