The Nature of Man
in the Light of Spiritual Science
GA 68d
18 November 1908, Prague
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The Nature of Man in the Light of Spiritual Science, tr. SOL
25. Mann, Weib und Kind vom Standpunkte der Geheimwissenschaft
25. Man, Woman, and Child from the Perspective of Esoteric Science
[ 1 ] Theosophie oder Geisteswissenschaft tritt an den Menschen heran in erster Linie auf die Art und Weise, dass sie ihm Mitteilungen über eine transzendente Welt gibt, sichere Kunde davon, was seit der Urzeit, seit den ersten Anfängen des Seins in der Welt des Unsichtbaren existiert, verborgen hinter unserer Welt der Sinne.
[ 1 ] Theosophy, or spiritual science, approaches humanity primarily by providing information about a transcendent world—reliable knowledge of what has existed in the invisible world since time immemorial, since the very beginnings of existence, hidden behind our world of the senses.
[ 2 ] Am Anfang scheint Theosophie nur eine Theorie zu sein, wie viele andere auch. Vertiefen wir uns in sie, sei es auch nur für kurze Zeit, so ist sie keine bloße Theorie mehr; sie wird eine Tat, eine Wirklichkeit für den, der mit ihr umgeht, sie wird durch das Leben Wahrheit, Weisheit und Reichtum.
[ 2 ] At first, Theosophy seems to be just a theory, like so many others. But if we delve into it, even for a short time, it is no longer a mere theory; it becomes an action, a reality for those who engage with it; through life, it becomes truth, wisdom, and wealth.
[ 3 ] Zu all dem wird sie nicht nur, weil sie den Menschen große Ideale der zukünftigen Entwicklung des Menschen vor die Seele bringt, sondern auch aus dem Grunde, weil es gleich von Beginn an, bevor die großen Ideale verwirklicht worden sind, bereits möglich ist, etwas zu bedeuten für die Seele, unserem ganzen Leben eine Wende zu geben.
[ 3 ] It achieves all this not only because it presents people with great ideals for humanity’s future development, but also because, right from the start—even before these great ideals have been realized—it is already possible to have a profound impact on the soul and to bring about a turning point in our entire lives.
[ 4 ] Ein großes, umfassendes Ideal, das die Theosophie vor dem Menschen entwickelt, ist, dass jeder in der Lage ist, die in ihm schlummernden Kräfte und Fähigkeiten zu entwickeln, sodass es — sei es auch nur in ferner Zukunft - ihm möglich sein wird, in die Geisteswelt, von der die Theosophie spricht, selbst zu schauen, so wie er heute in unsere sinnliche Welt schaut. Ja, es kommt der Moment, vielleicht in ferner Zukunft, dass die geistige Welt dem Menschen nicht mehr etwas Verborgenes, Unbekanntes, Geheimnisvolles sein wird, sondern vor seinem Seelenblick glänzt und strahlt wie die Welt aus Farbe und Licht für einen, der von Geburt an blind war und nach einer Operation mit einem Male sieht.
[ 4 ] A grand, all-encompassing ideal that Theosophy presents to humanity is that everyone is capable of developing the powers and abilities that lie dormant within them, so that—even if only in the distant future—it will be possible for them to look into the spiritual world of which Theosophy speaks, just as they look into our sensory world today. Yes, the moment will come—perhaps in the distant future—when the spiritual world will no longer be something hidden, unknown, or mysterious to human beings, but will shine and radiate before the gaze of their souls, just as the world of color and light does for someone who was blind from birth and suddenly regains sight after an operation.
[ 5 ] Dieses Erwachen zum spirituellen Leben, die Einbeziehung der geistigen Welt in das Feld der menschlichen Erfahrung, jenes hohe Ideal, von dem die Theosophie spricht, gibt dem Menschen Hoffnung, ja Gewissheit, dass er es einmal erreicht. Es liegt bereits etwas darin, was für die menschliche Seele von großem Reichtum ist, etwas, was dem Menschen Kraft und Gewissheit für sein ganzes Leben gibt. Für viele, für die meisten Menschen ist es allerdings bis da noch ein weit entferntes Ideal.
[ 5 ] This awakening to spiritual life, the inclusion of the spiritual world within the realm of human experience—that lofty ideal of which Theosophy speaks—gives people hope, indeed the certainty, that they will one day attain it. There is already something in this that is a great treasure for the human soul—something that gives a person strength and certainty for their entire life. For many—indeed, for most people—it remains, however, a distant ideal for the time being.
[ 6 ] Allerdings, ungeachtet dieses fernen Ideals kann die Theosophie dem Menschen noch etwas anderes gewähren, und zwar auch dann, wenn man sich diesem Ideal fern fühlt.
[ 6 ] However, regardless of this distant ideal, theosophy can still offer people something else—even when one feels far removed from this ideal.
[ 7 ] Die großen Wahrheiten über die übersinnlichen Welten, die die fortgeschrittenen Individuen, denen heute diese Welten bereits geöffnet sind, der Menschheit darreichen, diese Wahrheiten, welche die Menschheit von Anfang an nur als Theorie aufgreift, unterscheiden sich von anderen Theorien darin, dass sie dem Menschen den Weg zeigen zum Verständnis alltäglicher Phänomene und Erfahrungen in unserem Leben. Es sind dies Mitteilungen, die uns die wichtigsten Manifestationen des Lebens erklären und uns die Lösung der dunkelsten Geheimnisse der Natur und des Menschen geben.
[ 7 ] The great truths about the supersensory worlds—which are presented to humanity by advanced individuals to whom these worlds are already open today—these truths, which humanity has from the very beginning regarded only as theory, differ from other theories in that they show people the way to understanding everyday phenomena and experiences in our lives. These are revelations that explain to us the most important manifestations of life and provide us with the solution to the darkest mysteries of nature and humanity.
[ 8 ] Ein solches Wissen zu erwerben, heißt, Kraft für das Leben zu gewinnen. Denn das Nichtverstehen dessen, was im menschlichen Leben geheimnisvoll ist, bedeutet Unruhe, Schwäche, Unfähigkeit zu leben; auf der anderen Seite gibt jedes Vestehen des Wesens und des Zwecks des Lebens dem Menschen Kraft, Zuversicht und Hoffnung, die ihn auch in den schwersten Momenten nicht verlassen werden, wenn er sie am nötigsten hat.
[ 8 ] To acquire such knowledge is to gain strength for life. For a lack of understanding of what is mysterious in human life leads to restlessness, weakness, and an inability to live; on the other hand, any understanding of the nature and purpose of life gives a person strength, confidence, and hope that will not abandon them even in the most difficult moments, when they need them most.
[ 9 ] Diese ausnehmend praktische Bedeutung der Theosophie erscheint uns am deutlichsten, wenn wir uns einer solchen Frage zuwenden, die der heutige Vortrag gerade zum Thema hat, nämlich dem Geheimnis von Mann und Frau und ihrer Verbindung mit dem Kind. In der Tat ist dies ein lebenswichtiges Thema, weil wir keinen Schritt in unserem Leben machen können, ohne auf diese Frage zu treffen.
[ 9 ] This exceptionally practical significance of theosophy becomes most evident to us when we turn to a question such as the one that is the very subject of today’s lecture, namely, the mystery of man and woman and their connection to the child. Indeed, this is a vital topic, because we cannot take a single step in our lives without encountering this question.
[ 10 ] Es ist wahr, dass die moderne Wissenschaft, die aller Bewunderung wert ist, eine große Zahl von Antworten auf diese Frage liefert. Jedoch stützt sich diese Wissenschaft, hinweisend auf die Beobachtung dessen, was der physische Blick sieht, was der physikalische Apparat zeigt und die Vernunft zu einem logischen Ganze verknüpft, nur auf die äußere Beobachtung und die daraus abgeleiteten Schlüsse — die Naturwissenschaft versagt völlig unausweichlich genau dort, wo uns solche Fragen und Geheimnisse des täglichen Lebens begegnen.
[ 10 ] It is true that modern science, which is worthy of all admiration, provides a great many answers to this question. However, by focusing on the observation of what the physical eye sees, what the physical apparatus reveals, and what reason links into a logical whole, this science relies solely on external observation and the conclusions derived from it—natural science inevitably fails completely precisely where we encounter such questions and mysteries of everyday life.
[ 11 ] Es genügt schon, die Literatur der heutigen Zeit anzuschauen: Wir finden hier, dass die heutige Literatur, die nichts von der Geisteswissenschaft weiß, gegenüber einem so wichtigen Problem, wie es das heutige ist, einen zweifachen Standpunkt einnimmt.
[ 11 ] It is enough to look at contemporary literature: We find that today’s literature, which knows nothing of the humanities, takes a twofold stance toward a problem as important as the one we face today.
[ 12 ] Auf der einen Seite sehen wir aus der einen oder anderen dieser Bemerkungen eine materialistische Sicht durchblitzen, die über das Wesen von Mann und Frau die verschiedensten Annahmen aussprechen. Auf der anderen Seite sehen wir hingegen eine ganze Reihe von ernsthaften und denkenden Menschen, die von den vagen Vermutungen gar nicht befriedigt sind, die eine tiefere Natur des Widerspruchs zwischen Mann und Frau ahnen; diese Leute finden in der modernen Wissenschaft und Literatur nichts als eine einseitige und chaotische Sicht; aber sie sind noch nicht in der Lage, zur Geisteswissenschaft vorzudringen und da zur rechten Erleuchtung dieses Geheimnisses zu gelangen. Werfen wir einen Blick auf einige der Ansichten zu diesem Thema. Wie verwirrt ist das menschliche Wissen gerade hier!
[ 12 ] On the one hand, we see glimpses of a materialistic viewpoint in some of these remarks, which make a wide variety of assumptions about the nature of men and women. On the other hand, however, we see a whole host of serious and thoughtful people who are not at all satisfied with these vague conjectures, who sense a deeper nature to the contradiction between men and women; these people find nothing but a one-sided and chaotic view in modern science and literature; but they are not yet in a position to delve into spiritual science and thereby arrive at the true enlightenment of this mystery. Let us take a look at some of the views on this subject. How confused human knowledge is precisely in this area!
[ 13 ] Die Schriftstellerin Rosa Mayreder, die sich mit dieser Frage beschäftigte, doch noch nicht in die Geisteswissenschaft eingedrungen ist, hat einige Meinungen gesammelt, die heute in allen Kulturländern, besonders über die Frau, üblich sind.
[ 13 ] The writer Rosa Mayreder, who has explored this question but has not yet ventured into the humanities, has compiled some opinions that are common today in all cultured countries, particularly regarding women.
[ 14 ] Ein Überblick über diese verschiedenen Meinungen wirft ein scharfes Licht auf die völlige Verwirrung der heutigen Zeit. Schauen wir uns an, wie die Schriftstellerin verschiedene Ansichten vergleicht. Das Buch der erwähnten Schriftstellerin «Über das Problem des Weibes» verdient es auch sonst, gelesen zu werden, weil es gleichsam zur Theosophie zwingt, den Menschen zum Tor der Theosophie führt, obwohl sie selbst noch nicht in sie eingegangen ist. Hier können wir schen, wie ein großer oft genannter Naturforscher versucht, kurz die Natur der Frau zu erfassen und zusammenfassen darin, dass er ihr Zärtlichkeit zuschreibt. Ein anderer Naturwissenschaftler — sein Name tut nichts zur Sache — fasst alle Eigenschaften der Frau in dem Begriff der Hingabe zusammen. An anderer Stelle sehen wir wieder den aus der heutigen Zeit herausgewachsenen Menschen, der das Wesen der Frau am besten auszudrücken hofft mit dem Wort Zornmütigkeit.
[ 14 ] An overview of these various opinions sheds a sharp light on the utter confusion of our times. Let us see how the author compares different viewpoints. The book by the author mentioned, *On the Problem of Woman*, is also worth reading for other reasons, because it, as it were, compels one toward theosophy and leads people to the gateway of theosophy, even though she herself has not yet entered it. Here we can see how a great, often-cited natural scientist attempts to briefly grasp the nature of women and summarize it by attributing tenderness to them. Another natural scientist—his name is irrelevant—summarizes all of a woman’s qualities in the concept of devotion. Elsewhere, we again see the person shaped by the present age, who hopes to best express the essence of woman with the word “irascibility.”
[ 15 ] So kommt der eine zur Vorstellung der Zärtlichkeit, der andere ebenso aufrichtig und ehrlich zu dem Konzept der Hingabe, und ein dritter auf der Grundlage seiner Beobachtungen wiederum auf den Begriff der Zornmütigkeit. Ein weiteres Urteil, das wiederum von einem Manne ausgeht, der sich oft mit Psychopathologie beschäftigte, nennt die Frau verkörperten Konservativismus. Ein konservatives Element im sozialen Leben, das soll Frau sein. Wir müssen nicht weit gehen, und wir finden gerade die entgegengesetzte Ansicht: «Das eigentliche revolutionäre Element liegt in dem Wesen der Frau».
[ 15 ] Thus, one person arrives at the idea of tenderness, another—just as sincerely and honestly—at the concept of devotion, and a third, based on his observations, at the notion of irascibility. Another assessment, this time from a man who frequently dealt with psychopathology, describes women as the embodiment of conservatism. Women are said to be a conservative element in social life. We need not look far to find the exact opposite view: “The true revolutionary element lies in the nature of women.”
[ 16 ] Solcher Ansichten haben wir eine ganze Reihe. Ihre enorme Vielfalt, ja ihre Widersprüchlichkeit ist ein Beweis dafür, wie wenig die Menschen diese Dinge verstehen, wenn sie bei äußerlicher Beobachtung bleiben.
[ 16 ] We have a whole series of such views. Their enormous diversity—indeed, their contradictory nature—is proof of how little people understand these things when they limit themselves to superficial observation.
[ 17 ] Ein tiefer philosophischer Denker wiederum versucht, die Menschheit einerseits in analytisch denkende Menschen aufzuteilen, die alles, was sie sehen, analysieren, zerlegen, einteilen und in die Einzelheiten vordringen, andererseits in Menschen, welche wiederum das ganze Universum synthetisch verstehen - und nennt dann die Frau ein analytisches, den Mann ein synthetisches Wesen; aber sogleich treffen wir auf die Aussage eines anderen Philosophen, der erklärt, dass die Frau immer bereit ist zur Synthese, aber zum strengen analytisches Wissen, das zur Wissenschaft führt, ist angeblich nur der Mann in der Lage.
[ 17 ] A profound philosophical thinker, on the other hand, attempts to divide humanity, on the one hand, into analytically minded people who analyze, break down, categorize, and delve into the details of everything they see, and, on the other hand, into people who, in turn, understand the entire universe synthetically—and then calls women analytical beings and men synthetic beings; but immediately we encounter the statement of another philosopher who explains that women are always ready for synthesis, but only men are supposedly capable of the rigorous analytical knowledge that leads to science.
[ 18 ] All diese Denker, deren Ansichten hier angeführt worden sind, blieben einfach bei äußerlicher, oberflächlicher Betrachtung stehen; daher die ganze Verwirrung und Widersprüchlichkeit in diesen verschiedenen Aussagen.
[ 18 ] All of these thinkers, whose views have been cited here, limited themselves to an external, superficial examination; hence all the confusion and contradictions in these various statements.
[ 19 ] Trotzdem kann man sagen, dass in der Art, wie man sich mit dieser Frage befasst, etwas liegt, was die moderne Wissenschaft auf den Weg treibt, entlang welchem sie im Laufe der Zeit unbedingt zur Anerkennung des geistigen Lebens kommen muss, zur Anerkennung dessen, was jenseits der sichtbaren Welt der modernen Wissenschaft liegt.
[ 19 ] Nevertheless, it can be said that there is something in the way this question is approached that sets modern science on a path along which, over time, it must inevitably come to recognize spiritual life—to recognize that which lies beyond the visible world of modern science.
[ 20 ] Auf besonders merkwürdige Weise fasste der junge, unglückliche Arzt Dr. Otto Weininger seine Ansichten in seinem Buch «Geschlecht und Charakter» zusammen, einem Buch, das auf einer Seite zeigt, wie die moderne materialistische Wissenschaft aus innerer Notwendigkeit zu höherer Erkenntnis angetrieben wird, aber auf der anderen Seite, wie diese Wissenschaft heute wegen ihrer Vorurteile und der Natur ihrer Methoden nicht in der Lage ist, eine endgültige Lösung für diese Frage zu finden.
[ 20 ] In a particularly curious way, the young, unhappy physician Dr. Otto Weininger summarized his views in his book *Sex and Character*, a book that, on the one hand, shows how modern materialistic science is driven by an inner necessity toward higher knowledge, but on the other hand, how this science is currently unable to find a definitive solution to this question due to its prejudices and the nature of its methods.
[ 21 ] Weininger baut auf dem Boden ernster und exakter Wissenschaft, auf den Methoden moderner Forschung, dass es im männlichen und weiblichen Geschlecht eine Art von Polarität gibt, eine Art idealen männlichen und weiblichen Typus, die uns aber in der Praxis nie begegnen, denn in der Tat findet man beim Individuum immer, sowohl beim Mann einen verborgenen weiblichen als auch bei der Frau einen verborgenen männlichen Teil. Weininger stellt dieses Ganze jedoch auf eine stoffliche, materialistische Grundlage. Er erweckt geradezu die Ansicht, als ob in der weiblichen organischen Substanz ein Teil männlichen Stoffs beigemischt sei und umgekehrt.
[ 21 ] Weininger builds upon the foundation of serious and precise science, upon the methods of modern research, to argue that there is a kind of polarity between the male and female sexes—a kind of ideal male and female type—which we, however, never encounter in practice, for in fact one always finds in the individual—both in men a hidden feminine aspect and in women a hidden masculine aspect. Weininger, however, places this entire concept on a materialistic foundation. He virtually gives the impression that a portion of male substance is mixed into the female organic substance, and vice versa.
[ 22 ] Auch in anderen Fällen finden wir bei Weininger neben Ideen, die zu wahrer Erkenntnis führen, ein breites Spektrum von völlig falschen Ideen und Schlussfolgerungen. Überhaupt zeigt dieses Buch eine wundersame Mischung aus tiefen Ideen und wieder regelrecht extremsten Vorurteilen gegen das Wesen der Frauen. Am besten ist das zu sehen an den Schlussfolgerungen, wo Weininger zur endgültigen Ansicht kommt, dass eine Frau weder Freiheit noch Individualität noch Intellekt noch Vernunft habe.
[ 22 ] In other instances as well, we find in Weininger, alongside ideas that lead to true insight, a broad spectrum of completely erroneous ideas and conclusions. In general, this book presents a curious mixture of profound ideas and, at the same time, the most extreme prejudices against the nature of women. This is most evident in the conclusions, where Weininger arrives at the definitive view that a woman possesses neither freedom nor individuality nor intellect nor reason.
[ 23 ] Diese unterschiedlichen Ansichten über die Frau, voller Widersprüche, sie sind in der Lage, im menschlichen Inneren ein sympathisches Echo in der Richtung zu erwecken, dass man das Vorhandensein der Notwendigkeit erkennt, den Blick zu richten nicht nur auf die Beobachtung des Lebens durch die äußeren Sinne, sondern auch auf das innere, geistige Geschehen; nur dann, wenn wir Mann und Frau nicht nur so sehen, wie sie unseren Augen erscheinen, sondern wenn wir uns in das Innere des Menschen vertiefen, können wir die wahre Natur, Herkunft und die Gesetze der beiden Geschlechter des Menschen erkennen.
[ 23 ] These differing views on women, full of contradictions, are capable of evoking a sympathetic response within the human heart, leading one to recognize the need to focus not only on observing life through the external senses, but also on inner, spiritual processes; only when we view men and women not merely as they appear to our eyes, but when we delve into the inner being of the human person, can we recognize the true nature, origin, and laws of the two human sexes.
[ 24 ] In anderen Vorträgen wurde gezeigt, dass auf der Grundlage der großen Probleme von Wachen und Schlafen, Leben und Tod wir uns der unsichtbaren Teile des Menschen bewusst werden können.
[ 24 ] Other lectures have shown that, based on the fundamental issues of waking and sleeping, life and death, we can become aware of the invisible aspects of the human being.
[ 25 ] Es wurde gezeigt, wie die ganze unseren Sinnen zugängliche Welt, die sich tagsüber während des Wachbewusstseins um uns herum erstreckt, und dieses unser ganzes Wachbewusstsein am Abend beim Einschlafen in ein unbestimmtes Dunkel sinkt; und dass dann am Morgen beim Aufwachen alles das, was am vorangegangenen Abend ausgebreitet war vor dem Bewusstsein des Menschen, wieder aus dem Dunkel des Unbewussten heraustritt. Es ist das ein alltägliches Phänomen, und doch ist — vielleicht deswegen — dieses Prinzip nicht ausreichend untersucht worden, obwohl es eine der tiefsten, rätselhaftesten Fragen des Lebens ist, die den Menschen, wenn er sich ernsthaft damit konfrontiert, zu einer tiefen Erkenntnis bringen kann.
[ 25 ] It has been shown how the entire world accessible to our senses—which extends around us during the day while we are awake—and our entire waking consciousness sink into an indeterminate darkness in the evening as we fall asleep; and that then, in the morning upon waking, everything that had been spread out before a person’s consciousness the previous evening emerges once again from the darkness of the unconscious. This is an everyday phenomenon, and yet—perhaps for this very reason—this principle has not been sufficiently investigated, even though it is one of the deepest, most enigmatic questions of life, one that, when seriously confronted, can lead a person to profound insight.
[ 26 ] Nach den Erfahrungen derer, die höhere Fähigkeiten entwickelt haben, kann man beobachten, dass der Mensch am Abend beim Einschlafen einen Teil seines Wesens im Bett zurücklässt, während der andere Teil aus dem physischen Leib heraustritt und dann mit ihm während der Zeit des Schlafes in der anderen, transzendenten Welt lebt.
[ 26 ] Based on the experiences of those who have developed higher abilities, it can be observed that when a person falls asleep in the evening, one part of their being remains in bed, while the other part steps out of the physical body and then lives with it in the other, transcendent world during sleep.
[ 27 ] Aber warum kann der Mensch nicht mit jenem Teil, der in der Nacht aus dem physischen Körper herausgezogen wird, die Phänomene dieser höheren, übersinnlichen Welt mit vollem Bewusstsein wahrnehmen?
[ 27 ] But why can’t a person, with that part of themselves that is drawn out of the physical body at night, perceive the phenomena of this higher, supersensory world with full consciousness?
[ 28 ] Weil nur dort wahrgenommen werden kann, wo es Sinnesorgane gibt. Nur diejenige Welt ist wahrnehmbar, für die es Sinne gibt. In diesem seelisch-geistigen Teil des Menschen, der im Schlaf aus dem physischen Leib heraustritt, sind beim gewöhnlichen heutigen Menschen noch keine Organe entwickelt.
[ 28 ] Because perception is possible only where there are sense organs. Only the world for which there are senses is perceptible. In this soul-spiritual part of the human being, which leaves the physical body during sleep, no organs have yet developed in the average person today.
[ 29 ] Aus diesem Grunde ist der Mensch vom Einschlafen bis zum Aufwachen [taub] und blind für alles, was in dieser höheren Welt geschieht, in der er leben würde, wenn er heute nicht verwiesen wäre auf die rein sinnliche Welt, in welcher allein er einen entwickelten Wahrnehmungsapparat hat und wohin immer am Morgen sein seelischgeistiger Teil zurückkehrt, wenn er wieder in den physischen Leib eingefügt wird.
[ 29 ] For this reason, from the moment a person falls asleep until they wake up, they are [deaf] and blind to everything that happens in this higher world—the world in which they would live if they were not confined today to the purely sensory world, the only world in which they possess a developed system of perception, and to which their soul-spiritual part always returns in the morning when it is reintegrated into the physical body.
[ 30 ] Wir können noch weitergehen und auf einen anderen Umstand hinweisen, der uns zu einer wirklichen Beobachtung der Geisteswissenschaft führt. In dem, was beim Schlaf auf dem Bett liegt, können wir ein Zweifaches beobachten; der eine Teil, der physische Körper, kann beim schlafenden Menschen wahrgenommen werden durch den Tastsinn, er besteht aus den gleichen Kräften wie ein Stein, ist also mineralischer Natur.
[ 30 ] We can go even further and point out another circumstance that leads us to a true understanding of spiritual science. In what lies on the bed during sleep, we can observe two distinct aspects; one part—the physical body—can be perceived in the sleeping person through the sense of touch; it consists of the same forces as a stone and is therefore of a mineral nature.
[ 31 ] Dieser physische Körper würde in seine eigenen Kräfte und Substanzen zerfallen, wenn er nicht von einem Prinzip durchdrungen wäre, das ihn sättigt mit Lebenskraft, dem sogenannten Lebensleib oder ätherischen Leib. Alles, was lebt, muss sich das Leben ständig erobern. Der Stein wird von seinen mineralischen Kräften erhalten; nur von außen können die störenden Kräfte kommen, die ihn zerstören. Aber der lebendige Körper bleibt nur bestehen, wenn er durch Lebenskraft aufrechterhalten wird; sich selbst überlassen, zersetzt er sich unter der Einwirkung von mineralischen Kräften in die einzelnen Stoffe, aus denen er zusammengesetzt ist, und wird zu einem Leichnam.
[ 31 ] This physical body would disintegrate into its own forces and substances if it were not permeated by a principle that saturates it with life force—the so-called life body or etheric body. Everything that lives must constantly strive to maintain its life. The stone is sustained by its mineral forces; only from the outside can disruptive forces come to destroy it. But the living body persists only if it is sustained by life force; left to itself, it decomposes under the influence of mineral forces into the individual substances of which it is composed and becomes a corpse.
[ 32 ] Zwischen Geburt und Tod ist der physische Körper des Menschen mit dem Ätherkörper verflochten. Beim Tod jedoch tritt dieser Ätherkörper mit dem Astralleib heraus und lässt den physischen Leib tot zurück. Dies ist der Unterschied zwischen Schlaf und Tod. Im Schlaf bleiben der physische und der Ätherleib zusammen, im Tod aber zieht sich mit dem Astralleib und den höheren Prinzipien des Menschenwesens auch der ätherische Körper heraus, während der physische Leib, sich selbst überlassen, zum Leichnam wird. Was uns heute an dieser Angelegenheit am meisten interessiert, ist, dass der Mensch in der Nacht, wenn er sich in der geistigen Welt befindet, fast rein geistig ist, richtig gesagt, ein seelisch-geistiges Wesen, das aus dem Astralkörper und dem menschlichen «Ich» besteht.
[ 32 ] Between birth and death, a person’s physical body is intertwined with the etheric body. At death, however, this etheric body withdraws along with the astral body, leaving the physical body behind as a corpse. This is the difference between sleep and death. During sleep, the physical and etheric bodies remain together; at death, however, the etheric body withdraws along with the astral body and the higher principles of the human being, while the physical body, left to itself, becomes a corpse. What interests us most about this matter today is that at night, when a person is in the spiritual world, they are almost purely spiritual—or, to be precise, a soul-spiritual being consisting of the astral body and the human “I.”
[ 33 ] Im physischen und ätherischen Körper sind die Organe, die der Mensch tagsüber während des Wachens benutzt, wenn er sich in seiner physischen Hülle befindet, zum Zweck des Kontakts mit der Außenwelt. So verstehen wir das Wesen des Menschen nur dann richtig, wenn wir seine wechselnden Zustände während des Tages und der Nacht beobachten.
[ 33 ] In the physical and etheric bodies are the organs that a person uses during the day while awake, when he is in his physical form, for the purpose of interacting with the outside world. Thus, we can only truly understand the nature of the human being by observing his changing states throughout the day and night.
[ 34 ] Genau in einem ähnlichen Verhältnis befindet sich der Mensch in Bezug auf das Geschlecht. Diejenigen Zustände, die wir unter dem Begriff Mann und Frau zusammenfassen, finden wir nur in dem Teil des Menschen, der nachts als physischer und ätherischer Leib auf dem Bett bleibt. Das, was sich aus ihnen während des Schlafes herauszieht — der astrale Körper und das «Ich» des Menschen - und morgens zu ihnen zurückkehrt, das hat kein Geschlecht. Was in der Nacht aus dem Körper herausströmt, ist der über das Geschlecht hinaus erhobene Mensch.
[ 34 ] Human beings are in exactly a similar relationship with regard to gender. The states we summarize under the terms “man” and “woman” are found only in that part of the human being that remains on the bed at night as the physical and etheric body. That which withdraws from them during sleep—the astral body and the human “I”—and returns to them in the morning has no gender. What flows out of the body at night is the human being who has risen above gender.
[ 35 ] So verlässt der Mensch, wenn er aus dem Körper kommt, das ganze Gebiet des Geschlechts; am Morgen dann, wenn er erwacht, kehrt er wieder zurück und begibt sich wieder in die Geschlechtlichkeit hinein.
[ 35 ] Thus, when a person leaves the body, he leaves the entire realm of sexuality; then in the morning, when he awakens, he returns and re-enters into the realm of sexuality.
[ 36 ] Nur der physische und ätherische Körper scheinen uns geschlechtlich zu sein und zeigen uns das auf wunderbare Weise.
[ 36 ] Only the physical and etheric bodies appear to us to be gendered and demonstrate this to us in a wondrous way.
[ 37 ] Die Theosophie gibt uns dieses besondere Wissen, wunderbar und unerhört, aber doch wahr! Nur äußerlich ist ein Mensch Angehöriger des Geschlechts, das durch die Sinne beobachtet werden kann. Aber wenn wir den übersinnlichen Teil dessen beobachten, was beim Schlaf auf dem Bett liegen bleibt, nämlich den Lebensleib oder Ätherleib, da zeigt uns dieser Leib gegenüber dem physischen Körper etwas Überraschendes. Der ätherische Leib ist tatsächlich genau mit dem entgegengesetzten Geschlecht begabt wie der physische Körper; der ätherische Leib eines Mannes ist weiblichen Geschlechts und der ätherische Leib einer Frau ist männlichen Geschlechts.
[ 37 ] Theosophy gives us this special knowledge—wondrous and unheard-of, yet true! Only outwardly is a human being a member of the species that can be observed through the senses. But when we observe the supersensory part of what remains on the bed during sleep—namely, the life body or etheric body—this body reveals something surprising to us in contrast to the physical body. The etheric body is, in fact, of the exact opposite sex as the physical body; a man’s etheric body is female, and a woman’s etheric body is male.
[ 38 ] Hier ist der Schlüssel zum Geheimnis des Geschlechts! Der Mensch, der vor uns steht, besteht aus dem physischen, ätherischen und astralen Leib und dem Ich (Ego); das Ego und der Astralleib sind übergeschlechtlich und nehmen daher nicht am Geschlechtlichen teil, außer dass sie sich mit dem ätherischen und physischen Körper umgeben.
[ 38 ] Here is the key to the mystery of gender! The human being standing before us consists of the physical, etheric, and astral bodies and the “I” (ego); the ego and the astral body are beyond gender and therefore do not participate in sexual matters, except insofar as they surround themselves with the etheric and physical bodies.
[ 39 ] Von dem physischen und ätherischen Leib sehen wir mit den gewöhnlichen Sinnen allein den physischen Leib; aber wenn wir die Aufmerksamkeit nach innen auf die übersinnliche Seite, den ätherischen Leib richten, da finden wir das entgegengesetzte Geschlecht. Wenn der Mensch das Leben von der Geschlechterperspektive aus beobachtet, wenn es der Mann oder die Frau erlebt und versucht, es daraus zu verstehen, doch die Geisteswissenschaft ihm dann solche Mitteilungen verschafft wie über die Entgegengesetztheit des Geschlechts des physischen und des Ätherleibes, da fallen dem Menschen wie Schuppen von den Augen; dann erst wird es ihm klar, wenn er sich das Leben als Mann anschaut, dass, obwohl die äußere Natur ihn zu männlichen Taten anregt, er diese männlichen Eigenschaften harmonisiert, ausgleicht mit anderen, fast weiblichen Eigenschaften. Ebenso zeigt uns die Frau eine ganze Reihe männlicher Züge. Wir finden dann, dass es nichts gibt, das wir, sei es als Vorzug, sei es als Mangel, nur dem Mann oder nur der Frau zuschreiben könnten, das nur an ein Geschlecht gebunden wäre.
[ 39 ] Of the physical and etheric bodies, we perceive only the physical body with our ordinary senses; but when we turn our attention inward toward the supersensible realm—the etheric body—we find the opposite sex. When a person observes life from the perspective of gender—when a man or a woman experiences it and tries to understand it from that standpoint—yet spiritual science then provides insights such as the opposition in gender between the physical and etheric bodies, it is as if scales fall from their eyes; only then does it become clear to him, when he looks at life as a man, that although external nature stimulates him to masculine deeds, he harmonizes these masculine qualities, balancing them with other, almost feminine qualities. Likewise, a woman displays a whole range of masculine traits. We then find that there is nothing—whether a virtue or a flaw—that we could attribute solely to men or solely to women, that would be bound exclusively to one sex.
[ 40 ] Wenn wir von diesem Standpunkt Weiningers Meinung betrachten, dann sehen wir eine gewisse Ähnlichkeit, aber es sind sicher nicht materielle Dinge in Mann und Frau entgegengesetzten Geschlechts, sondern dies hat seinen Sitz im ätherischen Leib.
[ 40 ] If we consider Weininger’s opinion from this perspective, we see a certain similarity, but it certainly does not lie in material differences between men and women of the opposite sex; rather, it is rooted in the etheric body.
[ 41 ] Warum liegen diejenigen Menschen so falsch in ihren Meinungen über Frauen und Männer, die sich auf den äußeren Eindruck verlassen? Gerade weil sie geistiges Leben durch äußere Kennzeichen des Geschlechts beurteilen und vergessen, dass in jedem Mann etwas Weibliches und in jeder Frau etwas Männliches ist und deshalb immer in jedem Geschlecht etwas vom anderen Geschlecht ist, das es ergänzt.
[ 41 ] Why are those people who rely on outward appearances so wrong in their opinions about women and men? Precisely because they judge spiritual life by outward signs of gender and forget that there is something feminine in every man and something masculine in every woman—and therefore there is always something of the opposite sex in each gender that complements it.
[ 42 ] In all den oben erwähnten Charakterisierungen über die Frau, wo der Frau bald der Begriff «Zärtlichkeit», bald «Treue», «Giftigkeit», «Konservativismus» oder wieder «das revolutionäre Element im Menschen» zugeschrieben wurde, hier sehen wir überall, dass nur beurteilt wurde, was aus äußeren Sinnen gefunden wurde.
[ 42 ] In all the characterizations of women mentioned above—where women were alternately attributed the concepts of “tenderness,” “faithfulness,” “toxicity,” “conservatism,” or, again, “the revolutionary element in human beings”—we see throughout that the judgments were based solely on what was perceived by the external senses.
[ 43 ] Lasst uns tiefer schauen! Theosophie bringt Licht in diese Dinge, lehrt uns, die Sphäre zu verstehen, in der sich Männlichkeit und Weiblichkeit treffen. Dort, wo der Mensch über das materielle Leben erhaben ist, wie zum Beispiel im Schlaf, gibt es kein Geschlecht in seiner Bedeutung. Aber es wäre falsch zu urteilen, dass der Widerspruch, der bei beiden Geschlechtern auftritt, nur eine Bedeutung für die physische Welt hat. Man muss im Gegenteil in vollem Maße und Ernsthaftigkeit sich über die Natur der physischen Welt klar werden, nach dem Ausspruch von Goethe: «Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis»: Alles Physische ist nur ein Gleichnis des Geistigen!
[ 43 ] Let us look deeper! Theosophy sheds light on these matters, teaching us to understand the sphere where masculinity and femininity meet. Where human beings are transcending material life—as, for example, during sleep—gender, in the conventional sense, does not exist. But it would be wrong to conclude that the contradiction that arises in both sexes has significance only for the physical world. On the contrary, one must fully and earnestly grasp the nature of the physical world, in accordance with Goethe’s saying: “Everything transitory is but a parable”: Everything physical is but a parable of the spiritual!
[ 44 ] Wenn wir über diesen Geschlechtsunterschied nachdenken, werden wir die wahre Natur davon verstehen. Wir kennen diesen Unterschied nur in der physischen Welt, als Polarität zwischen Mann und Frau. Der Unterschied ist jedoch nur der Ausdruck eines viel tieferen Gegensatzes in der geistigen Welt. Zwei Manifestationen gehen Hand in Hand mit dem Leben, zwei Extreme, die wir gemeinhin Leben und Tod nennen.
[ 44 ] When we reflect on this gender difference, we will understand its true nature. We know this difference only in the physical world, as a polarity between man and woman. However, the difference is merely the expression of a much deeper contrast in the spiritual world. Two manifestations go hand in hand with life—two extremes that we commonly call life and death.
[ 45 ] Im äußeren Leben kann das Bild dieses Widerspruchs am wachsenden Baum schön beobachtet werden. An der Oberfläche sehen wir die Rinde, die das innere Leben umgeben, eingesperrt hat, das von der Oberfläche zurücktrat. Im Innern sehen wir jedoch üppiges Leben, Ströme von Saft, die vom Stamm in alle Äste steigen, sie zum Leben stärkend, die Blätter, Blüten und Früchte ernährend. Im Inneren ist ein Baum voller Leben, aber es ist von einer festen Hülle bedeckt. Und doch benötigt dieser Baum dieses, in der festen Rinde gefangen zu sein, denn wie könnte ein Baum, der der Rinde beraubt wäre, die sein Leben scheinbar einsperrt, den Winter überleben, Sturm und Unwetter überstehen? Ein Baum, dessen Stamm verwundet, der Rinde beraubt ist, stirbt.
[ 45 ] In the external world, this contradiction can be beautifully observed in a growing tree. On the surface, we see the bark, which has enclosed and confined the inner life that has receded from the surface. Inside, however, we see abundant life—streams of sap rising from the trunk into all the branches, strengthening them and nourishing the leaves, flowers, and fruits. Inside, a tree is full of life, but it is covered by a solid shell. And yet this tree needs to be trapped within this solid bark, for how could a tree deprived of the bark—which seemingly imprisons its life—survive the winter and weather storms and inclement weather? A tree whose trunk is wounded and stripped of its bark dies.
[ 46 ] In ähnlicher Art ist das ganze Leben durchdrungen von dem Gegensatz von Leben und Form.
[ 46 ] In a similar way, life as a whole is permeated by the contrast between life and form.
[ 47 ] Was im Inneren des Baumes ist, will wachsen und gedeihen, aber es ist zurückgehalten von dem, dass es in die Form eingeschlossen ist, die ständig als etwas Bedrückendes, das Leben Ertötendes sich dem Leben entgegenstellt; das Leben selbst würde überborden, übereilen, wenn es nicht den Tod gäbe. Nur die Form, die zurückhält und bindet, schafft mit dem schnell voranschreitenden Leben die anzustrebende Harmonie und Ausgeglichenheit. Die Rinde des Baumes ist genau das Bild dessen, was einschränkt, zurückhält, ertötet.
[ 47 ] What lies within the tree wants to grow and flourish, but it is held back by the fact that it is confined within a form that constantly stands in opposition to life as something oppressive and life-destroying; life itself would overflow and rush headlong if it were not for death. Only the form, which restrains and binds, creates the harmony and balance to be sought in the face of rapidly advancing life. The bark of the tree is precisely the image of that which restricts, restrains, and kills.
[ 48 ] Tod und Leben greifen als die beiden Gegensätze in das ganze Leben ein, in alle Ereignisse. Wir finden überall das Leben - und die Form, die das Leben gleichzeitig in sich behält und zurückhält, damit es sich nicht übereilt, aber auch nicht gleich wieder verschwindet.
[ 48 ] Death and life, as two opposites, permeate all of life, all events. We find life everywhere—and the form that simultaneously preserves and restrains life, so that it does not rush ahead, but also does not vanish immediately.
[ 49 ] Dieses Phänomen können wir im künstlerischen Schaffen beobachten: in den schönen Erzeugnissen der griechischen Plastik, wo der wissende Künstler uns in dem Bild der Statue verborgene Geheimnisse der geistigen Welt aufzeigt.
[ 49 ] We can observe this phenomenon in artistic creation: in the beautiful works of Greek sculpture, where the knowledgeable artist reveals to us, through the image of the statue, the hidden mysteries of the spiritual world.
[ 50 ] Besonders deutlich zeigen uns das zwei Werke der griechischen Skulptur: Der Kopf des Zeus, der uns typisch anzeigt, wie man Zeus angesehen hat (Original im Nationalmuseum in Rom) und das der Juno (die sogenannte Juno Ludovisi). Zwei wunderbare Werke des menschlichen Schaffens; wer sie betrachtet, nicht gedankenlos, sondern tiefer, dem fällt auf die breite und flache Stirn der Juno, die dann auf einmal plötzlich zurückfällt, und demgegenüber die enge, nach den Seiten abgerundete Stirn des Zeus, deren Bogen an den Schläfen langsam zurücktritt.
[ 50 ] Two works of Greek sculpture illustrate this particularly clearly: the head of Zeus, which typifies how Zeus was viewed (the original is in the National Museum in Rome), and that of Juno (the so-called Juno Ludovisi). Two marvelous works of human creativity; anyone who contemplates them—not thoughtlessly, but more deeply—will notice Juno’s broad, flat forehead, which then suddenly slopes backward, and, in contrast, Zeus’s narrow forehead, rounded at the sides, whose curve gradually recedes at the temples.
[ 51 ] Wenn Sie das gesamte Antlitz des Zeus und der Juno betrachten, und wenn Sie sie miteinander vergleichen, dann werden Sie finden, dass das Antlitz des Zeus in Ihnen ein Gefühl weckt, dass, wenn in dieser Statue Leben wäre, dann würde sich in kurzer Zeit ihr gesamter Ausdruck verändern, verwandeln; in diesem Gesicht entwickelt sich enorme Lebenskraft, stark und üppig, die in der Lage wäre, das ganze Gesicht innerhalb kurzer Zeit umzuformen, umzuarbeiten.
[ 51 ] If you look at the entire faces of Zeus and Juno, and if you compare them, you will find that Zeus’s face evokes in you a feeling that, if this statue were alive, its entire expression would change and transform in a short time; an enormous life force develops in this face—strong and exuberant—that would be capable of reshaping and transforming the entire face within a short time.
[ 52 ] Anders ist es bei der Juno. Die Seele, die in diesem Wesen sitzt, die von dem Künstler eingefangen wurde im Ausdruck dieser Statue, diese Seele hat sich ganz und gar in die Form verkörpert, wurde eine schöne und vollendete Form. Hier fühlen wir die Ruhe nach der Schöpfung, und wir können uns dieses Gesicht nicht anders vorstellen; im Gegenteil — wir fühlen, wenn dieses Gesicht für alle Ewigkeit vor uns lebte, würde es sich in seinem Ausdruck nicht ändern. Bei Zeus ist im Gesicht nur ein Augenblick eingefangen dessen, was in dieser Seele geschieht, während wir bei Juno die Ruhe der Seele empfinden, die ihren Ausdruck vollständig in der fertigen, vollendeten Form erreicht.
[ 52 ] The situation is different with Juno. The soul that dwells within this being—the one captured by the artist in the expression of this statue—has embodied itself completely in the form, becoming a beautiful and perfect form. Here we sense the tranquility that follows creation, and we cannot imagine this face any other way; on the contrary—we feel that if this face were to live before us for all eternity, its expression would not change. In the case of Zeus, the face captures only a moment of what is happening within that soul, whereas in Juno we perceive the tranquility of the soul, which has fully realized its expression in the finished, perfected form.
[ 53 ] Hier sehen wir nochmals den ganzen Gegensatz: das Leben, das den Tod mit sich gebracht hätte, wenn man es sich selbst überlassen hätte, denn es würde ständig eine Form nach der anderen auslöschen, es würde keinen Augenblick einer Festigung in der Form dulden; dieses Leben auf der einen Seite, auf der anderen Seite wiederum das Einschließen des Lebens, die Kristallisation, das Bewahren desselben im Rahmen, in der Form.
[ 53 ] Here we see once again the entire contrast: life, which would have brought about death if left to its own devices, for it would constantly wipe out one form after another and would not tolerate a single moment of consolidation in form; this life on the one hand, and on the other hand, the enclosure of life, its crystallization, its preservation within a framework, within form.
[ 54 ] Sobald Sie aus der physischen Welt in die geistige Welt aufsteigen, verschwindet der Unterschied der Geschlechter, aber wir finden dort den Gegensatz zwischen dem fließenden, wirbelnden Leben und jener Kraft, die das eilende Leben zurückhalten, kristallisieren will. Und die Manifestation dieser beiden Gegensätze der spirituellen Welt und ihre Entsprechung im physischen Leben ist gerade Männlichkeit und Weiblichkeit.
[ 54 ] As soon as you ascend from the physical world into the spiritual world, the difference between the sexes disappears, but there we find the contrast between the flowing, swirling life and that force which seeks to hold back and crystallize the rushing life. And the manifestation of these two opposites in the spiritual world and their counterpart in physical life is precisely masculinity and femininity.
[ 55 ] Allerdings muss man hier beachten, dass man an den äußeren Merkmalen, nach welchen das Geschlecht im gewöhnlichen Leben bestimmt wird, das Männliche und Weibliche nicht festmachen kann, da ein Teil des Weiblichen auch im Manne enthalten ist, und umgekehrt.
[ 55 ] However, it is important to note here that the male and female cannot be defined by the external characteristics used to determine gender in everyday life, since a part of the feminine is also present in men, and vice versa.
[ 56 ] Der männliche Pol ist uns eine Manifestation dessen, was schnell voraneilen und sich bald zu schnell entwickeln würde, die Manifestation jenes üppigen Lebens, das, sich selbst überlassen, nicht einen Augenblick aufhören würde; dagegen ist die weibliche Manifestation jene Kraft in der Natur, die das Leben zurückhält, es zwingt, innezuhalten, und damit seine Manifestation ermöglicht, indem die Form entstehen lässt. So wirken Männlichkeit und Weiblichkeit in der Natur zusammen, sich gegenseitig ergänzend.
[ 56 ] The masculine pole is a manifestation of that which rushes ahead rapidly and would soon develop too quickly—the manifestation of that exuberant life which, left to its own devices, would not cease for a single moment; in contrast, the feminine manifestation is that force in nature which holds life back, compels it to pause, and thereby enables its manifestation by giving rise to form. Thus, masculinity and femininity work together in nature, complementing one another.
[ 57 ] Die Frau — das Prinzip der Form, der Mann — das Prinzip des Lebens.
[ 57 ] Woman—the principle of form; man—the principle of life.
[ 58 ] Wenn wir das, was hier gesagt worden ist, auch ins Empfinden bringen, wenn es uns nicht nur eine leblose Vorstellung des trockenen Verstandes ist, dann verstehen wir auch die Aufgabe der Geschlechter in der Natur und finden dadurch den Weg zum gegenseitigen Verständnis und zum Verständnis der beiden Geschlechter im menschlichen Leben.
[ 58 ] If we can truly internalize what has been said here—if it is not merely a lifeless concept born of dry intellect—then we will also understand the role of the sexes in nature and thereby find the path to mutual understanding and to an understanding of both sexes in human life.
[ 59 ] Darin liegt gerade der große Vorteil der Theosophie, dass sie die großen Fragen des menschlichen Geistes praktisch löst, und sie zeigt die Richtung auf, in der ein tieferes Verständnis dieser [Fragen] erreicht werden kann.
[ 59 ] This is precisely the great advantage of theosophy: it provides practical answers to the great questions of the human mind and points the way toward a deeper understanding of these [questions].
[ 60 ] In ähnlicher Weise gelangen wir auch zur Lösung [der Frage] des Verhältnisses zwischen Mann, Frau und Kind ...
[ 60 ] In a similar way, we also arrive at a solution [to the question] of the relationship between man, woman, and child ...
[ 61 ] Es wird für uns nicht schwer zu verstehen sein, in welcher Art sich das Kind zu Mann und Frau verhält, wenn wir uns daran erinnern, dass selbst im Schlaf das, was als ein seelisch-geistiger Teil des Menschen aus dem physischen Prinzip heraustritt, geschlechtslos ist.
[ 61 ] It will not be difficult for us to understand how the child relates to men and women if we remember that even in sleep, the part of the human being that emerges from the physical principle as a soul-spiritual entity is genderless.
[ 62 ] Wenn wir den Tod mit dem Schlaf vergleichen, gelangen wir zum Verständnis der Natur des Kindes.
[ 62 ] If we compare death to sleep, we can come to understand the nature of the child.
[ 63 ] Was geschieht im Tod? — Der Äther- und Astralleib und das Ich treten aus dem physischen Körper heraus, welcher den Kräften der physischen Welt übergeben wird.
[ 63 ] What happens at death? — The etheric and astral bodies and the “I” emerge from the physical body, which is surrendered to the forces of the physical world.
[ 64 ] Mit dem Ätherleib ist das Ich nur für kurze Zeit, höchstens einige Tage verbunden; dann wird auch der Ätherleib, insbesondere jener Teil, der der Träger des Geschlechts ist, abgetrennt, und es bildet sich ein zweiter, ätherischer Leichnam.
[ 64 ] The “I” is connected to the etheric body only for a short time—at most a few days; then the etheric body, especially that part which is the bearer of the sex, is also separated, and a second, etheric corpse is formed.
[ 65 ] Jedoch geht aus dem ätherischen Leib das, was nicht geschlechtlich ist, mit den übrigen Prinzipien als eigenständiges Prinzip weiter.
[ 65 ] However, that which is not of a sexual nature proceeds from the etheric body along with the other principles as an independent principle.
[ 66 ] Wenn dann der Mensch in ein neues Sein eintritt, dann steigt der Keim des Menschen aus den übersinnlichen Welten herab und neigt sich wieder herab, um durch Mann und Frau wiedergeboren zu werden.
[ 66 ] When a human being then enters a new existence, the human seed descends from the supersensible worlds and bends downward once more to be reborn through a man and a woman.
[ 67 ] Drei sind notwendig, wenn der Mensch wieder in das physische Leben eintreten soll: Mann und Frau in der physischen Welt und der zu ihnen sich neigende Menschenkeim, der einige Zeit in der rein geistigen Welt verbrachte und dort heranreifte und sich eine lange Zeit hindurch für eine neue Inkarnation vorbereitete.
[ 67 ] Three are necessary if a human being is to re-enter physical life: a man and a woman in the physical world, and the human germ that is drawn to them—a germ that spent some time in the purely spiritual world, matured there, and prepared itself for a new incarnation over a long period of time.
[ 68 ] Wie tritt ein Mensch in das physische Leben ein?
[ 68 ] How does a human being enter physical life?
[ 69 ] Es wurde häufig und tief darüber nachgedacht, was wir im gewöhnlichen Leben die Liebe zwischen Mann und Frau nennen. Welch ein Meister des Lebens müsste der Mensch sein, um die Bedeutung dieses Wortes, in dem es so viele Geheimnisse gibt, vollständig zu verstehen! Von der höchsten Wonne bis zur elendesten Erniedrigung, von der höchsten Erhöhung bis zur schrecklichen Zerstörung alles Lebens ist all das im Wort «Liebe» enthalten.
[ 69 ] Much deep thought has been given to what we commonly call love between a man and a woman. What a master of life a person would have to be to fully understand the meaning of this word, which holds so many secrets! From the highest ecstasy to the most wretched humiliation, from the highest exaltation to the terrible destruction of all life—all of this is contained in the word “love.”
[ 70 ] Alle tiefsinnigen Denker, die über die Liebe und ihr Wesen nachdachten, stimmten darin überein, dass da etwas sehr Intimes und Zartes ist, was jenseits der direkten Beobachtung liegt; bei Schopenhauer treffen wir direkt auf die Aussage, dass jede Handlung, jede Entzündung der Liebe zwischen Mann und Frau, einen besonderen, individuellen Charakter hat, sodass ein Ehepaar seit vielen Jahren zusammen sein kann, und doch ist jeder Akt der Liebe, ist jede eheliche Annäherung etwas Besonderes, Neues, Individuelles.
[ 70 ] All profound thinkers who have reflected on love and its nature have agreed that there is something very intimate and tender about it that lies beyond direct observation; In Schopenhauer’s work, we encounter the direct assertion that every act, every spark of love between a man and a woman, has a special, individual character, so that a married couple can be together for many years, and yet every act of love, every marital intimacy, is something special, new, and unique.
[ 71 ] Schopenhauer hat recht. Was bedeutet dieser Akt der Liebe, was geschieht bei der Liebe zwischen Mann und Frau? Es spielt nicht nur das eine Rolle, was im «physischen Leben» zwischen dem männlichen und weiblichen Individuum, lebt, sondern hinzu tritt auch etwas Drittes. Es gibt immer ein menschliches Wesen in der höheren Welt, das in die physische Inkarnation eintritt, und es flammt zu diesem Zweck die Liebe zwischen den beiden Wesen auf.
[ 71 ] Schopenhauer is right. What does this act of love mean; what happens in the love between a man and a woman? It is not only what exists in “physical life” between the male and female individuals that plays a role, but a third element also comes into play. There is always a human being in the higher world who enters into physical incarnation, and for this purpose, love flares up between the two beings.
[ 72 ] Das, was wir nennen Liebe zwischen Herz und Herz, dieses glühende Gefühl, welches zwei Seelen verbindet, ist ein Abglanz jener geistigen glühenden Wolke der Liebe, mit welcher das Ich, hinabsteigend zur Geburt, zwei Wesen umgibt, ist dieser Ruf an den Mann und die Frau, die es diesem Menschen ermöglichen können, in das physische Leben einzutreten.
[ 72 ] What we call love between hearts—that fiery feeling that unites two souls—is a reflection of that spiritual, fiery cloud of love with which the “I,” descending to be born, surrounds two beings; it is this call to the man and woman who can enable this human being to enter physical life.
[ 73 ] Die Liebe selbst, die die Geschlechter zueinanderführt, kommt nicht nur von ihnen, sie ist ein Schatten, eine Projektion eines Wesens, das sich verkörpern will.
[ 73 ] Love itself, which draws the sexes together, does not come solely from them; it is a shadow, a projection of a being that seeks to incarnate itself.
[ 74 ] So muss man die Individualität betrachten, die Eigentümlichkeit jedes Aktes der Liebe, denn in jeder solchen Vereinigung will eine menschliche Individualität durch die in Erscheinung treten, welche sie zu ihren Eltern und Erziehern erwählt hat.
[ 74 ] This is how one must view individuality—the uniqueness of every act of love—for in every such union, a human individuality seeks to manifest itself through the one it has chosen as its parents and educators.
[ 75 ] Auf diese Art des Betrachtens lernen wir zu unterscheiden zwischen dem, was individuell ist, und dem, was vererbt wird. Da der Vater und die Mutter bei der Fortpflanzung mitwirken, kreuzen sich auf verschiedene Weise Männliches und Weibliches von Vater und Mutter — ihres physischen und ätherischen Leibes —, zusätzlich aber erscheint uns als individueller Aspekt das, was das menschliche Ego, das sich da verkörpern will, mit sich bringt aus den höheren Welten und von seinen früheren Leben.
[ 75 ] Through this way of looking at things, we learn to distinguish between what is individual and what is inherited. Since both the father and the mother are involved in procreation, the masculine and feminine aspects of the father and mother—of their physical and etheric bodies—intermingle in various ways; in addition, however, what appears to us as an individual aspect is what the human ego, which seeks to incarnate there, brings with it from the higher worlds and from its past lives.
[ 76 ] Man muss also unterscheiden zwischen dem, was individuell ist, und dem, was von Vater und Mutter vererbt ist. Wir sehen es gut in Familien, in denen es viele Kinder gibt: Was sie von Vater und Mutter geerbt haben, das tritt bei allen Kindern auf, aber bei jedem Kind können wir vor allen Dingen etwas Besonderes, Individuelles beobachten, dasjenige, was der Geist selbst mitgebracht hat, was nicht in Vater oder Mutter ist, sondern was da war in dem Menschenwesen schon vor der Geburt.
[ 76 ] We must therefore distinguish between what is individual and what is inherited from the father and mother. We see this clearly in families with many children: what they have inherited from their father and mother is evident in all the children, but in each child we can observe, above all, something special and individual—that which the spirit itself has brought with it, which is not found in the father or mother, but which was already present in the human being before birth.
[ 77 ] Dann können wir auch richtig einschätzen, was wirklich vom Wesen eines Elternteils geerbt wurde und auf was für eine wunderbare Weise es geschieht. Wir erfahren, warum so oft die Töchter nach den Vätern, die Söhne nach den Müttern gehen, warum wir bei Biografien von großen Männern uns auch mit dem Studium der Eigenschaften und der Art ihrer Eltern befassen. Auf der anderen Seite lernen wir, wie das, was im Menschen urwüchsig ist, in die ererbte Hülle eintaucht und teilweise mit ihr verschmilzt.
[ 77 ] Then we can also properly assess what has truly been inherited from a parent’s nature and in what wonderful way this occurs. We learn why daughters so often take after their fathers and sons after their mothers, and why, when reading biographies of great men, we also study the characteristics and nature of their parents. On the other hand, we learn how what is innate in a person is immersed in the inherited shell and partially merges with it.
[ 78 ] Trotzdem sehen wir, wie die heutige materialistische Wissenschaft immer und immer wieder darauf hinweist, wie sich oft Eigenschaften der Eltern und sogar spirituelle Qualitäten vererben. Wir werden oft daran erinnert, wie das Genie seine Eigenschaften von den Eltern und der Familie erbt. Es wird auch hier nur von vererbten Eigenschaften gesprochen. Die Begabung des Menschen, sagt man, der ganze seelische Mensch bestehe aus dem, was sich in mehreren Generationen angesammelt hat. Der höchste Höhepunkt, sagt man, komme immer am Ende, denn da haben wir eine Art Anhäufung, Ansammlung. — Eine besondere Logik ist das! Es müsste die logisch richtige Argumentation hier zu den Toren der Geisteswissenschaft führen. Hier müsste das Genie am Anfang stehen. Gerade die Tatsache, dass das Genie oft am Ende vieler Generationen steht, ist ein unmissverständlicher Beweis dafür, dass es hier keine bloße Vererbung gibt. Dass das Genie tingiert mit Vererbung auftritt, das ist nicht verwunderlicher, als dass, wenn jemand — um einen ziemlich trivialen Vergleich zu verwenden — ins Wasser gefallen ist, er nass herauskommt. Aber es gibt etwas, das sich über Generationen angesammelt hat, aber das sind nur die äußeren Eigenschaften, jene Hüllen, die sich von Generation zu Generation entwickeln. Diese Dinge müssen in der richtigen Art und Weise angesehen werden, dann zeigt sich uns die innerlich kohärente, geschlossene Individualität, die ihren ersten Ausdruck im Gefühl der Liebe zwischen den künftigen Eltern wie als vorausgeworfenen Schlagschatten findet und sich verkörpert in völliger Verschiedenheit und unterschieden von dem, was vererbt werden wird.
[ 78 ] Nevertheless, we see how today’s materialistic science points out time and time again how traits of the parents—and even spiritual qualities—are often inherited. We are often reminded of how a genius inherits his or her traits from parents and family. Here, too, the discussion is limited to inherited traits. It is said that a person’s talents—indeed, the entire spiritual being—consist of what has accumulated over several generations. The highest pinnacle, it is said, always comes at the end, for there we have a kind of accumulation, a collection. — That is a peculiar logic! Logically sound reasoning here should lead us to the gates of spiritual science. Here, genius should stand at the beginning. Precisely the fact that genius often stands at the end of many generations is unmistakable proof that there is no mere heredity at work here. That genius appears tinged with heredity is no more surprising than the fact that, to use a rather trivial comparison, if someone falls into water, they come out wet. But there is something that has accumulated over generations—though these are merely the external characteristics, those outer shells that develop from generation to generation. These things must be viewed in the proper way; then the internally coherent, self-contained individuality will reveal itself to us—a individuality that finds its first expression in the feeling of love between the future parents, as if cast as a foreshadowing shadow, and is embodied in complete distinctness and differentiation from what will be inherited.
[ 79 ] Viele Menschen haben Angst, wenn sie diese Lehren hören, dass das Gefühl der Liebe für die Kinder und die Eltern auf diese Weise leiden, erkalten könnte. Das ist aber nicht richtig. Diese seelische Verbindung zwischen Eltern und Kindern würde, im Gegenteil, weiter befestigt und verstärkt werden. Warum sollten bestimmte Eltern gerade dieses Kind bekommen? Weil es dieses Kind ist, das zu diesen Eltern will und bei ihnen und von ihnen geboren werden möchte.
[ 79 ] Many people are afraid, when they hear these teachings, that the love between children and parents might suffer or grow cold as a result. But that is not true. On the contrary, this emotional bond between parents and children would be further strengthened and deepened. Why would certain parents be given this particular child? Because it is this child who wants to be with these parents and wishes to be born to them and by them.
[ 80 ] Daher auch die Individualität in den Gefühlen der Liebe, dieser Morgenröte der Liebe, die der Geburt eines Kindes vorausgehen: Die Liebe geht sogar voraus, schon vor der Geburt liebt das Kind die Eltern, noch vor dem Geschlechtsverkehr und der Empfängnis durch die Mutter, den Eltern zum Ausdruck gebend, dass es geboren werden will.
[ 80 ] Hence the individuality of the feelings of love—this dawn of love—that precede the birth of a child: Love even precedes birth; even before birth, the child loves its parents, even before sexual intercourse and conception by the mother, expressing to the parents its desire to be born.
[ 81 ] Daraus folgt für uns auch die Notwendigkeit der Liebe der Eltern zu den Kindern, die eigentlich nur die Rückzahlung der Liebe des Kindes ist, die dieses vor der Geburt schon zu den Eltern hatte.
[ 81 ] This also leads us to the necessity of parental love for their children, which is really nothing more than the return of the love the child already had for its parents even before birth.
[ 82 ] Und so ist es mit vielen Begriffen, die uns im Alltagsleben begegnen und auf welche Theosophie, wenn wir tiefer in sie eintauchen, ein [immer] helleres Licht wirft.
[ 82 ] And so it is with many concepts we encounter in everyday life, upon which theosophy, as we delve deeper into it, sheds an [ever] brighter light.
[ 83 ] Hier sehen wir bei Vater, Mutter und Kind eine wunderbare Harmonie dieser Dreiheit, welche die Grundlage des Lebens überall in der Natur und beim Menschen ist, hier begegnen wir ihr in überaus anschaulicher und verständlicher Form.
[ 83 ] Here, in the father, mother, and child, we see a wonderful harmony of this trinity, which is the foundation of life throughout nature and among human beings; here we encounter it in an exceedingly vivid and understandable form.
[ 84 ] Der Mann ist das immer noch fließende Leben, die Frau ist das Symbol der Form, die dieses Leben aufnimmt und einschließt und es in Schönheit kristallisieren lässt; diese beiden Prinzipien vereinen sich dann ineinander, Mann und Frau vereinigen sich in der Liebe, um den Abstieg des geistigen Wesens aus den geschlechtlich neutralen Welten zur Form der physischen Welt zu [ermöglichen] und somit mit ihrer ganzen Liebe dieses Tor zwischen der höheren Welt, der Geisteswelt und der Welt des Stoffes zu öffnen.
[ 84 ] Man is life, ever flowing; woman is the symbol of the form that receives and encloses this life, allowing it to crystallize into beauty; these two principles then unite within one another; man and woman unite in love to [enable] the descent of the spiritual being from the gender-neutral worlds into the form of the physical world, and thus, with all their love, to open this gateway between the higher world, the spiritual world, and the world of matter.
[ 85 ] Wenn uns solche Begriffe, wie bereits erwähnt, nicht trockene Abstraktionen bleiben, sondern wir sie in mächtige Eindrücke und Gefühle verwandeln und dann durch sie bereichert ins Leben gehen, dann sehen wir, wie Theosophie alle Rätsel und Geheimnisse des Lebens, denen wir auf Schritt und Tritt begegnen, erklärt und löst.
[ 85 ] If, as already mentioned, such concepts do not remain mere dry abstractions to us, but rather we transform them into powerful impressions and feelings and then go forth into life enriched by them, then we see how Theosophy explains and resolves all the mysteries and secrets of life that we encounter at every turn.
[ 86 ] So kommen wir auch zur Erklärung zahlreicher Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens, zur Lösung der Widersprüche zwischen Konservativismus und Fortschritt; wir sehen, wie auf der einen Seite die Kräfte des Lebens wirken, die nach vorne eilen, und auf der anderen Seite die Kräfte der Form, die pflegen und bewahren.
[ 86 ] This also leads us to an explanation of numerous phenomena in social life and to a resolution of the contradictions between conservatism and progress; we see, on the one hand, the forces of life striving forward, and, on the other, the forces of form that nurture and preserve.
[ 87 ] Bei tieferem Studium erfahren wir, dass sogar der Fortschritt schädlich sein kann, wenn er dem zweiten Pol des Lebens nicht gibt, was zu ihm gehört, wenn er der Form nicht gerecht wird, die das Leben pflegt und durch Widerstand kräftigt.
[ 87 ] Upon closer examination, we learn that even progress can be harmful if it does not give the second pole of life what belongs to it, if it does not do justice to the form that life nurtures and strengthens through resistance.
[ 88 ] Wenn wir uns so vom Standpunkt der Geisteswissenschaft an das Leben annähern, finden wir, dass uns dieses Leben nicht belasten wird, sondern es wird uns verständlich und uns mit Ehrfurcht erfüllen, es macht uns frei und ungebunden; Theosophie, richtig verstanden, zeigt uns die Richtlinien, die wir aufgreifen können, öffnet uns die Tiefen des Lebens und als Weltanschauung Wege, dass sich unsere Ansichten und Ideen verwandeln in Gewissheit, Kraft und Hoffnung. Dann werden wir uns in den schwierigen Augenblicken nicht verlieren, in den dunklen Momenten nicht in unserer Trauer ertrinken, wenn uns einmal beschieden war, tiefer hineinzublicken in die Grundlagen des Lebens und der Welt.
[ 88 ] When we approach life from the standpoint of spiritual science, we find that life will not weigh us down, but rather will become understandable to us and fill us with awe; it sets us free and unbound; Theosophy, properly understood, shows us the guiding principles we can embrace, opens up the depths of life to us, and, as a worldview, provides paths through which our views and ideas are transformed into certainty, strength, and hope. Then, in difficult moments, we will not lose our way, nor will we drown in our grief during dark times, if we have once been granted the opportunity to look more deeply into the foundations of life and the world.
[ 89 ] Aber für eine solche Aufnahme der theosophischen Lehre braucht es keine anderen Beweise als die, welche uns Schritt für Schritt das Leben selbst gibt. Wer sich mit diesen Lehren sättigt und dann an alle Fragen des Lebens tritt, der versteht, dass Theosophie nicht nur eine Theorie, sondern auch praktische Lebensweisheit ist und letztlich ein kostbarer Lebensreichtum von unschätzbarem Wert.
[ 89 ] But to embrace theosophical teachings in this way, no proof is needed other than that which life itself provides us, step by step. Anyone who immerses themselves in these teachings and then applies them to all of life’s questions will understand that Theosophy is not merely a theory, but also practical wisdom for living—and ultimately a precious treasure of inestimable value.
