The Nature of Man
in the Light of Spiritual Science
GA 68d
19 January 1909, Karlsruhe
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The Nature of Man in the Light of Spiritual Science, tr. SOL
29. Das Geheimnis der Menschlichen Temperamente
29. The Secret of Human Temperaments
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Es ist oft wiederholt worden aus allen Gebieten des menschlichen Geisteslebens heraus, immer wieder und wieder, dass des Menschen größtes Rätsel der Mensch selber sei. Naturwissenschaftliche und andere Forschungen immer wieder und wiederum empfanden das Schwerwiegende dieses Ausspruchs. Dem Leben gegenüber kann man sagen, dass sich dieser Ausspruch sogar noch vertiefen lässt dahin, dass nicht nur der Mensch im Allgemeinen, dasjenige, was wir die menschliche Natur nennen, uns das große Daseinsrätsel aufgibt, sondern dass im Grunde genommen wiederum jeder einzelne Mensch, der uns begegnet, wenn wir einen freien und unbefangenen Blick haben, uns ein besonderes Rätsel aufgibt durch seine besondere Natur und Wesenheit.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! It has been repeated time and again from all areas of human intellectual life that the greatest mystery of humanity is humanity itself. Scientific and other research has repeatedly confirmed the gravity of this statement. When it comes to life, one can say that this statement can be taken even further: not only does humanity in general—what we call human nature—present us with the great mystery of existence, but, fundamentally speaking, every single person we encounter—if we look at them with a free and unbiased eye—presents us with a unique mystery through their particular nature and essence.
[ 2 ] Wenn wir das Menschenleben überblicken, so werden wir gerade gegen dieses Einzelrätsel «Mensch» besonders aufmerksam sein müssen, denn unser ganzes soziales Leben, unser Verhalten von Mensch zu Mensch muss mehr davon abhängen, wie wir im einzelnen Falle nicht bloß mit dem Verstande, sondern mit unserem Gefühl und unserer Empfindung nahezukommen vermögen dem Einzelrätsel «Mensch», das uns jeden Tag so oft gegenübersteht und mit dem wir es oft zu tun haben.
[ 2 ] When we look at human life as a whole, we must pay particular attention to this specific mystery “human being,” for our entire social life—our behavior toward one another—must depend more on how, in each individual case, we are able to approach the unique enigma of “humanity”—which we encounter so often every day and with which we are frequently confronted—not merely with our intellect, but with our feelings and sensibilities.
[ 3 ] Die Geisteswissenschaft, oder, wie man in neuerer Zeit gewohnt geworden ist, sie zu nennen, Theosophie, wird eine besondere Aufgabe haben, gerade gegenüber diesem individuellen Rätsel «Mensch». Nicht nur, dass sie uns Aufschluss zu geben hat über dasjenige, was der Mensch im Allgemeinen ist, sondern sie soll ja sein — das ist hier öfters betont worden —, sie soll ja sein eine Erkenntnis, die einfließt in unser unmittelbares, alltägliches Leben, in alle unsere Empfindungen und Gefühle. Da unsere Gefühle und Empfindungen sich am schönsten entfalten in unserem Verhalten zu unseren Nebenmenschen, so wird sich gerade die Frucht der Geisteswissenschaft, der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis am schönsten zeigen in der Anschauung, die wir gewinnen über unsere Nebenmenschen durch diese Erkenntnis.
[ 3 ] The science of the spirit—or, as it has come to be called in recent times, theosophy—will have a special task, particularly in relation to this individual enigma known as “humanity.” Not only must it provide us with insight into what a human being is in general, but—as has often been emphasized here—it is meant to be a form of knowledge that flows into our immediate, everyday life, into all our sensations and feelings. Since our feelings and sensations unfold most beautifully in our behavior toward our fellow human beings, the fruit of spiritual science—the insight gained through spiritual science—will be most beautifully revealed in the perspective we gain on our fellow human beings through this insight.
[ 4 ] Wenn uns der Mensch im Leben gegenübertritt, so müssen wir im Sinne dieser Geisteswissenschaft oder Theosophie immer beachten, dass dasjenige, was wir äußerlich von Menschen wahrnehmen können, nur ein Teil, nur ein Glied der menschlichen Wesenheit ist. Ein äußeres materielles Anschauen des Menschen hält freilich dasjenige, was dieses äußere Wahrnehmen und der Verstand, der an dieses äußere Wahrnehmen geknüpft ist, uns geben können, für den ganzen Menschen.
[ 4 ] When we encounter a person in life, we must always bear in mind—in accordance with this spiritual science or theosophy—that what we can perceive externally about human beings is only a part, only one aspect of the human being. An external, material view of the human being, of course, regards what this external perception—and the intellect linked to it—can provide us with as the whole human being.
[ 5 ] Geisteswissenschaft aber zeigt uns, dass des Menschen Wesenheit etwas sehr, sehr Kompliziertes ist. Und erst wenn man sich tiefer einlässt auf die Kompliziertheit der menschlichen Natur, dann kann man auch den Einzelmenschen im richtigen Lichte sehen. Geisteswissenschaft soll uns hinweisen auf das, was der innerste Kern des Menschen ist, wovon das, was wir mit Augen sehen, mit Händen greifen können, nur der äußere Ausdruck, die äußere Hülle ist. Und wir dürfen hoffen, dass wir das Äußere auch verstehen lernen, wenn wir auf das geistige Innere eingehen können.
[ 5 ] Spiritual science, however, shows us that the human being is something very, very complex. And only when we delve more deeply into the complexity of human nature can we see the individual human being in the right light. Spiritual science is meant to point us toward the innermost core of the human being, of which what we see with our eyes and can grasp with our hands is merely the outer expression, the outer shell. And we may hope that we will also learn to understand the outer aspects when we are able to delve into the spiritual inner being.
[ 6 ] Es steht der Mensch im Sinne der Geisteswissenschaft in zwei Lebensströmen darinnen. Der eine Strom ist derjenige, der uns von dem einzelnen Menschen hinaufführt zu Eltern, Voreltern und den weiteren Ahnen. Dasjenige, was da herunterströmt von den Vorfahren des Menschen zum einzelnen Menschen, das bezeichnet man ja im Leben und in der Wissenschaft als die vererbten Merkmale und Eigenschaften. Das ist die Linie der Vererbung, und vieles, vieles kann uns am Menschen erklärlich werden, wenn wir sozusagen seine Vorfahrenschaft kennen. Wie tief wahr ist doch das von dem tiefen Seelenkenner Goethe ausgesprochene Wort in Bezug auf seine eigene Persönlichkeit:
[ 6 ] According to spiritual science, human beings are situated within two life currents. One current is the one that leads us from the individual human being back to parents, grandparents, and further ancestors. What flows down from a person’s ancestors to the individual human being is what we refer to in life and in science as inherited traits and characteristics. This is the line of heredity, and much, much can be explained about a person if we, so to speak, know their ancestry. How profoundly true are the words spoken by Goethe, that deep connoisseur of the soul, regarding his own personality:
Vom Vater hab’ ich die Statur,
Des Lebens ernstes Führen,
Vom Mütterchen die Frohnatur
Und Lust zu fabulieren.
From my father I got my build,
A serious approach to life,
From my dear mother, her cheerful nature
And a love of storytelling.
[ 7 ] Alles das, was wir so finden als herabziehend von den Vorfahren auf die Nachkommen, das erklärt uns in einer gewissen Beziehung den einzelnen Menschen, aber eben nur in einer gewissen Beziehung.
[ 7 ] Everything we find that is passed down from ancestors to descendants explains the individual in a certain sense, but only in a certain sense.
[ 8 ] Allerdings, eine heutige materialistische Anschauung möchte alles Mögliche im Menschen in der Linie der Vererbung suchen, möchte selbst die geistige Wesenheit des Menschen, die geistigen Eigenschaften des Menschen aus der Vererbung herleiten, und will nicht müde werden zu erklären, dass selbst die genialen Eigenschaften einer Person erklärbar werden, wenn wir die Spuren, die Anzeichen solcher Eigenschaften bei dem oder jenem Urahnen finden. Man möchte die menschliche Persönlichkeit zusammenrechnen sozusagen aus dem, was in den Ahnen zerstreut sich findet.
[ 8 ] However, today’s materialistic view seeks to attribute everything possible in human beings to heredity; it even seeks to derive the human spirit and spiritual qualities from heredity, and never tires of explaining that even a person’s genius can be explained if we find traces or signs of such qualities in one ancestor or another. One seeks to piece together the human personality, so to speak, from what is scattered among the ancestors.
[ 9 ] Dem, der tiefer in die menschliche Natur eindringt, dem wird es allerdings auffallen, dass neben diesen vererbten Merkmalen in jedem Menschen uns etwas entgegentritt, das wir nicht anders bezeichnen können, als indem wir sagen: «Das ist des Menschen Ureigenstes», von dem wir, bei gründlicher Betrachtung, nicht sagen können, dass es von diesem oder jenem Vorfahren herstammt. Hier tritt die Geisteswissenschaft ein und sagt uns, was sie darüber zu sagen hat. Wir können heute nur skizzenhaft zeichnen, worum es sich bei diesen Dingen handelt, nur skizzenhaft andeuten die Ergebnisse der Geisteswissenschaft.
[ 9 ] However, anyone who delves deeper into human nature will notice that, alongside these inherited traits, there is something within every human being that we can only describe by saying: ‘This is what is most essential to the human being’—something about which, upon thorough examination, we cannot say that it derives from this or that ancestor. This is where spiritual science comes in and tells us what it has to say on the matter. Today we can only sketch out what these things are about, only hint at the findings of spiritual science.
[ 10 ] Geisteswissenschaft sagt uns nun: Gewiss ist es wahr, dass der Mensch in den Strom hineingestellt ist, den wir den Strom der Vererbung, der vererbten Merkmale nennen können; dazu tritt aber noch etwas anderes im Menschen, der innerste geistige Wesenskern des Menschen. Der stammt nicht von den unmittelbaren Vorfahren des Menschen, auch nicht von den Eltern, der kommt aus ganz anderen Gebieten her. Dasjenige, was wir im Menschen sehen, wenn wir in die Tiefe seiner Seele dringen, das können wir uns erklären, wenn wir ein großes umfassendes geistiges Gesetz kennen, das zwar nur die Konsequenz ist vieler Naturgesetze. Das ist das heute viel verpönte Gesetz der sogenannten Wiederverkörperung, das Gesetz der wiederholten Erdenleben.
[ 10 ] Spiritual science tells us: It is certainly true that human beings are placed within the current we might call the current of heredity, of inherited characteristics; but there is something else in human beings as well—the innermost spiritual core of their being. This does not originate from a person’s immediate ancestors, nor even from their parents; it comes from entirely different realms. What we see in a person when we penetrate the depths of their soul can be explained if we are familiar with a great, all-encompassing spiritual law—one that is, in fact, merely the consequence of many natural laws. This is the law of so-called reincarnation—the law of repeated earthly lives—which is so widely frowned upon today.
[ 11 ] Mit diesem Gesetz wird es eigentümlich in der Welt zugehen; es wird so mit ihm gehen wie mit einem anderen Gesetz. Noch bis in das siebzehnte Jahrhundert hinein haben gelehrte und ungelehrte Leute gar keinen Zweifel dareingesetzt, das aus gewöhnlichen leblosen Dingen sich entwickeln könnten nicht nur niedere Tiere, sondern dass sogar Regenwürmer, ja selbst Fische aus gewöhnlichem, leblosem Fluss-Schlamm entstehen könnten. Der Erste, der dafür eingetreten ist in energischer Weise, dass Lebendiges nur aus Lebendigem entstehen könne, das war der große italienische Naturforscher Francesco Redi, der dafür nur mit Mühe dem Schicksal Giordano Brunos entgangen ist. Er zeigte, dass Lebendiges nur auf Lebendiges zurückführt. Es ist das ein Gesetz, das nur der Vorläufer ist des andern Gesetzes: dass Seelisch-Geistiges zurückführt auf Seelisch-Geistiges.
[ 11 ] With this law, things will take a peculiar turn in the world; it will fare just as another law has. Well into the seventeenth century, both scholars and laypeople had no doubt whatsoever that not only lower animals could develop from ordinary inanimate matter, but that even earthworms—and indeed, even fish—could arise from ordinary, lifeless river mud. The first person to vigorously advocate that living things can arise only from living things was the great Italian naturalist Francesco Redi, who narrowly escaped the fate of Giordano Bruno. He demonstrated that living things can be traced back only to living things. This is a law that serves merely as a precursor to another law: that the spiritual-soul-related can be traced back to the spiritual-soul-related.
[ 12 ] Wir haben so nun den innersten seelisch-geistigen Wesenskern des Menschen zu betrachten als das, was heruntersteigt aus der geistigen Welt und sich vereinigt mit dem, was Vater und Mutter dem Menschen zu geben vermögen.
[ 12 ] We must now consider the innermost spiritual and soul-core of the human being as that which descends from the spiritual world and unites with what the father and mother are able to give to the human being.
[ 13 ] Und so haben wir das, was wir im physischen Menschen sehen nach Form und Gestalt und so weiter, was die äußeren Formen sind, zurückzuführen auf die Vorfahren, auf Vater und Mutter; aber vielleicht weit, weit zurück, über alle Vererbungen hinweg haben wir zu suchen den geistigen Wesenskern des Menschen, der vor Jahrtausenden und Jahrhunderten immer wieder und wieder ins Dasein getreten ist und wieder und wieder ein Leben geführt hat und nun im heutigen Dasein sich wieder vereinigt hat mit dem, was Vater und Mutter zu geben vermögen.
[ 13 ] And so what we see in the physical human being—in terms of form, shape, and so on—that is, the outer forms—can be traced back to our ancestors, to our father and mother; but perhaps far, far back, beyond all hereditary influences, we must seek the spiritual core of the human being, who, over millennia and centuries, has entered into existence again and again, has lived life after life, and has now, in this present existence, reunited with what the father and mother are able to give.
[ 14 ] So müssen wir zurückgehen zu dem Geiste des Menschen und seinen früheren Verkörperungen, wenn wir erklären wollen, was uns jetzt als Seelisch-Geistiges in ihm entgegentritt. Auf seine früheren Verkörperungen müssen wir zurückgehen, auf das, was er sich damals erworben hat, wie er dazumal gelebt hat; was er sich von da mitgebracht hat, haben wir zu betrachten als die Ursachen dessen, was der Mensch heute in neuen Leben als Anlagen, Dispositionen, Fähigkeiten zu diesem oder jenem besitzt.
[ 14 ] Thus, we must go back to the human spirit and its earlier incarnations if we are to explain what now presents itself to us as the soul-spiritual aspect within the human being. We must go back to his earlier incarnations, to what he acquired at that time, and to how he lived then; what he has brought with him from those times, we must regard as the causes of what the human being possesses today in new lives as predispositions, dispositions, and abilities for this or that.
[ 15 ] Freilich, man betrachtet das heute als eine geringe Logik, und man wird die materialistisch Denkenden immer einwenden hören: Seht nur hinauf zu den Vorfahren, und ihr werdet finden, wie dieser und jener Zug, diese oder jene Eigentümlichkeit sich findet bei diesem oder jenem Vorfahren, wie wir alle die einzelnen Züge und Eigenschaften erklären können, wenn wir sie verfolgen bei den Vorfahren. Ja, es wird geradezu das Gesetz ausgesprochen, das Genie stehe am Ende einer Vererbungslinie, und das soll ein Beweis sein, dass das Genie sich vererbt. Man geht dabei von dem Standpunkt aus: Irgendein Mensch hat eine bestimmte Eigenschaft; er ist ein Genie —, da sucht man zurück bei seinen Ahnen und Urahnen und findet bei irgendeinem Ahnen Anzeichen der gleichen Eigenschaft und schließt daraus, dass das Genie sich vererbe. Für den, der geradlinig logisch denkt, könnte das höchstens das Gegenteil beweisen. Beweist das etwas, dass wir die Eigenschaften des Genies bei seinen Vorfahren finden? Nicht mehr beweist das, als dass ein Mensch, wenn er ins Wasser fällt, nass wieder herauskommt. Denn dass das, was durch die Vererbungslinie heruntergeflossen ist, dann, als es zuletzt durch Vater und Mutter gegeben wurde dem eigentlichen Menschen, der aus der geistigen Welt herunterstieg, dass das dann die Eigenschaften der Vorfahren trägt, das ist ziemlich selbstverständlich. Der Mensch kleidet sich eben in die Hüllen, die ihm von seinen Vorfahren gegeben werden. Wollte man zeigen, dass Genie vererbbar sei, so müsste man zeigen, dass es im Anfange und nicht am Ende einer Vererbungslinie steht, dass es Söhne und Enkel hat, auf die sich die genialen Eigenschaften vererben; das ist aber gerade nicht der Fall. Eine kurzbeinige Logik ist die, welche die geistigen Eigenschaften des Menschen zurückführen will auf die Vorfahrenreihe. Wir müssen sie zurückführen, die geistigen Eigenschaften, auf dasjenige, was die andere Strömung ist im Menschen, auf dasjenige, was der Mensch sich aus seinen früheren Verkörperungen mitgebracht hat.
[ 15 ] Of course, this is regarded today as a rather flimsy line of reasoning, and one will always hear materialists object: Just look back at your ancestors, and you will find that this or that trait, this or that peculiarity, is present in this or that ancestor; that we can explain all individual traits and characteristics by tracing them back to our ancestors. Indeed, it is even stated as a law that genius stands at the end of a line of inheritance, and this is supposed to be proof that genius is inherited. The reasoning proceeds from this standpoint: A certain person possesses a specific quality—he is a genius—so one looks back at his ancestors and forefathers, finds signs of the same quality in some ancestor, and concludes from this that genius is inherited. For anyone who thinks in a straightforward, logical manner, this could at most prove the opposite. Does the fact that we find the qualities of genius in his ancestors prove anything? It proves no more than that when a person falls into water, he comes out wet. For the fact that what has flowed down through the hereditary line—when it was finally passed on by the father and mother to the actual human being who descended from the spiritual world—bears the qualities of the ancestors is quite self-evident. Human beings simply clothe themselves in the forms given to them by their ancestors. If one wanted to show that genius is hereditary, one would have to demonstrate that it stands at the beginning—and not at the end—of a lineage, that it has sons and grandsons to whom these genius-like qualities are passed down; but that is precisely not the case. It is short-sighted logic that seeks to trace a person’s mental qualities back to the ancestral line. We must trace these mental qualities back to that which is the other current within the human being—to that which the human being has brought with them from their previous incarnations.
[ 16 ] Wenn wir nun auf die eine Strömung im Menschenleben sehen, auf dasjenige, was in der Vererbungslinie lebt, so finden wir, dass der Mensch da aufgenommen wird in einen Strom von Dasein, wodurch er gewisse Eigenschaften erhält: Wir sehen den Menschen vor uns stehen mit Eigenschaften der Familie, des Volkes, der Rasse. Die verschiedenen Kinder eines Elternpaares tragen so geartete Eigenschaften an sich. Wenn wir an ein richtiges individuelles Wesen des Menschen denken, so müssen wir uns sagen: Hineingeboren in die Familie, das Volk, die Rasse wird der geistig-seelische Wesenskern, er umhüllt sich mit dem, was von den Vorfahren gegeben wird, aber er bringt sich rein individuelle Eigenschaften mit. So müssen wir uns nun fragen: Wie stellt sich die Harmonie her zwischen einem menschlichen Wesenskern, der vielleicht vor Jahrhunderten sich diese oder jene Eigenschaft aneignete und der sich nun umhüllen soll mit einer äußeren Hülle, die die Eigenschaften von Familie, Volk und so weiter trägt? Kann da eine Harmonie bestehen? Ist es nicht etwas im eminentesten Sinn Individuelles, was da mitgebracht wird, und widerspricht dem nicht das Vererbte? Zwischen diesen beiden, zwischen dem, was wir uns mitbringen aus unseren früheren Leben, und dem, was uns Familie, Vorfahrenschaft und Rasse aufprägt, zwischen dem gibt es eine Vermittlung, etwas, was zu gleicher Zeit mehr allgemeine Eigenschaften trägt, aber doch fähig ist, individualisiert zu werden. Dasjenige, was sich mitten hineinstellt zwischen die Vererbungslinie und diejenige Lebenslinie, die unsere Individualität darstellt, das drückt sich aus in dem Worte: Temperament!
[ 16 ] If we now look at one current in human life—that which lives on in the line of inheritance—we find that the human being is drawn into a stream of existence through which he acquires certain characteristics: We see the human being standing before us with characteristics of the family, the people, and the race. The various children of a pair of parents bear such qualities within themselves. When we think of the true individual essence of a human being, we must say to ourselves: Born into the family, the people, and the race, the spiritual-soul core envelops itself with what is given by the ancestors, yet it brings with it purely individual qualities. So we must now ask ourselves: How is harmony established between a human core—which may have acquired this or that characteristic centuries ago—and which is now to be enveloped in an outer shell bearing the characteristics of family, people, and so on? Can harmony exist here? Is not what is brought with us something individual in the most eminent sense, and does this not contradict what is inherited? Between these two—between what we bring with us from our past lives and what is imprinted on us by family, ancestry, and race—there is a mediating factor, something that simultaneously bears more general characteristics yet is capable of being individualized. That which stands in the middle between the line of heredity and the line of life that represents our individuality is expressed by the word: temperament!
[ 17 ] In dem, was uns im Temperament des Menschen entgegentritt, haben wir etwas in gewisser Beziehung wie eine Physiognomie seiner innersten Individualität. Wir verstehen so, wie die Individualität färbt durch die Temperamentseigenschaften die in der Reihe der Generationen sich vererbenden Merkmale. Temperament steht mitten drinnen zwischen dem, was uns vererbt ist, und dem, was wir uns individuell mitbringen. Wir verstehen aber nun, wie das im Einzelnen ist, wenn wir uns die ganze menschliche Natur einmal im Sinne der Geisteswissenschaft vor Augen stellen. Da haben wir für die Geisteswissenschaft in dem, was die äußeren Sinne wahrnehmen können am Menschen, was ein materialistisches Denken nur allein anerkennen will, nur ein einzelnes Glied der menschlichen Wesenheit, den physischen Leib. Die physische Gesetzmäßigkeit, dasjenige, was der Mensch gemeinschaftlich hat mit der ganzen umliegenden äußeren Natur, die Summe von chemischen und physikalischen Gesetzen, das bezeichnen wir in der Geisteswissenschaft als den physischen Leib. Darüber aber erkennen wir höhere, übersinnliche Glieder der Menschennatur, die ebenso wirklich und wesenhaft sind wie der äußere physische Leib.
[ 17 ] In what we encounter in a person’s temperament, we find, in a certain sense, something akin to a physiognomy of their innermost individuality. We thus understand how individuality colors the temperamental traits that are inherited across generations. Temperament stands right in the middle between what is inherited and what we bring with us individually. But we can now understand how this works in detail when we consider human nature as a whole from the perspective of spiritual science. For spiritual science, what the external senses can perceive in a human being—which materialistic thinking is willing to acknowledge as the sole reality—is merely a single aspect of the human being: the physical body. Physical laws—that which human beings have in common with the entire surrounding external nature, the sum of chemical and physical laws—are what we in spiritual science designate as the physical body. Above this, however, we recognize higher, supersensible aspects of human nature that are just as real and essential as the external physical body.
[ 18 ] Schon das nächste Glied der menschlichen Natur — der Äther- oder Lebensleib wird es in der Geisteswissenschaft genannt —, Drüsenleib können wir es auch nennen, ist für unsere äußeren Augen nicht mehr sichtbar, ebenso wenig wie die Farben für den Blindgeborenen. Aber es ist vorhanden, wirklich wahrnehmbar vorhanden für das, was Goethe die Augen des Geistes nennt, und es ist sogar wirklicher als der äußere physische Leib, denn es ist der Aufbauer, der Bildner des äußeren physischen Leibes. Dieser Äther- oder Lebensleib, der ist in der ganzen Zeit zwischen Geburt und Tod ein fortwährender Kämpfer gegen den Zerfall des physischen Leibes. Irgendein mineralisches Naturprodukt, ein Kristall zum Beispiel, ist so beschaffen, dass er durch sich selbst fortwährend sich erhält, durch die Kräfte seiner eigenen Substanz. Das ist nicht der Fall bei dem physischen Leibe eines Lebewesens; da wirken die physischen Kräfte so, dass sie die Form des Lebens zerstören - wie wir das ja nach dem Tode beachten können, wo diese physischen Kräfte die Form des Lebens zerstören. Dass dies nicht eintritt während des Lebens, dass der physische Leib nicht den chemischen und physischen Kräften und Gesetzen folgt, dagegen ist der Äther- oder Lebensleib ein fortwährender Kämpfer.
[ 18 ] Even the next level of human nature—the etheric or life body, as it is called in spiritual science—which we might also call the glandular body—is no longer visible to our physical eyes, just as colors are invisible to someone born blind. But it exists—truly perceptible to what Goethe calls the “eyes of the spirit”—and it is even more real than the outer physical body, for it is the builder, the shaper of the outer physical body. This etheric or life body is, throughout the entire period between birth and death, a constant fighter against the decay of the physical body. A mineral product of nature, a crystal for example, is such that it continually sustains itself through the forces of its own substance. This is not the case with the physical body of a living being; there, the physical forces act in such a way that they destroy the form of life—as we can indeed observe after death, when these physical forces destroy the form of life. That this does not occur during life—that the physical body does not follow chemical and physical forces and laws—in contrast, the etheric or life body is a constant fighter.
[ 19 ] Als drittes Glied der menschlichen Wesenheit erkennen wir an den Träger von all dem, was Lust und Leid, Freude und Schmerz, was Trieb, Begierde und Leidenschaft ist, ja auch aller Vorstellungen dessen, was wir als sittliche Ideale und so weiter bezeichnen. Das nennen wir den astralischen Leib. Stoßen Sie sich nicht an diesem Ausdruck. Man könnte diesen Leib auch den Nervenleib nennen. - Die Geisteswissenschaft sicht darin etwas Wirkliches. Gerade dieser Leib von Trieben und Begierden ist für sie nicht eine Wirkung des physischen Leibes, sondern die Ursache dieses Leibes; sie weiß, dass sich dieses Geistig-Seelische aufgebaut hat den physischen Leib.
[ 19 ] As the third component of the human being, we recognize the bearer of all that constitutes pleasure and suffering, joy and pain, as well as instinct, desire, and passion—and indeed, all conceptions of what we call moral ideals and so on. We call this the astral body. Do not be put off by this term. One could also call this body the nervous body. — Spiritual science recognizes something real in it. Precisely this body of drives and desires is, for spiritual science, not an effect of the physical body, but the cause of that body; it knows that this spiritual-soul aspect has built up the physical body.
[ 20 ] So haben wir schon drei Glieder der menschlichen Wesenheit, und als viertes Glied erkennen wir an dasjenige, wodurch der Mensch die Krone der Schöpfung ist auf unserer Erde. Den physischen Leib hat der Mensch gemeinschaftlich mit der ganzen sichtbaren Umwelt, den Ätherleib mit den Pflanzen und Tieren, den Astralleib mit den Tieren. Das vierte Glied aber hat er für sich, dadurch ragt er über die anderen sichtbaren Geschöpfe hinaus. Wir bezeichnen dieses vierte Glied als den «IchTräger», als das in der menschlichen Natur, wodurch der Mensch imstande ist, zu sich «Ich» zu sagen, zur Selbstständigkeit zu kommen. - Heute können sie nur kurz herangezogen werden, diese vier Glieder, näher darauf einzugehen, ist jetzt nicht möglich. Das, was wir nun physisch sehen und was der Verstand, der an die physischen Sinne gebunden ist, erkennen kann, das ist nur ein Ausdruck für diese vier Glieder der menschlichen Wesenheit. So ist der Ausdruck für das «Ich», für den eigentlichen Ich-Träger, das Blut in seinem Kreislauf. Dieser «ganz besondere Saft» ist der Ausdruck für das «Ich». Der physisch-sinnliche Ausdruck für den astralischen Leib, das ist zum Beispiel unter anderem im Menschen das Nervensystem. Der Ausdruck für den Ätherleib oder ein Teil dieses Ausdrucks ist das Drüsensystem, und der physische Leib drückt sich aus in den Sinnesorganen. Und alle diese vier Glieder der menschlichen Natur, das Ich, der Astralleib, Ätherleib und physische Leib, sie wirken in der mannigfaltigsten Weise durcheinander. Das eine Glied beeinflusst immer das andere. Je nachdem nun das eine oder das andere dieser Glieder sich besonders hervortut, je nachdem tritt uns der Mensch mit diesem oder jenem Temperament entgegen. Ob die Kräfte, die verschiedenen Machtmittel des einen oder andern vorherrschen, über die andern ein Übergewicht haben, davon hängt die eigentümliche Färbung der Menschennatur ab, was wir die eigentliche Färbung des Temperamentes nennen.
[ 20 ] Thus we already have three aspects of human nature, and as the fourth aspect we recognize that which makes human beings the crown of creation on our Earth. Human beings share the physical body with the entire visible world, the etheric body with plants and animals, and the astral body with animals. But the fourth member is unique to human beings; it is through this that they rise above the other visible creatures. We refer to this fourth member as the “I-bearer,” that aspect of human nature through which a human being is able to say “I” to themselves and attain self-hood. — Today we can only touch briefly upon these four members; it is not possible to go into them in greater detail at this time. What we now see physically and what the intellect—bound to the physical senses—can perceive is merely an expression of these four members of the human being. Thus, the expression for the “I,” for the actual I-bearer, is the blood in its circulation. This “very special fluid” is the expression of the “I.” The physical-sensory expression of the astral body is, for example, the nervous system in human beings. The expression of the etheric body—or part of that expression—is the glandular system, and the physical body expresses itself through the sense organs. And all four aspects of human nature—the “I,” the astral body, the etheric body, and the physical body—interact in the most manifold ways. One aspect always influences the other. Depending on whether one or the other of these aspects is particularly prominent, a person presents themselves to us with one temperament or another. Whether the forces—the various powers—of one or the other predominate and outweigh the others determines the distinctive character of human nature, which we call the actual character of the temperament.
[ 21 ] Die urewige Wesenheit des Menschen, das, was von Verkörperung zu Verkörperung geht, das lebt sich in jeder neuen Verkörperung so aus, dass es hervorruft eine gewisse Wechselwirkung der vier Glieder der Menschennatur: Ich, Astralleib, Ätherleib und physischer Leib, und aus dem, wie diese vier Glieder zusammenwirken, entsteht die Schattierung des Menschen, die wir als das Temperament bezeichnen. Sie wissen, dass man vier Haupttemperamente unterscheidet; dieselben sind bei den einzelnen Menschen in der mannigfaltigsten Weise gemischt, sodass wir nur davon sprechen können, dass dieses oder jenes Temperament in diesen oder jenen Zügen eines Menschen vorherrscht. Man unterscheidet das sogenannte cholerische, das sanguinische, das phlegmatische und das melancholische Temperament. Es entstehen diese vier Temperamente dadurch, dass die vier Glieder der menschlichen Natur in der verschiedensten Weise durcheinanderwirken. Wenn das «Ich» das vorherrschende ist, wenn das Ich in seinen Kräften besonders wirkt und die andern Glieder der menschlichen Natur beherrscht, dann entsteht das cholerische Temperament. Wenn die Kräfte des astralischen Leibes besonders vorherrschend wirken, dann entsteht das sanguinische Temperament. Wenn der Äther- oder Lebensleib seine Natur dem Menschen besonders aufdrückt, so entsteht das phlegmatische Temperament und wenn der physische Leib mit seinen Gesetzen besonders vorherrschend ist in der menschlichen Natur, so entsteht das melancholische Temperament. Wenn wir wissen, dass das Blut in seinem Kreislauf der Ausdruck des eigentlichen Ich ist, so werden wir uns sagen, dass das cholerische Temperament, weil hier das Ich vorherrscht, sich ausdrückt durch die vorherrschende Blutwirkung, durch das feurige, vehemente Blut sich besonders zeigt. Bei dem sanguinischen Temperament herrscht der Astralleib vor; wir finden also hier, dass dementsprechend die Tätigkeit des Nervensystems, dieses Instrumentes für die auf- und abwogenden Empfindungen, besonders stark wirkt und die andern Systeme beherrscht.
[ 21 ] The eternal essence of the human being—that which passes from one incarnation to the next—manifests itself in each new incarnation in such a way that it gives rise to a certain interaction among the four aspects of human nature: the ego, the astral body, the etheric body, and the physical body; and from the way these four components interact arises the nuance of the human being that we call the temperament. You know that four main temperaments are distinguished; these are blended in the most varied ways in individual human beings, so that we can only say that this or that temperament predominates in this or that trait of a person. A distinction is made between the so-called choleric, sanguine, phlegmatic, and melancholic temperaments. These four temperaments arise from the interplay of the four constituents of human nature in a wide variety of ways. When the “I” is predominant—when the “I” acts particularly strongly through its forces and dominates the other constituents of human nature—the choleric temperament arises. When the forces of the astral body act particularly predominantly, the sanguine temperament arises. When the etheric or life body particularly imposes its nature upon the human being, the phlegmatic temperament arises; and when the physical body, with its laws, is particularly dominant in human nature, the melancholic temperament arises. If we recognize that the blood, in its circulation, is the expression of the true “I,” we will conclude that the choleric temperament—because the “I” predominates here—is expressed through the predominant influence of the blood and manifests itself particularly through fiery, vehement blood. In the sanguine temperament, the astral body predominates; we therefore find here that, accordingly, the activity of the nervous system—this instrument for ebbing and flowing sensations—is particularly strong and dominates the other systems.
[ 22 ] Allerdings wird diese Tätigkeit in gewissem Sinne von dem Blutsystem begrenzt. Wenn man feiner einzugehen vermag auf den Zusammenhang, der zwischen Nervensystem und Blutsystem besteht, so kann man es förmlich mit Händen greifen, wie dieser Zusammenhang ist. Würde das Nervensystem allein wirken, ganz besonders vorherrschend sein als der Ausdruck des astralischen Leibes, dann würde der Mensch ein wechselndes Bilder- und Vorstellungsleben haben; er würde hingegeben sein an alle möglichen Bilder und Vorstellungen, an allerhand auf- und abwogende Gefühle und Empfindungen. Das Blut nun, das im Menschen fließt, ist sozusagen dasjenige, was Fesseln anlegt dem, was seinen Ausdruck im Nervensystem hat; es ist der Zügler des auf- und abwogenden Gefühls- und Empfindungslebens. Und wenn Sie auch gar nicht auf feinere physiologische Dinge eingehen, so können Sie doch aus der einfachen Tatsache, dass, wenn irgendjemand blutarm ist, das heißt Mangel hat an roten Blutkörperchen, dass er dann hingegeben ist leicht an allerlei phantastische Bilder bis zu allerlei Halluzinationen; so können Sie doch aus dieser einfachen Tatsache schon schließen, wie das Blut der Zügler des Nervensystems ist.
[ 22 ] However, this activity is, in a certain sense, limited by the circulatory system. If one is able to examine more closely the connection that exists between the nervous system and the circulatory system, one can literally grasp with one’s own hands what this connection is like. If the nervous system were to act alone—if it were to be particularly dominant as the expression of the astral body—then human beings would have a fluctuating life of images and ideas; they would be at the mercy of all manner of images and ideas, of all sorts of ebbing and flowing feelings and sensations. The blood that flows within a human being, however, is, so to speak, what restrains that which finds its expression in the nervous system; it is the restraining force of the ebbing and flowing life of feelings and sensations. And even if you do not delve into finer physiological details, you can still conclude from the simple fact that when someone is anemic—that is, lacks red blood cells—they are easily given over to all sorts of fantastical images, even to all kinds of hallucinations; from this simple fact alone, you can already conclude how the blood acts as the restrainer of the nervous system.
[ 23 ] Es muss ein Gleichgewicht herrschen zwischen Ich und astralischem Leib, oder physisch gesprochen, zwischen Blut- und Nervensystem, damit der Mensch nicht zum Sklaven wird seines Nervensystems, das heißt seines auf- und abwogenden Empfindungs- und Gefühlslebens. Wenn nun eine Vorherrschaft des astralischen Leibes oder seines Ausdrucks, des Nervensystems, da ist, wenn man das Blut zwar zügelt, aber nicht vollständig bis zur absoluten Gleichgewichtslage hinführen kann, dann entsteht jenes Eigentümliche, wo der Mensch Interesse hat für einen Gegenstand, aber dieses bald fallen lässt und rasch zu einem anderen Gegenstand übergeht. In diesem Schnell-entflammt-Sein und Rasch-Übergehen zu einem andern Gegenstand sieht man den Ausdruck des vorherrschenden Astralleibes: das sanguinische Temperament.
[ 23 ] There must be a balance between the ego and the astral body—or, in physical terms, between the circulatory and nervous systems—so that a person does not become a slave to their nervous system, that is, to their fluctuating life of sensations and emotions. If, however, the astral body—or its expression, the nervous system—dominates, and if one can restrain the blood but cannot fully bring it into a state of absolute equilibrium, then that peculiar phenomenon arises in which a person takes an interest in one object but soon abandons it and quickly moves on to another. In this tendency to become quickly inflamed and to shift rapidly to another object, one sees the expression of the dominant astral body: the sanguine temperament.
[ 24 ] Nehmen wir an, der Zügler, das Ich, das seinen Ausdruck im Blutsystem hat, das übe eine besondere Herrschaft, das lege eine besondere Gewalt dem Empfindungs- und Vorstellungsleben, dem Nervensystem an; nehmen wir an, alles entspringe bei einem Menschen aus seinem Ich, alles, was er empfindet, das empfindet er stark, weil sein Ich stark ist. Das nennen wir das cholerische Temperament. Angenommen, der Äther- oder Lebensleib ist der, der besonders stark ist, so drückt sich diese Vorherrschaft wieder anders aus. Der Ätherleib, das ist der Leib, der eine Art inneren Lebens führt, während der Astralleib sich ausdrückt in dem Interesse nach außen und das Ich der Träger unseres Wirkens und Wollens nach außen ist. Wenn also der Ätherleib, der als Lebenstrieb sich auslebt und die einzelnen Funktionen im Gleichgewicht hält, was sich ausdrückt im allgemeinen Lebensbehagen; wenn dieses in sich gestützte Innenleben, dieses Leben, das das innere Behagen vorzugsweise bewirkt, wenn dieses vorherrscht, dann kann es eintreten, dass der Mensch in diesem inneren Behagen vorzugsweise lebt, dass er sich so recht wohlfühlt, wenn in seinem Organismus alles in Ordnung ist und sich wenig gedrängt fühlt, sein inneres Interesse nach außen zu richten, wenig geneigt ist, ein starkes Wollen zu entwickeln: Das ist das phlegmatische Temperament.
[ 24 ] Let us assume that the driving force—the “I”—which finds its expression in the circulatory system, exercises a special dominion and exerts a special power over the life of sensation and imagination, as well as over the nervous system; let us assume that everything in a person springs from their “I”; everything they feel, they feel intensely because their “I” is strong. We call this the choleric temperament. Suppose the etheric or life body is the one that is particularly strong; in that case, this dominance expresses itself differently. The etheric body is the body that leads a kind of inner life, while the astral body expresses itself through interest in the outside world, and the ego is the bearer of our outward actions and will. So if the etheric body—which manifests itself as a life force and keeps the individual functions in balance, as expressed in a general sense of well-being— if this self-contained inner life—this life that primarily fosters inner well-being—prevails, then it may happen that the person lives primarily in this inner well-being, that he feels quite at ease when everything in his organism is in order and feels little urge to direct his inner interest outward, and is little inclined to develop a strong will: This is the phlegmatic temperament.
[ 25 ] Und wenn das physische Prinzip, wenn das Prinzip des physischen Leibes vorherrschend wird, so wird das eine Art Hindernis im Menschen für seine Entwicklung. Der physische Leib ist das dichteste Glied der menschlichen Wesenheit. Der Mensch muss Herr sein seines physischen Leibes, wie er Herr sein muss über eine Maschine, wenn er sie gebrauchen will. Wenn nun dieses Prinzip besonders vorherrscht, sich besonders geltend macht mit seinen Ansprüchen, dann kann das melancholische Temperament daraus fließen. Der Mensch ist da nicht fähig, sein Instrument vollständig zu gebrauchen, sodass die anderen Prinzipien eine Hemmung erfahren dadurch, sodass Disharmonie entsteht zwischen dem physischen Leib und den anderen Gliedern. Wenn das der Fall ist, dann werden wir sehr leicht von dem Leben schmerzlich und leidvoll berührt. Gram macht sich sehr leicht geltend. So kommt das melancholische Temperament her von einem Vorherrschen des Physischen.
[ 25 ] And when the physical principle—the principle of the physical body—becomes dominant, it becomes a kind of obstacle to a person’s development. The physical body is the densest aspect of the human being. A person must be master of his physical body, just as he must be master of a machine if he wishes to use it. If this principle becomes particularly dominant and asserts itself with its demands, then a melancholic temperament may result. In such cases, a person is unable to make full use of their instrument, so that the other principles are inhibited as a result, leading to disharmony between the physical body and the other aspects of the being. When this is the case, we are very easily affected by life in painful and sorrowful ways. Grief takes hold very easily. Thus, the melancholic temperament arises from the predominance of the physical.
[ 26 ] So lernen wir verstehen durch die viergliedrige Menschennatur gerade dieses Seelenrätsel der Temperamente. Und wahrlich, aus einer tiefen Erkenntnis der menschlichen Natur heraus ist uns aus alten Zeiten her überliefert die Kenntnis der vier Temperamente. Wenn wir so die menschliche Natur verstehen und wissen, dass das Äußere nur der Ausdruck des Geistigen ist, dann lernen wir — bis auf die Äußerlichkeiten — den Menschen in seinem Zusammenhange verstehen, den Menschen in seinem ganzen Werden verstehen, und wir lernen erkennen, was wir tun müssen gegenüber uns selbst und gegenüber dem Kinde in Bezug auf das Temperament. Für Lebensweisheit wie für die Pädagogik ist ein wirklich lebensvolles Erkennen der Natur der Temperamente unerlässlich, und beide würden unendlich gewinnen durch sie.
[ 26 ] Thus, through the fourfold nature of the human being, we come to understand precisely this mystery of the soul that is the temperaments. And indeed, the knowledge of the four temperaments has been handed down to us from ancient times out of a deep understanding of human nature. When we understand human nature in this way and know that the outer form is merely an expression of the spiritual, then—beyond mere outward appearances—we learn to understand the human being in his or her context, to understand the human being in the entirety of his or her development, and we learn to recognize what we must do for ourselves and for the child with regard to temperament. A truly vibrant understanding of the nature of the temperaments is indispensable for both wisdom in life and for pedagogy, and both would benefit immensely from it.
[ 27 ] Betrachten wir nun, wie im Äußeren des Menschen sich das Temperament zum Ausdruck bringt. Sehen Sie sich den Sanguiniker an. Schen Sie, welch merkwürdiger Blick schon beim sanguinischen Kinde sich zeigt, der schnell an etwas haftet, ebenso schnell aber auch wieder sich abzieht; ein lustiger Blick ist es, eine innere Freude und Fröhlichkeit leuchtet in dem Blick, darin sich ausdrückt das, was aus der Tiefe der Menschennatur, aus dem beweglichen astralischen Leibe kommt. Ja, wir könnten die ganze äußere Physiognomie, die bleibende Gestalt wie auch die Geste, erkennen als den Ausdruck des beweglichen, flüchtigen und flüssigen astralischen Leibes. Der astralische Leib hat die Neigung, zu bilden, zu formen. —- Das Innere tritt nach außen, daher ist der sanguinische Mensch schlank und geschmeidig. In dem hüpfenden, tanzenden Gange des sanguinischen Kindes sehen Sie den Ausdruck des beweglichen astralischen Leibes. Bis auf die Farbe der Augen könnten wir den Ausdruck des sanguinischen Menschen feststellen: Er hat in der Regel blaue Augen. Diese hängen innig zusammen, diese blauen Augen, mit dem inneren Lichte des Menschen, das ein unsichtbares Licht ist, mit dem Lichte des astralischen Leibes.
[ 27 ] Let us now consider how temperament is expressed in a person’s outward appearance. Look at the sanguine person. Notice what a remarkable gaze is already evident in the sanguine child—a gaze that quickly fixates on something but just as quickly turns away; it is a cheerful gaze, with an inner joy and cheerfulness shining through, expressing what comes from the depths of human nature, from the mobile astral body. Indeed, we could recognize the entire external physiognomy—the permanent form as well as the gesture—as the expression of the mobile, fleeting, and fluid astral body. The astral body has a tendency to shape and form. —- The inner nature manifests outwardly; hence, the sanguine person is slender and supple. In the bouncing, dancing gait of the sanguine child, you see the expression of the mobile astral body. Except for the color of the eyes, we could identify the expression of the sanguine person: he or she usually has blue eyes. These blue eyes are intimately connected to the inner light of the human being—which is an invisible light—and to the light of the astral body.
[ 28 ] Noch greifbarer können Sie beim cholerischen Temperamente im äußeren Wuchs, in all dem, was uns äußerlich entgegentritt, den Ausdruck erkennen dessen, was innerlich wirksam ist, der eigentlichen tiefen inneren Kraftnatur des Menschen, das geschlossene Ich. Ein ausgesprochener Choleriker war zum Beispiel Johann Gottlieb Fichte. Fichte war wie im Wuchs zurückgehalten. Das ist besonders charakteristisch für den Choleriker. Nicht der astralische Leib mit seiner Bildungsfähigkeit ist das Vorherrschende, sondern das Ich, der Zügler, der Einenger der bildenden Kräfte herrscht vor; der Wuchs wird gezügelt und zurückgehalten. Daher sehen wir in der Regel bei diesen starken, eminenten Willensmenschen, wie das «Ich» der freien Bildkraft des Astralleibes die Zügel aufgedrückt hat: kleine gedrungene Gestalt. So sehen wir auch an einem anderen Typus des Cholerikers, an Napoleon, dem «kleinen General», den zurückgehaltenen Wuchs, das zügelnde «Ich». Und in der Regel sehen wir auch beim Choleriker, wie dieses stark angezündete innere Licht, dass alles Lichtvolle nach innen wendet, in zuweilen kohlschwarzen Augen zum Ausdruck kommt. Und auch im Tritt sehen wir den Ausdruck der starken Ichkraft: Im cholerischen Kinde schon schen wir den festen Tritt, wie es nicht nur seinen Fuß aufstellt, wenn es auftritt auf den Boden, sondern so fest tritt es auf, als ob es noch ein Stück weiter treten wollte durch den Boden hindurch.
[ 28 ] In the case of the choleric temperament, you can recognize even more tangibly in external appearance—in everything that presents itself to us outwardly—the expression of what is at work internally: the true, deep inner nature of a person’s power, the closed “I.” Johann Gottlieb Fichte, for example, was a pronounced choleric. Fichte’s stature seemed restrained. This is particularly characteristic of the choleric type. It is not the astral body, with its capacity for formation, that predominates, but rather the “I”—the restrainer, the limiter of the formative forces—that prevails; physical growth is curbed and held back. That is why we generally see in these strong, eminent individuals of will how the “I” has reined in the free formative power of the astral body: a small, stocky figure. We also see this in another type of choleric individual, Napoleon, the “little general”—the stunted growth, the restraining “I.” And as a rule, we also see in the choleric individual how this intensely burning inner light—which turns all radiance inward—is expressed in eyes that are at times jet-black. And we also see the expression of strong ego-force in the gait: even in the choleric child we observe the firm stride, as it not only sets its foot down when stepping onto the ground, but steps so firmly as if it wanted to step a little further, right through the ground.
[ 29 ] Und wiederum schen wir, wie auch das phlegmatische Temperament sich in der äußeren Form zum Ausdruck bringt. Bei diesem herrscht ja vor die Tätigkeit des Äther- oder Lebensleibes, der seinen Ausdruck im Drüsensystem hat und seinen seelischen Ausdruck in der inneren Behaglichkeit, in dem inneren Gleichgewicht. Wenn bei einem solchen Menschen in seinem Innern alles nicht nur normal in Ordnung ist, sondern wenn über das Normale diese inneren Bildekräfte der Behaglichkeit besonders tätig sind, dann gliedern sich ihre Produkte an in dem menschlichen Leibe; er wird wohlbeleibt, er geht auseinander. Da haben wir vor uns den physischen Ausdruck der Vorherrschaft der inneren Bildekräfte des Äther- oder Lebensleibes. Und wer würde nicht auch in dieser mangelnden Wechselwirkung des Innern mit dem Äußern die Ursache erkennen für den oftmals schlotternden, schlendernden Gang des Phlegmatikers, dessen Schritt oft nicht passen will zu dem Boden. Bis in den eigentümlichen matten, farblosen Blick — während der Blick des Cholerikers feurig und funkelnd ist —, erkennt man den Ausdruck der nur nach innen gerichteten Behaglichkeit des ätherischen Leibes: den Phlegmatiker. Melancholiker ist derjenige Mensch, der nicht die Herrschaft finden kann vollständig über das physische Instrument, dem das physische Instrument Widerstand bietet, der nicht fertig wird mit dem Gebrauch dieses Instrumentes. Wir sehen es seinem eigenartigen Gange an: Er ist gemessen, aber in einer gewissen Weise schleppend. Beim Melancholiker zeigt uns der vorgebeugte Kopf, dass die inneren Kräfte sich nicht frei entfalten können, die den Kopf nach oben richten. Wir sehen es auch an dem eigenartigen, nach innen gerichteten Blick, wie das physische Instrument ihm Schwierigkeiten macht. Wissen wir nun all das, so lernen wir es auch handhaben. Namentlich muss es dem Menschen interessant sein, wie er die Temperamente schon im kindlichen Alter pädagogisch handhaben kann. Das sanguinische Kind ist das schnell begreifende, aber auch schnell vergessende Kind, bei dem es uns Mühe macht, sein Interesse an irgendetwas festzuhalten, das das Interesse an einem Gegenstand schnell verliert und zu einem andern übergeht. Bei einem solchen Kinde wird derjenige, der materialistisch denkt, gleich mit einem Rezept kommen und sagen: Wenn du ein sanguinisches Kind aufzuziehen hast, musst du es in Wechselwirkung bringen mit anderen Kindern, dass es sich sozusagen abreibt an anderen Kindern. Ein Mensch aber, der im rechten Sinne realistisch denkt, der sagt: Wenn ihr darauf ausgeht, im sanguinischen Kinde auf diejenigen Kräfte zu wirken, die es gar nicht hat, dann werdert ihr nichts erreichen mit diesem Kinde. Ihr könnt noch so sehr eure Kräfte anstrengen, um die anderen Glieder der Menschennatur auszubilden, die hat es eben nicht vorherrschend. So bauen wir also nicht auf das, was das Kind nicht hat, sondern auf das, was es hat. Wir bauen gerade auf seine sanguinische Natur, auf das Bewegliche des astralischen Leibes und versuchen nicht ihm einzubläuen, was an einem anderen Gliede der menschlichen Natur hängt.
[ 29 ] And once again we see how the phlegmatic temperament also expresses itself in outward form. In this temperament, the activity of the etheric or life body predominates; it finds its physical expression in the glandular system and its psychological expression in inner contentment and inner balance. When, in such a person, not only is everything internally in normal order, but when these inner formative forces of well-being are particularly active beyond the normal, then their products take shape in the human body; the person becomes well-proportioned, their form expands. Here we have before us the physical expression of the predominance of the inner formative forces of the etheric or life body. And who would not also recognize in this lack of interaction between the inner and the outer the cause of the phlegmatic person’s often shuffling, shambling gait, whose step often seems out of sync with the ground? Even in the peculiar, dull, colorless gaze—whereas the choleric’s gaze is fiery and sparkling—one recognizes the expression of the etheric body’s comfort, directed solely inward: the phlegmatic. A melancholic is a person who cannot gain complete mastery over the physical instrument—an instrument that offers resistance—and who cannot cope with the use of this instrument. We see this in their peculiar gait: it is measured, yet in a certain way sluggish. In the melancholic, the bowed head shows us that the inner forces that lift the head upward cannot unfold freely. We also see from the peculiar, inward-turned gaze how the physical instrument causes him difficulty. Now that we know all this, we can learn how to deal with it. In particular, it should be of interest to us how we can pedagogically address the temperaments even in childhood. The sanguine child is the one who grasps things quickly but also forgets them quickly; it is difficult for us to hold their interest in anything, as they quickly lose interest in one subject and move on to another. With such a child, someone who thinks materialistically will immediately come up with a formula and say: “If you have to raise a sanguine child, you must bring it into interaction with other children so that it rubs shoulders with them, so to speak.” But a person who thinks realistically in the true sense of the word will say: “If you set out to influence those qualities in the sanguine child that it does not possess at all, then you will achieve nothing with this child.” No matter how hard you try to develop the other aspects of human nature, they simply aren’t dominant in this child. So we don’t build on what the child lacks, but on what it does have. We build precisely on its sanguine nature, on the mobility of the astral body, and do not try to instill in it what belongs to another aspect of human nature.
[ 30 ] Zuerst zeigt sich dem wirklichen Praktiker, dass es ein Interesse gibt, ein wirkliches Interesse für jedes sanguinische Kind. Leicht wird es ja im Allgemeinen sein Interesse entfachen für diesen oder jenen Gegenstand, aber schnell wieder verlieren. Aber ein Interesse gibt es, das bleibend sein kann auch für das sanguinische Kind. Man muss es nur finden — das zeigt die Praxis. Für Sachen, Gegenstände, Ereignisse wird es nicht leicht etwas anderes zeigen als ein vorübergehendes, bewegliches Interesse, aber für eine für das sanguinische Kind sich besonders eignende Persönlichkeit — das wird die Erfahrung zeigen - wird ein bleibendes, durchgehendes Interesse da sein. Das muss man nur in der richtigen Weise suchen. Daher handelt es sich für dieses Kind darum, dass bei der Erziehung besondere Sorgfalt darauf verwendet wird, dass dieses Kind die Anhänglichkeit für irgendeine Persönlichkeit bilden und entwickeln kann. Über den Umweg der Anhänglichkeit an eine Persönlichkeit muss alle Erziehung des sanguinischen Kindes gehen. Daher haben Eltern und Erzieher zu beachten, dass nicht mit Einbläuen dem sanguinischen Kinde ein bleibendes Interesse für Sachen und so weiter erweckt werden kann, sondern darauf zu schen, dass dieses Interesse auf dem Umwege der Anhänglichkeit zu einer Persönlichkeit gewonnen wird.
[ 30 ] First of all, the true practitioner will see that there is an interest—a genuine interest—in every sanguine child. It will generally be easy to spark the child’s interest in this or that subject, but that interest will quickly fade. Yet there is an interest that can be lasting, even for the sanguine child. One simply has to find it—as practice shows. When it comes to things, objects, or events, the child will not easily show anything other than a fleeting, shifting interest; but for a personality particularly suited to the sanguine child—as experience will show—there will be a lasting, sustained interest. One simply has to look for it in the right way. Therefore, it is essential that special care be taken in the upbringing of this child to ensure that he or she can form and develop an attachment to a particular person. All education of the sanguine child must proceed through the medium of attachment to a person. Therefore, parents and educators must bear in mind that a lasting interest in things and so on cannot be instilled in the sanguine child through rote learning, but rather that this interest is gained through the medium of attachment to a person.
[ 31 ] Noch weiter kann man auf die sanguinische Natur des Kindes selbst die Erziehung aufbauen. Die sanguinische Natur äußert sich ja darin, dass sie kein Interesse finden kann, das dauernd ist; also beschäftige man es mit solchen Gegenständen in gewissen abgemessenen Zeiten, bei denen ein vorübergehendes Interesse berechtigt ist, bei denen es sozusagen sanguinisch sein darf, die nicht wert sind, dass man das Interesse beibehält. Es ist also wichtig, einem sanguinischen Kinde solche Gegenstände auszusuchen, gegenüber denen es sanguinisch sein darf, das Interesse verlieren darf. Wenn man so appelliert an das, was vorhanden ist, und nicht an das, was nicht vorhanden ist, dann wird man sehen — die Lebenspraxis wird es zeigen —, dass in der Tat die sanguinische Kraft dann, wenn sie einseitig wird, sich tatsächlich für die wichtigen Gegenstände fesseln lässt. Wie auf einem Umwege wird das erreicht. Gut ist es, wenn das Temperament schon beim Kinde so in der richtigen Weise entwickelt wird, aber oftmals muss der erwachsene Mensch auch noch später im Alter selbst seine Erziehung in die Hand nehmen.
[ 31 ] One can even base the child’s upbringing on the child’s own sanguine nature. After all, the sanguine nature manifests itself in the child’s inability to sustain a lasting interest; therefore, one should engage the child with such subjects at specific, measured intervals—subjects in which a temporary interest is justified, in which the child may, so to speak, be sanguine, and which are not worth maintaining a lasting interest in. It is therefore important to select for a sanguine child those subjects in which it is permitted to be sanguine—that is, to lose interest. If one appeals in this way to what is present, rather than to what is absent, then one will see—life experience will show—that, in fact, when the sanguine force becomes one-sided, it can indeed be channeled toward the important subjects. This is achieved, as it were, by a roundabout route. It is good if the temperament is developed in the right way already in childhood, but often the adult must also take their own education into their own hands later in life.
[ 32 ] Solange ja die Temperamente in den normalen Grenzen sich halten, solange stellen sie dar dasjenige, was das Leben schön, mannigfaltig und groß macht. Wie öde wäre das Leben, wenn alle Menschen gleich wären in Bezug auf das Temperament; aber eine Einseitigkeit des Temperamentes auszugleichen, muss der Mensch auch im späteren Alter oftmals seine Selbsterziehung in die Hand nehmen. Man darf dann auch hier sich nicht gleichsam einbläuen wollen ein bleibendes Interesse für irgendwelche Dinge, sondern man muss sich sagen: Ich bin nun einmal ein Sanguiniker, jetzt suche ich mir Gegenstände im Leben, an denen ich rasch vorübergehen darf mit meinem Interesse, wo es recht ist, dass ich nicht an ihnen hängen bleibe, und beschäftige mich mit dem gerade, wo ich mit Fug und Recht das Interesse schon im nächsten Augenblick verlieren darf.
[ 32 ] As long as temperaments remain within normal limits, they represent what makes life beautiful, diverse, and grand. How dreary life would be if all people were the same in terms of temperament; but to compensate for an imbalance in temperament, a person must often take matters into their own hands and engage in self-education even in later life. One must not, however, try to force oneself to develop a lasting interest in certain things; rather, one must say to oneself: “I am, after all, a sanguine person; now I will seek out things in life that I may quickly move on from, where it is right that I not become attached to them, and I will occupy myself with whatever it is where I may, with good reason, lose interest the very next moment.”
[ 33 ] Wenn man ein cholerisches Kind zu erziehen hat, dann hat man darauf zu sehen, dass dieses Kind vor allen Dingen seine starken inneren Kräfte zur Entwicklung, zur Entfaltung bringt. Es ist notwendig, dass man das Kind bekannt macht mit dem, was im äußeren Leben Schwierigkeiten bereiten kann. Nicht darf man dem Kinde das cholerische Temperament ausprügeln, sozusagen auserziehen, sondern man muss ihm gerade diejenigen Dinge vorlegen, bei denen es Kraft anwenden muss, bei denen das Ausleben des cholerischen Temperamentes berechtigt ist. Das cholerische Kind muss mit einer inneren Notwendigkeit mit der objektiven Welt kämpfen lernen. Man wird daher die Umgebung so einzurichten suchen, dass dieses cholerische Temperament sich ausleben kann daran, dass es Hindernisse zu überwinden hat, und besonders gut wird es sein, wenn es diese Hindernisse überwinden kann an Kleinigkeiten, an Lappalien, wenn man das Kind irgendetwas tun lässt, wo es eine riesige Kraft anwenden muss, wo das cholerische Temperament sich besonders auslebt, in der Tat aber die Tatsachen siegen, die aufgewendete Kraft sich in Nichts zersplittert. Dadurch bekommt es Respekt vor der Gewalt der Tatsachen, die sich dem entgegenstellen, was sich im cholerischen Temperamente auslebt.
[ 33 ] When raising a choleric child, one must ensure, above all else, that this child is able to develop and express his or her strong inner powers. It is necessary to familiarize the child with the things in external life that can cause difficulties. One must not beat the choleric temperament out of the child—that is, try to “correct” it—but rather present the child with precisely those situations in which it must exert its strength, situations in which the expression of the choleric temperament is justified. The choleric child must learn, out of an inner necessity, to grapple with the objective world. One should therefore strive to arrange the environment in such a way that this choleric temperament can find outlet in having to overcome obstacles, and it will be particularly beneficial if the child can overcome these obstacles in small matters, in trifles—if the child is allowed to do something that requires immense effort, where the choleric temperament is particularly on display, but in reality the facts prevail, and the expended energy shatters into nothingness. As a result, the child develops a respect for the power of the facts that stand in opposition to what the choleric temperament seeks to express.
[ 34 ] Wiederum gibt es auch hier noch einen Umweg, auf dem das cholerische Temperament erzogen werden kann. Da ist es vor allen Dingen notwendig, dass wir die Ehrfurcht, das Gefühl des Hinaufschauens dadurch wecken, dass wir dem Kinde so gegenübertreten, dass wir solche Achtung wirklich erwecken, indem wir ihm zeigen: Wir können die Schwierigkeiten überwinden, die es selbst noch nicht überwinden kann. Die Ehrfurcht, Achtung namentlich vor dem, was der Erzieher leisten kann, vor dem, was er zu überwinden vermag gegenüber den Schwierigkeiten der Objekte, das ist das rechte Mittel, Achtung vor dem Können des Erziehers, das ist der Weg, auf dem man dem cholerischen Kinde besonders beikommt bei der Erziehung.
[ 34 ] Here, too, there is another approach through which the choleric temperament can be nurtured. Above all, it is necessary that we awaken a sense of reverence and admiration by interacting with the child in a way that truly inspires such respect, showing the child: We can overcome the difficulties that the child cannot yet overcome on their own. A sense of awe and respect—particularly for what the educator can accomplish, for what they are able to overcome in the face of the difficulties posed by the subject matter—this is the right approach; respect for the educator’s abilities—this is the path by which one can best reach the choleric child in the educational process.
[ 35 ] Wie haben wir nun ein melancholisches Kind zu erziehen? Hier ist von ganz besonderer Wichtigkeit, dass man nicht etwa darauf baut, man könne ihm seinen Gram und Schmerz ausreden oder sonst aberziehen, denn es hat eben die Anlage dazu, zu diesem Verschlossensein in sich, weil das physische Instrument ihm eben Hindernisse bietet. Wir müssen auf das besonders bauen, was da ist; wir müssen das, was da ist, pflegen. Wollen wir als Erzieher diesem Kinde gegenübertreten, so müssen wir auch hier wiederum den Punkt finden, wo wir anzuknüpfen haben. Es gibt auch hier wiederum eines: Wir müssen dem melancholischen Kinde vor allen Dingen zeigen, wie der Mensch überhaupt leiden kann. Man muss nur nicht meinen, man müsse das Kind belustigen, es aufzuheitern suchen. Wenn Sie es dahin bringen, wo es Lust finden kann, da wird es nur immer verschlossener und verschlossener. Wenn dagegen an der Seite des melancholischen Kindes ein Mensch steht, der im Gegensatz zu den bloß im Innern begründeten gramhaften Neigungen des Kindes in berechtigter Weise zu erzählen weiß von Schmerzen und Leiden, die ihm die Außenwelt bereitete, dann richtet sich das melancholische Kind an diesem Miterleben, an diesem Mitfühlen des berechtigten Schmerzes auf. Ein Mensch, der es merken lassen kann im Gefühl und Empfindung bei seiner Erzählung, dass er vom Schicksal geprüft ist, ein solcher ist eine Wohltat für ein melancholisches Kind.
[ 35 ] How, then, should we raise a melancholic child? It is of particular importance here not to rely on the idea that we can talk the child out of his sorrow and pain or otherwise take them away, for he has a predisposition toward this inward withdrawal precisely because his physical constitution presents obstacles to him. We must build upon what is already there; we must nurture what is already present. If, as educators, we are to approach this child, we must once again find the point where we can make a connection. Here, too, there is one key point: Above all, we must show the melancholic child how human beings are capable of suffering in the first place. One must not, however, think that one needs to amuse the child or try to cheer it up. If you lead the child to a place where it can find pleasure, it will only become more and more withdrawn. If, on the other hand, there is a person standing beside the melancholic child who—in contrast to the child’s grief-stricken tendencies, which are rooted solely within—knows how to speak authentically about the pain and suffering that the outside world has caused them, then the melancholic child will be uplifted by this shared experience, by this empathy for legitimate pain. A person who, through the emotion and feeling conveyed in their story, can make it clear that they have been tested by fate—such a person is a blessing to a melancholic child.
[ 36 ] Auch in dem, was wir sozusagen zubereiten um das Kind herum, sollen wir seine Anlagen nicht unberücksichtigt lassen, sondern sie als real und wirklich betrachten und sie sich ausleben lassen. Daher ist es nützlich, wenn wir diesem Kinde - so sonderbar das klingen mag wirkliche Hindernisse, Hemmnisse aufbauen, sodass es über gewisse Dinge berechtigtes Leid und berechtigten Schmerz erleben kann. Die beste Erziehung für ein solches Kind ist es, wenn die Hinlenkung auf das innere Leidgefühl, Gramgefühl dadurch abgelenkt wird, dass das, was nun einmal als Anlage vorhanden ist, sich entfachen kann an dem Äußeren. Das Kind soll lernen, sich aufzurichten, zu leiden an äußeren Hindernissen und Hemmnissen, dann wird das Kind, die Seele des Kindes allmählich in andere Bahnen kommen.
[ 36 ] Even in what we, so to speak, prepare for the child, we should not ignore the child’s natural inclinations, but rather regard them as real and genuine and allow the child to act on them. Therefore, it is helpful—as strange as it may sound—to create real obstacles and barriers for this child, so that it can experience justified suffering and pain in certain situations. The best upbringing for such a child is when the focus on inner feelings of suffering and grief is diverted so that the predisposition that is already present can be ignited by external circumstances. The child should learn to stand tall and to endure external obstacles and hindrances; then the child—the child’s soul—will gradually find a new direction.
[ 37 ] Auch bei der Selbsterziehung können wir das wieder gebrauchen. Wir müssen immer die vorhandenen Anlagen, die in uns vorhandenen Kräfte sich ausleben lassen und sie nicht künstlich zurückdrängen. Drückt sich das cholerische Temperament zum Beispiel so stark in uns aus, dass es ein Hindernis für uns ist, so müssen wir diese in uns vorhandene Kraft ausleben lassen, indem wir solche Dinge im Leben suchen, an denen wir in einer gewissen Beziehung unsere Kraft zerbrechen können, wo wir einsehen können, wie unsere Kräfte ins Nichts führen, und zwar an solchen Dingen, die unbedeutend, nicht wichtig sind. Sind wir dagegen Melancholiker, so tun wir gut, uns die äußeren, berechtigten Schmerzen und Leiden des Lebens aufzusuchen, damit wir Gelegenheit haben, in der Außenwelt unsere Melancholie auszuleben; dann bringen wir uns zurecht.
[ 37 ] We can apply this principle again when it comes to self-education. We must always allow our innate aptitudes and the strengths within us to express themselves fully, rather than artificially suppressing them. If, for example, the choleric temperament manifests itself so strongly within us that it becomes an obstacle, we must allow this inner force to run its course by seeking out situations in life where, in a certain sense, we can expend our energy—where we can see how our forces lead to nothing—specifically in matters that are insignificant and unimportant. If, on the other hand, we are melancholic, we would do well to seek out the external, legitimate pains and sufferings of life so that we have the opportunity to give free rein to our melancholy in the outside world; then we will find our bearings.
[ 38 ] Gehen wir nun zum phlegmatischen Temperament über. Da wäre es wieder das Allerletzte, da wäre es ganz verkehrt, wenn wir den in sich behaglichen Menschen aufrütteln wollten, wenn wir meinen, wir können ihm direkt irgendwelche Interessen einbläuen, anerziehen. Wir müssen mit dem wiederum rechnen, was er hat. Etwas ist es, woran der Phlegmatiker jederzeit haften wird, namentlich das Kind. Wenn wir nur durch weise Erziehung das, was es braucht, um das Kind herum aufrichten, werden wir vieles erreichen können. Es ist für das phlegmatische Kind notwendig, dass es viel Umgang habe mit anderen Kindern. Für Gegenstände, Ereignisse wird es sich überhaupt nicht leicht interessieren. Durch jene eigentümliche suggestive Wirkung, durch die Interessen der anderen nur ist es möglich, sein Interesse zu entflammen. Das eigene Interesse erwecken durch das Nebenhererleben des Interesses der andern, das gilt für die Erziehung des Phlegmatikers, wie Mitfühlen und Miterleben des menschlichen Schicksals im andern für den Melancholiker gilt. Noch einmal: Angefacht werden durch das Interesse der andern, das ist das richtige Erziehungsmittel für den Phlegmatiker. Dadurch kann ganz Großartiges zuweilen geleistet werden an dem jungen Kinde.
[ 38 ] Let us now turn to the phlegmatic temperament. Here, too, it would be the worst possible approach—it would be completely wrong—to try to rouse a person who is content with themselves, or to think that we can simply instill or teach them certain interests. We must, once again, take into account what they already have. There is one thing to which the phlegmatic person will always be attached, namely the child. If, through wise upbringing, we can provide what the child needs in their environment, we will be able to achieve a great deal. It is essential for the phlegmatic child to have plenty of interaction with other children. They will not take an easy interest in objects or events at all. It is only through that peculiar suggestive effect—through the interests of others—that it is possible to kindle their interest. Awakening their own interest by witnessing the interest of others—this applies to the upbringing of the phlegmatic child, just as empathy and sharing in the human fate of others applies to the melancholic. Once again: being inspired by the interests of others—that is the proper educational method for the phlegmatic child. Through this, truly remarkable achievements can sometimes be made with the young child.
[ 39 ] Aber auch seine Selbsterziehung im späteren Alter kann man in solcher Weise in die Hand nehmen - wenn man merkt, dass das Phlegma in einseitiger Weise sich auszuleben strebt — dadurch, dass man versucht, Menschen zu beobachten und ihre Interessen. Eines aber kann man: Solange man überhaupt noch in der Lage ist, seinen Verstand und Vernunft anzuwenden, Gegenstände, Ereignisse aufsuchen, die höchst gleichgültig sind, denen gegenüber es berechtigt ist, phlegmatisch zu sein. Wieder haben wir nun gesehen, wie wir in der auf Geisteswissenschaft fußenden Erziehungsmethode auf das bauen, was man hat, und nicht auf das, was man nicht hat.
[ 39 ] But one can also take charge of one’s self-education in later life in this way—when one notices that the phlegmatic temperament is striving to express itself in a one-sided manner—by trying to observe people and their interests. One thing, however, is possible: As long as one is still able to use one’s intellect and reason, one can seek out objects and events that are utterly indifferent—toward which it is justified to be phlegmatic. Once again, we have seen how, in the educational method based on spiritual science, we build upon what one has, and not upon what one lacks.
[ 40 ] So sehen wir, dass gerade dann, wenn wir auf die intimen Seiten des Lebens zu sprechen kommen, dass gerade an diesen intimen Seiten des Lebens die Geisteswissenschaft ihre Praxis, ihre eminent praktische Seite zeigt. Unendlich viel könnte man Lebenskunst haben dadurch, dass man diese realistischen Kenntnisse der Geisteswissenschaft sich aneignete. Wo es sich darum handelt, mit dem Leben fertigzuwerden, da müssen wir dem Leben seine Geheimnisse ablauschen, und diese liegen hinter dem Sinnlichen. Auch diese Geheimnisse der menschlichen Temperamente mussten wir suchen hinter dem Sinnlichen. Nur wirkliche Geisteswissenschaft ist imstande, so etwas wie die Geheimnisse der menschlichen Temperamente zu erläutern und so zu ergründen, dass wir diese Geisteswissenschaft so handhaben können, dass sie zum Heile und wirklichen Segen des Lebens dient, des Lebens, wenn es jung ist, und des Lebens, wenn es älter ist.
[ 40 ] Thus we see that it is precisely when we turn to the intimate aspects of life—precisely in these intimate aspects of life—that spiritual science reveals its practical application, its eminently practical side. One could gain an infinite amount of wisdom about the art of living by acquiring this realistic knowledge from spiritual science. When it comes to coping with life, we must eavesdrop on life’s secrets, and these lie beyond the sensory realm. We also had to seek these secrets of human temperaments beyond the sensory realm. Only true spiritual science is capable of explaining and fathoming such things as the secrets of human temperaments in such a way that we can apply this spiritual science so that it serves as a healing and true blessing for life—for life when it is young, and for life when it is older.
[ 41 ] Wenn der Mensch des Menschen größtes Rätsel ist, und wenn wir harren darauf, dass uns dieses Menschenrätsel gelöst werde, so müssen wir uns der Geisteswissenschaft zuwenden, die es uns allein lösen kann. Nicht nur der Mensch im Allgemeinen ist uns ein Rätsel, sondern jeder einzelne Mensch, der uns im Leben gegenübertritt, jede neue Individualität gibt uns ein neues Rätsel auf, das wir allerdings nicht ergründen können dadurch, dass wir mit unserem Verstande darüber nachdenken. Wie lösen wir das Rätsel, das der einzelne Mensch uns aufgibt? Wir lösen es, wenn wir diesem Menschen so gegenübertreten, dass Harmonie herauskommt zwischen uns und ihm. In unserer Mitempfindung, in unserer Liebe, in der Art und Weise, wie wir dem einzelnen Menschen gegenübertreten, in unserem Verhalten sollten wir Lebenskunst durch die Geisteswissenschaft lernen. Wenn wir in Gefühl und Empfindung Leben und Liebe einströmen lassen würden, das Menschenleben würde ein schöner Ausdruck sein der Früchte dieser Geisteswissenschaft. In jeder Beziehung lernen wir den individuellen Menschen kennen, wenn wir ihn geisteswissenschaftlich erkennen. Schon das Kind lernen wir also erkennen: Wir lernen das Eigentümliche, das Rätselhafte der Individualität nach und nach im Kinde achten und schätzen und lernen auch, wie wir dieses Individuelle zu behandeln haben, und wir lernen ferner, wie wir den Menschen sonst im Leben gegenübertreten sollen. Daher wird die Geisteswissenschaft so fruchtbar im Leben, weil sie uns sozusagen nicht bloß allgemeine denkerische Anweisungen gibt, sondern uns anleitet in unserem Verhalten dem Menschen gegenüber, die Rätsel zu lösen, die da zu lösen sind: den Menschen so zu lieben, wie wir ihn lieben müssen, wenn wir ihn nicht bloß verstandesgemäß ergründen, sondern ihn ganz auf uns wirken lassen, unsere Gefühle, unsere Liebe beflügeln lassen von unseren geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen.
[ 41 ] If human beings are humanity’s greatest mystery, and if we insist on having this mystery of humanity solved for us, then we must turn to spiritual science, which alone can solve it for us. It is not only human beings in general who are a mystery to us, but every single person we encounter in life; every new individual presents us with a new mystery, one that we cannot, however, fathom simply by thinking about it with our intellect. How do we solve the mystery that each individual presents to us? We solve it by approaching this person in such a way that harmony arises between us and them. In our empathy, in our love, in the way we relate to each individual, and in our behavior, we should learn the art of living through spiritual science. If we were to allow life and love to flow into our feelings and sensibilities, human life would be a beautiful expression of the fruits of this spiritual science. In every respect, we come to know the individual human being when we perceive them through the lens of spiritual science. Thus, we even learn to recognize the child: we gradually learn to respect and appreciate the unique and enigmatic aspects of individuality in the child, and we also learn how to treat this individuality; furthermore, we learn how we should relate to people in other aspects of life. This is why spiritual science becomes so fruitful in life: because it does not, so to speak, merely provide general intellectual instructions, but guides us in our behavior toward others, to solve the mysteries that need to be solved: to love people as we must love them, not merely by fathom them intellectually, but by allowing them to fully affect us, letting our feelings and our love be inspired by our insights from spiritual science.
[ 42 ] Das sind Erkenntnisse, die bis in alle Fasern des einzelnen Menschen hineinwirken können, die da beherrschen können jedes einzelne Tun im Leben. So wird — und das konnte sich besonders an dieser Betrachtung jener intimen Eigentümlichkeiten des Menschen, der Temperamente zeigen — so wird Geisteswissenschaft Anleitung zu wahrer Lebenskunst. So wird das Schönste entfacht zwischen Mensch und Mensch, wenn wir dem Menschen ins Antlitz schauen und nicht nur das Rätsel zu ergründen, sondern zu leben verstehen: Liebe fließen lassen können von Individualität zu Individualität. Theoretische Beweise braucht die Geisteswissenschaft nicht, ihre Beweise bringt das Leben. Der Geisteswissenschafter weiß, dass man «für» und «gegen» alles etwas aufbringen, einwenden kann. Die wahren Beweise sind die, die das Leben bringt, und das Leben kann uns auf Schritt und Tritt zeigen die Wahrheit dessen, was wir denken, wenn wir in geisteswissenschaftlichem Erkennen den Menschen betrachten, denn dieses besteht als ein harmonisches, Leben durchglühtes, bis in die tiefsten Geheimnisse des Lebens hineintretendes Erkennen.
[ 42 ] These are insights that can penetrate every fiber of the individual human being, that can govern every single action in life. Thus—and this became particularly evident in this examination of the intimate characteristics of human beings, the temperaments—spiritual science becomes a guide to the true art of living. Thus, the most beautiful things are kindled between one person and another when we look into a person’s face and understand not only how to fathom the mystery but also how to live it: to allow love to flow from one individual to another. Spiritual science does not need theoretical proofs; life itself provides its proofs. The spiritual scientist knows that one can always come up with arguments “for” and “against” everything. The true proofs are those that life itself provides, and life can show us at every turn the truth of what we think when we view human beings through the lens of spiritual science, for this perspective consists of a harmonious understanding, infused with life, that penetrates even the deepest mysteries of existence.
