Knowledge and Immortality
GA 69b
19 February 1910, Düsseldorf
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Knowledge and Immortality, tr. SOL
1. Erkenntnis und Unsterblichkeit
1. Knowledge and Immortality
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Wenn der Mensch von des Tages Arbeit und Last ein wenig Einkehr in sein Inneres hält und versucht, sich in dem Leben der Seele zurechtzufinden, dann drängt sich ihm die Frage auf, wie die einzelnen Tatsachen des Lebens, wie die einzelnen Erlebnisse zusammenhängen mit der ganzen menschlichen Bestimmung, mit dem großen Ziel des menschlichen Lebens überhaupt. Eine der Fragen, die sich dann vor die Seele stellen, ist zweifellos die nach der Bedeutung der menschlichen Erkenntnis.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! When a person takes a moment to turn inward amid the work and burdens of the day and tries to find their way in the life of the soul, the question inevitably arises: How are the individual facts of life, the individual experiences, connected to the whole of human destiny, to the great goal of human life itself? One of the questions that then arises in the soul is undoubtedly that of the significance of human knowledge.
[ 2 ] Wenn von Erkenntnis die Rede ist, so können wir zunächst jene Erkenntnis meinen, die sich auf die unmittelbaren Dienste des praktischen Lebens bezieht, auf alles dasjenige, was uns in den Stand setzt, die Außenwelt so kennenzulernen, daß wir sie in den Dienst unserer praktischen Interessen stellen können. Etwas anders wird die Frage, wenn wir jene Erkenntnis ins Auge fassen, welche versucht, in die tieferen Untergründe des Lebens, in die Rätsel des Daseins, einzudringen — jene Erkenntnis, welche uns nicht zu einer unmittelbar praktischen Arbeit und Betätigung führt. Da sagt man dann, der Mensch habe einen unmittelbaren Wissenstrieb und Erkenntnis sei wertvoll an sich. Wer tiefer blickt, wird sich mit einer solchen Antwort kaum zufrieden geben. Was hätte Erkenntnis für einen Wert, wenn sie nur ein innerliches Abbild, nur eine Wiederholung von dem wäre, was draußen in der Welt ist. Warum sollte das, was in der Welt webt, wirksam in der Außenwelt sein und sich in der eigenen Seele nur wie in einem Spiegel wiederholen? Ist das wirklich nur Befriedigung eines seelischen Triebes, welcher nach einer Erkenntnis drängt, die hinausragt über das Alltägliche? Diese Frage soll uns heute beschäftigen: Ziel und Bestimmung, Wesen und Bedeutung der menschlichen Erkenntnis.
[ 2 ] When we speak of knowledge, we may first of all mean that knowledge which relates to the immediate needs of practical life—to everything that enables us to understand the external world in such a way that we can put it to use in the service of our practical interests. The question takes on a somewhat different character when we consider the kind of knowledge that seeks to penetrate the deeper foundations of life, the mysteries of existence—the kind of knowledge that does not lead us to any immediately practical work or activity. In that case, it is said that human beings have an innate drive for knowledge and that knowledge is valuable in and of itself. Anyone who looks more deeply will hardly be satisfied with such an answer. What value would knowledge have if it were merely an inner reflection, merely a repetition of what exists out there in the world? Why should what is unfolding in the world have an effect in the external world and be repeated in one’s own soul only as if in a mirror? Is this really just the satisfaction of a spiritual impulse that yearns for insight that transcends the everyday? This is the question we will explore today: the goal and purpose, the nature and significance of human insight.
[ 3 ] Wenn man jenen Erkenntnisbegriff meint, den heute viele Menschen haben und der darin besteht, daß man sagt, die Erkenntnis solle uns ein getreues Abbild dessen liefern, was die Welt durchlebt, dann wird man nicht leicht dazu kommen, Erkenntnis in Beziehung zu bringen mit den großen Zielen und Aufgaben des menschlichen Daseins. Man wird sich fragen müssen: Ist Erkenntnis wirklich nur Wiederholung eines Äußeren? Oder gehört sie zu den Kräften, die in unserer Seele arbeiten müssen, um sie weiterzubringen auf den Wegen, die sie zu durchwandeln hat im Weltendasein?
[ 3 ] If one refers to the concept of knowledge that many people hold today—which consists in saying that knowledge should provide us with a faithful representation of what the world experiences—then it will not be easy to relate knowledge to the great goals and tasks of human existence. One must ask: Is knowledge really just a repetition of external phenomena? Or does it belong to the forces that must work within our soul to advance it along the paths it must traverse in its existence in the world?
[ 4 ] Von der äußeren Wissenschaft wird diese Frage nicht zu beantworten sein; sie wird nur zu beantworten sein, wenn wir den ganzen Menschen ins Auge fassen. Die äußere Wissenschaft gibt uns ja nur Aufschluß über das, was unsere Sinne wahrnehmen und unser Verstand erfaßt. Aber über diese gewöhnliche Wissenschaft hinaus gibt es etwas, was sich heute versucht hineinzuleben in unser ganzes Geistesleben, was man nennen kann Geisteswissenschaft oder Anthroposophie.
[ 4 ] This question cannot be answered by external science; it can only be answered if we take the whole human being into account. After all, external science provides us with insight only into what our senses perceive and our intellect grasps. But beyond this conventional science, there is something that is now attempting to become an integral part of our entire spiritual life—something that can be called spiritual science or anthroposophy.
[ 5 ] Was sucht die theosophische Geisteswissenschaft zu begreifen? Den ganzen Menschen sucht sie zu begreifen. Wir wollen uns einmal darüber verständigen, was das heißt, der ganze Mensch. Wenn wir den Menschen vor uns haben, so zeigt er uns innerhalb des heutigen normalen Menschendaseins zwei streng voneinander geschiedene Zustände. Diese zwei Zustände, welche uns das Leben darbietet, sind dem Menschen so vertraut, daß er gar nicht bemerkt, daß sich darin die größten Daseinsrätsel verbergen. Diese Zustände drücken wir aus in den Worten «Wachen und Schlafen». Wir erinnern uns dabei, daß seit alters her mancherlei Weltanschauungen den Schlaf den kleinen Bruder des Todes genannt haben. Wir können diese Worte mit zwei anderen verknüpfen, nämlich mit den Worten «Leben und Tod». In diesen Worten haben wir einen großen Teil dessen, was wir zu den Rätseln des Daseins zählen können.
[ 5 ] What does theosophical spiritual science seek to understand? It seeks to understand the whole human being. Let us first agree on what “the whole human being” means. When we look at a human being, we see two states within modern, everyday human existence that are strictly distinct from one another. These two states, which life presents to us, are so familiar to human beings that they do not even realize that the greatest mysteries of existence are hidden within them. We express these states with the words “waking and sleeping.” We recall that, since ancient times, various worldviews have called sleep the “little brother of death.” We can link these words to two others, namely “life and death.” In these words lies a large part of what we can count among the mysteries of existence.
[ 6 ] Versuchen wir einmal — von dem ausgehend, was sich uns ganz gewöhnlich darbietet —, uns die Wechselzustände von Wachen und Schlafen klar zu machen. Im wachen Zustand versuchen wir, alles das zu begreifen, was immerfort an Eindrücken in unsere Seele hineinfließt — an Eindrücken, die uns die Sinne übermitteln, alles, was uns mit Freude, Lust und Schmerz erfüllt, kurz, was dasjenige ausmacht, was wir unser Seelenleben nennen. Dieses Auf- und Abwogen der Triebe, Wünsche, Leidenschaften und so weiter sehen wir des Abends hinuntertauchen in ein unbestimmtes Dunkel. Es geht während des Schlafes über in einen anderen Zustand, in den der Unbewußtheit. Es wäre ein Unding zu sagen, der Mensch als seelisches Wesen verschwinde des Abends und entstehe des Morgens von neuem. Wir müssen uns fragen: Wo ist dasjenige, was den ganzen Tag über in uns arbeitet, wo ist das, wenn wir des Abends unser Seelenleben in ein unbestimmtes Dunkel hinuntersinken lassen? Wir werden unmittelbar auf Antworten gewiesen, die nicht aus einer gewöhnlichen, sinnlichen Anschauung gegeben werden können, denn dieser Anschauung entschlüpft gerade dasjenige, was sich am Abend hinter dem nachtschlafenden Zustand verbirgt. Die Frage, wo die Seele in der Nacht ist, kann nur die theosophische Geisteswissenschaft beantworten, weil sie aufsteigt von der Erkenntnis des Sinnlichen zur Erkenntnis des Übersinnlichen, von dem Sichtbaren zum Unsichtbaren.
[ 6 ] Let us try—based on what we ordinarily experience—to understand the alternating states of wakefulness and sleep. In the waking state, we try to comprehend all the impressions that constantly flow into our soul—impressions conveyed to us by the senses, everything that fills us with joy, pleasure, and pain; in short, what constitutes what we call our inner life. In the evening, we see this ebb and flow of drives, desires, passions, and so on sink into an indeterminate darkness. During sleep, it transitions into another state—that of unconsciousness. It would be absurd to say that the human being, as a spiritual being, disappears in the evening and is reborn in the morning. We must ask ourselves: Where is that which works within us throughout the day? Where is it when, in the evening, we allow our inner life to sink into an indefinite darkness? We are immediately pointed toward answers that cannot be derived from ordinary, sensory perception, for it is precisely that which is hidden behind the state of nighttime sleep that eludes this perception. The question of where the soul is at night can only be answered by theosophical spiritual science, because it ascends from the knowledge of the sensory to the knowledge of the supersensory, from the visible to the invisible.
[ 7 ] Wir müssen uns verständigen über die Art und Weise, wie die theosophische Geisteswissenschaft zu solchen übersinnlichen Erkenntnissen kommen kann, indem wir noch einmal einen kurzen Blick auf das werfen, was unser ganzes Leben während des Tages wirklich erfüllt. Wir können sagen, wir leben mit unserer Seele während des Tages durch die äußere Anregung, durch die äußeren Eindrücke. Des Abends schwinden die äußeren Anregungen dahin, und dadurch entsteht die Leere des schlafenden Zustandes. Dadurch aber, daß der Mensch im normalen Leben des heutigen Daseins ein Seelenleben vorzugsweise nur dann führen kann, wenn äußere Wahrnehmungen aus seiner Seele dasjenige [an Empfindungen] hervorrufen, was wir gerade erleben, können wir uns vorstellen, daß die innerliche Arbeit der Seele erstirbt, dahinwelkt, wenn die äußeren Veranlassungen nicht da sind. Muß das so sein?
[ 7 ] We must come to an understanding of the way in which theosophical spiritual science can arrive at such supersensible insights by taking another brief look at what truly fills our entire life during the day. We can say that during the day we live with our soul through external stimuli, through external impressions. In the evening, these external stimuli fade away, giving rise to the emptiness of the sleeping state. However, because in the normal course of modern life a person can lead a spiritual life primarily only when external perceptions evoke in the soul those [sensations] that we are currently experiencing, we can imagine that the soul’s inner work dies away, withers away, when the external stimuli are not present. Must it be so?
[ 8 ] Daß es nicht so sein muß, davon kann man sich überzeugen, wenn man die Erfahrungen des hellsichtigen Bewußtseins annimmt. Was Erkenntnis der sinnlichen Welt ist, das kommt durch die Anregung der sinnlichen Welt zustande. Übersinnliche Erkenntnisse können nur dadurch zustande kommen, daß die Seele gewillt ist, in sich Arbeit zu entfalten, um Kräfte und Fähigkeiten zu entwickeln, auch wenn keine Anregungen der äußeren Sinneswelt vorhanden sind. Die Möglichkeit, solche inneren Kräfte zu entwickeln, gibt uns die Methode der geistigen Schulung. Diese Methode ist für diejenigen da, die hineindringen wollen in die Erkenntnis der übersinnlichen Welt. Diese Methode kann hier nur kurz angedeutet werden. Wer sie gründlich kennenlernen will, kann sie finden in dem Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Nur kurz soll hier angedeutet werden, wie der Mensch in sich selber die Fähigkeiten finden kann, um hinaufzusteigen zu Erkenntnissen über die höheren Welten.
[ 8 ] One can see for oneself that this need not be the case by accepting the experiences of clairvoyant consciousness. What constitutes knowledge of the sensory world arises through stimulation from the sensory world. Supersensory knowledge can only come about when the soul is willing to engage in inner work to develop powers and abilities, even in the absence of stimuli from the external sensory world. The method of spiritual training provides us with the means to develop such inner powers. This method is intended for those who wish to gain insight into the supersensory world. This method can only be briefly outlined here. Those who wish to learn about it in depth can find it in the book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*. Here, we shall only briefly suggest how a person can find within themselves the abilities to ascend to knowledge of the higher worlds.
[ 9 ] Das erste ist, daß der Mensch lernt, durch einen starken Willensentschluß künstlich das hervorzurufen, was sonst nur im Zustand der Unbewußtheit kommt, nämlich dasjenige, was der Mensch erlebt, wenn die Sinneseindrücke aufhören. Er muß imstande sein, allen äußeren Eindrücken Halt zu gebieten; alle äußeren Eindrücke müssen um ihn herum verstummen, so wie abends beim Einschlafen. Aber dieser Moment muß sich bei vollständigem Bewußtsein vollziehen durch seinen Willen. Er würde, wenn er nichts in seiner eigenen Seele erwecken könnte, wie ein Schlafender sein. Aber trotzdem alle äußeren Eindrücke verstummen, lernt er starke Kräfte entfalten; er holt aus den tiefen Untergründen seiner Seele heraus, was dort schlummert. Keine äußeren Anstrengungen gehören dazu; es sind intime Seelenvorgänge. Es ist eine Versenkung in starke, kräftige Gedanken, die nicht von außen gegeben sind, sondern die die Seele sich selber bildet.
[ 9 ] The first is that a person learns, through a strong act of will, to artificially bring about what otherwise occurs only in a state of unconsciousness—namely, what a person experiences when sensory impressions cease. One must be able to put a stop to all external impressions; all external impressions must fall silent around one, just as they do in the evening when falling asleep. But this moment must take place through one’s will while in a state of full consciousness. If one could not awaken anything within one’s own soul, one would be like a sleeper. Yet even as all external impressions fall silent, he learns to unleash powerful forces; he draws forth from the deepest recesses of his soul what lies dormant there. No external effort is involved; these are intimate processes of the soul. It is a immersion in strong, powerful thoughts that are not imposed from without, but which the soul forms for itself.
[ 10 ] Es ist dies die Meditation oder Konzentration, wie man es nennt — eine Zusammenrückung der Gedanken. Ohne äußere Eindrücke müssen wir Lust und Schmerz empfinden. Mächtige, starke Gedanken, die nichts mit der Außenwelt zu tun haben, läßt der Geistesforscher in seiner eigenen Seele entstehen, und zwar ebenso Ideale wie Willensimpulse. Stärker muß das wirken als äußere Eindrücke; die Seele muß dadurch intensiv und mächtig ergriffen werden. Würde nicht ein Drittes hinzukommen, so würden diese Empfindungen wie Vulkane wirken, und das ist, daß man durch eine starke Willensanstrengung eine innere Windstille und Ruhe herrschen läßt trotz dieser Impulse. Dann erlebt der Geistesforscher — wenn auch vielleicht erst nach langer Zeit — den großen Moment, der sich vergleichen läßt mit dem Augenblick, wo ein Blindgeborener nach einer Operation plötzlich sehend wird. Wie bei einem operierten Blindgeborenen die Eindrücke der Außenwelt, so würde in seine Seele hineinfluten, was früher nicht für ihn vorhanden war.
[ 10 ] This is what is called meditation or concentration—a gathering of the thoughts. Without external impressions, we must experience pleasure and pain. The spiritual researcher gives rise within his own soul to powerful, strong thoughts that have nothing to do with the outside world—ideals as well as impulses of the will. This must have a stronger effect than external impressions; the soul must be intensely and powerfully moved by it. Were it not for a third factor, these sensations would act like volcanoes—and that factor is the strong effort of the will to maintain an inner stillness and calm despite these impulses. Then the spiritual researcher experiences—albeit perhaps only after a long time—the great moment that can be compared to the instant when a person born blind suddenly regains his sight after an operation. Just as the impressions of the external world flood into the soul of a person born blind who has undergone surgery, so too would what was previously unavailable to him now flood into his soul.
[ 11 ] Die Betrachtung dieser Tatsache kann uns klar machen, daß es erst eine [übersinnliche] Welt für uns geben kann, wenn das Wahrnehmungsorgan dafür vorhanden ist. Wenn dieses Organ dafür erweckt ist, so eröffnet sich eine neue Welt. Wir dürfen nicht entscheiden über das, was wir nicht kennen, sondern nur über das, was wir kennen. Diese Organe, die nötig sind zum Erkennen der übersinnlichen Welt, werden durch die Meditation oder Konzentration in der Windstille unserer Seele herausgearbeitet. Dann entstehen «Geistesaugen» und «Geistesohren» — um einen Ausdruck Goethes zu gebrauchen. Es könnte nun eingewendet werden: Ja, das mag sein, daß der Geistesforscher eine höhere Welt erlebt, was aber gehen die geistigen Welten die anderen an, die nicht dazu aufsteigen können? — Das ist nicht richtig. Zum Erkennen [der übersinnlichen Welten] ist das geistige Auge wohl nötig, aber um das zu begreifen, was der Geistesforscher zu sagen hat, dazu genügt die unvoreingenommene Vernunft, und daher geht es alle Menschen an.
[ 11 ] Reflecting on this fact can make it clear to us that a [supernatural] world can only exist for us if the organ of perception for it is present. When this organ is awakened, a new world opens up. We must not pass judgment on what we do not know, but only on what we do know. These faculties, which are necessary for perceiving the supersensible world, are developed through meditation or concentration in the stillness of our soul. Then “spiritual eyes” and “spiritual ears” arise—to use an expression of Goethe’s. One might now object: Yes, it may be that the spiritual researcher experiences a higher world, but what do the spiritual worlds have to do with those who cannot ascend to them? — That is not correct. The spiritual eye is certainly necessary for perceiving [the supersensible worlds], but to understand what the spiritual researcher has to say, unbiased reason suffices—and therefore it concerns all human beings.
[ 12 ] Jemand, bei dem die höheren Organe erweckt sind, der kann eine solche Erscheinung wie den Schlaf beobachten. Es ist ein ganz anderer Zustand als der des Wachens. Nur ein Teil der menschlichen Wesenheit bleibt während des Schlafes in der physischen Welt zurück, der andere, das Seelisch-Geistige, zieht sich beim Einschlafen aus dem physischen Leib heraus und kehrt ein in seine Heimat, in die geistige Welt. Man braucht sich die geistige Welt nicht als einen anderen Ort vorzustellen; sie ist überall um uns herum. Wir haben die menschliche Natur, gegliedert in zwei Teile; während des Wachens sind diese zusammen, während des Schlafens aber sind sie getrennt. Aber die gesamte menschliche Natur ist damit noch nicht erklärt. Wir können uns eine annähernde Vorstellung machen von den zwei Gliedern, die in der Nacht hinausgehen, wenn wir den Menschen vergleichen mit den Tieren, die ihm von allen sichtbaren Geschöpfen am nächsten stehen. Triebe, Begierden, Empfindungen finden wir auch bei den Tieren. Wenn auch nicht in derselben Vollkommenheit, so sind sie doch mehr oder weniger in den Tieren vorhanden, und nur wer sich nicht zu einer höheren [Betrachtung] aufschwingen kann, wird sie für gleich halten wie bei den Menschen. Wir brauchen hier nur an etwas zu denken, was gewöhnlich in der äußeren Wissenschaft nicht hervorgehoben wird, wir brauchen uns nur daran zu erinnern, daß es zum Beispiel in der deutschen Sprache ein Wort gibt, das keinem von außen zugerufen werden kann, [das Wort «ich»]. Dieser Name kann nicht [von außen] an unser Ohr klingen, wenn er unser eigenes Ich bedeutet; er muß aus dem eigenen Seelenleben aufsteigen. Alle wahren Religionen haben das erkannt. Damit kündigt sich das an, was in dem Menschen wesensgleich ist mit dem Göttlichen. Richtig verstanden bedeutet «Ich» nämlich den unaussprechlichen Namen Gottes, denn Jahwe heißt, richtig übersetzt, «ich bin», was auch die Philologie sonst alles deuten mag. Damit ist nicht gemeint, daß der Mensch zu einem Gott gemacht werden soll. So wenig wie ein Tropfen Wasser das Meer ist, ebenso wenig ist der Mensch Gott.
[ 12 ] Someone whose higher faculties are awakened can observe a phenomenon such as sleep. It is a state entirely different from that of wakefulness. Only a part of the human being remains in the physical world during sleep; the other part—the soul-spiritual aspect—withdraws from the physical body upon falling asleep and returns to its home, the spiritual world. One need not imagine the spiritual world as a separate place; it is all around us. Human nature is divided into two parts; while we are awake, these are united, but during sleep they are separated. Yet this does not fully explain human nature. We can form a rough idea of the two aspects that depart at night by comparing human beings to animals, which are closest to them among all visible creatures. We also find instincts, desires, and sensations in animals. Even if not to the same degree of perfection, they are nevertheless present in animals to a greater or lesser extent, and only those who cannot rise to a higher [level of contemplation] will consider them to be the same as in humans. We need only consider here something that is not usually emphasized in external science; we need only recall that, for example, in the German language there is a word that cannot be called out to us from the outside—[the word “ich”]. This name cannot ring in our ears [from the outside] when it signifies our own “I”; it must arise from our own inner life. All true religions have recognized this. This heralds that which in human beings is of the same essence as the Divine. Properly understood, “I” signifies the ineffable name of God, for Yahweh, correctly translated, means “I am”—regardless of what philology may otherwise interpret. This does not mean that human beings are to be made into gods. Just as a drop of water is not the sea, so too is the human being not God.
[ 13 ] Was sich am Abend zurückzieht, das teilt sich wiederum in zwei Glieder: in das, was Träger ist der Begierden, Leidenschaften und so weiter, und in das, was in uns zusammenströmen läßt alle diese Empfindungen und sie durcharbeitet — das Ich. Durch das Ich wird der Mensch die Krone aller Geschöpfe dieser Erde. Was aber in der Nacht hinauszieht, setzt sich zusammen aus dem Ich und dem astralischen Leib. Was läßt der Mensch zurück? Den physischen Leib, und den haben wir gemeinsam mit jedem Mineral. Er besteht aus denselben Kräften. Das leblose Mineral, der Kristall, hat seine Form durch die in ihm wohnenden Kräfte; bei einem Lebewesen ist das nicht so. Bei dem Menschen zeigt sich uns, daß sein physischer Leib nur in einem Fall unter den chemischen Gesetzen steht, und zwar nur im Tode. Im Tode sehen wir, was die Kräfte, die dem Mineral eingeprägt sind, aus dem Körper machen. Im Leben folgt er niemals diesen Kräften. Was des Abends zurückbleibt im Bett, ist durchtränkt und durchzogen von einem anderen Leib, und diesen nennen wir den Äther- oder Lebensleib. Dieser verhindert, daß der Leib den chemischen und physikalischen Gesetzen folgt; er ist ein getreuer Kämpfer dagegen.
[ 13 ] What withdraws in the evening is itself divided into two parts: that which is the bearer of desires, passions, and so on, and that which allows all these sensations to converge within us and processes them—the “I.” Through the “I,” the human being becomes the crown of all creatures on this earth. But what goes out into the night consists of the “I” and the astral body. What does the human being leave behind? The physical body, which we share with every mineral. It consists of the same forces. The lifeless mineral, the crystal, derives its form from the forces dwelling within it; this is not the case with a living being. In the case of human beings, we see that their physical body is subject to chemical laws in only one instance, namely, at death. At death, we see what the forces imprinted on the mineral do to the body. In life, the body never follows these forces. What remains in bed at night is permeated and infused by another body, which we call the etheric or life body. This body prevents the physical body from following chemical and physical laws; it is a faithful fighter against them.
[ 14 ] Nun können wir uns fragen: Warum findet das jeden Abend statt, daß der Mensch sozusagen in seine geistige Heimat zurückkehren muß? Warum muß er sich jeden Abend zurückziehen in eine geistige Welt? Am Abend schwinden uns die äußeren Eindrücke; es übermannt uns die Ermüdung. Wenn der astralische Leib und das Ich sich zurückziehen in die geistige Welt, verfällt der Mensch in Bewußtlosigkeit. Der astralische Leib ist der Träger von Lust und Leid, Trieben, Leidenschaften und so weiter. Warum verschwindet das alles aus unserem Seelenleben? Wie kann es kommen, daß das alles abstirbt in der Nacht? Es wird uns gleich erklärlich werden, warum das so ist. Astralleib und Ich sind Träger von Lust und Schmerz, von Wahrnehmungen und Begriffen. Aber damit das dem Menschen zum Bewußtsein kommen kann, dazu ist notwendig, daß sie gespiegelt werden durch den physischen Leib und den Ätherleib. Wir nehmen nichts anderes wahr, als das, was in uns selber lebt. Es ist wie eine Art Echo, das durch den physischen und den Ätherleib in uns bewirkt wird. Der Mensch nimmt nicht direkt wahr, was er empfindet, sondern es wird ihm das, was er erlebt durch den Astralleib und das Ich, gespiegelt durch den Ätherleib und den physischen Leib. Es gehört aber die Arbeit des Astralleibes dazu, daß dasjenige hervorgezaubert wird, was wir Seelenleben nennen. Der eigentlich Arbeitende ist der Astralleib und nicht der Spiegel — so wie es bei einem Spiegel nötig ist, daß eine Person in Tätigkeit ist, wenn diese oder jene Bilder entstehen sollen. Der Astralleib muß vom Morgen bis zum Abend arbeiten, damit er das herausholen kann aus dem Physischen, was wir unseren Seeleninhalt nennen können. Die Kräfte nun, die der Astralleib braucht, um während des Tages zu arbeiten, die muß er sich holen aus der geistigen Welt. Wenn diese Kräfte aufgebraucht sind, dann tritt Ermüdung ein, und er muß sich wieder neue Kräfte holen.
[ 14 ] Now we may ask ourselves: Why does this happen every evening—that a person must, so to speak, return to his spiritual home? Why must he withdraw into the spiritual world every evening? In the evening, external impressions fade away; fatigue overwhelms us. When the astral body and the “I” withdraw into the spiritual world, the human being falls into unconsciousness. The astral body is the bearer of pleasure and pain, drives, passions, and so on. Why does all of this disappear from our soul life? How is it that all of this dies away at night? We will soon understand why this is so. The astral body and the “I” are the bearers of pleasure and pain, of perceptions and concepts. But for these to enter a person’s consciousness, it is necessary for them to be reflected through the physical body and the etheric body. We perceive nothing other than what lives within ourselves. It is like a kind of echo brought about within us through the physical and etheric bodies. A person does not directly perceive what they feel; rather, what they experience through the astral body and the “I” is reflected through the etheric body and the physical body. However, it is the work of the astral body that brings forth what we call the life of the soul. It is actually the astral body that does the work, not the mirror—just as with a mirror, a person must be active for this or that image to appear. The astral body must work from morning until evening so that it can draw out of the physical body what we might call the content of our soul. The forces the astral body needs to work during the day, it must draw from the spiritual world. When these forces are exhausted, fatigue sets in, and it must draw new forces again.
[ 15 ] Der Schlaf hat seine tiefe Bedeutung. In der geistigen Welt ist der Quell alles dessen, was wir hinzaubern während des Tageslebens. Wenn wir so unser Tagesleben betrachten, fragen wir: Was hat denn das Tagesleben für eine Bedeutung, wenn die Seele doch ihre Kraft aus der geistigen Welt holen muß? Die Seele und das Ich gehen nicht leer in die astralische Welt, sondern sie nehmen jeden Abend etwas mit aus unserer äußeren Welt. Nicht unfruchtbar für das Seelenleben bleibt das Leben während des Tages. Wir brauchen nur auf das hinzuschauen, was die Eigentümlichkeit unserer Seele ist in ihrer tiefsten Bedeutung und was mitgenommen wird aus dem Tagesleben in unser Nachtleben. Das zeigt sich auf einem Umwege, nämlich wenn wir unsere Seele betrachten während der Jugendzeit und während des Alters. Das gibt uns den Begriff der Entwicklung. Wir sehen in der Jugend keimhafte Anlagen, aber unentwickelt, und später sehen wir unsere Seele verwandelt, mit einem reicheren Inhalt. Wodurch nun können wir uns verwandeln? Dadurch, daß die Seele jeden Abend aus dem, was wir an äußeren Eindrücken empfangen haben, eine Art Extrakt bildet. Wir tragen unsere Tageserlebnisse in die Nacht hinein, und des Morgens hat sich in die Seele dasjenige hineinbegeben, was geistiges Erleben der Seele [am Vortage] war; das fügt sich an das Vorhandene an, und dadurch entwickelt sich die Seele.
[ 15 ] Sleep has a profound meaning. In the spiritual world, it is the source of everything we conjure up during our daily lives. When we look at our daily lives in this way, we ask: What significance does daily life have, if the soul must draw its strength from the spiritual world anyway? The soul and the “I” do not enter the astral world empty-handed; rather, every evening they take something with them from our outer world. Life during the day is not fruitless for the life of the soul. We need only look at what constitutes the essence of our soul in its deepest sense and what is carried over from our daily life into our night life. This becomes apparent indirectly, namely when we observe our soul during youth and during old age. This gives us the concept of development. In youth we see embryonic predispositions, though undeveloped, and later we see our soul transformed, with a richer content. By what means, then, can we be transformed? By the fact that every evening the soul forms a kind of extract from the external impressions we have received. We carry our daily experiences into the night, and by morning, what was the soul’s spiritual experience [the previous day] has entered the soul; this is added to what already exists, and through this the soul develops.
[ 16 ] Man braucht nur einen Blick zu tun auf solche Menschen, die nicht schlafen können, und man wird, wenn man ein intimer Beobachter ist, bemerken, wie das Fortschreiten der Seele leidet, wenn das richtige Maß des Schlafes nicht eintreten kann. Wir können uns nur dann dem Gedächtnis etwas einprägen, wenn wir ein gehöriges Maß Schlaf haben. Nur dadurch können wir die Kräfte entwickeln, die uns immer mehr aufwärts führen. Was während des Tageslebens die Welt uns verrät, das prägen wir unserer Seele ein, und dadurch wird sie weiser. Erkenntnis ist zunächst ein wichtiges Mittel unserer Seelenentwicklung zwischen Geburt und Tod. Aber fragen wir uns nun, wieviel wir denn an Verwandlung ausführen können. In wie enge Grenzen sind wir eingeschlossen? Unsere Seelenentwicklung können wir steigern. Wir können uns dies an einzelnen Fähigkeiten klar machen, zum Beispiel am Schreibenlernen. Das Schreiben schließt eine ganze Gruppe von Fähigkeiten in sich. Wenn wir zurückblicken, sehen wir, welch ausgebreitete Fähigkeiten dazu gehörten, wie viel Arbeit und Mühe und so weiter im Erlernen der Kunst des Schreibens lag. Oder denken wir an den ersten Versuch, den wir machten, um den ersten Buchstaben zu malen, an alles, was dann zusammenfloß in der einen Fähigkeit des Schreibens. Aus dem, was wir da erlebt haben, haben wir eine Essenz herausgezogen, und durch solches Zusammenweben entsteht eine seelische Fähigkeit.
[ 16 ] One need only take a look at people who cannot sleep, and if one is a keen observer, one will notice how the soul’s progress suffers when the proper amount of sleep cannot be attained. We can only imprint something on our memory if we have a sufficient amount of sleep. Only through this can we develop the powers that lead us ever higher. What the world reveals to us during our daily lives, we imprint on our soul, and through this it becomes wiser. Knowledge is, first and foremost, an important means of our soul’s development between birth and death. But let us now ask ourselves how much transformation we are actually capable of achieving. Within what narrow limits are we confined? We can enhance our soul’s development. We can see this clearly in individual skills, for example, in learning to write. Writing encompasses a whole range of skills. When we look back, we see what a wide array of abilities was involved, how much work and effort, and so on, went into mastering the art of writing. Or let us think of the first attempt we made to draw our first letter, and of everything that then converged into the single skill of writing. From what we experienced there, we extracted an essence, and through such interweaving, a spiritual ability arises.
[ 17 ] Was tiefer eingreift in unser Leben, das kann sich nur in ganz engen Grenzen entwickeln in dem Leben zwischen Geburt und Tod. Wer den Weltenrätseln nachgeht oder in tiefem Schmerz diese oder jene Lebenserfahrung durchlebt hat, bei dem sieht man das sogar in der Physiognomie und in der Bewegung sich widerspiegeln. Von Jahrzehnt zu Jahrzehnt drückt sich dies mehr und mehr aus, bis in die Leiblichkeit hinein. Aber nur wenig können wir uns nach dieser Richtung entwickeln. Warum? Weil wir unsere Seelen wie ein plastisches Material vor uns haben, aber mit dem, was unsere Neigungen zwischen Geburt und Tod ausmachen, können wir in die Leiblichkeit nicht hineinarbeiten, auch wenn wir noch so viele Erfahrungen gesammelt haben. Nehmen wir das Beispiel der Musik. Wenn wir kein feineres Ohr haben, wenn wir unmusikalisch sind, sind wir nicht imstande, während des Lebens diejenige Fähigkeit uns zu erarbeiten, die die Leiblichkeit in dieser Beziehung ändern könnte zwischen Geburt und Tod. Wir stehen dem Seelischen machtvoll gegenüber, aber wir sind machtlos gegenüber den Gegebenheiten unserer Leiblichkeit. Aber wir wissen, wenn wir der äußeren Welt gegenüberstehen und uns alle diese Vorstellungen vorzaubern, so sind sie herausgeboren aus unserer Seele — zwar nicht nur, aber doch durch ihre Tätigkeit, denn sie könnte nie solche Spiegelbilder hervorzaubern, wenn nicht etwas von außen gegeben wäre. Und dieses Äußere schließt dieselben Kräfte ein, aus denen unser physischer Körper aufgebaut ist. Es erscheint uns das so rätselhaft, weil wir da nicht eindringen können. Aus derselben Welt müßten wir hervorzaubern können ein feines musikalisches Ohr und so weiter. Es ist etwas wie ein Schleier, wie eine Hülle. Aber hinter demselben ist etwas, was uns, wenn wir es beherrschen könnten, die Fähigkeit gäbe, unseren physischen Leib geradeso umzugestalten wie den astralischen.
[ 17 ] Whatever has a deeper impact on our lives can develop only within very narrow limits in the span of life between birth and death. In those who explore the mysteries of the world or who, in deep pain, have lived through this or that life experience, one can even see this reflected in their facial features and movements. From decade to decade, this becomes increasingly evident, even extending into the physical body. But we can develop in this direction only to a very limited extent. Why? Because although we have our souls before us like a malleable material, we cannot work these into our physical bodies through the inclinations that shape us between birth and death—no matter how many experiences we have gathered. Let us take the example of music. If we do not have a refined ear, if we are unmusical, we are unable to develop within our lifetime the very ability that could transform our physicality in this regard between birth and death. We stand powerfully before the soul, but we are powerless against the realities of our physicality. But we know that when we face the external world and conjure up all these images, they are born out of our soul—not solely, but through its activity, for it could never conjure up such reflections if there were not something given from the outside. And this external world contains the very same forces from which our physical body is built. It seems so mysterious to us because we cannot penetrate it. From that same world, we ought to be able to conjure up a refined musical ear and so on. It is something like a veil, like a covering. But behind it lies something that, if we could master it, would give us the ability to transform our physical body just as we transform the astral body.
[ 18 ] Erkenntnis können wir gewinnen, aber wir können sie nicht verwerten; wir können unseren Leib mit der Erkenntnis nicht umwandeln. Es gibt aber eine Möglichkeit, unseren physischen Leib ebenso umzuwandeln wie den astralischen. Auch wenn wir die Kräfte erkennen, könnten wir sie nicht unmittelbar anwenden, denn als ein dichtes Material ist uns der physische und der Ätherkörper gegeben. Wir wollen uns hier auf ein Gesetz berufen, das durch die Theosophie dem modernen Geistesleben einverleibt werden wird.
[ 18 ] We can gain knowledge, but we cannot put it to use; we cannot transform our body through that knowledge. There is, however, a way to transform our physical body just as we transform the astral body. Even if we recognize these forces, we could not apply them directly, for the physical and etheric bodies are given to us as dense matter. Let us refer here to a law that will be incorporated into modern spiritual life through theosophy.
[ 19 ] Im 17. Jahrhundert haben nicht nur Laien, sondern auch Naturforscher gemeint, daß aus Schlamm Würmer und Fische entstehen würden. Gehen wir zurück zum 17. Jahrhundert, so finden wir gelehrte Werke, die beschreiben, wie wilde Tiere herauswuchsen — zum Beispiel aus einem toten, mürbe geschlagenen Ochsen Hornissen, aus einem Pferdeleichnam Bienen, aus einem Eselsleichnam Wespen. Es war [der Naturforscher] Francesco Redi, der zuerst den Satz ausgesprochen hat: Lebendiges kann nur aus Lebendigem entstehen. Es muß ein Keim von etwas Lebendigem da sein, damit Lebendiges entsteht. — Redi wurde deswegen fast [als Ketzer] verbrannt. Heute würde jeder als rückständig angesehen werden, der etwas anderes behauptet. Die Geisteswissenschaft sagt: Geistig-Seelisches kann nur aus Geistig-Seelischem entstehen. So wenig wie der Regenwurm aus dem Schlamm entsteht, ebenso wenig entsteht das Geistige durch Vererbung von Vater und Mutter.
[ 19 ] In the 17th century, not only laypeople but also naturalists believed that worms and fish arose from mud. If we go back to the 17th century, we find scholarly works describing how wild animals grew out of dead bodies—for example, hornets from a dead, battered ox, bees from a horse’s carcass, and wasps from a donkey’s carcass. It was [the naturalist] Francesco Redi who first articulated the principle: Life can only arise from life. There must be a seed of something living present for life to arise. — Redi was nearly burned at the stake [as a heretic] because of this. Today, anyone who claimed otherwise would be regarded as backward. Spiritual science states: The spiritual-psychic can arise only from the spiritual-psychic. Just as the earthworm does not arise from the mud, neither does the spiritual arise through inheritance from father and mother.
[ 20 ] Wir haben zu unterscheiden die Umgebung eines Geistig-Seelischen und das Geistig-Seelische selbst. In der Geisteswissenschaft führt uns das zum Gesetz der Wiederverkörperung [dessen, was geistig-seelisch im Menschen lebt]. Heute werden diejenigen, die dieses Gesetz anerkannt haben, vielleicht nicht gerade Ketzer genannt — die Moden ändern sich eben. Heute werden die [wahren] Aufgeklärten für Phantasten, für Träumer erklärt. Aber in nicht gar zu ferner Zeit werden die Menschen nicht mehr verstehen können, wie man je etwas anderes hat glauben können. So haben wir in dem, was durch die Geburt ins Dasein tritt, die Wiederholung eines früheren Erdendaseins zu sehen. Und was zwischen Tod und Geburt liegt, das ist ein rein geistiges Dasein. Wenn wir ein Kind betrachten mit den noch unentwikkelten Zügen, dann sehen wir, was es mitgebracht hat aus früheren Erdenleben, und wir können etwas einsehen, was sehr wichtig ist.
[ 20 ] We must distinguish between the environment of the spiritual-soul aspect and the spiritual-soul aspect itself. In spiritual science, this leads us to the law of reincarnation [of that which lives as the spiritual-soul aspect within the human being]. Today, those who have accepted this law are perhaps not exactly called heretics—fashions simply change. Today, the [truly] enlightened are labeled as fantasists, as dreamers. But in the not-too-distant future, people will no longer be able to understand how anyone could ever have believed otherwise. Thus, in what comes into being through birth, we must see the repetition of a previous earthly existence. And what lies between death and birth is a purely spiritual existence. When we look at a child with its still undeveloped features, we see what it has brought with it from previous earthly lives, and we can gain insight into something that is very important.
[ 21 ] Warum können wir während des Lebens nur seelische Fähigkeiten entwickeln? Wenn wir aufwachen, finden wir denselben Körper mit denselben Organen wieder. Wenn aber der Mensch durch die Pforte des Todes geht, dann tritt für ihn der große Moment ein, wo er den physischen Leib ablegt und nur das zurückbleibt, was Geistig-Seelisches ist. Nun ist er nicht mehr gebunden an den Leib. Die Bedingungen sind ganz andere als während des Schlafes. Des Morgens, wenn wir aufwachen, finden wir dasselbe Körperliche vor; wir können es nicht zerstören und neu aufbauen. Wenn aber beim Tode das Physische abfällt, dann ist mit unserer Seele das vereinigt, was wir an Erkenntnissen aufgenommen haben während des Lebens. In Gemäßheit mit den Erkenntnissen und Erfahrungen, die wir gemacht haben, können wir diese nun umgestalten und plastisch einarbeiten in einen neuen Leib.
[ 21 ] Why can we develop only soul abilities during our lifetime? When we wake up, we find ourselves in the same body with the same organs. But when a person passes through the gate of death, the great moment arrives when they shed their physical body, and only what is spiritual and soul-related remains. Now they are no longer bound to the body. The conditions are entirely different from those during sleep. In the morning, when we wake up, we find the same physical body; we cannot destroy it and rebuild it. But when the physical body is shed at death, what we have absorbed in terms of knowledge during our lifetime is united with our soul. In accordance with the insights and experiences we have gained, we can now reshape them and vividly incorporate them into a new body.
[ 22 ] So bauen wir uns in jedem Leben unseren Leib nach Maßgabe dessen auf, was wir im letzten Leben gewonnen haben; wir machen ihn zum Produkt unserer Erfahrungen des letzten Lebens. Lebenserfahrung im jetzigen Leben ist unser Dasein in einem nächsten Leben. So wirkt Erkenntnis in uns; sie gehört zu den wichtigsten Kräften des Daseins, die sich selbst gestalten. Wir sind den Erkenntnissen des letzten Lebens dankbar; sie haben in dem jetzigen Leben einen Leib erzeugt und bewahren dasjenige, womit wir uns im jetzigen Leben bereichert haben, und das wird uns höherbringen im nächsten Leben. Jetzt begreifen wir auch, warum ein gewaltiger Unterschied sein kann zwischen den verschiedenen Menschen, wenn wir die Stärke und Schwäche ihrer Erkenntnisfähigkeit berücksichtigen.
[ 22 ] Thus, in every life, we build our body according to what we have gained in our previous life; we make it the product of our experiences from that previous life. Life experience in this present life is our existence in the next life. This is how insight works within us; it is one of the most important forces of existence that shape themselves. We are grateful for the insights of our past life; they have created a body in this life and preserve what we have gained in this life, and this will elevate us in the next life. Now we also understand why there can be a vast difference between different people when we consider the strength and weakness of their capacity for insight.
[ 23 ] Nun werden Sie fragen: Warum erinnert der Mensch sich nicht an die früheren Leben? Das ist auch eine Sache der Entwicklung. Ein vierjähriges Kind kann nicht rechnen. Doch wäre es ein falscher Schluß, wenn man deshalb sagen wollte, das sei kein Mensch, denn Menschen könnten rechnen. — Warten Sie, bis es zehn Jahre alt ist. Es kommt für jeden Menschen die Zeit, wo er sich zu erinnern beginnt. Erinnern kann man sich nur an dasjenige, was da ist. Fichte hat mit Recht gesagt, die meisten Menschen würden sich eher für ein Stück Lava im Mond halten als für ein Ich. Die Erkenntnis fehlt noch, was das Ich ist. Wie nur durch sinnliche Eindrücke die Blumen erkannt werden können, so kann nur durch Geistesforschung das Geistige erkannt werden. Aus der intimen Ich-Erforschung ergibt sich: Das Ich muß als bewußte Vorstellung da sein, ehe man sich erinnern kann. Erst wenn wir die Ich-Vorstellung erzeugt haben, können wir uns auf uns selbst zurückbesinnen. $o führt uns Erkenntnis als Selbsterkenntnis dahin, unser Gedächtnis so aufzubauen, daß wir das Leben bewußt erweitern über das Leben hinaus, welches zwischen Geburt und Tod eingeschlossen ist. Wenn wir von Leben zu Leben weiterarbeiten können, wenn es uns durch Erkenntnis gelingt, uns selbst zu formen, und so das Ewige in uns erwacht, dann hilft uns die Erkenntnis von der Entwicklung bei der Ausgestaltung alles dessen, was das Ewige in uns ist. Jetzt schen wir die Arbeit der Erkenntnis und ihre Bedeutung für unser ganzes Leben. Sie bringt uns Unsterblichkeit und gibt uns Wissen von unserer Unsterblichkeit.
[ 23 ] Now you might ask: Why don’t people remember their past lives? That, too, is a matter of development. A four-year-old child cannot do arithmetic. But it would be a false conclusion to say, for that reason, that the child is not a human being, simply because humans can do arithmetic. — Wait until the child is ten years old. There comes a time for every person when they begin to remember. One can only remember what is present. Fichte rightly said that most people would rather consider themselves a piece of lava on the moon than a “self.” The understanding of what the “self” is is still lacking. Just as flowers can only be recognized through sensory impressions, so too can the spiritual realm only be recognized through spiritual research. From an intimate exploration of the “I,” it follows that the “I” must be present as a conscious concept before one can remember. Only when we have formed the concept of the “I” can we reflect upon ourselves. Thus, knowledge as self-knowledge leads us to structure our memory in such a way that we consciously expand life beyond the life enclosed between birth and death. If we can continue our work from one life to the next, if through knowledge we succeed in shaping ourselves, and thus the eternal within us awakens, then the knowledge of our development helps us to give form to all that is eternal within us. Let us now consider the work of knowledge and its significance for our entire life. It brings us immortality and gives us knowledge of our immortality.
[ 24 ] Unsterblichkeit und Erkenntnis gehören zusammen. In einem bestimmten Leben nimmt sich unser Leib aus wie etwas, was aus dem vorigen Leben hineingearbeitet worden ist. Wir können die Erkenntnis vielfach noch nicht in diesem Leben gebrauchen, aber wir brauchen sie, um uns einen neuen Leib aufzubauen. Durch diese Gewißheit erhält die Geisteswissenschaft praktischen Lebensgehalt. Sie darf nicht bloße Theorie bleiben, sondern wir müssen uns ganz damit durchdringen. Wir sehen dann den Tod in einer neuen Gestalt. Erkenntnis hat unseren gegenwärtigen Leib aufgebaut. Dadurch, daß unser Leib zerfällt, werden wir frei von ihm und gewinnen die Möglichkeit, uns einen neuen Leib zu zimmern. Damit erscheint uns der Tod, wenn wir auch im Schmerz zu ihm hinblicken, wenn er andere berührt, oder mit Furcht, wenn er an uns herantritt, doch in ganz anderer Gestalt. Wenn wir uns hinaufschwingen können zu einem höheren Gesichtspunkt, so können wir sagen, wir sind dankbar für den Tod, denn er gibt uns die Möglichkeit, uns einen neuen Leib zu bauen — zu einem höheren Leben. Die alten Geistesforscher haben das immer erkannt und auch gesagt. Goethe stellt uns so recht vor die Seele, wie wir uns aus frischem Leben dasjenige hereinbringen, was wir uns im vorigen Leben erarbeitet haben:
[ 24 ] Immortality and knowledge go hand in hand. In a given life, our body appears to be something that has been shaped from our previous life. In many cases, we cannot yet make use of this knowledge in this life, but we need it to build ourselves a new body. Through this certainty, spiritual science takes on practical significance in life. It must not remain mere theory; rather, we must allow it to permeate us completely. We then see death in a new light. Knowledge has built our present body. As our body decays, we are freed from it and gain the ability to fashion a new body for ourselves. Thus, even if we look upon death with pain when it affects others, or with fear when it approaches us, it appears to us in a completely different light. If we can rise to a higher vantage point, we can say that we are grateful for death, for it gives us the opportunity to build ourselves a new body—for a higher life. The early spiritual researchers always recognized this and spoke of it. Goethe so aptly presents to our soul how we bring into this life from our past existence what we have earned in our previous life:
Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen
Die Sonne stand zum Gruße der Planeten,
Bist alsobald und fort und fort gediehen
Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.
So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen,
So sagten schon Sibyllen, so Propheten;
Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt
Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.
Just as on the day you were given to the world
The sun stood in greeting to the planets,
You flourished immediately and ever onward
According to the law by which you were set in motion.
So you must be; you cannot escape yourself,
So said the Sibyls, so said the prophets;
And no time, no power can shatter
A formed shape that develops with life.
