Knowledge and Immortality
GA 69b
24 May 1910, Hamburg
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Knowledge and Immortality, tr. SOL
2. Erkenntnis und Unsterblichkeit
2. Knowledge and Immortality
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Mit dem Worte «Erkenntnis» verbindet der Mensch etwas, was in ihm zweifellos die Empfindung hervorruft, daß es etwas ist, was sich zielvoll und mit der ganzen menschlichen Bestimmung zusammenhängend in das Leben hineinstellt. Und innig mit dieser Empfindung verknüpft ist diejenige, daß sich der Mensch durch das Erwerben von Erkenntnis eine Stellung innerhalb seines Daseins und innerhalb der ganzen menschlichen Entwicklung verschafft, die seiner eigentlichen Bestimmung, seinen Zielen entspricht.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! When people hear the word “knowledge,” they associate it with something that undoubtedly evokes in them the feeling that it is something which enters into life purposefully and in connection with the whole of human destiny. And closely linked to this feeling is the sense that, through the acquisition of knowledge, a person secures a position within their own existence and within the entire course of human development that corresponds to their true purpose and goals.
[ 2 ] Nun kann man ja bei den Erkenntnisgebieten, die im Zusammenhang mit der Erforschung der Natur, vielleicht auch mit der Erforschung gewisser Zweige des Menschenlebens stehen, sehr bald sehen, daß sie uns Gesetze an die Hand geben, daß sie uns gewisse Kräfte der Naturwirksamkeit oder anderer Wirksamkeiten zeigen, durch die wir in die Lage kommen, in das Leben einzugreifen. Wir brauchen uns nur einmal vorzuhalten, wie uns die Naturerkenntnisse in gewisser Beziehung zu Herren der Naturkräfte machen, wie Naturgesetze, die wir erkennen, uns in den Stand setzen, uns mit Werkzeugen und Apparaten zu versehen, welche das Leben erhöhen und den Menschen im Dasein weiterführen. Und wenn wir uns die entlegensten Erkenntnisgebiete vor die Seele treten lassen — wir werden irgendwo den Zusammenhang fühlen zwischen den Gesetzen, die wir uns durch Erkenntnis aneignen, und den Verrichtungen, durch die wir unser Leben in nützlicher, zielvoller Weise erhöhen, so daß wir bei solchen Erkenntnissen, die sich unmittelbar umsetzen in unser Tun und unsere Handlungen, ohne weiteres einsehen, daß sie nicht bloß unsere Neugierde befriedigen, nicht bloß einem gewissen Trieb zu wirken entsprechen, sondern daß sie aus dem viel höheren Trieb hervorgehen, das Leben und das Dasein immer vollkommener und vollkommener zu gestalten. So erhalten wir diesen Erkenntnissen gegenüber das Gefühl, daß sie eine gewisse Mission, eine Aufgabe in unserem Leben haben.
[ 2 ] Now, when it comes to fields of knowledge related to the study of nature—and perhaps also to the study of certain aspects of human life—it quickly becomes apparent that they provide us with laws, that they reveal to us certain forces of nature or other forces through which we are enabled to intervene in life. We need only consider how knowledge of nature, in a certain sense, makes us masters of the forces of nature, and how the natural laws we discover enable us to equip ourselves with tools and devices that enhance life and advance humanity’s existence. And when we allow even the most remote fields of knowledge to enter our minds—we will sense, somewhere, the connection between the laws we acquire through knowledge, and the activities through which we enrich our lives in a useful, purposeful way—so that, in the case of such knowledge that is directly translated into our actions and deeds, we readily recognize that it does not merely satisfy our curiosity, nor does it merely correspond to a certain impulse to act, but rather that it springs from the much higher impulse to shape life and existence ever more perfectly. Thus, we feel that these insights have a certain mission, a purpose in our lives.
[ 3 ] Nun weiß aber jeder, daß es noch andere Erkenntnisgebiete gibt, bei denen dem Menschen, wenn man an diese Mission denkt, das in einem allerdings noch viel höheren Grade vor die Seele tritt, was wir Menschenwürde und Menschenbestimmung, Menschenheit und Menschenbeseligung nennen können. Das aber sind Erkenntnisse, die — in der eben geschilderten Weise — nicht unmittelbar anwendbar sind auf die Zwecke und Ziele des praktischen Lebens. Das sind Erkenntnisse, von denen man sagt, daß der Mensch sie sich um ihrer selbst willen aneigne. Der Mensch fühlt, daß er einen Trieb hat, die Geheimnisse des Daseins zu erforschen und zu erkennen; er fühlt, daß Erkenntnis einfach aufklärend ist. Sie ist etwas, was die Seele auch dann befriedigt, wenn sie diese Erkenntnis nicht unmittelbar anwenden kann, sie sozusagen nicht zu äußeren Instrumenten und Werkzeugen schmieden kann oder zu Handlungen des täglichen Lebens, die mit den äußeren Menschheitszielen zusammenhängen.
[ 3 ] But everyone knows that there are other areas of knowledge in which—when one thinks of this mission—what we might call human dignity, human destiny, humanity, and human fulfillment come to the fore in the human soul to an even greater degree. But these are insights that—in the manner just described—are not directly applicable to the purposes and goals of practical life. These are insights that people are said to acquire for their own sake. Human beings feel that they have an impulse to explore and understand the mysteries of existence; they feel that knowledge is simply enlightening. It is something that satisfies the soul even when it cannot immediately apply this knowledge—when it cannot, so to speak, forge it into external instruments and tools, or into actions of daily life connected with the external goals of humanity.
[ 4 ] Eine Erkenntnis um ihrer selbst willen, eine Erkenntnis, die aus einem tiefen Bedürfnis der Menschenseele herauswächst und die den Menschen durch sich selber befriedigen soll — eine solche Erkenntnis sucht der Mensch, und er sucht sie umso mehr, je tiefer sich die inneren Bedürfnisse seiner Seele entwickeln. Er sucht sie vielleicht weniger, wenn er sich hineingestellt fühlt in ein Leben, das von Ereignis zu Ereignis, von Sensation zu Sensation, von Arbeit zu Arbeit im alltäglichen Leben treibt. Er sucht sie vielleicht weniger, wenn das Leben ihn zerstreut und fortwährend durch seine äußeren Ansprüche ihn voll beschäftigt. Aber namentlich in jenen Augenblicken, in denen der Mensch — vielleicht nicht einmal durch seinen eigenen Willen, sondern durch jene Ereignisse und Erlebnisse, die uns aus dem alltäglichen Leben herausreißen —, still in sich selber sein kann, da erwacht der Trieb nach solchen anderen Erkenntnissen. Es sind vielleicht Stunden, in denen der Mensch große Verluste im Leben erleidet, Augenblicke, wo ihm vielleicht Teuerstes entrissen wird, wo er seine Lebenshoffnungen glaubt gescheitert sehen zu müssen. Es sind Augenblicke, wo eine Sehnsucht in der Seele erwacht, die niemals befriedigt werden kann durch das äußere Leben. Und es sind die Menschen, die diese Erkenntnisbedürfnisse haben, die nach und nach dazu kommen, ihr Seelenleben immer mehr und mehr zu vertiefen. Solche Menschen fangen dann an einzusehen, zunächst durch das bloße Gefühl, durch Empfindung, daß Erkenntnisse, die weitab liegen vom Alltäglichen, wirken können wie eine Mut- und Kraftgabe da, wo der Mensch schwach wird, ja, daß solche Erkenntnisse wie Balsam wirken können da, wo die Seele trostlos und schmerzerfüllt ist. Ja, dann kann sich die Seele bis zu einem Punkt entwickeln, wo sie fühlt, daß sie ohne eine solche Erkenntnis nicht leben möchte, daß ihr das Dasein wertlos und öde erscheint ohne eine solche Erkenntnis.
[ 4 ] Knowledge for its own sake, knowledge that springs from a deep need of the human soul and is meant to satisfy the human being through itself—this is the kind of knowledge that human beings seek, and they seek it all the more as the inner needs of their souls develop more deeply. He may seek it less when he feels caught up in a life that drifts from event to event, from sensation to sensation, from task to task in everyday life. He may seek it less when life distracts him and keeps him constantly occupied with its external demands. But especially in those moments when a person—perhaps not even by his own will, but through those events and experiences that tear us away from everyday life—can be still within himself, that is when the urge for such other insights awakens. These may be times when a person suffers great losses in life, moments when what is most dear to them is snatched away, when they feel they must watch their hopes for life come to naught. These are moments when a longing awakens in the soul that can never be satisfied by external life. And it is these people, who have this need for insight, who gradually come to deepen their inner life more and more. Such people then begin to realize—at first through mere feeling, through intuition—that insights far removed from the everyday can act as a source of courage and strength when a person grows weak; indeed, that such insights can act as a balm when the soul is desolate and filled with pain. Indeed, the soul can then develop to a point where it feels that it would not want to live without such insight, that existence seems worthless and desolate without it.
[ 5 ] Wenn man über solch ein Erlebnis der menschlichen Seele nachdenkt, dann mag der Gedanke kommen: Wenn man schon an den alltäglichen Erkenntnissen, zum Beispiel bei den Naturerkenntnissen oder bei Erkenntnissen der Gesetze des menschlichen Zusammenlebens oder dergleichen, fühlt, daß sie ihre Aufgabe erst erfüllen, wenn sie nicht nur die Neugierde unseres Gehirns befriedigen, sondern wenn sie die Kraft unserer Hände anspornen und uns veranlassen, die Hände zu regen im irdischen Dasein, dann könnte man fragen, mit welchen Aufgaben des Menschen, mit welchen Zielen denn die anderen Erkenntnisse zusammenhängen, von denen man so leicht meint, sie seien um ihrer selbst willen da und sie fänden keine unmittelbare praktische Bestätigung? Haben solche Erkenntnisse überhaupt keine Aufgabe, einzugreifen in das menschliche Leben und etwas anzuregen, was zu Taten, zu Handlungen führt? Das ist die große Frage, die man sich über die Erkenntnis und ihre Aufgabe im Leben stellen kann.
[ 5 ] When one reflects on such an experience of the human soul, the following thought may occur: If, even with regard to everyday insights—for example, insights into nature or into the laws of human coexistence or the like—one feels that they fulfill their purpose only when they not only satisfy the curiosity of our minds but also spur on the strength of our hands and prompt us to put our hands to work in our earthly existence, then one might ask: To what human tasks, to what goals, do the other kinds of knowledge relate—the ones we so easily assume exist for their own sake and find no immediate practical application? Do such insights have no role at all in intervening in human life and inspiring something that leads to deeds and actions? That is the great question one can ask about knowledge and its purpose in life.
[ 6 ] Wenn man sich klar ist, wie die Seele in ihrem Zustand der Unbefriedigung am äußeren Dasein die Notwendigkeit der Erkenntnis fühlt, wenn man also eine gewisse Einsicht sich erringt, daß dem innersten Wesen unserer Seele diese intime Erkenntnis notwendig werden kann, dann wird man sich Gedanken machen, daß eine solche über das unmittelbar äußere Leben hinausragende Erkenntnis zusammenhängen muß mit den höchsten Eigenschaften, mit den höchsten Bestrebungen unseres Menschseins, mit anderen Worten mit dem Wesen des Menschen selbst. Und man wird bald bemerken, daß man den Zusammenhang suchen muß zwischen dem, was der Mensch Erkenntnis im höheren Sinne nennt, und dem eigentlichen Wesen des Menschen. Dann aber wird man sein Suchen nach Erkenntnis nach einer solchen einmal gewonnenen Einsicht einzurichten haben. Man wird sich sagen: Du mußt das Suchen so einrichten, daß Rücksicht genommen wird auf das tiefste, innerste Wesen des Menschen. Wer glaubt, daß sich alles Dasein allein in der äußeren Sinneswelt erschöpft, daß alle Wissenschaft sich erschöpft in den Erkenntnissen, die wir gewinnen durch verstandesmäßige Bearbeitung der äußeren Sinneserscheinungen, kurz, wer da glaubt, daß äußere Lebensbeobachtung und die auf äußeres Sein gerichtete Wissenschaft die alleinige Wissenschaft sein kann, der wird wenig geeignet sein, sich Antwort zu geben auf die eben aufgeworfene Frage.
[ 6 ] Once one realizes how the soul, in its state of dissatisfaction with external existence, feels the need for knowledge—that is, once one gains a certain insight into the fact that this intimate knowledge may become necessary for the innermost essence of our soul— then one will begin to reflect that such knowledge, which transcends immediate external life, must be connected to the highest qualities, to the highest aspirations of our humanity—in other words, to the very essence of the human being. And one will soon realize that one must seek the connection between what humanity calls knowledge in the higher sense and the very essence of the human being. But then, having gained such insight, one will have to orient one’s search for knowledge accordingly. One will say to oneself: You must organize your search in such a way that it takes into account the deepest, innermost essence of the human being. Anyone who believes that all existence is limited solely to the external sensory world, that all science is limited to the insights we gain through the rational analysis of external sensory phenomena—in short, anyone who believes that the observation of external life and science directed toward external existence can be the sole science—will be ill-equipped to answer the question just raised.
[ 7 ] Die Möglichkeit, auf diese Frage nach und nach zu antworten, gibt uns eine andere Wissenschaft, die sogenannte Geisteswissenschaft oder «Theosophie» — wenn man diesen viel mißbrauchten und viel mißverstandenen Ausdruck gebrauchen will —, die Wissenschaft, die sich auf das Geistige, auf das über die sinnliche Welt Hinausgehende bezieht; sie gibt sich der Forschung hin, die uns allein zu dem Wesen des Menschen führen kann. Mit Hilfe dieser Wissenschaft kann man fühlen, daß das innerste Wesen des Menschen aus dem Geiste stammt und daß das, was in uns das Beste ist — das uns eigentlich regierende Wesen —, ein Geistiges ist. Erforschen kann dieses unser innerstes Wesen nur die Geisteswissenschaft, und so kann man auch hoffen, daß man durch diese Geisteswissenschaft eine Erkenntnis gewinnt von dem wirklichen Wesen des Menschen und daß man auf diese Weise den geheimnisvollen Untergrund findet, der sich sonst im Leben nur durch ein dunkles Gefühl kundgibt, das sagt: Ich will eine Erkenntnis, die mir etwas gibt, was alles andere mir nicht geben kann.
[ 7 ] Another science offers us the possibility of gradually answering this question—the so-called spiritual science or “theosophy”—if one wishes to use this much-abused and much-misunderstood term—the science that relates to the spiritual, to that which transcends the sensory world; it devotes itself to the research that alone can lead us to the essence of the human being. With the help of this science, one can sense that the innermost essence of the human being originates from the spirit and that what is best within us—the essence that truly governs us—is spiritual. Only spiritual science can explore this innermost essence of ours, and so one can also hope that through this spiritual science one will gain insight into the true nature of the human being and that in this way one will discover the mysterious foundation that otherwise manifests itself in life only through a vague feeling that says: I want a kind of knowledge that gives me something that nothing else can give me.
[ 8 ] Die Geisteswissenschaft befolgt allerdings andere Methoden, sucht andere Wege als die gewöhnliche äußere Wissenschaft, aber in unserer heutigen Zeit ist noch wenig Neigung vorhanden, in ihr etwas anderes zu sehen als verschrobene oder traurige Verirrungen einzelner Menschen. In weiten Kreisen ist man sich noch nicht bewußt, daß diese Geisteswissenschaft mit denselben strengen Mitteln der Erkenntnis arbeitet, mit denen auch die Naturwissenschaften arbeiten, daß sie dieselben strengen Mittel der Erkenntnis anwendet, aber nur auf ein anderes Gebiet, also eben nicht auf das Gebiet des äußeren Naturlebens, sondern auf das geistige Leben. Wir werden im Laufe des Vortrages auf einiges hinweisen können, was die Menschen hineinführt in die geistigen Welten und auf die Methoden, wodurch der Mensch einen Einblick in die andere, die übersinnliche Welt erhält. Den Ausgangspunkt aber wollen wir nehmen aus dem Alltäglichen. Durch vernunftgemäßes Aufsteigen vom alltäglichen Leben, also auch aus der bloßen Vernunft heraus, kann man ja eine Art Ahnung bekommen von einer Möglichkeit, zur Erkenntnis der geistigen Welt zu kommen.
[ 8 ] The spiritual science does, however, follow different methods and seeks different paths than conventional external science, but in our time there is still little inclination to see in it anything other than the eccentric or sad aberrations of individual people. In many circles, people are not yet aware that spiritual science works with the same rigorous methods of knowledge as the natural sciences; that it applies the same rigorous methods of knowledge, but only to a different realm—not to the realm of external natural life, but to spiritual life. In the course of this lecture, we will be able to point out a number of things that lead people into the spiritual worlds and the methods through which a person gains insight into the other, the supersensible world. But let us take our starting point from everyday life. By rising rationally from everyday life—and thus also from mere reason—one can indeed gain a kind of inkling of the possibility of attaining knowledge of the spiritual world.
[ 9 ] Wie kündigt sich das denn im äußeren Leben des Menschenwesens an? Fassen wir das Menschenwesen an vier bedeutungsvollen Punkten, von denen zwei uns gewöhnlich nicht zum Bewußtsein kommen, weil man sie gewohnheitsmäßig erlebt. Zwei andere Dinge aber sind es, welche — das eine fragend, das andere erschütternd — in jedes Leben eingreifen. Diese vier Dinge werden bezeichnet als Wachen und Schlafen, als Leben und Sterben. In diesen vier Worten liegt im Grunde genommen alles Geheimnisvolle des menschlichen Lebens. Wer sich befriedigende Aufklärung zu verschaffen vermag, wird sehen, daß es licht und klar wird um die Dunkelheiten des Lebens. Wachen und Schlafen wechseln ab in unserem alltäglichen Leben. Vom Aufwachen bis zum Einschlafen steigen in unserer Seele Eindrücke auf und ab, welche wir unserem Verstande verdanken. Wir wissen, daß wir während des Schlafzustandes uns abschließen von Lust und Leid, Trieb und Begierde. So sehen wir unser Leben sich abspielen vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Dann sehen wir beim Einschlafen alle Erlebnisse und Betätigungen der Seele in ein unbestimmtes Dunkel hinuntersteigen. Alle Wahrnehmungen und Vorstellungen sinken hinunter. Wir sind wie von einer Ohnmacht befallen; wir hören auf, mit der Umwelt in Verbindung zu stehen. Da fühlen wir uns aus dem Bewußten ins Unbewußte versetzt.
[ 9 ] How does this manifest itself in a human being’s outer life? Let us consider the human being in terms of four significant aspects, two of which we are usually unaware of because we experience them out of habit. But there are two other things—one probing, the other shattering—that intervene in every life. These four things are called waking and sleeping, life and death. In these four words lies, in essence, the entire mystery of human life. Whoever is able to gain satisfactory insight will see that the darkness of life becomes clear and luminous. Waking and sleeping alternate in our daily lives. From the moment we wake until we fall asleep, impressions rise and fall within our soul, which we owe to our mind. We know that during sleep we shut ourselves off from pleasure and pain, from instinct and desire. Thus we see our life unfold from waking until we fall asleep. Then, as we fall asleep, we see all the experiences and activities of the soul descend into an indefinite darkness. All perceptions and ideas sink away. We are as if overcome by a faint; we cease to be in contact with the outside world. There we feel ourselves transported from the conscious to the unconscious.
[ 10 ] Was tritt nun eigentlich ein, wenn der Mensch diesen Augenblick des Einschlafens erlebt? Nur eine Meinung, die sich nicht an die Gesetze der Logik hält, kann glauben, daß die ganze Welt, die da abends ins Dunkel sinkt, des Morgens neu entsteht, daß also alles neu entsteht, was der Mensch in der physischen Welt zurückgelassen hat. Die Frage muß sich jeder vorlegen: Wo ist eigentlich dasjenige, was während des Tagwachens gedacht, gesonnen, was als Lust und Leid und Schmerz empfunden wird, was die Kraft in sich spürt, zu Handlungen überzugehen — wo ist das? Es ist doch nicht schwierig einzusehen, daß das, was wir als das eigentliche Innere des Menschen bezeichnen können, was wir fühlen als inneren Antrieb, [beim Einschlafen] nicht einfach hingeschwunden sein kann und [nach dem Aufwachen] neu erstehen muß. Es ist deshalb auch nicht schwierig, sich das begreiflich zu machen, was der Geistesforscher aus seinen Forschungen heraus sagen muß. Er sagt: Das, was im Bette liegen bleibt, dieser Mensch, ist nicht der ganze Mensch. Dieser Mensch, der in der Nacht schläft, hat aus sich heraus das entlassen, was bei Tag das innerste Wesen ausmacht. — Wie kommt es, daß man das, was herausgeht, nicht sieht und nicht beobachten kann? Ein jeder kann sich die Antwort geben: Man kann es ebenso wenig beobachten, wie ein Blinder Farben beobachten kann. Wer behauptet, da sei nichts, was aus dem Leib heraustritt und was in der Nacht außerhalb des Leibes ist, der gleicht ganz dem Blinden, der da sagt: Ach, was erzählt ihr von euren törichten Phantastereien, von roter und blauer Farbe; das gibt es nicht! Was man nicht wahrnimmt, das gibt es nicht.
[ 10 ] What actually happens when a person experiences that moment of falling asleep? Only a belief that does not adhere to the laws of logic could hold that the entire world, which sinks into darkness in the evening, is recreated anew in the morning—that is, that everything a person has left behind in the physical world is recreated anew. Everyone must ask themselves this question: Where, exactly, is that which is thought and contemplated during waking hours—that which is experienced as pleasure, suffering, and pain, and that which feels the inner strength to act—where is that? It is not difficult to see that what we might call the true inner self of a human being—what we feel as an inner drive—cannot simply have vanished [upon falling asleep] and must be reborn [upon waking]. It is therefore also not difficult to grasp what the spiritual researcher must conclude from his investigations. He says: What remains in bed—this person—is not the whole person. This person who sleeps at night has released from within what constitutes the innermost essence during the day. —How is it that one cannot see or observe what goes out? Everyone can answer this for themselves: One can observe it just as little as a blind person can observe colors. Anyone who claims that there is nothing that emerges from the body and exists outside the body at night is just like the blind person who says: “Oh, what are you talking about with your foolish fantasies of red and blue colors? They don’t exist! What one does not perceive does not exist.”
[ 11 ] Gewiß, das erforschen, was sich den Sinnen entzieht, das kann nur die Geisteswissenschaft. Aber einen gewissen Anfang macht zuweilen schon das alltägliche Bewußtsein, allerdings nur in gewissen abnormen Ausnahmezuständen des menschlichen Lebens. Es gibt Erlebnisse, die eigentlich ein jeder Mensch haben könnte, die er auch öfter hat, als er glaubt, die aber nur kurz dauern und deshalb von den meisten Menschen nicht bemerkt werden, weil die äußeren Eindrücke zu betäubend auf die Seele wirken. Es gehört eine gewisse Praxis und innere Seelenruhe, eine besondere Schulung zu geistiger Forschung dazu, wenn der Mensch solche Augenblicke haben soll. Es gibt Menschen, die solche Augenblicke haben und die schildern, daß sie im Moment des Einschlafens etwas erleben können, was für gewöhnlich nicht erlebt wird. So wie Chemiker irgendeinen chemischen Vorgang beschreiben, so beschreiben Beobachter auf diesem Gebiet das, was sie im Moment des Einschlafens erleben.
[ 11 ] Certainly, only spiritual science can explore what lies beyond the reach of the senses. But everyday consciousness sometimes makes a certain start in this direction, albeit only in certain abnormal, exceptional states of human life. There are experiences that virtually every person could have—and does have more often than they realize—but which last only briefly and are therefore unnoticed by most people because external impressions have a numbing effect on the soul. A certain amount of practice and inner peace of mind, as well as special training in spiritual research, are required if a person is to have such moments. There are people who have such moments and who describe how, at the moment of falling asleep, they can experience something that is not usually experienced. Just as chemists describe a chemical process, observers in this field describe what they experience at the moment of falling asleep.
[ 12 ] Sie erleben da gleichsam eine Art von Sich-Entfremden von allem, was sie im Sinnesleben tun. Sie erleben die Ohnmacht, die Hände zu bewegen, sie fühlen die Ohnmacht, die Zunge zu bewegen; sie fühlen, wie die Sinne nach und nach die Fähigkeit verlieren, mit der Außenwelt eine Wechselwirkung herzustellen. Und dann fühlt der Mensch in einer besonders peinlichen Weise, wie mit argen Selbstvorwürfen, alles, was er selber an Fehlern und Unrichtigkeiten begangen hat. Und dann kommt der Moment, wo eine Art Erleben eintritt, welches sich frei weiß von der Notwendigkeit äußerer Sinneswahrnehmungen, welches aber nicht bewußtlos ist, sondern fühlt, daß die Seele in der [geistigen] Welt ist: Das ist ein subjektives Gefühl. Es ist stärkeres Licht, größere Klarheit vorhanden, als jemals im äußeren Sinnesleben da sein kann. Ein beseligender Moment des Sich-frei-Fühlens tritt ein. Dann folgt bei denen, die gewöhnliche Beobachter sind, etwas, was sich wie ein schnelles Zucken ausnimmt, von dem man das Bewußtsein hat: Jetzt hat sich das abgetrennt von der äußeren Leiblichkeit, was am Tage die Hände und Füße durchzogen hat, um zu arbeiten, was in den Augen gelebt hat, was im Gehirn gelebt hat — jetzt hat es sich losgerissen. Dann aber tritt das ein, was man Übergang in Bewußtlosigkeit nennen kann. Ein kurzes intensives Gefühl stellt sich ein, verbunden mit dem Wunsche: Ach, könnte dieser Moment doch ewig dauern!
[ 12 ] They experience, as it were, a kind of alienation from everything they do in their sensory life. They experience the inability to move their hands; they feel the inability to move their tongue; they feel how their senses gradually lose the ability to interact with the outside world. And then the person feels, in a particularly painful way—as if with severe self-reproach—all the mistakes and errors they themselves have committed. And then comes the moment when a kind of experience sets in that is free from the necessity of external sensory perceptions, yet is not unconscious; rather, it feels that the soul is in the [spiritual] world: This is a subjective feeling. There is a stronger light and greater clarity than can ever exist in external sensory life. A blissful moment of feeling free sets in. Then, for those who are ordinary observers, something follows that feels like a rapid twitch, accompanied by the awareness: Now that which coursed through the hands and feet during the day to work, that which lived in the eyes, that which lived in the brain—now it has torn itself away from the outer physical body. But then what one might call a transition into unconsciousness occurs. A brief, intense feeling sets in, accompanied by the wish: Oh, if only this moment could last forever!
[ 13 ] Das sind Erlebnisse, die ebenso zu den Tatsachen gehören wie irgendwelche andere. Die darf man nicht abtun damit, daß man sagt, solche Erlebnisse hätten nur einzelne Menschen, welche eine besondere subjektive Ekstase in ihrer Seele erleben würden, weil sie ein abnormes Seelenleben hätten. Widerlegen kann man diese Zweifel nicht anders, als indem man sagt: Ja, aber die Geisteswissenschaft weiß wiederum aus ihren Mitteln und ihren Methoden heraus, daß sie recht hat, wenn sie sagt: Beweisen kann ich das nicht, nur gewisse Menschen erleben es; auch du kannst es selbst erleben, wenn du methodisch versuchst, durch ganz normale Erziehungsmittel der Seele inneres Gleichgewicht in deiner Seele auszubreiten. — Man würde allerdings nicht sonderlich weit kommen, wenn man bloß solche Raritäten menschlicher Beobachtungsfähigkeit anführen könnte. Was allein zur Forschung, zur Wissenschaft auf diesem Gebiete führen kann, das ist die methodische Schulung, durch die für den Menschen wirklich das eintreten kann, was ihn fähig macht, fast wie durch Zufall, das Einschlafen bewußt zu erleben. Wenn es eine solche Wissenschaft geben soll, muß es möglich sein, nicht nur auf solche abnorme Raritäten angewiesen zu sein, sondern das, was fast wie Zufall auftritt, systematisch und mit vollem Bewußtsein der Seele wirklich zu erleben. Das heißt, es muß möglich sein, dieses Herausgehen des realen inneren Wesens des Menschen zu schauen, wahrzunehmen und zu erforschen, indem verhindert wird, daß der Mensch gerade dann, wenn er wahrnehmen will, was von ihm leibfrei ist, in die Unmöglichkeit versetzt ist, es zu beobachten, weil er bewußtlos ist.
[ 13 ] These are experiences that are just as much a part of reality as any others. One must not dismiss them by saying that such experiences are limited to certain individuals who undergo a particular subjective ecstasy in their souls because they have an abnormal inner life. The only way to refute these doubts is to say: Yes, but spiritual science knows—based on its own resources and methods—that it is correct when it says: I cannot prove this; only certain people experience it. You, too, can experience it yourself if you methodically attempt to cultivate inner balance in your soul through entirely normal means of spiritual development. — One would not, however, get very far if one could cite only such rarities of human perceptual ability. The only thing that can lead to research and science in this field is methodical training, through which what truly enables a person to consciously experience falling asleep—almost as if by chance—can actually occur. If such a science is to exist, it must be possible not only to rely on such abnormal rarities but also to truly experience—systematically and with the soul’s full consciousness—that which occurs almost as if by chance. That is to say, it must be possible to observe, perceive, and explore this emergence of the human being’s real inner essence by preventing the person—precisely when they wish to perceive what is disembodied—from being rendered unable to observe it because they are unconscious.
[ 14 ] Wie ist es also möglich, das kennenzulernen, was der Mensch sonst nur bewußtlos durchlebt — die Geisteswelt, in der er sich [während des Schlafes] befindet? Wenn das auf einer höheren Stufe erreichbar wäre, was sich vergleichsweise darstellt wie [das Erleben] eines Blindgeborenen, der durch eine Operation sehend wird, wenn es wahr wäre, daß in der Seele Kräfte liegen, die im äußeren Leibe nicht hervorkommen können, die aber im Menschen schlummern und die durch gewisse Methoden — Selbstzucht und Schulung der Seele — herausgeholt werden können, dann könnte der Moment eines höheren, geistigen Schauvermögens eintreten, und dann könnte es sein, daß der Mensch das erleben könnte, von dem er sich sagen muß: Ich weiß, daß es eine geistige Welt gibt.
[ 14 ] How, then, is it possible to become acquainted with what a person otherwise experiences only unconsciously—the spiritual world in which he finds himself [during sleep]? If this could be attained at a higher level—which is comparable to [the experience] of a person born blind who regains sight through surgery—if it were true that there are powers within the soul that cannot manifest in the physical body but lie dormant within the human being and can be brought forth through certain methods — self-discipline and training of the soul — can be brought to the surface, then a moment of higher, spiritual insight might arise, and then it might be that a person could experience what would lead them to say: “I know that there is a spiritual world.”
[ 15 ] Diese Möglichkeit gibt es, wenn der Mensch das fortsetzt, was wir als natürliche Vorbedingung hervorgehoben haben: das Ausgießen von Ruhe und innerem Gleichgewicht in die Seele. Und wenn wir in unserer Seele immer mehr und mehr dafür tun, daß diese auch Erlebnisse haben kann, die sie nicht durch äußere Eindrükke empfängt, dann bringen wir die Seele dahin, selbst wahrzunehmen. Ich kann hier alles nur kurz schildern, aber in meinen Aufsätzen «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in meinem Buch «Die Geheimwissenschaft im Umriß» werden Sie das genauer auseinandergesetzt finden. Es ist gewiß kein Märchen, sondern es kann bestätigt werden von denen, die es erreicht haben, daß die Seele des Menschen in der Lage ist, bewußt, mitten im alltäglichen Leben, den Moment des Einschlafens zu erfahren. Man kann das charakterisieren mit den Worten: Wir können jenen Moment herbeiführen, wo wir bewußt und willkürlich unterdrücken die äußeren Eindrücke, wo wir uns mit unserem Wahrnehmungsvermögen dem entziehen, was als Licht, Farbe und Ton, als Wärme und Kälte, selbst was als Druck und Stoß, als Schmerz und Freude auf uns Eindruck macht. — Wenn wir also imstande sind, durch eine starke Willenskultur allen äußeren Eindrücken Stillstand zu gebieten, dann sind wir auch imstande, unsere Seele bewußt so leer zu machen, wie wir sie leer machen, wenn wir in die Bewußtlosigkeit des Schlafes hinuntersinken. Wahr ist es, daß derjenige, der den starken Willen erregt, bewußt die äußeren Eindrücke auszuschalten, in die Lage kommt, bewußt hinüberzuleben in einen Zustand, wo er zwar leer ist von dem Ausdruck seiner Seele, aber trotzdem innerlich durchzogen und durchwoben ist von dem, was wir nennen können innere Aktivität, innerliches Bewußtsein dafür, daß wir etwas sind und daß wir etwas tun können. Allerdings, was bis jetzt hervorgehoben worden ist von solchen Anstrengungen, das führt dazu, eine leere Seele zu haben, die zwar nicht unbewußt ist, aber deren Bewußtsein zusammengezogen ist in die Grundempfindung: Du bist da, aber hast nichts in dir; du hast dich, aber es ist nichts in dir.
[ 15 ] This possibility exists if a person continues to do what we have emphasized as a natural prerequisite: radiating peace and inner balance into the soul. And if we do more and more within our soul to ensure that it can also have experiences that it does not receive through external impressions, then we lead the soul to perceive on its own. I can only describe everything briefly here, but in my essays “How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?” and in my book *An Outline of Esoteric Science*, you will find a more detailed discussion of this. It is certainly no fairy tale; rather, it can be confirmed by those who have achieved it: that the human soul is capable of consciously experiencing the moment of falling asleep in the midst of everyday life. This can be described as follows: We can bring about that moment when we consciously and deliberately suppress external impressions, when we use our powers of perception to withdraw from what affects us as light, color, and sound; as warmth and cold; and even as pressure and impact, as pain and joy. — So if we are able, through a strong discipline of the will, to bring all external impressions to a standstill, then we are also able to consciously empty our soul just as we empty it when we sink into the unconsciousness of sleep. It is true that whoever arouses the strong will to consciously shut out external impressions is able to consciously transition into a state where, although devoid of the expression of the soul, they are nevertheless inwardly permeated and interwoven with what we might call inner activity—an inner awareness that we are something and that we are capable of doing something. However, what has been emphasized so far regarding such efforts leads to having an empty soul—one that is not unconscious, but whose consciousness is contracted into the fundamental sensation: You are here, but you have nothing within you; you have yourself, but there is nothing within you.
[ 16 ] Ein Zweites ist nötig, wenn der Mensch eindringen will in die geistigen Welten. Es ist nötig, daß er jetzt nicht mehr leer bleibt in seiner Seele. Wenn nichts hineindringen könnte in seine Seele, dann gäbe es gar kein Mittel, das den Menschen im wissenschaftlichen Sinne jemals zur Überzeugung von einer geistigen Welt bringen könnte. Wenn bei einem solchen Versuche, der die äußeren Eindrücke ausschaltet, die Seele ganz leer bleiben würde, dann wäre das ein tatsächlicher Beweis, daß die äußere Sinneswelt das Um und Auf allen Daseins ist. Wer aber Geistesforscher werden will, der setzt diese Arbeit der Selbstzucht und der Erziehung seiner Seele fort, der versucht nun durch starken Willen solche Vorstellungen wachzurufen, die sinnbildliche Vorstellungen genannt werden können, die keine äußeren Dinge abbilden, sondern andere Eigenschaften haben. Der Mensch wird, wenn er sich der Meditation und der Versenkung hingibt, fühlen und erfahren, daß diese Vorstellungen ebenso aus den Tiefen seiner Seele Gefühle und Empfindungen hervorrufen, wie äußere Eindrücke Lust und Unlust hervorrufen.
[ 16 ] A second condition is necessary if a person wishes to penetrate the spiritual worlds. It is necessary that his soul no longer remain empty. If nothing could penetrate his soul, then there would be no means whatsoever that could ever convince a person, in a scientific sense, of the existence of a spiritual world. If, in such an experiment—which excludes external impressions—the soul were to remain completely empty, that would be actual proof that the external sensory world is the be-all and end-all of all existence. But anyone who wishes to become a spiritual researcher continues this work of self-discipline and the cultivation of their soul; they now attempt, through strong will, to evoke such images that can be called symbolic—images that do not represent external things but possess other qualities. When a person devotes himself to meditation and contemplation, he will feel and experience that these images evoke feelings and sensations from the depths of his soul just as external impressions evoke pleasure and displeasure.
[ 17 ] Wenn der Mensch also in sich selber ist, wenn er starke, kräftige Vorstellungen in seiner Seele leben läßt, die nichts Äußerliches bedeuten, dann kann er bei genügender Geduld — manchmal dauert es jahrelang — durch Erfahrung erleben, daß sich in seine Seele etwas hineindrängt, von dem er mit Sicherheit weiß, daß es Wirklichkeit ist. Dann fängt er an, eine andere, höhere Welt zu erleben, dann dringt er in die übersinnliche Welt ein. Und immer weiter und weiter kommt er mit seiner Beobachtung. Wenn er einschläft, kann er verfolgen, was sich nunmehr aus der Leiblichkeit zurückzieht und hineinlebt in die geistige Welt und Wirklichkeit und was vom Einschlafen bis zum Aufwachen umgeben ist von dem, woher des Menschen Urheimat stammt — er ist umgeben von der geistigen Welt. Dann sprießt durch sein so geregeltes methodisches Forschen aus seiner Seele die Erkenntnis hervor, daß sich der Mensch mit seinem eigentlichen inneren Wesen beim Einschlafen herauszieht aus seinem äußeren Menschen, daß er weiterlebt in der geistigen Welt und daß er beim Aufwachen wiederum hinuntertaucht in die äußere Leiblichkeit.
[ 17 ] So when a person is centered within themselves, when they allow strong, powerful images to live within their soul—images that have no external meaning—then, with sufficient patience—sometimes it takes years—they can experience through direct experience that something is entering their soul, something they know with certainty is real. Then they begin to experience another, higher world; then they enter the supersensible world. And with his observation, he goes farther and farther. When he falls asleep, he can observe what now withdraws from the physical body and enters into the spiritual world and reality, and what—from the moment of falling asleep until waking—is surrounded by the source of humanity’s original home—he is surrounded by the spiritual world. Then, through his disciplined, methodical exploration, the realization springs forth from his soul that, upon falling asleep, the human being withdraws with his true inner being from his outer self, that he continues to live in the spiritual world, and that upon waking he once again descends into his outer physical body.
[ 18 ] Wenn uns diese Tatsachen von den geistigen Forschern gegeben werden, wie uns eine chemische oder physikalische Wahrheit gegeben wird, so können wir fragen: Gibt es im Leben nicht etwas, wodurch uns die Sache deutlicher, klarer wird? Prüfen wir einmal das Leben, ob das Leben das bestätigt, was der Geistesforscher sagt. Gewiß hat die Mehrzahl der gegenwärtigen Menschen das Recht zu sagen: Nun, wir sind keine Geistesforscher; es mag solche geben, die so etwas behaupten können, aber man müßte das Gesagte doch im Leben bestätigt finden. Prüfen wir deshalb das Leben, setzen wir voraus, es könnte irgend etwas helfen, die Mitteilungen des Forschers zu bestätigen.
[ 18 ] If these facts are presented to us by spiritual researchers in the same way that a chemical or physical truth is presented, we may ask: Is there not something in life that makes the matter clearer and more evident to us? Let us examine life to see whether it confirms what the spiritual researcher says. Certainly, the majority of people today have the right to say: Well, we are not spiritual researchers; there may be some who can claim such things, but what is said would still have to be confirmed in life. Let us therefore examine life, assuming that something might help to confirm the researcher’s findings.
[ 19 ] Wir sehen das Leben so verlaufen, daß der Mensch durch die Geburt ins Dasein tritt und durch den Tod aus dem Dasein geht. Wir sehen das Leben wechseln zwischen Schlafen und Wachen. Da fragen wir: Hat das einen inneren Sinn, eine gesetzmäßige Bedeutung, daß der Mensch immer abwechselt zwischen Wachen und Schlafen? — Nun, gewöhnliche Erscheinungen des alltäglichen Lebens könnten den Menschen darauf aufmerksam machen, daß es eine Bedeutung haben muß. Ich nehme keine Rücksicht auf die Hypothesen der Naturwissenschaft, stehe aber auch nicht im Gegensatz zur Naturwissenschaft. Das, was aus der Geisteswissenschaft abgeleitet werden soll, steht in bestem Einklang mit den Tatsachen der modernsten Naturwissenschaft. Das könnte der Geistesforscher immer zeigen. Man darf nur nicht naturwissenschaftliche Meinungen mit naturwissenschaftlichen Tatsachen verwechseln. Die Meinungen sind oft in herbem Widerspruch mit den Tatsachen. Es fehlt leider heute an Zeit, um darauf näher einzugehen. Eine Erscheinung, die hinweisen kann auf das Sinnvolle des Schlafes, tritt uns jeden Tag klar vor Augen: das ist das Phänomen der Ermüdung. Der Mensch ermüdet und fühlt in der Ermüdung, daß die Kräfte erschlaffen. Er fühlt beim Aufwachen, wie gleichsam hineinziehen, hineinströmen die Kräfte, die ihn vom Aufwachen bis zum Einschlafen fähig machen, das Leben zu besorgen. Nimmermehr könnte der Mensch das ersetzen, was er durch die Ermüdung verloren hat, wenn er immer nur im physischen Leib bliebe. Nur dadurch, daß der Mensch abends in eine andere Welt, in die Urheimat seiner selbst eingeht, kann er aus dieser seiner Urheimat die Kräfte herausholen, die er morgens beim Aufwachen in seine Leiblichkeit hineingießt, durch die er alles wieder ausgleicht, was er am vorhergehenden Tage an Kräften verbraucht hat. Die naturwissenschaftliche Hypothese über die Ermüdung soll hier nicht berührt werden. Geistige Kräfte sind es allein, die wir in uns hineingießen müssen, wenn wir das zum Ausgleich bringen wollen, was wir in der physischen Welt, der Sinneswelt, verlieren. Niemals können wir in der Sinneswelt selber diese Kräfte finden. Der Mensch kann fatalerweise Bekanntschaft machen damit, daß er die Kräfte niemals aus der Sinneswelt hervorholen kann, wenn er merkt, was es bedeutet, wenn der Schlaf nicht ausgleichend wirkt. Wir brauchen also den Schlaf, um in die geistigen Reservoire unterzutauchen, aus denen wir die Kräfte herausholen, durch die wir leben können.
[ 19 ] We see life unfolding in such a way that a person enters into existence through birth and leaves existence through death. We see life alternating between sleeping and waking. So we ask: Does it have an inner meaning, a meaningful significance, that a person is always alternating between waking and sleeping? — Well, ordinary phenomena of everyday life might draw a person’s attention to the fact that there must be a meaning to this. I do not take the hypotheses of natural science into account, but neither am I at odds with natural science. What is to be derived from spiritual science is in perfect harmony with the facts of the most modern natural science. The spiritual researcher could always demonstrate this. One must simply not confuse scientific opinions with scientific facts. Opinions are often in stark contradiction to the facts. Unfortunately, there is not enough time today to go into this in more detail. A phenomenon that can point to the significance of sleep presents itself clearly to us every day: this is the phenomenon of fatigue. A person grows weary and, in that weariness, feels their strength ebbing away. Upon waking, they feel, as it were, the forces being drawn in and flowing into them—forces that enable them, from the moment of waking until they fall asleep, to carry on with life. A person could never replace what they have lost through weariness if they were to remain solely in their physical body. Only by entering another world in the evening—the primal home of their very being—can human beings draw from this primal home the forces that they pour into their physical body upon waking in the morning, thereby restoring everything they expended in the previous day. The scientific hypothesis regarding fatigue will not be addressed here. It is spiritual forces alone that we must infuse into ourselves if we are to compensate for what we lose in the physical world, the world of the senses. We can never find these forces within the sensory world itself. A person can learn, to their detriment, that they can never draw these forces from the sensory world when they realize what it means when sleep fails to have a restorative effect. We therefore need sleep to immerse ourselves in the spiritual reservoirs from which we draw the forces that enable us to live.
[ 20 ] Wir haben gesehen, was der Mensch beim Aufwachen aus dem Schlafzustand heraus mitbringt. Was nimmt er aber mit hinein in den Schlaf? Es sind jene Tatsachen, welche sich zwischen Geburt und Tod abspielen und welche wir einschließen in das Wort: Wir entwickeln uns zu immer neuen Zuständen, zu immer anderen Fähigkeiten. — Was setzt uns in späteren Lebensepochen zu anderen, neuen Fähigkeiten in den Stand? Nehmen wir die Tatsache, daß wir schreiben können, daß wir unsere Gedanken durch die Schrift ausdrücken können. Erinnern wir uns, wie wir uns die Fähigkeit angeeignet haben, zum Beispiel beim Ansetzen der Feder? Es wäre schlimm, wenn alles das im Bewußtsein bliebe, was an Übung dazu nötig war. Wir haben da eine ganze Summe von Erlebnissen hinter uns, die uns eben nicht mehr gegenwärtig sind, nur in der Form, daß sie uns als Resultat fähig gemacht haben, schreiben zu können. Die Erlebnisse haben sich ergossen in die Fähigkeit, schreiben zu können. Was wir in der physischen Welt erfahren haben, das hat — zusammengezogen — die Fähigkeit gebildet, die nun aus dem Inneren herausquillt. Was ist da geschehen?
[ 20 ] We have seen what a person brings with them upon waking from sleep. But what do they take with them into sleep? It is those realities that unfold between birth and death and that we encompass in the statement: We develop into ever-new states, into ever-changing abilities. — What enables us, in later stages of life, to acquire other, new abilities? Let’s take the fact that we can write, that we can express our thoughts through writing. Let’s recall how we acquired this ability—for example, when we first put pen to paper. It would be terrible if everything that was required in terms of practice remained in our consciousness. We have a whole series of experiences behind us that are no longer present in our consciousness, except in the sense that they have, as a result, enabled us to write. These experiences have poured into the ability to write. What we have experienced in the physical world has—taken together—formed the ability that now wells up from within. What has happened here?
[ 21 ] Das kann man ermessen an einer einfachen Erscheinung, die sich bei demjenigen zeigt, der es notwendig hat, für seinen Beruf viel auswendig zu lernen. Es wird jeder bemerken, daß er sehr schlecht lernen kann, wenn er sich bemüht, möglichst hintereinander fort und fort zu büffeln und zu ochsen. Aber es wird dann besser gehen, wenn eine Unterbrechung durch einen gesunden Schlaf erfolgt; der wird stärkend wirken und wird das erweitern, was wir gelernt haben und was wir uns zu einem früheren Zeitpunkt angeeignet haben. Bei dem, was unserer Seele so nahesteht wie das Memorieren, merkt man, wie bedeutungsvoll sich der Schlafzustand da hineinmischt. Wer das beobachtet, der wird nicht mehr zweifeln können an dem, was der Geistesforscher sagt. Im Schlafe wird das, was am Tage erlebt worden ist, umgewandelt in Fähigkeit und in Kraft. Das zeigt uns der Geistesforscher, wie das auf allen Gebieten des Lebens der Fall ist. Wir würden nicht schreiben lernen, wenn wir nicht in der Lage wären, die Erlebnisse des Schreibenlernens immer wieder in uns hereinzuziehen und aus ihnen herauszutreten und sie — während des Zustandes zwischen Einschlafen und Aufwachen — umzuweben in Fähigkeiten. In seiner Urheimat findet der Mensch die Kräfte, um Erlebnisse des Lebens in Fähigkeiten umzugießen, umzuweben.
[ 21 ] This can be gauged by a simple phenomenon observed in those who, for professional reasons, need to memorize a great deal. Everyone will notice that they have great difficulty learning when they try to cram and plow through material nonstop, one thing after another. But things will go better if there is an interruption in the form of healthy sleep; this will have a restorative effect and will expand upon what we have learned and what we have previously acquired. In an activity as closely connected to our soul as memorization, one can see how significantly the state of sleep intervenes. Anyone who observes this will no longer be able to doubt what the spiritual researcher says. During sleep, what has been experienced during the day is transformed into ability and strength. The spiritual researcher shows us how this is the case in all areas of life. We would not learn to write if we were not able to repeatedly draw the experiences of learning to write into ourselves, step back from them, and—during the state between falling asleep and waking up—weave them into skills. In their primal home, human beings find the powers to transform life’s experiences into skills, to weave them together.
[ 22 ] Wir sehen, daß der Mensch in der Tat etwas aus dem alltäglichen Leben hereinnimmt in seinen Schlaf. Er nimmt das herein, was er sich in der sinnlichen Welt aneignet, damit er seine Kräfte betätigen kann, damit er fruchtbringend wirken kann, denn dort werden die Erlebnisse in Fähigkeiten umgewoben. Heute weiß man von solchen Dingen wenig. Aber es gab Zeiten in der Menschheitsentwicklung, wo die Führer der Menschheit solche Geheimnisse gewußt haben und sie zum Ausdruck gebracht haben in jenen Dichtungen, die keine Alltagsdichtungen sind, sondern die ihre Berechtigung dadurch erweisen, daß sie über Jahrtausende wirken. In jener Kunst, die wirklich dieses Namens wert ist, wirkt die tiefste, wahrhafteste Erkenntnis.
[ 22 ] We see that human beings do indeed bring something from everyday life into their sleep. They bring in what they have acquired in the sensory world so that they can exercise their powers and work fruitfully, for it is there that experiences are woven into abilities. Today, little is known about such things. But there were times in human development when the leaders of humanity knew such secrets and expressed them in works of poetry that are not merely everyday poetry, but which prove their validity by their enduring impact over millennia. In art that is truly worthy of the name, the deepest, truest insight is at work.
[ 23 ] Nehmen wir einmal an, ein Dichter, der weiß, daß die Erlebnisse des physischen Lebens sich während des Schlafes umwandeln in Fähigkeiten, hätte zum Ausdruck bringen wollen, wie jemand verhindere, daß die Seele sich eine bestimmte Fähigkeit, eine bestimmte Kraft aneigne. Er hätte zum Beispiel zeigen wollen, wie man verhindern könne, die Fähigkeit zum Lieben zu entwickeln. Er würde einen Menschen schildern, der dafür sorgt, daß das, was die äußeren Erlebnisse des Tages hineinschicken [in den Schlaf] und was in der Nacht verwoben wird, wieder aufgetrennt, aufgelöst wird. Eine solche Schilderung wollte Homer geben, als er zeigte, wie Penelope, Odysseus’ Gattin, von Freiern umgeben war, die alles taten, damit sie die Fähigkeit der Liebe zu ihnen entwickeln sollte. Sie aber verhinderte es, indem sie das am Tage Gewebte in der Nacht wieder auflöste.
[ 23 ] Let us suppose that a poet, knowing that the experiences of physical life are transformed into abilities during sleep, wanted to express how someone might prevent the soul from acquiring a certain ability or a certain power. For example, he might have wanted to show how one could prevent the development of the ability to love. He would describe a person who ensures that what the external experiences of the day send into sleep—and what is woven together during the night—is once again separated and dissolved. Homer sought to provide such a depiction when he showed how Penelope, Odysseus’s wife, was surrounded by suitors who did everything they could to make her develop the capacity to love them. She, however, prevented this by unraveling at night what had been woven during the day.
[ 24 ] Ich weiß gut, daß eine leichtfüßige Ästhetik der Gegenwart, welche glaubt, daß sie alle Geheimnisse des Künstlerischen aus einem gewissen naheliegenden Verständnis heraus erfassen kann, das als Gipfelpunkt der Interpretation empfinden wird. Darauf kommt es aber nicht an, sondern auf etwas anderes: Wer eindringt in den menschlichen Geist, wird schon erkennen, daß die großen Künstler große Geheimnisse in ihre Kunstwerke hineingelegt haben und daß diese Kunstwerke von Epoche zu Epoche auf die Seelen und die Herzen der Menschen gewirkt haben. Soviel sei gesagt zur Illustration dessen, was über die Bedeutung von Wachen und Schlafen vorgebracht worden ist.
[ 24 ] I am well aware that a superficial contemporary aesthetic, which believes it can grasp all the mysteries of art through a certain obvious understanding, will regard this as the pinnacle of interpretation. But that is not what matters; rather, it is something else: Anyone who delves into the human spirit will recognize that the great artists have embedded great mysteries in their works of art and that these works have had an impact on the souls and hearts of people from one era to the next. Let this serve as an illustration of what has been said about the significance of waking and sleeping.
[ 25 ] Wir müssen also sagen, der Mensch kommt vorwärts im Leben, wenn er in der Lage ist, durch den Schlaf Fähigkeiten in sich zu entwickeln, die er vorher nicht hatte und die er, um im Leben sinnvoll und geistvoll zu wirken, nun in der sinnlichen Welt verwerten kann; der Mensch wird also für seine Betätigung mit neuen Fähigkeiten ausgestattet. Umgewandelt werden die Erlebnisse dadurch, daß er einziehen kann in die geistige Urheimat der Seele, die man durch die Pforte des Schlafes betritt. Alle Vervollkommnung hängt davon ab, daß der Mensch die Erlebnisse der Sinneswelt durch seinen Zusammenhang mit der geistigen Welt in Fähigkeiten umwandelt, um dann morgens die Erlebnisse hineinzugießen in seinen äußeren Menschen.
[ 25 ] We must therefore say that a person makes progress in life when he is able, through sleep, to develop within himself abilities that he did not previously possess and that he can now utilize in the sensory world in order to act meaningfully and spiritually; the person is thus endowed with new abilities for his activities. These experiences are transformed through the person’s ability to enter the soul’s spiritual homeland, which is accessed through the gateway of sleep. All spiritual perfection depends on the person’s ability to transform the experiences of the sensory world into abilities through their connection with the spiritual world, so that they can then infuse these experiences into their outer self in the morning.
[ 26 ] Alles, was jetzt geschildert worden ist, hat natürlich Grenzen. Diese Grenzen können wir uns vor die Seele führen, wenn wir an gewisse Anlagen und Eigenschaften denken, die der Mensch für seine äußere Körperlichkeit und seine Leiblichkeit mit der Geburt ins Dasein hereingebracht hat. In bezug auf gewisse Kräfte, die zusammenhängen mit unserem innersten Wesen, können wir uns vervollkommnen durch das, was wir erleben. Eine Grenze hat das aber an der Beschaffenheit unseres Leibes. Und wenn wir durch Erlebnisse uns noch so hohe Fähigkeiten aneignen — wir können diese Erlebnisse nicht umwandeln, wenn wir an unserer äußeren Leiblichkeit Grenzen finden, denn dazu gehört es, daß Fähigkeiten, die die Seele als Kräfte entwickelt, sich verbinden mit der ganzen Konfiguration des Leibes. Der Leib ist ja immer derselbe, wenn wir des Morgens aufwachen. Wir können nur die Fähigkeiten zum Ausdruck bringen, die sich auf die äußere Leiblichkeit beziehen. Die können wir in einem gewissen Grade beeinflussen.
[ 26 ] Everything that has been described so far naturally has its limits. We can keep these limits in mind when we think of certain predispositions and characteristics that a person brings into existence at birth in connection with their external physicality and corporeality. With regard to certain powers connected to our innermost being, we can perfect ourselves through what we experience. However, this is limited by the nature of our body. And no matter how great the abilities we acquire through our experiences—we cannot transform these experiences if we encounter limitations in our outer physicality, for it is essential that the abilities the soul develops as powers be connected to the entire configuration of the body. After all, the body is always the same when we wake up in the morning. We can only express the abilities that relate to our physical form. We can influence these to a certain degree.
[ 27 ] Das können Sie sich klar machen, wenn Sie überlegen, was sich zeigt, wenn man einen Menschen zehn Jahre lang beobachtet und verfolgt, wie er zehn Jahre Erkenntnisse [bis in das Leibliche hineinarbeitet]. Darin lebt alles das, was man nennen kann innere Schlachten und Siege und zuweilen auch inneren Unter- oder Niedergang. Bei jemandem, der zum Beispiel während zehn Jahren die Erkenntnis in sich vollendet hat, bei dem kann man wohl sehen, wie solche Erkenntnis, wie solche Umbildung der Seele bis in die äußere Leiblichkeit hineindrängt, wie sie in der Physiognomie, im Blick zum Ausdruck kommt und wie in der Tat der Mensch da, wo die Seele die Leiblichkeit so stark durchsetzt, das in seinen Leib hineinzuverarbeiten vermag. Aber wenn man sieht, daß jemand Gelegenheit gehabt hat, Erlebnisse auf musikalischem Gebiet zu haben, [und glaubt], daß er durch diese Erlebnisse einfach in die Lage kommen könnte, nicht nur in bezug auf das musikalische Empfinden, sondern auch das musikalische Verständnis und die musikalische Betätigung vorwärtszukommen, so muß man sagen, er wird unmöglich diese Fähigkeit aus den Erlebnissen hineingießen können in seinen Leib, wenn er eine unmusikalische Organisation des Ohres hat. Da sehen Sie in der feinen Struktur von Organen unserer äußeren Leiblichkeit die Grenze, die uns gesteckt ist; sie besteht, weil wir darauf angewiesen sind, jeden Morgen in denselben Leib herunterzusteigen.
[ 27 ] You can understand this if you consider what becomes apparent when you observe a person for ten years and follow how he works insights [into his physical being] over the course of those ten years. Within this lies everything that can be called inner battles and victories, and at times also inner decline or downfall. In someone who, for example, has perfected this insight within themselves over the course of ten years, one can clearly see how such insight—how such a transformation of the soul—penetrates right down into the outer physical body, how it finds expression in their physiognomy and in their gaze, and how, in fact, a person—where the soul so strongly permeates the physical body—is able to incorporate this into their very being. But when one sees that someone has had the opportunity to have experiences in the field of music, [and believes] that through these experiences he could simply be enabled to make progress not only in terms of musical feeling but also in musical understanding and musical activity, then one must say, it is impossible for them to pour this ability from those experiences into their body if they have an unmusical constitution of the ear. There, in the fine structure of the organs of our outer physicality, you see the limit that has been set for us; it exists because we are dependent on descending into the same body every morning.
[ 28 ] Die Frage muß aufgeworfen werden: Sind solche Erlebnisse, die bei der Umwandlung in Fähigkeiten die Grenze finden am äußeren Leib, ohne Bedeutung für das Leben und für die Entwicklung des Menschen? Diese Frage können wir nicht beantworten, wenn wir innerhalb des Lebens zwischen Geburt und Tod stehenbleiben. Wir können sie nur beantworten, wenn wir mit den tiefen Erkenntnissen der Geisteswissenschaft hinausgehen zu dem, was jenseits der geheimnisvollen Pforte liegt, welche wir mit dem Tode durchschreiten. Und so wie wir versuchten, uns aus der Geisteswissenschaft plausibel zu machen, daß sich der Mensch [im Schlafe] nicht in ein Nichts der Bewußtlosigkeit begibt, sondern in eine Geisteswelt, so können wir fragen: Was geschieht mit dem Menschen, wenn er durch die Pforte des Todes geht und nicht wiederkehrt in seine Leiblichkeit? Die äußere Wissenschaft wird ihn nicht verfolgen können; die Geisteswissenschaft aber kann es. Sie kommt zu einem gesetzmäßigen Zusammenhang, der heute noch auf sehr viele Menschen so wirkt, daß sie es als Phantasie, als Torheit, vielleicht als Narretei betrachten: Das Gesetz der Wiederverkörperung, der wiederholten Erdenleben — das nichts anderes ist als die Ausbildung der Erkenntnis, daß Geistig-Seelisches nur von GeistigSeelischem kommen kann.
[ 28 ] The question must be raised: Are such experiences—which, when transformed into abilities, are limited by the physical body—without significance for human life and development? We cannot answer this question if we remain confined to the span of life between birth and death. We can answer it only if, with the profound insights of spiritual science, we venture beyond the mysterious gateway through which we pass at death. And just as we have tried, through spiritual science, to make it plausible that the human being [in sleep] does not enter a nothingness of unconsciousness but rather a spiritual world, so we can ask: What happens to the human being when he passes through the gate of death and does not return to his physical body? External science will not be able to follow him; spiritual science, however, can. It arrives at a lawful connection that still strikes so many people today as fantasy, folly, or perhaps even madness: the law of reincarnation, of repeated earthly lives—which is nothing other than the development of the insight that the spiritual-soul aspect can come only from the spiritual-soul aspect.
[ 29 ] Vor ein paar Jahrhunderten noch haben gelehrte Forscher behauptet, daß aus Flußschlamm Regenwürmer und Fische entstehen könnten. Mit derselben Sicherheit wurde noch früher, im 6. und 7. Jahrhundert, gelehrt, daß aus Materie in faulendem Zustande neues Leben herauswüchse. Wenn man einen Pferdekadaver mürbe schlüge, dann sei die Materie fähig, Bienen aus sich herauswachsen zu lassen, und wenn man das mit einem Ochsenkadaver mache, dann würde er fähig, aus sich Hornissen und Wespen keimen zu lassen. Erst im 17. Jahrhundert lehrte Francesco Redi, daß Lebendiges nur aus Lebendigem entstehen kann. Und das heißt nichts anderes als: Wenn jemand behauptet, aus Flußschlamm entstünden Lebewesen, kann dies nur infolge ungenauer Beobachtung behauptet werden. Aber ebenso muß man sagen: Es rührt auch nur von ungenauer Beobachtung her, wenn wir durch die Geburt einen Menschen ins Dasein treten sehen und glauben, daß er sich alle Eigenschaften und Merkmale von den Vorfahren aneigne. Eine genaue Beobachtung ergibt, daß Seelisch-Geistiges nur von einem anderen Seelisch-Geistigen herrührt, das sich zum Dasein ringt und die Stoffe und Säfte der Umgebung anzieht und sich dadurch entfaltet. So kommt das GeistigSeelische von einem anderen Geistig-Seelischen und hat nichts zu tun mit den vererbten Merkmalen des Körpers. Wenn also ein Kind ins Dasein tritt, so muß man sein Geistig-Seelisches zurückführen auf ein anderes GeistigSeelisches. Es hat nichts zu tun mit der Ahnenreihe. Die Gesichtszüge und so weiter wird das Kind von Vater und Mutter erhalten. Aber ebenso werden wir von dem Geistig-Seelischen des Kindes zu einem früheren Geistig-Seelischen geführt, denn vom Geistig-Seelischen des Kindes werden wir nicht zu den Eigenschaften der Ahnen geführt werden. So weist uns die Geisteswissenschaft zurück in das eigene frühere Erdenleben.
[ 29 ] Just a few centuries ago, learned researchers claimed that earthworms and fish could arise from river mud. With the same certainty, it was taught even earlier, in the 6th and 7th centuries, that new life sprang from decaying matter. If a horse carcass were beaten to a pulp, the matter would be capable of producing bees, and if the same were done with an ox carcass, it would be capable of producing hornets and wasps. It was not until the 17th century that Francesco Redi taught that living things can arise only from living things. And this means nothing other than: If someone claims that living beings arise from river mud, this claim can only be based on inaccurate observation. But one must also say: It is likewise based solely on inaccurate observation when we see a human being come into existence through birth and believe that he acquires all his characteristics and traits from his ancestors. Careful observation reveals that the soul-spiritual can only originate from another soul-spiritual entity that struggles to come into being, draws in the substances and vital forces of its surroundings, and thereby unfolds. Thus, the spiritual-soul aspect comes from another spiritual-soul aspect and has nothing to do with the inherited physical characteristics. So when a child enters into existence, one must trace its spiritual-soul aspect back to another spiritual-soul aspect. It has nothing to do with the ancestral line. The child will inherit facial features and so on from its father and mother. But in the same way, the child’s spiritual-soul nature leads us back to an earlier spiritual-soul nature, for the child’s spiritual-soul nature does not lead us to the characteristics of the ancestors. Thus, spiritual science leads us back to our own earlier earthly life.
[ 30 ] Wir reden also von wiederholten Erdenleben. Dieses jetzige Leben ist die Wiederholung von unzähligen früheren Leben und ist Voraussetzung für die Zukunft. Dieses Gesetz der wiederholten Erdenleben spielt heute dieselbe Rolle wie im 17. Jahrhundert Redis Gesetz. Damals entging Redi mit knapper Not dem Schicksal Giordano Brunos. Heute gilt derjenige, der von dem Gesetz der Wiederverkörperung spricht, als ein ebenso gewaltiger Ketzer wie damals Redi für diejenigen, die am Alten festhalten wollten. Damals war die Verbrennung von Ketzern Mode. Heute ist es Mode, diejenigen, die neue Gesetze lehren, zu verurteilen als Narren und Phantasten. Aber es wird mit dem Gesetz der wiederholten Erdenleben so gehen wie mit dem Gesetz Redis. Es wird eine Zeit kommen, wo die Menschen gar nicht werden begreifen können, wie man jemals glauben konnte, daß ein Mensch seine Fähigkeiten nur von seinen Vorfahren ererbt habe. Goethe sagt über sich:
[ 30 ] So we are talking about repeated earthly lives. This present life is the repetition of countless previous lives and is a prerequisite for the future. This law of repeated earthly lives plays the same role today as Redi’s law did in the 17th century. Back then, Redi narrowly escaped the fate of Giordano Bruno. Today, anyone who speaks of the law of reincarnation is considered just as much of a heretic as Redi was back then to those who wanted to cling to the old ways. Back then, burning heretics was the norm. Today, it is fashionable to condemn those who teach new laws as fools and dreamers. But the law of repeated earthly lives will fare just as Redi’s law did. A time will come when people will not even be able to comprehend how anyone could ever have believed that a human being inherited his abilities solely from his ancestors. Goethe says of himself:
Vom Vater hab’ ich die Statur,
Des Lebens ernstes Führen,
Von Mütterchen die Frohnatur,
Und Lust zu fabulieren.
[...]
Was ist denn an dem ganzen Wicht
Original zu nennen?
From my father I got my build,
A serious approach to life,
From my mother, her cheerful nature,
And a love of storytelling.
[...]
What, then, about this little fellow
Can truly be called original?
[ 31 ] Versuchen Sie, ob Sie herausdividieren können, was original zu nennen ist und was er sich erworben hat aus der Vererbungslinie, um diejenigen Eigenschaften zu erhalten, durch die er der Menschheit etwas bedeutet.
[ 31 ] Try to determine what can be called innate and what he has acquired through his lineage, in order to identify the qualities that make him significant to humanity.
[ 32 ] So sehen wir, daß wir den Ausblick haben auf ein Gesetz, das sich einverleiben will der Menschenkultur und der Menschenbildung — ein Gesetz, das man heute noch als phantastisch bezeichnen mag, von dem man aber später sagen wird: Es ist nicht zu begreifen, wie jemals die Menschen etwas anderes haben glauben können als die Entwicklung der Menschheit im Sinne dieses Gesetzes. Wenn wir das Leben so auffassen, dann können wir fragen: Was machen wir mit den Erlebnissen, die wir innerhalb der Grenzen unserer Leiblichkeit nicht umwandeln können in Fähigkeiten? Was machen wir, wenn wir im Leben durch musikalische Erlebnisse uns musikalische Fähigkeiten hätten aneignen wollen und Grenzen gefunden haben an einem unmusikalischen Ohr? Wenn wir durch den Tod gehen, dann legen wir den Leib ab, dann leben wir in einer rein geistigen Welt, in der wir nunmehr in der ganzen Zeit zwischen Tod und neuer Geburt die Vorbereitung pflegen, um durch die neue Geburt ganz andere, höhere Fähigkeiten in das Leben hineintragen zu können. Jetzt haben wir die Möglichkeit, einen neuen Körper uns aufzubauen, mitzuarbeiten und plastisch zu gestalten an unserer neuen Körperlichkeit. Dann haben wir im Hinblick auf die neue Geburt nunmehr für die Gestaltung so vorzusorgen, daß wir das im neuen Leben in Fähigkeiten umwandeln, was im vorigen Leben versäumt wurde, und daß wir das, was wir nicht zu unserer Vervollkommnung verwenden können, durch wechselnde Zustände umwandeln in immer höhere Gestaltung. So schreiten wir fürwahr von Leben zu Leben. Wenn wir auch durch andere Einflüsse Rückschläge erleiden können, so ist das Leben im Ganzen doch aufsteigend, und was wir verwerten in späteren Lebensläufen, ist produktiv, schöpferisch und aufbauend für unser Wesen.
[ 32 ] Thus we see that we have the prospect of a law that seeks to become an integral part of human culture and human education—a law that one might still describe as fantastical today, but of which one will later say: It is inconceivable how people could ever have believed anything other than that the development of humanity proceeds in accordance with this law. If we view life in this way, then we can ask: What do we do with the experiences that we cannot transform into abilities within the limits of our physicality? What do we do if, in life, we wanted to acquire musical abilities through musical experiences but encountered limitations due to a lack of musical ear? When we pass through death, we shed the body; we then live in a purely spiritual world, where we now spend the entire time between death and a new birth cultivating the preparation necessary to bring entirely different, higher abilities into life through the new birth. Now we have the opportunity to build a new body for ourselves, to collaborate in and actively shape our new physical form. Then, with a view to the new birth, we must now make provisions for this shaping so that we can transform into abilities in the new life what was neglected in the previous life, and so that we can transform what we cannot use for our own perfection into ever higher forms through changing states. Thus we truly progress from life to life. Even if we may suffer setbacks due to other influences, life as a whole is nevertheless ascending, and what we utilize in later lifetimes is productive, creative, and edifying for our being.
[ 33 ] Wir können fragen: Welches sind die wichtigsten, bedeutungsvollsten Fähigkeiten, die ein Mensch erringen kann? Wir blicken dabei auf das Leben solcher Personen, die für die Menschheit deutlicher sichtbar dastehen als andere. Betrachten wir die Schöpfungen eines großen Künstlers, eines Raffael oder eines Michelangelo. Solche Schöpfungen sind entstanden durch Wechselwirkung mit der äußeren Welt. Der Sieg über den Stoff ist es, was von den Wänden herab zu uns spricht, die Seelen erhebt und Befriedigung bringt. Aber dann lenken wir den Blick auf andere Tatsachen, zum Beispiel auf Leonardos Bild «Das Abendmahl». Goethe hat es in seiner Jugend noch in voller Schönheit gesehen, jetzt ist es zerstört. Wenn wir das bedenken, dann wird sicher der Gedanke naheliegen, der unzweifelhaft wahr ist. Alles, was bedeutende Menschen hineingezaubert haben in solche Werke, das ist dem Untergang geweiht, ist zum Schicksal verurteilt, hinabzusinken. Und eine Zeit wird kommen, wo alle diese Werke zu Staub zermalmt sein werden. Wenn aber alles dem Untergang geweiht ist und verschwunden sein wird, wird dann nichts hinübergerettet sein in die Ewigkeit von dem, was auf der Erde gewaltet hat?
[ 33 ] We might ask: What are the most important, most meaningful abilities a person can acquire? In doing so, we look to the lives of those individuals who stand out more clearly to humanity than others. Let us consider the works of a great artist, such as Raphael or Michelangelo. Such works arose through interaction with the external world. It is the triumph over the material that speaks to us from the walls, uplifts our souls, and brings satisfaction. But then we turn our attention to other facts, for example, Leonardo’s painting *The Last Supper*. Goethe saw it in all its beauty during his youth; now it is destroyed. When we consider this, a thought will surely come to mind that is undoubtedly true: everything that great minds have conjured into such works is doomed to perish, condemned by fate to fade away. And a time will come when all these works will be ground to dust. But if everything is doomed to perish and will vanish, will nothing be preserved for eternity of what once reigned on earth?
[ 34 ] Da brauchen wir uns nur klar zu machen, daß Raffael und Michelangelo andere geworden sind, nachdem sie diese Werke hingezaubert hatten. Es entsteht nicht nur etwas, was der Außenwelt mitgeteilt wird, sondern es zieht auch etwas in die menschliche Seele ein. Beim Arbeiten in der äußeren Welt verbindet sich etwas mit der Seele und arbeitet sie um. Was umgearbeitet wird, das ist mit dieser Seele verbunden, und wenn wir wirklich innerlich durchdringen die Prinzipien der Wiederverkörperung, dann sagen wir uns: Mögen verschwinden die Werke, die Raffael in die physische Welt hineingezaubert hat — die Fähigkeit bleibt und wird in einem neuen Dasein neue Fähigkeiten entzünden, und diese werden den Menschen immer weiter von Stufe zu Stufe führen. So sehen wir, daß die Frucht unserer Arbeit sich durch verschiedene Verkörperungen hindurchzieht. Wenn auch unsere äußere Arbeit verschwindet — das, was sie verbindet mit der Seele, das wird mit dieser Seele weiter fortleben. Die Seelen werden die Früchte ihrer Schöpfungen bewahren. Die Schöpfungen werden untergehen, die Seelenfrüchte dieser Schöpfungen leben in den Seelen weiter. Was sind aber die tiefsten, intimsten Fähigkeiten? Es sind solche, die den Menschen fähig machen, hinzuzaubern, was Millionen Seelen erfreut und sich umsetzen kann in die Werke der Kunst und des Lebens. Solche Fähigkeiten hängen zusammen mit den Außenseiten unseres Lebens.
[ 34 ] We need only realize that Raphael and Michelangelo became different people after they had conjured up these works. Not only does something come into being that is communicated to the outside world, but something also enters the human soul. When we work in the outer world, something connects with the soul and transforms it. What is transformed is connected to this soul, and if we truly penetrate the principles of reincarnation inwardly, then we say to ourselves: Let the works that Raphael conjured into the physical world disappear—the ability remains and will kindle new abilities in a new existence, and these will lead human beings ever further, from stage to stage. Thus we see that the fruit of our labor extends through various incarnations. Even if our outer work disappears—that which connects it to the soul will continue to live on with that soul. The souls will preserve the fruits of their creations. The creations will perish, but the fruits of these creations will live on in the souls. But what are the deepest, most intimate abilities? They are those that enable human beings to conjure up what delights millions of souls and can be translated into works of art and life. Such abilities are connected to the outer aspects of our lives.
[ 35 ] Aber etwas gibt es im menschlichen Leben, das mit dem inneren Wesen unserer Seele verwoben ist; es gibt etwas, von dem wir wissen, daß es anders auf uns wirkt als das, was man Trieb, Antrieb, nennen könnte, meinetwillen den Antrieb, aus dem Raffael seine Bilder malte. Triebe wirken in uns, aber wir fühlen, daß Triebe auch etwas an sich haben, das man mit Talent bezeichnen kann. Triebe sind veränderlich, für den Menschen etwas Unbestimmtes, wo der Mensch nicht ganz dabei ist. Niemand kann Maler werden, wenn er nicht besondere Fähigkeiten angesammelt hat. Eines aber ist nicht erworben — das ist etwas, was als Antrieb aus unserem tiefsten, innersten Wesen hervorkommt. Dieser Antrieb kann sich daher nicht darauf beschränken, daß wir ihn äußerlich verwirklichen, sondern er muß sich aus dem Geistigen selber schöpfen, und das ist der Trieb nach Erkenntnis — ein Trieb, der [ganz im Tiefsten] in uns lebt. Wenn die Seele [in der Welt] wirken will, brauchen wir äußere Materialien; für das, was wir den Trieb nach Erkenntnis nennen, brauchen wir nur das Leben selber. Und allein dieser Trieb kann uns anspornen, jene Kraft des Denkens zu entfalten, die uns erlaubt, in die Welt des Vorstellens und Denkens einzudringen und ihre Geheimnisse mit unserem Wesen zu vereinen. Hier ist es, wo wir den Übergang fühlen zwischen Denken und Vorstellen einerseits und Erkennen andererseits.
[ 35 ] But there is something in human life that is interwoven with the inner essence of our soul; there is something that we know affects us differently than what one might call an impulse or drive—for my part, the drive from which Raphael painted his pictures. Instincts are at work within us, but we sense that instincts also possess something that can be described as talent. Instincts are changeable; for human beings, they are something indefinite, something in which the person is not fully present. No one can become a painter unless they have acquired special abilities. One thing, however, cannot be acquired—it is something that springs forth as an impulse from our deepest, innermost being. This impulse cannot, therefore, be limited to our external realization of it; rather, it must be drawn from the spiritual realm itself, and that is the impulse toward knowledge—an impulse that lives [deepest within] us. When the soul wishes to act [in the world], we need external materials; for what we call the impulse toward knowledge, we need only life itself. And this impulse alone can spur us on to develop that power of thought which allows us to penetrate the world of imagination and thought and to unite its mysteries with our very being. It is here that we sense the transition between thinking and imagining on the one hand, and cognition on the other.
[ 36 ] Der Mensch, der glaubt, durch bloßes Denken zur Erkenntnis zu kommen, irrt sich sehr. Nur wer seine Vorstellungen mit einem Inhalt erfüllt, der nicht in der äußeren Welt gegeben ist, wird zur Erkenntnis dessen kommen, was hinter der äußeren Welt steht. Was man sich da im Leben erworben hat, das verbindet sich mit dem innersten Ich, das ist gleichartig mit dem innersten Wesen unseres Ichs. Der Geist [in der Welt] ist gleichartig mit dem Geist in uns selber; da verbindet sich der Geist draußen in der Welt mit dem Geistigen, das wir in uns tragen. Da ziehen wir die höchste Frucht aus dem, was wir im wachen Leben uns aneignen können. Erkenntnis ist die Tätigkeit des Menschen, durch die wir die höchsten Früchte ziehen aus unseren Erlebnissen, es ist diejenige Tätigkeit des Menschen, die sich im Leben umwandelt in Fähigkeiten, für die wir allerdings Grenze über Grenze finden, sie äußerlich im Leben darzustellen. Aber die Erkenntnis bewirkt, daß wir die Fähigkeiten hinübertragen durch den Tod [in die geistige Welt]. Und im Tode gibt die Erkenntnis, weil sie eine zentrale geistige Fähigkeit ist, nicht nur die Sicherheit, daß wir die Früchte des jetzigen Lebens hinübertragen zu immer neu zu erweckenden Vollkommenheiten, sondern sie gibt auch die Sicherheit, daß wir uns Fähigkeiten aneignen, die so lange dauern, wie der Geist selbst — die so lange dauern müssen, weil sie dieselben Merkmale haben wie der Geist. In der Erkenntnis verbinden wir uns mit dem Geiste, und aus dieser Verbindung erwächst nicht nur die Gewißheit, die Unsterblichkeit zu erkennen, sondern die Kraft der Unsterblichkeit zu begründen — in uns selber zu begründen —, so daß wir uns mit der Erkenntnis die Kraft aneignen, unseren Wesenskern durch die Inkarnationen hindurchzutragen. So hängt der Erwerb der Kräfte, die wir als unsterblich betrachten, im innersten Sinne zusammen mit dem, was wir Erkenntnis nennen. Sie ist die Betätigung zwischen Geburt und Tod, die uns gerade über den Tod hinaus die Unsterblichkeit unseres individuellsten Wesens, unseres Ichs gibt, denn dieses individuellste Wesen ist es, was Erkenntnis durch seinen innersten, selbstgewählten Trieb sich aneignen muß.
[ 36 ] The person who believes that he can attain knowledge through mere thought is greatly mistaken. Only those who fill their concepts with content that is not found in the external world will come to know what lies behind the external world. What one has acquired in life becomes connected with the innermost self; it is of the same nature as the innermost essence of our self. The spirit [in the world] is of the same nature as the spirit within ourselves; thus the spirit out there in the world connects with the spiritual essence we carry within us. In this way, we derive the highest benefit from what we can assimilate in our waking life. Insight is the human activity through which we derive the highest benefits from our experiences; it is that human activity which, in life, is transformed into abilities—though we encounter limit after limit in expressing them outwardly in life. But insight enables us to carry these abilities across through death [into the spiritual world]. And in death, because insight is a central spiritual ability, it not only provides the certainty that we carry the fruits of this present life over into ever-renewed perfections, but it also provides the certainty that we acquire abilities that last as long as the spirit itself—abilities that must last that long because they share the same characteristics as the spirit. Through knowledge, we unite with the spirit, and from this union arises not only the certainty of recognizing immortality but also the power to establish immortality—to establish it within ourselves—so that, through knowledge, we acquire the power to carry our essential core through the incarnations. Thus, the acquisition of the powers we regard as immortal is, in the innermost sense, connected with what we call knowledge. It is the activity between birth and death that grants us, precisely beyond death, the immortality of our most individual being, our “I,” for it is this most individual being that must acquire knowledge through its innermost, self-chosen impulse.
[ 37 ] Innerlich verwandt ist für den Menschen Erkenntnis und Unsterblichkeit. Wahr ist es, was die Geistesforscher von Zeiten zu Zeiten immer überliefert haben: Der Mensch hat ein Leben, das in die Ewigkeit einfließt, aber nur durch all die [Kräfte], die [durch das Leben in der] Stoffeswelt in ihm veranlagt worden sind. — Wahr ist es, was die Geistesforscher sagen: Nirgends kannst du draußen im Raum das finden, was dir Bürge sein kann für diese Unsterblichkeit. Einzig und allein, wenn du durch Erkenntnis zu dem dringst, was in dir als Mittelpunkt, als Geist lebt, gewinnst du in dir den innigen Zusammenhang zwischen dem, was du im edelsten Sinne anstrebst, und dem, was an Erkenntnis in dir schafft zu immer fortdauernder Erhöhung deines Wesens. — So sehen wir an der Erkenntnis, daß sie nicht nur die Neugierde befriedigt, sondern daß sie arbeitet an unserer Seele, daß sie die Seele umarbeitet, wie die äußere Erkenntnis die Naturkräfte umarbeitet. Erkenntnis ist eben das, was wahr macht, was uns die Geistesforschung in folgenden Worten überliefert:
[ 37 ] For human beings, knowledge and immortality are intrinsically linked. It is true what spiritual researchers have handed down from time to time: Human beings have a life that flows into eternity, but only through all the [forces] that have been instilled in them [through life in the] material world. — It is true what the spiritual researchers say: Nowhere out there in space can you find anything that can serve as a guarantee of this immortality. Only and exclusively when you penetrate, through knowledge, to that which lives within you as the center, as the spirit, do you gain within yourself the intimate connection between what you strive for in the noblest sense and the knowledge that works within you to bring about the ever-continuing elevation of your being. — Thus we see in knowledge that it not only satisfies curiosity, but that it works upon our soul, that it transforms the soul just as external knowledge transforms the forces of nature. Knowledge is precisely what makes true what spiritual research conveys to us in the following words:
Wesen reiht sich an Wesen in den Raumesweiten,
Wesen folgt auf Wesen in den Zeitenläufen.
Willst du dringen aus der Vergänglichkeit Reich
In das Gebiet des Ewigen,
So schließe den Bund mit der Erkenntnis,
Denn nur so findest du das Ewige
In dir, das Ewige außer dir
Jenseits aller Raumesweiten,
Jenseits aller Zeitenläufe.
Beings follow one another in the vastness of space,
Beings follow one another in the flow of time.
If you wish to break free from the realm of transience
And enter the realm of the Eternal,
Then make a covenant with this knowledge:
For only thus will you find the Eternal
Within yourself, the Eternal beyond yourself
Beyond all expanses of space,
Beyond all the flow of time.
