Erkenntnis und Unsterblichkeit
GA 69b
24 Mai 1910, Hamburg
2. Erkenntnis und Unsterblichkeit
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Mit dem Worte «Erkenntnis» verbindet der Mensch etwas, was in ihm zweifellos die Empfindung hervorruft, daß es etwas ist, was sich zielvoll und mit der ganzen menschlichen Bestimmung zusammenhängend in das Leben hineinstellt. Und innig mit dieser Empfindung verknüpft ist diejenige, daß sich der Mensch durch das Erwerben von Erkenntnis eine Stellung innerhalb seines Daseins und innerhalb der ganzen menschlichen Entwicklung verschafft, die seiner eigentlichen Bestimmung, seinen Zielen entspricht.
[ 2 ] Nun kann man ja bei den Erkenntnisgebieten, die im Zusammenhang mit der Erforschung der Natur, vielleicht auch mit der Erforschung gewisser Zweige des Menschenlebens stehen, sehr bald sehen, daß sie uns Gesetze an die Hand geben, daß sie uns gewisse Kräfte der Naturwirksamkeit oder anderer Wirksamkeiten zeigen, durch die wir in die Lage kommen, in das Leben einzugreifen. Wir brauchen uns nur einmal vorzuhalten, wie uns die Naturerkenntnisse in gewisser Beziehung zu Herren der Naturkräfte machen, wie Naturgesetze, die wir erkennen, uns in den Stand setzen, uns mit Werkzeugen und Apparaten zu versehen, welche das Leben erhöhen und den Menschen im Dasein weiterführen. Und wenn wir uns die entlegensten Erkenntnisgebiete vor die Seele treten lassen — wir werden irgendwo den Zusammenhang fühlen zwischen den Gesetzen, die wir uns durch Erkenntnis aneignen, und den Verrichtungen, durch die wir unser Leben in nützlicher, zielvoller Weise erhöhen, so daß wir bei solchen Erkenntnissen, die sich unmittelbar umsetzen in unser Tun und unsere Handlungen, ohne weiteres einsehen, daß sie nicht bloß unsere Neugierde befriedigen, nicht bloß einem gewissen Trieb zu wirken entsprechen, sondern daß sie aus dem viel höheren Trieb hervorgehen, das Leben und das Dasein immer vollkommener und vollkommener zu gestalten. So erhalten wir diesen Erkenntnissen gegenüber das Gefühl, daß sie eine gewisse Mission, eine Aufgabe in unserem Leben haben.
[ 3 ] Nun weiß aber jeder, daß es noch andere Erkenntnisgebiete gibt, bei denen dem Menschen, wenn man an diese Mission denkt, das in einem allerdings noch viel höheren Grade vor die Seele tritt, was wir Menschenwürde und Menschenbestimmung, Menschenheit und Menschenbeseligung nennen können. Das aber sind Erkenntnisse, die — in der eben geschilderten Weise — nicht unmittelbar anwendbar sind auf die Zwecke und Ziele des praktischen Lebens. Das sind Erkenntnisse, von denen man sagt, daß der Mensch sie sich um ihrer selbst willen aneigne. Der Mensch fühlt, daß er einen Trieb hat, die Geheimnisse des Daseins zu erforschen und zu erkennen; er fühlt, daß Erkenntnis einfach aufklärend ist. Sie ist etwas, was die Seele auch dann befriedigt, wenn sie diese Erkenntnis nicht unmittelbar anwenden kann, sie sozusagen nicht zu äußeren Instrumenten und Werkzeugen schmieden kann oder zu Handlungen des täglichen Lebens, die mit den äußeren Menschheitszielen zusammenhängen.
[ 4 ] Eine Erkenntnis um ihrer selbst willen, eine Erkenntnis, die aus einem tiefen Bedürfnis der Menschenseele herauswächst und die den Menschen durch sich selber befriedigen soll — eine solche Erkenntnis sucht der Mensch, und er sucht sie umso mehr, je tiefer sich die inneren Bedürfnisse seiner Seele entwickeln. Er sucht sie vielleicht weniger, wenn er sich hineingestellt fühlt in ein Leben, das von Ereignis zu Ereignis, von Sensation zu Sensation, von Arbeit zu Arbeit im alltäglichen Leben treibt. Er sucht sie vielleicht weniger, wenn das Leben ihn zerstreut und fortwährend durch seine äußeren Ansprüche ihn voll beschäftigt. Aber namentlich in jenen Augenblicken, in denen der Mensch — vielleicht nicht einmal durch seinen eigenen Willen, sondern durch jene Ereignisse und Erlebnisse, die uns aus dem alltäglichen Leben herausreißen —, still in sich selber sein kann, da erwacht der Trieb nach solchen anderen Erkenntnissen. Es sind vielleicht Stunden, in denen der Mensch große Verluste im Leben erleidet, Augenblicke, wo ihm vielleicht Teuerstes entrissen wird, wo er seine Lebenshoffnungen glaubt gescheitert sehen zu müssen. Es sind Augenblicke, wo eine Sehnsucht in der Seele erwacht, die niemals befriedigt werden kann durch das äußere Leben. Und es sind die Menschen, die diese Erkenntnisbedürfnisse haben, die nach und nach dazu kommen, ihr Seelenleben immer mehr und mehr zu vertiefen. Solche Menschen fangen dann an einzusehen, zunächst durch das bloße Gefühl, durch Empfindung, daß Erkenntnisse, die weitab liegen vom Alltäglichen, wirken können wie eine Mut- und Kraftgabe da, wo der Mensch schwach wird, ja, daß solche Erkenntnisse wie Balsam wirken können da, wo die Seele trostlos und schmerzerfüllt ist. Ja, dann kann sich die Seele bis zu einem Punkt entwickeln, wo sie fühlt, daß sie ohne eine solche Erkenntnis nicht leben möchte, daß ihr das Dasein wertlos und öde erscheint ohne eine solche Erkenntnis.
[ 5 ] Wenn man über solch ein Erlebnis der menschlichen Seele nachdenkt, dann mag der Gedanke kommen: Wenn man schon an den alltäglichen Erkenntnissen, zum Beispiel bei den Naturerkenntnissen oder bei Erkenntnissen der Gesetze des menschlichen Zusammenlebens oder dergleichen, fühlt, daß sie ihre Aufgabe erst erfüllen, wenn sie nicht nur die Neugierde unseres Gehirns befriedigen, sondern wenn sie die Kraft unserer Hände anspornen und uns veranlassen, die Hände zu regen im irdischen Dasein, dann könnte man fragen, mit welchen Aufgaben des Menschen, mit welchen Zielen denn die anderen Erkenntnisse zusammenhängen, von denen man so leicht meint, sie seien um ihrer selbst willen da und sie fänden keine unmittelbare praktische Bestätigung? Haben solche Erkenntnisse überhaupt keine Aufgabe, einzugreifen in das menschliche Leben und etwas anzuregen, was zu Taten, zu Handlungen führt? Das ist die große Frage, die man sich über die Erkenntnis und ihre Aufgabe im Leben stellen kann.
[ 6 ] Wenn man sich klar ist, wie die Seele in ihrem Zustand der Unbefriedigung am äußeren Dasein die Notwendigkeit der Erkenntnis fühlt, wenn man also eine gewisse Einsicht sich erringt, daß dem innersten Wesen unserer Seele diese intime Erkenntnis notwendig werden kann, dann wird man sich Gedanken machen, daß eine solche über das unmittelbar äußere Leben hinausragende Erkenntnis zusammenhängen muß mit den höchsten Eigenschaften, mit den höchsten Bestrebungen unseres Menschseins, mit anderen Worten mit dem Wesen des Menschen selbst. Und man wird bald bemerken, daß man den Zusammenhang suchen muß zwischen dem, was der Mensch Erkenntnis im höheren Sinne nennt, und dem eigentlichen Wesen des Menschen. Dann aber wird man sein Suchen nach Erkenntnis nach einer solchen einmal gewonnenen Einsicht einzurichten haben. Man wird sich sagen: Du mußt das Suchen so einrichten, daß Rücksicht genommen wird auf das tiefste, innerste Wesen des Menschen. Wer glaubt, daß sich alles Dasein allein in der äußeren Sinneswelt erschöpft, daß alle Wissenschaft sich erschöpft in den Erkenntnissen, die wir gewinnen durch verstandesmäßige Bearbeitung der äußeren Sinneserscheinungen, kurz, wer da glaubt, daß äußere Lebensbeobachtung und die auf äußeres Sein gerichtete Wissenschaft die alleinige Wissenschaft sein kann, der wird wenig geeignet sein, sich Antwort zu geben auf die eben aufgeworfene Frage.
[ 7 ] Die Möglichkeit, auf diese Frage nach und nach zu antworten, gibt uns eine andere Wissenschaft, die sogenannte Geisteswissenschaft oder «Theosophie» — wenn man diesen viel mißbrauchten und viel mißverstandenen Ausdruck gebrauchen will —, die Wissenschaft, die sich auf das Geistige, auf das über die sinnliche Welt Hinausgehende bezieht; sie gibt sich der Forschung hin, die uns allein zu dem Wesen des Menschen führen kann. Mit Hilfe dieser Wissenschaft kann man fühlen, daß das innerste Wesen des Menschen aus dem Geiste stammt und daß das, was in uns das Beste ist — das uns eigentlich regierende Wesen —, ein Geistiges ist. Erforschen kann dieses unser innerstes Wesen nur die Geisteswissenschaft, und so kann man auch hoffen, daß man durch diese Geisteswissenschaft eine Erkenntnis gewinnt von dem wirklichen Wesen des Menschen und daß man auf diese Weise den geheimnisvollen Untergrund findet, der sich sonst im Leben nur durch ein dunkles Gefühl kundgibt, das sagt: Ich will eine Erkenntnis, die mir etwas gibt, was alles andere mir nicht geben kann.
[ 8 ] Die Geisteswissenschaft befolgt allerdings andere Methoden, sucht andere Wege als die gewöhnliche äußere Wissenschaft, aber in unserer heutigen Zeit ist noch wenig Neigung vorhanden, in ihr etwas anderes zu sehen als verschrobene oder traurige Verirrungen einzelner Menschen. In weiten Kreisen ist man sich noch nicht bewußt, daß diese Geisteswissenschaft mit denselben strengen Mitteln der Erkenntnis arbeitet, mit denen auch die Naturwissenschaften arbeiten, daß sie dieselben strengen Mittel der Erkenntnis anwendet, aber nur auf ein anderes Gebiet, also eben nicht auf das Gebiet des äußeren Naturlebens, sondern auf das geistige Leben. Wir werden im Laufe des Vortrages auf einiges hinweisen können, was die Menschen hineinführt in die geistigen Welten und auf die Methoden, wodurch der Mensch einen Einblick in die andere, die übersinnliche Welt erhält. Den Ausgangspunkt aber wollen wir nehmen aus dem Alltäglichen. Durch vernunftgemäßes Aufsteigen vom alltäglichen Leben, also auch aus der bloßen Vernunft heraus, kann man ja eine Art Ahnung bekommen von einer Möglichkeit, zur Erkenntnis der geistigen Welt zu kommen.
[ 9 ] Wie kündigt sich das denn im äußeren Leben des Menschenwesens an? Fassen wir das Menschenwesen an vier bedeutungsvollen Punkten, von denen zwei uns gewöhnlich nicht zum Bewußtsein kommen, weil man sie gewohnheitsmäßig erlebt. Zwei andere Dinge aber sind es, welche — das eine fragend, das andere erschütternd — in jedes Leben eingreifen. Diese vier Dinge werden bezeichnet als Wachen und Schlafen, als Leben und Sterben. In diesen vier Worten liegt im Grunde genommen alles Geheimnisvolle des menschlichen Lebens. Wer sich befriedigende Aufklärung zu verschaffen vermag, wird sehen, daß es licht und klar wird um die Dunkelheiten des Lebens. Wachen und Schlafen wechseln ab in unserem alltäglichen Leben. Vom Aufwachen bis zum Einschlafen steigen in unserer Seele Eindrücke auf und ab, welche wir unserem Verstande verdanken. Wir wissen, daß wir während des Schlafzustandes uns abschließen von Lust und Leid, Trieb und Begierde. So sehen wir unser Leben sich abspielen vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Dann sehen wir beim Einschlafen alle Erlebnisse und Betätigungen der Seele in ein unbestimmtes Dunkel hinuntersteigen. Alle Wahrnehmungen und Vorstellungen sinken hinunter. Wir sind wie von einer Ohnmacht befallen; wir hören auf, mit der Umwelt in Verbindung zu stehen. Da fühlen wir uns aus dem Bewußten ins Unbewußte versetzt.
[ 10 ] Was tritt nun eigentlich ein, wenn der Mensch diesen Augenblick des Einschlafens erlebt? Nur eine Meinung, die sich nicht an die Gesetze der Logik hält, kann glauben, daß die ganze Welt, die da abends ins Dunkel sinkt, des Morgens neu entsteht, daß also alles neu entsteht, was der Mensch in der physischen Welt zurückgelassen hat. Die Frage muß sich jeder vorlegen: Wo ist eigentlich dasjenige, was während des Tagwachens gedacht, gesonnen, was als Lust und Leid und Schmerz empfunden wird, was die Kraft in sich spürt, zu Handlungen überzugehen — wo ist das? Es ist doch nicht schwierig einzusehen, daß das, was wir als das eigentliche Innere des Menschen bezeichnen können, was wir fühlen als inneren Antrieb, [beim Einschlafen] nicht einfach hingeschwunden sein kann und [nach dem Aufwachen] neu erstehen muß. Es ist deshalb auch nicht schwierig, sich das begreiflich zu machen, was der Geistesforscher aus seinen Forschungen heraus sagen muß. Er sagt: Das, was im Bette liegen bleibt, dieser Mensch, ist nicht der ganze Mensch. Dieser Mensch, der in der Nacht schläft, hat aus sich heraus das entlassen, was bei Tag das innerste Wesen ausmacht. — Wie kommt es, daß man das, was herausgeht, nicht sieht und nicht beobachten kann? Ein jeder kann sich die Antwort geben: Man kann es ebenso wenig beobachten, wie ein Blinder Farben beobachten kann. Wer behauptet, da sei nichts, was aus dem Leib heraustritt und was in der Nacht außerhalb des Leibes ist, der gleicht ganz dem Blinden, der da sagt: Ach, was erzählt ihr von euren törichten Phantastereien, von roter und blauer Farbe; das gibt es nicht! Was man nicht wahrnimmt, das gibt es nicht.
[ 11 ] Gewiß, das erforschen, was sich den Sinnen entzieht, das kann nur die Geisteswissenschaft. Aber einen gewissen Anfang macht zuweilen schon das alltägliche Bewußtsein, allerdings nur in gewissen abnormen Ausnahmezuständen des menschlichen Lebens. Es gibt Erlebnisse, die eigentlich ein jeder Mensch haben könnte, die er auch öfter hat, als er glaubt, die aber nur kurz dauern und deshalb von den meisten Menschen nicht bemerkt werden, weil die äußeren Eindrücke zu betäubend auf die Seele wirken. Es gehört eine gewisse Praxis und innere Seelenruhe, eine besondere Schulung zu geistiger Forschung dazu, wenn der Mensch solche Augenblicke haben soll. Es gibt Menschen, die solche Augenblicke haben und die schildern, daß sie im Moment des Einschlafens etwas erleben können, was für gewöhnlich nicht erlebt wird. So wie Chemiker irgendeinen chemischen Vorgang beschreiben, so beschreiben Beobachter auf diesem Gebiet das, was sie im Moment des Einschlafens erleben.
[ 12 ] Sie erleben da gleichsam eine Art von Sich-Entfremden von allem, was sie im Sinnesleben tun. Sie erleben die Ohnmacht, die Hände zu bewegen, sie fühlen die Ohnmacht, die Zunge zu bewegen; sie fühlen, wie die Sinne nach und nach die Fähigkeit verlieren, mit der Außenwelt eine Wechselwirkung herzustellen. Und dann fühlt der Mensch in einer besonders peinlichen Weise, wie mit argen Selbstvorwürfen, alles, was er selber an Fehlern und Unrichtigkeiten begangen hat. Und dann kommt der Moment, wo eine Art Erleben eintritt, welches sich frei weiß von der Notwendigkeit äußerer Sinneswahrnehmungen, welches aber nicht bewußtlos ist, sondern fühlt, daß die Seele in der [geistigen] Welt ist: Das ist ein subjektives Gefühl. Es ist stärkeres Licht, größere Klarheit vorhanden, als jemals im äußeren Sinnesleben da sein kann. Ein beseligender Moment des Sich-frei-Fühlens tritt ein. Dann folgt bei denen, die gewöhnliche Beobachter sind, etwas, was sich wie ein schnelles Zucken ausnimmt, von dem man das Bewußtsein hat: Jetzt hat sich das abgetrennt von der äußeren Leiblichkeit, was am Tage die Hände und Füße durchzogen hat, um zu arbeiten, was in den Augen gelebt hat, was im Gehirn gelebt hat — jetzt hat es sich losgerissen. Dann aber tritt das ein, was man Übergang in Bewußtlosigkeit nennen kann. Ein kurzes intensives Gefühl stellt sich ein, verbunden mit dem Wunsche: Ach, könnte dieser Moment doch ewig dauern!
[ 13 ] Das sind Erlebnisse, die ebenso zu den Tatsachen gehören wie irgendwelche andere. Die darf man nicht abtun damit, daß man sagt, solche Erlebnisse hätten nur einzelne Menschen, welche eine besondere subjektive Ekstase in ihrer Seele erleben würden, weil sie ein abnormes Seelenleben hätten. Widerlegen kann man diese Zweifel nicht anders, als indem man sagt: Ja, aber die Geisteswissenschaft weiß wiederum aus ihren Mitteln und ihren Methoden heraus, daß sie recht hat, wenn sie sagt: Beweisen kann ich das nicht, nur gewisse Menschen erleben es; auch du kannst es selbst erleben, wenn du methodisch versuchst, durch ganz normale Erziehungsmittel der Seele inneres Gleichgewicht in deiner Seele auszubreiten. — Man würde allerdings nicht sonderlich weit kommen, wenn man bloß solche Raritäten menschlicher Beobachtungsfähigkeit anführen könnte. Was allein zur Forschung, zur Wissenschaft auf diesem Gebiete führen kann, das ist die methodische Schulung, durch die für den Menschen wirklich das eintreten kann, was ihn fähig macht, fast wie durch Zufall, das Einschlafen bewußt zu erleben. Wenn es eine solche Wissenschaft geben soll, muß es möglich sein, nicht nur auf solche abnorme Raritäten angewiesen zu sein, sondern das, was fast wie Zufall auftritt, systematisch und mit vollem Bewußtsein der Seele wirklich zu erleben. Das heißt, es muß möglich sein, dieses Herausgehen des realen inneren Wesens des Menschen zu schauen, wahrzunehmen und zu erforschen, indem verhindert wird, daß der Mensch gerade dann, wenn er wahrnehmen will, was von ihm leibfrei ist, in die Unmöglichkeit versetzt ist, es zu beobachten, weil er bewußtlos ist.
[ 14 ] Wie ist es also möglich, das kennenzulernen, was der Mensch sonst nur bewußtlos durchlebt — die Geisteswelt, in der er sich [während des Schlafes] befindet? Wenn das auf einer höheren Stufe erreichbar wäre, was sich vergleichsweise darstellt wie [das Erleben] eines Blindgeborenen, der durch eine Operation sehend wird, wenn es wahr wäre, daß in der Seele Kräfte liegen, die im äußeren Leibe nicht hervorkommen können, die aber im Menschen schlummern und die durch gewisse Methoden — Selbstzucht und Schulung der Seele — herausgeholt werden können, dann könnte der Moment eines höheren, geistigen Schauvermögens eintreten, und dann könnte es sein, daß der Mensch das erleben könnte, von dem er sich sagen muß: Ich weiß, daß es eine geistige Welt gibt.
[ 15 ] Diese Möglichkeit gibt es, wenn der Mensch das fortsetzt, was wir als natürliche Vorbedingung hervorgehoben haben: das Ausgießen von Ruhe und innerem Gleichgewicht in die Seele. Und wenn wir in unserer Seele immer mehr und mehr dafür tun, daß diese auch Erlebnisse haben kann, die sie nicht durch äußere Eindrükke empfängt, dann bringen wir die Seele dahin, selbst wahrzunehmen. Ich kann hier alles nur kurz schildern, aber in meinen Aufsätzen «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in meinem Buch «Die Geheimwissenschaft im Umriß» werden Sie das genauer auseinandergesetzt finden. Es ist gewiß kein Märchen, sondern es kann bestätigt werden von denen, die es erreicht haben, daß die Seele des Menschen in der Lage ist, bewußt, mitten im alltäglichen Leben, den Moment des Einschlafens zu erfahren. Man kann das charakterisieren mit den Worten: Wir können jenen Moment herbeiführen, wo wir bewußt und willkürlich unterdrücken die äußeren Eindrücke, wo wir uns mit unserem Wahrnehmungsvermögen dem entziehen, was als Licht, Farbe und Ton, als Wärme und Kälte, selbst was als Druck und Stoß, als Schmerz und Freude auf uns Eindruck macht. — Wenn wir also imstande sind, durch eine starke Willenskultur allen äußeren Eindrücken Stillstand zu gebieten, dann sind wir auch imstande, unsere Seele bewußt so leer zu machen, wie wir sie leer machen, wenn wir in die Bewußtlosigkeit des Schlafes hinuntersinken. Wahr ist es, daß derjenige, der den starken Willen erregt, bewußt die äußeren Eindrücke auszuschalten, in die Lage kommt, bewußt hinüberzuleben in einen Zustand, wo er zwar leer ist von dem Ausdruck seiner Seele, aber trotzdem innerlich durchzogen und durchwoben ist von dem, was wir nennen können innere Aktivität, innerliches Bewußtsein dafür, daß wir etwas sind und daß wir etwas tun können. Allerdings, was bis jetzt hervorgehoben worden ist von solchen Anstrengungen, das führt dazu, eine leere Seele zu haben, die zwar nicht unbewußt ist, aber deren Bewußtsein zusammengezogen ist in die Grundempfindung: Du bist da, aber hast nichts in dir; du hast dich, aber es ist nichts in dir.
[ 16 ] Ein Zweites ist nötig, wenn der Mensch eindringen will in die geistigen Welten. Es ist nötig, daß er jetzt nicht mehr leer bleibt in seiner Seele. Wenn nichts hineindringen könnte in seine Seele, dann gäbe es gar kein Mittel, das den Menschen im wissenschaftlichen Sinne jemals zur Überzeugung von einer geistigen Welt bringen könnte. Wenn bei einem solchen Versuche, der die äußeren Eindrücke ausschaltet, die Seele ganz leer bleiben würde, dann wäre das ein tatsächlicher Beweis, daß die äußere Sinneswelt das Um und Auf allen Daseins ist. Wer aber Geistesforscher werden will, der setzt diese Arbeit der Selbstzucht und der Erziehung seiner Seele fort, der versucht nun durch starken Willen solche Vorstellungen wachzurufen, die sinnbildliche Vorstellungen genannt werden können, die keine äußeren Dinge abbilden, sondern andere Eigenschaften haben. Der Mensch wird, wenn er sich der Meditation und der Versenkung hingibt, fühlen und erfahren, daß diese Vorstellungen ebenso aus den Tiefen seiner Seele Gefühle und Empfindungen hervorrufen, wie äußere Eindrücke Lust und Unlust hervorrufen.
[ 17 ] Wenn der Mensch also in sich selber ist, wenn er starke, kräftige Vorstellungen in seiner Seele leben läßt, die nichts Äußerliches bedeuten, dann kann er bei genügender Geduld — manchmal dauert es jahrelang — durch Erfahrung erleben, daß sich in seine Seele etwas hineindrängt, von dem er mit Sicherheit weiß, daß es Wirklichkeit ist. Dann fängt er an, eine andere, höhere Welt zu erleben, dann dringt er in die übersinnliche Welt ein. Und immer weiter und weiter kommt er mit seiner Beobachtung. Wenn er einschläft, kann er verfolgen, was sich nunmehr aus der Leiblichkeit zurückzieht und hineinlebt in die geistige Welt und Wirklichkeit und was vom Einschlafen bis zum Aufwachen umgeben ist von dem, woher des Menschen Urheimat stammt — er ist umgeben von der geistigen Welt. Dann sprießt durch sein so geregeltes methodisches Forschen aus seiner Seele die Erkenntnis hervor, daß sich der Mensch mit seinem eigentlichen inneren Wesen beim Einschlafen herauszieht aus seinem äußeren Menschen, daß er weiterlebt in der geistigen Welt und daß er beim Aufwachen wiederum hinuntertaucht in die äußere Leiblichkeit.
[ 18 ] Wenn uns diese Tatsachen von den geistigen Forschern gegeben werden, wie uns eine chemische oder physikalische Wahrheit gegeben wird, so können wir fragen: Gibt es im Leben nicht etwas, wodurch uns die Sache deutlicher, klarer wird? Prüfen wir einmal das Leben, ob das Leben das bestätigt, was der Geistesforscher sagt. Gewiß hat die Mehrzahl der gegenwärtigen Menschen das Recht zu sagen: Nun, wir sind keine Geistesforscher; es mag solche geben, die so etwas behaupten können, aber man müßte das Gesagte doch im Leben bestätigt finden. Prüfen wir deshalb das Leben, setzen wir voraus, es könnte irgend etwas helfen, die Mitteilungen des Forschers zu bestätigen.
[ 19 ] Wir sehen das Leben so verlaufen, daß der Mensch durch die Geburt ins Dasein tritt und durch den Tod aus dem Dasein geht. Wir sehen das Leben wechseln zwischen Schlafen und Wachen. Da fragen wir: Hat das einen inneren Sinn, eine gesetzmäßige Bedeutung, daß der Mensch immer abwechselt zwischen Wachen und Schlafen? — Nun, gewöhnliche Erscheinungen des alltäglichen Lebens könnten den Menschen darauf aufmerksam machen, daß es eine Bedeutung haben muß. Ich nehme keine Rücksicht auf die Hypothesen der Naturwissenschaft, stehe aber auch nicht im Gegensatz zur Naturwissenschaft. Das, was aus der Geisteswissenschaft abgeleitet werden soll, steht in bestem Einklang mit den Tatsachen der modernsten Naturwissenschaft. Das könnte der Geistesforscher immer zeigen. Man darf nur nicht naturwissenschaftliche Meinungen mit naturwissenschaftlichen Tatsachen verwechseln. Die Meinungen sind oft in herbem Widerspruch mit den Tatsachen. Es fehlt leider heute an Zeit, um darauf näher einzugehen. Eine Erscheinung, die hinweisen kann auf das Sinnvolle des Schlafes, tritt uns jeden Tag klar vor Augen: das ist das Phänomen der Ermüdung. Der Mensch ermüdet und fühlt in der Ermüdung, daß die Kräfte erschlaffen. Er fühlt beim Aufwachen, wie gleichsam hineinziehen, hineinströmen die Kräfte, die ihn vom Aufwachen bis zum Einschlafen fähig machen, das Leben zu besorgen. Nimmermehr könnte der Mensch das ersetzen, was er durch die Ermüdung verloren hat, wenn er immer nur im physischen Leib bliebe. Nur dadurch, daß der Mensch abends in eine andere Welt, in die Urheimat seiner selbst eingeht, kann er aus dieser seiner Urheimat die Kräfte herausholen, die er morgens beim Aufwachen in seine Leiblichkeit hineingießt, durch die er alles wieder ausgleicht, was er am vorhergehenden Tage an Kräften verbraucht hat. Die naturwissenschaftliche Hypothese über die Ermüdung soll hier nicht berührt werden. Geistige Kräfte sind es allein, die wir in uns hineingießen müssen, wenn wir das zum Ausgleich bringen wollen, was wir in der physischen Welt, der Sinneswelt, verlieren. Niemals können wir in der Sinneswelt selber diese Kräfte finden. Der Mensch kann fatalerweise Bekanntschaft machen damit, daß er die Kräfte niemals aus der Sinneswelt hervorholen kann, wenn er merkt, was es bedeutet, wenn der Schlaf nicht ausgleichend wirkt. Wir brauchen also den Schlaf, um in die geistigen Reservoire unterzutauchen, aus denen wir die Kräfte herausholen, durch die wir leben können.
[ 20 ] Wir haben gesehen, was der Mensch beim Aufwachen aus dem Schlafzustand heraus mitbringt. Was nimmt er aber mit hinein in den Schlaf? Es sind jene Tatsachen, welche sich zwischen Geburt und Tod abspielen und welche wir einschließen in das Wort: Wir entwickeln uns zu immer neuen Zuständen, zu immer anderen Fähigkeiten. — Was setzt uns in späteren Lebensepochen zu anderen, neuen Fähigkeiten in den Stand? Nehmen wir die Tatsache, daß wir schreiben können, daß wir unsere Gedanken durch die Schrift ausdrücken können. Erinnern wir uns, wie wir uns die Fähigkeit angeeignet haben, zum Beispiel beim Ansetzen der Feder? Es wäre schlimm, wenn alles das im Bewußtsein bliebe, was an Übung dazu nötig war. Wir haben da eine ganze Summe von Erlebnissen hinter uns, die uns eben nicht mehr gegenwärtig sind, nur in der Form, daß sie uns als Resultat fähig gemacht haben, schreiben zu können. Die Erlebnisse haben sich ergossen in die Fähigkeit, schreiben zu können. Was wir in der physischen Welt erfahren haben, das hat — zusammengezogen — die Fähigkeit gebildet, die nun aus dem Inneren herausquillt. Was ist da geschehen?
[ 21 ] Das kann man ermessen an einer einfachen Erscheinung, die sich bei demjenigen zeigt, der es notwendig hat, für seinen Beruf viel auswendig zu lernen. Es wird jeder bemerken, daß er sehr schlecht lernen kann, wenn er sich bemüht, möglichst hintereinander fort und fort zu büffeln und zu ochsen. Aber es wird dann besser gehen, wenn eine Unterbrechung durch einen gesunden Schlaf erfolgt; der wird stärkend wirken und wird das erweitern, was wir gelernt haben und was wir uns zu einem früheren Zeitpunkt angeeignet haben. Bei dem, was unserer Seele so nahesteht wie das Memorieren, merkt man, wie bedeutungsvoll sich der Schlafzustand da hineinmischt. Wer das beobachtet, der wird nicht mehr zweifeln können an dem, was der Geistesforscher sagt. Im Schlafe wird das, was am Tage erlebt worden ist, umgewandelt in Fähigkeit und in Kraft. Das zeigt uns der Geistesforscher, wie das auf allen Gebieten des Lebens der Fall ist. Wir würden nicht schreiben lernen, wenn wir nicht in der Lage wären, die Erlebnisse des Schreibenlernens immer wieder in uns hereinzuziehen und aus ihnen herauszutreten und sie — während des Zustandes zwischen Einschlafen und Aufwachen — umzuweben in Fähigkeiten. In seiner Urheimat findet der Mensch die Kräfte, um Erlebnisse des Lebens in Fähigkeiten umzugießen, umzuweben.
[ 22 ] Wir sehen, daß der Mensch in der Tat etwas aus dem alltäglichen Leben hereinnimmt in seinen Schlaf. Er nimmt das herein, was er sich in der sinnlichen Welt aneignet, damit er seine Kräfte betätigen kann, damit er fruchtbringend wirken kann, denn dort werden die Erlebnisse in Fähigkeiten umgewoben. Heute weiß man von solchen Dingen wenig. Aber es gab Zeiten in der Menschheitsentwicklung, wo die Führer der Menschheit solche Geheimnisse gewußt haben und sie zum Ausdruck gebracht haben in jenen Dichtungen, die keine Alltagsdichtungen sind, sondern die ihre Berechtigung dadurch erweisen, daß sie über Jahrtausende wirken. In jener Kunst, die wirklich dieses Namens wert ist, wirkt die tiefste, wahrhafteste Erkenntnis.
[ 23 ] Nehmen wir einmal an, ein Dichter, der weiß, daß die Erlebnisse des physischen Lebens sich während des Schlafes umwandeln in Fähigkeiten, hätte zum Ausdruck bringen wollen, wie jemand verhindere, daß die Seele sich eine bestimmte Fähigkeit, eine bestimmte Kraft aneigne. Er hätte zum Beispiel zeigen wollen, wie man verhindern könne, die Fähigkeit zum Lieben zu entwickeln. Er würde einen Menschen schildern, der dafür sorgt, daß das, was die äußeren Erlebnisse des Tages hineinschicken [in den Schlaf] und was in der Nacht verwoben wird, wieder aufgetrennt, aufgelöst wird. Eine solche Schilderung wollte Homer geben, als er zeigte, wie Penelope, Odysseus’ Gattin, von Freiern umgeben war, die alles taten, damit sie die Fähigkeit der Liebe zu ihnen entwickeln sollte. Sie aber verhinderte es, indem sie das am Tage Gewebte in der Nacht wieder auflöste.
[ 24 ] Ich weiß gut, daß eine leichtfüßige Ästhetik der Gegenwart, welche glaubt, daß sie alle Geheimnisse des Künstlerischen aus einem gewissen naheliegenden Verständnis heraus erfassen kann, das als Gipfelpunkt der Interpretation empfinden wird. Darauf kommt es aber nicht an, sondern auf etwas anderes: Wer eindringt in den menschlichen Geist, wird schon erkennen, daß die großen Künstler große Geheimnisse in ihre Kunstwerke hineingelegt haben und daß diese Kunstwerke von Epoche zu Epoche auf die Seelen und die Herzen der Menschen gewirkt haben. Soviel sei gesagt zur Illustration dessen, was über die Bedeutung von Wachen und Schlafen vorgebracht worden ist.
[ 25 ] Wir müssen also sagen, der Mensch kommt vorwärts im Leben, wenn er in der Lage ist, durch den Schlaf Fähigkeiten in sich zu entwickeln, die er vorher nicht hatte und die er, um im Leben sinnvoll und geistvoll zu wirken, nun in der sinnlichen Welt verwerten kann; der Mensch wird also für seine Betätigung mit neuen Fähigkeiten ausgestattet. Umgewandelt werden die Erlebnisse dadurch, daß er einziehen kann in die geistige Urheimat der Seele, die man durch die Pforte des Schlafes betritt. Alle Vervollkommnung hängt davon ab, daß der Mensch die Erlebnisse der Sinneswelt durch seinen Zusammenhang mit der geistigen Welt in Fähigkeiten umwandelt, um dann morgens die Erlebnisse hineinzugießen in seinen äußeren Menschen.
[ 26 ] Alles, was jetzt geschildert worden ist, hat natürlich Grenzen. Diese Grenzen können wir uns vor die Seele führen, wenn wir an gewisse Anlagen und Eigenschaften denken, die der Mensch für seine äußere Körperlichkeit und seine Leiblichkeit mit der Geburt ins Dasein hereingebracht hat. In bezug auf gewisse Kräfte, die zusammenhängen mit unserem innersten Wesen, können wir uns vervollkommnen durch das, was wir erleben. Eine Grenze hat das aber an der Beschaffenheit unseres Leibes. Und wenn wir durch Erlebnisse uns noch so hohe Fähigkeiten aneignen — wir können diese Erlebnisse nicht umwandeln, wenn wir an unserer äußeren Leiblichkeit Grenzen finden, denn dazu gehört es, daß Fähigkeiten, die die Seele als Kräfte entwickelt, sich verbinden mit der ganzen Konfiguration des Leibes. Der Leib ist ja immer derselbe, wenn wir des Morgens aufwachen. Wir können nur die Fähigkeiten zum Ausdruck bringen, die sich auf die äußere Leiblichkeit beziehen. Die können wir in einem gewissen Grade beeinflussen.
[ 27 ] Das können Sie sich klar machen, wenn Sie überlegen, was sich zeigt, wenn man einen Menschen zehn Jahre lang beobachtet und verfolgt, wie er zehn Jahre Erkenntnisse [bis in das Leibliche hineinarbeitet]. Darin lebt alles das, was man nennen kann innere Schlachten und Siege und zuweilen auch inneren Unter- oder Niedergang. Bei jemandem, der zum Beispiel während zehn Jahren die Erkenntnis in sich vollendet hat, bei dem kann man wohl sehen, wie solche Erkenntnis, wie solche Umbildung der Seele bis in die äußere Leiblichkeit hineindrängt, wie sie in der Physiognomie, im Blick zum Ausdruck kommt und wie in der Tat der Mensch da, wo die Seele die Leiblichkeit so stark durchsetzt, das in seinen Leib hineinzuverarbeiten vermag. Aber wenn man sieht, daß jemand Gelegenheit gehabt hat, Erlebnisse auf musikalischem Gebiet zu haben, [und glaubt], daß er durch diese Erlebnisse einfach in die Lage kommen könnte, nicht nur in bezug auf das musikalische Empfinden, sondern auch das musikalische Verständnis und die musikalische Betätigung vorwärtszukommen, so muß man sagen, er wird unmöglich diese Fähigkeit aus den Erlebnissen hineingießen können in seinen Leib, wenn er eine unmusikalische Organisation des Ohres hat. Da sehen Sie in der feinen Struktur von Organen unserer äußeren Leiblichkeit die Grenze, die uns gesteckt ist; sie besteht, weil wir darauf angewiesen sind, jeden Morgen in denselben Leib herunterzusteigen.
[ 28 ] Die Frage muß aufgeworfen werden: Sind solche Erlebnisse, die bei der Umwandlung in Fähigkeiten die Grenze finden am äußeren Leib, ohne Bedeutung für das Leben und für die Entwicklung des Menschen? Diese Frage können wir nicht beantworten, wenn wir innerhalb des Lebens zwischen Geburt und Tod stehenbleiben. Wir können sie nur beantworten, wenn wir mit den tiefen Erkenntnissen der Geisteswissenschaft hinausgehen zu dem, was jenseits der geheimnisvollen Pforte liegt, welche wir mit dem Tode durchschreiten. Und so wie wir versuchten, uns aus der Geisteswissenschaft plausibel zu machen, daß sich der Mensch [im Schlafe] nicht in ein Nichts der Bewußtlosigkeit begibt, sondern in eine Geisteswelt, so können wir fragen: Was geschieht mit dem Menschen, wenn er durch die Pforte des Todes geht und nicht wiederkehrt in seine Leiblichkeit? Die äußere Wissenschaft wird ihn nicht verfolgen können; die Geisteswissenschaft aber kann es. Sie kommt zu einem gesetzmäßigen Zusammenhang, der heute noch auf sehr viele Menschen so wirkt, daß sie es als Phantasie, als Torheit, vielleicht als Narretei betrachten: Das Gesetz der Wiederverkörperung, der wiederholten Erdenleben — das nichts anderes ist als die Ausbildung der Erkenntnis, daß Geistig-Seelisches nur von GeistigSeelischem kommen kann.
[ 29 ] Vor ein paar Jahrhunderten noch haben gelehrte Forscher behauptet, daß aus Flußschlamm Regenwürmer und Fische entstehen könnten. Mit derselben Sicherheit wurde noch früher, im 6. und 7. Jahrhundert, gelehrt, daß aus Materie in faulendem Zustande neues Leben herauswüchse. Wenn man einen Pferdekadaver mürbe schlüge, dann sei die Materie fähig, Bienen aus sich herauswachsen zu lassen, und wenn man das mit einem Ochsenkadaver mache, dann würde er fähig, aus sich Hornissen und Wespen keimen zu lassen. Erst im 17. Jahrhundert lehrte Francesco Redi, daß Lebendiges nur aus Lebendigem entstehen kann. Und das heißt nichts anderes als: Wenn jemand behauptet, aus Flußschlamm entstünden Lebewesen, kann dies nur infolge ungenauer Beobachtung behauptet werden. Aber ebenso muß man sagen: Es rührt auch nur von ungenauer Beobachtung her, wenn wir durch die Geburt einen Menschen ins Dasein treten sehen und glauben, daß er sich alle Eigenschaften und Merkmale von den Vorfahren aneigne. Eine genaue Beobachtung ergibt, daß Seelisch-Geistiges nur von einem anderen Seelisch-Geistigen herrührt, das sich zum Dasein ringt und die Stoffe und Säfte der Umgebung anzieht und sich dadurch entfaltet. So kommt das GeistigSeelische von einem anderen Geistig-Seelischen und hat nichts zu tun mit den vererbten Merkmalen des Körpers. Wenn also ein Kind ins Dasein tritt, so muß man sein Geistig-Seelisches zurückführen auf ein anderes GeistigSeelisches. Es hat nichts zu tun mit der Ahnenreihe. Die Gesichtszüge und so weiter wird das Kind von Vater und Mutter erhalten. Aber ebenso werden wir von dem Geistig-Seelischen des Kindes zu einem früheren Geistig-Seelischen geführt, denn vom Geistig-Seelischen des Kindes werden wir nicht zu den Eigenschaften der Ahnen geführt werden. So weist uns die Geisteswissenschaft zurück in das eigene frühere Erdenleben.
[ 30 ] Wir reden also von wiederholten Erdenleben. Dieses jetzige Leben ist die Wiederholung von unzähligen früheren Leben und ist Voraussetzung für die Zukunft. Dieses Gesetz der wiederholten Erdenleben spielt heute dieselbe Rolle wie im 17. Jahrhundert Redis Gesetz. Damals entging Redi mit knapper Not dem Schicksal Giordano Brunos. Heute gilt derjenige, der von dem Gesetz der Wiederverkörperung spricht, als ein ebenso gewaltiger Ketzer wie damals Redi für diejenigen, die am Alten festhalten wollten. Damals war die Verbrennung von Ketzern Mode. Heute ist es Mode, diejenigen, die neue Gesetze lehren, zu verurteilen als Narren und Phantasten. Aber es wird mit dem Gesetz der wiederholten Erdenleben so gehen wie mit dem Gesetz Redis. Es wird eine Zeit kommen, wo die Menschen gar nicht werden begreifen können, wie man jemals glauben konnte, daß ein Mensch seine Fähigkeiten nur von seinen Vorfahren ererbt habe. Goethe sagt über sich:
Vom Vater hab’ ich die Statur,
Des Lebens ernstes Führen,
Von Mütterchen die Frohnatur,
Und Lust zu fabulieren.
[...]
Was ist denn an dem ganzen Wicht
Original zu nennen?
[ 31 ] Versuchen Sie, ob Sie herausdividieren können, was original zu nennen ist und was er sich erworben hat aus der Vererbungslinie, um diejenigen Eigenschaften zu erhalten, durch die er der Menschheit etwas bedeutet.
[ 32 ] So sehen wir, daß wir den Ausblick haben auf ein Gesetz, das sich einverleiben will der Menschenkultur und der Menschenbildung — ein Gesetz, das man heute noch als phantastisch bezeichnen mag, von dem man aber später sagen wird: Es ist nicht zu begreifen, wie jemals die Menschen etwas anderes haben glauben können als die Entwicklung der Menschheit im Sinne dieses Gesetzes. Wenn wir das Leben so auffassen, dann können wir fragen: Was machen wir mit den Erlebnissen, die wir innerhalb der Grenzen unserer Leiblichkeit nicht umwandeln können in Fähigkeiten? Was machen wir, wenn wir im Leben durch musikalische Erlebnisse uns musikalische Fähigkeiten hätten aneignen wollen und Grenzen gefunden haben an einem unmusikalischen Ohr? Wenn wir durch den Tod gehen, dann legen wir den Leib ab, dann leben wir in einer rein geistigen Welt, in der wir nunmehr in der ganzen Zeit zwischen Tod und neuer Geburt die Vorbereitung pflegen, um durch die neue Geburt ganz andere, höhere Fähigkeiten in das Leben hineintragen zu können. Jetzt haben wir die Möglichkeit, einen neuen Körper uns aufzubauen, mitzuarbeiten und plastisch zu gestalten an unserer neuen Körperlichkeit. Dann haben wir im Hinblick auf die neue Geburt nunmehr für die Gestaltung so vorzusorgen, daß wir das im neuen Leben in Fähigkeiten umwandeln, was im vorigen Leben versäumt wurde, und daß wir das, was wir nicht zu unserer Vervollkommnung verwenden können, durch wechselnde Zustände umwandeln in immer höhere Gestaltung. So schreiten wir fürwahr von Leben zu Leben. Wenn wir auch durch andere Einflüsse Rückschläge erleiden können, so ist das Leben im Ganzen doch aufsteigend, und was wir verwerten in späteren Lebensläufen, ist produktiv, schöpferisch und aufbauend für unser Wesen.
[ 33 ] Wir können fragen: Welches sind die wichtigsten, bedeutungsvollsten Fähigkeiten, die ein Mensch erringen kann? Wir blicken dabei auf das Leben solcher Personen, die für die Menschheit deutlicher sichtbar dastehen als andere. Betrachten wir die Schöpfungen eines großen Künstlers, eines Raffael oder eines Michelangelo. Solche Schöpfungen sind entstanden durch Wechselwirkung mit der äußeren Welt. Der Sieg über den Stoff ist es, was von den Wänden herab zu uns spricht, die Seelen erhebt und Befriedigung bringt. Aber dann lenken wir den Blick auf andere Tatsachen, zum Beispiel auf Leonardos Bild «Das Abendmahl». Goethe hat es in seiner Jugend noch in voller Schönheit gesehen, jetzt ist es zerstört. Wenn wir das bedenken, dann wird sicher der Gedanke naheliegen, der unzweifelhaft wahr ist. Alles, was bedeutende Menschen hineingezaubert haben in solche Werke, das ist dem Untergang geweiht, ist zum Schicksal verurteilt, hinabzusinken. Und eine Zeit wird kommen, wo alle diese Werke zu Staub zermalmt sein werden. Wenn aber alles dem Untergang geweiht ist und verschwunden sein wird, wird dann nichts hinübergerettet sein in die Ewigkeit von dem, was auf der Erde gewaltet hat?
[ 34 ] Da brauchen wir uns nur klar zu machen, daß Raffael und Michelangelo andere geworden sind, nachdem sie diese Werke hingezaubert hatten. Es entsteht nicht nur etwas, was der Außenwelt mitgeteilt wird, sondern es zieht auch etwas in die menschliche Seele ein. Beim Arbeiten in der äußeren Welt verbindet sich etwas mit der Seele und arbeitet sie um. Was umgearbeitet wird, das ist mit dieser Seele verbunden, und wenn wir wirklich innerlich durchdringen die Prinzipien der Wiederverkörperung, dann sagen wir uns: Mögen verschwinden die Werke, die Raffael in die physische Welt hineingezaubert hat — die Fähigkeit bleibt und wird in einem neuen Dasein neue Fähigkeiten entzünden, und diese werden den Menschen immer weiter von Stufe zu Stufe führen. So sehen wir, daß die Frucht unserer Arbeit sich durch verschiedene Verkörperungen hindurchzieht. Wenn auch unsere äußere Arbeit verschwindet — das, was sie verbindet mit der Seele, das wird mit dieser Seele weiter fortleben. Die Seelen werden die Früchte ihrer Schöpfungen bewahren. Die Schöpfungen werden untergehen, die Seelenfrüchte dieser Schöpfungen leben in den Seelen weiter. Was sind aber die tiefsten, intimsten Fähigkeiten? Es sind solche, die den Menschen fähig machen, hinzuzaubern, was Millionen Seelen erfreut und sich umsetzen kann in die Werke der Kunst und des Lebens. Solche Fähigkeiten hängen zusammen mit den Außenseiten unseres Lebens.
[ 35 ] Aber etwas gibt es im menschlichen Leben, das mit dem inneren Wesen unserer Seele verwoben ist; es gibt etwas, von dem wir wissen, daß es anders auf uns wirkt als das, was man Trieb, Antrieb, nennen könnte, meinetwillen den Antrieb, aus dem Raffael seine Bilder malte. Triebe wirken in uns, aber wir fühlen, daß Triebe auch etwas an sich haben, das man mit Talent bezeichnen kann. Triebe sind veränderlich, für den Menschen etwas Unbestimmtes, wo der Mensch nicht ganz dabei ist. Niemand kann Maler werden, wenn er nicht besondere Fähigkeiten angesammelt hat. Eines aber ist nicht erworben — das ist etwas, was als Antrieb aus unserem tiefsten, innersten Wesen hervorkommt. Dieser Antrieb kann sich daher nicht darauf beschränken, daß wir ihn äußerlich verwirklichen, sondern er muß sich aus dem Geistigen selber schöpfen, und das ist der Trieb nach Erkenntnis — ein Trieb, der [ganz im Tiefsten] in uns lebt. Wenn die Seele [in der Welt] wirken will, brauchen wir äußere Materialien; für das, was wir den Trieb nach Erkenntnis nennen, brauchen wir nur das Leben selber. Und allein dieser Trieb kann uns anspornen, jene Kraft des Denkens zu entfalten, die uns erlaubt, in die Welt des Vorstellens und Denkens einzudringen und ihre Geheimnisse mit unserem Wesen zu vereinen. Hier ist es, wo wir den Übergang fühlen zwischen Denken und Vorstellen einerseits und Erkennen andererseits.
[ 36 ] Der Mensch, der glaubt, durch bloßes Denken zur Erkenntnis zu kommen, irrt sich sehr. Nur wer seine Vorstellungen mit einem Inhalt erfüllt, der nicht in der äußeren Welt gegeben ist, wird zur Erkenntnis dessen kommen, was hinter der äußeren Welt steht. Was man sich da im Leben erworben hat, das verbindet sich mit dem innersten Ich, das ist gleichartig mit dem innersten Wesen unseres Ichs. Der Geist [in der Welt] ist gleichartig mit dem Geist in uns selber; da verbindet sich der Geist draußen in der Welt mit dem Geistigen, das wir in uns tragen. Da ziehen wir die höchste Frucht aus dem, was wir im wachen Leben uns aneignen können. Erkenntnis ist die Tätigkeit des Menschen, durch die wir die höchsten Früchte ziehen aus unseren Erlebnissen, es ist diejenige Tätigkeit des Menschen, die sich im Leben umwandelt in Fähigkeiten, für die wir allerdings Grenze über Grenze finden, sie äußerlich im Leben darzustellen. Aber die Erkenntnis bewirkt, daß wir die Fähigkeiten hinübertragen durch den Tod [in die geistige Welt]. Und im Tode gibt die Erkenntnis, weil sie eine zentrale geistige Fähigkeit ist, nicht nur die Sicherheit, daß wir die Früchte des jetzigen Lebens hinübertragen zu immer neu zu erweckenden Vollkommenheiten, sondern sie gibt auch die Sicherheit, daß wir uns Fähigkeiten aneignen, die so lange dauern, wie der Geist selbst — die so lange dauern müssen, weil sie dieselben Merkmale haben wie der Geist. In der Erkenntnis verbinden wir uns mit dem Geiste, und aus dieser Verbindung erwächst nicht nur die Gewißheit, die Unsterblichkeit zu erkennen, sondern die Kraft der Unsterblichkeit zu begründen — in uns selber zu begründen —, so daß wir uns mit der Erkenntnis die Kraft aneignen, unseren Wesenskern durch die Inkarnationen hindurchzutragen. So hängt der Erwerb der Kräfte, die wir als unsterblich betrachten, im innersten Sinne zusammen mit dem, was wir Erkenntnis nennen. Sie ist die Betätigung zwischen Geburt und Tod, die uns gerade über den Tod hinaus die Unsterblichkeit unseres individuellsten Wesens, unseres Ichs gibt, denn dieses individuellste Wesen ist es, was Erkenntnis durch seinen innersten, selbstgewählten Trieb sich aneignen muß.
[ 37 ] Innerlich verwandt ist für den Menschen Erkenntnis und Unsterblichkeit. Wahr ist es, was die Geistesforscher von Zeiten zu Zeiten immer überliefert haben: Der Mensch hat ein Leben, das in die Ewigkeit einfließt, aber nur durch all die [Kräfte], die [durch das Leben in der] Stoffeswelt in ihm veranlagt worden sind. — Wahr ist es, was die Geistesforscher sagen: Nirgends kannst du draußen im Raum das finden, was dir Bürge sein kann für diese Unsterblichkeit. Einzig und allein, wenn du durch Erkenntnis zu dem dringst, was in dir als Mittelpunkt, als Geist lebt, gewinnst du in dir den innigen Zusammenhang zwischen dem, was du im edelsten Sinne anstrebst, und dem, was an Erkenntnis in dir schafft zu immer fortdauernder Erhöhung deines Wesens. — So sehen wir an der Erkenntnis, daß sie nicht nur die Neugierde befriedigt, sondern daß sie arbeitet an unserer Seele, daß sie die Seele umarbeitet, wie die äußere Erkenntnis die Naturkräfte umarbeitet. Erkenntnis ist eben das, was wahr macht, was uns die Geistesforschung in folgenden Worten überliefert:
Wesen reiht sich an Wesen in den Raumesweiten,
Wesen folgt auf Wesen in den Zeitenläufen.
Willst du dringen aus der Vergänglichkeit Reich
In das Gebiet des Ewigen,
So schließe den Bund mit der Erkenntnis,
Denn nur so findest du das Ewige
In dir, das Ewige außer dir
Jenseits aller Raumesweiten,
Jenseits aller Zeitenläufe.
