Erkenntnis und Unsterblichkeit
GA 69b
19 Februar 1910, Düsseldorf
1. Erkenntnis und Unsterblichkeit
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Wenn der Mensch von des Tages Arbeit und Last ein wenig Einkehr in sein Inneres hält und versucht, sich in dem Leben der Seele zurechtzufinden, dann drängt sich ihm die Frage auf, wie die einzelnen Tatsachen des Lebens, wie die einzelnen Erlebnisse zusammenhängen mit der ganzen menschlichen Bestimmung, mit dem großen Ziel des menschlichen Lebens überhaupt. Eine der Fragen, die sich dann vor die Seele stellen, ist zweifellos die nach der Bedeutung der menschlichen Erkenntnis.
[ 2 ] Wenn von Erkenntnis die Rede ist, so können wir zunächst jene Erkenntnis meinen, die sich auf die unmittelbaren Dienste des praktischen Lebens bezieht, auf alles dasjenige, was uns in den Stand setzt, die Außenwelt so kennenzulernen, daß wir sie in den Dienst unserer praktischen Interessen stellen können. Etwas anders wird die Frage, wenn wir jene Erkenntnis ins Auge fassen, welche versucht, in die tieferen Untergründe des Lebens, in die Rätsel des Daseins, einzudringen — jene Erkenntnis, welche uns nicht zu einer unmittelbar praktischen Arbeit und Betätigung führt. Da sagt man dann, der Mensch habe einen unmittelbaren Wissenstrieb und Erkenntnis sei wertvoll an sich. Wer tiefer blickt, wird sich mit einer solchen Antwort kaum zufrieden geben. Was hätte Erkenntnis für einen Wert, wenn sie nur ein innerliches Abbild, nur eine Wiederholung von dem wäre, was draußen in der Welt ist. Warum sollte das, was in der Welt webt, wirksam in der Außenwelt sein und sich in der eigenen Seele nur wie in einem Spiegel wiederholen? Ist das wirklich nur Befriedigung eines seelischen Triebes, welcher nach einer Erkenntnis drängt, die hinausragt über das Alltägliche? Diese Frage soll uns heute beschäftigen: Ziel und Bestimmung, Wesen und Bedeutung der menschlichen Erkenntnis.
[ 3 ] Wenn man jenen Erkenntnisbegriff meint, den heute viele Menschen haben und der darin besteht, daß man sagt, die Erkenntnis solle uns ein getreues Abbild dessen liefern, was die Welt durchlebt, dann wird man nicht leicht dazu kommen, Erkenntnis in Beziehung zu bringen mit den großen Zielen und Aufgaben des menschlichen Daseins. Man wird sich fragen müssen: Ist Erkenntnis wirklich nur Wiederholung eines Äußeren? Oder gehört sie zu den Kräften, die in unserer Seele arbeiten müssen, um sie weiterzubringen auf den Wegen, die sie zu durchwandeln hat im Weltendasein?
[ 4 ] Von der äußeren Wissenschaft wird diese Frage nicht zu beantworten sein; sie wird nur zu beantworten sein, wenn wir den ganzen Menschen ins Auge fassen. Die äußere Wissenschaft gibt uns ja nur Aufschluß über das, was unsere Sinne wahrnehmen und unser Verstand erfaßt. Aber über diese gewöhnliche Wissenschaft hinaus gibt es etwas, was sich heute versucht hineinzuleben in unser ganzes Geistesleben, was man nennen kann Geisteswissenschaft oder Anthroposophie.
[ 5 ] Was sucht die theosophische Geisteswissenschaft zu begreifen? Den ganzen Menschen sucht sie zu begreifen. Wir wollen uns einmal darüber verständigen, was das heißt, der ganze Mensch. Wenn wir den Menschen vor uns haben, so zeigt er uns innerhalb des heutigen normalen Menschendaseins zwei streng voneinander geschiedene Zustände. Diese zwei Zustände, welche uns das Leben darbietet, sind dem Menschen so vertraut, daß er gar nicht bemerkt, daß sich darin die größten Daseinsrätsel verbergen. Diese Zustände drücken wir aus in den Worten «Wachen und Schlafen». Wir erinnern uns dabei, daß seit alters her mancherlei Weltanschauungen den Schlaf den kleinen Bruder des Todes genannt haben. Wir können diese Worte mit zwei anderen verknüpfen, nämlich mit den Worten «Leben und Tod». In diesen Worten haben wir einen großen Teil dessen, was wir zu den Rätseln des Daseins zählen können.
[ 6 ] Versuchen wir einmal — von dem ausgehend, was sich uns ganz gewöhnlich darbietet —, uns die Wechselzustände von Wachen und Schlafen klar zu machen. Im wachen Zustand versuchen wir, alles das zu begreifen, was immerfort an Eindrücken in unsere Seele hineinfließt — an Eindrücken, die uns die Sinne übermitteln, alles, was uns mit Freude, Lust und Schmerz erfüllt, kurz, was dasjenige ausmacht, was wir unser Seelenleben nennen. Dieses Auf- und Abwogen der Triebe, Wünsche, Leidenschaften und so weiter sehen wir des Abends hinuntertauchen in ein unbestimmtes Dunkel. Es geht während des Schlafes über in einen anderen Zustand, in den der Unbewußtheit. Es wäre ein Unding zu sagen, der Mensch als seelisches Wesen verschwinde des Abends und entstehe des Morgens von neuem. Wir müssen uns fragen: Wo ist dasjenige, was den ganzen Tag über in uns arbeitet, wo ist das, wenn wir des Abends unser Seelenleben in ein unbestimmtes Dunkel hinuntersinken lassen? Wir werden unmittelbar auf Antworten gewiesen, die nicht aus einer gewöhnlichen, sinnlichen Anschauung gegeben werden können, denn dieser Anschauung entschlüpft gerade dasjenige, was sich am Abend hinter dem nachtschlafenden Zustand verbirgt. Die Frage, wo die Seele in der Nacht ist, kann nur die theosophische Geisteswissenschaft beantworten, weil sie aufsteigt von der Erkenntnis des Sinnlichen zur Erkenntnis des Übersinnlichen, von dem Sichtbaren zum Unsichtbaren.
[ 7 ] Wir müssen uns verständigen über die Art und Weise, wie die theosophische Geisteswissenschaft zu solchen übersinnlichen Erkenntnissen kommen kann, indem wir noch einmal einen kurzen Blick auf das werfen, was unser ganzes Leben während des Tages wirklich erfüllt. Wir können sagen, wir leben mit unserer Seele während des Tages durch die äußere Anregung, durch die äußeren Eindrücke. Des Abends schwinden die äußeren Anregungen dahin, und dadurch entsteht die Leere des schlafenden Zustandes. Dadurch aber, daß der Mensch im normalen Leben des heutigen Daseins ein Seelenleben vorzugsweise nur dann führen kann, wenn äußere Wahrnehmungen aus seiner Seele dasjenige [an Empfindungen] hervorrufen, was wir gerade erleben, können wir uns vorstellen, daß die innerliche Arbeit der Seele erstirbt, dahinwelkt, wenn die äußeren Veranlassungen nicht da sind. Muß das so sein?
[ 8 ] Daß es nicht so sein muß, davon kann man sich überzeugen, wenn man die Erfahrungen des hellsichtigen Bewußtseins annimmt. Was Erkenntnis der sinnlichen Welt ist, das kommt durch die Anregung der sinnlichen Welt zustande. Übersinnliche Erkenntnisse können nur dadurch zustande kommen, daß die Seele gewillt ist, in sich Arbeit zu entfalten, um Kräfte und Fähigkeiten zu entwickeln, auch wenn keine Anregungen der äußeren Sinneswelt vorhanden sind. Die Möglichkeit, solche inneren Kräfte zu entwickeln, gibt uns die Methode der geistigen Schulung. Diese Methode ist für diejenigen da, die hineindringen wollen in die Erkenntnis der übersinnlichen Welt. Diese Methode kann hier nur kurz angedeutet werden. Wer sie gründlich kennenlernen will, kann sie finden in dem Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Nur kurz soll hier angedeutet werden, wie der Mensch in sich selber die Fähigkeiten finden kann, um hinaufzusteigen zu Erkenntnissen über die höheren Welten.
[ 9 ] Das erste ist, daß der Mensch lernt, durch einen starken Willensentschluß künstlich das hervorzurufen, was sonst nur im Zustand der Unbewußtheit kommt, nämlich dasjenige, was der Mensch erlebt, wenn die Sinneseindrücke aufhören. Er muß imstande sein, allen äußeren Eindrücken Halt zu gebieten; alle äußeren Eindrücke müssen um ihn herum verstummen, so wie abends beim Einschlafen. Aber dieser Moment muß sich bei vollständigem Bewußtsein vollziehen durch seinen Willen. Er würde, wenn er nichts in seiner eigenen Seele erwecken könnte, wie ein Schlafender sein. Aber trotzdem alle äußeren Eindrücke verstummen, lernt er starke Kräfte entfalten; er holt aus den tiefen Untergründen seiner Seele heraus, was dort schlummert. Keine äußeren Anstrengungen gehören dazu; es sind intime Seelenvorgänge. Es ist eine Versenkung in starke, kräftige Gedanken, die nicht von außen gegeben sind, sondern die die Seele sich selber bildet.
[ 10 ] Es ist dies die Meditation oder Konzentration, wie man es nennt — eine Zusammenrückung der Gedanken. Ohne äußere Eindrücke müssen wir Lust und Schmerz empfinden. Mächtige, starke Gedanken, die nichts mit der Außenwelt zu tun haben, läßt der Geistesforscher in seiner eigenen Seele entstehen, und zwar ebenso Ideale wie Willensimpulse. Stärker muß das wirken als äußere Eindrücke; die Seele muß dadurch intensiv und mächtig ergriffen werden. Würde nicht ein Drittes hinzukommen, so würden diese Empfindungen wie Vulkane wirken, und das ist, daß man durch eine starke Willensanstrengung eine innere Windstille und Ruhe herrschen läßt trotz dieser Impulse. Dann erlebt der Geistesforscher — wenn auch vielleicht erst nach langer Zeit — den großen Moment, der sich vergleichen läßt mit dem Augenblick, wo ein Blindgeborener nach einer Operation plötzlich sehend wird. Wie bei einem operierten Blindgeborenen die Eindrücke der Außenwelt, so würde in seine Seele hineinfluten, was früher nicht für ihn vorhanden war.
[ 11 ] Die Betrachtung dieser Tatsache kann uns klar machen, daß es erst eine [übersinnliche] Welt für uns geben kann, wenn das Wahrnehmungsorgan dafür vorhanden ist. Wenn dieses Organ dafür erweckt ist, so eröffnet sich eine neue Welt. Wir dürfen nicht entscheiden über das, was wir nicht kennen, sondern nur über das, was wir kennen. Diese Organe, die nötig sind zum Erkennen der übersinnlichen Welt, werden durch die Meditation oder Konzentration in der Windstille unserer Seele herausgearbeitet. Dann entstehen «Geistesaugen» und «Geistesohren» — um einen Ausdruck Goethes zu gebrauchen. Es könnte nun eingewendet werden: Ja, das mag sein, daß der Geistesforscher eine höhere Welt erlebt, was aber gehen die geistigen Welten die anderen an, die nicht dazu aufsteigen können? — Das ist nicht richtig. Zum Erkennen [der übersinnlichen Welten] ist das geistige Auge wohl nötig, aber um das zu begreifen, was der Geistesforscher zu sagen hat, dazu genügt die unvoreingenommene Vernunft, und daher geht es alle Menschen an.
[ 12 ] Jemand, bei dem die höheren Organe erweckt sind, der kann eine solche Erscheinung wie den Schlaf beobachten. Es ist ein ganz anderer Zustand als der des Wachens. Nur ein Teil der menschlichen Wesenheit bleibt während des Schlafes in der physischen Welt zurück, der andere, das Seelisch-Geistige, zieht sich beim Einschlafen aus dem physischen Leib heraus und kehrt ein in seine Heimat, in die geistige Welt. Man braucht sich die geistige Welt nicht als einen anderen Ort vorzustellen; sie ist überall um uns herum. Wir haben die menschliche Natur, gegliedert in zwei Teile; während des Wachens sind diese zusammen, während des Schlafens aber sind sie getrennt. Aber die gesamte menschliche Natur ist damit noch nicht erklärt. Wir können uns eine annähernde Vorstellung machen von den zwei Gliedern, die in der Nacht hinausgehen, wenn wir den Menschen vergleichen mit den Tieren, die ihm von allen sichtbaren Geschöpfen am nächsten stehen. Triebe, Begierden, Empfindungen finden wir auch bei den Tieren. Wenn auch nicht in derselben Vollkommenheit, so sind sie doch mehr oder weniger in den Tieren vorhanden, und nur wer sich nicht zu einer höheren [Betrachtung] aufschwingen kann, wird sie für gleich halten wie bei den Menschen. Wir brauchen hier nur an etwas zu denken, was gewöhnlich in der äußeren Wissenschaft nicht hervorgehoben wird, wir brauchen uns nur daran zu erinnern, daß es zum Beispiel in der deutschen Sprache ein Wort gibt, das keinem von außen zugerufen werden kann, [das Wort «ich»]. Dieser Name kann nicht [von außen] an unser Ohr klingen, wenn er unser eigenes Ich bedeutet; er muß aus dem eigenen Seelenleben aufsteigen. Alle wahren Religionen haben das erkannt. Damit kündigt sich das an, was in dem Menschen wesensgleich ist mit dem Göttlichen. Richtig verstanden bedeutet «Ich» nämlich den unaussprechlichen Namen Gottes, denn Jahwe heißt, richtig übersetzt, «ich bin», was auch die Philologie sonst alles deuten mag. Damit ist nicht gemeint, daß der Mensch zu einem Gott gemacht werden soll. So wenig wie ein Tropfen Wasser das Meer ist, ebenso wenig ist der Mensch Gott.
[ 13 ] Was sich am Abend zurückzieht, das teilt sich wiederum in zwei Glieder: in das, was Träger ist der Begierden, Leidenschaften und so weiter, und in das, was in uns zusammenströmen läßt alle diese Empfindungen und sie durcharbeitet — das Ich. Durch das Ich wird der Mensch die Krone aller Geschöpfe dieser Erde. Was aber in der Nacht hinauszieht, setzt sich zusammen aus dem Ich und dem astralischen Leib. Was läßt der Mensch zurück? Den physischen Leib, und den haben wir gemeinsam mit jedem Mineral. Er besteht aus denselben Kräften. Das leblose Mineral, der Kristall, hat seine Form durch die in ihm wohnenden Kräfte; bei einem Lebewesen ist das nicht so. Bei dem Menschen zeigt sich uns, daß sein physischer Leib nur in einem Fall unter den chemischen Gesetzen steht, und zwar nur im Tode. Im Tode sehen wir, was die Kräfte, die dem Mineral eingeprägt sind, aus dem Körper machen. Im Leben folgt er niemals diesen Kräften. Was des Abends zurückbleibt im Bett, ist durchtränkt und durchzogen von einem anderen Leib, und diesen nennen wir den Äther- oder Lebensleib. Dieser verhindert, daß der Leib den chemischen und physikalischen Gesetzen folgt; er ist ein getreuer Kämpfer dagegen.
[ 14 ] Nun können wir uns fragen: Warum findet das jeden Abend statt, daß der Mensch sozusagen in seine geistige Heimat zurückkehren muß? Warum muß er sich jeden Abend zurückziehen in eine geistige Welt? Am Abend schwinden uns die äußeren Eindrücke; es übermannt uns die Ermüdung. Wenn der astralische Leib und das Ich sich zurückziehen in die geistige Welt, verfällt der Mensch in Bewußtlosigkeit. Der astralische Leib ist der Träger von Lust und Leid, Trieben, Leidenschaften und so weiter. Warum verschwindet das alles aus unserem Seelenleben? Wie kann es kommen, daß das alles abstirbt in der Nacht? Es wird uns gleich erklärlich werden, warum das so ist. Astralleib und Ich sind Träger von Lust und Schmerz, von Wahrnehmungen und Begriffen. Aber damit das dem Menschen zum Bewußtsein kommen kann, dazu ist notwendig, daß sie gespiegelt werden durch den physischen Leib und den Ätherleib. Wir nehmen nichts anderes wahr, als das, was in uns selber lebt. Es ist wie eine Art Echo, das durch den physischen und den Ätherleib in uns bewirkt wird. Der Mensch nimmt nicht direkt wahr, was er empfindet, sondern es wird ihm das, was er erlebt durch den Astralleib und das Ich, gespiegelt durch den Ätherleib und den physischen Leib. Es gehört aber die Arbeit des Astralleibes dazu, daß dasjenige hervorgezaubert wird, was wir Seelenleben nennen. Der eigentlich Arbeitende ist der Astralleib und nicht der Spiegel — so wie es bei einem Spiegel nötig ist, daß eine Person in Tätigkeit ist, wenn diese oder jene Bilder entstehen sollen. Der Astralleib muß vom Morgen bis zum Abend arbeiten, damit er das herausholen kann aus dem Physischen, was wir unseren Seeleninhalt nennen können. Die Kräfte nun, die der Astralleib braucht, um während des Tages zu arbeiten, die muß er sich holen aus der geistigen Welt. Wenn diese Kräfte aufgebraucht sind, dann tritt Ermüdung ein, und er muß sich wieder neue Kräfte holen.
[ 15 ] Der Schlaf hat seine tiefe Bedeutung. In der geistigen Welt ist der Quell alles dessen, was wir hinzaubern während des Tageslebens. Wenn wir so unser Tagesleben betrachten, fragen wir: Was hat denn das Tagesleben für eine Bedeutung, wenn die Seele doch ihre Kraft aus der geistigen Welt holen muß? Die Seele und das Ich gehen nicht leer in die astralische Welt, sondern sie nehmen jeden Abend etwas mit aus unserer äußeren Welt. Nicht unfruchtbar für das Seelenleben bleibt das Leben während des Tages. Wir brauchen nur auf das hinzuschauen, was die Eigentümlichkeit unserer Seele ist in ihrer tiefsten Bedeutung und was mitgenommen wird aus dem Tagesleben in unser Nachtleben. Das zeigt sich auf einem Umwege, nämlich wenn wir unsere Seele betrachten während der Jugendzeit und während des Alters. Das gibt uns den Begriff der Entwicklung. Wir sehen in der Jugend keimhafte Anlagen, aber unentwickelt, und später sehen wir unsere Seele verwandelt, mit einem reicheren Inhalt. Wodurch nun können wir uns verwandeln? Dadurch, daß die Seele jeden Abend aus dem, was wir an äußeren Eindrücken empfangen haben, eine Art Extrakt bildet. Wir tragen unsere Tageserlebnisse in die Nacht hinein, und des Morgens hat sich in die Seele dasjenige hineinbegeben, was geistiges Erleben der Seele [am Vortage] war; das fügt sich an das Vorhandene an, und dadurch entwickelt sich die Seele.
[ 16 ] Man braucht nur einen Blick zu tun auf solche Menschen, die nicht schlafen können, und man wird, wenn man ein intimer Beobachter ist, bemerken, wie das Fortschreiten der Seele leidet, wenn das richtige Maß des Schlafes nicht eintreten kann. Wir können uns nur dann dem Gedächtnis etwas einprägen, wenn wir ein gehöriges Maß Schlaf haben. Nur dadurch können wir die Kräfte entwickeln, die uns immer mehr aufwärts führen. Was während des Tageslebens die Welt uns verrät, das prägen wir unserer Seele ein, und dadurch wird sie weiser. Erkenntnis ist zunächst ein wichtiges Mittel unserer Seelenentwicklung zwischen Geburt und Tod. Aber fragen wir uns nun, wieviel wir denn an Verwandlung ausführen können. In wie enge Grenzen sind wir eingeschlossen? Unsere Seelenentwicklung können wir steigern. Wir können uns dies an einzelnen Fähigkeiten klar machen, zum Beispiel am Schreibenlernen. Das Schreiben schließt eine ganze Gruppe von Fähigkeiten in sich. Wenn wir zurückblicken, sehen wir, welch ausgebreitete Fähigkeiten dazu gehörten, wie viel Arbeit und Mühe und so weiter im Erlernen der Kunst des Schreibens lag. Oder denken wir an den ersten Versuch, den wir machten, um den ersten Buchstaben zu malen, an alles, was dann zusammenfloß in der einen Fähigkeit des Schreibens. Aus dem, was wir da erlebt haben, haben wir eine Essenz herausgezogen, und durch solches Zusammenweben entsteht eine seelische Fähigkeit.
[ 17 ] Was tiefer eingreift in unser Leben, das kann sich nur in ganz engen Grenzen entwickeln in dem Leben zwischen Geburt und Tod. Wer den Weltenrätseln nachgeht oder in tiefem Schmerz diese oder jene Lebenserfahrung durchlebt hat, bei dem sieht man das sogar in der Physiognomie und in der Bewegung sich widerspiegeln. Von Jahrzehnt zu Jahrzehnt drückt sich dies mehr und mehr aus, bis in die Leiblichkeit hinein. Aber nur wenig können wir uns nach dieser Richtung entwickeln. Warum? Weil wir unsere Seelen wie ein plastisches Material vor uns haben, aber mit dem, was unsere Neigungen zwischen Geburt und Tod ausmachen, können wir in die Leiblichkeit nicht hineinarbeiten, auch wenn wir noch so viele Erfahrungen gesammelt haben. Nehmen wir das Beispiel der Musik. Wenn wir kein feineres Ohr haben, wenn wir unmusikalisch sind, sind wir nicht imstande, während des Lebens diejenige Fähigkeit uns zu erarbeiten, die die Leiblichkeit in dieser Beziehung ändern könnte zwischen Geburt und Tod. Wir stehen dem Seelischen machtvoll gegenüber, aber wir sind machtlos gegenüber den Gegebenheiten unserer Leiblichkeit. Aber wir wissen, wenn wir der äußeren Welt gegenüberstehen und uns alle diese Vorstellungen vorzaubern, so sind sie herausgeboren aus unserer Seele — zwar nicht nur, aber doch durch ihre Tätigkeit, denn sie könnte nie solche Spiegelbilder hervorzaubern, wenn nicht etwas von außen gegeben wäre. Und dieses Äußere schließt dieselben Kräfte ein, aus denen unser physischer Körper aufgebaut ist. Es erscheint uns das so rätselhaft, weil wir da nicht eindringen können. Aus derselben Welt müßten wir hervorzaubern können ein feines musikalisches Ohr und so weiter. Es ist etwas wie ein Schleier, wie eine Hülle. Aber hinter demselben ist etwas, was uns, wenn wir es beherrschen könnten, die Fähigkeit gäbe, unseren physischen Leib geradeso umzugestalten wie den astralischen.
[ 18 ] Erkenntnis können wir gewinnen, aber wir können sie nicht verwerten; wir können unseren Leib mit der Erkenntnis nicht umwandeln. Es gibt aber eine Möglichkeit, unseren physischen Leib ebenso umzuwandeln wie den astralischen. Auch wenn wir die Kräfte erkennen, könnten wir sie nicht unmittelbar anwenden, denn als ein dichtes Material ist uns der physische und der Ätherkörper gegeben. Wir wollen uns hier auf ein Gesetz berufen, das durch die Theosophie dem modernen Geistesleben einverleibt werden wird.
[ 19 ] Im 17. Jahrhundert haben nicht nur Laien, sondern auch Naturforscher gemeint, daß aus Schlamm Würmer und Fische entstehen würden. Gehen wir zurück zum 17. Jahrhundert, so finden wir gelehrte Werke, die beschreiben, wie wilde Tiere herauswuchsen — zum Beispiel aus einem toten, mürbe geschlagenen Ochsen Hornissen, aus einem Pferdeleichnam Bienen, aus einem Eselsleichnam Wespen. Es war [der Naturforscher] Francesco Redi, der zuerst den Satz ausgesprochen hat: Lebendiges kann nur aus Lebendigem entstehen. Es muß ein Keim von etwas Lebendigem da sein, damit Lebendiges entsteht. — Redi wurde deswegen fast [als Ketzer] verbrannt. Heute würde jeder als rückständig angesehen werden, der etwas anderes behauptet. Die Geisteswissenschaft sagt: Geistig-Seelisches kann nur aus Geistig-Seelischem entstehen. So wenig wie der Regenwurm aus dem Schlamm entsteht, ebenso wenig entsteht das Geistige durch Vererbung von Vater und Mutter.
[ 20 ] Wir haben zu unterscheiden die Umgebung eines Geistig-Seelischen und das Geistig-Seelische selbst. In der Geisteswissenschaft führt uns das zum Gesetz der Wiederverkörperung [dessen, was geistig-seelisch im Menschen lebt]. Heute werden diejenigen, die dieses Gesetz anerkannt haben, vielleicht nicht gerade Ketzer genannt — die Moden ändern sich eben. Heute werden die [wahren] Aufgeklärten für Phantasten, für Träumer erklärt. Aber in nicht gar zu ferner Zeit werden die Menschen nicht mehr verstehen können, wie man je etwas anderes hat glauben können. So haben wir in dem, was durch die Geburt ins Dasein tritt, die Wiederholung eines früheren Erdendaseins zu sehen. Und was zwischen Tod und Geburt liegt, das ist ein rein geistiges Dasein. Wenn wir ein Kind betrachten mit den noch unentwikkelten Zügen, dann sehen wir, was es mitgebracht hat aus früheren Erdenleben, und wir können etwas einsehen, was sehr wichtig ist.
[ 21 ] Warum können wir während des Lebens nur seelische Fähigkeiten entwickeln? Wenn wir aufwachen, finden wir denselben Körper mit denselben Organen wieder. Wenn aber der Mensch durch die Pforte des Todes geht, dann tritt für ihn der große Moment ein, wo er den physischen Leib ablegt und nur das zurückbleibt, was Geistig-Seelisches ist. Nun ist er nicht mehr gebunden an den Leib. Die Bedingungen sind ganz andere als während des Schlafes. Des Morgens, wenn wir aufwachen, finden wir dasselbe Körperliche vor; wir können es nicht zerstören und neu aufbauen. Wenn aber beim Tode das Physische abfällt, dann ist mit unserer Seele das vereinigt, was wir an Erkenntnissen aufgenommen haben während des Lebens. In Gemäßheit mit den Erkenntnissen und Erfahrungen, die wir gemacht haben, können wir diese nun umgestalten und plastisch einarbeiten in einen neuen Leib.
[ 22 ] So bauen wir uns in jedem Leben unseren Leib nach Maßgabe dessen auf, was wir im letzten Leben gewonnen haben; wir machen ihn zum Produkt unserer Erfahrungen des letzten Lebens. Lebenserfahrung im jetzigen Leben ist unser Dasein in einem nächsten Leben. So wirkt Erkenntnis in uns; sie gehört zu den wichtigsten Kräften des Daseins, die sich selbst gestalten. Wir sind den Erkenntnissen des letzten Lebens dankbar; sie haben in dem jetzigen Leben einen Leib erzeugt und bewahren dasjenige, womit wir uns im jetzigen Leben bereichert haben, und das wird uns höherbringen im nächsten Leben. Jetzt begreifen wir auch, warum ein gewaltiger Unterschied sein kann zwischen den verschiedenen Menschen, wenn wir die Stärke und Schwäche ihrer Erkenntnisfähigkeit berücksichtigen.
[ 23 ] Nun werden Sie fragen: Warum erinnert der Mensch sich nicht an die früheren Leben? Das ist auch eine Sache der Entwicklung. Ein vierjähriges Kind kann nicht rechnen. Doch wäre es ein falscher Schluß, wenn man deshalb sagen wollte, das sei kein Mensch, denn Menschen könnten rechnen. — Warten Sie, bis es zehn Jahre alt ist. Es kommt für jeden Menschen die Zeit, wo er sich zu erinnern beginnt. Erinnern kann man sich nur an dasjenige, was da ist. Fichte hat mit Recht gesagt, die meisten Menschen würden sich eher für ein Stück Lava im Mond halten als für ein Ich. Die Erkenntnis fehlt noch, was das Ich ist. Wie nur durch sinnliche Eindrücke die Blumen erkannt werden können, so kann nur durch Geistesforschung das Geistige erkannt werden. Aus der intimen Ich-Erforschung ergibt sich: Das Ich muß als bewußte Vorstellung da sein, ehe man sich erinnern kann. Erst wenn wir die Ich-Vorstellung erzeugt haben, können wir uns auf uns selbst zurückbesinnen. $o führt uns Erkenntnis als Selbsterkenntnis dahin, unser Gedächtnis so aufzubauen, daß wir das Leben bewußt erweitern über das Leben hinaus, welches zwischen Geburt und Tod eingeschlossen ist. Wenn wir von Leben zu Leben weiterarbeiten können, wenn es uns durch Erkenntnis gelingt, uns selbst zu formen, und so das Ewige in uns erwacht, dann hilft uns die Erkenntnis von der Entwicklung bei der Ausgestaltung alles dessen, was das Ewige in uns ist. Jetzt schen wir die Arbeit der Erkenntnis und ihre Bedeutung für unser ganzes Leben. Sie bringt uns Unsterblichkeit und gibt uns Wissen von unserer Unsterblichkeit.
[ 24 ] Unsterblichkeit und Erkenntnis gehören zusammen. In einem bestimmten Leben nimmt sich unser Leib aus wie etwas, was aus dem vorigen Leben hineingearbeitet worden ist. Wir können die Erkenntnis vielfach noch nicht in diesem Leben gebrauchen, aber wir brauchen sie, um uns einen neuen Leib aufzubauen. Durch diese Gewißheit erhält die Geisteswissenschaft praktischen Lebensgehalt. Sie darf nicht bloße Theorie bleiben, sondern wir müssen uns ganz damit durchdringen. Wir sehen dann den Tod in einer neuen Gestalt. Erkenntnis hat unseren gegenwärtigen Leib aufgebaut. Dadurch, daß unser Leib zerfällt, werden wir frei von ihm und gewinnen die Möglichkeit, uns einen neuen Leib zu zimmern. Damit erscheint uns der Tod, wenn wir auch im Schmerz zu ihm hinblicken, wenn er andere berührt, oder mit Furcht, wenn er an uns herantritt, doch in ganz anderer Gestalt. Wenn wir uns hinaufschwingen können zu einem höheren Gesichtspunkt, so können wir sagen, wir sind dankbar für den Tod, denn er gibt uns die Möglichkeit, uns einen neuen Leib zu bauen — zu einem höheren Leben. Die alten Geistesforscher haben das immer erkannt und auch gesagt. Goethe stellt uns so recht vor die Seele, wie wir uns aus frischem Leben dasjenige hereinbringen, was wir uns im vorigen Leben erarbeitet haben:
Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen
Die Sonne stand zum Gruße der Planeten,
Bist alsobald und fort und fort gediehen
Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.
So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen,
So sagten schon Sibyllen, so Propheten;
Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt
Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.
