Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Erkenntnis und Unsterblichkeit
GA 69b

27 November 1910, Bremen

3. Erkenntnis Und Unsterblichkeit

[ 1 ] Verehrte Anwesende! Wenn man von menschlicher Erkenntnis spricht, hat man zunächst zweierlei im Auge. Das eine ist die Erkenntnis, welche die einzelne Menschenseele, der menschliche Geist, sich um ihrer selbst willen erwirbt, das andere ist die Erkenntnis, die ein Mittel des Fortschrittes für das Leben der gesamten Menschheit bedeutet. Man braucht nur an die Erkenntnis zu denken, die sich mit der Beobachtung der Naturerscheinungen befaßt und die sich damit abgibt, die Naturkräfte in den Dienst der Menschheit zu stellen, um gewahr zu werden, daß das, was man auf diesem Gebiete Erkenntnis nennt, nicht nur der einzelnen Menschenseele Befriedigung gibt, sondern daß diese Erkenntnis eine selbstlose Dienerin der ganzen Menschheit sein will. Es ist leicht einzusehen, daß die Erkenntnis der Naturkräfte in weitem Umfange Zielen der Menschheit dient. Die Erkenntnisse, die gewonnen werden durch das Denken des Forschers und Erfinders, sehen wir angewendet im praktischen Leben, und wer über deren Wert nachdenkt, wird leicht einsehen, daß die Erkenntnisse, die sich aus der Erforschung der Materie ergeben, bestimmt sind, der ganzen Menschheit zu dienen.

[ 2 ] Aber jenseits dieser Erkenntnisse gibt es noch eine andere Erkenntnis, bei der durch ihre ganze Eigenart eine solche praktische Anwendung nicht möglich ist. Diese Erkenntnis muß um ihrer selbst willen da sein. Die Menschheit braucht sie und könnte ohne sie nicht leben. Man darf aber auch bei dieser Erkenntnis fragen: Ist sie wirklich nur etwas, was die menschliche Seele zur eigenen Befriedigung anstrebt, oder steht nicht auch diese Erkenntnis, von der wir oftmals sagen, sie sei um ihrer selbst willen da, im Dienste des Fortschrittes der Menschheit? Wenn man versucht zu erforschen, warum die Menschenseele gewissermaßen dürstet und hungert nach einer solchen Erkenntnis um ihrer selbst willen, warum sie nach einer Auseinandersetzung mit den Weltengeheimnissen strebt, um die Bedeutung der Erkenntnis im Dienste der Menschheit zu erkennen, dann muß man eingehen auf das Wesen und die [Ur]gründe der Menschenseele selbst.

[ 3 ] Nun möchte der Zweig menschlichen Forschens, den man Geisteswissenschaft oder Theosophie nennt, das Wesen der Menschenseele dadurch erkennen, daß sie diese Menschenseele verfolgt in ihre tiefsten Gründe hinein und versucht, das Wesen der Menschenseele zu finden auf der Grundlage einer Erkenntnis, die über das hinausgeht, was die Sinne bieten und was der Verstand, der an das Gehirn gebunden ist, sich erringen kann. Geisteswissenschaft glaubt, aus ihrer Forschung heraus gerade über die Menschenseele einiges sagen zu können, was dieser strebenden Menschenseele von besonderer Wichtigkeit ist. Allerdings muß sie sich in einer selbständigen Weise zu alledem stellen, was die Geisteskultur der letzten Jahrhunderte hervorgebracht hat. Die Geisteswissenschaft nimmt in keiner Hinsicht Stellung gegen die großen Errungenschaften der menschlichen Kultur, insbesondere der Naturwissenschaft; allein, sie muß in unserer heutigen Zeit genau dasselbe unternehmen, was die Naturwissenschaft im Laufe der letzten Jahrhunderte viele Male unternommen hat — sie muß alle Vorurteile, allen Glauben der Menschen von heute prüfen im Lichte ihrer Erkenntnisse. Geisteswissenschaft schaut auf etwas hin, was für die Erkenntnis unserer heutigen Zeit zu den wichtigsten Dingen gehört — auf etwas, was der Naturwissenschaft erst vor verhältnismäßig kurzer Zeit eingeflößt worden ist.

[ 4 ] Die Menschen sind ja sehr vergeßlich. Viele Wahrheiten, die heute allgemein anerkannt sind, wurden erst im 17. Jahrhundert vom Menschengeist erobert, denn bis in das 17. Jahrhundert hinein haben Laien und gelehrte Naturforscher zum Beispiel geglaubt, daß sich Regenwürmer, Fische und andere niedere Tiere aus Flußschlamm entwickeln könnten. Es gibt Bücher aus dieser Zeit, in denen auseinandergesetzt wird, wie sich zum Beispiel aus Kadavern Lebewesen entwickeln. Es war erst in diesem 17. Jahrhundert, daß Francesco Redi zuerst den Satz ausgesprochen hat, Lebewesen könnten nur abstammen aus Keimen von Lebewesen gleicher Art. Daß Lebewesen nur von Lebewesen abstammen können, war eine große Ketzerei im 17. Jahrhundert gegenüber der damaligen Wissenschaft, und nur mit knapper Not entging Francesco Redi dem Schicksal des Giordano Bruno.

[ 5 ] In ähnlicher Lage ist der Geistesforscher heute, wenn er den Blick zum Beispiel auf die Eigenschaften einer Menschenseele richtet, die durch die Geburt ins Dasein tritt. Heute sagt man leicht, wenn man hinblickt auf die unterschiedlichen Eigenschaften von Kindern, diese Eigenschaften seien vererbt von Vater und Mutter. Man glaubt heute, daß das Gefüge der Menschenseele sich aus dem zusammensetze, was aus der physischen Umgebung stammt, geradeso wie man im 17. Jahrhundert glaubte, daß Lebewesen sich allein aus dem aus der physischen Umgebung Stammenden zusammensetzen würden. Der Geistesforscher aber muß sagen: Geistig-Seelisches kann nur aus Geistig-Seelischem stammen. — Er beobachtet das Wunderbare, wie ein Menschenkeim, der durch die Geburt ins Dasein tritt, sich entwickelt im Laufe seines Lebens von Stufe zu Stufe, und er ist sich klar darüber, daß der menschliche Wesenskern, der sich so geheimnisvoll entwickelt, nur von seinesgleichen herstammen kann. Er weiß, daß man, um zu verstehen, was sich da entwickelt, zurückgehen muß zu einem anderen Geistig-Seelischen. Wenn wir aufsteigen vom Tierischen zum Menschlichen, müssen wir unterscheiden zwischen Gattungsmäßigem und Individuellem. Wir können dem menschlichen Wesenskern nicht dasselbe zuschreiben, was wir beim Tier als Gattungsmäßiges ansprechen. Wir müssen sagen: Was beim Kinde im Laufe der Zeit sich entwickelt, das führt nicht auf ein Gattungsmäßiges zurück, sondern zu einem Individuellen, das durch die Geburt ins Dasein tritt. — Und wenn dieser Gedanke in seinen Konsequenzen verfolgt wird, so führt dieses Forschen nach dem Beginn des Seelisch-Geistigen den Geistesforscher zu dem Gedanken der Wiederverkörperung, zu dem Gedanken der wiederholten Erdenleben des Menschen. Für den, der alle Tatsachen des Lebens unbefangen betrachtet, sind die wiederholten Erdenleben eine Realität, so sehr auch das Empfinden der heutigen Menschen sich noch dagegen auflehnen möchte. Es ist ja heute nicht mehr üblich, Ketzer zu verbrennen, sondern man verlacht solche Dinge, die nach dem heutigen Bewußtsein der Menschen Ketzereien sind. Es wird aber mit dieser Wahrheit gehen wie mit anderen Wahrheiten und Gesetzen, die sich die Menschheit im Lauf ihrer Entwicklung errungen hat; nach einiger Zeit wird man nicht mehr verstehen können, wieso es Menschen gegeben hat, die nicht haben glauben können, daß Geist von Geist stamme.

[ 6 ] Goethe hat hingewiesen auf dasjenige, was sein Wesenskern aus seiner Umgebung angezogen hat. Er konnte sagen:

Vom Vater hab’ ich die Statur,
Des Lebens ernstes Führen,
Von Mütterchen die Frohnatur
Und Lust zu fabulieren.

[ 7 ] Und dann, nachdem er auf das hingewiesen hat, was er durch die Vererbung aus seiner Umgebung angezogen hat, fragt er bescheiden:

Was ist denn an dem ganzen Wicht
Original zu nennen?

[ 8 ] Wer sich, wie ich es getan habe, mit allem befaßt hat, was Goethe betrifft, der hat sich gewiß den schuldigen Respekt vor Goethes Eltern angeeignet. Aber man versuche einmal, alle ihre Eigenschaften zusammenzufügen — man wird vergeblich versuchen, das zutage zu fördern, was an dem «Wicht original zu nennen» ist. Gerade das, was wir nicht finden können in dem Erbgut von Vater und Mutter, gerade das ist der Goethe, den wir kennen und der er in unserer Kultur immer sein wird. Es ist für einen Erzieher die reizvollste Aufgabe, bei der Erziehung eines Kindes vorauszusetzen, daß ein geheimnisvoller Wesenskern des Menschen sich zum Dasein ringt, der jenseits aller Vererbungsgesetze liegt, und daß bei jedem jungen Menschenwesen dieses Rätsel aufs neue zu lösen ist. Wenn wir diese Wahrheit von den wiederholten Erdenleben gegenüber einem Kinde wirklich anwenden, wird es uns nicht mehr fernliegen, des Kindes äußere Gestalt so zu betrachten, daß sie uns erscheint wie gestaltet, geformt aus einem seelisch-geistigen Wesenskern heraus. Wir verfolgen die unbestimmten Züge dieses Menschenantlitzes in den ersten Lebenstagen des Kindes, wir sehen, daß sie immer bestimmter und bestimmter werden und nach und nach der ganze Leib des Kindes eine immer bestimmtere eigene Form zeigt. Wir können sehen, wie die Seele, die aus einem früheren Dasein herübergekommen ist, diese unbestimmten Züge zu immer bestimmteren macht. Da wird sichtbar, wie an der sich gestaltenden leiblichen Hülle der Menschenwesenheit der innere Wesenskern des Menschen arbeitet.

[ 9 ] Wenn wir das recht ins Auge fassen, dann wird es uns nicht schwerfallen, eine aufsteigende und eine absteigende Linie des Menschenlebens zu erkennen. Wir sehen, wie unbestimmte Kräfte sich aus dem Innern an die Oberfläche arbeiten, und zu einem bestimmten Zeitpunkt sehen wir, wie alles, was im Menschen veranlagt ist, sich offenbart in den Geschicklichkeiten und Fähigkeiten, die er sich erwirbt. Dann tritt das ein, daß der Mensch eine Seite seines Wesens zu der beherrschenden macht. Wir sehen durch die Aufnahme von Lebenswissen und Lebenskenntnissen eine Art Auseinandersetzung mit seiner Umgebung auftreten und können sagen: Das ist etwas, was zu dem hinzutritt, was aus früheren Verkörperungen mitgebracht wurde. — Dann tritt im Leben eine absteigende Strömung ein, wo wir nichts mehr umwandeln können von dem, was wir äußerlich-physisch in unseren Fähigkeiten geworden sind — selbst in unser Gedächtnis können wir nichts mehr aufnehmen.

[ 10 ] Wir werden diese eigentliche Arbeit des individuellen Wesenskerns am Menschenwesen nur richtig verstehen, wenn wir das ganze Menschenleben ins Auge fassen. In zwei deutlich voneinander unterscheidbare Zustände findet man ja diese Arbeit am Menschenwesen geschieden. Der Mensch wechselt zwischen zwei Bewußtseinszuständen, dem Wachleben und dem Schlafleben. Für eine Betrachtung des gesamten Lebens muß man sich fragen: Was verdanken wir dem Schlafleben, und was verdanken wir dem Wachleben? — Aus dem Schlafe muß die Seele die Kräfte schöpfen zu neuer Arbeit, und es zeigt sich, daß der Seele aus dem Schlafe stärkende Kräfte erwachsen. Dafür ein Beispiel: Menschen, die durch ihren Beruf genötigt sind, viel auswendig zu lernen, können die Erfahrung machen, daß sie nicht recht weiterkommen mit dem Memorieren, wenn sie nicht zwischen ihrer Arbeit ein gehöriges Maß von Schlaf haben. Auch die naturwissenschaftliche Betrachtung anerkennt heute die Bedeutung des Schlafes für das Wegschaffen der Ermüdung. In naturwissenschaftlichen Kreisen herrscht die Auffassung, daß der Mensch ermüdet, weil die Muskeln, die Nerven und so weiter abgenutzt sind und neue Kräfte zugeführt erhalten müssen. Man berücksichtigt dabei aber nicht, daß die Muskeln auch arbeiten können, ohne Ermüdungserscheinungen zu zeigen. Die Herzmuskeln zum Beispiel arbeiten, ohne zu ermüden. Woher kommt das?

[ 11 ] Sich diese Frage vorzulegen, ist für eine gesunde Lebensbetrachtung von ungeheurer Wichtigkeit. Bei eingehender Beobachtung zeigt sich, daß nur unter gewissen Voraussetzungen Ermüdung eintritt. Das Herz ermüdet nicht, aber die kleinsten Muskeln am Finger können so ermüden, daß krampfartige Schmerzen auftreten, wie sich das zum Beispiel beim Schreibkrampf zeigt. Wenn man über diese Dinge nachforscht, kommt man dazu zu erkennen, daß Ermüdung und unsere wache Tagestätigkeit in einem Zusammenhang stehen. Wir kommen dazu einzusehen, daß Ermüdung eintritt, wenn wir Teile unseres Körpers nicht sich selbst überlassen, sondern [willentlich] durchdringen mit der Wirksamkeit dessen, was wir an äußerer Arbeit vollbringen. Die Gesetze des Universums sind unserem Körper eingepflanzt; sie sind in ihm wirksam, und unter ihrer Wirksamkeit ermüdet der Körper nicht. Ermüdung tritt nicht ein, wenn — dem Menschen unbewußt — die Gesetze des Universums in seinem Körper arbeiten. Ermüdung tritt nur ein, wenn das menschliche Bewußtsein den Organismus mit seiner Art durchdringt.

[ 12 ] Der Naturforscher Thomson behauptet die Selbständigkeit des Seelenlebens gegenüber dem Körperleben. Er sagt, es sei das Seelenleben vom Körper so getrennt wie der Reiter von seinem Pferde. Da wird zugegeben, daß im Menschen etwas ist, was zu seiner Leiblichkeit in einer solchen Beziehung steht wie der Reiter zu seinem Pferde. Wir ermüden unsere Leiblichkeit — so sagt Thomson —, wie der Reiter sein Pferd ermüdet, weil er eben außerhalb des Pferdes ist und das Pferd benutzt. Taucht Ihnen da nicht das alte Bild auf aus einer weit zurückliegenden Zeit der Menschheitsentwicklung, in welcher die Menschen durch Naturgabe in eine geistige Welt hineinschauten? Da schauten sie den Kentauren, den mit dem Pferd verbundenen Menschen. Zwar sagt die «weise» Naturwissenschaft heute, die damaligen Menschen seien kindliche Menschen gewesen, sie hätten wilde Barbaren gesehen, die auf ihren Rossen saßen und von Norden aus dem Nebel kamen, und in dem Nebel hätte man nicht unterscheiden können, wo Mann und wo Roß war; daraus hätten diese kindlichen Menschen das Bild des Kentauren geformt. Tatsächlich ist aber der Kentaur eine Realität, die aus hellsichtiger Anschauung das Verhältnis zeigt, das sich ergibt zwischen Seele und Leib, und das so ist wie zwischen Reiter und Pferd.

[ 13 ] So zwingt uns die Tatsache der Ermüdung dazu, eine gewisse Selbständigkeit der Seele gegenüber dem Leibe anzuerkennen. Daß der Ablauf bestimmter Vorgänge in der menschlichen Leiblichkeit keine Ermüdung zur Folge hat, rührt davon her, daß eine universale Gesetzmäßigkeit wirksam ist, der Mensch aber mit seinem Bewußtsein nicht dabei ist. Der Mensch ermüdet, weil er mit seinem Bewußtsein in den Vorgängen seiner Leiblichkeit darinnen ist. Im Schlafzustande aber ist der Mensch mit seiner Leiblichkeit der universalen Gesetzmäßigkeit hingegeben. Der Mensch braucht dieses Untertauchen in ein anderes Element, wie es jede Nacht im Schlafe geschieht, und wir werden dem Schlafe die richtige Wirksamkeit zuschreiben, wenn wir den Wesenskern des Menschen verfolgen, wie er in der Welt lebt, in die er eintritt beim Einschlafen.

[ 14 ] Da muß ich von Erfahrungen des Geistesforschers sprechen. Geistesforschung heißt nicht, daß man auf jeder beliebigen Stufe Erkenntnisse über die Geheimnisse des Weltendaseins erlangen kann, sondern daß wir schlummernde, keimhaft vorhandene Erkenntniskräfte in uns wecken. Wenn diese schlummernden Erkenntniskräfte erwachen, dann geben sie uns Augen und Ohren des Geistes, so daß wir uns dadurch in einer Lage befinden wie ein Blindgeborener, der durch eine Operation sehend wird. Wieviele Welten um uns sind, können wir nur erkennen, wenn wir die Organe haben, um sie wahrzunehmen. Wir können die Welt des Lichtes und der Farbe nur erleben, wenn wir Augen haben, sie zu sehen, und die Welt der Töne, wenn wir Ohren haben, sie zu hören. Der Geistesforscher wird dadurch zum Geistesforscher, daß er die in ihm schlummernden Erkenntniskräfte erweckt, daß er geistige Augen und Ohren öffnet. Er führt ein gewisses Trainieren der Seele, das heißt gewisse Übungen durch, durch welche der Seele Organe erwachsen, mit denen sie neue Welten schauen und erleben kann. Wenn der Mensch in dieser Weise zum Geistesforscher wird, dann ist die Wahrnehmung der geistigen Welt nicht Spekulation, sondern Wirklichkeit.

[ 15 ] Wenn der Mensch beginnt, in diese geistigen Welten hineinzuschauen, macht er neue Erfahrungen, und eine solche Erfahrung möchte ich hervorheben, die Licht werfen kann auf das Wesen des Schlafens und des Wachens. Dem Geistesforscher obliegt es nämlich, gewisse Aufgaben des gewöhnlichen Lebens zu erforschen und sie dann mit dem Licht des Geistes zu durchleuchten. Da denkt man zum Beispiel über eine bestimmte Aufgabe des Lebens nach und kann sie nicht lösen; das Werkzeug des Denkens erweist sich als stumpf. Da fühlt sich der Geistesforscher wirklich getrennt als Denk- und Erkenntniswesen von seiner Leiblichkeit. Er empfindet seine Leiblichkeit so, wie man einen Hammer oder ein anderes Werkzeug oder Instrument außerhalb seines Wesens fühlt. Wie man einen Hammer als zu schwer empfinden kann, so kann man das Versagen der einzelnen Partien des Gehirns empfinden: Man fühlt, wie man nicht eingreifen kann in das Gehirn.

[ 16 ] Die Trennung von Leib und Geist kann der Geistesforscher ja in jeder seiner Verrichtungen fühlen. Wenn der Geistesforscher aber aus dem Schlafzustande aufwacht nach einem vielleicht sehr kurzen Schlaf, den er durch seinen entwickelten Willen willkürlich herbeiführen kann, da ist es, als ob er aufwachte aus einer ganz bestimmten Welt heraus, in der er etwas getan hat, so daß beim Aufwachen Tätigkeiten nachklingen, die er unmittelbar vor seinem Aufwachen verrichtet hat, und das hat eine ganz bestimmte Konfiguration. Das Aufwachen verläuft so, daß die Tätigkeiten, die er verrichtet hat vor dem Aufwachen, von ihm gemalt werden könnten in ganz bestimmten Figuren und Farben. Aber es ist ein Unterschied zwischen dieser geistigen Tätigkeit und den gewöhnlichen Tagestätigkeiten. Die gewöhnlichen Tagestätigkeiten verlaufen so, daß man sie vorher durchdenkt, also man arbeitet wie nach einem Gedankenmodell und ist gebunden an die Linienführung einer Vorlage.

[ 17 ] Die [geistige] Tätigkeit hingegen, [die der Mensch im Schlafzustande verrichtet], verläuft so, als ob wir aus unserem Geiste heraus einer Linienführung folgen würden, die sich aus der inneren Gesetzmäßigkeit unserer eigenen Seele ergibt. Der Geistesforscher fühlt dies während des Schlafes als ein Eingreifen seiner [SeelenJtätigkeit in seine physische Leiblichkeit, in sein Gehirn. Und er fühlt diese Tätigkeit, der er sich im Schlaf hingegeben hat, wie wärmend einfließen in seine Leiblichkeit, so daß diese Leiblichkeit gewachsen ist den Erfordernissen des Tages. Er macht die Erfahrung: Du hast dein Instrument abgenutzt, und diese Tätigkeit ist ein Wiederherrichten des Instrumentes für die Tagesarbeit des physischen Leibes. — Wie ein Architekt arbeiten wir im Schlafe an unserer eigenen Leiblichkeit, und der Geistesforscher tut dies bewußt. Fortwährend wird die Leiblichkeit während des Tages abgenutzt, und wir bringen aus einer anderen Welt heraus die Kräfte mit, die wir brauchen, um aufbauend zu wirken auf unsere Leiblichkeit. Wir tun es unbewußt während des Schlafzustandes. Wenn wir das, was wir da im unbewußten Schlafzustande tun, uns bewußt vor unsere Seele stellen, dann wird uns glaubhaft erscheinen, daß wir während des Schlafes mit unserer Seele in einer anderen als der physischen Welt weilen. Vom Einschlafen bis zum Aufwachen taucht die Seele wirklich unter in eine geistige Welt, und das ist die Welt, aus der der Mensch herstammt. Jede Nacht müssen wir in dieses Meer von Geistigkeit eintauchen, um uns die Kräfte herauszuholen, herauszutrinken, die wir brauchen für unsere Leiblichkeit und die einzig und allein uns das Fortleben zwischen Geburt und Tod möglich machen.

[ 18 ] So verläuft unser Leben, indem wir immer wieder appellieren an unser geistiges Dasein, und wir sehen diesen geistigen Wesenskern des Menschen wie in einer kleinen Wiederverkörperung jeden Tag aus der geistigen Welt von neuem auftauchen. Wir finden nur einen Unterschied zwischen der Wiederverkörperung und dem Aufwachen: Wenn wir des Morgens aufwachen, treffen wir immer dieselbe Leiblichkeit an, die wir uns seit unserer Geburt aufgebaut haben. Wenn wir uns aber zu einem neuen Leben wiederverkörpern, müssen wir uns unsere Leiblichkeit erst neu aufbauen.

[ 19 ] Wenn wir den Verlauf des Lebens betrachten, so sehen wir vieles, mannigfaltiges an uns herantreten, was wir mit der Seele aufnehmen können, was wir aber nicht in das Leibesleben umsetzen können. Wir entwickeln uns dadurch, daß wir immer wieder neue Kräfte aus dem Schlaf herausholen, aber das Einverleiben dieser Kräfte in die Leiblichkeit findet eine gewisse Grenze. Musikalische Eindrücke zum Beispiel kann die Seele nur dann empfangen, wenn ein musikalisches Ohr da ist. Es findet das Seelische an dem Leiblichen eine Grenze. Vieles, was in unserer Seele ist, was sie verarbeiten will, kann sie nicht der äußeren Körperlichkeit einverleiben. Dadurch entsteht eine gewisse Disharmonie, die mehr ist als die gewöhnliche Ermüdung, die uns in den Schlaf zwingt. Dieses allmähliche Nicht-mehr-Passen des Leibes zu dem, was unser Seelisches ist, tritt immer mehr ein, je mehr der Mensch ein reicheres Seelenleben entwickelt. Es wird das Seelenleben immer unangepaßter dem Leben der äußeren Leiblichkeit. Und da müssen wir uns nun fragen: Woher haben wir denn diese Leiblichkeit? — Wenn wir diesen Leib aus der Unbestimmtheit in Physiognomie und Gesten sich herausentwickeln sehen zu bestimmter Form, da sehen wir den Leib, den wir in einem bestimmten Leben haben, als ein Ergebnis früherer Leben an. Wir benutzen diesen Leib als Instrument. Wir bereichern im Laufe unseres Lebens unsere Seele, und wir finden, wie das, was wir uns in diesem Leben angeeignet haben, Grenzen findet an unserer Leiblichkeit, und das zersprengt auch endlich diesen Leib.

[ 20 ] Da haben wir die absteigende Linie des Lebens. Dankbar müßten wir sein, daß wir wieder von diesem Leib getrennt werden, daß wir dem Tod entgegengehen, daß wir eine Seele haben mit reich entwickeltem Inhalt, die die Leiblichkeit sprengt, bis hin zum Tode. Wer tiefer in diese Dinge hineinsieht, wird verstehen, daß eine reich entwickelte Seele die Leiblichkeit sprengen muß und daß wir uns nicht wundern dürfen, daß im Alter gerade bei seelisch reich entwickelten Menschen das Gehirn nicht mehr dem Seelenleben dienen kann. So ist Kant zum Beispiel im Alter schwachsinnig geworden, trotz seines reichen Geistes. Das äußere Werkzeug des Leibes taugt der Seele nicht mehr; sie zieht sich zurück mit dem Inhalt, den sie in diesem Leben gewonnen hat, und sie zerbricht endlich den Leib. Was wir Tod nennen, ist beim Menschen etwas anderes als beim Tier. Die immer reicher werdende Seele des Menschen zerbricht die Leiblichkeit und geht durch den Tod hindurch. Dann baut sich diese Seele nach den Fähigkeiten und Inhalten, die sie im Leben erworben hat, den Leib für eine neue Inkarnation selber auf.

[ 21 ] Nun könnte man sagen, wir erinnern uns ja nicht an unser früheres Leben. Dieser Einwand würde dieselbe Berechtigung haben, wie wenn jemand sagen wollte: Ein vierjähriges Kind kann nicht rechnen, also kann überhaupt kein Mensch rechnen. — Wir wollen versuchen, durch die folgende Betrachtung zu sehen, daß es die Möglichkeit gibt, die Rückerinnerungsfähigkeit an frühere Erdenleben zu erwerben. Um uns das klarzumachen, muß ich erwähnen, daß es ja auch für das gewöhnliche Menschenleben eine Zeit gibt, an die der Mensch sich nicht erinnern kann. Das sind die ersten Kindheitsjahre — an die erinnert sich der Mensch nicht, obwohl er zu dieser Zeit schon da war. Der Zeitpunkt, bis zu dem die Erinnerung zurückreicht, hängt mit einem anderen Zeitpunkt zusammen. Sie wissen ja, daß der Mensch in der allerersten Zeit seines Lebens kein Ich-Bewußtsein hat. Zu einem bestimmten Zeitpunkt tritt das Ich-Bewußtsein beim Kinde ein, und mit diesem fällt der Beginn der Rückerinnerung zusammen. Was vor diesem Zeitpunkt liegt, wird nicht erinnert. Woher kommt das? Da zeigt die Geistesforschung, daß der Mensch in seinem normalen Geistesleben heute durch Ausbildung dieses IchBewußtseins, durch das der Mensch sich das Höchste dieses Lebens erringt, etwas wie eine Grenze um sich herum aufrichtet. Die Erinnerung des Menschen reicht bis zu dem Punkt zurück, wo das Ich-Bewußtsein auftritt. Da ist die Grenze, an dieser Grenze stellt sich das Ich-Bewußtsein hin und entzieht der Beobachtung das, was davor geschehen ist.

[ 22 ] Wir können lernen, hinter diese Grenze zu sehen, wenn wir die Übungen, die der Geistesschüler machen muß, um in die geistige Welt hineinzuschauen, auf unsere Seele anwenden. Da kommt ein Augenblick, wo es dem Menschen gelingt, dieses Ich eine Stufe über sich selbst hinauszuführen. Das ist der Moment, wo man dazu kommt, das gewöhnliche Ich-Bewußtsein, das die Grenze bildet für die Erinnerung, auszuschalten. Dann gelangt der Mensch in die geistige Welt hinein. Er muß nur lernen, das gewöhnliche Ich-Bewußtsein auszuschalten. Das Ich-Bewußtsein wird bewirkt durch das Anstoßen an die Leiblichkeit. Wenn der Mensch das überwindet, so wie es sonst im Schlaf überwunden wird, und wenn er lernt, bewußt in die Welt einzutreten, in der er unbewußt im Schlafe weilt, da beginnt die Möglichkeit, zurückzuschauen in frühere Leben.

[ 23 ] Das kann nur dadurch erreicht werden, daß der Mensch bewußt nach dieser anderen Seite des Lebens den Blick richtet, nach der Seite, die hinter der Pforte des Todes liegt. Wir müssen mit der Wurzel ausrotten aus der Seele Furcht und Grauen vor dem, was aus der Zukunft herandringt an den Menschen. Wie bangt und ängstigt sich der Mensch heute vor allem, was in der Zukunft liegt und besonders vor der Todesstunde. Gelassenheit in bezug auf alle Gefühle und Empfindungen gegenüber der Zukunft muß sich der Mensch aneignen, mit absolutem Gleichmut entgegensehen allem, was da kommen mag, und nur denken, daß uns das, was auch kommen mag, durch die weisheitsvolle Weltenführung zukommt. Dies muß wieder und wieder vor die Seele gestellt werden. Das führt uns dazu, die rückschauenden Kräfte für vergangene Erdenleben wie ein Geschenk zu empfangen.

[ 24 ] So können wir unsere Seele ausbilden bis zur Erlangung des Bewußtseins, daß vergangene Erdenleben nicht Hypothesen und Träume sind, sondern daß sie als Tatsache vor der Seele stehen, als etwas, das zu beobachten die Seele lernen kann. Unsere Zeitgenossen wollen zwar nicht zugeben, daß es die Möglichkeit gibt, schlummernde Kräfte in der Seele zu erwecken, so daß neue Welten, die bis dahin verborgen waren im unendlichen Schoß des Daseins, hinzukommen können zu dem, was die Seele erleben kann. Aber wir stehen vor dem Zeitpunkt, wo Menschen nach und nach immer mehr ein Verhältnis zu dem gewinnen werden, was aus dem dunklen Schoße der Vergangenheit und der Zukunft erforscht werden kann. Wir gehen einer Zukunft entgegen, wo immer mehr Menschen den Drang haben werden zu wissen, zu erkennen, wie es um die Menschenseele und ihr Schicksal steht. So eröffnet sich uns der Blick auf eine Erweiterung der Erkenntnisfähigkeit, die ein Bündnis mit der geistigen Welt eingeht.

[ 25 ] Alle höhere Erkenntnis, sagt Goethe, ist Erweiterung der gewöhnlichen Erkenntnis. Solche erweiterte, solche höhere Erkenntnis ist nicht abstraktes Nachdenken über die Dinge. Eine solche höhere Erkenntnis ist ein Verbinden dessen, was das Wesen unserer Seele ist, mit dem Geistig-Seelischen um uns. Plato führt als Beweis für die Unsterblichkeit der Seele die Möglichkeit der Verbindung der Menschenseele mit dem Ewigen an, mit dem, was außerhalb von Raum und Zeit als ein Ewiges ist, während die Dinge in Raum und Zeit entstehen und vergehen. Wenn solche höhere Erkenntnis ernst genommen wird, widerspricht sie allem, was sonst als Ermüdung auftritt. Ermüdung tritt auf bei der Erkenntnis, die die Dinge um uns herum zu erforschen bestrebt ist. Wenn der Mensch aber das in seiner Seele wirken läßt, was er an Erkenntnis über die Dinge gewonnen hat, wenn er Augenblicke des Lebens hat, wo das, was er durch die Augen gewonnen hat, zu Ideen wird und er diese Ideen in sich arbeiten lassen kann, wenn er das hehre Reich der Töne in Ideen umsetzen und weiterklingen lassen kann in seiner Seele, dann lernt der Mensch, wachend in einem Zustand zu sein, der sich vergleichen läßt mit dem Schlafzustande. Erkenntnis ist uns da gegeben in demselben Maße, wie sich das Bewußtsein unseres gewöhnlichen Ichs auszulöschen beginnt. Die Willkür dieses gewöhnlichen Ich-Bewußtseins zerschellt, der Mensch erlebt die wahre Erkenntnis, indem er fühlt, daß er sich mit seinem wahren Ich der Gesetzmäßigkeit der geistigen Welt einfügen muß.

[ 26 ] Während der Mensch in der äußeren Welt beschränkt ist auf einen kleinen Raum durch seine Leiblichkeit, die er immer wieder ermüdet durch die Arbeit des Tages, und er diese Abnutzung der Leiblichkeit immer wieder ausgleichen muß durch den Schlafzustand, fühlt er, wenn die Seele so recht «bei sich selber» ist, daß er auch wachend Kräfte aus der geistigen Welt herausholen kann. Er bekommt das Gefühl, daß sich der Seele ein Quell eröffnet, wodurch uns gesundende Tränke zufließen aus der geistigen Welt, so daß er Herr werden kann über die Leiblichkeit. Er fühlt, daß wir bewußt eintreten können in die geistige Welt, wie wir es unbewußt jede Nacht im Schlafe tun. Er fühlt, daß wir dann bewußt in das Reich der Ewigkeit hineingehen können, wenn unsere Erkenntnis Leben wird. Da wird sie etwas völlig Neues, etwas, was sie für das gewöhnliche Bewußtsein des heutigen Menschen nicht sein kann. Plato hat gesagt, daß in alter Zeit die Menschen aus der Begeisterung heraus die höchste Erkenntnis entwickelt haben. Mag diese Fähigkeit der Begeisterung dem heutigen Menschen verloren gegangen sein; nicht verloren gegangen ist ihm, daß die Erkenntnis der Welt der Ideen in ihm Lebenskraft werden kann, daß er fühlen kann, wie er sich verbindet mit der Wurzel des Daseins und der Ewigkeit, indem er mit seinem geistigen Ich erkennend in die Dinge eindringt.

[ 27 ] So lernen wir Erkenntnis als ein Lebendiges kennen, als ein bis in die Leiblichkeit hinein Gesundendes. Wir brauchen lange, bis wir diese Erkenntnis, das heißt diesen Quell des Lebendigen in unserer Seele kennenlernen. Und wir lernen auch kennen den Zusammenhang mit einem ganz anderen Faktor unserer Kultur. Unsere ganze Erkenntnis muß einlaufen in das, was wir nennen können Durchdrungensein mit dem lebendigen Christus. Was ist dieser lebendige Christus in der Seele des Menschen? Nichts anderes als das, was wir erleben können, wenn Erkenntnis und Wahrheit in uns selbst lebendig werden, wie es eben auseinandergesetzt worden ist, wenn wir unsere Persönlichkeit wie von einer zweiten Persönlichkeit erfüllt fühlen können — von etwas, was die Wahrheit selber ist. Das ist der lebendige Christus, der in der Menschenseele Wahrheit und Leben ist. Wenn man den Christus so erfaßt, ist er nicht eine abstrakte Idee, sondern er ist die lebendige Wesenheit, die an einem bestimmten Zeitpunkt in die Menschheitsentwicklung eingegriffen hat, eine Wesenheit, die das Mysterium von Golgatha vollzogen hat und dadurch eingetreten ist in das Leben der Menschenseelen.

[ 28 ] In der Vergangenheit der Menschheitsentwicklung war das Erkennen der Menschen anders als nach dem Mysterium von Golgatha. In alten Zeiten sahen die Menschen hin auf den Menschenursprung, und sie empfanden: Nicht als sinnliches Wesen ist der Mensch wertvoll für die Menschheitsentwicklung; als geistige Wesen sind wir herabgestiegen aus einer geistigen Welt in diese sinnliche Welt, um in einem physischen Leib zu leben, nachdem wir vorher in einem Meer göttlich-geistigen Lebens waren; durch unsere Seele können wir wiederum zurückfinden zu diesem gemeinsamen Menschheitsursprung.

[ 29 ] Unserer Zeit ist das nicht mehr angemessen; unserer Zeit entspricht etwas anderes. In alten Zeiten suchte die Menschenseele den Menschenursprung, um sich bewußt zu werden, was die Menschen einte. Heute blicken wir hin auf das, was der Mensch werden kann, auf ein gemeinsames Ziel für alle Menschen. Auf dieses Ziel hinschauend müssen sich die Menschen sagen können: Das geht einen jeden Menschen an; bei jedem Menschen muß etwas lebendig werden in seinem tiefsten Innern — das ist der lebendige Christus. In ihm werden sich in der Zukunft die Menschenseelen zusammenfinden. Die Erde, der Erdenkörper — er wird zersplittern mit seinem materiellen Dasein. Die Menschenseelen aber, die den lebendigen Christus in sich haben, werden zu anderen Daseinsstufen aufrücken. Wenn der Leib des ganzen Erdenplaneten zerfallen wird, dann wird die ganze Menschheit wiederum eins sein, aber nicht so, wie sie war, bevor sie herabkam auf den Erdenplaneten, sondern sie wird eins sein, indem der Christus wie ein gemeinsames Seelenblut in dieser Menschheit leben wird.

[ 30 ] Alle unsere Erkenntnis muß gewidmet sein dem großen Zeitpunkt in der Menschheitsentwicklung, wo der Blick der Menschenseele fallen kann auf den Gottmenschen, der das Mysterium von Golgatha vollbracht hat. Auf die Verchristung eines jeden Menschen sehen wir hin, wenn wir in die Menschheitszukunft schauen. Das hat einen ganz anderen Sinn, eine ganz andere Bedeutung, als wenn in der buddhistischen Lehre gesprochen wird von einem Nirwana und damit gemeint wird eine Loslösung der Seele von allem Irdischen. Nein, nicht loslösen soll sich die Seele vom Irdischen. Wir sehen hin auf den lebendigen Christus, der unsere Seelen erfassen kann mit seinem Leben, und darauf, wie die Seele durch das Leben des Christus in ihr, durch das Eintauchen in den Quell der Weisheit und der Wahrheit in immer neuen Inkarnationen immer reicher sich gestalten kann.

[ 31 ] So sehen wir, daß Geisteswissenschaft nicht im Gegensatz steht zu demjenigen, ohne das unsere Kultur nicht gedacht werden kann — zu dem Christentum. Sie will das Christentum nicht bekämpfen, sondern vertiefen, indem sie hinweist auf den lebendigen Christus. Wir schauen hin als abendländische Menschen auf das Ereignis von Golgatha als auf den Zeitpunkt, der auch aus der Geschichte heraus bekannt ist, der aber seinen tiefen Wert, seine tiefe Bedeutung für uns erst dadurch erhält, daß wir die Christus-Idee nicht nur an dem historischen Christus gewinnen, sondern diese Christus-Idee durch die Geisteswissenschaft vertiefen. Erst dann, wenn wir unsere Erkenntnis durchseelen, durchleuchten, durchgeistigen mit der Christus-Idee, wird uns diese ChristusIdee zu dem, wodurch sich uns immer sicherer die wahre Unsterblichkeitsidee eröffnet. Und wenn so der Christus in uns Erkenntnislicht, Erkenntnisleben geworden ist, dann verbinden wir uns mit der Kraft, durch die wir hindurchgehen durch viele Tode und durch viele Leben. Erkenntnis des Christus ist der Weg des Menschen, um in sich aufzunehmen die Kräfte, die ihn zur wahren Unsterblichkeit, das heißt zum Sieg über den Tod führen.

[ 32 ] Nur aus der höheren Erkenntnis heraus kann diese Idee gewonnen werden — nicht mit der gewöhnlichen Erkenntnis, die sich nur mit dem Stofflichen, dem Materiellen befassen will. Heutzutage verfolgt man ja beim Menschen nur das Äußerliche, das Stoffliche, und das ist das Flüchtigste, das Vergänglichste. Darauf weisen ja zum Beispiel die Worte Hamlets hin, die zeigen, wie ihm in seinem melancholischen Gemüt, in dem noch nicht das Christus-Licht leuchtet, das Sterben, der Tod erscheinen müssen. Er spricht von dem großen Alexander, indem er sagt:

Alexander verwandelte sich in Staub;
Der Staub ist Erde;
Aus Erde machen wir Lehm.

[ 33 ] Und er spricht von dem großen Caesar:

Der große Caesar, tot und Lehm geworden,
Verstopft ein Loch wohl vor dem rauhen Norden;
O daß die Erde, [vor] der die Welt gebebt
Vor Wind und Wetter eine Wand verklebt.

[ 34 ] Da spricht aber Hamlet nur von dem, wohin vielleicht die Erde, zu der Caesars Leib ward, hingekommen ist. Er verfolgt den flüchtigen, vergänglichen Stoff, anstatt darüber nachzudenken, wohin die großen, reich entwickelten Seelen des großen Alexander und des großen Caesar gekommen sind. Man erblickt im Menschen nicht dasjenige, worauf es ankommt, wenn man nur auf das Vergängliche, auf den Stoff schaut und darüber nachdenkt, was daraus geworden sein mag. Hinausschauen soll man auf das, was durch Tod und Geburt hindurchgeht, um zu erkennen, was wahre Unsterblichkeit ist.

[ 35 ] Man hat sich in den letzten Jahrhunderten, wo die Erkenntnis des Stofflichen so grandiose Fortschritte gemacht hat, immer mehr daran gewöhnt, den Stoff, das, was den Geist in seine Fesseln zwingt, als das Wesentliche anzusehen. Aber der Stoff wird vergehen, zerstäuben; der aus dem Stofflichen bestehende Erdenkörper wird zerfallen. Die heutige Radiumforschung zum Beispiel sieht der Geistesforscher so an, daß er weiß: Hier ist der Anfang der Zertrümmerung der Atome, die den Erdenkörper bilden. Das Stoffliche der Erde wird vergehen, aber das Ewige, auch des Erdenkörpers, geht hinein in das ewige Wesen der Dinge. Das heutige Erkenntnisstreben verfolgt das Stoffliche, das die Seele in ihren Bann zwingt. Man glaubt, von Ewigkeit, von Unzerstörbarkeit des Stoffes sprechen zu können. Solchen Worten gegenüber, wie Hamlet sie spricht, muß gesagt werden aus der Erkenntnis des wahren Wesens des Menschen heraus und zugleich aus der Erkenntnis des wahren Wesens der Stofflichkeit: Nicht nur der große Alexander, der große Caesar, nein, alle Menschenseelen sind Teile der Ewigkeit; sie ziehen in immer neuen Lebensläufen eine Leiblichkeit aus den Stoffen der Erde an, sie machen immer neue Leben durch, die nur Schritte sind zur Unsterblichkeit. Für einen jeden Menschen gilt das:

Der geringste Erdenmensch
ist ein Sohn der Ewigkeit.
Und er wird stets in neuen Leben
Den alten Tod besiegen.