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Erkenntnis und Unsterblichkeit
GA 69b

14 November 1910, Nürnberg

4. Anlage, Begabung und Erziehung des Kindes

[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Wenn man heute als vielleicht noch Außenstehender die Gesinnung und Denkungsart der Geisteswissenschaft — oder, wie man gewöhnt ist, sie zu nennen, der Theosophie — betrachtet und versucht, sich an dem, was die Vorstellungsgewohnheiten unserer Zeit sind, ein Urteil zu bilden über das, was die Eigentümlichkeit dieser Geisteswissenschaft oder Theosophie ist, so kann man als Außenstehender sich sehr leicht das in einem gewissen Sinne berechtigte Urteil bilden, daß Geisteswissenschaft etwas ist, was hohe Ideale vor die menschliche Seele hinzaubert: Ideale, die zu gewissen Erkenntnissen hinneigen — vielleicht wird der Außenstehende sagen zu vermeintlichen Erkenntnissen — über die Menschenseele, über Natur und Geist. Und man wird sich als Außenstehender sagen: Nun ja, diese Ideen, diese Erkenntnisse sind ja sehr schön, sie befriedigen die nach innerer Gewißheit sich sehnende Menschenseele, und so ist es begreiflich, daß viele aus diesem Durst heraus sich zur Theosophie bekennen. — Und wenn diejenigen, die in der Geisteswissenschaft etwas zu sagen haben, zum Ausdruck bringen, was sie wissen über die Welt der Erscheinungen und über das hinausgeht, was unsere — von der Geisteswissenschaft bewunderte — Naturwissenschaft zu sagen hat, da mag der Außenstehende sich sagen: Ja, was der Geisteswissenschafter über die Naturerscheinungen zu sagen hat, das klingt phantastisch. — Das phantastische Element ist etwas, was dem Außenstehenden zunächst auffallen muß. Wer in der Geisteswissenschaft drinsteht, der wird es ungeheuer begreiflich finden, daß der Außenstehende soviel Phantastik in der Geisteswissenschaft findet. Wer recht auf dem Boden der Naturwissenschaft stehen will, kann eigentlich nur sagen: Ich kann damit nichts anfangen. — Das kann man ganz gut verstehen. Betrachten wir jetzt im Vergleich dazu einen solchen Menschen, der etwas tiefer eingedrungen ist in die Theosophie, der sich bekannt gemacht hat mit dem, was sich der strebenden Seele wirklich darbietet, der sich unterrichtet hat über das, was Menschenseele und Menschengeist sind, betrachten wir ihn im Gegensatz zu dem anderen Menschen, so können wir in ihm Gefühle ganz anderer Art aufsteigen sehen. Ein solcher Mensch kann den Blick auf das richten, was unsere heutige Gegenwart aus ihren naturwissenschaftlichen Anschauungen heraus über Aufgabe, Ziel, Wert des geistigen Lebens und dessen Eingreifen in die praktische Arbeit zu sagen hat. Und da kommt es demjenigen, der in der Geisteswissenschaft darinnensteht, manchmal wirklich auch recht phantastisch vor, was die materialistische Gesinnung über einzelne Zweige des geistigen Lebens zu sagen hat. Man braucht nur auf einzelnes hinzuhorchen, was auf dem Gebiet der Erziehung, der Pädagogik geboten wird. Das kommt dem Geistesforscher vor wie eine Summe von Phrasen, von leeren Worten; man kann im weiten Umfange dessen, was pädagogische Kulturbestrebungen sind, Umschau halten und wird finden, daß da allerlei schöne Worte figurieren. Wer hätte nicht schon das Wort gehört, man solle alles vermeiden, was ein Hineinpfropfen in die Menschenseele sei, denn es handle sich doch um die Ausbildung der menschlichen Individualität. Wer aber vermag andere als phantastische, leere Worte zu sagen, wenn er nicht in richtige Anschauungen fassen kann, was die menschliche Individualität ist. Die materialistische Wissenschaft nimmt sich gegenüber der Geisteswissenschaft wie eine Summe von Abstraktionen aus; sie erscheint als etwas Unrealistisches. Und wenn Sie sich nicht überzeugen können, daß Geisteswissenschaft nicht nur Lebenspraxis zu pflegen hat, sondern daß sie realistisch den Dingen auf den Grund zu sehen imstande ist, [so verkennen Sie die Bedeutung einer wirklichkeitsgemäßen Erkenntnis für die Lebenspraxis].

[ 2 ] Wenn wir über das heranwachsende Kind, dem gegenüber wir eine Erziehungsaufgabe haben, nachsinnen mit den Vorstellungen der Geisteswissenschaft, dann überkommt uns gegenüber diesem Kinde, wie es sich in das Leben hineinfindet, das Gefühl, daß wir in diesem Wesen ein heiliges Rätsel vor uns haben, das wir nur mit tiefer Ehrfurcht zu lösen vermögen. Wir ahnen in jeder heranwachsenden Seele, daß in ihr etwas steckt, was sich unterscheidet von allem, was wir sehen. Wir ahnen ein Unbekanntes im werdenden Menschen, und wir haben recht. Unsere Scheu und Ehrfurcht können gar nicht groß genug sein, wenn wir der Erziehung des Kindes gegenüberstehen, und die Demut vor jedem Wesen, das uns immer wie ein neues Rätsel entgegentritt, kann auch nicht groß genug sein. Ich würde es nicht wagen, darüber zu sprechen, wenn ich mich ausschließlich mit Geisteswissenschaft beschäftigt hätte. Ich wage aber darüber zu sprechen, weil ich während fünfzehn Jahren als Erzieher die heiligen Rätsel selbst gefühlt habe.

[ 3 ] Es ist kinderleicht, vom Standpunkt des modernen Menschen aus vielleicht nicht nur zu spotten, sondern auch mit dem Schein des Rechts die phantastische Idee von der Wiederverkörperung des Menschen zu widerlegen, die Idee vom Wiedererscheinen der Menschenseele in einem neuen Leben. Heute soll von dieser Idee der Wiederverkörperung nur gesprochen werden, indem darauf hingedeutet wird, daß unsere Seele, die heute in unserem Leibe die Zeit zwischen Geburt und Tod durchlebt, schon oftmals das Leben durchgemacht hat und daß wir das heutige Leben als Ursache durchleben, um später die Wirkungen und Früchte zu erfahren. Theoretisch zu widerlegen ist diese Idee leicht. Die Sache nimmt sich anders aus, wenn man in der praktischen Erziehungstätigkeit darinnensteht und mit den richtigen Gefühlen die Kindesseele heranwachsen sieht, wie sie sich entwickelt von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr. Wenn man mit der Voraussetzung darangeht, daß man richtig erziehen will, muß man sich sagen: Du mußt in das eingreifen, was seit Jahrtausenden angelegt ist. — Und wenn man von diesem Gesichtspunkt aus jede Äußerung des Kindes betrachtet und jede Maßnahme trifft, dann sieht man, wie fruchtbar die Erziehung wirkt. Wer die Gesetze des sogenannten logischen Widerlegens kennt, weiß, wie wenig eine theoretische Widerlegung besagt. Aber wenn man wirkt im Sinne dieser Anschauung, dann spürt man ihre Wahrheit.

[ 4 ] Nun steht man allerdings vor einer eigentlich recht schwierigen Aufgabe, wenn man überschauen will, was in der werdenden Kindesseele heranwächst. Die rein äußeren Tatsachen weiß ein jeder. Aber wer hätte es nicht im Leben erfahren, wie ohnmächtig der Erzieher oftmals ist, wenn durch Gesetze oder durch Forderungen der Eltern von außen her gewisse Aufgaben gestellt werden, wie ohnmächtig er sich fühlt, wenn die gestellten Aufgaben den Anlagen und der Begabung widersprechen, die im Kinde veranlagt sind. Wer hätte es nicht gefühlt im Leben und gesehen, daß wir oftmals mit der größten Mühe nichts ausrichten können, wenn uns nicht die Begabung des Kindes entgegenkommt. Wie oft zeigt uns das Leben, wie ohnmächtig wir sind, nicht nur wegen der mangelnden Begabung des Kindes, sondern auch wegen mangelnder Erkenntnis.

[ 5 ] Wir haben versucht, das Kind zu erziehen; es zeigt sich aber nicht sogleich, wenn wir es falsch erzogen haben. Wenn wir einen Zögling in seinem späteren Leben verfolgen, dann zeigt sich uns oft etwas Eigentümliches, dann zeigt sich nämlich, daß er Begabung und Anlagen später unter schwierigen Kämpfen herauspressen muß aus seiner Seele. Und wir merken: Hätten wir diese erkannt, dann wären wir ihm ein Helfer geworden, wir hätten ihm manche Mühe erspart bei dem, was erst später hat zustande kommen können. Und wir merken, wie notwendig es ist, den Blick auf diese schwierige Frage zu richten: Wie steht es mit den Anlagen und der Begabung des Kindes, und wie haben wir uns zu stellen gegenüber den Erziehungsaufgaben?

[ 6 ] Schon diesen Grundfragen gegenüber herrscht heute begreiflicherweise Unklarheit, denn es gibt heute bei den Menschen weithin wirkende suggestive Vorstellungen, suggestive Begriffe, die mit begreiflicher Notwendigkeit wie betäubend auf die Menschen wirken, und solche Begriffe leiten die ganze menschliche Gesinnung. Ein solcher Begriff ist der Begriff der Vererbung. Wer würde nicht zunächst, wenn er von Anlagen und Begabung des Kindes spricht, denken: Was ist davon vererbt von den Eltern und Vorfahren? — Ich habe hier schon darauf aufmerksam gemacht, daß Goethe einmal in einer sehr begreiflichen Bescheidenheit die Worte aussprach, die aber doch aus tieferen Erkenntnissen rühren:

Vom Vater hab’ ich die Statur, Des Lebens ernstes Führen, Von Mütterchen die Frohnatur Und Lust zu fabulieren.

[ 7 ] Und nachdem er noch einige Vererbungsverhältnisse zum Ausdruck bringt, schließt er mit den Worten:

Was ist nun an dem ganzen Wicht

Original zu nennen?

[ 8 ] Darauf hat die Nachwelt zum Teil schon geantwortet, und darauf wird noch eine spätere Nachwelt antworten.

[ 9 ] Wer sich ein wenig mehr als zwanzig Jahre mit Goethe beschäftigt hat, hat wohl ein Recht, darüber unbefangen zu sprechen. Allen Respekt vor dem Frankfurter Ratsherrn, von dem Goethe «die Statur, des Lebens ernstes Führen» geerbt hat! Und wenn man der Mutter bewegliche, liebevolle Art sieht, das Leben anzuschauen und mit den Menschen umzugehen, dann merkt man auch, was Goethe von dem sagen will, was er von der Mutter geerbt hat, «die Frohnatur und Lust zu fabulieren». Versuchen Sie, all das zusammenzuaddieren, und schauen Sie, was dabei herauskommt. Wenn man all das Vererbte addiert und überdenkt, wird man finden: Gerade das, was Goethe nicht erben konnte, war das Wirksame — das war der eigentliche Goethe selbst, das war dasjenige, was die leitenden Mächte hereinströmen ließen. Diese benutzten das Ererbte, das sich ihnen darbot, um [das Besondere an ihm] zum Ausdruck zu bringen.

[ 10 ] Und wie bei großen, bedeutenden Menschen, so ist es bei jedem einzelnen. Man kommt nicht zurecht, wenn man alles auf Vererbung zurückführen will und nicht Rücksicht nimmt auf die Individualität, die sich entfaltet nach ihren eigenen Gesetzen. Für den, der dieses Leben unbefangen betrachtet, wird die Frage, wie sich das, was wir zurückführen dürfen auf die Vorfahren, was sichtlich da ist, zum Individuellen verhält, keineswegs einfacher. Was vererbt ist, leugnet die Geisteswissenschaft nicht. Aber wie stellt sich Geisteswissenschaft zu dem, was sich hineinbegibt in das Vererbte? Man kann Vererbung schließlich überall sehen. Es gibt Leute, die sagen, wenn neue Eigenschaften auftreten, die wir nicht bei den Ahnen finden, könne man noch immer an Vererbung denken, denn die Anlagen, die man geerbt habe, seien vielleicht bei den anderen Ahnen veranlagt gewesen, nur hätten diese keine Gelegenheit gehabt, sie auszubilden. Das ist etwas, was oft gesagt wird. Wenn man so spricht, dann hat man wirklich einen recht vagen Begriff von Anlagen. Das ist nicht realistisch; Begriffe hineinträumen kann man überall. Solche Menschen kommen mir vor wie einer, der sagt: Die Anlage, einem Menschen auf den Kopf zu fallen, hat jeder Ziegelstein. — Nur muß eben ein Mensch da sein, [auf den der Ziegelstein fallen kann]. Wer realistisch denkt, kann in solcher Weise nicht von Anlagen sprechen.

[ 11 ] Es ist die Aufgabe der wirklichen Pädagogik, das, was vererbbar ist, rein loszuschälen von dem, was nicht vererbbar ist. Im Grunde könnte man sich schon — weil es heute beliebt ist, ins Tierreich hineinzusteigen — ein Bild machen von der Vererbung. Im Hühnerei steckt darin, was da an Vererbtem ist, aber es muß von außen Wärme dazu gegeben werden. So sehen wir, daß eine wesentliche Grundbedingung die Wärme ist, die nicht im Keime selbst darin liegt. Dennoch zeigt eine oberflächliche Betrachtung, daß bei den Tieren die Dinge vererbbar sind, während beim Menschen ganz sicher auch von nichtvererbbaren Dingen gesprochen werden muß. Denken Sie daran, wie beim Tier zweifellos das, was wir Instinkt nennen, von vornherein da ist, und zwar sichtlich so, daß es in der Vererbungslinie liegen muß; und das Tier ist dadurch ein Gattungswesen, daß es alle die Eigenschaften vererbt, die ihm, zum Beispiel in bezug auf Geschicklichkeit, reichlicher als dem Menschen zukommen. In dieser Beziehung ist der Mensch schlechter dran als das Tier. Der Mensch neigt dazu, wenn er demütig ist, die Begriffe nach der Demut zu drehen, oder wenn er hochmütig ist, nach der Seite der Hochmut zu drehen. Und wenn er hochmütig ist, dann ist er geneigt zu sagen, die Tiere stünden weit unter dem Menschen. In solch absolutem Sinne gilt das nicht. Jeder kann es nachlesen, wie sich die Kultur entwickelt hat, wie lange die menschliche Intelligenz gebraucht hat, um zum Beispiel zur Papierherstellung zu kommen. Die Wespen haben das Papier schon lange gemacht. So können wir, wenn wir eingehen auf das Tierreich, die Betätigung der Intelligenz einfach aus den Instinkten heraus unmittelbar verwirklicht sehen. Man könnte daraus den Schluß ziehen, daß der Mensch eigentlich nicht intelligenter ist als das Tier.

[ 12 ] Gewisse Dinge kann der Mensch gar nicht erben. Jeder wird zugeben, daß die Kunst, ein Wespennest zu bauen, vererbt ist. Aber keiner sollte daran zweifeln, daß ein Mensch, der in eine Einöde versetzt ist, niemals zu Sprache und zu Selbstbewußtsein kommt. Sprache und menschliches Selbstbewußtsein lassen sich nicht vererben; sie gehen nicht über in die Kräfte, die innerhalb der Vererbungslinie liegen, sie müssen immer neu gelernt werden. So lehrt der äußere Augenschein, daß die wichtigsten Dinge nicht wie beim Tierreich zu beurteilen sind. Dennoch: Wer wollte es leugnen, daß allerdings Dinge vorhanden sind, die vererbt werden? Wer wollte das leugnen? Wenn Schopenhauer sagt, daß er vieles von dem, was seine Denkernatur ist, von der Mutter geerbt habe, und das, was Willensnatur ist, vom Vater — wer wollte leugnen, daß darin etwas Wichtiges und Wahres liegt, wenn es auch schief ausgedrückt ist. So sehen wir den Menschen, wie er tatsächlich mit vererbten Merkmalen ins Dasein tritt, und wir haben die Aufgabe, nun von diesen vererbten Merkmalen das zu unterscheiden, was nicht vererbbar ist. Das zeigt die Erfahrung. Nun könnte jemand sagen: Das wollen wir gern zugeben: Sprache und Selbstbewußtsein lassen sich nicht vererben, aber da brauchen wir gar nicht so subtil zu unterscheiden, denn das regelt sich schon von selbst; wenn der Mensch in ein bestimmtes Sprachgebiet hineingeboren wird, dann wird es sich einfach ergeben, [daß er diese Sprache spricht].

[ 13 ] Gibt es nun aber vielleicht unvererbbare Merkmale, die wir erst herausholen müssen aus tieferen Quellen der menschlichen Individualität? Da ist es nun nicht ganz so leicht, diese im menschlichen Wesenskern liegenden Anlagen und Begabungen, die nicht auf Vererbung beruhen, zu unterscheiden von den vererbten Eigenschaften. Gewiß ist es Vererbung, wenn aus der Familie Bach sieben Musiker hervorgehen. Aber dennoch, wer praktisch an die Erziehung herangeht, wird nicht anders können, als den inneren Wesenskern herauszusondern aus dem, was sich vererbt. Da muß man sich völlig klar sein darüber, wie sich die Vererbungsverhältnisse ins Leben stellen. Wir sehen, wenn ein Kind ins Dasein tritt, daß es mehr dem Vater oder mehr der Mutter ähnlich ist, daß es gewisse Eigenschaften hat, die auf die Mutter, gewisse Eigenschaften, die auf den Vater hinweisen. Wer unbefangen das Leben betrachtet, wird bald merken, daß in der Tat ein Unterschied ist zwischen dem, was sich vom Vater, und dem, was sich von der Mutter auf die Kinder überträgt. Natürlich vermischen sich die Verhältnisse, aber man kann doch unterscheiden, was mütterlicher und was väterlicher Anteil ist. Und wenn man tiefer hineinschaut, zeigt sich klar, wie sich die beiden Anteile verteilen: Es zeigt sich, daß alles, was wir sehen an vererbten Merkmalen und was sich bezieht auf die Qualität der Intelligenz oder der Urteilsfähigkeit, auf die Beweglichkeit der Intelligenz oder der Urteilsfähigkeit, auf irgendwelche Eigenschaften der Mutter zurückführen läßt. Und diejenigen Eigenschaften, welche man dahingehend zusammenfassen kann, daß man sagt: Die Festigkeit des Charakters, die Stärke und die Kraft, sich ins Leben hineinzustellen, alles, was bei Sohn und Tochter willensartiger Natur ist, das führt auf Eigenschaften des Vaters zurück. Ich sage nicht, es führt die Intelligenz des Kindes auf die Intelligenz der Mutter zurück, sondern ich sage, die Intelligenz des Kindes führt auf Eigenschaften der Intelligenz der Mutter zurück, und die Festigkeit des Charakters des Kindes führt auf Eigenschaften des Charakters des Vaters zurück.

[ 14 ] Wenn man genauer auf diese Dinge eingeht, zeigt sich bald, daß in bezug auf den Verlauf des elterlichen Lebens wie auch in bezug auf die Eigenschaften des kindlichen Lebens sich doch große Unterschiede zeigen, namentlich in bezug darauf, ob ein Kind sozusagen ein frühes Kind der Ehe ist oder ein spätes. Wenn es später geboren ist, da zeigt es dem Erzieher ganz andere Beziehungen zu den Eltern, als wenn es im Jugendalter der Eltern geboren ist. Die Beobachtung zeigt, daß bei Kindern, die spät in der Ehe geboren werden, diejenigen Eigenschaften der Mutter oder des Vaters stärker auftreten, die in gewisser Beziehung sich schon ausgelebt haben im Beruf, und man sieht bei diesen Kindern viel deutlicher den Abdruck der Eltern. Da hat man viel größere Beweglichkeit der Intelligenz, da hat man viel weniger festumrissenen Charakter. Es ist interessant, diese Tatsachen beim Kind in Betracht zu ziehen, denn darauf müssen wir Rücksicht nehmen und uns fragen: Was ist es, was die Vererbung trägt?

[ 15 ] Es ist die Vererbung ein in der physischen Welt sich vollziehender Vorgang. Was vererbt sich? Es vererbt sich das, was wirklich in die Leiblichkeit hineingegangen ist. Wenn wir sagen, es vererben sich die Eigenschaften der Intelligenz, so müssen wir wissen: Beim Kind tritt das [als vererbt] auf, was an die physische Leiblichkeit gebunden ist, zum Beispiel an das Gehirn. Weil wir dieses sozusagen als Instrument mitbekommen, so ist es natürlich, daß wir vererbbare Merkmale zeigen. Wir erben die intimere Gestaltung der Organe und müssen uns darein fügen. So ist es erklärlich — weil uns die Organe vererbt sind —, daß wir abhängig sind von diesen Organen. Dazu ein etwas grober Vergleich: Wenn man ohne Hand geboren wird, dann sieht man, wie abhängig man davon ist. Es ist im Grunde immer das Körperliche, das in Betracht kommt, wenn von Vererbung gesprochen wird, so wie ich es jetzt getan habe. Und aus dem heraus kristallisiert sich dasjenige, was sich der praktischen Lebensbeobachtung als individueller Kern zeigt, den wir nicht verstehen, wenn wir ihn zurückführen auf Vererbungsverhältnisse.

[ 16 ] Das Kind tritt mit einer gewissen Beweglichkeit seiner Intelligenz, seiner Urteilsfähigkeit auf. Wir blicken auf die Mutter und müssen sagen: Da sind die Ursprünge. — Wir studieren den Charakter des Kindes, indem wir auf den Vater blicken, und erhalten so Aufschluß über den kindlichen Charakter. Aber dann bleibt etwas Sonderbares als Rest — und das ist das Wichtigste für den Erzieher. Nur wenn er das in Einklang bringt mit der Vererbung, dann kann alles, [was in der Erziehung geschieht], von Erfolg sein. Was sich heranbildet an Urteilen, hat Eigenschaften, die auf die Mutter zurückweisen. Aber innerhalb dieser Artung der Urteilsfähigkeit sind Hinweise vorhanden auf ganz bestimmte Lebenssphären, die nicht auf die Mutter zurückzuführen sind. Innerhalb der Eigenschaften der Mutter zeigt uns der eine zum Beispiel die Hinneigung zur Musik, der andere die Hinneigung zur Mathematik. Und es zeigt sich als großer Fehler, wenn wir die Intelligenz überall hingelenkt sehen wollten. Die Artung der Intelligenz ist vererbbar, aber die bestimmte Richtung, die Begabung für dieses oder jenes enthüllt sich zwar aus der Artung der Intelligenz heraus, aber sie ist nicht vererbbar. Uns als Erzieher bleibt die Aufgabe, hinzuschauen auf die Mutter und zu begreifen die Beweglichkeit der Intelligenz, zum Beispiel warum das Kind langsam oder schnell denken muß. Aber es bleibt uns noch zu verstehen die Hinneigung auf dieses oder jenes, auf das spezifisch Individuelle.

[ 17 ] In anderer Beziehung tritt uns die Charakterfestigkeit, die Willenssicherheit als vom Vater vererbtes Merkmal klar entgegen, und das verstehen wir beim Kind, wenn wir auf den Vater blicken. Aber eines können wir so nicht verstehen. Es tritt uns, wie ein Kern sich herauskristallisierend, etwas entgegen: Das ist die Richtung des Interesses, nach dem sich dieser Charakter hinwendet. Wir sehen bei dem einen Kinde diese Interessenrichtung, bei einem anderen jene Interessenrichtung — die sind spezifisch individuell.

[ 18 ] Und wenn wir klug vorgehen als Erzieher, dann werden wir fragen: Wie stellen sich die Urteilseigenschaften der Mutter dar und wie die Charaktereigenschaften beim Vater? — Wollen wir aber richtig erziehen, so müssen wir die Interessenrichtung des Charakters kennen und die Richtung der Intelligenz. Man kann das sehr leicht verwechseln. Daher kommt es auch, daß in einer Familie, wo ein Kind besonders nach dem Vater geartet ist, der Vater es schwer hat mit der Erziehung des Kindes. Und umgekehrt, wo das Kind besonders nach der Mutter geartet ist, da hat es die Mutter schwer. Kinder, die besonders nach dem Vater geartet sind, werden leichter von der Mutter erzogen. Kinder, die besonders nach der Mutter geartet sind, werden leichter vom Vater erzogen. Ist ein Kind nach dem Vater geartet, so hat es die Willensimpulse des Vaters; die Interessenrichtung kann der Vater nicht übertragen, aber die Talente treten innerhalb des Gebietes der Mutter auf. Eine Folge ist, daß er auf diesem Gebiet das Kind wenig verstehen wird; das Kind wird sich im Charakter am Vater selber abschleifen, und es werden die Talente am besten durch die Mutter zur Pflege gebracht werden. Ist umgekehrt das Kind nach der Mutter geartet, dann wird es der Mutter schwerfallen, das Interesse zu richten; das wird der Vater können:

Es bildet ein Talent sich in der Stille,
Sich ein Charakter in dem Strom der Welt.

[ 19 ] Es bilden sich Talente in der Milde der Mutterpflege; es bilden sich Charaktere in der Festigkeit der Vaterpflege. Das ist ein goldener Grundsatz.

[ 20 ] In der Regel treten uns die Menschen nicht so entgegen, daß sie uns klar eine Mischung der von Vater und Mutter vererbten Eigenschaften darstellen; in der Regel ist es so, daß entweder mehr väterlicher oder mehr mütterlicher Einfluß in den Vordergrund tritt. Daraus ergeben sich für den Erzieher außerordentlich wichtige Grundsätze. Nehmen wir an, das mütterliche Element überwiegt, dann können wir häufig sehen, daß das Kind ganz vorzüglich nach der Mutter geartet erscheint; und leicht wird es sein, in dieser Fülle von Intelligenz die spezifische Begabung zu erraten. Wenn aber das väterliche Element zurückgedrängt ist, dann wird es uns wirklich schwer, in dem zurückgedrängten väterlichen Vererbungsschatz die besondere Interessenrichtung zu finden. Da müssen wir als Erzieher das ansehen, was die Vererbung nicht geleistet hat, wir müssen besonders den Vater ansehen, ob er selbst lässig oder fest ist, und müssen dann dasjenige ersetzen, was in der Vererbung zurückgeblieben ist. Das können wir dadurch, daß wir unseren Blick nach der Gegenseite richten. Die Talente und Fähigkeiten finden wir bald, aber was nicht gegeben ist in der Vererbung, das müssen wir durch Erziehung ersetzen.

[ 21 ] Was soll der Erzieher machen? Da tritt etwas unendlich Wichtiges ein: Wenn er sieht, daß das, was vom Vater vererbt werden kann, nicht scharf genug ausgeprägt ist, dann muß er darauf hinarbeiten, die Talente, die Begabungen nicht ohne Lenkung sein zu lassen. Er muß darauf hinarbeiten, die Aufmerksamkeit des Kindes auf solche Verrichtungen und Hantierungen zu lenken, welche seinen Talenten entsprechend sind. Es müssen die Talente gebunden werden an äußere Gegenstände. Die Interessen müssen geweckt werden. Ein Kind, das nach der Mutter geartet ist, müssen wir besonders daran gewöhnen, daß es die seinen Talenten entsprechenden Gegenstände in der Umgebung hat, auf die wir seine Aufmerksamkeit lenken. Wir dürfen aber nicht dem Grundsatz folgen: Das Kind hat seine Anlagen, also lassen wir es diesen folgen.

[ 22 ] Nehmen wir nun an, ein Kind ist besonders nach dem Vater geartet, dann wird es uns schwer, die Talente, die Fähigkeiten, die Begabungen zu erraten. Dagegen tritt uns dann mit außerordentlich starkem Willensimpuls die Interessenrichtung entgegen. Es wird das Interesse in der Stärke der Begierde sich ausleben. Und es ist besonders darauf zu achten, daß wir aus der Interessenrichtung nicht immer auf die richtige Begabung schließen können. In einem solchen Fall müssen wir vor allem unser Augenmerk darauf lenken, daß wir die Interessen in der richtigen Weise studieren. Wenn wir aber Interessen heranreifen lassen, zu denen keine Begabung da ist, so schaden wir dem Kinde. Was sich als Seeleneigenschaft äußert und keiner Begabung entspricht, das schlägt sich in die Seele zurück. Das ist ein fortwährender Krankheitsstoff, das stört das physische Nervensystem. Viele solche Störungen sind darauf zurückzuführen, daß man nicht verstanden hat, die Interessen in Einklang zu bringen mit Begabung und Talenten. Da wird sich zeigen — was außerordentlich lehrreich ist zu sehen —, wie sich gewisse Interessen impulsiv äußern, aber zu Ungeschicklichkeit führen, andere dagegen zu Geschicklichkeit. Darauf wird viel zu wenig geachtet. Aber man sollte sorgfältig unterscheiden zwischen den Interessen. Und dann hat man als Erzieher die Aufgabe, das fernzuhalten, was das Interesse zur Ungeschicklichkeit führen würde.

[ 23 ] Man kommt am besten zurecht, wenn man sich fragt: Wie ist der Vater, und wie ist die Mutter? — und dann sorgfältig prüft, was sich als Kristallkern innerhalb des väterlichen und des mütterlichen Vererbungsschatzes zeigt. In diesem Sinne können wir sagen, daß das Erziehen wirklich zurückgeführt werden muß auf eine Art Erkenntnis und nicht auf die Phrase: Du mußt harmonisch erziehen! — Oder: Berücksichtige die Individualität! — Ja, wie soll man harmonisch erziehen, wenn man nicht weiß, wohin die Interessen sich wenden? Wie soll man die Individualität betonen, wenn man das spezifisch Individuelle nicht zu finden weiß?

[ 24 ] Nun ist das nur eine Seite der Erziehung. Der Mensch wird nicht um seiner selbst willen in die Welt gestellt, sondern um der Menschheit willen. Wir können nicht bloß auf das Rücksicht nehmen, was im Kind als vererbt erscheint. Der Erzieher wird bald merken, daß mit dem Karmagesetz ein großes, zusammenstimmendes Verhältnis geisteswissenschaftlich ausgedrückt ist. Sie können draußen [in der Natur] leicht beobachten, wie ein Wesen dahin gestellt wird, wo es hingehört. Das Edelweiß wächst nicht in der Tiefebene, sondern auf Berghöhen. Jedes Wesen wächst in sein Milieu hinein und kann nicht dort gedeihen, wo es nicht hineinpaßt. So ist es auch mit dem Menschenkern, der sich hineinstellt in das «Milieu», in das er gehört. Die Dinge stimmen besser zusammen, als man meint. Daher stimmen auch die Talente recht gut mit der Mutter, die Interessen recht gut mit dem Vater zusammen. Dennoch müssen wir den Blick auf etwas anderes richten. Der Mensch ist nicht darauf angelegt, seine eigene Sprache zu sprechen, sondern jene der Gemeinschaft, in die er hineingeboren wird. Das ist das Gattungsmäßige. So bohrt sich durch die gemeinsame Sprache die ganze Art und Weise des Denkens und Empfindens in die Seele hinein.

[ 25 ] Das kann man schon im Groben beobachten. Versuchen Sie die Seele eines fränkischen Menschen mit jener eines westpreußischen Menschen zu vergleichen, und versuchen Sie sich klarzumachen, wie die jeweilige Denkungs- und Empfindungsart in ihn hereinwirkt. So ist es mit allem, in das der Mensch artgemäß, gattungsgemäß hineingestellt wird. Wenn wir bewußt erziehen, müssen wir wissen, daß wir den Menschen nicht nur individuell erziehen. Ebenso wenig wie wir ihm die eigene Sprache geben können, können wir als Erzieher für jedes Kind etwas extra machen. Die Menschennatur ist darauf angelegt, daß der Mensch sich einfügt in das, was im Kulturprozesse da ist. Der Mensch muß hineinerzogen werden in das, was der Menschheit angehört; er muß in ihm Wurzel fassen. Wenn wir das beachten, dann werden wir uns sagen: Gegenüber diesen Elementen sind wir anscheinend ganz ohnmächtig. — Wenn wir auf die Begabung sehen und auf die Anforderungen des Lebens, so könnte es uns unmöglich scheinen, Harmonie da hineinzubringen.

[ 26 ] [Da kann uns nur die intime Beobachtung des Menschen weiterhelfen]. Ich will Ihnen zwei Kinder schildern, [sie als Beispiele vor Sie] hinstellen. Das eine ist geboren in eine Umgebung, wo ihm eine bestimmte Sprache entgegentritt. Mit dieser ist es aufgewachsen; sie ist Eigentum seiner Seele geworden — ein Teil des ganzen inneren Menschen. Wer nachgedacht hat über die Sprache im Verhältnis zum Menschenwesen, wird wissen: An der Sprache lernt der Mensch nicht nur logisch urteilen, sondern auch empfindend urteilen. Wie zum Beispiel in irgendeiner Sprache der A- oder U-Laut wirkt, das wirkt ungeheuer auf das Empfindungsvermögen der Seele. In der Sprache ist ein «Knochengerüst» für Gefühle und Empfindungen gegeben. Stellen wir neben dieses Kind, das mit seiner Sprache ganz verwoben ist, so daß es in der Sprache nicht nur denken, sondern auch «sein» gelernt hat, ein anderes Kind, das durch Schicksalsfügung gezwungen ist, nachdem es kaum seine Muttersprache gelernt hat, eine andere Sprache zu lernen und sich zu eigen zu machen. Da wird man beobachten, wie sein Seelenleben viel beweglicher, viel weniger in sich gefestigt ist. Ich möchte sagen, eine Sprache, die wie ein «Skelett» der Seele wirkt, gibt robustere Naturen. Eine Sprache, die unsere Seele wie ein «Kleid» trägt, die macht die Seele flüssiger, weniger gefestigt. Die Folge ist, daß die Seele eines solchen Kindes viel leichter affızierbar ist; es kann nicht so robust den äußeren Einflüssen des Lebens entgegentreten.

[ 27 ] Sehen wir jetzt einmal ab von der Sprache, so kann uns das doch lehren, daß es von großer Wichtigkeit ist für die Erziehung, wenn sich dasjenige, was später Erziehungsgrundsatz und Lebensinhalt ist, anschließt an das Frühere. Alles Sprunghafte in der Erziehung zerstört in ungeheurer Weise das Seelenleben. Es gehört zu den größten Schädigungen des Seelenlebens, wenn man nicht anknüpft an Früheres. Dagegen ist das bewußte Anknüpfen von wunderbarer Wirkung. Wenn Sie ein charakterschwaches Kind haben und Sie setzen sich öfter zu ihm und fangen an, ganz unmerklich von dem zu reden, was es vor drei Jahren gemacht hat — da können Sie viel eher tadeln als in der Gegenwart, da können Sie durch das Hinlenken der Gedanken auf das Frühere das Gegenwärtige stärken. Man kann die größten Fehler machen, wenn man gleich aus Zorn heraus mit Strafen und Maßregeln das Kind anfährt. Wenn die Tat frisch ist, kann man leicht Fehler machen. Das Leben ist nicht widerspruchslos, man kann gar nicht anders als Fehler machen, aber sie lassen sich verbessern. Wenn Sie veranlaßt sind zu strafen, so setzen Sie sich zu dem Kind und reden von einer früheren Ungezogenheit; das Kind ist darüber hinweg und fühlt das Frühere nicht mehr so stark. Die Gefühle stumpfen sich ab, sie gehen einen ganz anderen Weg als Gedanken und Gedächtnis. Es zeigt sich, daß wir das Frühere objektiv besprechen können, und je öfter wir das tun, das Gedächtnis auffrischen und den Blick hinwenden auf Früheres, desto mehr können wir für die Charakterbildung tun.

[ 28 ] Das sind einzelne Regeln, die sich dem unbefangenen Beobachter ergeben. Man braucht allerdings den Blick der Geisteswissenschaft, um die Einzelheiten richtig zu gruppieren. Aber dann kann man das einsehen und wichtige Prinzipien daraus ziehen. Man ist gezwungen, nicht bloß auf das Individuelle zu sehen, sondern auch auf das große Ganze. Dann muß man aber auf den Einklang sehen zwischen der individuellen, einzelnen Natur und der allgemeinen Menschennatur. Man kann dadurch, daß man zurückgeht auf Vergangenes, eine gewisse Sympathie heranziehen. Man wird große Schwierigkeiten finden, den Egoismus des Kindes mit den Forderungen der Umgebung in Einklang zu bringen, aber wenn man zurückgeht auf Erfahrungen von früher, dann merkt man, wie das Kind darauf eingeht. Der Erzieher muß das Frühere mit dem Späteren in Einklang bringen. Er muß darauf sehen, daß dasjenige, was den einzelnen Menschen in Einklang bringen muß mit den Forderungen der ganzen Menschheit, durch Zurückgreifen auf Früheres geschieht. Sie erziehen umso besser, je mehr Sie zurückgreifen auf frühere Erlebnisse des Kindes.

[ 29 ] So muß man diese Dinge zusammensuchen, die gut sind für die Kindererziehung. Insbesondere ist es ein Unrecht, wenn man ausgesprochene Begabungen unentwickelt läßt und das Kind damit in fortwährenden Widerspruch mit der Umgebung versetzt. All das sind Krankheitsursachen. Unterdrückte Begabungen und Interessen kriechen hinein ins menschliche Innere und können sich später als seelische Krankheiten erweisen. Wir begehen eine Sünde an der Gesundheit des Menschen, wenn wir seine Anlagen unentwickelt und seine Interessen unbenützt lassen. Und ebenso begehen wir ein Unrecht, wenn wir die Anpassung an die Umgebung unberücksichtigt lassen. Wenn man das nicht tut, dann wirkt das, was als Widerspruch zwischen der Kindesseele und den Forderungen des Lebens auftritt, wie zurückgeschlagen in die Seele und wird als tiefe Unbefriedigung im Leben empfunden. Und bei allen Menschen, die durchs Leben wandeln und immer klagen: Mir ist so schwierig in der Seele —, dann muß der Seelenkenner sich sagen: Ja, da sind Interessen, die berechtigterweise hätten erzogen werden sollen, da sind Begabungen, die hätten entwickelt werden sollen, und das ist verfehlt worden. Und deshalb kommt der Mensch nicht zurecht mit dem Sich-Hineinstellen-ins-Leben und ist unbefriedigt.

[ 30 ] Man könnte sehr leicht sagen: Was du erzählst, das geht auf intimere Eigenschaften der Seele aus, die innerhalb der Intelligenz und der Willensrichtung zu entdecken sind. — Aber das sind eben die wichtigsten Dinge für den Erzieher; darin zeigt sich der Seele Kern und darin kann er das meiste Unheil anrichten. Wieso? Was wir heranerziehen an Interessen und Begabungen, führt zunächst zu einer gewissen Beweglichkeit des Urteilens, und mit dreißig Jahren ist es dann Geschicklichkeit der Finger und der Hände. Wenn irgendeiner dreißig Jahre alt ist und etwas ungeschickt anfaßt, so führt das zurück in die Zeit etwa seines siebten Jahres, wo er die Beweglichkeit des Denkens nicht gelernt hat. Und die Teilnahmslosigkeit, die sich dann einstellt, wenn wir nicht die Interessen entwickeln, die zeigt sich als Lässigkeit in allen praktischen Verrichtungen. Vor allem muß man beachten, daß in diesen Eigenschaften eben der individuelle Wesenskern des Kindes zum Ausdruck kommt.

[ 31 ] Der Geisteswissenschafter wird empfehlen, daß das Kind beschäftigt wird, aber so, daß es im Spiel geschieht. Warum spielt das Kind, und warum soll es spielen? Ich will etwas aus dem späteren Leben erwähnen. Sie kennen eine Erscheinung im Leben, die Ermüdung. Woher kommt die Ermüdung? Da werden Sie oft die Antwort bekommen, sie zeige sich am Abend, wenn die Muskeln abgenützt sind. Ist es wahr, daß die Muskeln durch ihre eigene Natur in den Zustand der Ermüdung kommen können? Wenn das so wäre, dann müßten die Muskeln, die Ihr Herz bewegen, stillestehen vor Ermüdung. Es liegt nicht in der Natur des Muskels, müde zu werden. Der Muskel tut, was er tun soll; er wird nicht müde. Der Herzmuskel bleibt unbeeinflußt von äußerer Tätigkeit. Ermüdung tritt lediglich dann ein, wenn Sie Ihrem Muskel etwas zumuten, was sich auf die Außenwelt bezieht, was zusammenhängt mit einer bewußten Handlung. Man kann sagen: Ein Nicht-Zusammenstimmen unserer Muskeln mit den Erfordernissen der Außenwelt ruft Ermüdung hervor. Das ist wahr: Die Ermüdung kommt daher, daß die innere Organisation nicht mit der Außenwelt zusammenstimmt. Sie zeigt, daß ein gewisser Widerspruch besteht zwischen der Außenwelt und dem innerlich Organisierten.

[ 32 ] Ich will damit nur auf eines aufmerksam machen: Man muß sich klar sein, daß der menschliche Kulturprozeß keineswegs nur nach den eingepflanzten Gesetzen verlaufen kann, so daß er nur der inneren [Leibes]organisation entspricht. Das Wesen des menschlichen Seelenlebens ist nicht auf die Erhaltung der Art gerichtet, sondern auf die Entwicklung des Seelisch-Geistigen. Da kommen zwei Strömungen zum Ausdruck: der Fortschritt [dieses Seelisch-Geistigen] und das, was innere [Leibes]organisation ist. Es steht geschrieben in den ewigen Gesetzen des Daseins, daß der Mensch die rein organischen Gesetze hinzuopfern hat den geistigen Gesetzen. Wer diese Dinge durchschaut, wird darüber nicht klagen. Er wird es aber begreiflich finden, daß auf der anderen Seite ein Ausgleich notwendig ist. Wir müssen für das Leben gesund vorbereitet werden, so daß wir die äußeren Dinge mit den Händen ergreifen können und über die äußeren Dinge mit dem Gehirn denken können. Es muß ein Ausgleich geschaffen werden, und der wird nur dann geschaffen, wenn wir in gewissen Zeiten in der Lage sind, eine solche Verrichtung zu pflegen, die sich nicht nach der Außenwelt richtet, sondern sich mit der Betätigung selbst begnügt.

[ 33 ] Beim Spiel folgt die innere Menschennatur dem, was hier gefordert wird. Wir tun dem Kind am besten, wenn wir das Spiel individuell gestalten, da bringen wir das Innere zur Stärkung. Wenn man das Spiel schablonenhaft gestaltet, so werden die Menschen schon sehen, was daraus folgt. Man will ja heute alles unter die Schablone bringen, nicht einmal bei der Kleidung will man zugeben, daß sie auf die Individualität hin zugeschnitten wird. Es ist der Grundzug der Gegenwartskultur, daß zum Beispiel selbst jene Menschen, die die ärgsten NietzscheAnhänger, [also die ärgsten Individualisten], sind, sich doch an einer «table d’höte» gemeinsam abspeisen lassen. Das dürfen wir nicht in der Erziehung einfließen lassen, namentlich nicht beim Spiel. Wir müssen das Spiel so einrichten, daß wir individualisieren, daß wir sorgfältig darauf achten, welches die Begabung und Richtung des Interesses dieses oder jenes Kindes ist, sonst begehen wir eine Sünde.

[ 34 ] Das kann uns zur Einsicht führen, daß es für uns als praktische Erzieher notwendig ist, an das Geistige im Kinde zu glauben und nicht an die Muskeln, die die Kraft haben sollen, ihrer Abnützung entgegenzuarbeiten. Das Geistig-Seelische soll selbständig sein beim Spiel, das Materielle soll nicht eingreifen, so daß das Kind im Spiel frei sein kann vom «ermüdenden» Einfluß der Außenwelt. Wenn wir nicht an ein innerlich sich befreiendes Seelenwesen glauben, dann können wir nicht praktisch erziehen. Wenn man aber in dieser Weise wirklich praktisch herangeht, dann kann man noch etwas Bedeutsames einsehen; man wird auch anerkennen können, daß es notwendig ist, im kindlichen Alter frei zu sein von den grob-materiellen Gesetzen der Außenwelt. Je früher diese an das Kind kommen, desto mehr bringen sie das zustande, was nicht eine freie Betätigung im Spiel zuläßt. Das Kindesalter braucht Wahrheiten, die sich nicht sklavisch an das halten, was in der Außenwelt ist, es braucht Wahrheiten, die es mit Herz und Seele umfassen kann. Darum soll man Märchen und Mythen der kindlichen Seele geben; so schafft man Befreiung der Seele durch innere Wahrheiten. Das hat die Menschheit früher aus sicherem Instinkt getan, und in unserer Zeit wird es notwendig sein, darauf mehr Rücksicht zu nehmen.

[ 35 ] Nun kann man fragen: Ja, wie kommt der Erzieher zu diesen besonderen Talenten? — So schwierig ist die Sache nicht, denn eigentlich gehört in der Hauptsache das zum Erzieher, was ich bereits erwähnt habe, und zwar in ganz umfassendem Maße: die heilige Scheu vor dem, was sich losringen will als individueller Wesenskern des Menschen. Haben wir die heilige Scheu vor dem, was sich seit Jahrtausenden vorbereitet hat und bei dessen Entwicklung wir mithelfen müssen, dann stellt sich ein Verantwortungsgefühl ein, das uns beseligt, das heißt, es hat eine bestimmte Eigenschaft: Es macht uns erzieherisch «genial». Der Erzieher hat oft keine Ahnung, warum er das Richtige tut. Das Kind sagt ihm selbst, was es braucht. Das Notwendige im Erzieherberuf ist die Liebe, die sich dadurch charakterisiert, daß wir das Aufkeimen der Anlagen beim Kinde lieben lernen; und wir werden sehen, was die Liebe im Geiste vermag. Im äußeren Leben mag die Liebe oft blind sein. Wenn die Liebe auf das innere Werden sich bezieht, da wirkt sie seelenöffnend, denn da sitzt hinter dieser Liebe immer ein mächtiger Glaube — der Glaube, der uns wirklich erst fähig macht, das Leben im rechten Sinn zu betrachten, und der uns den Menschen hineingestellt zeigt in eine Welt sowohl des geistigen Lebens wie des sinnlichen Lebens, zwischen denen wir die Verbindung herzustellen haben. Wir sehen im Kinde das Hinuntersteigen des Geistes, die Vermählung des Geistes mit der Leiblichkeit. Und wenn wir im Kinde sehen, wie der Geist sich verbindet mit der Leiblichkeit, dann kann unsere Erziehungstätigkeit zum Ausdruck dessen werden, was wir nennen können den eigentlichen Lebensglauben, der sich ausdrücken darf in den Worten:

Es drängt sich an den Menschensinn
Aus Weltentiefen rätselvoll
Des Stoffes reiche Fülle,
Es strömt aus Weltenhöhen
In Seelengründe inhaltvoll
Des Geistes klärend Licht.
Sie finden sich im Menscheninnern
Zu weisheitsvoller Wirklichkeit.