Erkenntnis und Unsterblichkeit
GA 69b
6 Februar 1911, Düsseldorf
5. Anlage, Begabung und Erziehung des Menschen im Lichte der Geisteswissenschaft
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Geisteswissenschaft oder Theosophie ist durch das, was sie uns als Menschen für die Erkenntnis gibt, zugleich eine Grundlage der Lebenspraxis. Dadurch, daß wir imstande sind, hindurchzublikken durch das sinnlich Wahrnehmbare, durch das bloß für den äußeren Verstand Begreifbare, in das Übersinnliche, ist diese Geisteswissenschaft ein Werkzeug dafür, daß wir uns als Glied der übersinnlichen Welt fühlen können. Dadurch gibt uns die Theosophie jene Erkenntnisnahrung, die sich wie ein geistiges Blut in unsere ganze geistige Organisation ergießt, und wir erlangen Sicherheit und Kraft des Lebens, indem wir ein Wissen von der übersinnlichen Welt aufnehmen. Doch in einem solchen Fall sind wir nur, wenn wir das, was übersinnlich ist, in unsere Erkenntnis hereinzubringen suchen. Etwas anderes ist es, wenn wir dem werdenden Menschen gegenüberstehen, wie er durch die Geburt ins Dasein tritt, wie er durch den normalen Verlauf des Lebens genötigt ist, Stück für Stück durch das Materielle des Leibes hindurch das geltend zu machen, was wie in unbestimmten Tiefen als Menschengeist wurzelt und im Laufe der Entwicklung immer mehr heraufkommt. Da sind wir in einem anderen Falle, als wenn wir uns Erkenntnis aneignen, denn wir suchen nicht nur erkennend den Geist, sondern durch unser Helfen und Tun sollen wir ja den Geist aus seiner Verborgenheit heraus zum realen Dasein bringen. Dieser Ausblick von dem äußeren Physischen in das Geistige wird vor unsere Seele treten müssen bei einer Frage wie der, die den Gegenstand unserer heutigen Betrachtung bildet.
[ 2 ] Es muß gleich im voraus betont werden, daß für diese Frage eine Voraussetzung im Sinne der Geisteswissenschaft zu machen ist. Geisteswissenschaft geht über das hinaus, was sich uns im menschlichen Leben zwischen Geburt oder auch von der Entwicklung vor der Geburt bis zum Tode als Einzelleben darbietet. Sie dringt bis zu dem Wesenskern des Menschen vor, zu dem GeistigSeelischen, das vor der Geburt vorhanden ist und das nach dem Tode vorhanden bleibt — zu dem Kern, der durch die geistige Forschung sich verfolgen läßt von Leben zu Leben, denn wir sprechen ja von wiederholten Erdenleben. Wir unterscheiden streng zwischen diesen Leben, die der Mensch wiederholt zwischen Geburt und Tod auf der Erde zubringt, und jenen Leben, die dazwischenliegen in einer rein geistigen Welt. Wenn ein menschliches Seelisch-Geistiges durch die Geburt ins Dasein tritt, ist es so, daß es in dieses Leben alle die Wirkungen jener Ursachen mitbringt, welche in früheren Leben zu suchen sind. Wenn wir den werdenden Menschen betrachten, sehen wir das wie ein heiliges Rätsel sich herausringen, was er sich in früheren Leben angeeignet hat und in dieses Leben hereinbringt. Der Mensch tritt in das gegenwärtige Leben ein und lebt sich geistig aus, aber er umhüllt sich mit dem, was an Eigenschaften, an Merkmalen, an Fähigkeiten in der Vererbungslinie liegt. So bringt sich der Mensch in sein Leben den geistig-seelischen Wesenskern mit, und er erlebt in einer gewissen Weise die Kräfte und Fähigkeiten, die ihm Talente, Charaktere und sonstige Beschaffenheiten der Vorfahrenschaft geben können. Für die Entwicklung des Menschen kommt in Betracht das Zusammenwirken dessen, was der Mensch aus der geistigen Welt mitbringt, mit dem, was er von den Voreltern ererbt hat. Für eine wirkliche Beantwortung der Erziehungsfrage in einem intimeren Sinne müssen wir uns Einblick verschaffen können in das Verhältnis der ererbten Anlagen zu dem geistig-seelischen Wesenskern des Menschen.
[ 3 ] Wenn wir diese wiederholten Erdenleben und die Wirkungen der früheren Leben auf die späteren als eine geisteswissenschaftliche Tatsache behandeln, so ruft das den Widerspruch zahlreicher Menschen hervor, die sich nicht genau unterrichten wollen über das, was aus der Geisteswissenschaft an Belegen beigebracht werden kann. Auf eine andere Weise [als durch die Praxis] ist es nicht möglich, sich eine Überzeugung zu verschaffen, daß diese Wahrheit wirklich besteht. Man kann ja lange darüber diskutieren, ob ein Stück Eisen, von dem behauptet wird, daß es ein Magnet sei, auch wirklich einer ist. Man kann viele Gründe dagegen vorbringen; einer könnte sagen, der Mensch, der das behauptet, mache einen glaubwürdigen Eindruck und so weiter, und so kann unendlich lange darüber gestritten werden. Ein Beleg aber ist da, wenn man ein kleines Stück Eisen nimmt und sieht, ob es angezogen wird. Durch die Praxis werden Belege geliefert. In ähnlichem Sinne kann man sich von den Wahrheiten der Geisteswissenschaft überzeugen.
[ 4 ] Der Erzieher kann nun sagen: Was mir im Kinde entgegentritt, gibt mir Rätsel auf; ich muß versuchen zu sehen, ob das, was Geisteswissenschaft behauptet, wahr ist, ob da wirklich etwas als geistig-seelischer Wesenskern in die Welt herüberkommt. Da wird sich zeigen, daß ein solches Prinzip fruchtbar wird für die Erziehung, indem es uns befähigt, das Leben des Kindes reicher zu machen und seine Anlagen zu erraten und herauszulocken. Wir müssen eben den Blick auf die Art richten, wie die Anlagen beschaffen sind, wenn wir den geistigseelischen Wesenskern und das, was das Kind ererbt hat, auseinanderhalten wollen. Um das zu tun, müssen wir die Anlage des Menschen — alles, was uns an Eigenschaften, Fähigkeiten, Talenten und so weiter allmählich entgegentritt — vor unseren Blick hintreten lassen, und wir finden dann, daß es der menschlichen Seele eigen ist, die einzelnen Kräfte zusammenwirken zu lassen, so daß sie einander unterstützen und tragen in einem Gesamtorganismus. Aber dennoch sehen wir, daß die Seelenkräfte des Menschen, zum Beispiel das Denken, Fühlen und Wollen oder andere Kräfte in ihrer Stärke unabhängig voneinander auftreten, ja, so unabhängig, daß wir zum Beispiel Menschen finden, bei denen die Denkkraft so sehr ausgebildet ist, daß sie gute Denker sein können, während die Willenskraft dagegen zurücktritt. Andere wieder sind Willensmenschen und gleich bereit, an eine Tat heranzugehen, aber nicht immer imstande, in umfassender Art die Gedanken beieinander zu halten und logisch zu verfolgen. Sie greifen zu, aber denken nicht viel nach. Wieder andere Menschen gibt es, die durch ihr Gefühl gedrängt werden, dies oder jenes zu tun, ohne lange nachzudenken. Also wir sehen: Die einzelnen Fähigkeiten können unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Ein Mensch ist zum Beispiel sehr musikalisch, und die anderen Fähigkeiten treten zurück. Manche Menschen haben wieder gar nicht die Fähigkeit, in ausgiebigem Maße zu rechnen und so weiter.
[ 5 ] Die Fähigkeiten sind also unabhängig voneinander, schließen sich aber zusammen zu einem Gesamtorganismus. Wenn wir so die Seelenkräfte eines Menschen uns vergegenwärtigen, zeigt sich, daß er ins Dasein tritt mit einer ganz bestimmten Tendenz und Geartetheit, die Seelenkräfte in Beziehung und Zusammenhang zu bringen. Richten wir den Blick auf das, was sich vererbt, also auf die Vererbungslinie, und dann auf das, was aus einem früheren Leben ins Dasein tritt, so können wir sehen, was die Kräfte und Anlagen in Verbindung bringt. Es ist nämlich so: Das, was der Mensch als Resultate der früheren Leben mitbringt, hat die Fähigkeit, die Anlagen zu ordnen und zu einem Gesamtorganismus zu gestalten. Die Gemütsanlagen, Eigenschaften, Talente und so weiter verweisen uns auf die Vererbungslinie. Man kann keine interessantere Beobachtung machen als zu sehen, wie einerseits der geistig-seelische Wesenskern arbeitet, um die Seelenkräfte in Verbindung zu bringen und einen Gesamtorganismus zu bilden, und wie andererseits die einzelnen Kräfte von den Voreltern ererbt werden.
[ 6 ] Die Geisteswissenschaft ist imstande, ganz bestimmte Gesetze anzugeben, wie die Beziehung zwischen diesen beiden Elementen ist. Diese können so aufgefaßt werden wie Naturgesetze, aber auf einem höheren Gebiete. Wenn solche Gesetze ausgesprochen werden, darf man nicht kommen und sie mit leichthin gewonnener Beobachtung widerlegen wollen. Das ist kinderleicht, sogar auch auf chemisch-physikalischem Gebiet. Nehmen wir an, ein Physiker stellt fest, daß die Linie, in der ein geworfener Stein die Luft durchmißt, eine Parabel ist. Wenn nun jemand die Linie äußerlich verfolgt, wird er sehen, daß sie nicht genau ist. Durch Widerstände der Luft und andere äußere Umstände wird die Linie variiert, aber man kommt zur Wahrheit nur, wenn man zum Gesetz zurückgeht. Zu dem, was dem geistigen Leben als Gesetz zugrunde liegt, kommt man nur, wenn man hinter die Kulissen des Daseins vordringt.
[ 7 ] Nun zeigen sich uns im Seelenleben des Menschen zwei Arten von Kräften; die eine Art können wir mehr als das intellektuelle Prinzip, auch als das der Phantasie bezeichnen: Alles, was der Mensch als Vorstellungsleben hat, die Art, wie er sich etwas vorstellt, ob er langsam von einer Vorstellung zu einer anderen geht oder schnelle Gedankenverbindungen fassen kann, ob er scharfsichtig und weithin Gedanken verfolgen kann und dergleichen. Solche Menschen, die leicht bildhafte Vorstellungen entwickeln, die die Sachverhalte in Bilder der Phantasie zu kleiden vermögen, kurz das Element des Intellektuellen und Phantasievollen besonders regsam haben, die Erfindungsgabe besitzen und die Fähigkeit haben, daß ihnen viel einfällt, die müssen wir als Repräsentanten der einen Seite des Seelenlebens nehmen. Die Seite der Affekte hingegen, der Leidenschaften und Triebe, die Art, wie jemand rasch gefesselt ist von diesem oder jenem, ob er viele Interessen hat oder stumpf ist und so weiter, das ist die andere Seite. Mit dem letzteren ist mehr das verbunden, was wir das Charakterelement nennen, mit dem ersten mehr das Nachdenkende, die Verinnerlichung. Diese zwei Seiten müssen wir streng unterscheiden, denn wenn wir Lebensbeobachter sind, zeigen sich uns die Gesetze der Entwicklung nur dann, wenn wir verfolgen können, wie der geistig-seelische Wesenskern des Menschen, der von Leben zu Leben geht, sich das eine oder andere Element aneignet.
[ 8 ] Da finden wir im allgemeinen, daß das Kind die Seite, die mit dem Interesse, den Leidenschaften, der Aufmerksamkeit zu tun hat, mehr vom Vater erbt; der geistig-seelische Wesenskern des Menschen entlehnt sich diese Elemente beim Vater, wo er das findet, was Leidenschaften sind, das, was im Leben sich den Ereignissen gegenüberstellt, was ins äußere Leben eingreift. Wenn ein Mensch sich verkörpern will, wird er wie magnetisch angezogen von dem Vater, der ihm die Eigenschaften des Interesses, der Charakterstärke und so weiter übertragen kann, die für seine Eigentümlichkeit geeignet sind. Er sucht sich den Vater, der ihm dazu die Möglichkeit gibt. Die Eigenschaften des Intellektuellen, des Phantasievollen übernimmt er mehr von der Mutter. Im allgemeinen, wenn man nähere Ursachen nicht berücksichtigt, kann man sagen, daß der kindliche Geistescharakter dadurch entsteht, daß der geistig-seelische Wesenskern etwas wie eine Mischung des Intellektuellen und der Phantasie der Mutter mit dem Temperament und den Trieben des Vaters zustande bringt. Wie diese Eigenschaften gemischt sind, hängt von der Gesamtanlage des geistig-seelischen Wesenskernes ab. Wie die Elemente sind, die in die Willens-, in die Leidenschaftsnatur gehören, können wir erklären, indem wir zum Vater schauen. Was der Wesenskern an Phantasie, an Intellektuellem hat, müssen wir bei der Mutter suchen. Die Kinder ein und desselben Elternpaares sind deshalb so verschieden, weil der geistig-seelische Wesenskern die väterlichen und mütterlichen Elemente in verschiedener Art durcheinandermischt.
[ 9 ] Wir müssen aber noch näher darauf eingehen und zwischen männlichen und weiblichen Nachkommen unterscheiden. Wirkliche Lebensbeobachtung wird auch dieses Gesetz bestätigen — das heißt, wenn der Vorbehalt in derselben Weise wie bei physikalischen Gesetzen gemacht wird und nicht die Nebenumstände zur Hauptsache erhoben werden. Das nämlich, was im Seelencharakter der Mutter ist, vererbt sich leichter auf die Söhne, und zwar so, daß es sich beim Sohn in gewisser Weise wandelt. Wenn die Mutter phantasievoll ist, aber sich nur im engsten Kreise betätigt, so wirkt die Seele der Mutter so, daß sie im Sohne gleichsam eine Stufe herabsteigt und ihm die äußere Organanlage gibt, so daß er diese Anlage in größerem Umfange zum Ausdruck bringt. Die Mutter bleibt im seelischen Element im engen Kreise; der Sohn zeigt, was sie in der Seele hat, aber eingeprägt in das Gehirn als seinem Werkzeug. Er hat als Weltfähigkeit, was sie im engsten Kreise darlebte. Ein Talent, zu dem die Mutter die Anlage zeigt, kann auf diese Weise zustande kommen. Und das, was durch die Mutter mehr in die physische Anlage heruntersteigt, wird von dem durchmischt und durchtränkt, was vom Vater geerbt wird. So ist es bei den Söhnen.
[ 10 ] Bei den Töchtern ist es anders. Da zeigt sich, wie das, was der Vater darlebt im einzelnen im Beruf und so weiter, mehr in der Gesamtpersönlichkeit zum Ausdruck kommt. Was beim Vater Organanlage ist, der äußere, physische Mensch, das zeigt sich hinaufsteigend in die Seele der Tochter. Umgesetzt in das Seelische ist das, was der Vater an äußeren Eigenschaften gehabt hat. In der Tochter tritt uns das vergeistigt entgegen, was beim Vater mehr im physischen Menschen war. Es ist besonders interessant, und man kann es geradezu wie ein Naturgesetz aussprechen, daß die Mutter im Sohne in bezug auf ihre Seele herabsteigt und im Körperlichen erscheint, während der Vater mit dem, was er im physischen Menschen ist, in der Seele der Tochter hinaufsteigt.
[ 11 ] Man könnte das in Hunderten und Tausenden von Fällen belegen, und das Leben wird einem überall Recht geben. Es soll hier nur an einem besonders charakteristischen Beispiel erklärt werden — bei Goethe, bei dem sich dieses allgemeine Gesetz besonders klar zeigt: Was bei der Mutter im engsten Kreise als seelische Eigenschaft bewundert wurde, das trat im Sohne «heruntergerückt» zutage und wurde von der Welt bewundert. Die Frau Rat Goethe hatte die Lust zum Fabulieren, was im engsten Kreise anregend wirken konnte. Bei Goethe war es zur Gehirnanlage geworden, so daß er zur weltwirkenden Persönlichkeit wurde.
[ 12 ] Wir sehen bei ihm auch das Gegenteil in wunderbarer Weise, nämlich bei seiner Schwester Cornelia. Der Rat Goethe war außerordentlich sympathisch durch seinen starken Charakter, sein ernstes Führen. Er stand im äußeren Leben fest da als ein gründlicher, ernster Mann. Schauen wir einmal an, wie sich Goethe zu dem Vater verhält. Das ist das Eigentümliche, daß sich die äußeren Charaktereigenschaften, Temperament, Gründlichkeit und so weiter auf den Sohn vererben. Wenn Menschen mit den gleichen Anlagen nebeneinander leben, stoßen sie sich zuweilen ab. Zwischen Vater und Sohn Goethe gab es niemals eine intime Beziehung. Die Schwester aber hatte ins Seelische heraufgezogen des Vaters Gründlichkeit als Seelentiefe und Ernst und mit der Innigkeit vermischt, wie es oft der Fall ist, wenn äußere Eigenschaften uns in seelische verwandelt entgegentreten. Deshalb waren die Geschwister so treue Gefährten, weil die Eigenschaften, die Goethe bei dem Vater nicht sympathisch waren, bei der Schwester in das Seelische gedrungen sind.
[ 13 ] Können wir nicht überall dieses eigentümliche Fortleben der mütterlichen Seeleneigenschaften in den äußeren Organanlagen des Sohnes sehen? Durch die ganze Weltgeschichte sehen wir die Beziehungen der Söhne zu den Müttern, zum Beispiel bei dem Dichter Hebbel. Er war der Sohn eines Maurers. Wenn man ihn kennt und vor sich gehabt hat, so weiß man, daß das Knorrige, Pedantische, das er in sich hatte, schon im Äußeren zu bemerken war. Die Hände waren viel zu lang, die Beine erst recht, und der Rock noch mehr, und die Bewegungen waren eckig. Das alles hatte er vom Vater, konnte sich aber nicht mit dem Vater verstehen. Dagegen war es das einfache Gemüt der Mutter, von dem er uns so schön zu erzählen weiß. Wir sehen, wie ihr Seelisches, um eine Stufe herabgestiegen, in seiner Dichter-Persönlichkeit wieder auftaucht. Daher kam das Verständnis zwischen beiden, und die Mutter allein machte es ihm möglich, daß er dem Schicksal entgangen ist, ein Maurer zu werden. Überall, wo wir wollen, können wir im Alltagsleben und in der Geschichte sehen, daß dieses Gesetz allgemein gilt.
[ 14 ] Wie aber wird man als Erzieher vorgehen müssen, wenn man dieses Durcheinanderwirken der ererbten Eigenschaften und des geistig-seelischen Wesenskerns sieht? Man wird, so gut und weit man kann, den Blick auf die Art und Weise richten müssen, wie sich gewisse Eigenschaften, die uns in Kindern entgegentreten, auf einer anderen Stufe bei den Eltern finden. Nur dürfen wir das Kind nicht als Kopie [der Eltern] betrachten, denn dann würden wir die Verwandlung nicht ins Auge fassen, wie Seeleneigenschaften der Mutter beim Sohn bis ins Körperliche herabsteigen, und wie sich umgekehrt das Körperliche des Vaters in der Seele der Tochter verwandelt. Heute ist der Mensch geneigt, Verwandlungen der Naturkräfte zuzugestehen; die Naturwissenschaft zeigt zum Beispiel, wie sich Naturstoffe in Wärme verwandeln. Man gibt aber nicht zu, daß diese Gesetze auch für das Geistige gelten. Es kann erst dann eine wirkliche Erziehungskunst zustande kommen, wenn die Menschen sich bewußt werden, daß sich die Geisteswissenschaft bis in solche Lebensbereiche wie die Erziehung ergießen kann.
[ 15 ] Es wird immer von Individualität gesprochen. Was ist eigentlich Individualität? Man weist heute nur ganz abstrakt auf das Wort hin. Wenn man aber weiß, wie die Individualität entsteht, indem der geistig-seelische Wesenskern des Kindes die Eigenschaften von Vater und Mutter nicht nur aufnimmt, sondern verwandelt, kann man sie konkret auffassen. Dann kommt die Pädagogik vom Abstrakten zum Konkreten, von der materialistischen Abstraktion zur wahren Realität. Nun könnte von irgendeiner Seite eingewendet werden: Du sagst uns, daß sich der seelischgeistige Wesenskern in das einhüllt, was ihm an vererbten Kräften gegeben wird. Wir aber sehen den Menschen als einheitliches Wesen, und wie können wir da unterscheiden zwischen Ererbtem und dem geistigen Wesenskern?
[ 16 ] Wenn wir die Entwicklung nur oberflächlich betrachten und nur das einzelne Individuum sehen, so werden wir nicht weiterkommen. Das Leben bietet uns aber Beweise, genügend Beweise, um zu zeigen, wie sich der geistig-seelische Wesenskern mit dem, was von den EItern und Voreltern kommt, umhüllt und es durchdringt. Gerade Geister wie Newton oder Humboldt, die Großes leisteten, kamen in der Schule nicht besonders gut vorwärts und wurden als schwach begabt angesehen. Man könnte noch viele andere Menschen mit großen Namen nennen, die sich auch langsam entwickelten, während die Wunderkinder rasch vorwärtskommen. Bei Newton oder bei Humboldt oder anderen liegt vor, daß sie einen reichen Wesenskern in dieses Leben hereingebracht haben, daß da vieles in der Seele sprießt und sproßt und daß dieses Hereinarbeiten in das, was von den Eltern vererbt worden war, langsam vor sich gehen mußte. Der reiche Wesenskern braucht längere Zeit, denn er muß das, was er an ererbten Kräften hat, erst ausziselieren, erst wandeln, genau abstufen und so weiter. Reiche Naturen also, die berufen sind, viel zu geben, müssen an der Anpassung des ererbten Materials länger arbeiten.
[ 17 ] Das wird eigentlich immer deutlicher hervortreten, denn heute hat der Mensch, der starke Seelenkräfte hereinbringt, schr gegen alle die harten Widerstände zu kämpfen, denn vererbt werden sehr steife, nüchterne, festgefügte Erbanlagen, die wenig biegsam sind, so daß man längere Zeit zu tun hat, um sie dem individuellen Wesenskern genau anzupassen. Wunderkinder werden schnell fertig, da sie die Fähigkeiten rasch verarbeiten, die in der Vererbungslinie liegen, und sie in einseitiger Weise aufnehmen. Es zeigt sich aber bald, daß ihre Begabungen versiegen, vertrocknen. Wenn wir diese extremsten Fälle betrachten, sehen wir bei dem langsam sich entwickelnden Genie oder dem schnell sich entwickelnden Wunderkind und alle den dazwischenliegenden Stufen, wie sich der geistig-seelische Wesenskern durch die Hindernisse hindurcharbeitet.
[ 18 ] Dieses langsame Sich-Hindurcharbeiten finden wir auch bei Goethe. Wenn man sich wie ich drei Jahrzehnte lang in Demut ausführlich mit Goethe beschäftigt hat, darf man wohl sagen, ohne sich der Gefahr auszusetzen, mißverstanden zu werden: Wenn man Goethes Leben überblickt, merkt man ein langsames Fortschreiten der Entwicklung seiner Anlagen und Begabungen. — Wir finden die Tendenz zu dem, was er wurde, zwar schon in ihm, als er als Kind dem großen Gott opferte, aber was für Mühe hat er zeit seines Lebens gehabt, um das, was in ihm veranlagt war, durch die vielen Widerstände seiner Körperlichkeit hindurchzubringen. Wir erkennen ihn da, wo er seine großen Gedanken gibt, zum Beispiel im zweiten Teil des «Faust», als einen reifen Menschen neben dem jungen Goethe, der im Vergleich zum alten Goethe manches Unreife geschrieben hat. Wie verstößt das, was hier gesagt wird, gegen das Urteil unserer Zeit, wo die Ausgaben der Jugendwerke besonders gelobt werden — da, meint man, habe er das Größte geleistet. Der junge Goethe, sagt man, habe Großes, Gewaltiges aus sich hervorgesprudelt. Er wird wer weiß wie hoch gehoben. Und von dem alten Goethe sagen manche, er habe später im Alter den zweiten Teil des «Faust» verbrochen. Das verstehen die wenigsten, daß er sich langsam und stufenweise entwickelte und vertiefte, daß die italienische Welt ihn innerlich förderte und daß sein Wesenskern immer mehr und mehr die äußeren Hindernisse wegschaffte. Kurz, sie verstehen den alten Goethe deshalb nicht, weil er ihnen zu hoch ist. Schon zu Lebzeiten mußte er darunter leiden, daß seine späteren Werke als Altersprodukte verschrien wurden. Er spricht das in folgendem Vers aus:
Da loben sie den Faust,
Und was noch sunsten
In meinen Schriften braust,
Zu ihren Gunsten;
Das alte Mick und Mack,
Das freut sie sehr;
Es meint das Lumpenpack,
Man wär’s nicht mehr!
[ 19 ] Ganz besonders ist es bei Goethe anschaulich, wie der geistig-seelische Wesenskern in der zweiten Hälfte seines Lebens zu seiner Höhe emporsteigt, und niemand versteht ihn, der da glaubt, daß der ganze Goethe schon in seinen Jugendschriften vorhanden war. Die Leute verstehen zwar den jungen Goethe besser, aber sie schreiben das nicht dem Umstande zu, daß sie den alten Goethe nicht verstehen, sondern dem, daß er nachgelassen habe. So können wir auch bei diesem großen Geiste bewahrheitet finden, wie der geistig-seelische Wesenskern sich in die äußeren Hüllen hineinarbeitet.
[ 20 ] Es könnte nun jemand kommen und sagen: Da redet ihr von einem Wesenskern, der da sein muß, um die Fähigkeiten zu gruppieren und zu organisieren. Aber wir brauchen ja nur darauf hinzuweisen, daß die wichtigsten Eigenschaften dennoch in der Vererbungslinie liegen und aus ihr zu erklären sind. Zum Beispiel waren in der Familie Bach in den letzten Jahrhunderten 25 bis 28 Musiker. Wie könnt ihr also sagen, daß der Wesenskern die Hauptsache sei. Ebenso waren in der Basler Familie Bernoulli eine ganze Reihe bedeutender Mathematiker. Bei diesen kann man besonders deutlich sehen, wie scheinbar die bloße Vererbung wirkt, denn einige von ihnen wurden zu etwas ganz anderem bestimmt, aber es trieb sie trotzdem im späteren Leben zur Mathematik.
[ 21 ] Um dies richtig zu verstehen, muß man das Verhältnis des geistig-seelischen Wesenskerns zur ererbten Anlage und Begabung richtig ins Auge fassen. Um Musiker zu sein, braucht man ein musikalisches Ohr; das gehört aber zur physischen Organisation, also zur Hülle. So wie man die Form der Nase, der Hände und so weiter erbt, so auch die feineren inneren Organe, die sich unter der Oberfläche des physischen Leibes verbergen. Ein seelisch-geistiger Wesenskern, der dahin drängt, physische Werkzeuge für Musikalität zu erhalten, wird sich zu solchen Familien hingezogen fühlen, die musikalische Organe vererben können. Worauf beruht das musikalische Talent? Nicht auf dem Gehirn, welches das Organ der Logik ist, sondern auf der Gestaltung der Gehörgänge. Man muß die einzelnen Beziehungen genau ins Auge fassen. Solche Gehörknöchel von einer bestimmten Form vererben sich generationsweise. Ein Ähnliches ist es bei den Bernoullis. Wer Anlagen zur Geometrie braucht, sucht sich eine solche Familie aus. So stimmt das, was uns das Leben zeigt, auch hier wieder überein mit dem, was die Geisteswissenschaft behauptet. Wir können das Leben besser verstehen und beleuchten, wenn wir uns in dieser Art den Zusammenhang zwischen Vererbung und Anlage und die daraus entstehende Harmonie oder Disharmonie vor die Seele führen.
[ 22 ] Wenn wir zwischen dem geistig-seelischen Wesenskern und dem unterscheiden, worin er sich einlebt, so bedeutet Leben ein Ineinander-Arbeiten dieser beiden Elemente. Sehen wir uns ein Kind in den allerersten Wochen seines Lebens an. Seine Züge sind noch unbestimmt, die Organe noch nicht voll brauchbar; es kann noch nicht gehen und so weiter. Aber wenn wir sachgemäß denken, wissen wir, daß da, wo noch unbestimmte Züge und Fähigkeiten sind, der Wesenskern noch ruht und sich erst allmählich an die Oberfläche arbeitet zur Bestimmtheit. Es arbeitet sich das, was der Mensch später wird, heraus aus dem Unbestimmten der Bewegungen, der Gesten und so weiter. Es arbeitet sich aus unbestimmten Tiefen herauf zur Oberfläche, und immer mehr und mehr wird die äußere Hülle ein Ausdruck für das, was im Menschen drinnen lebt. Im späteren Lebensalter drückt sich im Äußeren viel mehr aus, wie der Mensch wirklich ist. In dem jugendfrischen Kind schlummern noch die Kräfte, die sich einstmals ausdrücken werden in seinen Zügen, in seinen Gesten der Hand und so weiter. Im späteren Lebensalter zeigt der Mensch den Abdruck des inneren Seelencharakters im Körperlichen. Das Äußere, das Hüllenhafte wird immer mehr [zum Spiegel] seiner selbst; im Physischen zeigt sich das, was er als geistiger Mensch ist.
[ 23 ] In der ersten Lebenszeit arbeitet der Mensch mehr in sein Physisches hinein. Mit dieser Tatsache ist wiederum etwas sehr Interessantes verbunden, und zwar mit derselben Gesetzmäßigkeit wie ein physisches Gesetz. In bezug auf die Vererbungsverhältnisse ist zu unterscheiden zwischen dem, was die Kinder erben, die in den ersten Jahren der Ehe geboren werden, und dem, was jene erben, die in späteren Jahren der Ehe geboren werden. Bei den ersten Kindern zeigt sich in merkwürdiger Weise die Fähigkeit, die ererbten Eigenschaften in freiester Weise zu gestalten; sie können dies mehr mit einer von den Eltern unabhängigen, individuellen Art tun. Die späteren Kinder sind mehr gezwungen, dem starken Element der Vererbung nachzugeben; sie werden mehr ein Abdruck der Eltern. Den Kindern, die in den ersten Jahren einer Ehe geboren werden, wird es leichter, die ererbten Merkmale untereinander zu mischen; die Vererbung äußert sich bei ihnen weniger tyrannisch. Die in den späteren Jahren der Ehe Geborenen müssen stärkere Kräfte anwenden, denn die Macht der Vererbung wirkt bei ihnen stärker. Daher sehen wir, wie diese Kinder den Eltern immer ähnlicher werden. Natürlich kann das durch die mannigfaltigsten Verhältnisse durchbrochen werden, aber im Sinne der heutigen naturwissenschaftlichen Forschung ist dies ein Gesetz.
[ 24 ] Wenn wir diese Vererbungsgesetze ins Auge fassen, zeigt sich das rechte Verhältnis von Anlage, Begabung und Erziehung des Menschen. Solche Gesetze können nur dann für das Seelenleben nutzbar gemacht werden, wenn sie nicht bloß Theorien und Erkenntnisse bleiben, sondern wenn sie in Empfindungen und Gefühle übergehen. Es ist eigentümlich, wie uns solche Gefühle, die durch Erkenntnis angefacht sind, die Talente geben, taktvoll zu erraten, welche Eigenschaften sich bei einem Menschen ins Dasein ringen wollen. Wenn wir den guten Willen und den Sinn dafür haben, dann stehen wir dem werdenden Menschen gegenüber wie einem heiligen Rätsel, und das Geheimnis der Erziehung besteht darin, daß er uns, wenn wir ihm mit einem solchen Gefühl gegenübertreten, selbst das Rätsel löst. Er selbst zeigt uns, welche Fähigkeiten aus ihm herausgeholt werden können. Dann braucht man nicht viel zu spekulieren, sondern der Takt gibt uns die rechte Anleitung, das Kind nicht mit etwas zu plagen, was bei ihm gar nicht zur Ausbildung gebracht werden kann. Der Erzieher wird dadurch in das rechte Verhältnis zum Kinde gebracht. Dann stehen wir dem Menschen, den wir zu erziehen haben, wie einem heiligen Rätsel gegenüber und nicht — wie es doch mancher Erzieher oft tut — wie einem Gefäß, bei dem man sich darüber unterhalten kann, was da am besten hineinzugießen ist. Das ist ein ganz äußerlicher Standpunkt! Wir dürfen nicht vergessen, daß das Leben uns oft zwingt, das Kind zu etwas zu bringen, was nach unserer Meinung nicht in seiner Individualität liegt, damit es im Leben vorwärtskommt. Aber im allgemeinen handelt es sich bei allem Gerede über Ausbildung meist weniger um das, wofür das Kind mehr oder weniger geeignet ist, sondern um Familienbeziehungen, um standesgemäße Erziehung. Wir müssen aber die Forderung des Lebens und der Individualität in konkretem Sinne erfassen, die Vermischung des seelisch-geistigen Wesenskerns und der ererbten Anlagen in Einklang bringen und bemüht sein, das Rätsel nach den Lebensumständen zu lösen. Ein Rätsel kann auf verschiedene Art gelöst werden, nur muß man es erkennen, dann kann man das Kind Verschiedenes werden lassen, sonst wird man bei allem Spekulieren oft nicht das Rechte treffen.
[ 25 ] Gerade auf solchen Gebieten [wie der Erziehung] zeigt sich die Fruchtbarkeit der Geisteswissenschaft für das Leben. Geisteswissenschaft ist nicht bloß Theorie, sondern etwas, was sich täglich und stündlich im Leben bewähren kann und wird — zum Fortschritt der ganzen Menschheit und der einzelnen Menschen. Sie stellt uns in das Leben so hinein, daß wir uns die Sicherheit, die Kraft und die Zuversicht aneignen, die wir für das Leben brauchen. So beweist uns dieses Kapitel über Anlage, Begabung und Erziehung, daß in der Tat der Mensch dadurch, daß er durch viele Leben gegangen ist, ein Rätsel in seinem Wesenskern trägt und daß das Leben im weitesten Umfang eine Lösung dieses Rätsels sein muß.
[ 26 ] Je besser wir eine Antwort finden auf das Rätsel in uns, desto glücklicher, sicherer, fruchtbarer ist eines Menschen Leben — das müssen wir als ein Motto gewinnen. Der geistig-seelische Wesenskern, der durch viele Geburten und Tode geht, ist ein Rätsel, und das Leben ist die Lösung. Und wohl dem Menschen, dessen geistiger Wesenskern ein recht tiefes Rätsel ist und der Gelegenheit hat, es zu lösen. Denn je tiefer das Rätsel ist, desto größer wird die Gelegenheit, das Leben reicher zu gestalten, desto inhaltvoller wird unser Leben sein, desto kräftiger und glücklicher unser Gesamtleben und desto größer die Tüchtigkeit für unsere Mitmenschen.
