Erkenntnis und Unsterblichkeit
GA 69b
12 Februar 1911, München
6. Anlage, Begabung und Erziehung des Menschen
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Wenn wir durch Geisteswissenschaft Erkenntnis suchen, dann bedeutet das ja, daß wir in uns den Drang fühlen, einen Blick hinaus zu tun in die geistige Welt, die hinter unserer sinnlichen Welt liegt und in der sich für uns die Lösung der Rätsel des Daseins besser erreichen läßt als in der sinnlichen Umgebung. Wenn wir die Ergebnisse der Geisteswissenschaft auf unsere Seele wirken lassen, dann sind sie uns — wie wir in den verschiedenen Vorträgen, die ich hier halten durfte, gesehen haben — nicht nur abstrakte, theoretische Erkenntnisse, sondern sie sind Nahrung für unsere Seele und Kräfte, die uns tragen, die uns unsere Bestimmung enthüllen, uns Hoffnung und Lebenssicherheit geben und uns erkennen lassen, daß wir Menschen diese geisteswissenschaftlichen Ergebnisse zu unserem Leben brauchen. Durch alles, was der Mensch so um sich herum sieht und mehr oder minder in seinem Wesen erkennt, gelangt er zu dem Geiste, der sich in seine Erkenntnis einleben soll.
[ 2 ] In einer noch ganz anderen Weise stehen wir zu der Welt, wenn wir nicht allein die Aufgabe haben, den Geist erkennend zu durchdringen, sondern wenn wir die Aufgabe haben, den lebendigen, realen, den wirksamen Geist aus seiner Verborgenheit heraus an die Oberfläche zu ziehen oder ihm wenigstens den Weg aus der Verborgenheit heraus zu seiner Offenbarung zu ebnen. In einer solchen Weise stehen wir zur Welt und zum Leben, wenn wir den werdenden Geist selbst im sich entwickelnden Menschen vor uns haben — jene unbestimmte Geistigkeit, mit welcher der Mensch durch die Geburt ins Dasein tritt und die zunächst so undeutlich, wie aus einem undurchdringlichen Dunkel kommend, sich uns darstellt in den noch unbestimmten Zügen des Menschenantlitzes im Beginne seines Erdenwerdens. Wir haben da den menschlichen Geist vor uns, der wie verborgen in den Tiefen ruht und von Woche zu Woche, von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr sich geltend macht, indem er das materielle Dasein durchdringt, das uns von Anfang an in dem aufwachsenden Kinde entgegentritt, und der dieses materielle Dasein nach und nach zu einem Abbilde seiner selbst umschafft.
[ 3 ] Als nach Erkenntnis strebende Erzieher sind wir berufen, den Geist, der in den Tiefen ruht, nicht nur zur Befriedigung unserer eigenen Seele zu suchen, sondern gerade als Erzieher sind wir berufen, alles das, was im Erkenntnisprozesse noch mehr oder weniger intellektuell ist, in die Realität umzusetzen, den Geist selbst als einen real sich entwickelnden ins Leben hineinzuführen. Unter diesem Gesichtspunkt wird die Geisteswissenschaft noch in einem ganz anderen Sinne zur Grundlage einer unmittelbaren Lebenspraxis, als wenn sie uns nur zur Erkenntnis der Geheimnisse des Daseins verhelfen soll.
[ 4 ] Nun ist ja aus den Vorträgen, die ich früher hier halten durfte, schon klar geworden — und das soll uns heute, da wir es mit einem ganz bestimmten Thema zu tun haben, sozusagen als Voraussetzung dienen —, daß wir auf dem Boden der Geisteswissenschaft rechnen mit einem inneren geistig-seelischen Wesenskern des Menschen, den wir nun nicht nur verfolgen bei seinem Wandeln zwischen der Geburt und dem Tode, sondern den wir durch die Geburt eintreten sehen aus einer anderen Welt, einer übersinnlichen Welt, in das physisch-sinnliche Dasein und wiederum übertreten sehen in eine andere Welt, wenn er durch die Pforte des Todes schreitet, um in dieser anderen Welt neue Entwicklungsstadien zu durchleben. Ja, nicht nur davon sprechen wir, daß wir diesem geistig-seelischen Wesenskern ein Dasein vor der Geburt und ein Dasein nach dem Tode zuschreiben, sondern wir schreiben ihm auch wiederholte Erdenleben zu, so daß wir von unserem gegenwärtigen Leben zurückblicken auf viele Erdenleben, die wir vorher durchgemacht haben, und vorwärtsblikken auf viele Erdenleben, die wir in der Zukunft durchzumachen haben. Wir haben also im gesamten Leben des Menschen zu unterscheiden die Zeiten, die im physischen Leibe zwischen Geburt und Tod verbracht werden, und den Zwischenzeiten, den Zeiten zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, in denen des Menschen geistig-seelischer Wesenskern in rein geistig-seelischen Welten seinen Aufenthalt und seine Daseinsbedingungen hat. Wenn wir die Dinge so ansehen, dann sind wir uns auch klar darüber, daß wir in der physischen Welt dem werdenden Menschen gegenüber eine andere Stellung einnehmen müssen, als wenn wir das Geistig-Seelische in seinen Entwicklungsphasen zwischen Geburt und Tod nur durch das Physisch-Materielle beeinflußt sehen würden. Wenn wir so auf wiederholte Erdenleben und dazwischenliegende geistige Entwicklungsstufen des Menschen hinblicken, sehen wir in dem Menschen, der durch die Geburt ins Dasein tritt, etwas wie ein heiliges Rätsel. Wir sehen, wie das Geistige sich durch das Unbestimmte der Geste, der Physiognomie, durch das Unbestimmte von Fähigkeiten und Anlagen ins Dasein drängt, wie es immer gewaltiger und gewaltiger sich hineinlebt in Geste, Physiognomie, Talente, Bewegungen, immer mehr sich zum Herrn alles dessen macht, was äußere Ausdrucksmittel und Werkzeuge dieses Menschen sind, so daß wir geisteswissenschaftlich in dem Menschen — wenn wir auch letzten Endes die Einheit seiner Natur erkennen doch eine Zweiheit sehen.
[ 5 ] Wir haben zunächst dasjenige, was er an Eigenschaften seines Leibes und seiner Seele von seinen Eltern und Voreltern ererbt hat, kurz von den früheren Generationen, von denen er abstammt. Dann aber schauen wir auf das eigentliche geistig-seelische Zentrum des Menschen, auf seinen geistig-seelischen Wesenskern, der zunächst nichts zu tun hat mit den Eigenschaften und den Tatsachen, die uns bei den Vorfahren entgegentreten, sondern aus einem früheren Leben des Menschen herüberkommt und sich nun die Eigenschaften, die Merkmale, die zu vererben sind, nur aneignet, sich gleichsam in sie hüllt, um sich in ihnen zum Ausdrucke zu bringen. Wir müssen also da unterscheiden zwischen demjenigen, was sich der Mensch als seines Wesens Tiefstes mitbringt aus früheren Leben, und demjenigen, was er sich aus der Vererbungslinie aneignet. Und die richtige Stellung zum werdenden Menschen gewinnen wir nur dann, wenn wir dieses Zusammenspiel suchen zwischen den Kräften, die von einem Leben zum anderen Leben gehen, und den Kräften, die unmittelbar von Eltern und Voreltern ererbt sind. Wenn wir dies recht verstehen wollen, dann müssen wir uns zunächst bekannt machen mit zwei Grundeigentümlichkeiten unseres Seelenlebens, die in voller Schärfe vor unser geistiges Auge treten müssen, wenn wir das ganze Wesen des Menschen erfassen wollen.
[ 6 ] Da haben wir zunächst die wichtige Tatsache, daß beim Menschen, wenn er uns als Persönlichkeit in der Welt entgegentritt, alle die Kräfte, die er hat — die Seelenfähigkeiten, das Temperament, die Charakteranlagen, die Willensimpulse, die Affekte und so weiter — zu einem Ganzen zusammenspielen. Daneben aber müssen wir auch die andere wichtige Tatsache anerkennen, nämlich daß diese in der Persönlichkeit des Menschen uns entgegentretenden, fertig ausgebildeten Fähigkeiten und Kräfte, auch wenn sie zusammenspielen, doch in gewisser Beziehung voneinander unabhängig sind in bezug auf ihre Veranlagung, so daß also die eine nicht notwendigerweise die Bedingung der anderen ist.
[ 7 ] Das wird uns ja unmittelbar klar, wenn wir hinschauen auf das Leben und schen, wie zum Beispiel ein Mensch eine ganz besondere Art von Anlagen hat, indem er vielleicht musikalisch ist, aber nicht die geringste Begabung für Mathematik oder für das praktische Leben hat. Ein anderer wiederum hat gar keine musikalischen Anlagen, dafür aber eine gewisse Veranlagung für das praktische Leben oder für Mathematik. Das heißt, es können die Anlagen, die Fähigkeiten der Menschen ganz unabhängig voneinander auftreten, sie können aber ineinanderspielen. Nun ist ja schon dem oberflächlichen Blick klar, daß alles das, was der Mensch an Fähigkeiten, Talenten, Begabungen, Geschicklichkeiten oder Körpereigenschaften besitzt, hinweist auf seine Eltern und Voreltern. Und wir werden gleich sehen, in welch präziser Weise die Eigenschaften des Kindes auf Eltern und Voreltern hinweisen.
[ 8 ] Aber es tritt ja durch die Geburt auch dasjenige ins Dasein, was mit aller Vererbung nichts zu tun hat, was aus früheren Leben herübergebracht wird als des Menschen eigentlicher geistig-seelischer Wesenskern. Dieser Wesenskern, der sich der unmittelbaren Beobachtung entzieht, tritt uns entgegen, wenn wir als wirkliche Erzieher das Werden des Menschen beobachten und ihn gleichsam herauswachsen sehen aus dem unbestimmten Dunkel, wie eine Grundfärbung, wie ein Grundton der ganzen werdenden Persönlichkeit. Das, was so ins Dasein tritt, daß es die Fähigkeiten des Menschen, seine Anlagen, seine Impulse zusammenfaßt, gruppiert, gleichsam mit ihnen spielt und ein Ganzes aus ihnen macht, das können wir nicht bloß auf Eltern und Voreltern zurückführen. Während einzelne Eigenschaften des Menschen, sagen wir seine Anlagen zu dieser oder jener Wissenschaft oder Geschicklichkeit, in der Regel auf diese oder jene Eigenschaften bei den Vorfahren sich zurückführen lassen, sehen wir gleich von Anfang an, daß die Art und Weise, wie diese Fähigkeiten, diese verschiedenen Kräfte der Vorfahren untereinander gemischt sind in der Persönlichkeit, von etwas anderem abhängt als von der Vererbung — das hängt ab von dem geistig-seelischen Wesenskern des Menschen.
[ 9 ] Wir können sagen: Jemand erbt zum Beispiel von seinem Vater dieses oder jenes Temperament, und von der Mutter erbt er diese oder jene Fähigkeit, die Gabe der Phantasie vielleicht. Und nun tritt er uns entgegen als ein Mensch mit einem besonderen Temperament und mit der Gabe der Phantasie, die in einer gewissen Weise zusammengemischt sind. Das einzelne Temperament, das er hat, und die Begabung für Phantasie, die können wir zurückführen auf Vater oder Mutter. Die Art und Weise aber, wie diese Gaben durcheinandergemischt sind, wie sie gruppiert sind, die müssen wir zurückführen auf den geistig-seelischen Wesenskern. Und nun zeigt sich uns, daß sich dieser geistig-seelische Wesenskern vor der Geburt wie magnetisch angezogen fühlt eben von einem bestimmten Elternpaar, um sozusagen von dem einen Elternteil diese Eigenschaften, von dem anderen Elternteil jene zu übernehmen, die er braucht, um gerade die Mischung herauszubekommen, die dem entspricht, was er sich herüberbringt aus vorhergehenden Leben. Wir können da ganz bestimmte Gesetze angeben, wie der geistig-seelische Wesenskern des Menschen die vererbten Merkmale untereinander mischt, wie er das eine der väterlichen Seite, das andere der mütterlichen Seite entnimmt und wie das Mischungsverhältnis die eigene Tat des ins Leben tretenden Menschen ist.
[ 10 ] Wenn nun hier auf ganz bestimmte Gesetze in dieser Richtung hingewiesen werden soll, dann ist es notwendig, sich darüber zu verständigen, daß solche Gesetze aufzufassen sind wie physikalische Gesetze. Wenn der Physiker uns zum Beispiel lehrt, daß ein Stein, den man durch die Luft wirft, in der Linie einer Parabel fällt, dann können wir das aus den entsprechenden physikalischen Bedingungen begreifen. Wenn dann jemand kommt und nicht in Betracht zieht, daß diese allgemeine Wurflinie sich verändern kann, sagen wir durch die Reibung der Luft oder durch andere Verhältnisse, so könnte er uns sagen: Du hast ein falsches Gesetz aufgestellt, denn der Stein fliegt nicht in einer Parabel. — Dem Physiker kommt es aber nicht darauf an, die äußeren, modifizierenden Umstände in das Gesetz einzubeziehen, sondern darauf, das Gesetz aus den wesentlichen Bedingungen herauszufinden. Dasselbe müssen wir auch bei Gesetzen, die für das geistige Leben gelten, in Anwendung bringen. Wir müssen uns sagen: Die Gesetze, die vor unser geistiges Auge treten, haben eine ebensolche Bedeutung wie die physikalischen Gesetze; daher könnte man sie ebenso leicht widerlegen wie die physikalischen Gesetze auch, aber mit einer solchen Widerlegung ist nichts Besonderes getan.
[ 11 ] Wenn jetzt also ganz bestimmte Vererbungsgesetze entwickelt werden, so könnten natürlich tausenderlei Umstände eintreten, die diese Gesetze beeinflussen, so wie die Wurflinie des dahinfliegenden Steines beeinflußt wird durch den Widerstand der Luft. Aber diese modifizierenden Bedingungen nebensächlicher Art ändern nichts an der Gültigkeit des Gesetzes. Und verstehen können wir die Geschehnisse der Welt nur dann, wenn wir das Wesentliche der Dinge — sowohl auf physikalischem wie auf geistigem Gebiete — in Gesetzen auszudrücken verstehen. Ebenso treu kann unsere Beobachtung der geistigen Welt gegenüber sein, wie sie es der physischen Welt gegenüber ist. Sie können an Hunderten und Tausenden von Fällen beobachten, daß bei den unmittelbaren Nachkommen ganz bestimmte Kräfte und Begabungen auf die väterliche Vererbungslinie und ganz bestimmte Merkmale auf die mütterliche Linie zurückgehen, das heißt, daß der geistig-seelische Wesenskern des Menschen ganz bestimmte Kräfte und Begabungen von der mütterlichen und ganz bestimmte Merkmale von der väterlichen Linie nimmt, die dann bei den Kindern gemischt auftreten.
[ 12 ] Wir können also das Gebiet unseres Seelenlebens trennen in zwei deutlich unterscheidbare Teilgebiete. Wir haben in unserer Seele zunächst dasjenige, was wir nennen können das Gebiet unseres Interesses, unserer Aufmerksamkeit, unserer Sympathie für dieses oder jenes. Die Menschen unterscheiden sich ja in bezug auf das, wozu sie ihr Interesse, die Sympathie ihrer Seele führt — der eine ist so, der andere so geartet, je nach der Grundfarbe des Interesses, je nach den Grundcharaktereigenschaften seiner Seele. Von diesem eben charakterisierten Gebiet der Seele hebt sich deutlich dasjenige ab, was wir das intellektuelle Gebiet nennen können, wozu wir auch die Phantasie rechnen wollen, die uns die Fähigkeit gibt, uns die Umwelt und das menschliche Leben selbst in Bildern vorzustellen. Die Phantasie-Begabung, die intellektuelle Begabung ist das andere Teilgebiet.
[ 13 ] Wenn wir so das gesamte Seelenleben des Menschen auseinanderlegen, dann zeigt sich uns, daß im allgemeinen das Gebiet des Interesses, der Gesamtcharakter der Persönlichkeit, auf die väterliche Vererbungslinie zurückgeht, das heißt, daß der geistig-seelische Wesenskern des Menschen der väterlichen Vererbungslinie hauptsächlich das entnimmt, was Temperament, Affekte, Leidenschaften sind. Dasjenige, was unsere Intellektualität betrifft, namentlich die Beweglichkeit unserer Vorstellungen, die Möglichkeit, uns die Außenwelt in bestimmte Bilder zu bringen, sie durch Ideen uns zu vergegenwärtigen, das wird im allgemeinen der mütterlichen Vererbungslinie entnommen. Von der Art und Weise, wie von dem geistig-seelischen Wesenskern des Menschen diese beiden Gebiete nun durcheinandergemischt werden, hängt die Art und Eigentümlichkeit unserer Persönlichkeit ab. Aber wir müssen nicht nur diesen ganz allgemeinen Charakter der Vererbung ins Auge fassen, sondern wir müssen noch tiefer und genauer darauf eingehen. Und da zeigt sich, daß die Eigenschaften des Menschen sich nicht nur allgemein vererben, sondern daß sie sich bei der Vererbung umwandeln, daß sie ganz bestimmte Veränderungen eingehen, und zwar wesentliche. Da zeigt sich — und Sie können das in Hunderten und Tausenden von Fällen bewahrheitet finden —, daß das, was in der Mutter lebt als Intellektualität, als Beweglichkeit der Seele, als Neigung der Seele zur Verarbeitung von Vorstellungen, von Bildern, von Begriffen und dergleichen, mehr Neigung hat, auf den Sohn überzugehen als auf die Tochter und gewöhnlich, indem es auf den Sohn übergeht, gleichsam um eine Stufe [ins Phyische] heruntersteigt. So kommt es zum Beispiel vor, daß eine gewisse Beweglichkeit der Vorstellungen, eine besondere Fähigkeit, dieses oder jenes auszudenken, vielleicht künstlerisch auszugestalten etwa auf dem Gebiete der Dichtkunst, in der Seele der Mutter wohl enthalten ist, daß sie sich aber nur im engsten Kreise der nächsten Bekannten und der nächsten Umgebung bewegt und nicht die rechten Mittel besitzt oder entwickelt, diese Fähigkeiten auch nach außen hin zu betätigen. So können wir sagen, die Mutter hat zwar diese Eigenschaften, aber es sind nicht die an die äußere Leiblichkeit gebundenen Werkzeuge da, um das, was da ist, auch umfänglich zu gebrauchen und es auf die Menschheit wirken zu lassen.
[ 14 ] Wenn das bei der Mutter der Fall ist, dann kann uns diese Anlage beim Sohne gleichsam ausgestaltet in dessen persönlichen Organanlagen — hineinversetzt in die physischen Werkzeuge — entgegentreten. Die Mutter kann also diese oder jene seelische Veranlagung haben, aber nicht die Organanlage, also nicht das entsprechend ausgebildete Gehirn oder andere Organkomplexe, um das, wozu sie veranlagt ist, wirklich auch in größerem Umfange auszuleben und für die Welt anschaulich zu machen. Beim Sohne zieht die Veranlagung der Mutter in die Organanlage ein, in das Gehirn und in andere Organkomplexe, damit gewisse Fähigkeiten fruchtbar werden können für größere Kreise der Menschheit. Dagegen haben väterliche Eigenschaften, die mehr in der äußeren Persönlichkeit liegen und die in den Organanlagen begründet sind, die Neigung, bei den Töchtern hinaufzusteigen zum Seelischen und treten uns da seelisch verwandelt, seelisch umgeartet, entgegen. Und wir können es daher als ein schönes Gesetz vom Fortschreiten des menschlichen Generationenlebens aussprechen, daß die Seele der Mutter in den persönlichen Tüchtigkeiten und Fähigkeiten der Söhne fortzuleben die Neigung hat, daß aber die Organanlagen des Vaters, die ganze Konfiguration der Persönlichkeit des Vaters hinaufsteigt und in der Seele der Töchter weiterlebt oder mindestens eine Neigung dazu hat. Der Vater wird sich also — bis in die Anlage seiner physischen Persönlichkeit im äußeren Leben — fortsetzen in der Seele der Töchter. Das Seelische der Mutter — die im engeren Kreise bleibt und wenig Möglichkeiten hat, ihre Seelenfähigkeiten auszuleben — wird in den Organanlagen der Söhne fortleben, in den in der äußeren Welt zur Wirksamkeit kommenden Organanlagen.
[ 15 ] Dieses für das Begreifen des Lebens ungeheuer lichtvolle Gesetz kann natürlich hier in einer kurzen Stunde nicht durch Hunderte von Beispielen belegt werden. Man kann es nur erläutern, so wie man es auch in der Physik macht. Und ich möchte es zunächst erläutern durch den allgemein bekannten Fall Goethe. Wer wüßte es nicht, daß alles das, was bei Goethe als Organanlage so vorhanden war, daß er es durch das Gehirn und andere Werkzeuge des Organismus ausleben konnte, von ihm selber zurückgeführt worden ist auf die «Lust zu fabulieren» seiner Mutter, die im engen Kreise mit der Beweglichkeit ihres Geistes, mit all ihrer Lust zu fabulieren alles schon hatte, nur eben nicht die Organanlagen. Es floß aber das in der Seele der alten Frau Rat Lebende hinunter und bildete die Organanlagen des Sohnes. Wir können von Goethe ja nicht nur zurückverweisen auf seine Mutter, sondern auch auf seinen Vater, auf den alten Frankfurter Ratsherrn Caspar Goethe. Wenn wir in ihm kennenlernen den tüchtigen, strebsamen Mann, so bekommen wir vor allen Dingen vor seiner Gründlichkeit, manchmal auch vor seinem stillen Resignieren etwas wie Respekt. Aber auf der anderen Seite müssen wir uns klar sein, wie alle die Eigenschaften, die er da hatte, es zwar möglich machten, daß er auf der sozialen Stufenleiter etwas hinaufstieg, die aber nicht im entferntesten hinreichten, ihm in Frankfurt den Einfluß und den Wirkungskreis zu geben, den er erstrebte, so daß er in gewisser Weise zu einem müßigen Leben verdammt war.
[ 16 ] Etwas von Stärke und Eigensinn liegt in der Organanlage des alten Goethe, auch etwas von Nüchternheit, aber Gründlichkeit in der Nüchternheit, sogar von einer gewissen Harmonie dieser Eigenschaften. Denken wir uns diese Eigenschaften von Goethes Vaters neben den Eigenschaften des Sohnes, so werden wir leicht begreifen können, daß sich die beiden in gewisser Beziehung abstießen. Das taten sie auch, wie hinlänglich bekannt ist. Aber denken wir uns einmal diese Eigenschaft des Vaters «verseelischt» — wenn wir das Wort prägen dürfen —, ins Seelenhafte hinaufgehoben, denken wir uns eine gewisse Gründlichkeit der Seele wiederum mit jener Zaghaftigkeit, die der alte Goethe hatte, die ihn zu nichts Rechtem kommen ließ, in der Seele seiner Tochter Cornelia aufleben: Da können wir leicht in der Seele der Tochter Cornelia eine gewisse Weichheit des Charakters finden, seelenhaft gemischt mit einem gewissen Eigensinn, einen scharfen Verstand, gemischt mit einer gewissen Gefühlsschwelgerei, das Bedürfnis, sich hinzugeben, sich der Welt anzuschmiegen, und doch die Unfähigkeit, sich wirklich jemandem hinzugeben. Es kann uns geradezu die ganze Lebenslage des alten Goethe — der danach strebte, eine bedeutsame Stelle einzunehmen und der es doch nicht konnte — in der Seele der Tochter so entgegentreten, daß sie das Bedürfnis hatte, sich einem Ehegatten anzuschmiegen, und doch keine Befriedigung in der Ehe finden konnte. Wir brauchen nur die Charakteranlagen, die bis in die Organgliederung des alten Goethe gehen, ins Seelenhafte umzusetzen, und wir haben ganz die Seele von Goethes Schwester Cornelia. Und alles das, was Goethe abstieß, ihn sozusagen zurückstieß an seinem Vater, das war ihm tief anziehend an seiner Schwester, die sich während ihres kurzen Lebens so schön mit ihm ergänzt hat, die er so lieb hatte. Alles Väterliche wirkte in dieser «Verseelischung» durch die Schwester so wohltuend auf den jungen Goethe.
[ 17 ] Versuchen Sie auf die gleichen Dinge einzugehen bei Hebbel. Lesen Sie seine Tagebücher. Versuchen Sie aus ihnen, die auch sonst ein Schatz der deutschen Literatur sind, zu verstehen, wie Hebbel die ganze Äußerlichkeit des Charakters, das heißt die Art des Interesses an der Welt, vom Vater hatte, aber dasjenige, was ihn von frühester Jugend an zu seinem Streben führte, verstanden zu werden, das weist zurück auf die Seele seiner Mutter, auch wenn diese nur eine einfache Maurersfrau war. In der geschichtlichen Betrachtung können wir überall beobachten, daß alles, was uns in den Organanlagen der Männer entgegentritt, zurückzuführen ist auf ihre Mütter. Blicken Sie auf die Mutter Alexanders des Großen, auf die Mutter der Makkabäer, auf die Mutter der Gracchen — wohin Sie wollen —, überall sehen Sie das. Wer Sinn dafür hat, wirklich einzugehen auf menschliche Charaktere, wird das überall wie ein Gesetz bestätigt finden, so wie es bei physikalischen Gesetzen ist.
[ 18 ] In der Geisteswissenschaft fassen wir eine solche Tatsache so auf, daß eben der geistig-seelische Wesenskern des Menschen väterliche und mütterliche Eigenschaften übernimmt, sie nicht nur mischt, sondern auch verwandelt, sie um eine Stufe tiefer oder höher führt, das heißt: Die Eigenschaften, die beim Vater an die Organanlagen gebunden sind, sind bei den Töchtern «verseelischt», und die seelischen Eigenschaften, die bei den Müttern noch nicht Organanlagen haben, werden bei den Söhnen umgesetzt in Organanlagen. Also nicht unmittelbar geschieht die Vererbung, sondern so, daß wir sie manchmal kaschiert, verdeckt sehen und nur darauf kommen müssen, wie eigentlich der geistig-seelische Wesenskern des Menschen die Eigenschaften benützt, die er bei der väterlichen und der mütterlichen Linie findet, um sie seiner Individualität gemäß plastisch durchzugestalten und sie in der Welt geltend zu machen.
[ 19 ] Nun könnte es ja leicht sein, daß, wenn jemand nur aus ein paar Lebensbeobachtungen oder aus Vorurteilen seine Überzeugung zusammenzimmert, einzelne Angaben der Geisteswissenschaft sehr leicht widerlegen könnte. Es muß deshalb darauf aufmerksam gemacht werden, daß nur der ganze Umfang einer wahren Lebensbeobachtung das bestätigen kann, was aus der Geisteswissenschaft heraus als allgemeines Weltengesetz für das geistige Leben gegeben wird. Und da zeigt sich uns auch im Leben, wie dieser geistig-seelische Wesenskern sich sozusagen umhüllt mit den ererbten Eigenschaften, die er sich angliedert und die er mischt. Es könnte jemand sagen: Ja, zeige uns, wie dieser geistig-seelische Wesenskern nun arbeitet, wie er sich mit den ererbten Merkmalen umhüllt. — Es handelt sich darum, daß wir bei einem solchen Aufzeigen den richtigen Weg gehen. Bei dem einzelnen Menschen, den wir als in sich geschlossene Persönlichkeit von der Geburt an vor uns haben, sehen wir die Fähigkeiten wachsen. Wir sehen eine harmonische Einheit — selbstverständlich, das braucht uns nicht erst eingewendet zu werden —, wir sehen eine Einheit in dem, was sich in dieser oder jener Fähigkeit nach und nach ausgestaltet. Und man kann nicht ohne weiteres unterscheiden im einzelnen Menschen, was und wie weit der geistig-seelische Wesenskern wirkt und was er sich von außen als physisch ererbte Anlagen angeeignet hat.
[ 20 ] Aber wenn man die Basis der Lebensbeobachtung etwas breiter macht, wenn man herumschaut im Leben, dann sieht man allerdings schon, wie verschieden sich die Menschen zeigen, je nachdem ihr geistig-seelischer Wesenskern, so wie er durch die Geburt ins Dasein tritt, reicher an Inhalt ist, bedeutender und tiefer oder weniger tief und bedeutend veranlagt ist, ob er aus den vorangegangenen Verkörperungen einen reicheren Gehalt hat, durch den er berufen ist, in der neuen Verkörperung viel für die Welt zu leisten. Wie wird es einem solchen Wesenskern gehen?
[ 21 ] Er wird lange zu tun haben, bis er sich hindurcharbeitet durch alle die Widerstände, die von außen aus der Vererbungslinie an ihn herantreten; er wird länger auszumeißeln haben, die äußeren Vererbungsmerkmale werden nicht gleich zum Wesenskern passen. Das bestätigt sich uns so wunderbar, wenn wir sehen, wie gerade große Geister der Menschheit, Newton oder Humboldt oder Leibniz, eigentlich schlechte Schüler waren, weil ihr reicher geistig-seelischer Wesenskern lange Zeit brauchte, um sich hindurchzuarbeiten, um dasjenige auszugestalten, womit er sich umhüllt und was er sich angliedert. Daher kann jemand, der das Leben nur mit Vorurteilen sieht, gerade die größten Menschen für unbegabte Kerle oder für unfähige Menschen halten, weil sie sich zuerst vielleicht sogar dumm zeigen, denn sie brauchen lange, bis sie den reichen geistig-seelischen Wesenskern herausarbeiten. Aber darauf, wie jemand, der das Leben nicht kennt, es beurteilt, darauf kommt es nicht an, sondern es kommt auf die Wahrheit an. Hebbel hat ja in seinen Tagebüchern die schöne Bemerkung gemacht, wie es wäre, wenn in einer Gymnasialklasse der Lehrer eben mit seinen Schülern den Plato durchnähme und der wiederverkörperte Plato selber unter den Schülern wäre und am schlechtesten verstehen könnte, was der Gymnasiallehrer als seine richtige Auffassung und Interpretation des Plato vorbrächte, so daß der wiederverkörperte Plato fortwährend nachsitzen müsste.
[ 22 ] So sehen wir den geistig-seelischen Wesenskern des Menschen hereinrücken in die von außen ererbten Merkmale; und wir sehen ihn, gerade wenn er reich ist, die größten Widerstände finden, durch die er sich hindurcharbeiten muß. Solche Menschen kommen manchmal recht spät dazu, sich das äußerlich vererbte Werkzeugmaterial richtig anzugliedern. Wunderkinder haben selten einen reichen geistig-seelischen Wesenskern und haben daher weniger Mühe, sich das äußerlich vererbte Material einzugliedern. Schnell entwickeln sie sich, aber wir wissen auch, daß diese anfangs überraschend aufgetretenen Fähigkeiten schnell verglimmen und vergehen. Wenn man auf einer breiteren Basis das Leben beobachtet, so zeigt sich, wie bei dem einen Menschen das, was sich als seine ganze Persönlichkeit zeigt, in anderer Weise die ererbten Merkmale dem Wesenskern angliedert als bei einem anderen. Ja, wir können dies wiederum bei Goethe erhärten und erproben.
[ 23 ] Da muß ich allerdings etwas sagen, was ja vielleicht mißverstanden werden kann. Aber wer sich gleich mir jetzt über dreißig Jahre intensiv und liebevoll mit Goethe beschäftigt hat, darf wohl so eine Ketzerei sagen. Das Goethe-Verständnis und die Hingabe an Goethes Größe braucht ja nicht beeinträchtigt zu werden, wenn wir uns gestehen, daß sich Goethes Wesenskern nur sehr langsam durch die äußeren physischen Hindernisse ins Dasein drängte. Wir sehen in der Tat, wenn wir eingehen wollen auf das, was Goethe zu leisten hatte — wenn man nicht mit den Vorurteilen mancher Goethe-Forscher behaftet ist —, daß seine Jugendwerke durchaus noch nicht auf der vollen Höhe stehen; und wir dürfen gegenüber den ersten Werken Goethes gestehen: Das ist noch der werdende Goethe, der noch nicht überwunden hat die äußeren Hindernisse seines Wesenskernes; da ist noch verborgen, was Goethe eigentlich werden sollte. Man tastet die Größe im ersten Teile des «Faust»-Werkes nicht an, wenn man darauf aufmerksam macht, daß das noch der werdende Goethe ist, daß dessen reicher Wesenskern da noch in den Tiefen sitzt und sich erst herausarbeiten muß.
[ 24 ] Allerdings findet man es ja heute geradezu als Merkmal recht erhabener Geister, daß sie in gewisser Weise die Neigung haben, in der Literatur die Jugendwerke der Dichter zu bevorzugen. Man findet die Tendenz: Ja, wir müssen zu den Dichtern in ihrer ersten Periode gehen, da hat man das unmittelbar aus der Seele Sprudelnde, da hat man das Wesentliche, das eigentlich ihre Größe ausmacht. — Und für Goethe hat sich ja hinlänglich auch ein Publikum gefunden, das da sagt: Na, der alte Goethe ist schon etwas schwach geworden, er ist im zweiten Teil des «Faust» doch nicht mehr auf der Höhe, den kann man nicht verstehen; der erste Teil des «Faust», ja, der ist von ursprünglicher Kraft. — Diejenigen, die so urteilen, denken gewiß nicht darüber nach, ob es nicht vielleicht an ihnen selbst liegt, ob sie nicht besser täten, sich selbst um Verständnis eines Werkes dieser Art zu bemühen wie den zweiten Teil des «Faust», den Goethe auf der Höhe seiner Schaffenskraft gedichtet hat.
[ 25 ] Goethe hielt es mit dieser Sache anders. Er wies auf den ersten Teil des «Faust» hin als auf ein Jugendwerk, bei dem sein geistig-seelischer Wesenskern noch nicht zum Durchbruch gekommen sei. Goethe hat einige Zeilen hinterlassen, worin er sich über diese Sache genau ausspricht, wo er sagt — und er meint damit den ersten Teil des «Faust»:
Da loben sie den Faust,
Und was noch sunsten
In meinen Schriften braust,
Zu ihren Gunsten;
Das alte Mick und Mack,
Das freut sie sehr;
Es meint das Lumpenpack,
Man wär’s nicht mehr!
[ 26 ] So stand Goethe selbst zu einer solchen Beurteilung. Wir sehen bei Goethe, wie fast ein ganzes Leben hindurch der reiche Seelenkern, den wir nicht ableiten können aus Vererbungsmerkmalen, kämpft gegen die widerstrebenden Elemente der Vererbung und gegen Widerstände, die von außen her gegen ihn andringen. Wir können Jahr für Jahr verfolgen, wie sein reicher Seelenkern harmonisch herauskommt, wir sehen, wie er während seiner italienischen Reise immer reifer und reifer wird und wie er ganz eins wird mit den Qualitäten seines geistig-seelischen Wesenskernes.
[ 27 ] Die [Charakter] eigenschaften des Menschen prägen sich im Verlaufe der Entwicklung seines Wesens in seinen Hüllen aus; die Fähigkeiten dagegen, die hauptsächlich an das Innere gebunden sind, können allerdings schon in der Jugend stark auftreten. Weil da ja noch nicht viel Hülle vorhanden ist, muß sich die vorhandene Begabung für Musik, für Mathematik oder für Poesie bereits da zeigen. Gehen wir aber zu der Geschicklichkeit für das praktische Leben, so wissen wir, daß diese und alles, was sonst noch nötig ist für die Bewältigung der äußeren Welt, erst im weiteren Verlaufe des Lebens erworben werden müssen. Und erst zuletzt kommt das wirkliche [geistige] Element, die Mystik, das Hineinschauen in die geistige Welt. Es kommt dann darauf an, nicht nur entflammt zu sein für die geistigen Tatsachen, sondern die Fähigkeiten entwickelt und die Organe für das geistige Schauen ausgebildet zu haben, um dadurch den Zusammenklang zu erringen zwischen der Erkenntnis dessen, was im Äußeren sich zeigt, und dem, was die Welt im Innersten durchlebt und durchbebt.
[ 28 ] Man kann in reifer Jugend schon Anhänger eines Mystikers sein, man kann ihn interpretieren, aber Eigenes auf diesem Gebiet zu leisten ist erst möglich, wenn wir das mittlere Lebensalter erreicht haben. Wenn man also in sich selbst die Möglichkeit finden will, sich in Einklang zu bringen mit dem Allgeiste der Welt, so muß man schon etwa vierzig Jahre alt sein, da dies früher nicht möglich ist. Man muß sich Zeit lassen, man muß sich vorher anders beschäftigen, und zwar in der Tendenz dahin zielend, Anhänger einer spirituellen Weltenströmung zu sein und dabei den Einklang zu schaffen zwischen dem eigenen inneren Wesenskern und den auszubildenden Organen. Wer solche Gesetze, wie sie hier eben nur angedeutet werden konnten, nicht übertritt, wird sich am besten in das Leben hineinfinden und sich immer mehr absondern von den Kräften, die für ihn hindernd in der natürlichen Vererbungslinie liegen, und sie überwinden. Bei weiterer Betrachtung der natürlichen Vererbungsverhältnisse können wir sehen, daß ein Unterschied bestehen muß zwischen den Kindern junger Ehegatten und den Kindern aus einer bereits länger bestehenden oder erst im vorgerückten Alter eingegangenen Verbindung. Weil sich ja der Mensch bis zu einer gewissen Zeit seines Lebens in aufsteigender Entwicklung befindet, treten in reiferem Alter in der Geste, in der Physiognomie, also in der äußeren Persönlichkeit, immer mehr die Folgen der Arbeit hervor, die von dem inneren Wesenskern aufgewendet worden ist. Etwa im zwanzigsten Lebensjahre ist schon ein Teil herausgearbeitet, aber Sie können wahrnehmen, daß noch nicht der ganze Einfluß des geistigseelischen Wesenskerns ausgeübt wird, sondern ein Teil davon noch in der Tiefe festsitzt. Erst nach und nach prägt sich der eigentliche Mensch völlig aus und kommt damit an die Oberfläche. Dann erst hat er eine stärkere Kraft, seine vererbten Merkmale auf seine Nachkommen zu übertragen, weil er nun um soviel reifer geworden ist. Ein geistig-seelischer Wesenskern, der sich aus eigener, innerer Stärke möglichst selbständig ausleben will, wird sich daher wie magnetisch angezogen fühlen von einem jugendlichen Vater, der ihm weniger Widerstand bietet; eine schwächere Individualität wird dagegen von einem älteren Vater mit bereits völlig ausgeprägtem Charakter angezogen werden. Unter diesen Gesichtspunkten erhellen sich bereits ungeheure Rätsel des Lebens. Solche Verhältnisse lassen sich natürlich am Typischen am klarsten nachweisen, wobei oft die mannigfaltigsten Variationen eintreten.
[ 29 ] Jetzt wollen wir noch sehen, wie die einzelnen Merkmale der Seele voneinander unabhängig sein können und wie sie vererbt werden, wie aber alle Eigenschaften zu einem Grundton zusammengeführt und von dem geistig-seelischen Wesenskern verarbeitet werden. So kann durch diesen zum Beispiel der Hochmut von der Mutter und die Ungeschicklichkeit vom Vater geerbt und zusammengruppiert werden. Seelische Eigenschaften lassen manches, was die Eltern bieten können, unberücksichtigt und bevorzugen wiederum anderes. Manche vertrackte Theorie der äußeren Wissenschaft ist oft sehr unlogisch. So wird zum Beispiel von dieser behauptet, das Genie könne man in seinen Wurzeln nachweisen in den Eigenschaften der vorangegangenen Generationen; was bei den einzelnen Vorfahren an bemerkenswerten Eigenschaften bereits vorhanden gewesen sei, sehe man beim Genie, das aus dieser Ahnenreihe hervorgegangen sei, wie in einem Brennpunkt gesammelt und gesteigert. Man sucht damit darzutun, daß keinerlei geistig-seelischer Wesenskern vorhanden sei. Es ist aber ein Irrtum anzunehmen, daß sich günstige Eigenschaften nur durch Vermittlung der natürlichen Vererbungsverhältnisse so ohne weiteres summieren und steigern können. Im Gegenteil, wenn in dieser Beziehung von Vererbung die Rede sein soll, so sind die Verhältnisse derart, daß das Genie am Anfang, nicht aber am Ende einer Vererbungslinie steht. Das Genie wird in seinen äußeren persönlichen Eigentümlichkeiten bei seinem Durchdringen durch die physische Vererbungslinie nur gefärbt — so wie jemand naß wird, wenn er ins Wasser fällt.
[ 30 ] Praktisch verwenden können wir all das Gesagte, wenn wir es zur Grundlage einer an uns herantretenden Erziehungsaufgabe machen und diese zu einer Art Erkenntnisproblem des Lebens werden lassen. Wir sagten schon, wir haben ein heiliges Rätsel zu lösen in dem Menschen, der dem Dasein zustrebt, und müssen zu erkennen suchen, was das, was sich da emporarbeitet, alles in sich birgt. Wir müssen uns einen feinen Takt anzueignen suchen, um richtig zu beobachten, wie sich der geistig-seelische Wesenskern aus dunklen Untergründen losringt; wir müssen sorgfältig darauf achten, welche Eigenschaften des sich entwickelnden jungen Menschen sich auf den Vater, welche sich auf die Mutter beziehen — in den Organanlagen, in den seelischen Eigenschaften und in ihrem Zusammenwirken unter dem Einfluß der Individualität auf die äußeren Hüllen.
[ 31 ] Obgleich man heutzutage vielfach nach Individualität schreit, bleibt das alles nur Phrase, solange man nicht auf Einzelheiten und deren Herkunft eingehen kann. Sofern man das nicht tut und, von dieser Phrase ausgehend, beurteilen und angeben will, daß das zu erziehende Kind jetzt dies oder das tun müsse, wird man sehr theoretisch bleiben. Manchmal zwar wird der Erzieher dem individuellen Wesenskern nicht gewachsen sein, dem er zum Dasein verhelfen soll. Er braucht auch nicht dem Zögling, aber er muß der Erziehung gewachsen sein. Es ist notwendig, den Menschen so zu erziehen, daß er selbständig ins Leben treten kann und fähig wird, alles geschickt zu ergreifen. Es ist nicht immer möglich und vom Erzieher abhängig, alles nach Maßgabe theoretischer Beobachtungen und Überlegungen nach und nach und stets rechtzeitig an den Zögling heranzubringen; oft greifen Verhältnisse ein, die aus der Familie selbst oder von außen hindernd auftreten. Auch ist manchmal der heranwachsenden Individualität sogar besser gedient, wenn dies und jenes durch unabweisbare äußere Verhältnisse dekretiert wird, denn dann wird — selbst unter solchen Umständen — das individuelle Rätsel nicht durch theoretische Erziehung zu lösen versucht, sondern alles das, was aus dunklen Untergründen der Vorzeit, aus früheren Lebensläufen stammt, wird in ein harmonisches Zusammenwirken mit den gegenwärtigen Verhältnissen geführt.
[ 32 ] In der Geisteswissenschaft können wir das Geistige nicht nur zu unserer eigenen Befriedigung finden, es kann die Geisteswissenschaft auch die Führerin sein, um dem Geistigen, das sich in dem heranwachsenden Kinde enthüllen will, zum Dasein zu verhelfen, so daß es sich gut hineinfindet in das lebendige Zusammenwirken der Menschen. Damit können wir zu unserem bescheidenen Teil zu Erlösern der Menschen werden, das heißt ihres geistigen Wesenskernes, der hinter der äußeren Erscheinung steckt. So wird sich die Geisteswissenschaft mit dieser Auffassung immer tiefer in das menschliche Leben einführen, weil sie zur Durchdringung des Lebens mit praktischen Zielen kommt. Wir finden dieses bei Goethe, bei seiner Festigkeit im Stehen auf sicherer, innerer Lebensgrundlage, bei dem wir einen Geist wahrnehmen, der nie auf dem Errungenen stehenbleibt, sondern der sich auch bei uns in Zukunft fortwirkend und fortzeugend erweist, wenn wir sein Wort richtig auf uns wirken lassen:
Liegt dir Gestern klar und offen,
Wirkst du heute kräftig frei,
Kannst auch auf ein Morgen hoffen,
Das nicht minder glücklich sei.
[ 33 ] Und das können wir auch für uns selbst hoffen, aber auch für die Menschen, deren Geistesinhalt und Geistesheil uns als Erzieher anvertraut wurde.
