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Knowledge and Immortality
GA 69b

12 February 1911, Munich

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Knowledge and Immortality, tr. SOL
  1. Erkenntnis und Unsterblichkeit

6. Anlage, Begabung und Erziehung des Menschen

6. Human Nature, Talent, and Upbringing

[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Wenn wir durch Geisteswissenschaft Erkenntnis suchen, dann bedeutet das ja, daß wir in uns den Drang fühlen, einen Blick hinaus zu tun in die geistige Welt, die hinter unserer sinnlichen Welt liegt und in der sich für uns die Lösung der Rätsel des Daseins besser erreichen läßt als in der sinnlichen Umgebung. Wenn wir die Ergebnisse der Geisteswissenschaft auf unsere Seele wirken lassen, dann sind sie uns — wie wir in den verschiedenen Vorträgen, die ich hier halten durfte, gesehen haben — nicht nur abstrakte, theoretische Erkenntnisse, sondern sie sind Nahrung für unsere Seele und Kräfte, die uns tragen, die uns unsere Bestimmung enthüllen, uns Hoffnung und Lebenssicherheit geben und uns erkennen lassen, daß wir Menschen diese geisteswissenschaftlichen Ergebnisse zu unserem Leben brauchen. Durch alles, was der Mensch so um sich herum sieht und mehr oder minder in seinem Wesen erkennt, gelangt er zu dem Geiste, der sich in seine Erkenntnis einleben soll.

[ 1 ] Ladies and gentlemen! When we seek knowledge through spiritual science, it means that we feel within ourselves the urge to cast a glance into the spiritual world that lies beyond our sensory world—a world in which we can better find the solution to the mysteries of existence than in our sensory surroundings. When we allow the findings of spiritual science to take effect upon our souls, they are—as we have seen in the various lectures I have been privileged to give here—not merely abstract, theoretical insights, but rather nourishment for our souls and forces that sustain us, reveal our destiny to us, give us hope and a sense of security in life, and enable us to recognize that we human beings need these findings of spiritual science in our lives. Through everything that a person sees around them and recognizes to a greater or lesser extent within their own being, they arrive at the spirit that is meant to take root in their understanding.

[ 2 ] In einer noch ganz anderen Weise stehen wir zu der Welt, wenn wir nicht allein die Aufgabe haben, den Geist erkennend zu durchdringen, sondern wenn wir die Aufgabe haben, den lebendigen, realen, den wirksamen Geist aus seiner Verborgenheit heraus an die Oberfläche zu ziehen oder ihm wenigstens den Weg aus der Verborgenheit heraus zu seiner Offenbarung zu ebnen. In einer solchen Weise stehen wir zur Welt und zum Leben, wenn wir den werdenden Geist selbst im sich entwickelnden Menschen vor uns haben — jene unbestimmte Geistigkeit, mit welcher der Mensch durch die Geburt ins Dasein tritt und die zunächst so undeutlich, wie aus einem undurchdringlichen Dunkel kommend, sich uns darstellt in den noch unbestimmten Zügen des Menschenantlitzes im Beginne seines Erdenwerdens. Wir haben da den menschlichen Geist vor uns, der wie verborgen in den Tiefen ruht und von Woche zu Woche, von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr sich geltend macht, indem er das materielle Dasein durchdringt, das uns von Anfang an in dem aufwachsenden Kinde entgegentritt, und der dieses materielle Dasein nach und nach zu einem Abbilde seiner selbst umschafft.

[ 2 ] Our relationship to the world takes on an entirely different character when our task is not merely to penetrate the spirit through understanding, but rather to draw the living, real, active spirit out of its hiddenness and bring it to the surface—or at least to pave the way for it to emerge from hiddenness and reveal itself. We relate to the world and to life in this way when we have before us the emerging spirit itself in the developing human being—that indeterminate spirituality with which the human being enters into existence through birth and which, at first so indistinct as if coming from an impenetrable darkness, presents itself to us in the still indeterminate features of the human face at the beginning of its earthly existence. There we have before us the human spirit, which rests as if hidden in the depths and asserts itself from week to week, from month to month, from year to year, by permeating the material existence that confronts us from the very beginning in the growing child, and which gradually transforms this material existence into an image of itself.

[ 3 ] Als nach Erkenntnis strebende Erzieher sind wir berufen, den Geist, der in den Tiefen ruht, nicht nur zur Befriedigung unserer eigenen Seele zu suchen, sondern gerade als Erzieher sind wir berufen, alles das, was im Erkenntnisprozesse noch mehr oder weniger intellektuell ist, in die Realität umzusetzen, den Geist selbst als einen real sich entwickelnden ins Leben hineinzuführen. Unter diesem Gesichtspunkt wird die Geisteswissenschaft noch in einem ganz anderen Sinne zur Grundlage einer unmittelbaren Lebenspraxis, als wenn sie uns nur zur Erkenntnis der Geheimnisse des Daseins verhelfen soll.

[ 3 ] As educators striving for knowledge, we are called not only to seek the spirit that rests in the depths for the satisfaction of our own souls, but precisely as educators, we are called to translate everything in the process of knowledge that is still more or less intellectual into reality—to introduce the spirit itself, as something that develops in reality, into life. From this perspective, spiritual science becomes the foundation of a direct way of life in a completely different sense than if it were merely intended to help us understand the mysteries of existence.

[ 4 ] Nun ist ja aus den Vorträgen, die ich früher hier halten durfte, schon klar geworden — und das soll uns heute, da wir es mit einem ganz bestimmten Thema zu tun haben, sozusagen als Voraussetzung dienen —, daß wir auf dem Boden der Geisteswissenschaft rechnen mit einem inneren geistig-seelischen Wesenskern des Menschen, den wir nun nicht nur verfolgen bei seinem Wandeln zwischen der Geburt und dem Tode, sondern den wir durch die Geburt eintreten sehen aus einer anderen Welt, einer übersinnlichen Welt, in das physisch-sinnliche Dasein und wiederum übertreten sehen in eine andere Welt, wenn er durch die Pforte des Todes schreitet, um in dieser anderen Welt neue Entwicklungsstadien zu durchleben. Ja, nicht nur davon sprechen wir, daß wir diesem geistig-seelischen Wesenskern ein Dasein vor der Geburt und ein Dasein nach dem Tode zuschreiben, sondern wir schreiben ihm auch wiederholte Erdenleben zu, so daß wir von unserem gegenwärtigen Leben zurückblicken auf viele Erdenleben, die wir vorher durchgemacht haben, und vorwärtsblikken auf viele Erdenleben, die wir in der Zukunft durchzumachen haben. Wir haben also im gesamten Leben des Menschen zu unterscheiden die Zeiten, die im physischen Leibe zwischen Geburt und Tod verbracht werden, und den Zwischenzeiten, den Zeiten zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, in denen des Menschen geistig-seelischer Wesenskern in rein geistig-seelischen Welten seinen Aufenthalt und seine Daseinsbedingungen hat. Wenn wir die Dinge so ansehen, dann sind wir uns auch klar darüber, daß wir in der physischen Welt dem werdenden Menschen gegenüber eine andere Stellung einnehmen müssen, als wenn wir das Geistig-Seelische in seinen Entwicklungsphasen zwischen Geburt und Tod nur durch das Physisch-Materielle beeinflußt sehen würden. Wenn wir so auf wiederholte Erdenleben und dazwischenliegende geistige Entwicklungsstufen des Menschen hinblicken, sehen wir in dem Menschen, der durch die Geburt ins Dasein tritt, etwas wie ein heiliges Rätsel. Wir sehen, wie das Geistige sich durch das Unbestimmte der Geste, der Physiognomie, durch das Unbestimmte von Fähigkeiten und Anlagen ins Dasein drängt, wie es immer gewaltiger und gewaltiger sich hineinlebt in Geste, Physiognomie, Talente, Bewegungen, immer mehr sich zum Herrn alles dessen macht, was äußere Ausdrucksmittel und Werkzeuge dieses Menschen sind, so daß wir geisteswissenschaftlich in dem Menschen — wenn wir auch letzten Endes die Einheit seiner Natur erkennen doch eine Zweiheit sehen.

[ 4 ] Now, as has already become clear from the lectures I was previously able to give here—and this should serve as a prerequisite, so to speak, today, since we are dealing with a very specific topic—we, on the basis of spiritual science, take into account an inner, spiritual -soul core of the human being—which we not only trace as it moves between birth and death, but which we see entering, through birth, from another world—a supersensible world—into physical-sensory existence, and which we see passing once more into another world when the human being crosses the threshold of death to undergo new stages of development in that other world. Indeed, we do not merely speak of attributing to this spiritual-soul core an existence before birth and an existence after death, but we also attribute to it repeated earthly lives, so that from our present life we look back on many earthly lives we have previously lived through, and look forward to many earthly lives we are yet to live in the future. We must therefore distinguish, within the entirety of a human being’s life, between the periods spent in the physical body between birth and death, and the intervening periods—the times between death and a new birth—during which the human being’s spiritual-soul core resides in purely spiritual-soul worlds and experiences its conditions of existence there. When we view things in this way, we also realize that we must take a different stance toward the developing human being in the physical world than if we were to see the spiritual-soul aspect in its developmental phases between birth and death as influenced solely by the physical-material. When we look in this way at repeated earthly lives and the intervening stages of human spiritual development, we see in the human being who enters existence through birth something like a sacred mystery. We see how the spiritual forces push their way into existence through the indeterminate nature of gesture and physiognomy, through the indeterminate nature of abilities and aptitudes; how they increasingly and more powerfully take root in gesture, physiognomy, and movements, increasingly taking mastery over all that constitutes this human being’s external means of expression and tools, so that, from a spiritual scientific perspective, we see a duality in the human being—even though we ultimately recognize the unity of their nature.

[ 5 ] Wir haben zunächst dasjenige, was er an Eigenschaften seines Leibes und seiner Seele von seinen Eltern und Voreltern ererbt hat, kurz von den früheren Generationen, von denen er abstammt. Dann aber schauen wir auf das eigentliche geistig-seelische Zentrum des Menschen, auf seinen geistig-seelischen Wesenskern, der zunächst nichts zu tun hat mit den Eigenschaften und den Tatsachen, die uns bei den Vorfahren entgegentreten, sondern aus einem früheren Leben des Menschen herüberkommt und sich nun die Eigenschaften, die Merkmale, die zu vererben sind, nur aneignet, sich gleichsam in sie hüllt, um sich in ihnen zum Ausdrucke zu bringen. Wir müssen also da unterscheiden zwischen demjenigen, was sich der Mensch als seines Wesens Tiefstes mitbringt aus früheren Leben, und demjenigen, was er sich aus der Vererbungslinie aneignet. Und die richtige Stellung zum werdenden Menschen gewinnen wir nur dann, wenn wir dieses Zusammenspiel suchen zwischen den Kräften, die von einem Leben zum anderen Leben gehen, und den Kräften, die unmittelbar von Eltern und Voreltern ererbt sind. Wenn wir dies recht verstehen wollen, dann müssen wir uns zunächst bekannt machen mit zwei Grundeigentümlichkeiten unseres Seelenlebens, die in voller Schärfe vor unser geistiges Auge treten müssen, wenn wir das ganze Wesen des Menschen erfassen wollen.

[ 5 ] First, we have the characteristics of his body and soul that he has inherited from his parents and ancestors—in short, from the earlier generations from which he descends. But then we turn our attention to the actual spiritual-soul center of the human being, to his spiritual -soul essence, which initially has nothing to do with the characteristics and facts we encounter in his ancestors, but rather comes over from a previous life of the human being and now merely appropriates the characteristics and traits to be inherited—enveloping itself in them, as it were, in order to express itself through them. We must therefore distinguish between what a human being brings with them from previous lives as the deepest essence of their being, and what they acquire through the line of inheritance. And we can only gain the proper perspective on the developing human being if we seek this interplay between the forces that pass from one life to another and the forces that are directly inherited from parents and ancestors. If we wish to understand this properly, we must first familiarize ourselves with two fundamental characteristics of our soul life, which must appear with full clarity before our spiritual eye if we are to grasp the whole essence of the human being.

[ 6 ] Da haben wir zunächst die wichtige Tatsache, daß beim Menschen, wenn er uns als Persönlichkeit in der Welt entgegentritt, alle die Kräfte, die er hat — die Seelenfähigkeiten, das Temperament, die Charakteranlagen, die Willensimpulse, die Affekte und so weiter — zu einem Ganzen zusammenspielen. Daneben aber müssen wir auch die andere wichtige Tatsache anerkennen, nämlich daß diese in der Persönlichkeit des Menschen uns entgegentretenden, fertig ausgebildeten Fähigkeiten und Kräfte, auch wenn sie zusammenspielen, doch in gewisser Beziehung voneinander unabhängig sind in bezug auf ihre Veranlagung, so daß also die eine nicht notwendigerweise die Bedingung der anderen ist.

[ 6 ] First, there is the important fact that when a human being encounters us as a personality in the world, all the forces within them—the soul faculties, temperament, character traits, impulses of the will, emotions, and so on—interact to form a unified whole. Alongside this, however, we must also acknowledge another important fact: namely, that these fully developed faculties and powers, which we encounter in the human personality, even though they interact, are in a certain sense independent of one another in terms of their predisposition, so that one is not necessarily a prerequisite for the other.

[ 7 ] Das wird uns ja unmittelbar klar, wenn wir hinschauen auf das Leben und schen, wie zum Beispiel ein Mensch eine ganz besondere Art von Anlagen hat, indem er vielleicht musikalisch ist, aber nicht die geringste Begabung für Mathematik oder für das praktische Leben hat. Ein anderer wiederum hat gar keine musikalischen Anlagen, dafür aber eine gewisse Veranlagung für das praktische Leben oder für Mathematik. Das heißt, es können die Anlagen, die Fähigkeiten der Menschen ganz unabhängig voneinander auftreten, sie können aber ineinanderspielen. Nun ist ja schon dem oberflächlichen Blick klar, daß alles das, was der Mensch an Fähigkeiten, Talenten, Begabungen, Geschicklichkeiten oder Körpereigenschaften besitzt, hinweist auf seine Eltern und Voreltern. Und wir werden gleich sehen, in welch präziser Weise die Eigenschaften des Kindes auf Eltern und Voreltern hinweisen.

[ 7 ] This becomes immediately clear to us when we look at life and see, for example, how a person might have a very special kind of aptitude—perhaps being musically gifted—but lack even the slightest talent for mathematics or for practical life. Another person, on the other hand, may have no musical aptitude at all, but instead a certain aptitude for practical life or for mathematics. This means that people’s aptitudes and abilities can occur quite independently of one another, but they can also interact with one another. Even at a cursory glance, it is clear that everything a person possesses in terms of abilities, talents, gifts, skills, or physical characteristics points to their parents and ancestors. And we will soon see just how precisely a child’s characteristics point to their parents and ancestors.

[ 8 ] Aber es tritt ja durch die Geburt auch dasjenige ins Dasein, was mit aller Vererbung nichts zu tun hat, was aus früheren Leben herübergebracht wird als des Menschen eigentlicher geistig-seelischer Wesenskern. Dieser Wesenskern, der sich der unmittelbaren Beobachtung entzieht, tritt uns entgegen, wenn wir als wirkliche Erzieher das Werden des Menschen beobachten und ihn gleichsam herauswachsen sehen aus dem unbestimmten Dunkel, wie eine Grundfärbung, wie ein Grundton der ganzen werdenden Persönlichkeit. Das, was so ins Dasein tritt, daß es die Fähigkeiten des Menschen, seine Anlagen, seine Impulse zusammenfaßt, gruppiert, gleichsam mit ihnen spielt und ein Ganzes aus ihnen macht, das können wir nicht bloß auf Eltern und Voreltern zurückführen. Während einzelne Eigenschaften des Menschen, sagen wir seine Anlagen zu dieser oder jener Wissenschaft oder Geschicklichkeit, in der Regel auf diese oder jene Eigenschaften bei den Vorfahren sich zurückführen lassen, sehen wir gleich von Anfang an, daß die Art und Weise, wie diese Fähigkeiten, diese verschiedenen Kräfte der Vorfahren untereinander gemischt sind in der Persönlichkeit, von etwas anderem abhängt als von der Vererbung — das hängt ab von dem geistig-seelischen Wesenskern des Menschen.

[ 8 ] But through birth, that which has nothing to do with heredity also comes into being—that which is carried over from previous lives as the human being’s true spiritual-soul core. This core essence, which eludes direct observation, reveals itself to us when, as true educators, we observe the human being’s development and see him, as it were, emerging from the indeterminate darkness—like a fundamental hue, like a fundamental tone of the entire developing personality. That which enters into existence in such a way that it brings together and groups a person’s abilities, aptitudes, and impulses—as it were, playing with them and forming a whole out of them—cannot be attributed solely to parents and ancestors. While individual human characteristics—let us say, a person’s aptitudes for this or that science or skill—can generally be traced back to this or that trait in their ancestors, we see right from the start that the way in which these abilities, these various forces of the ancestors, are blended within the personality depends on something other than heredity—it depends on the spiritual-soul core of the human being.

[ 9 ] Wir können sagen: Jemand erbt zum Beispiel von seinem Vater dieses oder jenes Temperament, und von der Mutter erbt er diese oder jene Fähigkeit, die Gabe der Phantasie vielleicht. Und nun tritt er uns entgegen als ein Mensch mit einem besonderen Temperament und mit der Gabe der Phantasie, die in einer gewissen Weise zusammengemischt sind. Das einzelne Temperament, das er hat, und die Begabung für Phantasie, die können wir zurückführen auf Vater oder Mutter. Die Art und Weise aber, wie diese Gaben durcheinandergemischt sind, wie sie gruppiert sind, die müssen wir zurückführen auf den geistig-seelischen Wesenskern. Und nun zeigt sich uns, daß sich dieser geistig-seelische Wesenskern vor der Geburt wie magnetisch angezogen fühlt eben von einem bestimmten Elternpaar, um sozusagen von dem einen Elternteil diese Eigenschaften, von dem anderen Elternteil jene zu übernehmen, die er braucht, um gerade die Mischung herauszubekommen, die dem entspricht, was er sich herüberbringt aus vorhergehenden Leben. Wir können da ganz bestimmte Gesetze angeben, wie der geistig-seelische Wesenskern des Menschen die vererbten Merkmale untereinander mischt, wie er das eine der väterlichen Seite, das andere der mütterlichen Seite entnimmt und wie das Mischungsverhältnis die eigene Tat des ins Leben tretenden Menschen ist.

[ 9 ] We can say: For example, a person inherits this or that temperament from his father, and from his mother he inherits this or that ability—perhaps the gift of imagination. And now he appears before us as a person with a particular temperament and with the gift of imagination, which are blended together in a certain way. The specific temperament he possesses and his gift for imagination can be traced back to his father or mother. But the way in which these gifts are intermingled, the way they are grouped together—that must be traced back to the spiritual-soul core of his being. And now it becomes clear to us that this spiritual-soul core, before birth, feels as if magnetically drawn to a specific pair of parents—in order, so to speak, to take on certain qualities from one parent and others from the other, which it needs to achieve precisely the blend that corresponds to what it brings over from previous lives. We can specify very precise laws regarding how the spiritual-soul core of the human being blends the inherited traits, how it takes one from the paternal side and another from the maternal side, and how the ratio of this blend is the individual act of the human being entering life.

[ 10 ] Wenn nun hier auf ganz bestimmte Gesetze in dieser Richtung hingewiesen werden soll, dann ist es notwendig, sich darüber zu verständigen, daß solche Gesetze aufzufassen sind wie physikalische Gesetze. Wenn der Physiker uns zum Beispiel lehrt, daß ein Stein, den man durch die Luft wirft, in der Linie einer Parabel fällt, dann können wir das aus den entsprechenden physikalischen Bedingungen begreifen. Wenn dann jemand kommt und nicht in Betracht zieht, daß diese allgemeine Wurflinie sich verändern kann, sagen wir durch die Reibung der Luft oder durch andere Verhältnisse, so könnte er uns sagen: Du hast ein falsches Gesetz aufgestellt, denn der Stein fliegt nicht in einer Parabel. — Dem Physiker kommt es aber nicht darauf an, die äußeren, modifizierenden Umstände in das Gesetz einzubeziehen, sondern darauf, das Gesetz aus den wesentlichen Bedingungen herauszufinden. Dasselbe müssen wir auch bei Gesetzen, die für das geistige Leben gelten, in Anwendung bringen. Wir müssen uns sagen: Die Gesetze, die vor unser geistiges Auge treten, haben eine ebensolche Bedeutung wie die physikalischen Gesetze; daher könnte man sie ebenso leicht widerlegen wie die physikalischen Gesetze auch, aber mit einer solchen Widerlegung ist nichts Besonderes getan.

[ 10 ] If we are to refer here to very specific laws in this regard, then it is necessary to agree that such laws are to be understood in the same way as physical laws. For example, when a physicist teaches us that a stone thrown through the air follows a parabolic path, we can understand this based on the relevant physical conditions. If someone then comes along and fails to consider that this general trajectory can change—say, due to air resistance or other factors—they might say to us: “You have formulated a false law, for the stone does not fly in a parabolic path.” — But for the physicist, the point is not to incorporate the external, modifying circumstances into the law, but rather to derive the law from the essential conditions. We must apply the same principle to laws that govern spiritual life. We must tell ourselves: The laws that appear before our mind’s eye have just as much significance as the laws of physics; therefore, they could be refuted just as easily as the laws of physics, but such a refutation accomplishes nothing of particular significance.

[ 11 ] Wenn jetzt also ganz bestimmte Vererbungsgesetze entwickelt werden, so könnten natürlich tausenderlei Umstände eintreten, die diese Gesetze beeinflussen, so wie die Wurflinie des dahinfliegenden Steines beeinflußt wird durch den Widerstand der Luft. Aber diese modifizierenden Bedingungen nebensächlicher Art ändern nichts an der Gültigkeit des Gesetzes. Und verstehen können wir die Geschehnisse der Welt nur dann, wenn wir das Wesentliche der Dinge — sowohl auf physikalischem wie auf geistigem Gebiete — in Gesetzen auszudrücken verstehen. Ebenso treu kann unsere Beobachtung der geistigen Welt gegenüber sein, wie sie es der physischen Welt gegenüber ist. Sie können an Hunderten und Tausenden von Fällen beobachten, daß bei den unmittelbaren Nachkommen ganz bestimmte Kräfte und Begabungen auf die väterliche Vererbungslinie und ganz bestimmte Merkmale auf die mütterliche Linie zurückgehen, das heißt, daß der geistig-seelische Wesenskern des Menschen ganz bestimmte Kräfte und Begabungen von der mütterlichen und ganz bestimmte Merkmale von der väterlichen Linie nimmt, die dann bei den Kindern gemischt auftreten.

[ 11 ] So if very specific laws of heredity are now developed, there could of course be a myriad of circumstances that influence these laws, just as the trajectory of a flying stone is influenced by air resistance. But these modifying conditions of a secondary nature do not alter the validity of the law. And we can understand the events of the world only if we know how to express the essence of things—in both the physical and spiritual realms—in laws. Our observation of the spiritual world can be just as accurate as it is of the physical world. You can observe in hundreds and thousands of cases that, in the immediate descendants, very specific powers and talents can be traced back to the paternal lineage and very specific characteristics to the maternal lineage; that is to say, the spiritual-soul core of the human being takes very specific powers and talents from the maternal lineage and very specific characteristics from the paternal lineage, which then appear in a blended form in the children.

[ 12 ] Wir können also das Gebiet unseres Seelenlebens trennen in zwei deutlich unterscheidbare Teilgebiete. Wir haben in unserer Seele zunächst dasjenige, was wir nennen können das Gebiet unseres Interesses, unserer Aufmerksamkeit, unserer Sympathie für dieses oder jenes. Die Menschen unterscheiden sich ja in bezug auf das, wozu sie ihr Interesse, die Sympathie ihrer Seele führt — der eine ist so, der andere so geartet, je nach der Grundfarbe des Interesses, je nach den Grundcharaktereigenschaften seiner Seele. Von diesem eben charakterisierten Gebiet der Seele hebt sich deutlich dasjenige ab, was wir das intellektuelle Gebiet nennen können, wozu wir auch die Phantasie rechnen wollen, die uns die Fähigkeit gibt, uns die Umwelt und das menschliche Leben selbst in Bildern vorzustellen. Die Phantasie-Begabung, die intellektuelle Begabung ist das andere Teilgebiet.

[ 12 ] We can therefore divide the realm of our inner life into two clearly distinguishable sub-realms. First, within our soul, we have what we might call the realm of our interest, our attention, and our sympathy for this or that. People differ, after all, in terms of what their interest and the sympathy of their soul lead them toward—one person is of one disposition, another of another, depending on the fundamental nature of their interest and the fundamental character traits of their soul. Distinct from this realm of the soul just described is what we might call the intellectual realm, which we also wish to include the imagination—the faculty that gives us the ability to visualize our surroundings and human life itself in images. The gift of imagination, the intellectual gift, constitutes the other realm.

[ 13 ] Wenn wir so das gesamte Seelenleben des Menschen auseinanderlegen, dann zeigt sich uns, daß im allgemeinen das Gebiet des Interesses, der Gesamtcharakter der Persönlichkeit, auf die väterliche Vererbungslinie zurückgeht, das heißt, daß der geistig-seelische Wesenskern des Menschen der väterlichen Vererbungslinie hauptsächlich das entnimmt, was Temperament, Affekte, Leidenschaften sind. Dasjenige, was unsere Intellektualität betrifft, namentlich die Beweglichkeit unserer Vorstellungen, die Möglichkeit, uns die Außenwelt in bestimmte Bilder zu bringen, sie durch Ideen uns zu vergegenwärtigen, das wird im allgemeinen der mütterlichen Vererbungslinie entnommen. Von der Art und Weise, wie von dem geistig-seelischen Wesenskern des Menschen diese beiden Gebiete nun durcheinandergemischt werden, hängt die Art und Eigentümlichkeit unserer Persönlichkeit ab. Aber wir müssen nicht nur diesen ganz allgemeinen Charakter der Vererbung ins Auge fassen, sondern wir müssen noch tiefer und genauer darauf eingehen. Und da zeigt sich, daß die Eigenschaften des Menschen sich nicht nur allgemein vererben, sondern daß sie sich bei der Vererbung umwandeln, daß sie ganz bestimmte Veränderungen eingehen, und zwar wesentliche. Da zeigt sich — und Sie können das in Hunderten und Tausenden von Fällen bewahrheitet finden —, daß das, was in der Mutter lebt als Intellektualität, als Beweglichkeit der Seele, als Neigung der Seele zur Verarbeitung von Vorstellungen, von Bildern, von Begriffen und dergleichen, mehr Neigung hat, auf den Sohn überzugehen als auf die Tochter und gewöhnlich, indem es auf den Sohn übergeht, gleichsam um eine Stufe [ins Phyische] heruntersteigt. So kommt es zum Beispiel vor, daß eine gewisse Beweglichkeit der Vorstellungen, eine besondere Fähigkeit, dieses oder jenes auszudenken, vielleicht künstlerisch auszugestalten etwa auf dem Gebiete der Dichtkunst, in der Seele der Mutter wohl enthalten ist, daß sie sich aber nur im engsten Kreise der nächsten Bekannten und der nächsten Umgebung bewegt und nicht die rechten Mittel besitzt oder entwickelt, diese Fähigkeiten auch nach außen hin zu betätigen. So können wir sagen, die Mutter hat zwar diese Eigenschaften, aber es sind nicht die an die äußere Leiblichkeit gebundenen Werkzeuge da, um das, was da ist, auch umfänglich zu gebrauchen und es auf die Menschheit wirken zu lassen.

[ 13 ] When we examine the entire inner life of the human being in this way, it becomes clear to us that, in general, the sphere of interest and the overall character of the personality can be traced back to the paternal line of inheritance; that is to say, the core of a person’s mental and emotional being derives primarily from the paternal line of inheritance in terms of temperament, emotions, and passions. That which concerns our intellectual faculties—namely, the flexibility of our concepts, the ability to form specific mental images of the external world, and to bring it to mind through ideas—is generally derived from the maternal hereditary line. The nature and uniqueness of our personality depend on the way in which these two areas are blended within the spiritual-psychic core of the human being. But we must not only consider this very general character of heredity; we must examine it even more deeply and precisely. And there it becomes apparent that human characteristics are not merely inherited in a general sense, but that they are transformed during the process of inheritance—that they undergo very specific changes, and indeed, essential ones. It becomes apparent—and you can find this confirmed in hundreds and thousands of cases—that what lives within the mother as intellectuality, as agility of the soul, as the soul’s inclination toward the processing of ideas, images, concepts, and the like, is more likely to pass on to the son than to the daughter, and usually, in passing on to the son, descends, as it were, one level [into the physical]. Thus, for example, it happens that a certain agility of thought, a special ability to conceive of this or that—perhaps to express it artistically, say, in the realm of poetry—is indeed present in the mother’s soul; yet it remains confined to the narrowest circle of her closest acquaintances and immediate surroundings, and she lacks the proper means—or has not developed them—to apply these abilities outwardly. Thus we can say that although the mother possesses these qualities, she lacks the tools tied to external physicality that would allow her to make full use of what is there and to let it have an effect on humanity.

[ 14 ] Wenn das bei der Mutter der Fall ist, dann kann uns diese Anlage beim Sohne gleichsam ausgestaltet in dessen persönlichen Organanlagen — hineinversetzt in die physischen Werkzeuge — entgegentreten. Die Mutter kann also diese oder jene seelische Veranlagung haben, aber nicht die Organanlage, also nicht das entsprechend ausgebildete Gehirn oder andere Organkomplexe, um das, wozu sie veranlagt ist, wirklich auch in größerem Umfange auszuleben und für die Welt anschaulich zu machen. Beim Sohne zieht die Veranlagung der Mutter in die Organanlage ein, in das Gehirn und in andere Organkomplexe, damit gewisse Fähigkeiten fruchtbar werden können für größere Kreise der Menschheit. Dagegen haben väterliche Eigenschaften, die mehr in der äußeren Persönlichkeit liegen und die in den Organanlagen begründet sind, die Neigung, bei den Töchtern hinaufzusteigen zum Seelischen und treten uns da seelisch verwandelt, seelisch umgeartet, entgegen. Und wir können es daher als ein schönes Gesetz vom Fortschreiten des menschlichen Generationenlebens aussprechen, daß die Seele der Mutter in den persönlichen Tüchtigkeiten und Fähigkeiten der Söhne fortzuleben die Neigung hat, daß aber die Organanlagen des Vaters, die ganze Konfiguration der Persönlichkeit des Vaters hinaufsteigt und in der Seele der Töchter weiterlebt oder mindestens eine Neigung dazu hat. Der Vater wird sich also — bis in die Anlage seiner physischen Persönlichkeit im äußeren Leben — fortsetzen in der Seele der Töchter. Das Seelische der Mutter — die im engeren Kreise bleibt und wenig Möglichkeiten hat, ihre Seelenfähigkeiten auszuleben — wird in den Organanlagen der Söhne fortleben, in den in der äußeren Welt zur Wirksamkeit kommenden Organanlagen.

[ 14 ] If this is the case with the mother, then this predisposition can manifest itself in the son, as it were, fully developed within his personal organ systems—transposed into his physical instruments. The mother may therefore possess this or that psychological predisposition, but not the corresponding organ structure—that is, not the appropriately developed brain or other organ complexes—to truly live out to a greater extent what she is predisposed to do and to make it visible to the world. In the son, the mother’s predisposition is incorporated into his physical constitution—into the brain and other organ systems—so that certain abilities can bear fruit for broader circles of humanity. In contrast, paternal qualities—which lie more in the outer personality and are rooted in the physical constitution—tend to rise to the level of the soul in daughters and present themselves to us there, transformed and refined on a soul level. We can therefore express it as a beautiful law governing the progression of human generational life: the mother’s soul tends to live on in the personal abilities and talents of her sons, while the father’s organ dispositions—the entire configuration of the father’s personality—ascend and live on in the souls of his daughters, or at least have a tendency to do so. The father will thus—down to the structure of his physical personality in external life—continue in the souls of his daughters. The mother’s soul—which remains within a narrower circle and has few opportunities to fully express her soul capacities—will live on in the organ dispositions of her sons, in the organ dispositions that become active in the external world.

[ 15 ] Dieses für das Begreifen des Lebens ungeheuer lichtvolle Gesetz kann natürlich hier in einer kurzen Stunde nicht durch Hunderte von Beispielen belegt werden. Man kann es nur erläutern, so wie man es auch in der Physik macht. Und ich möchte es zunächst erläutern durch den allgemein bekannten Fall Goethe. Wer wüßte es nicht, daß alles das, was bei Goethe als Organanlage so vorhanden war, daß er es durch das Gehirn und andere Werkzeuge des Organismus ausleben konnte, von ihm selber zurückgeführt worden ist auf die «Lust zu fabulieren» seiner Mutter, die im engen Kreise mit der Beweglichkeit ihres Geistes, mit all ihrer Lust zu fabulieren alles schon hatte, nur eben nicht die Organanlagen. Es floß aber das in der Seele der alten Frau Rat Lebende hinunter und bildete die Organanlagen des Sohnes. Wir können von Goethe ja nicht nur zurückverweisen auf seine Mutter, sondern auch auf seinen Vater, auf den alten Frankfurter Ratsherrn Caspar Goethe. Wenn wir in ihm kennenlernen den tüchtigen, strebsamen Mann, so bekommen wir vor allen Dingen vor seiner Gründlichkeit, manchmal auch vor seinem stillen Resignieren etwas wie Respekt. Aber auf der anderen Seite müssen wir uns klar sein, wie alle die Eigenschaften, die er da hatte, es zwar möglich machten, daß er auf der sozialen Stufenleiter etwas hinaufstieg, die aber nicht im entferntesten hinreichten, ihm in Frankfurt den Einfluß und den Wirkungskreis zu geben, den er erstrebte, so daß er in gewisser Weise zu einem müßigen Leben verdammt war.

[ 15 ] This law, which sheds such tremendous light on our understanding of life, cannot, of course, be illustrated here with hundreds of examples in just one short hour. One can only explain it, just as one does in physics. And I would like to begin by explaining it through the well-known case of Goethe. Who does not know that everything that existed in Goethe as organ potential—enabling him to express it through his brain and other instruments of the organism—was attributed by Goethe himself to his mother’s “love of storytelling,” who, within her own narrow circle, possessed all of this through the agility of her mind and her love of storytelling—only she lacked the organ potential. But what lived in the soul of the old councilwoman flowed down and formed her son’s innate predispositions. We can, of course, trace Goethe’s origins not only to his mother but also to his father, the elderly Frankfurt councilman Caspar Goethe. When we come to know him as the capable, ambitious man he was, we feel, above all, a kind of respect for his thoroughness and, at times, for his quiet resignation. On the other hand, however, we must realize that while all the qualities he possessed did enable him to climb somewhat up the social ladder, they were by no means sufficient to grant him the influence and sphere of activity in Frankfurt that he aspired to, so that he was, in a sense, condemned to a life of idleness.

[ 16 ] Etwas von Stärke und Eigensinn liegt in der Organanlage des alten Goethe, auch etwas von Nüchternheit, aber Gründlichkeit in der Nüchternheit, sogar von einer gewissen Harmonie dieser Eigenschaften. Denken wir uns diese Eigenschaften von Goethes Vaters neben den Eigenschaften des Sohnes, so werden wir leicht begreifen können, daß sich die beiden in gewisser Beziehung abstießen. Das taten sie auch, wie hinlänglich bekannt ist. Aber denken wir uns einmal diese Eigenschaft des Vaters «verseelischt» — wenn wir das Wort prägen dürfen —, ins Seelenhafte hinaufgehoben, denken wir uns eine gewisse Gründlichkeit der Seele wiederum mit jener Zaghaftigkeit, die der alte Goethe hatte, die ihn zu nichts Rechtem kommen ließ, in der Seele seiner Tochter Cornelia aufleben: Da können wir leicht in der Seele der Tochter Cornelia eine gewisse Weichheit des Charakters finden, seelenhaft gemischt mit einem gewissen Eigensinn, einen scharfen Verstand, gemischt mit einer gewissen Gefühlsschwelgerei, das Bedürfnis, sich hinzugeben, sich der Welt anzuschmiegen, und doch die Unfähigkeit, sich wirklich jemandem hinzugeben. Es kann uns geradezu die ganze Lebenslage des alten Goethe — der danach strebte, eine bedeutsame Stelle einzunehmen und der es doch nicht konnte — in der Seele der Tochter so entgegentreten, daß sie das Bedürfnis hatte, sich einem Ehegatten anzuschmiegen, und doch keine Befriedigung in der Ehe finden konnte. Wir brauchen nur die Charakteranlagen, die bis in die Organgliederung des alten Goethe gehen, ins Seelenhafte umzusetzen, und wir haben ganz die Seele von Goethes Schwester Cornelia. Und alles das, was Goethe abstieß, ihn sozusagen zurückstieß an seinem Vater, das war ihm tief anziehend an seiner Schwester, die sich während ihres kurzen Lebens so schön mit ihm ergänzt hat, die er so lieb hatte. Alles Väterliche wirkte in dieser «Verseelischung» durch die Schwester so wohltuend auf den jungen Goethe.

[ 16 ] There is something of strength and stubbornness in the old Goethe’s disposition, as well as something of sobriety—but a thoroughness within that sobriety—and even a certain harmony between these traits. If we consider these traits of Goethe’s father alongside those of his son, we can easily understand that the two repelled one another in a certain sense. And indeed they did, as is well known. But let us imagine this trait of the father “spiritualized”—if we may coin the term—elevated to the realm of the soul; let us imagine a certain thoroughness of soul, combined once again with that timidity that the elder Goethe possessed—which prevented him from ever really accomplishing anything—coming to life in the soul of his daughter Cornelia: There we can easily find in the soul of the daughter Cornelia a certain softness of character, soulfully blended with a certain stubbornness; a sharp intellect, mixed with a certain indulgence in emotion; the need to surrender herself, to nestle against the world, and yet the inability to truly give herself to anyone. We can almost see the entire life situation of the elderly Goethe—who strove to occupy a position of significance yet was unable to do so—reflected in his daughter’s soul in such a way that she felt the need to nestle against a spouse, yet could find no fulfillment in marriage. We need only translate the character traits that extend into the very structure of the elderly Goethe’s being into the realm of the soul, and we have the entire soul of Goethe’s sister Cornelia. And everything that Goethe found repulsive—that, so to speak, repelled him in his father—was deeply attractive to him in his sister, who complemented him so beautifully during her short life, whom he loved so dearly. Everything paternal had such a soothing effect on the young Goethe through this “spiritualization” by his sister.

[ 17 ] Versuchen Sie auf die gleichen Dinge einzugehen bei Hebbel. Lesen Sie seine Tagebücher. Versuchen Sie aus ihnen, die auch sonst ein Schatz der deutschen Literatur sind, zu verstehen, wie Hebbel die ganze Äußerlichkeit des Charakters, das heißt die Art des Interesses an der Welt, vom Vater hatte, aber dasjenige, was ihn von frühester Jugend an zu seinem Streben führte, verstanden zu werden, das weist zurück auf die Seele seiner Mutter, auch wenn diese nur eine einfache Maurersfrau war. In der geschichtlichen Betrachtung können wir überall beobachten, daß alles, was uns in den Organanlagen der Männer entgegentritt, zurückzuführen ist auf ihre Mütter. Blicken Sie auf die Mutter Alexanders des Großen, auf die Mutter der Makkabäer, auf die Mutter der Gracchen — wohin Sie wollen —, überall sehen Sie das. Wer Sinn dafür hat, wirklich einzugehen auf menschliche Charaktere, wird das überall wie ein Gesetz bestätigt finden, so wie es bei physikalischen Gesetzen ist.

[ 17 ] Try to address the same issues in Hebbel’s work. Read his diaries. Try to understand from them—which are, in any case, a treasure of German literature—how Hebbel inherited from his father the entire outward aspect of his character, that is, his way of engaging with the world, but that which led him, from his earliest youth, to strive to be understood points back to his mother’s soul, even though she was only a simple mason’s wife. From a historical perspective, we can observe everywhere that everything we encounter in men’s innate dispositions can be traced back to their mothers. Look at the mother of Alexander the Great, at the mother of the Maccabees, at the mother of the Gracchi—wherever you look—you will see this everywhere. Anyone with an eye for truly delving into human characters will find this confirmed everywhere as a law, just as it is with the laws of physics.

[ 18 ] In der Geisteswissenschaft fassen wir eine solche Tatsache so auf, daß eben der geistig-seelische Wesenskern des Menschen väterliche und mütterliche Eigenschaften übernimmt, sie nicht nur mischt, sondern auch verwandelt, sie um eine Stufe tiefer oder höher führt, das heißt: Die Eigenschaften, die beim Vater an die Organanlagen gebunden sind, sind bei den Töchtern «verseelischt», und die seelischen Eigenschaften, die bei den Müttern noch nicht Organanlagen haben, werden bei den Söhnen umgesetzt in Organanlagen. Also nicht unmittelbar geschieht die Vererbung, sondern so, daß wir sie manchmal kaschiert, verdeckt sehen und nur darauf kommen müssen, wie eigentlich der geistig-seelische Wesenskern des Menschen die Eigenschaften benützt, die er bei der väterlichen und der mütterlichen Linie findet, um sie seiner Individualität gemäß plastisch durchzugestalten und sie in der Welt geltend zu machen.

[ 18 ] In spiritual science, we understand this fact to mean that it is precisely the spiritual-soul core of the human being that takes on paternal and maternal qualities, not only blending them but also transforming them, raising or lowering them by one level; that is to say: The qualities in the father that are bound to organ predispositions are “spiritualized” in the daughters, and the soul qualities in the mother that do not yet have organ predispositions are transformed into organ predispositions in the sons. Thus, inheritance does not occur directly, but in such a way that we sometimes see it as concealed or veiled and must only discern how the spiritual-soul core of the human being actually utilizes the qualities it finds in the paternal and maternal lines in order to shape them plastically in accordance with its individuality and to assert them in the world.

[ 19 ] Nun könnte es ja leicht sein, daß, wenn jemand nur aus ein paar Lebensbeobachtungen oder aus Vorurteilen seine Überzeugung zusammenzimmert, einzelne Angaben der Geisteswissenschaft sehr leicht widerlegen könnte. Es muß deshalb darauf aufmerksam gemacht werden, daß nur der ganze Umfang einer wahren Lebensbeobachtung das bestätigen kann, was aus der Geisteswissenschaft heraus als allgemeines Weltengesetz für das geistige Leben gegeben wird. Und da zeigt sich uns auch im Leben, wie dieser geistig-seelische Wesenskern sich sozusagen umhüllt mit den ererbten Eigenschaften, die er sich angliedert und die er mischt. Es könnte jemand sagen: Ja, zeige uns, wie dieser geistig-seelische Wesenskern nun arbeitet, wie er sich mit den ererbten Merkmalen umhüllt. — Es handelt sich darum, daß wir bei einem solchen Aufzeigen den richtigen Weg gehen. Bei dem einzelnen Menschen, den wir als in sich geschlossene Persönlichkeit von der Geburt an vor uns haben, sehen wir die Fähigkeiten wachsen. Wir sehen eine harmonische Einheit — selbstverständlich, das braucht uns nicht erst eingewendet zu werden —, wir sehen eine Einheit in dem, was sich in dieser oder jener Fähigkeit nach und nach ausgestaltet. Und man kann nicht ohne weiteres unterscheiden im einzelnen Menschen, was und wie weit der geistig-seelische Wesenskern wirkt und was er sich von außen als physisch ererbte Anlagen angeeignet hat.

[ 19 ] Now, it could easily be the case that if someone were to cobble together their convictions based solely on a few observations of life or on prejudices, they could very easily refute individual statements made by spiritual science. It must therefore be pointed out that only the full scope of a true observation of life can confirm what spiritual science presents as a general cosmic law governing spiritual life. And here, too, we see in life how this spiritual-soul core, so to speak, envelops itself in the inherited qualities that it incorporates and blends with itself. Someone might say: Yes, show us how this spiritual-soul core actually works, how it envelops itself with inherited traits. — The point is that we must follow the correct path in such an illustration. In the individual human being, whom we encounter from birth as a self-contained personality, we see abilities developing. We see a harmonious unity—of course, this need not even be pointed out to us—we see a unity in what gradually takes shape in this or that ability. And one cannot readily distinguish in the individual human being what and to what extent the spiritual-soul core is at work, and what it has appropriated from the outside as physically inherited dispositions.

[ 20 ] Aber wenn man die Basis der Lebensbeobachtung etwas breiter macht, wenn man herumschaut im Leben, dann sieht man allerdings schon, wie verschieden sich die Menschen zeigen, je nachdem ihr geistig-seelischer Wesenskern, so wie er durch die Geburt ins Dasein tritt, reicher an Inhalt ist, bedeutender und tiefer oder weniger tief und bedeutend veranlagt ist, ob er aus den vorangegangenen Verkörperungen einen reicheren Gehalt hat, durch den er berufen ist, in der neuen Verkörperung viel für die Welt zu leisten. Wie wird es einem solchen Wesenskern gehen?

[ 20 ] But if one broadens the scope of one’s observation of life a bit, if one looks around at life, then one does indeed see how differently people present themselves, depending on whether their spiritual-soul core—as it enters existence at birth—is richer in content, more significant and profound, or less so; whether it possesses a richer substance from previous incarnations, through which it is called to accomplish much for the world in the new incarnation. What will become of such a core of being?

[ 21 ] Er wird lange zu tun haben, bis er sich hindurcharbeitet durch alle die Widerstände, die von außen aus der Vererbungslinie an ihn herantreten; er wird länger auszumeißeln haben, die äußeren Vererbungsmerkmale werden nicht gleich zum Wesenskern passen. Das bestätigt sich uns so wunderbar, wenn wir sehen, wie gerade große Geister der Menschheit, Newton oder Humboldt oder Leibniz, eigentlich schlechte Schüler waren, weil ihr reicher geistig-seelischer Wesenskern lange Zeit brauchte, um sich hindurchzuarbeiten, um dasjenige auszugestalten, womit er sich umhüllt und was er sich angliedert. Daher kann jemand, der das Leben nur mit Vorurteilen sieht, gerade die größten Menschen für unbegabte Kerle oder für unfähige Menschen halten, weil sie sich zuerst vielleicht sogar dumm zeigen, denn sie brauchen lange, bis sie den reichen geistig-seelischen Wesenskern herausarbeiten. Aber darauf, wie jemand, der das Leben nicht kennt, es beurteilt, darauf kommt es nicht an, sondern es kommt auf die Wahrheit an. Hebbel hat ja in seinen Tagebüchern die schöne Bemerkung gemacht, wie es wäre, wenn in einer Gymnasialklasse der Lehrer eben mit seinen Schülern den Plato durchnähme und der wiederverkörperte Plato selber unter den Schülern wäre und am schlechtesten verstehen könnte, was der Gymnasiallehrer als seine richtige Auffassung und Interpretation des Plato vorbrächte, so daß der wiederverkörperte Plato fortwährend nachsitzen müsste.

[ 21 ] It will take him a long time to work his way through all the resistance that comes at him from outside, from his hereditary lineage; he will have to chip away at it for a long time, as the external hereditary traits will not immediately align with the core of his being. This is so wonderfully confirmed for us when we see how the great minds of humanity—Newton, Humboldt, or Leibniz—were actually poor students, because their rich spiritual and soul-filled core needed a long time to work its way through and shape that which envelops them and to which they attach themselves. Therefore, someone who views life solely through the lens of prejudice may regard even the greatest individuals as untalented or incompetent, because at first they may even appear foolish—for it takes them a long time to bring their rich spiritual and psychological essence to the fore. But how someone who does not know life judges it is irrelevant; what matters is the truth. Hebbel, after all, made the lovely observation in his diaries about what it would be like if, in a high school class, the teacher were to go through Plato’s works with his students, and the reincarnated Plato himself were among the students—and were the one who understood the least of what the high school teacher presented as his correct understanding and interpretation of Plato, so that the reincarnated Plato would have to stay after school constantly.

[ 22 ] So sehen wir den geistig-seelischen Wesenskern des Menschen hereinrücken in die von außen ererbten Merkmale; und wir sehen ihn, gerade wenn er reich ist, die größten Widerstände finden, durch die er sich hindurcharbeiten muß. Solche Menschen kommen manchmal recht spät dazu, sich das äußerlich vererbte Werkzeugmaterial richtig anzugliedern. Wunderkinder haben selten einen reichen geistig-seelischen Wesenskern und haben daher weniger Mühe, sich das äußerlich vererbte Material einzugliedern. Schnell entwickeln sie sich, aber wir wissen auch, daß diese anfangs überraschend aufgetretenen Fähigkeiten schnell verglimmen und vergehen. Wenn man auf einer breiteren Basis das Leben beobachtet, so zeigt sich, wie bei dem einen Menschen das, was sich als seine ganze Persönlichkeit zeigt, in anderer Weise die ererbten Merkmale dem Wesenskern angliedert als bei einem anderen. Ja, wir können dies wiederum bei Goethe erhärten und erproben.

[ 22 ] Thus we see the spiritual-soul core of the human being entering into the characteristics inherited from the outside; and we see that, precisely when it is rich, it encounters the greatest resistance, through which it must work its way. Such people sometimes come quite late to properly integrating the externally inherited material tools. Child prodigies rarely possess a rich spiritual-soul core and therefore have less difficulty integrating the externally inherited material. They develop rapidly, but we also know that these abilities, which initially appear surprising, quickly fade and disappear. If one observes life on a broader basis, it becomes apparent how, in one person, what manifests as his entire personality integrates the inherited characteristics into the core of his being in a different way than in another. Indeed, we can once again corroborate and verify this in the case of Goethe.

[ 23 ] Da muß ich allerdings etwas sagen, was ja vielleicht mißverstanden werden kann. Aber wer sich gleich mir jetzt über dreißig Jahre intensiv und liebevoll mit Goethe beschäftigt hat, darf wohl so eine Ketzerei sagen. Das Goethe-Verständnis und die Hingabe an Goethes Größe braucht ja nicht beeinträchtigt zu werden, wenn wir uns gestehen, daß sich Goethes Wesenskern nur sehr langsam durch die äußeren physischen Hindernisse ins Dasein drängte. Wir sehen in der Tat, wenn wir eingehen wollen auf das, was Goethe zu leisten hatte — wenn man nicht mit den Vorurteilen mancher Goethe-Forscher behaftet ist —, daß seine Jugendwerke durchaus noch nicht auf der vollen Höhe stehen; und wir dürfen gegenüber den ersten Werken Goethes gestehen: Das ist noch der werdende Goethe, der noch nicht überwunden hat die äußeren Hindernisse seines Wesenskernes; da ist noch verborgen, was Goethe eigentlich werden sollte. Man tastet die Größe im ersten Teile des «Faust»-Werkes nicht an, wenn man darauf aufmerksam macht, daß das noch der werdende Goethe ist, daß dessen reicher Wesenskern da noch in den Tiefen sitzt und sich erst herausarbeiten muß.

[ 23 ] I must, however, say something here that might be misunderstood. But anyone who, like me, has studied Goethe intensively and lovingly for over thirty years is surely entitled to utter such heresy. Our understanding of Goethe and our devotion to his greatness need not be compromised if we admit that the core of Goethe’s being only very slowly forced its way into existence through the external physical obstacles. In fact, if we wish to appreciate what Goethe was meant to accomplish—provided we are not burdened by the prejudices of some Goethe scholars—we see that his early works are by no means yet at their full height; and we must acknowledge, with regard to Goethe’s earliest works: This is still the Goethe in the making, who has not yet overcome the external obstacles to his inner essence; what Goethe was actually meant to become is still hidden there. One does not detract from the greatness of the first part of *Faust* by pointing out that this is still the Goethe in the making, that his rich inner essence still lies deep within and must first work its way to the surface.

[ 24 ] Allerdings findet man es ja heute geradezu als Merkmal recht erhabener Geister, daß sie in gewisser Weise die Neigung haben, in der Literatur die Jugendwerke der Dichter zu bevorzugen. Man findet die Tendenz: Ja, wir müssen zu den Dichtern in ihrer ersten Periode gehen, da hat man das unmittelbar aus der Seele Sprudelnde, da hat man das Wesentliche, das eigentlich ihre Größe ausmacht. — Und für Goethe hat sich ja hinlänglich auch ein Publikum gefunden, das da sagt: Na, der alte Goethe ist schon etwas schwach geworden, er ist im zweiten Teil des «Faust» doch nicht mehr auf der Höhe, den kann man nicht verstehen; der erste Teil des «Faust», ja, der ist von ursprünglicher Kraft. — Diejenigen, die so urteilen, denken gewiß nicht darüber nach, ob es nicht vielleicht an ihnen selbst liegt, ob sie nicht besser täten, sich selbst um Verständnis eines Werkes dieser Art zu bemühen wie den zweiten Teil des «Faust», den Goethe auf der Höhe seiner Schaffenskraft gedichtet hat.

[ 24 ] However, it is considered today to be a hallmark of truly exalted minds that they have, in a certain sense, a tendency to prefer the early works of poets in literature. One observes this tendency: Yes, we must turn to the poets in their early period; there we find what bubbles up directly from the soul, there we find the essence that truly constitutes their greatness.” — And as for Goethe, there has certainly been no shortage of an audience that says: “Well, old Goethe has grown a bit weak; in the second part of *Faust* he’s no longer at his best—it’s impossible to understand it; the first part of *Faust*, yes, that is full of primal power.” — Those who judge in this way certainly do not consider whether it might perhaps be their own fault, whether they would do better to make an effort to understand a work of this kind, such as the second part of *Faust*, which Goethe wrote at the height of his creative power.

[ 25 ] Goethe hielt es mit dieser Sache anders. Er wies auf den ersten Teil des «Faust» hin als auf ein Jugendwerk, bei dem sein geistig-seelischer Wesenskern noch nicht zum Durchbruch gekommen sei. Goethe hat einige Zeilen hinterlassen, worin er sich über diese Sache genau ausspricht, wo er sagt — und er meint damit den ersten Teil des «Faust»:

[ 25 ] Goethe took a different view on this matter. He pointed to the first part of *Faust* as a work of his youth, in which the core of his intellectual and spiritual being had not yet come to the fore. Goethe left behind a few lines in which he speaks explicitly about this matter, saying—and he is referring here to the first part of *Faust*:

Da loben sie den Faust,
Und was noch sunsten
In meinen Schriften braust,
Zu ihren Gunsten;
Das alte Mick und Mack,
Das freut sie sehr;
Es meint das Lumpenpack,
Man wär’s nicht mehr!

There they praise Faust,
And whatever else
Rages in my writings,
In their favor;
The old Mick and Mack,
That delights them greatly;
The rabble thinks,
That we’re no longer what we used to be!

[ 26 ] So stand Goethe selbst zu einer solchen Beurteilung. Wir sehen bei Goethe, wie fast ein ganzes Leben hindurch der reiche Seelenkern, den wir nicht ableiten können aus Vererbungsmerkmalen, kämpft gegen die widerstrebenden Elemente der Vererbung und gegen Widerstände, die von außen her gegen ihn andringen. Wir können Jahr für Jahr verfolgen, wie sein reicher Seelenkern harmonisch herauskommt, wir sehen, wie er während seiner italienischen Reise immer reifer und reifer wird und wie er ganz eins wird mit den Qualitäten seines geistig-seelischen Wesenskernes.

[ 26 ] This was Goethe’s own view of such an assessment. In Goethe, we see how, throughout nearly his entire life, the rich core of his soul—which we cannot attribute to hereditary traits—struggles against the opposing elements of heredity and against external forces that press in against it. Year after year, we can observe how the rich core of his soul emerges harmoniously; we see how, during his Italian journey, he becomes increasingly mature and how he becomes completely one with the qualities of his spiritual-soul core.

[ 27 ] Die [Charakter] eigenschaften des Menschen prägen sich im Verlaufe der Entwicklung seines Wesens in seinen Hüllen aus; die Fähigkeiten dagegen, die hauptsächlich an das Innere gebunden sind, können allerdings schon in der Jugend stark auftreten. Weil da ja noch nicht viel Hülle vorhanden ist, muß sich die vorhandene Begabung für Musik, für Mathematik oder für Poesie bereits da zeigen. Gehen wir aber zu der Geschicklichkeit für das praktische Leben, so wissen wir, daß diese und alles, was sonst noch nötig ist für die Bewältigung der äußeren Welt, erst im weiteren Verlaufe des Lebens erworben werden müssen. Und erst zuletzt kommt das wirkliche [geistige] Element, die Mystik, das Hineinschauen in die geistige Welt. Es kommt dann darauf an, nicht nur entflammt zu sein für die geistigen Tatsachen, sondern die Fähigkeiten entwickelt und die Organe für das geistige Schauen ausgebildet zu haben, um dadurch den Zusammenklang zu erringen zwischen der Erkenntnis dessen, was im Äußeren sich zeigt, und dem, was die Welt im Innersten durchlebt und durchbebt.

[ 27 ] A person’s [character] traits manifest themselves in their physical forms as their being develops; the abilities, on the other hand—which are primarily linked to the inner self—can, however, already be strongly evident in youth. Since there is not yet much of an outer shell, any existing talent for music, mathematics, or poetry must already manifest itself at that stage. But when it comes to practical skills for daily life, we know that these—and everything else necessary for navigating the external world—must be acquired only as life progresses. And only finally does the true [spiritual] element—mysticism, the insight into the spiritual world. It then becomes essential not only to be passionate about spiritual realities but also to have developed the abilities and trained the faculties for spiritual vision, thereby achieving harmony between the knowledge of what is manifested externally and what the world experiences and is shaken by at its very core.

[ 28 ] Man kann in reifer Jugend schon Anhänger eines Mystikers sein, man kann ihn interpretieren, aber Eigenes auf diesem Gebiet zu leisten ist erst möglich, wenn wir das mittlere Lebensalter erreicht haben. Wenn man also in sich selbst die Möglichkeit finden will, sich in Einklang zu bringen mit dem Allgeiste der Welt, so muß man schon etwa vierzig Jahre alt sein, da dies früher nicht möglich ist. Man muß sich Zeit lassen, man muß sich vorher anders beschäftigen, und zwar in der Tendenz dahin zielend, Anhänger einer spirituellen Weltenströmung zu sein und dabei den Einklang zu schaffen zwischen dem eigenen inneren Wesenskern und den auszubildenden Organen. Wer solche Gesetze, wie sie hier eben nur angedeutet werden konnten, nicht übertritt, wird sich am besten in das Leben hineinfinden und sich immer mehr absondern von den Kräften, die für ihn hindernd in der natürlichen Vererbungslinie liegen, und sie überwinden. Bei weiterer Betrachtung der natürlichen Vererbungsverhältnisse können wir sehen, daß ein Unterschied bestehen muß zwischen den Kindern junger Ehegatten und den Kindern aus einer bereits länger bestehenden oder erst im vorgerückten Alter eingegangenen Verbindung. Weil sich ja der Mensch bis zu einer gewissen Zeit seines Lebens in aufsteigender Entwicklung befindet, treten in reiferem Alter in der Geste, in der Physiognomie, also in der äußeren Persönlichkeit, immer mehr die Folgen der Arbeit hervor, die von dem inneren Wesenskern aufgewendet worden ist. Etwa im zwanzigsten Lebensjahre ist schon ein Teil herausgearbeitet, aber Sie können wahrnehmen, daß noch nicht der ganze Einfluß des geistigseelischen Wesenskerns ausgeübt wird, sondern ein Teil davon noch in der Tiefe festsitzt. Erst nach und nach prägt sich der eigentliche Mensch völlig aus und kommt damit an die Oberfläche. Dann erst hat er eine stärkere Kraft, seine vererbten Merkmale auf seine Nachkommen zu übertragen, weil er nun um soviel reifer geworden ist. Ein geistig-seelischer Wesenskern, der sich aus eigener, innerer Stärke möglichst selbständig ausleben will, wird sich daher wie magnetisch angezogen fühlen von einem jugendlichen Vater, der ihm weniger Widerstand bietet; eine schwächere Individualität wird dagegen von einem älteren Vater mit bereits völlig ausgeprägtem Charakter angezogen werden. Unter diesen Gesichtspunkten erhellen sich bereits ungeheure Rätsel des Lebens. Solche Verhältnisse lassen sich natürlich am Typischen am klarsten nachweisen, wobei oft die mannigfaltigsten Variationen eintreten.

[ 28 ] One can already be a follower of a mystic in one’s late youth; one can interpret him, but it is only possible to make one’s own contributions in this field once we have reached middle age. So if one wishes to find within oneself the ability to harmonize with the Universal Spirit of the world, one must already be about forty years old, since this is not possible before then. One must take one’s time; one must first engage in other pursuits, aiming toward becoming a follower of a spiritual world movement and thereby creating harmony between one’s own inner core of being and the organs that are to be developed. Those who do not transgress such laws—which could only be hinted at here—will find their way into life most effectively and will increasingly separate themselves from the forces that lie as obstacles for them in the natural line of inheritance, ultimately overcoming them. Upon further consideration of natural hereditary relationships, we can see that there must be a difference between the children of young spouses and those born of a union that has existed for some time or was formed at an advanced age. Since human beings are in a state of ascending development up to a certain point in their lives, the consequences of the work expended by the inner core of their being become increasingly evident in later life—in their bearing, their physiognomy, that is, in their outer personality. By about the age of twenty, a part of this has already been shaped, but you can perceive that the full influence of the spiritual-soul core has not yet been exerted; rather, a part of it still lies deep within. Only gradually does the true human being fully take shape and thus come to the surface. Only then does he possess a stronger power to pass on his inherited traits to his offspring, because he has now become so much more mature. A spiritual-soul core that seeks to live out its life as independently as possible through its own inner strength will therefore feel magnetically drawn to a youthful father who offers it less resistance; a weaker individuality, on the other hand, will be drawn to an older father whose character is already fully developed. From this perspective, immense mysteries of life begin to be illuminated. Such relationships can, of course, be most clearly demonstrated through typical examples, although the most diverse variations often occur.

[ 29 ] Jetzt wollen wir noch sehen, wie die einzelnen Merkmale der Seele voneinander unabhängig sein können und wie sie vererbt werden, wie aber alle Eigenschaften zu einem Grundton zusammengeführt und von dem geistig-seelischen Wesenskern verarbeitet werden. So kann durch diesen zum Beispiel der Hochmut von der Mutter und die Ungeschicklichkeit vom Vater geerbt und zusammengruppiert werden. Seelische Eigenschaften lassen manches, was die Eltern bieten können, unberücksichtigt und bevorzugen wiederum anderes. Manche vertrackte Theorie der äußeren Wissenschaft ist oft sehr unlogisch. So wird zum Beispiel von dieser behauptet, das Genie könne man in seinen Wurzeln nachweisen in den Eigenschaften der vorangegangenen Generationen; was bei den einzelnen Vorfahren an bemerkenswerten Eigenschaften bereits vorhanden gewesen sei, sehe man beim Genie, das aus dieser Ahnenreihe hervorgegangen sei, wie in einem Brennpunkt gesammelt und gesteigert. Man sucht damit darzutun, daß keinerlei geistig-seelischer Wesenskern vorhanden sei. Es ist aber ein Irrtum anzunehmen, daß sich günstige Eigenschaften nur durch Vermittlung der natürlichen Vererbungsverhältnisse so ohne weiteres summieren und steigern können. Im Gegenteil, wenn in dieser Beziehung von Vererbung die Rede sein soll, so sind die Verhältnisse derart, daß das Genie am Anfang, nicht aber am Ende einer Vererbungslinie steht. Das Genie wird in seinen äußeren persönlichen Eigentümlichkeiten bei seinem Durchdringen durch die physische Vererbungslinie nur gefärbt — so wie jemand naß wird, wenn er ins Wasser fällt.

[ 29 ] Now let us see how the individual characteristics of the soul can be independent of one another and how they are inherited, and how all these qualities are brought together into a fundamental tone and processed by the spiritual-soul core of the being. Through this core, for example, arrogance can be inherited from the mother and clumsiness from the father, and these traits can be grouped together. Soul qualities disregard some of what the parents have to offer and, in turn, favor other traits. Some convoluted theories of external science are often highly illogical. For example, such theories claim that the roots of genius can be traced to the qualities of preceding generations; whatever remarkable qualities were already present in individual ancestors, they argue, can be seen in the genius who emerged from this line of ancestors, as if gathered and intensified at a focal point. The aim is to demonstrate that no spiritual or psychological core of being exists. However, it is a mistake to assume that favorable traits can simply accumulate and intensify through the medium of natural hereditary relationships. On the contrary, if we are to speak of heredity in this context, the circumstances are such that genius stands at the beginning—not at the end—of a hereditary line. As genius passes through the physical line of inheritance, its outward personal characteristics are merely tinged—just as a person gets wet when they fall into water.

[ 30 ] Praktisch verwenden können wir all das Gesagte, wenn wir es zur Grundlage einer an uns herantretenden Erziehungsaufgabe machen und diese zu einer Art Erkenntnisproblem des Lebens werden lassen. Wir sagten schon, wir haben ein heiliges Rätsel zu lösen in dem Menschen, der dem Dasein zustrebt, und müssen zu erkennen suchen, was das, was sich da emporarbeitet, alles in sich birgt. Wir müssen uns einen feinen Takt anzueignen suchen, um richtig zu beobachten, wie sich der geistig-seelische Wesenskern aus dunklen Untergründen losringt; wir müssen sorgfältig darauf achten, welche Eigenschaften des sich entwickelnden jungen Menschen sich auf den Vater, welche sich auf die Mutter beziehen — in den Organanlagen, in den seelischen Eigenschaften und in ihrem Zusammenwirken unter dem Einfluß der Individualität auf die äußeren Hüllen.

[ 30 ] We can put all of the above into practice by making it the foundation of an educational task that comes our way and allowing it to become a kind of problem of understanding in life. As we have already said, we have a sacred mystery to solve in the human being who is striving toward existence, and we must seek to recognize what all is contained within that which is working its way upward. We must strive to develop a subtle sensitivity in order to observe correctly how the spiritual-soul core of the being breaks free from dark depths; we must pay careful attention to which characteristics of the developing young person relate to the father and which to the mother—in the organ dispositions, in the soul qualities, and in their interaction under the influence of the individuality on the outer forms.

[ 31 ] Obgleich man heutzutage vielfach nach Individualität schreit, bleibt das alles nur Phrase, solange man nicht auf Einzelheiten und deren Herkunft eingehen kann. Sofern man das nicht tut und, von dieser Phrase ausgehend, beurteilen und angeben will, daß das zu erziehende Kind jetzt dies oder das tun müsse, wird man sehr theoretisch bleiben. Manchmal zwar wird der Erzieher dem individuellen Wesenskern nicht gewachsen sein, dem er zum Dasein verhelfen soll. Er braucht auch nicht dem Zögling, aber er muß der Erziehung gewachsen sein. Es ist notwendig, den Menschen so zu erziehen, daß er selbständig ins Leben treten kann und fähig wird, alles geschickt zu ergreifen. Es ist nicht immer möglich und vom Erzieher abhängig, alles nach Maßgabe theoretischer Beobachtungen und Überlegungen nach und nach und stets rechtzeitig an den Zögling heranzubringen; oft greifen Verhältnisse ein, die aus der Familie selbst oder von außen hindernd auftreten. Auch ist manchmal der heranwachsenden Individualität sogar besser gedient, wenn dies und jenes durch unabweisbare äußere Verhältnisse dekretiert wird, denn dann wird — selbst unter solchen Umständen — das individuelle Rätsel nicht durch theoretische Erziehung zu lösen versucht, sondern alles das, was aus dunklen Untergründen der Vorzeit, aus früheren Lebensläufen stammt, wird in ein harmonisches Zusammenwirken mit den gegenwärtigen Verhältnissen geführt.

[ 31 ] Although there is a widespread call for individuality these days, it all remains mere rhetoric as long as one cannot address the specifics and their origins. If one fails to do so and, based on this empty rhetoric, attempts to judge and dictate that the child being educated must now do this or that, one will remain very theoretical. Sometimes, however, the educator will not be a match for the individual essence that he is meant to help bring into being. He need not be a match for the pupil, but he must be a match for the task of education. It is necessary to educate a person in such a way that they can step into life independently and become capable of skillfully handling everything. It is not always possible—and it depends on the educator—to gradually and consistently present everything to the pupil in a timely manner based on theoretical observations and considerations; often circumstances intervene that act as obstacles, whether arising from within the family itself or from outside. Moreover, the developing individual is sometimes even better served when this or that is dictated by unavoidable external circumstances, for then—even under such circumstances—the individual enigma is not attempted to be solved through theoretical education; rather, everything that originates from the dark depths of the past, from earlier life experiences, is brought into harmonious interaction with present circumstances.

[ 32 ] In der Geisteswissenschaft können wir das Geistige nicht nur zu unserer eigenen Befriedigung finden, es kann die Geisteswissenschaft auch die Führerin sein, um dem Geistigen, das sich in dem heranwachsenden Kinde enthüllen will, zum Dasein zu verhelfen, so daß es sich gut hineinfindet in das lebendige Zusammenwirken der Menschen. Damit können wir zu unserem bescheidenen Teil zu Erlösern der Menschen werden, das heißt ihres geistigen Wesenskernes, der hinter der äußeren Erscheinung steckt. So wird sich die Geisteswissenschaft mit dieser Auffassung immer tiefer in das menschliche Leben einführen, weil sie zur Durchdringung des Lebens mit praktischen Zielen kommt. Wir finden dieses bei Goethe, bei seiner Festigkeit im Stehen auf sicherer, innerer Lebensgrundlage, bei dem wir einen Geist wahrnehmen, der nie auf dem Errungenen stehenbleibt, sondern der sich auch bei uns in Zukunft fortwirkend und fortzeugend erweist, wenn wir sein Wort richtig auf uns wirken lassen:

[ 32 ] In spiritual science, we can not only discover the spiritual for our own fulfillment; spiritual science can also serve as a guide to help the spiritual—which seeks to reveal itself in the growing child—come into being, so that it may find its rightful place in the living interplay among human beings. In this way, we can, in our own modest way, become saviors of human beings—that is, of their spiritual core, which lies behind their outer appearance. With this understanding, spiritual science will penetrate ever more deeply into human life, because it seeks to permeate life with practical goals. We find this in Goethe, in his steadfastness in standing on a secure, inner foundation of life; in him we perceive a spirit that never rests on past achievements but continues to work and bear fruit within us in the future as well, if we allow his words to take their proper effect upon us:

Liegt dir Gestern klar und offen,
Wirkst du heute kräftig frei,
Kannst auch auf ein Morgen hoffen,
Das nicht minder glücklich sei.

If yesterday is clear and open to you,
You act with strength and freedom today,
You can also hope for a tomorrow
That will be no less happy.

[ 33 ] Und das können wir auch für uns selbst hoffen, aber auch für die Menschen, deren Geistesinhalt und Geistesheil uns als Erzieher anvertraut wurde.

[ 33 ] And we can hope for this not only for ourselves, but also for the people whose intellectual development and spiritual well-being have been entrusted to us as educators.