Knowledge and Immortality
GA 69b
23 February 1911, Basel
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Knowledge and Immortality, tr. SOL
7. Anlage, Begabung und Erziehung des Menschen im Lichte der Geisteswissenschaft
7. Human Disposition, Talent, and Upbringing in the Light of Spiritual Science
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Wenn Geisteswissenschaft sich in bezug auf allgemeine Menschheitsziele die Aufgabe setzt, einzudringen in die geistige Welt, die hinter unserer sinnlichen Welt liegt — der Welt, die wir mit den Sinnen wahrnehmen und mit dem Verstande, der an unser Gehirn gebunden ist, begreifen können —, dann sucht diese Geisteswissenschaft aus der geistigen Welt, in welcher der Menschen Ursprung selber liegt, Kraft und Zuversicht für das Leben der Menschen zu erhalten. Und dabei sucht sie durch die Erkenntnis dessen, was in den Urgründen der Dinge liegt, den einzelnen Menschen zu fördern.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! When spiritual science sets itself the task, with regard to the general goals of humanity, of penetrating the spiritual world that lies beyond our sensory world—the world we perceive with our senses and can comprehend with the intellect bound to our brain— then this spiritual science seeks to draw strength and confidence for human life from the spiritual world in which humanity’s very origin lies. And in doing so, it seeks to uplift the individual through an understanding of what lies at the very root of things.
[ 2 ] In noch ganz anderer Weise stehen wir der geistigen Welt gegenüber, wenn wir nicht im allgemeinen, nicht nur für unsere Erkenntnis, nach den Quellen des geistigen Lebens suchen, sondern wenn wir es gewissermaßen mit der Erlösung des Geistes zu tun haben, des realen Geistes hinter dem materiellen Dasein, und wenn es diesem realen Geiste gegenüber zur Aufgabe werden kann, ihm sozusagen zu helfen, daß er zum Durchbruch durch das Physisch-Materielle gelangen kann. In wie vielen Fällen stehen wir doch dem werdenden Menschen gegenüber — dem Menschen, den wir da sehen, wie er von früher Kindheit an den Geist sozusagen aus den verborgenen Tiefen seines Wesens herauszuarbeiten hat, den Geist, der immer mehr und mehr Besitz ergreift von den physischen Gliedmaßen und den geistig-seelischen Fähigkeiten, die an das äußere Instrument des Leibes gebunden sind. Wenn wir es als Erzieher zu tun haben mit diesem realen Geiste, der im Mysterium des Menschen selber ruht und der herausgeholt werden soll, haben wir es in einem noch höheren Sinn mit einem Suchen des Geistes zu tun als bei der bloßen Erkenntnis, die wir sozusagen als Befriedigung für die Sehnsucht unserer Seele suchen.
[ 2 ] We approach the spiritual world in an entirely different way when we do not merely seek the sources of spiritual life in general—not just for the sake of our own understanding—but when we are, so to speak, concerned with the redemption of the spirit, the real spirit behind material existence, and when our task in relation to this real spirit may be, so to speak, to help it achieve a breakthrough through the physical-material realm. How often do we find ourselves facing the human being in the making—the human being whom we see, from early childhood onward, having to work the spirit out, so to speak, from the hidden depths of his being, the spirit that takes more and more possession of the physical limbs and the spiritual-soul capacities bound to the body as an external instrument. When, as educators, we are dealing with this real spirit that rests within the mystery of the human being itself and that is to be brought forth, we are engaged in a search for the spirit in an even higher sense than in the mere knowledge we seek, so to speak, as a fulfillment of our soul’s longing.
[ 3 ] Nun ist heute der Geistesforscher in einer besonderen Lage, wenn er den werdenden Menschen betrachten will — diesen werdenden Menschen, der nach und nach Anlagen und Fähigkeiten zutage treten läßt und der fordert, daß wir uns ihm erzieherisch widmen. Der Geistesforscher ist dem werdenden Menschen gegenüber deshalb in einer besonderen Lage, weil er gegenüber diesem realen Leben des Geistes sogleich auf eine der großen Tatsachen der Geisteswissenschaft hinweisen muß, welche sich heute keineswegs der besonderen Gunst der gebildeten Welt erfreut. Diese Tatsache müßte dem aufmerksamen Lebensbeobachter entgegentreten, wenn er sieht, wie vom ersten Augenblick des menschlichen Daseins an das Geistige gleichsam in den tiefen Schichten der menschlichen Wesenheit ruht, wie es sich dann von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr so herausarbeitet, daß er dieses Herausarbeiten förmlich sehen muß in dem Immer-bestimmter-Werden der Physiognomie, der Gesten, der Bewegungen der einzelnen Glieder und der Fähigkeiten, die tiefer im Menschen schlummern. Da schauen wir hin auf das, was sich aus verborgenen Tiefen im werdenden Menschen an die Oberfläche arbeitet, und müssen uns fragen: Wo haben wir den Ursprung dieser Anlagen, dieser Fähigkeiten zu suchen, die sich da langsam herausarbeiten? — Und in bezug auf dieses Suchen ist der Mensch unserer heutigen Zeit keineswegs geneigt, an jene Tatsachen heranzutreten, auf welche die Geistesforschung hinweisen muß. Wir haben verschiedentlich hingewiesen auf diese Tatsache — heute soll sie nur herangezogen werden als Grundlage für unsere eigentliche Betrachtung. Auf einer höheren Stufe ist diese Tatsache eine Wiederholung einer anderen Tatsache, die in der Menschheitsentwicklung auch noch nicht sehr lange bekannt ist.
[ 3 ] Today, the spiritual researcher finds himself in a unique position when he seeks to observe the developing human being—this developing human being who gradually reveals his or her innate dispositions and abilities and who demands that we devote ourselves to his or her education. The spiritual researcher is therefore in a special position with regard to the developing human being because, in the face of this real life of the spirit, he must immediately point to one of the great facts of spiritual science, which today by no means enjoys the particular favor of the educated world. This fact should become apparent to the attentive observer of life when he sees how, from the very first moment of human existence, the spiritual lies, as it were, in the deep layers of the human being, and how it then unfolds day by day, week by week, year by year, in such a way that he must literally see this process of emergence in the increasingly defined features of the face, the gestures, the movements of the individual limbs, and the abilities that lie dormant deep within the human being. Here we look at what is working its way to the surface from hidden depths within the developing human being, and we must ask ourselves: Where are we to seek the origin of these predispositions, these abilities that are slowly emerging there? — And with regard to this search, people of our time are by no means inclined to approach those facts to which spiritual research must point. We have pointed out this fact on various occasions—today it is to be used merely as a foundation for our actual consideration. On a higher level, this fact is a repetition of another fact that has not been known for very long in the development of humanity.
[ 4 ] Schon öfters ist von mir darauf hingewiesen worden oh, das menschliche Gedächtnis ist im allgemeinen sehr kurz in dieser Beziehung —, daß im 17. Jahrhundert nicht nur Laien, sondern gelehrte Naturforscher davon überzeugt waren, daß Materie, Schlamm zum Beispiel, aus sich heraus Tiere entwickeln könne, Fische und dergleichen, ohne daß ein Lebenskeim in diesen Schlamm hineingelegt worden sei — aus sich selber heraus. Es war ein gewaltiger Umschwung für die Naturwissenschaft, als im 17. Jahrhundert — denken Sie, erst im 17. Jahrhundert! — der große Naturforscher Francesco Redi zuerst jenen Satz vertrat, der der naturwissenschaftlichen Erkenntnis neue, weltenweite Ausblicke eröffnete: Lebendiges kann nur von Lebendigem abstammen. — Wenn ihr glaubt, so sagte er, daß aus Flußschlamm Lebewesen entstehen können, so habt ihr nicht genau untersucht, sonst hättet ihr gefunden, daß im Keim die Quelle des Lebens liegt und daß dieser Keim nur die Materie an sich zieht, um in Erscheinung zu treten. — Es geht mit Wahrheiten oft so, wie es bei Francesco Redi ging. Er entging nur mit knapper Not dem Schicksal des Giordano Bruno, denn auch er wurde als Ketzer angesehen. Heute können wir von den radikalsten Haeckelianern bis zu den Gegnern Haeckels gehen: Innerhalb gewisser Grenzen wird der Satz «Lebendiges kann nur von Lebendigem abstammen» überall anerkannt. Er gilt als Selbstverständlichkeit. Das ist das Schicksal der großen Wahrheiten. Erst gelten sie als Ketzereien, dann, nach einiger Zeit, als Selbstverständlichkeiten. Die Menschen können dann nicht begreifen, wie man jemals etwas anderes glauben konnte.
[ 4 ] I have pointed this out many times before—oh, human memory is generally very short in this regard—that in the 17th century, not only laypeople but also learned naturalists were convinced that matter, such as mud, could spontaneously generate animals, fish, and the like, without any seed of life having been introduced into this mud—spontaneously. It was a tremendous turning point for the natural sciences when, in the 17th century—just think, as late as the 17th century!—the great naturalist Francesco Redi first put forward the principle that opened up new, global perspectives for scientific understanding: Life can only come from life. — “If you believe,” he said, “that living beings can arise from river mud, then you have not examined the matter closely; otherwise, you would have found that the source of life lies in the germ, and that this germ merely draws in matter in order to manifest itself.” — The fate of truths is often similar to that of Francesco Redi. He narrowly escaped the fate of Giordano Bruno, for he, too, was regarded as a heretic. Today, we can range from the most radical Haeckelians to Haeckel’s opponents: within certain limits, the principle “Life can only arise from life” is universally accepted. It is taken for granted. Such is the fate of great truths. At first they are regarded as heresies; then, after some time, as self-evident truths. People then cannot comprehend how anyone could ever have believed otherwise.
[ 5 ] Die Geisteswissenschaft hat heute die Aufgabe, diesen Satz auf einer höheren Stufe zu vertreten. Es ist nur ungenau beobachtet, wenn man sagt, das, was sich wie etwas Geheimnisvolles zum Dasein ringt im werdenden Menschen und sich immer bestimmter zum Ausdruck bringt in den Gesten und Gesichtszügen, das stamme bloß aus den vererbten Merkmalen von Vater und Mutter und so weiter. Das ist, wenn man wissenschaftlich vorgeht, geradeso wenig aus diesen vererbten Merkmalen zu erklären, wie das Entstehen des Regenwurms aus der Materie des Flußschlamms ohne einen Regenwurmkeim angenommen werden kann. Da zeigt die Geisteswissenschaft heute, daß für das menschliche Leben das, was da als Wesenskern des Menschen durch die Geburt ins Dasein tritt, zurückgeführt werden muß auf ein anderes, ein ganz seelisches Dasein, in dem sein geistig-seelischer Keim liegt. Und geradeso, wie der Regenwurmkeim äußere physische Substanz heranzieht, um sich zu vergrößern, so zieht auch beim Menschen dieser geistig-seelische Keim lediglich die Eigenschaften, die Kräfte der Eltern, der Vorfahren heran, um sich mit ihrer Hilfe auszubilden.
[ 5 ] The task of the humanities today is to advance this idea to a higher level. It is simply an inaccurate observation to say that what struggles to come into being as something mysterious within the developing human being—and finds ever more definite expression in gestures and facial features—stems merely from the inherited traits of the father and mother and so on. From a scientific standpoint, this cannot be explained by these inherited traits any more than the emergence of the earthworm from the matter of river silt can be assumed to occur without an earthworm germ. Here, spiritual science demonstrates today that, for human life, what enters into existence at birth as the essence of the human being must be traced back to another, entirely soul-based existence, in which its spiritual-soul seed lies. And just as the earthworm seed draws upon external physical substance to grow, so too does this spiritual-soul seed in the human being draw solely upon the qualities and powers of the parents and ancestors to develop with their help.
[ 6 ] Geistig-Seelisches müssen wir auf Geistig-Seelisches zurückführen. Wir müssen das im Menschen vorhandene Seelische ebenso auf einen seelischen Keim zurückführen wie in weiterer Ausbildung auch das Geistige auf einen geistigen Keim. Und indem wir dies annehmen, führt es uns zu der Tatsache der wiederholten Erdenleben, die heute so viele Menschen nicht nur ärgert, sondern die von vielen Menschen empfunden wird wie eine Träumerei oder Phantasterei, wie etwas ganz Abscheuliches. Die Anschauung von den wiederholten Erdenleben sagt uns, daß das Leben, das wir jetzt leben und in dem sich die Fähigkeiten und Eigenschaften entfalten, die Wiederholung von früheren Erdenleben ist und die Grundlage von späteren Leben. Die Lebensabschnitte, wo wir umhüllt sind mit dem fleischlichen Körper, werden vertauscht mit anderen Daseinsformen, um dasjenige, was wir im jetzigen Leben aufgenommen haben, was wir in der Schule des Lebens durchgemacht haben, hineinzutragen in das geistige Leben, um dann, nachdem dies geschehen ist, wieder einzutreten in ein neues physisches Dasein, in dem wieder ein Lebenskeim dasjenige aus der Substanz heranzieht, was er braucht an Eigenschaften und Fähigkeiten, um sich in einen Leib hineinzuleben.
[ 6 ] We must trace the spiritual-soul aspects back to spiritual-soul origins. We must trace the soul elements present in human beings back to a soul seed, just as—in further development—we must trace the spiritual elements back to a spiritual seed. And by accepting this, we are led to the fact of repeated earthly lives, which today not only irritates so many people but is also perceived by many as a daydream or fantasy, as something utterly abhorrent. The concept of repeated earthly lives tells us that the life we are living now—in which our abilities and characteristics unfold—is a repetition of earlier earthly lives and the foundation for later lives. The stages of life in which we are clothed in a physical body are alternated with other forms of existence so that what we have absorbed in this present life—what we have experienced in the school of life—may be carried over into spiritual life; and then, once this has been accomplished, re-enter a new physical existence, in which a life seed once again draws from the substance what it needs in terms of qualities and abilities to live itself into a body.
[ 7 ] Wir können also sagen: Wir blicken geisteswissenschaftlich, wenn wir den Menschen aus den geheimnisvollen Grundlagen seines Daseins heraustreten sehen, auf einen geistig-seelischen Wesenskern, der sich entfaltet gemäß seinem früheren Leben und der sich im jetzigen Dasein entwickelt, indem er selber heranzieht die vererbten Merkmale von Vater und Mutter und ihren Vorfahren. Das ist wieder eine solche Wahrheit, welche sich langsam einleben wird in die menschliche Bildung. Heute wird man ja Ketzer nicht mehr verbrennen, aber es wird doch gesagt, daß diejenigen, die so etwas behaupten, nichts von exakter Wissenschaft wüßten, während doch gerade die [Forschungen der Geisteswissenschaft] auf exaktester Wissenschaft beruhen. Man verketzert sie in der Weise, wie eben heute verketzert wird. Aber die Wahrheit von der Wiederverkörperung wird sich einleben, und sie wird allen urteilsfähigen Menschen nicht mehr verrückt, sondern selbstverständlich vorkommen.
[ 7 ] We can therefore say: We are taking a spiritual-scientific perspective when we see human beings emerging from the mysterious foundations of their existence toward a spiritual-soul core that unfolds in accordance with their past lives and develops in their present existence by drawing upon the inherited characteristics of their father, mother, and ancestors. This is yet another truth that will gradually take root in human education. Today, of course, heretics are no longer burned at the stake, but it is still said that those who assert such things know nothing of exact science, whereas it is precisely the [research of spiritual science] that is based on the most exact of sciences. They are condemned in the same way that people are condemned today. But the truth of reincarnation will take root, and to all people of sound judgment it will no longer seem crazy, but rather self-evident.
[ 8 ] So müssen wir von dem, was beim Kinde als werdende Fähigkeiten zutage tritt, zurückblicken auf das, was sich der Mensch in früheren Erdenleben erworben hat und in diesem Leben zum Ausdruck bringt. Wenn man die gegenwärtige Wissenschaft betrachtet, muß man sagen, eine gewisse Unklarheit herrscht überall, auf allen Gebieten. Die Wissenschaft glaubt, nur hinweisen zu müssen auf das, was von Vater und Mutter, von Großeltern und so weiter herstammt, vererbt ist, und ist froh, wenn sie zeigen kann, daß die Eigenschaften, die sich da oder dort ausleben, in dieser oder jener Weise beim Vater oder Großvater auch vorhanden gewesen sind.
[ 8 ] Thus, from what emerges in the child as nascent abilities, we must look back to what the human being has acquired in earlier earthly lives and is expressing in this life. When one considers contemporary science, one must say that a certain lack of clarity prevails everywhere, in all fields. Science believes it need only point to what originates from the father and mother, from grandparents, and so on—what has been inherited—and is satisfied when it can show that the characteristics manifesting themselves here or there were also present, in one way or another, in the father or grandfather.
[ 9 ] Schauen wir die ganzen Verhältnisse dessen an, was aus dem Zentrum des Menschen, herübergebracht aus früherem Dasein, sich herauskristallisiert; schauen wir das Verhältnis dieses Kerns zu den vererbten Merkmalen an. Wenn wir alles das betrachten, was der Mensch an Eigenschaften und Talenten ins Dasein bringt, so können wir zwei gesetzmäßig zusammenhängende Tatsachen erblicken in der menschlichen Seele. Die erste ist dasjenige, was in einem Menschen sowohl an seelischen Eigenschaften wie auch an Fähigkeiten auftritt — die Mehrheit der seelischen Eigenschaften und Fähigkeiten sind in gewisser Beziehung unabhängig voneinander, so daß also nicht die eine von der anderen abhängt. Das zeigt die einfache Tatsache, daß jemand sehr musikalisch sein kann und dabei nicht die geringste Anlage hat für Mathematik oder ein anderes Fach der Wissenschaft. Eine Fähigkeit kann glänzen in unserer Seele, ohne daß wir sagen können, daß damit auch andere Fähigkeiten vorhanden sind. In dieser Beziehung sind die einzelnen Fähigkeiten unabhängig voneinander. Dasselbe ist aber auch bezüglich der [seelischen] Eigenschaften der Fall. In einem Menschen kann ein gewisser Hochmut neben anderen recht sympathischen Eigenschaften der Seele vorhanden sein. Und wiederum ist der Hochmut nicht abhängig von den anderen Eigenschaften. Das ist das eine, wenn wir in das menschliche Seelenleben einen Blick tun wollen.
[ 9 ] Let us consider the overall relationships of what crystallizes from the center of the human being, brought over from a previous existence; let us consider the relationship of this core to inherited characteristics. When we consider all the qualities and talents that a person brings into life, we can discern two facts in the human soul that are lawfully interconnected. The first is what appears in a person in terms of both soul qualities and abilities—the majority of these qualities and abilities are, in a certain sense, independent of one another, so that one does not depend on the other. This is demonstrated by the simple fact that someone can be very musical yet have not the slightest aptitude for mathematics or any other branch of science. One ability can shine in our soul without us being able to say that other abilities are necessarily present as well. In this respect, the individual abilities are independent of one another. But the same is also true of [soul] qualities. A certain arrogance can coexist in a person alongside other quite likable qualities of the soul. And again, this arrogance is not dependent on the other qualities. This is one aspect to consider when we seek to gain insight into the life of the human soul.
[ 10 ] Die zweite Tatsache ist die, daß die Fähigkeiten und die Eigenschaften, die der Mensch in seiner Seele hat, durch ein gewisses Zentrum, das wir als die Ichheit bezeichnen, zusammengehalten werden und daß sie entweder in Harmonie oder in Disharmonie miteinander sind. Sie alle, die durch das Ich zusammenwirken, sind gewissermaßen unabhängig voneinander und wirken dadurch zusammen, daß der Mensch in sich einen besonderen Wesenskern hat. Wenn wir uns an diese zwei Tatsachen halten, können wir bei gesunder Lebensbeobachtung einen klaren Blick dafür bekommen, wie sich die Eigenschaften und Fähigkeiten von den Eltern und Voreltern auf die Kinder und Nachkommen vererben. Da zeigen sich die einzelnen Eigenschaften und Fähigkeiten wirklich fast wie ausgehend von den Voreltern auf die Nachkommen. Es zeigt sich uns auf der einen Seite, daß, wenn ein Knabe hochmütig ist, er diesen Hochmut von seiner Mutter geerbt hat; ein anderer ist musikalisch, dieselbe Anlage finden wir bei seinem Vater oder bei seiner Mutter. Die Art aber, wie er die Eigenschaften verarbeitet, wie er sie in Zusammenhang bringt, sehen wir deutlich vom seinem eigenen Wesenskern abhängen. Und je genauer, je exakter wir dieses menschliche Leben betrachten, desto mehr ergibt sich uns die Art dieser Abhängigkeit. Wir kommen da am besten zurecht, wenn wir sagen: Die einzelnen Eigenschaften — Hochmut, Demut, mitleidiges Herz und so weiter — erbt der Mensch von seinen Vorfahren, auch die Talente, aber die Art und Weise, wie er sie in seiner Seele zusammenfügt, die führt zurück in sein früheres Dasein, auf seinen geistig-seelischen Wesenskern mit alldem, was im früheren Dasein von seiner Seele errungen worden ist. Wir können dann noch viel genauer angeben, wie die Verhältnisse liegen, wenn wir dieses eigentümliche Arbeiten mit den vererbten Anlagen beobachten. Ich bemerke noch, indem ich von den Vererbungsgesetzen spreche, daß das Gesetze sind, die von der Geisteswissenschaft nicht in demselben Sinne zu erforschen sind wie die physikalischen und chemischen Gesetze. Daher bitte ich zu beachten, daß es kein Einwand ist, wenn gegen ein Gesetz der Geisteswissenschaft gesagt wird: Ja, wenn man ins Leben hineinsieht, zeigt sich, daß die Vererbung nicht in der Weise geschieht, wie hier gesagt worden ist. — Wir müssen aber die Gesetze nehmen, wie physikalische Gesetze genommen werden. Zum Beispiel lehrt die Physik, daß die Bahn, die ein geworfener Stein durchmißt, eine Parabel darstellt; der Stein fällt in einer Parabel. Aber der Widerstand der Luft bewirkt, daß die Bahn des geworfenen Steines keine genaue Parabel ist. Wenn nun jemand kommt und sagt, die Bahn des geworfenen Steines bilde keine Parabel, so ist das nicht richtig. Das physikalische Gesetz gilt doch, und wir haben nur die Möglichkeit, zu einer Erkenntnis der Flugbahn des Steines zu kommen, indem wir ein allgemeines Gesetz gelten lassen. Und wenn einer sagt: Ja, aber da fliegt der Stein nach der Seite, ein Windstoß hat ihn abgetrieben —, so besagt das Vorhandensein des Windes doch nichts gegen das physikalische Gesetz als solches. In diesem Sinne sind auch die Gesetze der Geisteswissenschaft zu nehmen; sie können durch die Verhältnisse modifiziert werden, gelten aber doch so, daß wir nur durch diese Gesetze, wenn wir sie kennen, die Vorgänge verstehen. Betrachten wir nun den Menschen in bezug auf seine Merkmale, indem wir die menschliche Seele selber sinngemäß in zwei Gebiete gliedern, die ja im menschlichen Leben deutlich voneinander unterschieden werden können. Wo Sie auch hinsehen im menschlichen Leben, werden Sie überall klar unterschieden finden ein Gebiet, das man bezeichnen kann als das Gebiet der Interessen, die der Mensch hat, worauf seine Aufmerksamkeit, seine Sympathie und Antipathie, seine Affekte, Triebe und Leidenschaften gerichtet sind; dieses Gebiet der Willens- und Affektnatur ist das eine Gebiet. Das andere ist das Gebiet, das man das Intellektuelle, das Verstandesmäßige, nennen kann, also die Art und Weise, wie der Mensch Vorstellungen bildet, ob er reich oder arm ist an Begriffen und Bildern, ob diese beweglich sind, ob der Mensch Sinnbilder bilden kann oder ob er phantasielos ist, ob er die intellektuellen Elemente hat für das eine oder andere Gebiet. Diese zwei Gebiete sollen zunächst beim werdenden Menschen unterschieden werden. Mit derselben Genauigkeit, mit der wir durch eine gesunde Lebensbeobachtung physikalische Gesetze gewinnen, können wir für diese zwei Gebiete Gesetze finden, die den Zusammenhang ergeben zwischen den Voreltern und den Nachkommen.
[ 10 ] The second fact is that the abilities and qualities a person possesses in his soul are held together by a certain center, which we call the “I,” and that they are either in harmony or in disharmony with one another. All of these, which interact through the “I,” are, in a sense, independent of one another and work together because a person possesses a distinct core of being within himself. If we keep these two facts in mind, we can, through careful observation of life, gain a clear understanding of how qualities and abilities are passed down from parents and ancestors to their children and descendants. There, the individual characteristics and abilities truly appear almost as if they were passing from the ancestors to the descendants. On the one hand, we see that if a boy is arrogant, he has inherited this arrogance from his mother; another is musical, and we find the same predisposition in his father or mother. However, the way in which he processes these traits, the way he brings them into harmony, we see clearly depends on the core of his own being. And the more closely, the more precisely we observe this human life, the more the nature of this dependence becomes apparent to us. We understand this best when we say: A person inherits individual traits—arrogance, humility, a compassionate heart, and so on—from their ancestors, as well as their talents; but the way in which they integrate these traits within their soul leads back to their previous existence, to the core of their spiritual and soul nature, along with everything that their soul has attained in that previous existence. We can then describe the situation much more precisely when we observe this unique interplay with inherited predispositions. I would also like to note, when speaking of the laws of heredity, that these are laws which spiritual science does not investigate in the same sense as physical and chemical laws. Therefore, I ask you to bear in mind that it is not a valid objection when someone says of a law of spiritual science: “Yes, but if one looks into life, it becomes apparent that heredity does not occur in the way described here.”—But we must treat these laws in the same way that physical laws are treated. For example, physics teaches that the path traced by a thrown stone is a parabola; the stone falls in a parabola. But air resistance causes the path of the thrown stone not to be an exact parabola. If someone then comes along and says that the path of the thrown stone does not form a parabola, that is not correct. The law of physics still applies, and we can only gain an understanding of the stone’s trajectory by accepting a general law. And if someone says, “Yes, but the stone veered off to the side—a gust of wind blew it away,” the presence of the wind does not contradict the law of physics as such. The laws of spiritual science must also be understood in this sense; they may be modified by circumstances, but they still hold true in such a way that we can understand the processes only through these laws, if we know them. Let us now consider the human being in terms of his characteristics by dividing the human soul itself, in a sense, into two realms, which can indeed be clearly distinguished from one another in human life. Wherever you look in human life, you will find, clearly distinguished everywhere, one realm that can be described as the realm of human interests—toward which a person’s attention, sympathy, and antipathy, as well as their emotions, drives, and passions, are directed; this realm of the volitional and emotional nature is the first realm. The other is the realm that can be called the intellectual, the rational—that is, the way in which a person forms concepts, whether they are rich or poor in concepts and images, whether these are flexible, whether the person can form symbols or is devoid of imagination, and whether they possess the intellectual elements for one realm or the other. These two realms must first be distinguished in the developing human being. With the same precision with which we derive physical laws through careful observation of life, we can discover laws for these two areas that reveal the connection between ancestors and descendants.
[ 11 ] Da sehen wir, daß alles, was das Gebiet der Interessen, der Affekte, der Sympathie und Antipathie, der Leidenschaften, also der triebhaften Richtung des Menschen angeht, immer nur auf die väterliche Vererbung zurückzuführen ist, dagegen dasjenige, was auf die Ausbildung der Elemente des Intellektes, des Verstandesmäßigen geht, auf die mütterliche Vererbung. Solche Gesetze ergeben sich einer treuen Lebensbeobachtung. Es ist natürlich nicht möglich, auf Hunderte von Fällen einzugehen, die leicht angeführt werden könnten von einer gesunden Lebensbeobachtung. Es kann nur darauf hingewiesen werden, daß überall das Leben bestätigt, daß wir das Intellekt- und Phantasiemäßige von mütterlicher Seite, und das temperamentvolle Element, das Interesse, ob wir lebendig oder lässig oder apathisch sind, mehr von der väterlichen Seite her kommt.
[ 11 ] Here we see that everything pertaining to the realm of interests, emotions, sympathy and antipathy, passions—that is, the instinctual aspects of human nature—can always be traced back to paternal inheritance, whereas that which pertains to the development of the elements of the intellect and reason is attributable to maternal inheritance. Such laws emerge from careful observation of life. It is, of course, not possible to go into the hundreds of cases that could easily be cited from a sound observation of life. One can only point out that life everywhere confirms that the intellectual and imaginative aspects come from the maternal side, while the temperamental element—that is, our level of interest, whether we are lively, nonchalant, or apathetic—comes more from the paternal side.
[ 12 ] Ich kann mich jetzt nicht auf allgemeine bestätigende Betrachtungen einlassen, sondern kann zunächst nur durch Beispiele das Gesagte erläutern. Man braucht nur hinzuweisen auf ein großes Beispiel, auf Goethe, der sich selber so schön charakterisiert hat in den Worten:
[ 12 ] I cannot go into general, confirmatory considerations at this time, but can only illustrate what has been said with examples for now. One need only point to a prominent example: Goethe, who so beautifully characterized himself in these words:
Vom Vater hab’ ich die Statur,
Des Lebens ernstes Führen,
Von Mütterchen die Frohnatur
Und Lust zu fabulieren.
From my father I got my build,
A serious approach to life,
From my dear mother, her cheerful nature
And a love of storytelling.
[ 13 ] Das können wir in Hunderten von Fällen finden, wenn wir die Weltgeschichte oder das Leben beobachten. Und weil eine treue Lebensbeobachtung uns diese Worte überall bestätigt, lassen sie uns das Leben so lichtvoll erscheinen.
[ 13 ] We can find this in hundreds of instances when we observe world history or life itself. And because careful observation of life confirms these words everywhere, they make life seem so full of light.
[ 14 ] Wir gehen aber noch viel zu abstrakt zu Werke, wenn wir das Leben nur im allgemeinen betrachten. Ich sagte, im allgemeinen sei es so, daß das intellektuelle Element auf die Vererbung von mütterlicher Seite zurückzuführen sei. So einfach ist es aber nicht, sondern die Eigenschaften machen, indem sie sich vererben, eine Verwandlung durch — sie metamorphosieren sich. Die Geisteswissenschaft wird heute noch nicht für voll genommen, sonst könnte man heute schon einsehen, wie sehr sie für die äußere Naturwissenschaft befruchtend werden kann. Wenn man beobachtet, wie eine Naturkraft in eine andere umgewandelt wird, zum Beispiel Wärme in Elektrizität, so ist das schon lehrreich genug, aber diese Art und Weise zu beobachten, wird durch die Geisteswissenschaft [auch auf andere Gebiete] übertragen, und sie wird sagen, daß man zum Beispiel auf dem Gebiete der Vererbungen nur dann zurande kommt, wenn man die Umwandlung der Eigenschaften ins Auge faßt.
[ 14 ] However, we are still approaching the subject far too abstractly when we consider life only in general terms. I said that, in general, the intellectual element can be traced back to maternal inheritance. But it is not that simple; rather, as traits are passed down, they undergo a transformation—they metamorphose. Spiritual science is not yet taken seriously today; otherwise, people would already be able to see how greatly it can enrich the external natural sciences. Observing how one natural force is transformed into another—for example, heat into electricity—is instructive enough in itself; but this method of observation is applied [to other fields as well] through spiritual science, which asserts that, for example, in the field of heredity, one can only make headway if one takes the transformation of characteristics into account.
[ 15 ] Und da zeigt sich, wie die mütterlichen und die väterlichen Eigenschaften Verbindungen eingehen, wenn sie sich auf die Kinder vererben. Wir sehen, wie die mütterlichen Eigenschaften, indem sie sich vererben, vorzugsweise auf die Söhne übergehen. Wenn wir die seelischen Eigenschaften bei der Mutter betrachten, können wir sagen: Diese seelischen Eigenschaften haben vorzugsweise die Tendenz, auf die Söhne überzugehen, aber sie haben die Tendenz, sich dabei zu verwandeln. — Was bei der Mutter [seelischer] Grundcharakter ist, das kann die Mutter vielleicht gar nicht zu besonderen Fähigkeiten ausbilden, weil ihr die Organe fehlen. Man braucht ja die entsprechenden Anlagen dazu. Während die Mutter im engsten Kreise bleiben muß mit ihren Seelenregungen, sehen wir, wie bei den Söhnen die Anlagen der Mutter gleichsam um eine Stufe mehr ins Physische hereinschießen, so daß dieselben Anlagen wieder auftreten im Sohn. Und der Sohn zeigt uns dann in seinen Fähigkeiten, durch welche er auf der Welt wirken kann, was in der Seele der Mutter veranlagt war. Die Mutter hat es als seelische Anlage; der Sohn hat es so, daß er es in die physischen Organe einfließen lassen kann, um es in die Welt hinauszutragen, um es der Welt in Form von Leistungen entgegenzubringen. Bis ins Physische hinein sehen wir bei den Söhnen die seelischen Eigenschaften der Mutter verwandelt.
[ 15 ] And this shows how maternal and paternal traits combine when they are passed down to the children. We see how maternal traits, as they are passed down, tend to be passed on primarily to the sons. When we consider the mother’s soul qualities, we can say: These soul qualities tend primarily to pass on to the sons, but they tend to transform in the process. — What constitutes the mother’s fundamental [soul] character may be something the mother is unable to develop into specific abilities because she lacks the necessary organs. After all, one needs the corresponding predispositions for this. While the mother must remain within the innermost circle with her soul stirrings, we see how, in the sons, the mother’s predispositions, as it were, step up a level and penetrate into the physical realm, so that the same predispositions reappear in the son. And the son then shows us, through the abilities with which he can act in the world, what was predisposed in the mother’s soul. The mother possesses it as a soul disposition; the son, however, is able to channel it into his physical organs in order to carry it out into the world and present it to the world in the form of achievements. We see the mother’s soul qualities transformed right down into the physical realm in her sons.
[ 16 ] Wir haben also den Satz: Die seelischen Eigenschaften der Mutter haben die Tendenz, in die physischen Organe der Söhne einzuziehen und uns wiederum in den an diese Organe gebundenen Kräften der Seele entgegenzutreten. Es bedarf nur eines gesunden Blickes ins Leben und in die allgemeine Menschheitsentwicklung, um das bekräftigt zu finden. Wir können wiederum auf Goethe hinblicken oder auch auf andere Persönlichkeiten, zum Beispiel auf Hebbel. Dieser eigenartige Naturdramatiker Hebbel, der sich nie hat verständigen können mit seinem Vater, hatte eine große dichterische Begabung; er zeigt uns diese Begabung so, daß er die einfache primitive Anlage dazu von seiner Mutter hatte, die nur eine einfache Maurersfrau war. An seinen Tagebuchaufzeichnungen kann man dies verfolgen. Und diese Begabung zeigt sich bei ihm so, daß die seelische Natur der Mutter in eine Organanlage sich umgewandelt hat, herabgestiegen ist in die physische Anlage des Sohnes, wo sie sich auf diese Art und Weise zeigt.
[ 16 ] We thus have the following statement: The mother’s psychological qualities tend to permeate her sons’ physical organs and, in turn, to manifest themselves in the powers of the soul associated with those organs. All it takes is a healthy look at life and the general development of humanity to find this confirmed. We can again look to Goethe or to other figures, such as Hebbel. This peculiar natural dramatist, Hebbel—who was never able to get along with his father—had a great poetic gift; he reveals this talent to us in such a way that he inherited the simple, primitive predisposition for it from his mother, who was merely a simple mason’s wife. This can be traced in his diary entries. And this talent manifests itself in him in such a way that his mother’s soul nature has been transformed into an organ predisposition, has descended into the son’s physical constitution, where it reveals itself in this manner.
[ 17 ] Das Merkwürdige aber ist, daß sich der treuen Lebensbeobachtung die umgekehrte Tendenz ergibt bei den väterlichen Eigenschaften, die sich mehr ins Physische eingelebt haben, die mehr in der ganzen Persönlichkeit, mit Einschluß der physischen Organanlagen, ruhen. Was der Vater an Eigenschaften hat, das hat die Tendenz, in der Tochter um eine Stufe aufzusteigen und in der Seele der Tochter zu erscheinen wie in Geistig-Seelisches umgesetzt. Dadurch erscheint etwas, was beim Vater nüchtern und pedantisch ist, liebenswürdig in der Seele der Tochter.
[ 17 ] What is remarkable, however, is that careful observation of life reveals the opposite tendency with regard to the father’s characteristics, which have become more deeply rooted in the physical realm and are more firmly anchored in the whole personality, including the physical constitution. Whatever qualities the father possesses tend to rise a level in the daughter and appear in her soul as transformed into spiritual-soul qualities. As a result, what is sober and pedantic in the father appears endearing in the daughter’s soul.
[ 18 ] Ich möchte kurz ein Beispiel anführen, wie sich bei Goethe dieses Verhältnis zeigte. Man kann darauf hinweisen, daß in der Tat die alte Frau Rat Goethe in ihrer Seele die Kunst des Fabulierens hatte; die ganze Beweglichkeit, die phantasiemäßige Begabung hatte sie, und wir sehen, wie in Freundeskreisen sich bei ihr diese gewisse Begabungsart auslebte. Wir sehen, wie beim Sohn diese Begabungsart im höchsten Maße in Organanlage umgesetzt war, so daß sie zu weltbewegenden Tatsachen führte. Auf der anderen Seite sehen wir den Vater, den alten Rat Goethe. Wer sich gleich mir weit über dreißig Jahre mit Goethe und allem, was dazu gehört, beschäftigt hat, wird nicht in oberflächlicher Weise mißverstanden werden, wenn er charakterisierend sagt, Goethe habe recht, wenn er schreibe: Vom Vater hab’ ich die Statur, des Lebens ernstes Führen. — Diese Charaktergrundlage übernimmt der Sohn ohne Verwandlung vom Vater.
[ 18 ] I would like to briefly give an example of how this relationship manifested itself in Goethe. One can point out that, in fact, the elderly Mrs. Rat possessed the art of storytelling in her soul; she possessed all the agility and imaginative talent, and we see how this particular kind of talent came to life in her among her circle of friends. We see how, in her son, this kind of talent was realized to the highest degree in his innate constitution, so that it led to world-changing events. On the other hand, we see the father, the elderly Rat Goethe. Anyone who, like me, has devoted well over thirty years to Goethe and all that pertains to him will not be superficially misunderstood if he characteristically says that Goethe is right when he writes: “From my father I have inherited my stature, the serious conduct of life.” — The son inherits this fundamental character trait from his father without alteration.
[ 19 ] Der alte Goethe ist ein durchaus nüchterner, wakkerer, ehrlicher, in gewissen Grenzen sogar mit Größe dastehender Mensch, aber ein Mensch, der, so möchte ich sagen, durch seine ganze Art und Weise, wie er als Persönlichkeit wirkt, im Leben nicht zurechtkommt, es zu nichts Rechtem bringen kann; er kommt zu keiner richtigen Stellung im Frankfurter Rat, er bleibt auf halbem Wege stehen. Bis in seine physischen Fähigkeiten wirkt seine Charakteranlage. Denken wir uns diese nun ins Seelische umgesetzt: Wie würde es uns im Seelischen entgegentreten — dieses Stehenbleiben auf halbem Wege, dieses Niemals-zu-Ende-Kommen? Es würde so in der Seele erscheinen können, daß diese auf einer Seite das Bedürfnis hat, sich an andere anzuschließen, aber doch sich nie dazu entschließen will und immer wieder vor einem Entschluß zurückweicht. Da haben wir als seelische Eigenschaften, was uns als verstandesmäßige Nüchternheit im Rat Goethe entgegentritt. Wir können aber auch die Nüchternheit ins Seelenhafte, in Sentimentalität umgestimmt vor uns haben. Man kann leicht finden, wo — in Seelisches umgesetzt — die äußeren Eigenschaften des alten Rats Goethe weiterleben: bei Goethes Schwester Cornelia, die allerdings früh gestorben ist. In ihr sehen wir die ganzen Seeleneigenschaften als Umwandlung der Eigenschaften des alten Rats Goethe. Und jetzt begreifen wir auch, warum Goethe, der die äußeren Eigenschaften vom Vater, aber das, worauf es bei ihm ankommt, worauf seine Größe beruht, von der Mutter erhalten hat, sich nicht recht mit seinem Vater vertragen konnte, wie die beiden sich abstießen. Bei der Schwester aber wirkten diese Eigenschaften — in Liebenswürdigkeit, in Leidenschaft, in leichte Eitelkeit umgesetzt — so, daß diese eine liebe Kameradin für ihn wurde, in der die [Eigenschaften des Vaters], ins Seelische umgewandelt, neben ihm standen. Die ganze Art und Weise, wie sich Goethes Leben im Elternhaus uns darstellt, zeigt, wie gerade die an tätige Organanlagen gebundenen Fähigkeiten hinübergehen vom Vater auf die Tochter.
[ 19 ] The elderly Goethe is a thoroughly sober, alert, honest man—one who, within certain limits, even possesses greatness—but a man who, I would say, because of his entire manner and the way he comes across as a personality, cannot find his way in life or accomplish anything of real substance; he fails to attain a proper position on the Frankfurt Council; he remains stuck halfway. His character traits even affect his physical abilities. Let us now imagine these traits translated into the realm of the soul: How would they manifest in our souls—this stopping halfway, this never reaching completion? It might appear in the soul as though, on the one hand, it has a need to join others, yet is never willing to make up its mind and repeatedly shrinks from making a decision. Here we have, as psychological traits, what confronts us in the Goethe Council as intellectual sobriety. But we can also see this sobriety transformed into a soulful quality, into sentimentality. It is easy to find where—translated into the realm of the soul—the outward characteristics of the old Councilor Goethe live on: in Goethe’s sister Cornelia, who, however, died young. In her we see all these soul qualities as a transformation of the characteristics of the old Councilor Goethe. And now we also understand why Goethe—who inherited his father’s outward traits but received from his mother what truly mattered to him, the foundation of his greatness—could not quite get along with his father, and how the two repelled one another. In his sister, however, these traits—transformed into kindness, passion, and a touch of vanity—had such an effect that she became a dear companion to him, in whom [his father’s traits], transformed into spiritual qualities, stood by his side. The entire way in which Goethe’s life in his parents’ home is presented to us shows how it is precisely the abilities linked to active physical faculties that are passed down from the father to the daughter.
[ 20 ] Man könnte auch darauf hinweisen, daß nicht nur der Vater, sondern die ganze väterliche Vorfahrenschaft in Betracht kommt, und ebenso auf der anderen Seite die mütterliche. Wir sehen, wie in Goethe die sonnige Phantasie und die mystische Charakteranlage der mütterlichen Vorfahren sich wiederholen — in höhere Anlagen umgesetzt. Und in der Natur seiner Schwester, die Goethe so hoch schätzte und von der er sich sagen mußte, ihr fehle im Grunde genommen Glaube, Hoffnung und Liebe, denn sie war eine problematische Natur, die auch früh dahinwelkte, sehen wir die väterliche Vorfahrenschaft. Aber da müssen wir diese Eigenschaften, die bei der Schwester wirkten, vom Physischen ins Seelische umgesetzt denken. Wir wissen ja, daß einer von Goethes Onkeln ein Taugenichts geworden ist. Er war ein solcher Mensch, daß man von ihm sagen muß, er hatte es nicht im Kopf und konnte es daher zu nichts bringen. Das ganze Dilettantische dieser Vorfahrenschaft, die nur in Goethes Vater zu einer gewissen Größe gekommen ist, sehen wir ins Seelische umgesetzt in der problematischen Natur von Goethes Schwester.
[ 20 ] One could also point out that it is not only the father but the entire paternal lineage that comes into play, and likewise, on the other side, the maternal lineage. We see how, in Goethe, the sunny imagination and the mystical disposition of his maternal ancestors are repeated—transformed into higher faculties. And in the nature of his sister, whom Goethe held in such high esteem and of whom he had to admit that she fundamentally lacked faith, hope, and love—for she was a troubled soul who also withered away at an early age—we see the influence of his paternal ancestors. But here we must conceive of these qualities, which were at work in his sister, as having been transformed from the physical to the spiritual realm. We know, after all, that one of Goethe’s uncles turned out to be a good-for-nothing. He was the sort of person of whom one must say that he lacked a sound mind and was therefore incapable of achieving anything. The entire dilettantish nature of this ancestral line—which attained a certain greatness only in Goethe’s father—we see transformed into the spiritual realm in the troubled nature of Goethe’s sister.
[ 21 ] Man könnte, wenn man wollte, überall in der Geschichte die Mütter finden, die das, was sie in der Seele haben, übertragen in die physischen Anlagen der Söhne. Deshalb werden so oft die Mütter dargestellt, damit wir die Söhne verstehen sollen. So wird uns auch im vierten Makkabäerbuch die Mutter der sieben getöteten Söhne dargestellt gerade in ihrer eigentümlichen Seelenverfassung, die sich bei den Söhnen als eine um eine Stufe heruntergestiegene, ins Physische getretene Anlage zeigt. Man muß bei Würdigung dieser Tatsache ebenso auf Gesetze zurückgehen, wie wenn man die dynamische Kraft eines Windstoßes erforschen will. Und da kann es sich oftmals zeigen, daß die Begabung eines Sohnes mit ihrer ganzen Intimität sich zurückführen läßt auf die Eigenart der Seelenkämpfe der Mutter. Vielleicht gibt es wenige so interessante Fälle wie das Verhältnis, das die Seele der Mutter von Conrad Ferdinand Meyer — durch ihre Charakteranlage, durch ihr trauriges Geschick — zu der ganzen Art und Weise der Dichtungsart ihres Sohnes hatte. Und wenn wir vor unser geistiges Auge stellen, wie sehr Conrad Ferdinand Meyer an die Persönlichkeit seiner Mutter gebunden war, sehen wir in der wunderbar vornehmen, so ganz unauffälligen Religiosität, in der zarten Art, dem Leben gegenüberzustehen, und in dem vollen Begreifen von tragischen Situationen das, was geblieben ist von der Seele der Mutter.
[ 21 ] If one wished, one could find mothers throughout history who pass on what they carry in their souls to the physical constitution of their sons. That is why mothers are so often portrayed—so that we may understand their sons. Similarly, in the Fourth Book of Maccabees, the mother of the seven slain sons is portrayed precisely in her unique state of mind, which manifests in her sons as a disposition that has descended a level and taken on a physical form. In assessing this fact, one must refer to laws just as one would when seeking to investigate the dynamic force of a gust of wind. And it often becomes apparent that a son’s gifts, in all their intimacy, can be traced back to the unique nature of his mother’s inner struggles. Perhaps there are few cases as interesting as the relationship that the soul of Conrad Ferdinand Meyer’s mother—through her character and her tragic fate—had to the entire style of her son’s poetry. And when we picture in our mind’s eye just how deeply Conrad Ferdinand Meyer was bound to his mother’s personality, we see in his wonderfully refined, yet entirely unobtrusive religiosity, in his tender way of facing life, and in his full comprehension of tragic situations, what remains of his mother’s soul.
[ 22 ] So könnte man Hunderte von großen Geistern der Geschichte und des Geisteslebens und von Menschen, die wir im gewöhnlichen Alltagsleben kennen, anführen und würde überall dieses Gesetz bestätigt finden. Man kann also sagen, es hat das, was man als Vater ist, die Tendenz, in der Seele der Tochter zu erscheinen, und das, was die Seele der Mutter ist, in der Organanlage der Söhne. Ein Licht verbreitet sich uns über zahlreiche Lebensverhältnisse, wenn wir dieses Gesetz überschauen; und manches wird uns verständlich über den Zusammenhang und die Beweggründe verschiedener Menschen.
[ 22 ] One could cite hundreds of great minds from history and intellectual life, as well as people we know in our ordinary daily lives, and would find this law confirmed everywhere. One can therefore say that what constitutes the father tends to manifest in the daughter’s soul, and what constitutes the mother’s soul tends to manifest in the sons’ physical constitution. A light is shed on numerous aspects of life when we survey this law; and much becomes understandable to us regarding the connections and motivations of various people.
[ 23 ] Was sagt uns nun die Geistesforschung über die Vererbung? Sie sagt uns, es wäre ein Irrtum, wenn wir bloß vererbte Eigenschaften im Menschen suchen müßten. Wir müssen vielmehr zurückgehen neben allen vererbten Eigenschaften auf den zentralen, geistig-seelischen Wesenskern des Menschen, der aus früheren Leben herüberkommt und das, was er vorfindet an Eigenschaften, sich an- und eingliedert, so wie sich der Regenwurmkeim die äußere Substanz eingliedert, diese Substanz in sich aufnimmt und sich gemäß seiner eigenen Wesenheit vergrößert. So sehen wir im menschlichen Wesenskern dasjenige, was wie mit magnetischen Kräften hereingezogen wird in eine solche Familie, wo im Vater und in den sonstigen Vorfahren die Eigenschaften sind, die für diesen seelischen Wesenskern geeignet sind, so daß die Seele durch das entsprechende Zusammenmischen dieser Eigenschaften und durch deren Umwandlung das zum Ausdruck bringen kann, was ihre eigene innere Wesenheit ist. Es fühlt sich eine Seele, welche sich in früheren Leben die Fähigkeit angeeignet hat, sagen wir zum Beispiel, etwas Dichterisches zu leisten, wozu sie die Gabe des Phantasierens braucht, zu einer solchen Mutter hingezogen, die die Gabe des Fabulierens hat — die Gabe, in Bildern zu denken und in leichter Beweglichkeit der Seele diese Bilder zu verwandeln. Aber bei der Vererbung dieser Fähigkeit von der Mutter auf den Sohn besteht die Neigung, diese Eigenschaften bis in das Körperliche hinunterzutragen, und der geistig-seelische Wesenskern muß dasjenige mischen, was er so vorfindet an Seelenanlagen. Die Charakteranlagen des Vaters, die werden hinaufgetragen ins Seelische, in die Seelen der Töchter, da werden sie umgewandelt, aber wenn sie unmittelbar bei den Söhnen erscheinen, da werden sie nicht verwandelt.
[ 23 ] What, then, does spiritual research tell us about heredity? It tells us that it would be a mistake to look solely for inherited traits in human beings. Rather, in addition to all inherited characteristics, we must go back to the central, spiritual-soul core of the human being, which comes over from previous lives and incorporates the characteristics it encounters, just as the earthworm embryo incorporates the external substance, absorbs this substance into itself, and grows according to its own nature. Thus, we see in the human core of being that which is drawn—as if by magnetic forces—into a family where the father and other ancestors possess the qualities suited to this soul core, so that the soul, through the appropriate blending of these qualities and their transformation, can express what its own inner essence is. A soul that has acquired in previous lives the ability—let us say, for example, to achieve something poetic, for which it needs the gift of imagination—feels drawn to a mother who possesses the gift of storytelling—the gift of thinking in images and transforming these images with a light agility of the soul. But when this ability is inherited from mother to son, there is a tendency to carry these qualities down into the physical realm, and the spiritual-soul core must blend what it finds there with the soul’s predispositions. The father’s character traits, however, are carried up into the soul—into the souls of his daughters—where they are transformed; but when they appear directly in his sons, they remain unchanged.
[ 24 ] Wir müssen eben auf kompliziertere Verhältnisse blikken, wenn wir den Zusammenhang erklären wollen, wie der eigentliche menschliche Wesenskern sich angezogen fühlt von Eigenschaften gewisser Personen, die dann seine Eltern werden, und wie dieser Wesenskern die Eigenschaften dann so vermischt und in Harmonie bringt, daß er in ihnen seine eigene Wesenheit ausleben kann. Die Geisteswissenschaft sieht allerdings nicht nur das, was zusammengemischt und verwandelt ist aus den Eigenschaften und Anlagen der Vorfahren, sondern sie lenkt auch den Blick auf den geistigen Wesenskern, den wir ins Dasein treten sehen und zurückführen müssen auf frühere Daseinsformen, in denen er sich das angeeignet hat, was ihn dazu befähigt, jene Eigenschaften und Anlagen zu mischen, die er in der Vererbungslinie empfangen kann.
[ 24 ] We must simply look at more complex circumstances if we are to explain the connection between how the true core of the human being is drawn to the qualities of certain individuals who then become its parents, and how this core then blends those qualities and brings them into harmony so that it can live out its own essence within them. Spiritual science, however, does not merely observe what has been blended and transformed from the qualities and predispositions of the ancestors; it also directs our gaze toward the spiritual core of being, which we see entering into existence and which we must trace back to earlier forms of existence in which it acquired what enables it to blend those qualities and predispositions that it can receive through the line of inheritance.
[ 25 ] Nun könnte man sagen, Geisteswissenschaft sei ungeheuer leicht zu widerlegen; man braucht nur die alltäglichsten, trivialsten Begriffe aufzubringen und kann sie ungeheuer leicht widerlegen. Ich habe selbst in einem Nachwort zu der kleinen Schrift «Theosophie und Christentum» darauf hingewiesen, wie leicht man gewisse Darstellungen der Theosophie widerlegen kann, wenn man durchaus von den Vorurteilen der Gegenwart ausgehen will. Man könnte die dort angegebenen Beispiele von leichter Widerlegbarkeit noch vermehren. Die Theosophie muß gegenüber dem, was als Vererbungsmerkmale angesehen wird, hinweisen auf die menschliche Individualität. Sie muß sagen: Der gesunde menschliche Sinn hat an jeder einzelnen menschlichen Individualität, an jedem geistig-seelischen Wesenskern des Menschen dasselbe Interesse, das er beim Tier an der Gattung, an einer Tiergattung hat. — Wir bringen jedem einzelnen Menschen dasselbe Interesse entgegen wie zum Beispiel der Löwengattung. Wir interessieren uns mit demselben Interesse für die menschliche Individualität wie für eine Tiergattung. Man braucht diesen Satz nur mißzuverstehen, oder, wenn er geschrieben ist, ihn nicht ordentlich zu lesen, um ihn ungeheuer leicht zu widerlegen.
[ 25 ] Now, one might say that spiritual science is incredibly easy to refute; one need only bring up the most commonplace, trivial concepts to refute it with remarkable ease. I myself pointed out in an afterword to the short treatise *Theosophy and Christianity* how easily certain representations of theosophy can be refuted if one insists on proceeding from the prejudices of the present day. One could add even more examples of such easy refutability to those given there. Theosophy must point to human individuality in contrast to what is regarded as hereditary traits. It must say: Sound human reason takes the same interest in every single human individuality—in every spiritual and soul core of a human being—as it does in the species, in an animal species. — We show the same interest in every single human being as we do, for example, in the lion species. We take the same interest in human individuality as we do in an animal species. One need only misunderstand this statement—or, if it is written down, fail to read it carefully—to refute it with remarkable ease.
[ 26 ] Da kann einer kommen und sagen: Aber was behaupten denn diese Geistesforscher? Sie scheinen nicht zu wissen, daß man ebenso gut die Biographie eines Hundes, einer Katze mit all ihren individuellen Eigenschaften schreiben kann wie bei einem Menschen; man kann auch da alle Unterschiede der einzelnen Tiere aufzählen. — Es ist ungeheuer leicht, solch eine Sache anzuführen gegen die Geisteswissenschaft. Von dieser Geisteswissenschaft ist aber nie behauptet worden, daß man das nicht könne. Ich selbst war in einer Schulklasse, wo sich ein Lehrer bemüht hat, die Biographie einer Stahlfeder zu schreiben. Man kann alles übertragen. Aber eines kann behauptet werden, daß das Interesse, das wir einer einzelnen Katze und so weiter entgegenbringen, nicht dasselbe Interesse ist wie jenes, das wir einem Mitmenschen entgegenbringen. Das Interesse, das wir einem einzelnen Individuum einer Tiergattung entgegenbringen, kann sogar ein gröBeres sein als jenes, das wir für einen einzelnen Menschen haben. Es ist aber ein anderes Interesse, nicht das gleiche; es entspringt aus anderen seelischen Wurzeln. Die Geisteswissenschaft verlangt, daß die Begriffe scharf gefaßt werden. Wenn jemand das nicht tut, dann kann er jene Widerlegungen vorbringen, die auf der Straße zu finden sind. Wir haben es beim Menschen mit einem geistig-seelischen Wesenskern zu tun, und die Geisteswissenschaft verfolgt diesen nicht bloß bis zu den Eltern und Voreltern, sondern sie sagt: Er zieht die Eigenschaften dieser Eltern an sich heran, so wie der Regenwurmkeim den Stoff heranzieht, den er zu seinem Wachstum nötig hat. Nun kann man von der Geisteswissenschaft verlangen: Gibt es etwas, was beweist, und zwar aus dem menschlichen Lebenslauf heraus, daß tatsächlich ein solcher geistig-seelischer Wesenskern vorhanden ist? Aus der Beobachtung des einzelnen Menschenlebens wird es schwer sein, zu unterscheiden zwischen dem, was Hüllennatur ist, und dem, was Wesenskern ist. Dem einzelnen Menschen gegenüber nehmen wir den Standpunkt ein, daß das Zusammenwirken der Hüllen und des Wesenskerns sich nach und nach entfaltet. Beim einzelnen Menschen können wir dies nicht leicht unterscheiden, aber wenn wir den Blick auf eine größere, breitere Basis, auf den Menschen im allgemeinen richten, so zeigt sich uns das Eigentümliche, daß die Menschen in bezug auf ihre Entwicklung sehr verschieden voneinander sind. Nehmen wir an, diese Angabe der Geisteswissenschaft ist richtig. Dann lebt zum Beispiel in einem Menschen ein Wesenskern, der auf ein Leben zurückgeht, in dem dieser Mensch sich eine starke Individualität angeeignet hat. Ein solcher Wesenskern wird viel Mühe haben, die Widerstände zu überwinden, die sich ihm in den vererbten Merkmalen entgegenstellen. Er wird viel Mühe haben, um diese Merkmale so plastisch auszubilden, daß sie seinen geistigen Fähigkeiten entsprechen. Ein starker Wesenskern braucht lange, bis er die Fähigkeiten, die von der Vererbung sind, sich eingliedern und plastisch ausgestalten kann. Dagegen wird ein geistiger Wesenskern, der noch wenig eigene Fähigkeiten erworben hat, sich leicht einfügen in die Merkmale der Vererbung.
[ 26 ] Someone might come along and say: But what exactly are these spiritual researchers claiming? They don’t seem to realize that one can just as easily write the biography of a dog or a cat—with all their individual characteristics—as one can of a human being; one can list all the differences between individual animals in that case as well. — It is incredibly easy to cite such an argument against spiritual science. But spiritual science has never claimed that this cannot be done. I myself was in a school class where a teacher tried to write the biography of a steel pen nib. Everything can be transposed. But one thing can be said: the interest we show in a single cat and so on is not the same interest as that which we show toward a fellow human being. The interest we show in a single individual of an animal species can even be greater than that which we have for a single human being. But it is a different kind of interest, not the same; it springs from different spiritual roots. Spiritual science demands that concepts be defined precisely. If one fails to do so, then one is open to the kinds of objections that can be heard on the street. In the case of human beings, we are dealing with a spiritual-soul core, and spiritual science traces this not merely back to parents and ancestors, but states: It draws the qualities of these parents to itself, just as an earthworm embryo draws in the substance it needs for its growth. Now one might ask spiritual science: Is there anything—drawn specifically from the course of human life—that proves such a spiritual-soul core actually exists? Based on the observation of an individual human life, it will be difficult to distinguish between what constitutes the outer shells and what constitutes the core of the being. With regard to the individual human being, we take the position that the interplay between the sheaths and the core of the being unfolds gradually. We cannot easily distinguish this in the individual, but when we turn our gaze to a larger, broader perspective—to humanity in general—we see the distinctive fact that human beings differ greatly from one another in terms of their development. Let us assume that this statement from spiritual science is correct. Then, for example, a human being may have an essential core that dates back to a previous life in which that person acquired a strong sense of individuality. Such an essential core will have great difficulty overcoming the resistance posed by inherited traits. It will have great difficulty shaping these traits in such a way that they correspond to its spiritual capacities. It takes a strong core of the being a long time to integrate the abilities derived from heredity and shape them in a flexible manner. In contrast, a spiritual core of the being that has acquired few abilities of its own will easily adapt to the characteristics inherited from its ancestors.
[ 27 ] Das drückt sich so aus, daß die Menschen, die kräftigere Individualitäten sind, die einen starken inneren Wesenskern haben, die mit einem reichen Inhalt aus einem früheren Leben herüberkommen, nur langsam in der Lage sind, den aus der Vererbung kommenden Widerstand zu überwinden. Und da erinnern wir uns an die Tatsache, daß gerade große Geister keine sogenannten Wunderkinder sind, sondern daß sie von den Lehrern oft für das Umgekehrte gehalten werden. Erinnern wir uns nur an Alexander von Humboldt, der in seiner Jugend für dumm galt. Sein Wesenskern brauchte eben lange, um die in ihm ruhenden Fähigkeiten herauszubringen. In ihm war ein reicher Wesenskern herübergekommen, und der hatte lange zu tun, bis er die Merkmale der Vererbung, seinem Seeleninhalte entsprechend, umgearbeitet hatte. Durch diesen Seeleninhalt, der lange an den Merkmalen der Vererbung gearbeitet hat, kommt aber auch etwas zustande, was Großes in der Menschheit bewirken kann. Sehen wir dagegen Seelen, die sozusagen wenig mitbringen aus früheren Leben — sie werden sich rasch hineinfinden in die neuen Hüllen und werden die Merkmale der Vererbung leicht herausbilden. Das sind die Wunderkinder, die in den ersten Jahren des Lebens die Talentvollsten zu sein scheinen, dann aber sehr bald aufhören, es zu sein.
[ 27 ] This means that people who are stronger individuals—those with a robust inner core, who carry over a wealth of experience from a previous life—are only slowly able to overcome the resistance stemming from heredity. And here we recall the fact that great minds, in particular, are not so-called child prodigies, but are often mistaken by teachers for the opposite. Let us just recall Alexander von Humboldt, who was considered stupid in his youth. It simply took a long time for the core of his being to bring forth the abilities that lay dormant within him. A rich core of being had come over into him, and it took a long time for him to reshape the traits of heredity in accordance with the content of his soul. Through this soul content, which worked for a long time on the traits of heredity, something comes into being that can bring about great things in humanity. In contrast, when we look at souls who, so to speak, bring little with them from previous lives—they will quickly find their way into their new physical forms and will easily develop the characteristics of heredity. These are the child prodigies who seem to be the most talented in the first years of life, but then very soon cease to be so.
[ 28 ] Nehmen wir an, der geistige Wesenskern muß sich durcharbeiten durch das, was ihm von außen geboten wird. Es gehört nur eine klare, richtige Lebensbeobachtung dazu zu erkennen, daß gerade die körperlichen Merkmale auf Vererbung beruhen. An den Fingerformen können wir die Form der Vererbung konstatieren. Dagegen das, was als Keim in der Seele sitzt, wird umso weniger zu erklären sein durch äußerliches Überwinden der vererbten Merkmale, je mehr die Eigenschaften, die in Betracht kommen, im Innern der Seele ihren Sitz haben. Daher kommt es, daß das, was zum Subjektiven der Seele gehört, die Talente für Musik, Mathematik und so weiter, in den frühesten Jahren auftritt, wie die zahlreichen Fälle von Wunderkindern beweisen. Dagegen werden die Talente, zu deren Entfaltung mehr Vererbtes zu überwinden ist, später auftreten. Kurz, alles, was uns bei richtiger Lebensbeobachtung entgegentritt, beweist, daß sich beim Menschen ein Wesenskern herausarbeitet aus alldem, was uns als die vererbten Merkmale einhüllen will. Wir können geradezu, wenn wir die Menschen genau beobachten, sehen, wie die größten Individualitäten ganz langsam den Widerstand der äußeren menschlichen Willensnatur überwinden. Auf diese Tatsachen wollen wir heute nicht näher den Blick richten, aber unter den größten Individualitäten kann man das sehen.
[ 28 ] Let us assume that the spiritual core of a being must work its way through what is presented to it from the outside. All it takes is a clear, accurate observation of life to recognize that it is precisely the physical characteristics that are based on heredity. We can ascertain the form of heredity from the shapes of the fingers. In contrast, the more the qualities in question are rooted within the soul, the less what lies as a seed within the soul can be explained by the external overcoming of inherited characteristics. This is why what belongs to the subjective realm of the soul—talents for music, mathematics, and so on—manifests in the earliest years, as the numerous cases of child prodigies demonstrate. In contrast, talents whose development requires overcoming more inherited traits will emerge later. In short, everything we encounter through careful observation of life proves that in human beings, a core essence emerges from all that seeks to envelop us as inherited characteristics. In fact, when we observe people closely, we can see how the greatest individualities very slowly overcome the resistance of the outer human nature of the will. We will not examine these facts in greater detail today, but one can see this among the greatest individualities.
[ 29 ] Ich will nur noch einmal an Goethe erinnern. Bei ihm können wir sehen, wenn wir ihn wirklich verstehen in seiner Größe, wie er als alter Goethe vor uns steht auf der vollen Lebenshöhe, auf der Höhe von Kunst und Weisheit; wir können sehen, daß er sein ganzes Leben hindurch gebraucht hat, um die Individualität gegen die widerstrebenden Hüllen herauszuarbeiten. Und nur der Kurzsichtige könnte [über Goethes späte Werke] sagen: Goethe ist alt geworden. — Wir können heute bei der Beurteilung großer Persönlichkeiten die Tendenz verfolgen, sie in bezug auf ihre Jugend aufzubauschen und in bezug auf das Alter herunterzudrücken. Wir können sogar sagen hören, die Werke des Alters seien alte, matte Sachen, die der Jugend seien frisch. Es wird heute ein Buch in den Handel gebracht, in dem die wahren Dichter, die wahren Individualitäten aus ihren Jugendwerken heraus den Lesern vorgeführt werden.
[ 29 ] I would just like to mention Goethe once more. In him, if we truly understand him in all his greatness, we can see how, as the elderly Goethe, he stands before us at the very height of life, at the height of art and wisdom; we can see that he spent his entire life carving out his individuality against the resistant shells that confined him. And only the short-sighted could say [of Goethe’s late works]: Goethe has grown old. — Today, when judging great personalities, we can observe a tendency to exaggerate their youth and downplay their old age. We can even hear people say that the works of old age are stale, lackluster things, while those of youth are fresh. A book is being published today in which the true poets, the true individuals, are presented to readers through their early works.
[ 30 ] Man bedenkt dabei nicht so recht, daß man vielleicht nur durch seine eigene Eigentümlichkeit fähig ist, die Jugend besser zu verstehen. Man täte besser, wenn man mitginge mit der betreffenden Individualität und nicht voraussetzte, daß die Individualität im Alter dümmer geworden ist. Das ist bei Goethe schon zu seinen Lebzeiten geschehen. Da haben die Leute den ersten Teil seines «Faust» gelesen und gesagt: Da ist sprudelnde Jugendkraft darinnen; was Goethe aber im Alter geschrieben hat, das ist so, daß man eben Nachsicht haben muß mit dem Alternden. — Wer aber aus diesem Verständnis heraus das betrachtet, was Goethe darstellt, der wird sagen: Da, im ersten Teil des «Faust», ist noch nicht die volle Individualität Goethes herausgekommen; wir sehen, wie er sich da noch durcharbeitet, und wir sehen, wie diese starke Individualität, die sich ihr ganzes Leben lang selber erzieht, sich hindurcharbeitet durch den Widerstand ihrer Hüllen. Daher sagt Goethe von den Kritikern seines «Faust»:
[ 30 ] People don’t really stop to consider that it may be precisely because of one’s own peculiarities that one is better able to understand youth. One would do better to go along with the individuality in question rather than assume that it has become more foolish with age. This already happened to Goethe during his own lifetime. People read the first part of his *Faust* and said: There is a bubbling youthful energy in it; but what Goethe wrote in his old age is such that one simply has to be indulgent toward the aging man. — But anyone who, based on this understanding, considers what Goethe portrays will say: There, in the first part of *Faust*, Goethe’s full individuality has not yet emerged; we see how he is still working his way through it, and we see how this strong individuality—which has been shaping itself throughout his entire life—is fighting its way through the resistance of its outer layers. That is why Goethe says of the critics of his *Faust*:
Da loben sie den Faust,
Und was noch sunsten
In meinen Schriften braust,
Zu ihren Gunsten;
Das alte Mick und Mack,
Das freut sie sehr;
Es meint das Lumpenpack,
Man wär’s nicht mehr!
There they praise Faust,
And whatever else
Rages in my writings,
In their favor;
The old Mick and Mack,
That pleases them greatly;
It means that the rabble,
Wish it weren’t so anymore!
[ 31 ] Wer die Entwicklung der menschlichen Natur kennt, der weiß, daß die Individualität, je stärker sie ist, desto länger braucht, um sich durchzuarbeiten.
[ 31 ] Anyone familiar with the development of human nature knows that the stronger an individual’s personality is, the longer it takes to fully develop.
[ 32 ] Da sehen wir schon einen Unterschied zwischen dem, was innerster Wesenskern ist, dessen Ursprung wir ganz woanders zu suchen haben, und dem, was äußere Hülle ist und sich diesem Wesenskerne angliedert. Diesen Unterschied sehen wir besonders dann, wenn wir den Zusammenhang betrachten zwischen Eltern und Kind. Der Mensch ist das ganze Leben hindurch in einer Art Entwicklung begriffen. Diese Entwicklung ist eine aufsteigende und eine absteigende. Zu ersterer rechnet man die Zeit bis zum dreißigsten, vierzigsten, fünfzigsten Jahr, wo der Wesenskern von innen heraus arbeitet, so daß das, was er durchmacht an Schmerz und Leid, Lebenserfahrung wird und sich ausdrückt in der Leiblichkeit, in Mienen und Gesten. Da sehen wir in diesen Lebensaltern immer den inneren Wesenskern an den äußeren Hüllen arbeiten und sie schließlich plastisch ausgestalten, so daß wir davon sprechen können, daß der Mensch bei aufsteigender Linie seinem inneren Wesenskern immer ähnlicher und ähnlicher wird. Betrachten wir den Menschen im vierzigsten Jahr, betrachten wir seine Physiognomie, an der er vierzig Jahre gearbeitet hat, so können wir sagen: Hier ist das Äußere dem Innern ähnlicher als im zwanzigsten Jahr, wo das noch drinnensteckte, noch bloße Fähigkeit war und wo das herausstrebte von innen nach außen. So ist der Mensch im physischen Leibe seiner eigenen Wesenheit nach im späteren Leben sich selbst ähnlicher als im früheren Leben im vierzigsten Jahr ist er sich also selbst ähnlicher als im zwanzigsten Jahr. Das erklärt eine wichtige Tatsache des Lebens, die wiederum wichtig erscheint für manches in den äußeren Tatsachen. Welches ist diese Tatsache, und warum besteht ein solcher Unterschied [zwischen den verschiedenen Lebensaltern]?
[ 32 ] Here we can already see a difference between what constitutes the innermost core of being—whose origin we must seek elsewhere entirely—and what constitutes the outer shell, which is attached to this core. We see this difference particularly clearly when we consider the relationship between parents and children. Throughout their entire life, human beings are engaged in a process of development. This development consists of an ascending and a descending phase. The former encompasses the period up to the thirtieth, fortieth, and fiftieth years, during which the core of being works from within, so that the pain and suffering it endures become life experience and find expression in the physical body, in facial expressions, and in gestures. At these stages of life, we always see the inner core of the being working on the outer shells and ultimately shaping them plastically, so that we can say that, as the ascending phase progresses, the human being becomes more and more like his or her inner core. If we consider a person in their fortieth year and observe their physiognomy—which they have been shaping for forty years—we can say: Here, the outer form resembles the inner being more closely than in their twentieth year, when that inner essence was still contained within, was still merely a potential, and was striving to emerge from the inside out. Thus, in terms of their own being, human beings in their physical bodies are more like themselves in later life than in earlier life; at the age of forty, they are therefore more like themselves than at the age of twenty. This explains an important fact of life, which in turn seems significant for many aspects of external reality. What is this fact, and why does such a difference exist [between the various stages of life]?
[ 33 ] Für den Lebensbeobachter ergibt sich ein Unterschied zwischen Kindern jüngerer Elternpaare und jenen aus späterer Zeit der Ehe geborenen. Nur wer kein Lebensbeobachter ist, merkt diesen Unterschied nicht. Der Wesenskern eines Kindes, der in ein junges Elternpaar eingezogen ist, wird wenig Widerstand in seinen Hüllen finden, weil die Eltern noch wenig in ihr Physisches hineingearbeitet haben. Da wird die Individualität noch mehr in ihre Hüllen hineinarbeiten können; sie findet in ihnen noch nicht eine solche plastische Ausgestaltung der Eigenschaften, die sich in der Vererbungslinie fortpflanzen. Daher können wir sagen, daß die Kinder, die von noch jungen Eltern gezeugt sind, aus der eigenen Individualität heraus den ganzen Menschen besser gestalten können. Die Kinder, die mehr in einer späteren Zeit der Ehe geboren sind, sind jene, deren eigener Wesenskern schwächer ist, und daher angezogen werden von ganz bestimmten Merkmalen, die Vater oder Mutter eingeprägt haben. Daher sehen wir, daß die Kinder, die später geboren werden, im allgemeinen mehr von Vater und Mutter an sich tragen als die früher Geborenen, denn da haben sich im Körper der Eltern die Eigenschaften schon ausgeprägt, die in die Vererbung hineingehen. Da sehen wir, wie die Arbeit der Eltern an sich selbst sich in verschiedener Weise an den Kindern zeigt. Starke Individualitäten, die den Eltern weniger ähnlich sind, sind die aus der Morgenröte einer jugendlichen Ehe stammenden Kinder. Weniger starke Individualitäten, die den Eltern ähnlicher sind, sind jene, die den älteren Ehepaaren geboren werden.
[ 33 ] To the observer of life, there is a difference between children of younger parents and those born later in the marriage. Only those who are not observers of life fail to notice this difference. The core essence of a child who has entered the lives of a young couple will encounter little resistance within its outer layers, because the parents have not yet fully integrated their physical selves. There, the individuality will be able to shape its outer layers even more; it does not yet find in them such a malleable formation of the characteristics that are passed down through the hereditary line. Therefore, we can say that children conceived by parents who are still young are better able to shape the whole human being from their own individuality. Children born later in a marriage are those whose own core nature is weaker and who are therefore drawn to very specific traits that the father or mother has imprinted. Thus, we see that children born later generally bear more of the father and mother in themselves than those born earlier, for by then the characteristics that enter into heredity have already become pronounced in the parents’ bodies. Here we see how the parents’ work on themselves manifests in various ways in their children. Strong individualities, who resemble their parents less, are the children born in the early days of a young marriage. Less strong individualities, who resemble their parents more, are those born to older married couples.
[ 34 ] Solche Tatsachen beleuchtet die Geisteswissenschaft ebenso, wie die Naturwissenschaft die natürlichen Tatsachen beleuchtet. Und wenn wir dieses Gesetz haben, haben wir das Mittel, um sozusagen in lebenspraktischer Weise erzieherisch auf den Menschen zu wirken. Dann eignen wir uns eine ganz bestimmte Gesinnung an. Wer sich als Erzieher von Kindern diese aus der Geisteswissenschaft herausfließende Gesinnung aneignet, der sagt sich immer: Das, was da durch die Geburt ins Dasein getreten ist und immer mehr und mehr sich herausarbeitet, das mußt du betrachten wie ein heiliges Rätsel, das zu lösen ist; es ist etwas, das herauskommt aus früheren Leben. Dazu mußt du den Blick auf die Vorfahrenschaft richten, woher die Merkmale genommen sind. — Daraus ergibt sich dann für den erzieherischen Blick jener Zusammenklang des Wollens und Könnens, jenes Verantwortlichkeitsgefühl gegenüber dem werdenden Menschen als einem zu lösenden heiligen Rätsel. Wenn wir eine solche Weisheit aufnehmen, die uns so zu dem Zögling stellt, dann prägt sich uns jener Ernst ein, der — ohne zu theoretisieren — den erzieherischen Takt findet, um in jedem besonderen Falle das Rätsel wirklich zu lösen. Dem Taktgefühl ergibt sich in jedem einzelnen Falle das, was wir zu tun haben, um die Gesinnung in richtiger Weise zu befruchten. Wir nehmen dann Abschied von den heute so beliebten Phrasen der Pädagogik.
[ 34 ] Anthroposophy sheds light on such facts just as the natural sciences shed light on natural facts. And once we have this law, we have the means to influence people educationally, so to speak, in a practical, everyday way. Then we develop a very specific mindset. Anyone who, as an educator of children, adopts this attitude stemming from the spiritual sciences always tells themselves: What has come into being through birth and is increasingly revealing itself—you must regard this as a sacred mystery to be solved; it is something that emerges from past lives. To do this, you must turn your gaze to the lineage from which these characteristics are derived. — From this arises, for the educator’s perspective, that harmony of will and ability, that sense of responsibility toward the developing human being as a sacred mystery to be solved. When we take in such wisdom, which places us in this way before the pupil, then that sense of seriousness takes root within us—a seriousness that, without theorizing, finds the educational tact needed to truly solve the riddle in each specific case. From this sense of tact emerges, in each individual case, what we must do to nurture the child’s disposition in the right way. We then take our leave of the pedagogical clichés so popular today.
[ 35 ] Welche Phrase kann man heute öfters hören als jene: Ihr müßt die Individualität des Menschen erziehen. Individuell, ja nicht schablonenhaft [müßt Ihr erziehen], ja nichts tun, was der Individualität widersprechen würde. Wer aber als wirklicher Lebensbeobachter im Leben steht, fragt sich: Was ist denn das eigentlich — individuelle Erziehung? Dieses Wort bleibt so lange eine Phrase, als man nicht weiß, wie sich der Wesenskern zu dem verhält, was ihn einhüllt. Daher ist es Phrase, was da über eine individuelle Erziehung gesagt wird. Wir sind in den meisten Fällen nicht imstande, viel damit anzufangen. Wir müssen so erziehen, wie die Erfordernisse des praktischen Lebens sich ergeben. Wir müssen einsehen, daß wir mit dieser Phrase durchaus nicht durchkommen, sondern daß wir sagen müssen: Wir müssen aus dem heraus erziehen, was veranlagt ist. Wir sind vor allen Dingen dazu berufen, dem Menschen das zu geben, was ihn zu einem brauchbaren Mitglied der menschlichen Gesellschaft macht. Er muß dasjenige können, was innerhalb gewisser Kreise von Menschen verlangt wird, was seine Zeit und die Verhältnisse von ihm verlangen. — An dieser Forderung darf die Phrase der Individualität nicht rütteln. Wer sieht, wie die Geisteswissenschaft den Zusammenhang des Menschen mit der ganzen Welt erfaßt, der steht durchaus nicht machtlos vor den Forderungen des Lebens. Es kann zum Beispiel erforderlich sein, daß ein Sohn, der diese oder jene Eigenschaft hat, diese oder jene Stellung im Leben einnimmt; die Familienzusammenhänge erfordern das. Wer wirklich hineinsieht in die Gesetzmäßigkeit der Dinge, der weiß: So einseitig sind die Menschen nicht, daß man sagen kann, sie seien nur zu dem oder zu jenem brauchbar. Man macht sie zu brauchbaren Menschen, wenn man nicht nur die eine Seite entwickelt. Die Menschen sind vielseitiger, als man gewöhnlich annimmt. Und wer wirklich durch die Verbindung der vererbten Merkmale hindurchsieht auf den geistig-seelischen Wesenskern, der vermag die verschiedenen außerordentlich lehrreichen Vorgänge zu verbinden mit dem, was sich als wirklicher Vorgang dem Blick des Geistesforschers darbietet. Wenn man das sucht, was am Zögling die Individualität ist, so ergibt sich gerade aus den praktischen Forderungen des Lebens heraus die Notwendigkeit, die Individualität anders anzusehen, als sie gewöhnlich in phrasenhafter Weise angesehen wird. Man muß sagen, wer sich befruchten läßt von den geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen, der bekommt wie hineinfließend in seine ganze Gesinnung einen feinen Takt und nicht nur das Verantwortlichkeitsgefühl, sondern auch all das Können, das er braucht, um im entsprechenden Moment das Richtige zu tun. Es ist ganz merkwürdig, daß man immer, wenn man solche Voraussetzungen macht, im richtigen Moment weiß, was zu tun ist. Um auf ein Beispiel hinzuweisen: Ein Kind [wurde mir zur Erziehung übergeben], dem alle Talente abgesprochen wurden, weil es sich in merkwürdiger Weise bis zum elften Jahre entwickelt hatte, so daß man sagen konnte: Aus dem wird nichts, aus diesem Racker; er hat ja nicht einmal ordentlich lesen und schreiben gelernt! Als dieses Kind mir anvertraut wurde und ich einen gewissen Einfluß auf es zu nehmen begann, konnte ich sagen: Das alles ist nur trügerischer Schein. — Es war nur die Schwierigkeit vorhanden, das äußere Hüllenhafte zu durchbrechen, um den inneren Wesenskern des Kindes zu enthüllen. Der Wesenskern mußte freigelegt werden. Seit jener Zeit sind zwanzig Jahre vergangen, und es hat sich gezeigt, daß es so war, wie ich gesagt hatte. In kurzer Zeit war es möglich, dem geistigen Wesenskern zum Durchbruch zu verhelfen und das zu beweisen, was hier gesagt worden ist.
[ 35 ] What phrase do we hear more often today than this one: “You must educate the individuality of the human being.” Individually, not in a formulaic way [you must educate], and certainly do nothing that would contradict individuality. But anyone who approaches life as a true observer of life asks themselves: What exactly is this—individual education? This term remains nothing more than a cliché as long as one does not know how the essence of a person relates to what envelops it. That is why what is said about individual education is mere rhetoric. In most cases, we are unable to make much of it. We must educate in accordance with the demands of practical life as they arise. We must realize that we cannot get by with this phrase at all, but that we must say: We must educate based on what is innate. Above all, we are called upon to give people what makes them useful members of human society. They must be able to do what is required within certain circles of people, what their time and circumstances demand of them. — The phrase “individuality” must not undermine this requirement. Anyone who sees how spiritual science grasps the connection between the human being and the entire world is by no means powerless in the face of life’s demands. It may be necessary, for example, for a son who possesses this or that quality to assume this or that position in life; family circumstances demand it. Anyone who truly understands the laws governing things knows that human beings are not so one-sided that one can say they are useful only for this or that. One makes them useful human beings by developing more than just one side. People are more multifaceted than is usually assumed. And whoever truly looks beyond the combination of inherited traits to the spiritual-soul core of their being is able to connect the various extraordinarily instructive processes with what presents itself as a real process to the eye of the spiritual researcher. When one seeks what constitutes the pupil’s individuality, the practical demands of life themselves give rise to the necessity of viewing individuality differently than it is usually viewed in a clichéd manner. It must be said that those who allow themselves to be enriched by the insights of spiritual science acquire—as if flowing into their entire disposition—a subtle sense of tact, along with not only a sense of responsibility but also all the skills they need to do the right thing at the right moment. It is quite remarkable that whenever one meets such conditions, one knows what to do at the right moment. To give an example: A child [was entrusted to me for upbringing] who was deemed to lack all talent because he had developed in a peculiar way up to the age of eleven, so that people said, “Nothing will come of him, that rascal; he hasn’t even learned to read and write properly!” When this child was entrusted to me and I began to exert a certain influence on him, I was able to say: “All of this is merely a deceptive appearance.”—The only difficulty was breaking through the outer shell to reveal the child’s inner essence. The inner core of his being had to be uncovered. Twenty years have passed since that time, and it has become clear that things were just as I had said. In a short time, it was possible to help the spiritual core of his being break through and prove what has been said here.
[ 36 ] So zeigt die Betrachtung des werdenden Menschen, wie notwendig es ist, nicht bloß beim äußeren, physischen Leibe zu bleiben, sondern hindurchzuschauen auf das Spirituelle, das überall hinter dem Sinnlichen steht und das wir erblicken können, wenn wir uns die Fähigkeit dazu erwerben. Für unsere Erkenntnis auch nach dieser Richtung hin ist es wichtig, wenn wir uns Begriffe und Ideen erwerben können, wie sie die Geisteswissenschaft hat.
[ 36 ] Thus, observing the developing human being shows how necessary it is not merely to focus on the outer, physical body, but to look beyond it to the spiritual realm, which lies behind the sensory world everywhere and which we can perceive if we acquire the ability to do so. For our understanding in this direction as well, it is important that we acquire the concepts and ideas found in spiritual science.
[ 37 ] Es ist für das praktische Leben von Bedeutung, daß wir an den Geist glauben und ihn hinter der physischen Materie suchen; das zeigt sich uns, wenn wir vor dem werdenden Menschen stehen und in der Erziehung das reale Rätsel zu lösen haben, wie sich der Geist in die physische Materie hineinergießt. Die Geisteswissenschaft ist dazu da, um nicht nur in theoretischer Weise über die drei Begriffe Leib, Seele und Geist zu reden, sondern um das praktische Leben so zu befruchten, daß durch richtige Erziehung ein unmittelbares Ergebnis erzielt werden kann.
[ 37 ] It is significant for practical life that we believe in the spirit and seek it behind physical matter; this becomes clear to us when we stand before the developing human being and, in the process of education, must solve the real mystery of how the spirit pours itself into physical matter. The purpose of spiritual science is not merely to speak theoretically about the three concepts of body, soul, and spirit, but to enrich practical life in such a way that a direct result can be achieved through proper education.
[ 38 ] Wenn wir den Menschen so betrachten, dann durchdringt sich auch, indem wir erzieherisch an seinem Werden mitwirken, die menschliche Seele mit jener hohen Wahrheit von der Mission des Menschen in seinem Erdendasein. Dann spüren wir etwas davon, daß wir Menschen zwar voll in der physisch-sinnlichen Welt stehen, daß wir aber berufen sind, in diese physisch-sinnliche Welt dasjenige hereinzutragen, was wir schöpfen können aus dem Geiste heraus. Aus dieser Erkenntnis heraus können wir sagen: Wir sind umgeben von physischsinnlichen Erscheinungen; hinter ihnen steht aber der wirkende Geist. Im werdenden Menschen tritt uns in unbestimmten Talenten, in unbestimmter Physiognomie der physische Mensch entgegen, aber in ihm zugleich der Geist, der sich durch die physische Materie hindurchzuringen hat und dem wir aus einem Rätselhaften zum Dasein in der physischen Welt zu verhelfen haben. Überall, wo wir auf unsere praktische Lebensaufgabe blicken, ist der Mensch berufen, der Materie den Geist aufzuprägen. Überall bewahrheiten sich die Worte, in die wir die heutige Betrachtung zusammenfassen dürfen - auch der zum Dasein ringende Geist zeigt uns die Wahrheit, die mit diesen Worten gesagt werden kann:
[ 38 ] When we view human beings in this way, and by contributing to their development through education, the human soul becomes imbued with that lofty truth regarding humanity’s mission in its earthly existence. Then we sense something of the fact that, although we humans are fully immersed in the physical-sensory world, we are called to bring into this physical-sensory world that which we can create out of the spirit. Based on this insight, we can say: We are surrounded by physical-sensory phenomena; but behind them stands the active spirit. In the developing human being, the physical human being meets us in undefined talents and an undefined physiognomy, but within him is also the spirit, which must struggle its way through physical matter and which we must help to emerge from the realm of the mysterious into existence in the physical world. Wherever we look at our practical task in life, human beings are called upon to imprint the spirit upon matter. Everywhere, the words in which we may summarize today’s reflection prove true—even the spirit struggling to come into being shows us the truth that can be expressed in these words:
Es drängt sich an den Menschensinn
Aus Weltentiefen rätselvoll
Des Stoffes reiche Fülle.
Es strömt in Menschenseelen
Von Weltenhöhen inhaltvoll
Des Geistes klärend Licht.
Sie treffen sich im Menscheninnern
Zu weisheitsvoller Wirklichkeit.
It presses upon the human senses
From the mysterious depths of the world
The rich abundance of matter.
It flows into human souls
From the heights of the world, full of meaning
The clarifying light of the spirit.
They meet within the human being
To form a wisdom-filled reality.
