Knowledge and Immortality
GA 69b
11 December 1910, Munich
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
Knowledge and Immortality, tr. SOL
8. Zarathustra, seine Lehre und seine Mission
8. Zarathustra, His Teachings, and His Mission
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Es ist in vieler Beziehung heute schon außerordentlich schwierig, mit einem gewissen Verständnis einzudringen in [das Leben und das Wirken von] Gestalten der Vergangenheit, die nicht allzuweit hinter uns liegt. Ganz besonders groß aber werden die Schwierigkeiten, wenn hineingeleuchtet werden soll in die Seelentiefen und in die Wirkungsweise von solchen Menschheitsindividualitäten, die in der allerallergrauesten Vorzeit — man möchte sagen in vorhistorischen Zeiten — mit ihrer Arbeit in die Kultur, in die Menschheitsentwicklung sich hineingestellt haben. Und eine solche Gestalt, eine solche Individualität soll heute vor unseren geistigen Blick treten in der ja oft genannten Gestalt des alten persischen Religions- und Weltanschauungsstifters Zarathustra, oder, wie man auch sagt, Zoroaster.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! In many respects, it is already extraordinarily difficult today to gain a certain understanding of [the lives and works of] figures from the past, even one that is not too far behind us. But the difficulties become particularly great when we seek to shed light on the depths of the soul and the mode of action of those individualities of humanity who, in the very, very distant past—one might say in prehistoric times—contributed to culture and human development through their work. And such a figure, such an individuality, is to appear before our spiritual gaze today in the often-mentioned figure of the ancient Persian founder of religion and worldview, Zarathustra, or, as he is also called, Zoroaster.
[ 2 ] Schon verhältnismäßig schwierig, sagte ich, ist es für unsere Gegenwart, sich wirklich objektiv in gar nicht so weit hinter uns liegendes Denken und Fühlen hineinzudenken. Man hat eben gerade heute außerordentlich stark das Gefühl, wenn man irgend etwas glaubt eingesehen zu haben und seine Erkenntnis als die Wahrheit ansieht, daß es in gewisser Weise die alleinseligmachende Wahrheit sei und daß alles andere eben falsch, im Grunde genommen Unsinn sei. Daß die Wahrheit und die menschlichen Erkenntnisse selber in Entwicklung begriffen sind, daß eine jede Epoche gezwungen ist, in ihrer Art die Weltenrätsel anzusehen und bis zu einem gewissen Grade zu lösen, daß über diese Weltenrätsel jede Epoche sozusagen eine andere Sprache führen muß — dafür hat man heute nicht viel Verständnis. Wir können uns nur der Hoffnung hingeben, daß sich die Nachkommen des heutigen Menschengeschlechtes zu diesem nicht so verhalten, wie wir uns so leicht zu den Vorfahren verhalten.
[ 2 ] It is already relatively difficult, I said, for us today to truly and objectively put ourselves in the shoes of ways of thinking and feeling that are not so far behind us. Today, in particular, there is an extraordinarily strong tendency to believe—once one thinks one has grasped something and regards one’s understanding as the truth—that it is, in a certain sense, the sole truth that leads to salvation, and that everything else is simply false, or, in essence, nonsense. The fact that truth and human knowledge themselves are in a state of development, that every epoch is compelled to view the mysteries of the world in its own way and to solve them to a certain extent, and that each epoch must, so to speak, speak a different language regarding these mysteries—there is little understanding of this today. We can only hope that the descendants of today’s human race will not treat this era the way we so easily treat our ancestors.
[ 3 ] Wer würde denn heute nicht von seinem strengen, sagen wir wissenschaftlichen Thron herab dekretieren, daß solch ein Geist wie Paracelsus, der so wenig lange vor uns wirkte, doch vollgepfropft war mit den Vorurteilen einer längst abgelaufenen Epoche, mit allerlei Urteilen, die natürlich heute längst überholt sind. Man denkt dabei gar nicht daran — was doch natürlich wäre —, daß das, was wir heute in bezug auf unsere Wissenschaft für scheinbar unumstößlich halten, ganz gewiß, wenn nach uns so viel Zeit verflossen sein wird wie zwischen Paracelsus und uns, ebenso korrigiert und bis zu einem gewissen Grad verwandelt sein wird, wie die paracelsischen Anschauungen durch die unsrigen verwandelt worden sind. Hoffen kann man nur, daß unsere Nachwelt gerechter sein wird als wir, daß sie wissen wird, daß die Wahrheit in einer Entwicklung begriffen ist und daß im Grunde genommen eine jede Art, die Wahrheit auszusprechen, nur eine Ausdrucksform ist für das, was wir Urwahrheit oder Urweisheit nennen möchten. Kurz, was wir Menschen Wahrheit nennen, ist in stetiger Umwandlung, und deshalb müssen wir das menschliche Wahrheitsstreben nur als in Entwicklung begriffen auffassen. Wenn man sich durchdringt mit einer solchen Anschauung und wenn wir uns fragen: Wie dachten unsere Vorfahren? Was kann uns heutigen Menschen an ihnen noch einen großen Eindruck auf unsere Seelen machen? —, dann wird man auch zu solchen Geistern einigermaßen vorurteilslos zurückblicken können, die so weit zurückliegen wie der große, der leuchtende Zarathustra.
[ 3 ] Who among us today would not, from the heights of his stern—let us say, scientific—throne, decree that a mind like Paracelsus’s, who lived not so long ago, was nonetheless steeped in the prejudices of a long-gone era, with all manner of judgments that are, of course, long since outdated today? We do not even consider—as we naturally ought to—that what we today regard as seemingly irrefutable in our science will most certainly, once as much time has passed after us as has elapsed between Paracelsus and us, be just as corrected and, to a certain extent, transformed as Paracelsus’s views have been transformed by ours. One can only hope that future generations will be more just than we are, that they will know that truth is in a state of development, and that, fundamentally, every way of expressing truth is merely a form of expression for what we might call primordial truth or primordial wisdom. In short, what we humans call truth is in a state of constant transformation, and therefore we must view the human quest for truth solely as a process in the making. If we allow ourselves to be imbued with such a perspective and ask ourselves: How did our ancestors think? What about them can still make a profound impression on our souls today? — then we will also be able to look back with a certain degree of open-mindedness upon such spirits as the great, radiant Zarathustra.
[ 4 ] In bezug auf das Zeitalter, in welchem Zarathustra gelebt hat, waren sich die Menschen allerdings nie so recht einig. Es gibt heute sogar Gelehrte, die behaupten, daß Zarathustra wahrscheinlich gar nur sechs Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung gelebt habe; andere Gelehrte verweisen auf einen Zeitraum von 1000 Jahren vor unserer Zeitrechnung, und wieder andere gehen noch weiter zurück. Was Geisteswissenschaft durch ihre Forschungen zu sagen hat, das soll hier zunächst nur erwähnt werden, denn für uns soll es sich weniger darum handeln, bloß historische Tatsachen festzustellen, als darum, hineinzuleuchten in die Seele dieser großen Individualität. Deshalb soll es nur kurz erwähnt werden, daß die Geisteswissenschaft allerdings mindestens fünf Jahrtausende vor unsere Zeitrechnung zurückgehen muß — bis ins sechste Jahrtausend hinein sogar —, wenn sie mit dem nach rückwärts gewandten Blick diese leuchtende Gestalt des Zarathustra treffen will.
[ 4 ] However, people have never really agreed on the era in which Zarathustra lived. Today, there are even scholars who claim that Zarathustra probably lived only six centuries before our era; other scholars point to a period of 1,000 years before our era, and still others go back even further. What spiritual science has to say based on its research will be mentioned here only briefly for now, for our concern is less with merely establishing historical facts than with shedding light on the soul of this great individual. Therefore, it should only be briefly mentioned that spiritual science must indeed go back at least five millennia before our era—even into the sixth millennium—if it is to encounter, with its gaze turned backward, this radiant figure of Zarathustra.
[ 5 ] Nun, wenn man auch streiten mag über das Zeitalter, in dem Zarathustra gelebt hat — streiten sollte man eigentlich nicht darüber, denn der Gang der menschlichen Kulturentwicklung spricht da eine zu deutliche Sprache, weil das, was sich an den Namen Zarathustra knüpft und was als Kulturströmung von Zarathustra ausgegangen ist, den tiefsten, bedeutsamsten, ja sogar außerordentlich lang andauernden Einfluß auf den Menschenfortschritt ausgeübt hat. Wenn wir allerdings hineinschauen wollen in diese Seele des Zarathustra, wenn wir die Mission erkennen wollen, die diese eigenartige Individualität im Menschheitsfortgang hatte, dann müssen wir Zarathustras Aufgabe in größerem Stile aufzufassen versuchen, dann müssen wir uns klarmachen, daß wir dem, was er war, nur dann näherkommen, wenn wir ihm eine Aufgabe allerersten Ranges in der Menschheitsentwicklung seit der großen atlantischen Katastrophe, wie sie die Geisteswissenschaft schaut, zuweisen. Von dieser Katastrophe wird ja mancherlei gesagt; von ihr berichten die religiösen Urkunden, die religiösen Traditionen aller Völker der Erde — die christliche Tradition spricht von ihr als der großen Sintflut.
[ 5 ] Well, even if one might argue about the era in which Zarathustra lived—one really shouldn’t argue about it, for the course of human cultural development speaks all too clearly on this point, because what is associated with the name of Zarathustra and what emerged from him as a cultural movement has exerted the deepest, most significant, and indeed extraordinarily long-lasting influence on human progress. If, however, we wish to look into the soul of Zarathustra, if we wish to recognize the mission that this unique individual played in the progress of humanity, then we must try to grasp Zarathustra’s task on a grander scale; then we must realize that we can only if we assign him a task of the very highest order in human development since the great Atlantean catastrophe, as spiritual science views it. Much is said about this catastrophe; it is recounted in the religious texts and traditions of all the peoples of the earth—the Christian tradition speaks of it as the Great Flood.
[ 6 ] Wir können uns jetzt nicht näher einlassen auf die Zeit, in welcher diese Katastrophe hinweggefegt ist über unsere Erde; aber selbst die äußere, die geologische Wissenschaft wird heute immer mehr und mehr dazu getrieben anzuerkennen, daß eine solche große Katastrophe einmal [stattgefunden hat] und daß durch diese Katastrophe das Antlitz der Erde in gründlicher Art verändert worden ist. Wenn Geisteswissenschaft durch ihre Forschungen gezwungen ist zu erkennen, daß an der Stelle, wo heute der Atlantische Ozean ist, einmal Festland war, auf dem Menschen zu einer Zeit gelebt haben, in welcher die heutigen Kontinente von Asien, Afrika, Europa zum großen Teil noch unter Wasser waren, so darf gesagt werden, daß heute auch die Naturwissenschaft nicht mehr ganz weit entfernt davon ist zuzugeben, daß Fauna und Flora in den westlichen Gegenden Europas und den östlichen Gegenden Amerikas immerhin darauf hinweisen, daß zwischen dem Westen Europas und dem Osten Amerikas einmal Land war, das Meeresboden geworden ist durch Absenkung bei jener großen Katastrophe. Und daß unsere heutigen Kontinente sich wiederholt gehoben und gesenkt haben, ist selbst in geologischen Kreisen heute schon gebräuchliche Wahrheit geworden.
[ 6 ] We cannot go into detail now about the time when this catastrophe swept across our Earth; but even the external, geological science is today increasingly compelled to acknowledge that such a great catastrophe once [took place] and that, as a result of this catastrophe, the face of the Earth was profoundly altered. If spiritual science, through its research, is compelled to recognize that where the Atlantic Ocean lies today there was once a continent on which human beings lived at a time when the present-day continents of Asia, Africa, Europe were still largely submerged, then it may be said that even the natural sciences today are not far from admitting that the fauna and flora in the western regions of Europe and the eastern regions of America do, after all, indicate that there was once land between western Europe and eastern America, which became the seabed as a result of subsidence during that great catastrophe. And the fact that our present-day continents have repeatedly risen and subsided has already become a commonly accepted truth even in geological circles.
[ 7 ] Für die Geisteswissenschaft hängen solche großen Katastrophen, solche Veränderungen im Antlitz der Erde zusammen mit bedeutungsvollen Vorgängen innerhalb der Menschheitsentwicklung. Ich kann heute nur andeuten, was ich den Zuhörern meiner Vorträge schon bei früheren Gelegenheiten des Näheren ausgeführt habe. Ich kann nur andeuten, daß bei der Menschheit, die in jener Epoche auf dem atlantischen Kontinent gelebt hat, eine Seelenverfassung ganz anderer Art vorhanden war als bei den heutigen Menschen, die die Nachkommen jener alten Atlantier sind. Wenn wir kurz andeuten wollen, was für eine Kultur in jener Urzeit der Menschheit vorhanden war, so können wir diese Kultur in gewissem Sinne, wenn wir das Wort nicht mißbrauchen, eine «hellseherische Kultur» nennen. Nur darf das Wort «hellseherisch» nicht in dem Sinn mißbraucht werden, in dem es heute sehr, sehr häufig mißbraucht wird. Was soll uns dies sagen — «hellseherische Kultur»?
[ 7 ] For the spiritual sciences, such great catastrophes and such changes in the face of the Earth are connected with significant processes within the development of humanity. Today I can only hint at what I have already explained in greater detail to the audiences of my lectures on earlier occasions. I can only hint that the people who lived on the Atlantic continent during that epoch possessed a state of mind of a completely different kind than that of today’s people, who are the descendants of those ancient Atlanteans. If we wish to briefly describe the kind of culture that existed in that primeval era of humanity, we can, in a certain sense—if we do not misuse the term—call it a “clairvoyant culture.” However, the word “clairvoyant” must not be misused in the sense in which it is very, very frequently misused today. What does this mean to us—“clairvoyant culture”?
[ 8 ] Ja, wenn man vom Standpunkte der Geisteswissenschaft aus sprechen will, dann muß man schon ehrlich an die menschliche Entwicklung glauben, dann muß man schon ehrlich überzeugt sein von dieser menschlichen Entwicklung, dann darf man nicht bloß fasziniert sein von jener Entwicklung, von der die landläufigen Darwinisten heute sprechen. Wir blicken hin auf eine frühere Menschheit, die eine ganz andere Art von Erkenntnisund Seelenvermögen hatte. Wir können uns kurz eine Vorstellung bilden von dieser alten Seelenverfassung, wenn wir uns erinnern an das, was wie ein vererbter Rest aus jener Zeit zurückgeblieben ist im Traumbewußtsein, wo der Mensch Nachklänge des Tageslebens in Traumbildern sieht. Diese Traumbilder haben heute für uns keine Realität mehr; sie sind Nachklänge dessen, was am Tag erlebt wurde — irgendwelche bildlichen Darstellungen von dem oder jenem, was vorging. Das Traumbewußtsein aber, das ist wie eine alte Erbschaft, wie ein verblaßter Rest eines vorzeitlichen Menschheitsbewußtseins, als die Menschen ihre Umwelt nicht so unmittelbar geschaut und erkannt haben wie der heutige Mensch, der alles nur erkennt mit seinen Sinnen und mit dem Verstande, der an das Gehirn gebunden ist. Die Menschen aus jener Zeit schauten das, was ihnen Erklärung, Lösung von Rätseln gab, in für unsere heutige Auffassung abnormen Seelenzuständen — in Seelenzuständen, die zwischen unserem heutigen Wachen und Schlafen mitten drinnen liegen. Sie sahen mit einer Art Bilderbewußtsein, aber diese Bilder waren nicht wie unsere Traumbilder Phantasmen, sondern sie standen in einer eindeutigen Beziehung zu Realitäten. Der Mensch hat damals nicht in Begriffen und Ideen den Rätseln der Welt nachspekuliert, sondern er erlebte Zustände — für unsere heutige Auffassung abnorme Zustände —, worin Bilder auftauchten, die eben nicht Traumbilder waren, sondern die die Urgründe des Daseins abbildeten.
[ 8 ] Yes, if one wishes to speak from the standpoint of spiritual science, then one must truly believe in human evolution; one must be genuinely convinced of this human evolution; one must not merely be fascinated by the kind of evolution that mainstream Darwinists speak of today. We look back at an earlier humanity that possessed a completely different kind of cognitive and spiritual capacity. We can briefly form a picture of this ancient state of the soul by recalling what has remained from that time as a kind of inherited remnant in the dream consciousness, where a person sees echoes of daily life in dream images. These dream images no longer have any reality for us today; they are echoes of what was experienced during the day—various pictorial representations of this or that event. Dream consciousness, however, is like an ancient legacy, like a faded remnant of a prehistoric human consciousness, when people did not perceive and recognize their environment as directly as modern humans do, who perceive everything solely through their senses and through the intellect, which is bound to the brain. People from that time perceived what provided them with explanations and solutions to mysteries in states of consciousness that would seem abnormal by today’s standards—states of consciousness that lie right in the middle between our present-day waking and sleeping states. They saw with a kind of pictorial consciousness, but these images were not phantasms like our dream images; rather, they stood in a clear relationship to realities. Back then, people did not speculate about the mysteries of the world in terms of concepts and ideas; rather, they experienced states—states that seem abnormal by today’s standards—in which images emerged that were not dream images, but rather depicted the fundamental foundations of existence.
[ 9 ] Und diese Menschheit, die ein solches Bewußtsein hatte, besaß auch Führer und Lehrer, die dieses Bewußtsein zu einer ganz besonderen Höhe hinaufgeführt hatten und die — hellsichtig — ganz besonders tief hineinschauten in die geistigen Hintergründe des Daseins. Ich kann das heute nur einleitend erwähnen. Diese damaligen Lehrer, die hellsichtig die geistige Welt erschauten, verhielten sich zu der Menschheit etwa so, wie sich heute diejenigen verhalten, die im normalen Bewußtsein zu genialen Einblicken, Ideen und Begriffen kommen. Wie diese zur Gesamtmenschheit sich verhalten, so verhielten sich im Grunde genommen auch die alten, großen Hellseher, weil sie einen Begriff hatten vom Hineinschauen in die geistige Welt, weil sie ein natürliches Hellsehen hatten. Die Menschheitsentwicklung beginnt damit, daß die Menschheit wirklich ausgegangen ist von geistigen Ursprüngen. Unsere heutige Zeit hat nicht mehr viel Bewußtsein davon; es ist eigentlich dieses Bewußtsein [vom geistigen Ursprung der Menschen] verloren gegangen, trotzdem man in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung noch ein deutliches Bewußtsein von einer alten, vererbten Weisheit hatte, die von den Urvätern der Menschheit gekommen war und von denen nichts anderes übriggeblieben war als Traditionen, die von jenem alten hellsichtigen Hineinschauen in die geistige Welt hergenommen waren. Plato zum Beispiel redet von den Menschen des Kronos-Reiches, von denen er sagt, daß sie hineinschauen konnten in die geistige Welt und daß sie die Bewahrer der Urweltweisheit waren. Plato war sich bewußt, daß vieles von jener Weisheit einfach von Generation zu Generation übertragen worden war. Und Plato, der Philosoph, der es weit gebracht hatte in dem, was er selber erforschen konnte, hatte doch ein Bewußtsein davon, daß diese Urväterweisheit tiefer eindringen konnte in die Urgründe der Welt als alles, was er selbst durch die normalen Menschenkräfte seinen Schülern geben konnte. Auch bei anderen Denkern finden wir den größten Respekt vor der Urweltweisheit. Wir müssen diese Urweltweisheit in ihrer ursprünglichen Gestalt vor jener atlantischen Katastrophe suchen, die vorhin charakterisiert worden ist.
[ 9 ] And this humanity, which possessed such a consciousness, also had leaders and teachers who had raised this consciousness to a very special height and who—being clairvoyant—gained a particularly deep insight into the spiritual foundations of existence. I can only mention this briefly today as an introduction. Those teachers of that time, who perceived the spiritual world through clairvoyance, related to humanity in much the same way as those do today who, in their normal state of consciousness, arrive at brilliant insights, ideas, and concepts. Just as these individuals relate to humanity as a whole, so too did the great clairvoyants of old, fundamentally speaking, because they had an understanding of looking into the spiritual world, because they possessed natural clairvoyance. The development of humanity begins with the fact that humanity truly originated from spiritual sources. Our present age no longer has much awareness of this; this awareness [of humanity’s spiritual origin] has in fact been lost, even though in the first centuries of the Christian era there was still a clear awareness of an ancient, inherited wisdom that had come from the forefathers of humanity—of whom nothing remained but traditions derived from that ancient clairvoyant insight into the spiritual world. Plato, for example, speaks of the people of the realm of Cronus, of whom he says that they were able to look into the spiritual world and that they were the guardians of primordial wisdom. Plato was aware that much of that wisdom had simply been passed down from generation to generation. And Plato, the philosopher who had gone far in his own research, was nonetheless aware that this wisdom of the forefathers could penetrate deeper into the very foundations of the world than anything he himself, using ordinary human faculties, could impart to his students. We also find the greatest respect for this primordial wisdom among other thinkers. We must seek this primordial wisdom in its original form prior to the Atlantean catastrophe described earlier.
[ 10 ] Darin besteht nun die Entwicklung der Menschheit, daß in dieser nachatlantischen Epoche, in der wir heute leben, der Mensch nach und nach sozusagen hinschwinden sah diese Urweltweisheit, daß ihm das alte, elementare Hellsehen verloren ging, weil er den Sinn dafür ausbilden sollte, die Dinge durch äußere, sinnliche Wahrnehmungen zu beurteilen und in die Rätsel, soweit es geht, mit dem an das Gehirn gebundenen Verstande einzudringen. Kurzsichtige Menschen von heute werden natürlich glauben, daß das heutige Wissen der Umfang aller Weisheit ist, daß es eine andere Weisheit gar nicht geben kann. Wer aber die Menschheitsentwicklung im großen betrachtet, der weiß, daß auch das Wissen, das an den Verstand gebunden ist, das die Menschheit sich erringen mußte in ihrem Manneszeitalter — das vorherige war das Kindheitszeitalter —, auch nur einer vorübergehenden Epoche angehört, nur ein Durchgangspunkt in der Menschheitsentwicklung ist.
[ 10 ] The evolution of humanity consists in the fact that in this post-Atlantean epoch in which we live today, humanity has gradually, so to speak, seen this primal wisdom fade away, losing the old, elemental clairvoyance because it was meant to develop the ability to judge things through external, sensory perceptions and to penetrate the mysteries—as far as possible—with the intellect bound to the brain. Short-sighted people today will, of course, believe that present-day knowledge constitutes the entirety of wisdom, that no other wisdom can possibly exist. But anyone who views human development from a broad perspective knows that even the knowledge bound to the intellect—which humanity had to attain during its age of man (the preceding era being the age of childhood)—belongs only to a passing epoch and is merely a transitional stage in human development.
[ 11 ] Sie wissen, daß die Menschen sich wiederum erheben werden zu einem zukünftigen Hellsehen und daß sie mitnehmen werden, was sie sich errungen haben durch die Erkenntnis der physischen Welt. Ein notwendiger Durchgangspunkt ist diese Art der Erkenntnis. Und so können wir sagen: Das, was wir heute als normale Menschen unsere Erkenntnis nennen, ja mehr noch, das, was wir unter dem Einfluß dieser Erkenntnis an moralischen, ästhetischen Idealen, an moralischen Urteilen über die Welt haben, das ist ja alles erst erworben. Alles das, was wir als die eigentlichen Charakteristika des heutigen Menschen erkannt haben, erhebt sich auf dem Boden der alten Hellsichtigkeit, die der Mensch für eine Weile verloren hat. Dieses heutige Erkennen ist aber für unsere jetzige Epoche so charakteristisch, daß wir sagen müssen: Die nachatlantische Zeit, die Zeit, in der die Erde die gegenwärtige Physiognomie hat, ist dazu berufen, gerade dieses Denken und Fühlen auszubilden und für den normalen menschlichen Zustand sozusagen das Tor zuzuschließen für alle Hellsichtigkeit, damit der Mensch gezwungen ist, den Blick zu heften auf das SinnlichWirkliche, um auch diese Epoche in seiner Erkenntnisentwicklung durchzumachen.
[ 11 ] They know that humanity will once again rise to a future state of clairvoyance and that they will carry with them what they have attained through their understanding of the physical world. This kind of knowledge is a necessary stepping stone. And so we can say: What we today, as ordinary human beings, call our knowledge—and even more so, what we possess under the influence of this knowledge in terms of moral and aesthetic ideals and moral judgments about the world—all of this has only recently been acquired. Everything we have recognized as the true characteristics of modern humanity arises from the foundation of the ancient clairvoyance that humanity lost for a time. This modern form of knowledge, however, is so characteristic of our present epoch that we must say: The post-Atlantean era—the era in which the Earth has its present physiognomy—is destined to develop precisely this kind of thinking and feeling and, so to speak, to close the door to all clairvoyance for the normal human condition, so that human beings are compelled to fix their gaze on the sensory-real in order to pass through this epoch as well in their development of knowledge.
[ 12 ] Es gab nun zwei Kulturströmungen in dieser nachatlantischen Epoche, welche so recht die Mission hatten, die Menschheit hinüberzuführen aus der Urväterweisheit in die Verstandes- und in die Vernunftweisheit, wie ich es jetzt eben charakterisiert habe. Zwei Strömungen gab es. Und merkwürdigerweise liegen die Urheber dieser zwei Strömungen geographisch und welthistorisch recht benachbart nebeneinander. Die eine Hauptströmung der nachatlantischen Zeit haben wir zu suchen in den Ansiedlungen, die sich gebildet haben nach der atlantischen Katastrophe in Indien, dem ehrwürdigen Kulturland. Die andere Hauptströmung haben wir zu suchen nordwärts davon, in jenem Gebiet, das befruchtet wurde durch den großen, leuchtenden Geist des Zarathustra. Und obwohl diese beiden Strömungen der menschlichen Geistesentwicklung so benachbart sind, obwohl sie für den äußeren Blick so verwandt ausschauen, daß manchmal die Worte für dieses oder jenes in den älteren Sprachen der beiden Kulturströmungen gleich lauten, so müssen wir doch, wenn wir tiefer in die Dinge hineinschauen, in diesen beiden Strömungen der nachatlantischen Kulturen ganz entgegengesetzte Arten sehen, unsere gegenwärtige Kultur zu begründen.
[ 12 ] There were now two cultural currents in this post-Atlantean epoch that were, in a sense, tasked with guiding humanity from the wisdom of the forefathers to the wisdom of the intellect and reason, as I have just described. There were two currents. And curiously enough, the originators of these two currents are quite close to one another, both geographically and in the context of world history. We must look for one of the main currents of the post-Atlantean era in the settlements that formed after the Atlantean catastrophe in India, that venerable land of culture. We must look for the other main current to the north of it, in that region that was fertilized by the great, radiant spirit of Zarathustra. And although these two currents of human spiritual development are so close to one another, although they appear so similar to the outside observer—to the point that sometimes the words for this or that in the older languages of the two cultural currents are the same—we must nevertheless, when we look more deeply into these matters, see in these two currents of post-Atlantean cultures entirely opposite ways of establishing our present-day culture.
[ 13 ] Sehen Sie, wenn der Geistesforscher zurückblickt auf jene uralte Kultur des altehrwürdigen Indien, die nur mit den geistigen Augen noch zu schauen ist — denn was in den großen, wunderbaren Veden enthalten ist, das ist ja nur ein später Nachklang von der Urweltweisheit der Inder —, dann werden wir zurückgeführt auf etwas, was aller Vedenkultur vorangegangen ist und was von einer solchen Erhabenheit ist, daß der Mensch, der einen Sinn hat für die Wandlung und Entwicklung des menschlichen Geisteslebens, mit der allertiefsten Ehrfurcht vor dieser alt-heiligen Kultur Indiens steht. Und es ist etwas Wahres an dem, was gewöhnlich nur als Legende genommen wird: daß diese altindische Kultur auf eine Reihe großer Weiser, auf die sieben Rishis des alten Indien, zurückgeht. Wenn wir diese altindische Kultur geisteswissenschaftlich prüfen — wie erscheint sie uns dann?
[ 13 ] You see, when the spiritual researcher looks back on that ancient culture of venerable India, which can now be perceived only with the spiritual eyes—for what is contained in the great, wondrous Vedas is, after all, merely a later echo of the primordial wisdom of the Indians— then we are led back to something that preceded the entire Vedic culture and is of such sublimity that anyone with a sense for the transformation and development of human spiritual life stands before this ancient, sacred culture of India with the deepest reverence. And there is some truth to what is usually regarded merely as legend: that this ancient Indian culture traces its origins to a line of great sages, the seven Rishis of ancient India. If we examine this ancient Indian culture from the perspective of spiritual science—how does it then appear to us?
[ 14 ] Das können wir nicht genauer bezeichnen, als daß wir sagen: Sie erscheint uns wie eine Art altes Erbgut, das von jener Weisheit herübergenommen werden konnte, die vor der atlantischen Katastrophe als die in der Menschheit verbreitete Weisheit da war. Wir müssen uns nur die Art der Vererbung eines uralten Weltweisheitsgutes in der richtigen Weise vorstellen. So wie sie als Urweltweisheit noch bei der atlantischen Menschheit vorhanden war, so konnte diese auf Hellsichtigkeit begründete Weisheit natürlich nicht unmittelbar übertragen werden auf eine Menschheit, deren Seelenanlagen ganz anders konstituiert waren. Wie eine Tradition, die einem neuen Seelenvermögen angepaßt werden muß, so wurde die uralte Weisheit in die indische Kultur herübergenommen. Im Grunde genommen konnten nur wenige Menschen noch etwas in ihren Seelen entwickeln, was hinweisen konnte auf jenes Gebiet, das man in der uralten Menschheitszeit in lebendigem Hellsehen geschaut hatte hinter der Sinnenwelt. Wer in lebendiger Innerlichkeit sich erheben wollte zu dem Schauen, das einstmals für die Menschheit in einer gewissen Weise normal war, der mußte schon das werden, was man einen Initiierten oder Eingeweihten nennt. Er mußte gewisse Fähigkeiten der Seele entwickeln, die normalerweise sonst nicht vorhanden sind; er mußte gewisse Übungen, ein gewisses Trainieren der Seele durchmachen, um ein sonst in seiner Seele schlummerndes Vermögen zu entwickeln. Dann wurde er fähig, das durch eigene Beobachtung kennenzulernen, was die großen Lehrer der Inder, die sieben Rishis, zu verkündigen hatten. Wozu wurde er denn da geführt? Er wurde gleichsam zurückgeführt zu einem früheren Zustand der Entwicklung; er wurde fähig, etwas zu schauen, was die Menschheit im normalen Zustande nicht mehr schauen konnte, was sie aber früher hatte schauen können.
[ 14 ] We cannot describe this more precisely than by saying: It appears to us as a kind of ancient genetic heritage that may have been carried over from the wisdom that existed among humanity before the Atlantean catastrophe. We need only imagine the nature of the transmission of an ancient body of world wisdom in the correct way. Just as it still existed as primordial world wisdom among the Atlantean people, this wisdom—based on clairvoyance—could naturally not be directly transferred to a humanity whose soul constitutions were entirely different. Just as a tradition must be adapted to a new capacity of the soul, so was the ancient wisdom incorporated into Indian culture. In essence, only a few people were still able to develop within their souls something that could point toward that realm which, in the ancient era of humanity, had been beheld through living clairvoyance beyond the sensory world. Anyone who, through living inner life, wished to rise to the kind of vision that had once been, in a certain sense, normal for humanity, had to become what is called an initiate. He had to develop certain soul capacities that are not normally present; he had to undergo certain exercises, a certain training of the soul, in order to develop a faculty that otherwise lay dormant within his soul. Then he became capable of knowing through his own observation what the great teachers of India, the seven Rishis, had to proclaim. To what, then, was he led? He was, as it were, led back to an earlier stage of development; he became capable of perceiving something that humanity could no longer perceive in its normal state, but which it had once been able to perceive.
[ 15 ] So ist im wesentlichen diese alte, vorvedische indische Kultur, die dann in den Veden nachklingt, aufzufassen. Daher stammt auch jene Grundstimmung, in der über diese uralt-heilige indische Kultur etwas ausgebreitet ist wie ein wehmütiges Zurückschauen, das sich sagt: Es gab eine Zeit, da die Menschen hineinschauen konnten in die geistige Welt, da der Ursprung der Menschen offenlag. Diese Zeit ist dahin. Die Sinne haben nurmehr das Vermögen, die äußere, physische Wirklichkeit zu schauen. Und nur dadurch, daß man ein besonderes Vermögen entwickelt, kann man sich zurückversetzen in jene alte Zeit; dann kann man wieder das Geistige schauen, das verdeckt ist durch das sinnliche Erkenntnisvermögen der Menschen, durch den Verstand, der an das Gehirn gebunden ist. — So fühlte sich derjenige, der in dieser Weltauffassung des alten Inders mit der Empfindung lebte, in der er sich sagte: Herausgestoßen ist der Mensch aus der Anschauung seines geistigen Ursprunges, und er hat Sehnsucht nach diesem Ursprung. — So glaubte der alte Inder, daß Wahrheit nur jenseits dessen sei, was die Menschheit jetzt schauen konnte. Er glaubte, daß über all dem, was die Menschheit jetzt schauen konnte, die große Illusion sich ausbreite, «maha aja», die große Täuschung, «maja», das große Nicht-Sein. Und dahinter liege das wahre Sein, das die Menschen einstmals geschaut hätten.
[ 15 ] This is essentially how this ancient, pre-Vedic Indian culture—which is later echoed in the Vedas—should be understood. This is also the source of that underlying mood in which, when speaking of this ancient, sacred Indian culture, there is a sense of wistful retrospect, as if to say: There was a time when people could look into the spiritual world, when the origin of humanity lay open. That time is gone. The senses now have only the capacity to perceive external, physical reality. And only by developing a special faculty can one transport oneself back to that ancient time; then one can once again perceive the spiritual, which is veiled by humanity’s sensory faculties of cognition, by the intellect bound to the brain. — Such were the feelings of those who, within this worldview of the ancient Indian, lived with the sense that humanity had been cast out of the perception of its spiritual origin and yearned for that origin. — Thus the ancient Indian believed that truth lay only beyond what humanity could now perceive. He believed that spreading over everything humanity could now perceive was the great illusion, “maha aja,” the great delusion, “maya,” the great non-being. And beyond that lay the true being that human beings had once perceived.
[ 16 ] Eine Weltanschauung, wie es die des vorvedischen Inders war, versteht man nicht, wenn man bloß auf das eingeht, was ausschaut wie Dogmen, sondern nur, wenn man sich hineinversetzt in die Art und Weise, wie die Menschen damals gefühlt haben, wie sie sich hinausgestoßen fühlten aus ihrer geistigen Heimat in eine Welt der Maja, der Illusion, und wie sie sich zurücksehnten aus dieser äußerlichen, sinnlich-physischen Wirklichkeit nach jener alten ursprünglichen Welt. Und wunderbar ergreifend, im höchsten Sinne erschütternd ist es, sich in diese altindische Seele zu versetzen mit ihrem Pessimismus, der nicht so leichtfertig ist, wie er heute manchmal auftritt, sondern der ein heroischer Pessimismus ist, der nicht bei dieser großen Täuschung stehenbleiben will und darüber klagen will, sondern der sagt: Die Sinneswelt ist einfach nicht die Wirklichkeit, sondern die Wirklichkeit findet man, wenn man sich von dieser Sinneswelt abwendet und in seiner Seele zurückgeht in frühere Epochen.
[ 16 ] A worldview such as that of the pre-Vedic Indians cannot be understood by merely focusing on what appears to be dogma, but only by putting oneself in the shoes of those people and imagining how they felt at that time—how they felt cast out of their spiritual homeland into a world of Maya, illusion, and how they longed, from this external, sensory-physical reality, for that ancient, primordial world. And it is wonderfully moving—and, in the highest sense, deeply stirring—to put oneself in the place of this ancient Indian soul with its pessimism, which is not as frivolous as it sometimes appears today, but is rather a heroic pessimism that refuses to remain stuck in this great delusion and merely lament it, but instead declares: “The sensory world is simply not reality; rather, reality is found when one turns away from this sensory world and journeys back in one’s soul to earlier epochs.”
[ 17 ] Was findet man denn eigentlich, wenn man zurückgeht zu dem, was die Menschen früher im Sinne des alten Inders schauen konnten? Ich habe schon darauf aufmerksam gemacht, daß alle Geisteswissenschaft uns zu der Tatsache führt, daß die Seele, die jetzt in uns lebt zwischen Geburt und Tod, schon oftmals auf der Erde gelebt hat und noch oftmals wieder leben wird. Die Geisteswissenschaft führt uns also zur Erkenntnis der wiederholten Erdenleben, so daß wir, wenn wir zurückblikken in vergangene Zeiten, sozusagen nicht andere Seelen finden, sondern unsere eigenen Seelen, also uns selber in früheren Verkörperungen. Und die Seele eines solchen alten indischen Menschen konnte sich sagen: So wie ich jetzt lebe zwischen Geburt und Tod, bin ich gefesselt an die Illusion. Ich bin jetzt mehr verstrickt in den Leib der Sinne, als ich es in früheren Leben war, zum Beispiel als die Urweltweisheit von mir selbst erlebt worden ist. — Im Grunde genommen schaute solch ein Angehöriger der altindischen Kultur in seine eigenen früheren Seelenzustände zurück. Seine Seele lebte früher so, daß sie selbst hineinschauen konnte in die geistige Welt. Sie ist heruntergestiegen in die Sinneswelt und kann jetzt nicht mehr hineinschauen in die geistige Welt. Wenn der Angehörige des altindischen Bekenntnisses sich die frühere Anschauung wieder erobern wollte, so stieg er im Grunde genommen zu seiner eigenen früheren Verkörperung hinauf; er drang ganz und gar in sich selber hinein. So etwa können wir die Stimmung des alten Indien charakterisieren.
[ 17 ] What, then, does one actually find when one goes back to what people in the past were able to perceive in the spirit of the ancient Indians? I have already pointed out that all spiritual science leads us to the fact that the soul, which now lives within us between birth and death, has lived on Earth many times before and will live here many times again. Spiritual science thus leads us to the realization of repeated earthly lives, so that when we look back on past times, we do not, so to speak, find other souls, but our own souls—that is, ourselves in earlier incarnations. And the soul of such an ancient Indian could say to itself: Just as I now live between birth and death, I am bound to illusion. I am now more entangled in the body of the senses than I was in earlier lives, for example, when I experienced primordial wisdom firsthand.” — Essentially, such a member of ancient Indian culture looked back upon his own earlier states of soul. His soul used to live in such a way that it could look into the spiritual world itself. It has descended into the world of the senses and can no longer look into the spiritual world. When a follower of the ancient Indian tradition wished to regain that earlier perspective, he essentially ascended to his own earlier incarnation; he penetrated completely into his own being. This is roughly how we can characterize the spirit of ancient India.
[ 18 ] In einer gewissen Weise das genau Entgegengesetzte bot der Kultureinschlag, der im Norden des alten Indien, in Baktrien, Medien, Persien gegeben worden ist durch Zarathustra. Wenn wir die altindische Weisheit eine Art Erbgut aus der alten Zeit nennen können, die auch die Stimmung der Sehnsucht für diese alte Zeit erweckte, so müssen wir sagen: Das hingegen, was durch Zarathustra den Menschen gegeben worden ist, was durch ihn der Menschheitsentwicklung eingeprägt worden ist, weist ebenso stark auf die Zukunft hin, wie die altindische Lehre auf die Urweltweisheit hinweist. Es besteht ein merkwürdiger Gegensatz zwischen der Lehre des Zarathustra und der altindischen Lehre. Wenn wir nicht Dogmen, nicht Lehren, auf die es eigentlich wenig ankommt bei der Menschheitsentwicklung, sondern Stimmungen, Empfindungen vor unsere Seele treten lassen, dann können wir sagen: Die eben charakterisierte Stimmung der altindischen Weltanschauung ist eine Erlösungsstimmung: Heraus aus diesem Leib, der nicht mehr die Wahrheit schauen kann, hinein in das frühere Schauen! Das war die Stimmung des alten Inders: Erlöst werden von einem Leib, der angewiesen ist auf Maja. Daher ist im besten Sinne des Wortes alles das, was von der altindischen Kultur ausgegangen ist, bis zum Buddhismus hin, eine Art Erlösungsreligion.
[ 18 ] In a certain sense, the cultural influence brought about by Zarathustra in the north of ancient India—in Bactria, Media, and Persia—represented the exact opposite. If we can call ancient Indian wisdom a kind of genetic heritage from ancient times—one that also awakened a longing for those ancient times—then we must say: What Zarathustra gave to humanity, what he imprinted on human development, points just as strongly toward the future as ancient Indian teachings point toward primordial wisdom. There is a remarkable contrast between the teachings of Zarathustra and the ancient Indian teachings. If we allow not dogmas, not doctrines—which are actually of little consequence for human development—but rather moods and feelings to come before our souls, then we can say: The mood of the ancient Indian worldview just characterized is a mood of redemption: Out of this body, which can no longer perceive the truth, and into the former perception! That was the mood of the ancient Indian: to be liberated from a body that is dependent on Maya. Therefore, in the best sense of the word, everything that has emanated from ancient Indian culture, right up to Buddhism, is a kind of religion of salvation.
[ 19 ] In Zarathustras Anschauung tritt zuerst dasjenige auf, was nicht eine Erlösungsreligion, eine Erlösungsweltanschauung ist, sondern was eine Auferstehungsweltanschauung, eine Erweckungsweltanschauung ist. Und insofern ist diese Lehre da oben im Norden das genau Entgegengesetzte zu der Lehre, die im Süden auftrat. Zarathustra sollte der erste große Führer der Menschheit sein, der radikal darauf hinwies, daß es [für sie] ein notwendiger Durchgangspunkt ist, die Sinne für das zu entwickeln, was sich vor ihnen ausbreitet, und den Geist zu entwickeln für das, was logisches Denken, was vernünftiges Verstehen ist. Nur bleibt der große Zarathustra nicht in materialistischer Weise bei der äußeren Sinneswelt stehen, sondern als ein Eingeweihter sagt er auf seine Art: Gewiß, die nachatlantische Menschheit hat die Aufgabe, die Sinne zu schärfen für das, was sich den Augen, den Ohren, dem ganzen Sinnesmenschen darbietet. Die nachatlantische Menschheit hat die Aufgabe, verstandesund vernunftgemäß die Erscheinungen der sinnlichen Welt zu erfassen, aber indem wir zusammenwachsen mit der Sinneswelt, müssen wir fähig werden, wenn wir gewisse schlummernde Kräfte in unserer Seele entwickeln, nicht stehenzubleiben bei dem, was uns die Sinne bieten, sondern hindurchzudringen durch die Sinnesdecke zu dem, was hinter dieser Sinneswelt liegt.
[ 19 ] In Zarathustra’s worldview, what first emerges is not a religion of salvation or a worldview of salvation, but rather a worldview of resurrection, a worldview of reawakening. And in this respect, this teaching up there in the North is the exact opposite of the teaching that emerged in the South. Zarathustra was to be the first great leader of humanity to point out radically that it is a necessary step [for humanity] to develop the senses for what unfolds before them and to develop the spirit for what constitutes logical thinking and rational understanding. However, the great Zarathustra does not stop at the external sensory world in a materialistic way; rather, as an initiate, he says in his own way: Certainly, post-Atlantean humanity has the task of sharpening the senses for what presents itself to the eyes, the ears, and the entire sensory human being. Post-Atlantean humanity has the task of grasping the phenomena of the sensory world in accordance with intellect and reason; but as we grow together with the sensory world, we must become capable—by developing certain dormant powers in our soul—of not stopping at what the senses offer us, but of penetrating through the veil of the senses to what lies beyond this sensory world.
[ 20 ] Das ist der große Gegensatz zwischen der indischen Weltanschauungs-Stimmung und der Zarathustra-Weltanschauungsstimmung. Der altindische Mensch sagt: Schau ich hin auf die Welt, die sich ausbreitet in Farbe, Form und allen ihren sinnlichen Eigenschaften, so ist das keine wahre Welt, sondern es ist Maja. Ich komme nur zu der wahren Welt, wenn ich mich abkehre von dieser äußeren Sinneswelt; also wende ich meine Augen und Ohren und die übrigen Sinne ab, lasse den Verstand stillstehen, insofern er Ideen und Begriffe kombiniert. Ich kümmere mich ganz und gar nicht um diese sinnliche Welt, wenn ich Wahrheit haben will, sondern ich vertiefe mich in das menschliche Innere, ich lebe mich ein in dieses Ich, das da war in früheren Verkörperungen; ich klettere hinauf auf der Stufenleiter der Verkörperungen, um mir die Fähigkeit zu erwerben, die Wahrheit zu schauen. — In gewisser Weise war die Grundstimmung des alten Inders Flucht vor der Sinneswelt und Hinaufgelangen zur Wahrheit durch strenge Vertiefung in das eigene Innere, in das, was in der Seele leben kann, wenn sie absieht von der Umgebung. Es war ein mystisches Versenken in das von der Außenwelt abgelenkte innere Leben der Seele, die nichts wissen will von «maha aja», der großen Illusion: Das ist die Tendenz des alten Indiens.
[ 20 ] This is the great contrast between the Indian worldview and the Zarathustrian worldview. The ancient Indian says: When I look upon the world as it unfolds in color, form, and all its sensory qualities, this is not the true world, but rather Maya. I can only reach the true world when I turn away from this outer sensory world; thus I turn my eyes, ears, and the rest of my senses away, and allow my intellect to come to a standstill insofar as it combines ideas and concepts. I pay absolutely no attention to this sensory world if I wish to attain truth; rather, I immerse myself in the human inner life, I empathize with this “I” that existed in earlier incarnations; I climb the ladder of incarnations to acquire the ability to behold the truth. — In a certain sense, the fundamental attitude of the ancient Indian was to flee from the sensory world and ascend to the truth through rigorous immersion in one’s own inner life—in that which can live within the soul when it turns away from its surroundings. It was a mystical immersion in the inner life of the soul, detached from the external world, a soul that wants nothing to do with “maha aja,” the great illusion: this is the tendency of ancient India.
[ 21 ] Freudiges Aufnehmen der Neugestaltung unseres Seelenvermögens, das uns die Welt zeigt mit alldem, was sie dem geöffneten Auge darbieten kann, was sie darbieten kann allen äußeren menschlichen Möglichkeiten, auch darbieten kann dem an die Sinneswelt gebundenen Verstande, freudiges Aufnehmen alles dessen, was sich ausbreitet als äußerer Sinnesteppich vor den Sinnen: Das war die Stimmung des Zarathustra! Schaute man als Inder hin auf die Pflanzendecke, auf Tiere und Wolken und Luft und Berge und Sterne, so sagte man sich: Das ist alles nur äußere Illusion. Wage den Blick zu dem, der ausgeatmet hat diese große Maja, zu Brahma, den man aber nur in seinem Innern finden kann! — Und Zarathustra spricht: Wendet hin den Blick zu dem, was sich da ausbreitet vor euren äußeren Sinnen, gebraucht gerade dasjenige Seelenvermögen, das für das gegenwärtige Menschheitszeitalter das richtige ist. Aber bleibt nicht dabei stehen; wachst mit der Sinneswelt zusammen, durchdringt sie, geht durch sie hindurch und, wenn ihr durch diese Sinneswelt hindurchgeht und euch nicht zurückhalten laßt, dann findet ihr hinter ihr da draußen — jenseits der Sterne, jenseits der Mineralien-, der Pflanzen- und Tierwelt — eine geistige Welt. Nicht nur wenn ihr hineingeht in euch selber, nein, auch wenn ihr hinausgeht in die Sinneswelt, dann wachst ihr zusammen durch eure neuen Fähigkeiten mit einer geistigen Welt.
[ 21 ] Joyful acceptance of the reshaping of our soul’s capacity, which the world reveals to us with all that it can offer to the open eye, all that it can offer to all outward human possibilities, and all that it can offer even to the mind bound to the sensory world—joyful acceptance of everything that spreads out like an outer tapestry of the senses before the senses: That was the mood of Zarathustra! When, as an Indian, one looked upon the carpet of vegetation, upon animals and clouds and air and mountains and stars, one said to oneself: All this is merely an external illusion. Dare to turn your gaze toward the One who breathed forth this great Maya, toward Brahma—whom, however, one can find only within oneself! — And Zarathustra speaks: Turn your gaze toward what spreads out before your external senses; use precisely that faculty of the soul that is right for the present age of humanity. But do not stop there; grow together with the sensory world, penetrate it, pass through it, and when you pass through this sensory world and do not allow yourselves to be held back, then you will find beyond it out there—beyond the stars, beyond the mineral, plant, and animal worlds—a spiritual world. Not only when you go within yourselves, but also when you go out into the sensory world—then, through your new abilities, you grow together with a spiritual world.
[ 22 ] Das, was wohl am schönsten etwas ausdrückt über die Individualität des Zarathustra — nehmen Sie es meinetwillen als einen Vergleich —, das ist, wenn von ihm gesagt wird: Als er geboren wurde, war das erste, was sich bei ihm als Wunder vollzog, daß er beim ersten Blick in die Welt lächelte — das Zarathustra-Lächeln! Man muß sich nur hineinversetzen können in das, was mit einer solchen wirklich zaubertiefen Formel für eine solche Individualität gesagt wird. Da wird darauf hingedeutet, daß in Zarathustra eine Individualität geboren ist, die hinblickt auf den ganzen Teppich der Sinneswelt, aber ihn wie hellsichtig durchdringt und hinter ihm das Geistige sieht, und die in dem Bewußtsein der Erhabenheit des Menschen über das, was sich in seinem Umkreis ausbreitet, jenes Frohlocken von sich ausströmen läßt, für welches das Lächeln des Zarathustra ein Symbolum ist.
[ 22 ] What perhaps most beautifully expresses Zarathustra’s individuality—take this as a comparison, if you will—is when it is said of him: When he was born, the first miracle that occurred was that he smiled at his first glimpse of the world—the Zarathustra smile! One need only be able to put oneself in the position of understanding what is being said about such an individuality through such a truly enchantingly profound phrase. It suggests that an individuality has been born in Zarathustra who looks out upon the entire tapestry of the sensory world, yet penetrates it as if clairvoyant, seeing the spiritual realm beyond it, and which, in the awareness of humanity’s sublimity over all that spreads out around it, lets that joy radiate from within—a joy for which the smile of Zarathustra is a symbol.
[ 23 ] Und so sehen wir, daß im Zarathustrismus eine ganz andere Stimmung weht als im Indertum. Daher konnte dieser Zarathustrismus auf das hinweisen, was jetzt die Menschenseele aufnehmen soll, was sie jetzt mit sich vereinen soll. Dadurch, daß die Menschen hinausblicken auf die Sinneswelt und normalerweise das nicht mehr bildhaft sehen, was nicht in der Sinneswelt liegt, nehmen sie etwas auf, was sie in die Zukunft hinübertragen werden und was ein neuer Bestandteil der zukünftigen Menschenseele sein wird. Durch diesen neuen Bestandteil wird sie eine Auferstehung erleben: In der Zukunft wird die Menschenseele nicht nur sein, wie sie in der Vergangenheit war, sondern sie hat dieses neue Element aufgenommen, das nur in der Sinneswelt erworben werden kann. Deshalb lebt in der Zarathustra-Lehre dieser tiefe Auferstehungsgedanke. Ich kann mich heute nicht darauf einlassen, aus dieser oder jener Belegstelle das, was ich zu sagen habe, zu rechtfertigen, ich will lediglich charakterisieren, und ein jeder kann aus den gebräuchlichen Mitteilungen entnehmen, daß das gut begründet ist, was heute als Charakteristik des Zarathustrismus gegeben werden soll.
[ 23 ] And so we see that a completely different spirit prevails in Zarathustrianism than in Indism. For this reason, Zoroastrianism was able to point to what the human soul is now to take in, what it is now to unite with itself. Because people look out upon the sensory world and, as a rule, no longer perceive in pictorial form what lies outside the sensory world, they take in something that they will carry over into the future and that will become a new component of the future human soul. Through this new component, it will experience a resurrection: In the future, the human soul will not merely be as it was in the past, but will have absorbed this new element, which can be acquired only in the sensory world. That is why this profound idea of resurrection lives in the teachings of Zarathustra. I cannot go into detail today to justify what I have to say by citing this or that passage; I merely wish to characterize it, and everyone can see from the available sources that what is to be presented today as a characterization of Zoroastrianism is well-founded.
[ 24 ] Zarathustra sagte sich: Es ist im Grunde genommen doch nicht mit dem rechten Menschheitsfortschritt vereinbar, daß man allein altes Erbgut in der Menschheit als das Höchste preist. Warum sollen denn die Menschen zurückgehen auf frühere Verkörperungen und die Art, wie sie da auf die Welt geschaut haben? Sie sollen das aufnehmen, was ihnen als Neues geboten wird, sie sollen ihre Weltanschauung bereichern, erweitern, ihr einen größeren Umfang verschaffen. — So wußte Zarathustra den Menschen zu sagen: Schaut in die Zukunft, nehmt Neues auf, blickt auf jene geistige Welt, die sich euch bietet, wenn ihr die Sinneswelt wie eine durchsichtige Decke empfindet. — Das wußte er der Welt zu sagen, und indem er dies sagte, empfand er eine tiefe Ehrfurcht vor dem, was als eine geistige Welt hinter der ganzen sinnlichen Welt steht. Er empfand es wie den Anfang eines neuen Aufsteigens [in die geistige Welt], wenn wir durch die sinnliche Welt in diese geistige Welt hineinzudringen streben, geradeso wie der alte Inder durch das Hinabsteigen in das eigene Innere in eine geistige Welt eindringen wollte. Er empfand dagegen, daß die Menschheit eigentlich heruntergefallen ist von einem höheren, geistigen Standpunkt zu einem niederen, physischen Standpunkt und daß sich bei ihr dazu noch das Bewußtsein fügt, sehnsüchtig [zum Alten] zurückkommen zu wollen, indem sie an einer alten Erbweisheit festhält.
[ 24 ] Zarathustra said to himself: After all, it is fundamentally incompatible with true human progress to extol only humanity’s ancient heritage as the highest good. Why, then, should people revert to earlier incarnations and the way they viewed the world back then? They should embrace what is offered to them as new; they should enrich and expand their worldview, giving it greater scope. — Thus Zarathustra knew how to say to people: Look to the future, embrace the new, gaze upon that spiritual world that presents itself to you when you perceive the sensory world as a transparent veil. — He knew how to say this to the world, and as he said it, he felt a deep reverence for what lies as a spiritual world behind the entire sensory world. He perceived it as the beginning of a new ascent [into the spiritual world], when we strive to penetrate this spiritual world through the sensory world, just as the ancient Indian sought to enter a spiritual world by descending into his own inner self. He felt, on the other hand, that humanity had in fact fallen from a higher, spiritual vantage point to a lower, physical one, and that this was accompanied by a longing to return [to the past], as expressed in its clinging to an ancient, inherited wisdom.
[ 25 ] Davon war Zarathustra tief durchdrungen, daß an der Menschenseele etwas gearbeitet hatte, was sie heruntergeführt und in die Sinneswelt verstrickt hatte. Aber er war sich ebenso klar darüber, daß diese Menschenseele jetzt von etwas erfaßt werden konnte, das sie den Weg zur geistigen Welt hinaufführen würde. Das hatte Zarathustra sozusagen vor seinen geistigen Augen: den Gegensatz von zwei Mächten, von denen die eine die Menschheit herunterführt in die Sinneswelt und die andere sie hinaufhebt in die geistige Welt. Dieser Gegensatz tritt uns da entgegen, wo wir hören, daß Zarathustra von der einen Macht spricht, die den Menschen hinaufführt, von Ahura Mazdao, Auramazda, was dann später zu Ormuzd geworden ist, und dieser eine andere Macht entgegenstellt, die die Menschenseele herunterführt: Ahriman, Angra Mainyu.
[ 25 ] Zarathustra was deeply convinced that something had been at work within the human soul, something that had dragged it down and entangled it in the world of the senses. But he was equally clear that this human soul could now be seized by something that would lead it upward toward the spiritual world. Zarathustra had this, so to speak, before his inner eye: the contrast between two powers, one of which leads humanity down into the sensory world and the other lifts it up into the spiritual world. This contrast confronts us when we hear Zarathustra speak of the one power that leads human beings upward—Ahura Mazdao, Auramazda, which later became Ormuzd—and set it in opposition to this other power that leads the human soul downward: Ahriman, Angra Mainyu.
[ 26 ] So muß man zunächst diese beiden Mächte empfinden, wie sie arbeiten: die eine die Menschenseele herunterführend in die sinnliche Welt, die andere sie hinaufgeleitend in die geistige Welt. Aber Zarathustra ist nun im tiefsten Sinne völlig konsequent, indem er die äußere, sinnliche Welt nicht abstrakt hinnimmt und sagt, hinter ihr sei etwas Geistiges — wie heute die Pantheisten sagen —, sondern er sagt: Es unterscheiden sich die einzelnen Gebilde der Sinneswelt; das eine erscheint so, das andere anders. Das eine erscheint als mächtig leuchtend und wirksam für die übrige Sinneswelt, das andere klein und unbedeutend. — Und alles, was für unsere Welt durch seine äußere Gestalt als die große, gewaltige Macht erscheint, das empfand Zarathustra im Sinne der auch von seinem Volk aufgenommenen Weltanschauung als einen Bestandteil der Sonne — jener Sonne, welche alljährlich aufs neue die dem Menschen notwendige Pflanzenwelt hervorzaubert, jener Sonne, ohne die es kein Leben auf der Erde geben kann.
[ 26 ] One must first perceive these two forces at work: one drawing the human soul down into the sensory world, the other guiding it upward into the spiritual world. But Zarathustra is, in the deepest sense, entirely consistent in that he does not accept the external, sensory world in the abstract and say that something spiritual lies behind it—as the pantheists say today—but rather he says: The individual forms of the sensory world differ; one appears one way, another another. One appears as powerfully radiant and influential upon the rest of the sensory world, the other as small and insignificant. — And everything that appears to our world, through its outward form, as a great and mighty power, Zarathustra perceived—in accordance with the worldview also embraced by his people—as a component of the sun—that sun which, year after year, conjures forth anew the plant life necessary for humanity, that sun without which there can be no life on earth.
[ 27 ] Aber auch der Sonne gegenüber, die er als das Mächtigste, als das auf die Erde am mächtigsten Einwirkende empfand, war Zarathustra sich klar, daß sie doch auch dazugehört zur äußeren Sinneswelt, daß also das, was die äußere Wissenschaft an dieser Sonne ergründen kann, nur der äußere Ausdruck ist für das, was hinter dieser Sonne lebt. Und er empfand es so, daß er sagte: Wie die Pflanzen im Frühling hervorgezaubert werden auf der Erde durch die Macht der Sonnenstrahlen, so lebt in dem, was als geistige Macht hinter der Sonne steht, das, was den Menschen hinauszieht aus der Sinneswelt, was dem Menschen die Kräfte schaffen kann, mit denen er hindurchdringen kann durch die Sinneswelt. Hinter der Sonne lebt deshalb für Zarathustra jene mächtige geistige Wesenheit, die er eben Ahura Mazdao, Ormuzd, nannte. Was ist das aber?
[ 27 ] But even with regard to the sun—which he perceived as the most powerful force, the one exerting the greatest influence on the earth—Zarathustra was fully aware that it, too, belongs to the external sensory world; that is to say, what external science can fathom about this sun is merely the external expression of what lives behind it. And he felt this so deeply that he said: Just as plants are conjured forth on the earth in spring by the power of the sun’s rays, so too does that which stands as a spiritual power behind the sun—that which draws human beings out of the sensory world and can create within them the powers with which they can penetrate through the sensory world—live within it. Behind the sun, therefore, lives for Zarathustra that mighty spiritual being whom he has just called Ahura Mazdao, Ormuzd. But what is this?
[ 28 ] Wir können uns von den Gedanken, die in Zarathustra lebten, nur eine Vorstellung machen, wenn wir uns erinnern, daß wir ja in der Geisteswissenschaft auch nicht den physischen Leib des Menschen, so wie der Mensch vor uns steht, als das Alleinige betrachten, sondern daß wir uns sagen: Dieser physische Leib ist der äußere Ausdruck für seine geistige Wesenheit. — Und wenn das Auge hellsichtig wird, so sieht es diese geistige Wesenheit, und wir nennen das, was das hellsichtige Auge als den Inhalt der Geistigkeit erblickt, die Aura des Menschen. Wir empfinden den physischen Leib als den Ausdruck der Menschenaura, der kleinen Aura. Nun sagt Zarathustra: So wie der Mensch seine Aura hat, wie er sein Geistiges hinter dem Physischen hat, so ist die Sonne der äußere Leib einer geistigen Wesenheit, nämlich der großen Aura, der Großen Ahura — das Wort bedeutet immer dasselbe —, der Sonnenaura. — Da haben wir Ahura Mazdao, die große Aura, im Gegensatz zur kleinen Aura des Menschen.
[ 28 ] We can only begin to imagine the thoughts that lived within Zarathustra if we remember that in spiritual science, too, we do not regard the physical body of a human being—as that person stands before us—as the sole reality, but rather we tell ourselves: This physical body is the outer expression of his spiritual being. — And when the eye becomes clairvoyant, it sees this spiritual being, and we call what the clairvoyant eye perceives as the content of spirituality the human aura. We perceive the physical body as the expression of the human aura, the small aura. Now Zarathustra says: Just as the human being has his aura, just as he has his spiritual being behind the physical, so the sun is the outer body of a spiritual being, namely the great aura, the Great Ahura—the word always means the same thing—the solar aura. — There we have Ahura Mazdao, the great aura, in contrast to the small aura of the human being.
[ 29 ] So wies Zarathustra die Menschen hin zu dem, was da draußen im Weltenall als eine mächtige geistige Wesenheit lebt und in der Sonne seinen Leib hat, so wie der Mensch einen Leib hat, der von einer geistig-seelischen Wesenheit, der kleinen Aura, durchzogen ist. Das ist [auch] Ormuzd, das ist das, was alle Kräfte des Menschen, die nach dem Geistigen hingehen, entfesseln kann. Für diesen Geist, der in Zarathustra lebte, war vor dem hellseherischen Blick dieser Ahura Mazdao, diese große Aura, eine Wahrheit, eine Wirklichkeit. Und er sagte zu seinen Schülern, die er intimer in seine Geheimnisse einweihen konnte, ungefähr das folgende: Seht einmal, wenn ihr das sucht, was den Menschen zum Guten drängt und führt, dann müßt ihr den Blick hinaufrichten zu dem, was geistig hinter der Sonne steht. Der Mensch ist eben berufen, im Verlaufe seiner Erdenentwicklung immer höher und höher zu steigen. Dazu wird ihm Ahura Mazdao verhelfen. Nicht immer aber, meint Zarathustra, wird das, was der Geist der Sonne ist, nur da oben hinter dem Körper der Sonne zu erblicken sein, sondern es wird immer größer und größer werden, wird immer mehr und mehr die Erde umfassen und wird endlich sich bis zur Erde hin ausdehnen. Der Geist der Sonne wird einstmals ein auf der Erde wirksamer Geist werden.
[ 29 ] Thus Zarathustra pointed people toward that which lives out there in the universe as a mighty spiritual being and has its body in the sun, just as a human being has a body that is permeated by a spiritual-soul being, the small aura. This is [also] Ormuzd; this is what can unleash all the forces within the human being that are directed toward the spiritual. For this spirit that lived within Zarathustra, Ahura Mazdao—this great aura—was a truth, a reality, as seen through his clairvoyant gaze. And he said to his disciples, whom he was able to initiate more intimately into his mysteries, something like the following: “Look, if you seek what impels and guides human beings toward the good, then you must lift your gaze to that which stands spiritually behind the sun. Human beings are, after all, called to rise higher and higher in the course of their earthly development. Ahura Mazdao will help them in this.” But, Zarathustra says, the spirit of the sun will not always be visible only up there behind the sun’s physical body; rather, it will grow ever larger and larger, will encompass the earth more and more, and will finally extend all the way down to the earth. The spirit of the sun will one day become a spirit active on earth.
[ 30 ] Wenn wir die Zeit [des Zarathustra] und die Entwicklung der Menschheit überblicken, so sehen wir, daß diese im Einklang miteinander stehen. Was Zarathustra hinter der physischen Sonne gesehen hat, war für seine Zeit nur in der Sonne im Weltenraum zu suchen; heute hat es sich aber schon so erweitert, daß wir es innerhalb der Erdenaura selber finden. Und das Ereignis, bei dem Ahura Mazdao, die große Aura, heruntergestiegen ist auf die Erde, sehen wir, wenn wir auf dem Boden der wahren Geisteswissenschaft stehen, in dem, was sich zugetragen hat durch den Christus-Impuls, der sich auf der Erde in den Ereignissen von Palästina abgespielt hat.
[ 30 ] When we look back on [Zarathustra’s] time and the development of humanity, we see that the two are in harmony with one another. What Zarathustra saw behind the physical sun could, in his time, only be sought in the sun in outer space; but today it has expanded to such an extent that we find it within the Earth’s aura itself. And the event in which Ahura Mazdao, the great aura, descended to Earth—when we stand on the ground of true spiritual science—we see it in what took place through the Christ impulse, which unfolded on Earth in the events of Palestine.
[ 31 ] Wir können vom Standpunkt der Geisteswissenschaft aus verstehen, was Zarathustra einstmals zu seinen Schülern sagte: Ich will reden; nun kommt und höret mir zuihr, die ihr von fern und nah Verlangen darnach tragt —, jetzt will ich reden und nicht mehr soll der, welcher die Menschen mit bösem Willen durch seine Zunge zum Irrtum führt, die Menschheitsentwicklung vergiften können. Ich will reden von dem, was in der Welt der Gott mir geoffenbart hat, was er mir selber offenbart — er, der Große Ahura. Und wer meine Worte nicht hören will, wie ich sie meine, der wird Schlimmes erfahren, wenn die Kreise der Erdenentwicklung ihrer Vollendung entgegengehen werden. — Wenn Zarathustra so von dem Geist der Sonne sprach, dann sagen wir, die wir auf dem Boden der modernen Geisteswissenschaft stehen: Er sprach da von demselben Geist, der für seine Zeit nur im weiten Himmelsraume zu finden war, und heute finden wir ihn, wenn wir das Mysterium von der Entstehung des Christentums in seiner ganzen Wahrheit studieren, wie es hervorgegangen ist aus der mosaischen Religion. Gleichsam herabgestiegen aus der Sonne ist Ahura Mazdao, indem er sich fortentwickelt hat bis in die christliche Zeit herein, und die Christen nennen ihn den Christus. Und derjenige, der sich in alle Weltentwicklung einmischt, um den Fortgang der Menschheitsentwicklung, der herbeigeführt wird durch die große Kraft des Ahura Mazdao, aufzuhalten — das ist Ahriman.
[ 31 ] From the perspective of spiritual science, we can understand what Zarathustra once said to his disciples: I will speak; now come and listen to me, all of you who yearn for this from near and far—now I will speak, and never again shall he who, with evil intent, leads people astray with his tongue be able to poison the development of humanity. I will speak of what God has revealed to me in the world, of what He Himself reveals to me—He, the Great Ahura. And whoever does not wish to hear my words as I mean them will suffer greatly when the cycles of Earth’s evolution draw toward their completion. — When Zarathustra spoke thus of the Spirit of the Sun, we who stand on the ground of modern spiritual science say: He was speaking of the very same Spirit who, in his time, could be found only in the vast expanse of the heavens; and today, when we study the mystery of the origin of Christianity in its full truth—how it emerged from the Mosaic religion—we find him. Ahura Mazdao has, as it were, descended from the sun, having evolved all the way into the Christian era, and the Christians call him the Christ. And the one who intervenes in the entire course of world history to halt the progress of human development—which is brought about by the great power of Ahura Mazdao—is Ahriman.
[ 32 ] Zarathustra sah nicht etwa in so einseitiger Weise die Welt- und Menschheitsentwicklung, daß er hätte fragen können, wie mancher moderne Mensch es tut: Ja, wie kann ich denn eigentlich an einen allweisen, großen Gott glauben, wenn doch so viel Schlechtes in der Welt ist? Das wird ja heute allgemein ausgesprochen; man will nicht glauben an eine die Welt durchwebende und durchlebende Weisheit, wenn man so viel Schlimmes bemerken muß. Zarathustra spricht nicht so, und er führt auch seine Schüler dahin, daß sie nicht so sprechen. Zarathustra war sich klar, daß das dasein muß, was von Ahriman kommt, was als Gegnerschaft dasteht in allem Leben, und daß es gerade durch die Weisheit der Welt zugelassen sein muß, damit die Menschen, die eine Aufwärtsentwicklung durchmachen sollen, an dem Widerstand sich stärken und allmählich auch das Schlimme zum Guten führen können. Auf diese Weise wird eine höhere Entwicklung erreicht, als wenn der Mensch einfach bequem in alles Gute hereingesetzt wäre und nichts Schlimmes zu überwinden hätte.
[ 32 ] Zarathustra did not view the development of the world and humanity in such a one-sided way that he might have asked, as many modern people do: “Yes, how can I actually believe in an all-wise, great God when there is so much evil in the world?” That is, after all, a common sentiment today; people do not want to believe in a wisdom that permeates and animates the world when they are forced to observe so much evil. Zarathustra does not speak that way, and he also guides his disciples so that they do not speak that way. Zarathustra was fully aware that what comes from Ahriman—which stands as opposition in all life—must exist, and that it must be permitted precisely through the wisdom of the world, so that human beings, who are meant to undergo an upward development, may be strengthened by this resistance and gradually be able to transform the evil into good. In this way, a higher level of development is achieved than if human beings were simply placed comfortably in a world of goodness and had nothing evil to overcome.
[ 33 ] So wurde Ahriman von Zarathustra und von allen denen, die sich zu ihm bekannten, zwar als der Feind des Ahura Mazdao empfunden, aber als ein notwendiger Bestandteil der Weltenentwicklung. Wenn wir allerdings das innere Gefüge der Lehre des Zarathustra begreifen wollen, dann müssen wir auf einzelne Dinge aufmerksam machen, die ja heute bei den gescheiten Menschen, die so ganz glauben auf dem Boden der modernsten Weltanschauung zu stehen, recht sehr Ärgernis erregen können. Aber was hilft es, wenn man immer und immer wieder vorsichtig die Wahrheit verschweigen will? Man muß eintauchen in das zarathustrische Hellsehen und muß näher angeben, wie das ganze Gefüge des Denkens, das ich jetzt äußerlich charakterisiert habe, beschaffen war. Da muß man sich klar sein, daß Zarathustra einer jener Denker war, die, trotzdem sie freudig den Blick hingewendet haben nach der sinnlichen Welt, dennoch das Wahre in der geistigen Welt gesucht haben und im Grunde genommen [das Wesen] des ganzen Weltinhalts im Geistigen geschaut haben. Solche Mächte wie Ormuzd und Ahriman sind geistige Gewalten; sie stehen uns in der Welt als geistige Wesenheiten gegenüber.
[ 33 ] Thus, while Ahriman was perceived by Zarathustra and all those who professed their allegiance to him as the enemy of Ahura Mazda, he was also regarded as a necessary component of the world’s development. If, however, we wish to understand the inner structure of Zarathustra’s teaching, we must draw attention to certain aspects that today may well cause considerable offense among intelligent people who believe they stand firmly on the ground of the most modern worldview. But what good does it do to try, time and again, to cautiously conceal the truth? One must immerse oneself in Zarathustrian clairvoyance and describe in greater detail the nature of the entire structure of thought that I have now characterized in general terms. One must be clear that Zarathustra was one of those thinkers who, although they joyfully turned their gaze toward the sensory world, nevertheless sought the truth in the spiritual world and, in essence, beheld [the essence] of the entire content of the world in the spiritual realm. Powers such as Ormuzd and Ahriman are spiritual forces; they stand before us in the world as spiritual beings.
[ 34 ] Aber wie dachten solch hohe Geister wie Zarathustra angesichts dieser geistigen Mächte über das äußere Gefüge der Welt? So wie Zarathustra den Blick hinaufwendet zur Sonne und sagt: Das ist der äußere Körper einer geistigen Macht —, so sah er auf zum Sternenhimmel und zu allem, was der äußere, sinnliche Blick erfassen konnte, und er und seine Schüler empfanden das, was im Raum ausgebreitet war, wie eine Schrift, wie Symbole, wie Sinnbilder, die das Weben und Wesen der geistigen Mächte ausdrückten. Das ist außerordentlich wichtig. Nicht etwa so, wie man es heute mit dem materialistischen Sinn gewohnt ist, haben Zarathustra und seine Schüler hingeschaut auf die äußere Sternenwelt und nur durch den Raum laufende Kugeln gesehen, sondern sie haben in dieser Sternenwelt den Ausdruck für geistige Wesenheiten und geistige Vorgänge gesehen, und in der Anordnung der Sterne sahen sie die Symbole für das, was die geistigen Wesenheiten dahinter taten. Die Sternenwelt war ihnen eine Sternenschrift, die ihnen das ausdrückte, was dahinter vorging an Taten der geistigen Welt. Weder so wie der heutige materialistische Sinn, noch so wie die heutige materialistische Astrologie, die in den Sternen selber die Ursache der Menschheitsgeschicke sehen möchte, während sie doch nur Zeichen sind — weder in die eine noch in die andere Richtung ging das Denken des Zarathustra. Für ihn war das, was er in der Sternenschrift sehen konnte, so etwas wie für uns der Sinn eines Satzes, den wir mit Schriftzeichen zu Papier bringen. Kosmische Schriftzeichen waren ihm die Sterne. Und das, worauf es ihm ankam, das waren die geistigen Wesenheiten, die dahinter standen.
[ 34 ] But in light of these spiritual powers, how did such lofty spirits as Zarathustra view the outer structure of the world? Just as Zarathustra turns his gaze upward toward the sun and says: “That is the outer body of a spiritual power”—so he looked up at the starry sky and at everything that the outer, sensory gaze could grasp, and he and his disciples perceived what was spread out in space as a script, as symbols, as allegories that expressed the weaving and essence of the spiritual powers. This is extraordinarily important. Unlike the way we are accustomed to viewing the outer world of the stars today with a materialistic mindset—seeing only spheres moving through space—Zarathustra and his disciples saw in this world of the stars the expression of spiritual beings and spiritual processes, and in the arrangement of the stars they saw symbols of what the spiritual beings behind them were doing. The world of the stars was for them a celestial script that expressed to them what was taking place behind the scenes in the spiritual world. Neither in the manner of today’s materialistic mindset nor in the manner of today’s materialistic astrology—which seeks to see in the stars themselves the cause of humanity’s destinies, when in fact they are merely signs—did Zarathustra’s thinking go in either direction. For him, what he could see in the script of the stars was something like the meaning of a sentence to us, which we commit to paper with written characters. To him, the stars were cosmic characters. And what mattered to him were the spiritual beings standing behind them.
[ 35 ] Die höchsten geistigen Wesenheiten sah Zarathustra in Ormuzd und Ahriman. Sie gehörten für ihn zusammen, wenn auch der eine der Feind des anderen ist. Sie urständen sozusagen in einer einzigen, großen geistigen Wesenheit. Man kann diese Urwesenheit im Sinne der persischen Sprache Zaruana Akarana nennen oder, wie es oft ausgedrückt wird, die «in Herrlichkeit gehüllte Ewigkeit». Schwierig ist es für den heutigen Menschensinn, zu jener Höhe hinaufzudringen, auf der die Anhänger des Zarathustra standen und auf der sie das erfaßten, was dann erfaßt werden muß, wenn man Ormuzd und Ahriman in eins zusammenschauen will. Dazu kommt man am ehesten, wenn man sich bemüht, nach und nach zu der Vorstellung zu kommen: Wenn ich zurückblicke in der Zeit, weiter und weiter zurück, dann komme ich zu dem, was in der Vorzeit vorhanden war und wo die Ursachen der Gegenwart liegen. Auch ich selber komme aus dem, was sich herausentwickelt hat aus dieser Vergangenheitsströmung. Aber es gibt in der entgegengesetzten Richtung eine Zukunftsströmung, und wenn man sich dazu aufschwingen kann, zu sehen, daß die Zukunft etwas ist, was von der anderen Seite auf uns zukommt, dem wir entgegengehen, dann kommt man allmählich zu einem wahren Begreifen dessen, was Zarathustra als Einheit hinter Ormuzd und Ahriman sieht.
[ 35 ] Zoroaster saw the highest spiritual beings in Ormuzd and Ahriman. To him, they belonged together, even though one is the enemy of the other. They originated, so to speak, in a single, great spiritual being. In the Persian language, this primordial being can be called Zaruana Akarana or, as it is often expressed, “eternity shrouded in glory.” It is difficult for the modern human mind to ascend to that height where the followers of Zarathustra stood and where they grasped what must be grasped if one is to view Ormuzd and Ahriman as one. The best way to arrive at this is by striving, step by step, to arrive at the following idea: When I look back in time, farther and farther back, I arrive at what existed in antiquity and where the causes of the present lie. I, too, come from what has developed out of this stream of the past. But there is a stream of the future flowing in the opposite direction, and if one can rise to the level of seeing that the future is something coming toward us from the other side—something we are moving toward—then one gradually arrives at a true understanding of what Zarathustra sees as the unity behind Ormuzd and Ahriman.
[ 36 ] Stellen Sie sich eine gebogene Linie vor, nach vorn und hinten so verlaufend, daß sie einen kleinen Kreis bildet. Wenn Sie den Kreis größer nehmen, so ist die Linie weniger gebogen; machen Sie den Kreis noch größer, dann nähert sich die Linie immer mehr und mehr einer Geraden. Gehen Sie mit dem Durchmesser des Kreises nach der Unendlichkeit, dann wird der Kreisbogen allmählich eine Gerade, die ins Unendliche verläuft. So können wir jede Gerade, indem wir sie nach vorwärts und rückwärts verfolgen, annehmen als einen Kreis, der unendlich groß ist. Und so können wir auch sagen: Wenn wir zurückgehen in die Vergangenheit, so kommen wir an einen Punkt, wo die Vergangenheit mit der Zukunft sich zu einem Kreis zusammenschließt. Das ist die Ewigkeitsströmung, auf die Zarathustra hinwies — Zaruana Akarana. Vergangenheit und Zukunft haben sich verschlungen zum Ewigkeitskreis der Welt, und aus diesem abstammend der Gott der Sonne, des Lichtes, alles Guten — Ormuzd, Ahura Mazdao — und ebenso der Gott, an dessen Widerstand die guten Kräfte sich entwikkeln müssen — Ahriman —, beide hervorgehend aus der Schlange der Ewigkeit: Zaruana Akarana. Man muß sich nur in diese Ewigkeitsvorstellungen hineinfühlen, dann bekommt man etwas von der Stimmung, die bei denen verbreitet war, dieum Zarathustra waren, dann fühlt man etwas von der ganzen Größe der Empfindungen, die aus der Lehre des Zarathustra ausfließen, der bis heute in der Menschheit fortwirkt.
[ 36 ] Imagine a curved line extending forward and backward so that it forms a small circle. If you make the circle larger, the line becomes less curved; if you make the circle even larger, the line approaches a straight line more and more. If you let the diameter of the circle extend to infinity, the arc gradually becomes a straight line that extends into infinity. Thus, by tracing any straight line forward and backward, we can regard it as a circle that is infinitely large. And so we can also say: When we go back into the past, we come to a point where the past and the future merge into a circle. This is the flow of eternity to which Zarathustra referred—Zaruana Akarana. The past and the future have intertwined to form the circle of eternity of the world, and from this springs the god of the sun, of light, and of all that is good—Ormuzd, Ahura Mazdao—as well as the god against whose resistance the forces of good must develop—Ahriman—both emerging from the serpent of eternity: Zaruana Akarana. One need only immerse oneself in these concepts of eternity to gain a sense of the spirit that prevailed among those who gathered around Zarathustra; then one feels something of the full grandeur of the sentiments that flow from the teachings of Zarathustra, whose influence continues to resonate within humanity to this day.
[ 37 ] Und so etwa sagte Zarathustra zu seinem Schüler: Nun sieh einmal, jetzt hast du im Geiste eine Vorstellung von dem sich schließenden Weltenkreis, von dem einen Teil des Weltenkreises als der höheren Lichtmacht, Ahura Mazdao, und von dem anderen Teil als der finsteren Macht, Ahriman. Mit Sternenschrift ist das geschrieben, was wir jetzt so ausgesprochen haben, und mit Sternenschrift geschrieben siehst du diesen Kreis, der sich in sich selbst zusammenschließt als ein Symbolum von Zaruana Akarana: den Tierkreis, der sich um das Himmelsgewölbe schließt. Der ist das Symbolum des äußeren Weltenkreises, und wenn du auf der Erde stehst und den Blick zum Tierkreis wendest, so stelle dir die Sonne vor als den großen Ormuzd, durchschreitend diesen Kreis. Und was Taten des Lichtkreises sind, das zeigt sich dir als das Schaffensreich des Ormuzd, und was in der Nacht liegt, was in Finsternis getaucht ist für den Menschen und auf der anderen Hälfte der Erde steht, das ist das, was Ahriman symbolisiert. Die sieben Zeichen des Tierkreises auf der einen Seite im Tageslauf der Sonne und auf der anderen Seite die fünf Zeichen im Nachtlauf der Sonne: Das sind die Sinnbilder von Ormuzd und Ahriman.
[ 37 ] And so Zarathustra said to his disciple: “Now look—you have in your mind a conception of the closing circle of the world, of one part of that circle as the higher power of light, Ahura Mazdao, and of the other part as the dark power, Ahriman.” What we have just expressed is written in stellar script, and written in stellar script you see this circle, which closes in upon itself as a symbol of Zaruana Akarana: the zodiac, which encircles the vault of heaven. This is the symbol of the outer world circle, and when you stand on Earth and turn your gaze toward the zodiac, imagine the Sun as the great Ormuzd, traversing this circle. And what the deeds of the circle of light are, that appears to you as the realm of Ormuzd’s creation; and what lies in the night, what is shrouded in darkness for humankind and lies on the other half of the Earth—that is what Ahriman symbolizes. The seven signs of the zodiac on one side, in the Sun’s daytime course, and on the other side, the five signs in the Sun’s nighttime course: these are the symbols of Ormuzd and Ahriman.
[ 38 ] So wurden die Sterne empfunden als Schrift am Himmel für das, was Ormuzd und Ahriman waren. Man stellte sich solche Wesenheiten, die hinter der Sinneswelt stehen, so vor, daß sie hereinwirken in die menschliche Natur, aber man war sich dessen bewußt, daß sie nicht etwas Einheitliches waren, sondern daß es Teilgeister, Untergeister gab. Und in den einzelnen Zeichen des Tierkreises empfand man nun die Symbole für sieben oder sechs dienende Geister des Ormuzd. Das waren Untergeister, in der altpersischen Sprache Amshaspands genannt. Am besten ist die Übersetzung, die Goethe in seinem «Faust» gewählt hat, indem er gesagt hat:
[ 38 ] Thus, the stars were perceived as a script in the heavens revealing the nature of Ormuzd and Ahriman. People imagined these beings, which stand behind the sensory world, as influencing human nature, but they were aware that these beings were not a unified whole; rather, there were partial spirits and subordinate spirits. And in the individual signs of the zodiac, people now saw symbols for seven or six serving spirits of Ormuzd. These were subordinate spirits, called Amshaspands in the Old Persian language. The best translation is the one Goethe chose in his *Faust*, when he said:
Doch ihr, die echten Göttersöhne,
Erfreut euch der lebendig reichen Schöne!
But you, the true sons of the gods,
Rejoice in the living, rich, and beautiful one!
[ 39 ] Göttersöhne! Sechs — auf der Lichtseite des Zodiakus — hingen mit Ormuzd zusammen, die fünf anderen Geister, die Ahriman dagegenstellt, wurden Devs genannt. Merkwürdig klingt das an und zeigt den Gegensatz zum Indertum, zu dem, was die Inder als ihre höchsten Mächte verehrten, die Devas. Während für Zarathustra die höchsten geistigen Mächte im Durchdringen der Sinnenhülle gefunden werden — das sind die asurischen Mächte, die in der Außenwelt wirken —, so sind für die Inder diejenigen Mächte das Höchste, die man durch Hineingehen in das mystische Innere des Menschen findet. Die einfachste Erklärung dafür, daß das alte Indertum in den Devas das Höchste sah, die persische Religion dagegen etwas Gefährliches, und daß ferner die Inder in den Asuras etwas sahen, wovon sie nichts wissen wollten, während die Perser sie verehrten, ist diese: Im Sinne von Zarathustra sollte Abschied genommen werden von jener Welt, die auf das Innere allein baut, die für den Menschen verführerisch werden kann, wenn er nicht die äußere Sinneswelt ergreifen will. Daher wurde das Hineintauchen in das Innere, in die Welt der Devas, gerade für die Perser etwas Gefährliches, während diese für die Inder etwas vom Höchsten waren.
[ 39 ] Sons of the Gods! Six—on the side of light in the zodiac—were associated with Ormuzd; the five other spirits, whom Ahriman opposes, were called Devs. This sounds strange and highlights the contrast with Indian thought, with what the Indians revered as their highest powers, the Devas. While for Zarathustra the highest spiritual powers are found in penetrating the veil of the senses—these are the Asuric powers that operate in the outer world—for the Indians, the highest powers are those found by entering into the mystical inner realm of the human being. The simplest explanation for the fact that ancient Indian religion saw the Devas as the highest, whereas the Persian religion viewed them as something dangerous, and that, furthermore, the Indians saw in the Asuras something they wanted nothing to do with, while the Persians revered them, is this: In the spirit of Zarathustra, one was to turn away from that world which relies solely on the inner realm—a world that can become seductive to human beings if they refuse to engage with the outer world of the senses. Therefore, for the Persians in particular, delving into the inner realm—the world of the Devas—became something dangerous, whereas for the Indians, the Devas represented something of the highest order.
[ 40 ] So sind die fünf Geister des Ahriman symbolisiert durch die fünf finsteren Wintersternbilder des Tierkreises. Und so stehen zwölf geistige Wesenheiten da: Ormuzd mit seinen Dienern und Ahriman mit seinen Dienern. Wir müssen im Grunde genommen die Reiche des Ormuzd und des Ahriman so denken, daß diese zwölf [Geister] zusammenwirken in der geistigen Welt — Zaruana Akarana! Wie wirken sie? Indem sie der menschlichen Wesenheit das, was für Zarathustra der Ausdruck des Weltenzieles ist, mitteilen, indem sie das, was sie durch den Weltenraum strömen lassen, hineingießen in die menschliche Wesenheit. Zarathustra empfand, daß der Mensch, als eine kleine Welt, ein Zusammenfließen dessen ist, was als große Weltenkräfte im ganzen Weltenraum ausgebreitet ist. So empfand er. Daher müßte man es eigentlich nur natürlich finden, daß Zarathustra nicht das [am Menschen] sah, was heute durch Anatomie, Physiologie und so weiter am zergliederten Menschen gefunden wird. Die Zarathustra-Weisheit hat den Menschen nicht zergliedert, aber hellsichtiges Hineinschauen gab es, das zeigte, wie die geistigen Kräfte hereinwirkten in die Menschennatur und die Menschennatur zusammensetzten. Da sagt Zarathustra: Durch den Weltenraum wallen zwölf Kräfte, die ausgehen von den zwölf Geistern des Ormuzd und des Ahriman; die setzen den menschlichen Leib zusammen. Im menschlichen Leib drückt sich — wie ein Siegelabdruck — im Kleinen das aus, was in der großen Welt ausgebreitet ist in den Amshaspands, den Göttersöhnen. Da drinnen wirkt es weiter als Strömungen von außen.
[ 40 ] Thus, the five spirits of Ahriman are symbolized by the five dark winter constellations of the zodiac. And so there stand twelve spiritual beings: Ormuzd with his servants and Ahriman with his servants. Essentially, we must conceive of the realms of Ormuzd and Ahriman in such a way that these twelve [spirits] work together in the spiritual world—Zaruana Akarana! How do they work? By communicating to the human being what, for Zarathustra, is the expression of the world’s purpose; by pouring into the human being that which they allow to flow through the cosmos. Zarathustra perceived that the human being, as a small world, is a confluence of what is spread throughout the entire cosmos as great cosmic forces. That is how he perceived it. Therefore, one should actually find it only natural that Zarathustra did not see in the human being what is found today in the dissected human body through anatomy, physiology, and so on. The wisdom of Zarathustra did not dissect the human being, but there was a clairvoyant insight that revealed how the spiritual forces acted upon human nature and composed it. Thus Zarathustra says: Twelve forces surge through the cosmos, emanating from the twelve spirits of Ormuzd and Ahriman; these compose the human body. In the human body—like a seal impression—is expressed on a small scale what is spread out in the great world among the Amshaspands, the sons of the gods. Within it, this continues to work as currents from outside.
[ 41 ] Was meint eigentlich der Zarathustra-Schüler mit dem, was da drinnen weiterwirkt? Was ich jetzt sagen muß, ist etwas Ärgerliches für die moderne Wissenschaft. Die neuere Wissenschaft hat in ihrer Art das wiedergefunden, was da als die zwölf Ströme hereinfließt, was den Menschen zu einem Wesen macht, das hinaufstreben kann in die geistige Welt, das ein Gehirn, einen Verstand haben kann; sie hat es wiedergefunden in den zwölf Hauptnerven des Kopfes. Aber das ist ein Ärgernis für diemoderne Wissenschaft, fast schon hellster Wahnsinn, wenn man sagt, daß diese zwölf Nerven die kristallisierten, verdichteten Strömungen sind, die die zwölf Amshaspands nach Zarathustra in den menschlichen Organismus hineinleiteten. Und so tritt uns in der materialistischen Forschung in bezug auf den Menschen konzentriert entgegen, was Zarathustra — die leuchtende, hellsehende Persönlichkeit, als geistiges Geheimnis offenbarte. Damals sah man, worauf es ankam, im Geiste. Und unserer Zeit kommt es zu, im Materiellen zu sehen, was gleichsam das verdichtete Geistige ist.
[ 41 ] What exactly does the disciple of Zarathustra mean by “what continues to work within”? What I must say now is something troubling for modern science. Modern science has, in its own way, rediscovered what flows in there as the twelve currents—what makes human beings capable of aspiring to the spiritual world, of possessing a brain and an intellect—and has rediscovered it in the twelve main nerves of the head. But this is a source of irritation for modern science—almost sheer madness—when one says that these twelve nerves are the crystallized, condensed currents that, according to Zarathustra, the twelve Amshaspands channeled into the human organism. And so, in materialistic research concerning human beings, we are confronted in concentrated form with what Zarathustra—that luminous, clairvoyant personality—revealed as a spiritual mystery. In those days, people saw in the spirit what was essential. And it falls to our time to see in the material realm what is, as it were, the condensed spiritual.
[ 42 ] Weiter sagte Zarathustra seinen Schülern: Ja seht ihr, so wie heute der Mensch durch seine Geistigkeit, die an das Gehirn gebunden ist, hinaufstrebt in eine höhere Welt, zu einer höheren Entwicklung, so hat er in früheren Zeiten nach etwas anderem gestrebt. So wie heute der Mensch verbunden ist mit Ahura Mazdao, war er einstmals gebunden an die Mondenentwicklung. — Das ist auch etwas Ärgerliches für die moderne Wissenschaft. Dennoch ist es eine geisteswissenschaftliche Wahrheit. Diese Mondenentwicklung drückt sich in einer weiteren Verdichtungsstufe der Geistigkeit aus. Da wirkten niedrigere Geister herein. Wie die zwölf großen Amshaspands in den Menschen hineinwirkten, so hatten davor andere geistige Wesenheiten eine niedrigere geistige Tätigkeit bewirkt. Heute würden wir sagen: Wenn der Mensch nachdenkt, so ist das eine höhere geistige Tätigkeit; wenn er nur reflexhaft eine Mücke vom Gesicht wegjagt, ohne nachzudenken, so ist das eine niedrigere Tätigkeit. Diese niedrigeren Tätigkeiten sehen wir zusammenhängend mit den Nerven, die ihren Mittelpunkt im Rückenmark haben. Was so hereinragte in die menschliche Organisation als niedrigere Tätigkeit, das schrieb Zarathustra einer früheren geistigen Einströmung zu.
[ 42 ] Zarathustra went on to say to his disciples: “Yes, you see, just as today human beings, through their spirituality—which is bound to the brain—strive upward toward a higher world and a higher stage of development, so in earlier times they strove for something else. Just as human beings today are connected to Ahura Mazdao, they were once bound to the lunar evolution. — This is also a source of frustration for modern science. Nevertheless, it is a truth of spiritual science. This lunar evolution is expressed in a further stage of spiritual densification. Lower spirits were at work there. Just as the twelve great Amshaspands worked within human beings, so too had other spiritual beings previously brought about a lower form of spiritual activity. Today we would say: When a person thinks, that is a higher spiritual activity; when they merely swat a mosquito away from their face reflexively, without thinking, that is a lower activity. We see these lower activities as connected to the nerves, which have their center in the spinal cord. Zarathustra attributed what thus permeated the human organism as a lower activity to an earlier spiritual inflow.
[ 43 ] Er sagte, daß den zwölf großen Geistern 28 andere gegenüberstünden, die er Izeds nannte. Diese wirkten in die menschliche Leiblichkeit hinein und konstituierten sie. Er sagte weiter, das schließe eine gewisse Unregelmäßigkeit ein, indem die Mondregierung durch die Sonnenregierung abgelöst worden sei. Es kämen zu den 28 Izeds, die den 28 Mondtagen entsprechen, noch drei hinzu, die sich durch den [längeren] Sonnengang einfügten — bis zu drei unregelmäßig eingeschobene Tage. So kann man 28 bis 31 Izeds zählen. Da kommen wir dem nahe, was die neuere Wissenschaft als diese Izeds hat: Es sind die 28 bis 31 zum Rückenmark laufenden Nerven im Menschen — das sind die kristallisierten Izeds. So sehen Sie in der menschlichen Anatomie die Zarathustra-Weisheit sozusagen kristallisiert. Niemals wäre man darauf gekommen, das menschliche Denken so zu lenken, daß es in der Art hätte forschen und suchen können, wie es heute forscht, wenn nicht Zarathustra den Einschlag dazu gegeben hätte.
[ 43 ] He said that the twelve great spirits were counterbalanced by 28 others, whom he called Izeds. These influenced human physicality and constituted it. He went on to say that this entailed a certain irregularity, in that the lunar government had been replaced by the solar government. In addition to the 28 Izeds, which correspond to the 28 lunar days, there are three more that are inserted due to the [longer] solar cycle—up to three irregularly inserted days. Thus, one can count 28 to 31 Izeds. This brings us close to what modern science identifies as these Izeds: they are the 28 to 31 nerves running to the spinal cord in humans—these are the crystallized Izeds. Thus, in human anatomy, you see the wisdom of Zarathustra crystallized, so to speak. No one would ever have thought to direct human thought in such a way that it could research and seek in the manner it does today, had Zarathustra not provided the impetus for it.
[ 44 ] Er hat hingewiesen auf höhere geistige Mächte, welche hereinstrahlten in den Menschen. Und insofern diese Amshaspands waren, wurden sie in der leiblichen Organisation des Menschen zu den zwölf Gehirnnerven, insofern sie Izeds waren, wurden sie zu Rückenmarksnerven. Das ist etwas, was nun noch verdrehter erscheint als das, was ich gestern über die Wiederverkörperung gesagt habe. Es ist aber etwas, was man allmählich anerkennen wird, nämlich daß die Menschheit ausgegangen ist von einer geistigen Weltanschauung und dann erst herabgestiegen ist zum Materialismus. Man wird allmählich einsehen, wie nützlich es ist, den Blick wieder emporzurichten zu jenen großen Genien, die es gewissermaßen als Mission angesehen haben, den Menschen ein geistiges Gut mitzugeben, das wiederum herausführen kann aus dieser Sinneswelt. Die Menschheit ist von dem, was sie früher im Geiste erschaut hat, herabgestiegen zu den sinnlichen Dingen.
[ 44 ] He referred to higher spiritual forces that shone into human beings. Insofar as these were Amshaspands, they became the twelve cranial nerves in the physical organization of the human being; insofar as they were Izeds, they became the spinal nerves. This is something that now seems even more far-fetched than what I said yesterday about reincarnation. But it is something that people will gradually come to recognize, namely, that humanity originated from a spiritual worldview and only later descended into materialism. People will gradually come to see how useful it is to turn their gaze once more toward those great geniuses who, in a sense, regarded it as their mission to endow humanity with a spiritual treasure that can lead us out of this sensory world. Humanity has descended from what it once beheld in the spirit to sensory things.
[ 45 ] Nun, heute sind die Menschen nicht geneigt, so etwas anders als eben ärgerlich zu finden, aber doch nur, weil man gewisse Dinge leicht vergißt. So wird zum Beispiel jeder sagen: Wie sollen wir uns denn eigentlich, nachdem Kepler seine Gesetze gefunden hat, das Weltengebäude anders vorstellen als eine Summe von rein mechanischen Vorgängen? — Nun, man sollte sich nur erinnern, daß Kepler gerade durch eine geistige Weltanschauung zu seinen Gesetzen gekommen ist und den Ausspruch getan hat: So habe ich denn die heiligen Gefäße der ägyptischen Geheimnisse heraufgetragen nach dem Norden und sie in die Sprache der Gegenwart umgesetzt. — Diejenigen, die wirklich große Kulturträger waren, wußten anzuknüpfen an die Zeit, wo man noch hineingeschaut hat in die geistige Welt. So steht Zarathustra im Grunde genommen vor uns als derjenige, der in seiner geistigen Weltanschauung die Mission empfindet, hinzudeuten auf den Menschen, der im physischen Leib das Werkzeug hat für seine Arbeit in der Welt, der aber noch mit geistigen Mitteln darauf hindeutet. Daher ist Zarathustra so ungeheuer bedeutsam. Man spricht von ihm immer im Zusammenhang mit dem ganzen äußeren Leben des Volkes, in das er hineinversetzt war.
[ 45 ] Well, today people are not inclined to view such things as anything other than annoying, but that is only because certain things are easily forgotten. For example, everyone will say: Now that Kepler has discovered his laws, how are we supposed to conceive of the structure of the universe as anything other than a sum of purely mechanical processes? — Well, one need only recall that Kepler arrived at his laws precisely through a spiritual worldview and made the following statement: “Thus I have carried the sacred vessels of the Egyptian mysteries up to the North and rendered them into the language of the present.” — Those who were truly great bearers of culture knew how to build upon the time when people still looked into the spiritual world. Thus, Zarathustra stands before us, in essence, as the one who, in his spiritual worldview, feels a mission to point toward the human being who, in the physical body, has the instrument for his work in the world, but who still points to it through spiritual means. That is why Zarathustra is so immensely significant. He is always spoken of in connection with the entire external life of the people into which he was placed.
[ 46 ] Es ist tief bedeutsam, daß die Legende so wunderbar erzählt, wie dieses Volk, in dem Zarathustra gelebt hat, aus dem Norden heruntergewandert ist. Die Legende, die wahrer ist als die Geschichte, erzählt uns folgendes: Dieses Volk hat einstmals weit im Nordwesten jener Gegenden gelebt, in die es später eingezogen ist. Bevor Zarathustra dort gewirkt hat, da war es einstmals in diesen Ländern des Nordwestens, wo es leben konnte, weil die Verhältnisse dort günstige waren. Dann aber traten merkwürdige Veränderungen ein — so erzählt die Legende: Es kamen Winter, die zehn Monate dauerten; das Volk konnte dort nicht mehr bleiben, und König Dschemschid führte es fort [in südlichere Gebiete]. Er bekam [von Ahura Mazdao] einen goldenen Dolch, den er an verschiedenen Orten in die Erde hineinstieß. Dadurch wuchs das Getreide in jenen Gegenden, und das Volk siedelte sich dort an.
[ 46 ] It is deeply significant that the legend so wonderfully recounts how this people, among whom Zarathustra lived, migrated down from the north. The legend, which is truer than history, tells us the following: This people once lived far to the northwest of the regions into which they later migrated. Before Zarathustra carried out his work there, they had once lived in these northwestern lands, where they were able to survive because conditions there were favorable. But then, according to the legend, strange changes occurred: Winters came that lasted ten months; the people could no longer remain there, and King Dschemschid led them away [to more southerly regions]. He received [from Ahura Mazdao] a golden dagger, which he thrust into the earth at various locations. As a result, grain grew in those regions, and the people settled there.
[ 47 ] Wenn wir das, was uns in dieser Legende erzählt wird, in nüchternste Wahrheit umsetzen, so müssen wir sagen: Dieses Volk, in das Zarathustra hineingeführt wurde, war als Volk darauf angewiesen, die Erde zu bebauen; es war darauf angewiesen, die wirkliche Arbeit des Lebens mit seinen Händen anzugreifen. Die Mission des Zarathustra für dieses Volk ist zwar zunächst die Verbreitung einer geistigen Weisheit, aber sie ist zugleich eine Hinlenkung auf die unmittelbare Sinneswirklichkeit. Daher kommt ihre Abwendung von jener Weltanschauung, die nichts wissen will von einer Arbeit, die in der Sinneswelt verrichtet werden muß, und die das, worauf der Hände Arbeit gerichtet sein soll, als Maja empfindet. Nein, für die Menschen, die den Zarathustra als Lehrer hatten, für die war der Erdboden keine Maja. Er war so, wie er war, eine Wirklichkeit.
[ 47 ] If we translate what is told to us in this legend into the most sober truth, we must say: This people, among whom Zarathustra was led, depended as a people on cultivating the earth; they depended on tackling the real work of life with their own hands. Although Zarathustra’s mission for this people is, at first, the dissemination of spiritual wisdom, it is at the same time a turning toward immediate sensory reality. Hence their turning away from that worldview which wants nothing to do with work that must be performed in the sensory world, and which perceives that which the work of the hands is meant to address as Maya. No, for the people who had Zarathustra as their teacher, the earth was not Maya. It was, just as it was, a reality.
[ 48 ] Und er war eine Wirklichkeit, die immer höher und höher geführt werden sollte, indem man dem Erdboden seine Früchte abgewann. Indem man arbeitete, verband man sich mit dem, was Ormuzd wollte. Arbeit war Dienst an Ormuzd. Und es fühlte ein jeglicher die Zarathustra-Stimmung in seinen Adern, wenn er den Boden bearbeitete: Ich darf mich der Stimmung nicht überlassen, die mich hinführt zu einer Sehnsucht nach einer anderen Welt; nein, hier will ich ein Diener des Ormuzd sein. Indem ich den Spaten in die Erde stoße, arbeite ich als Diener des Ormuzd. Und der Mensch hat in Wahrheit hier auf der Erde zu leben. Daher lebte auch in jenen, die die Anhänger des Zarathustra waren, gerade der hehrste, der schönste Glaube an die Wahrheit und Wahrhaftigkeit, an die sittliche Reinheit. Und das gehört zu den schönsten Einschlägen, die mit der Mission des Zarathustra verbunden sind, daß der Sinn für Wahrheit und Wahrhaftigkeit — wegen dieser Verbindung mit der äußeren Welt, in der man Sinn für Wahrheit braucht — sich ausbildete.
[ 48 ] And he was a reality that was to be elevated higher and higher by drawing forth its fruits from the earth. Through work, one connected with what Ormuzd willed. Work was service to Ormuzd. And everyone felt the spirit of Zarathustra coursing through their veins as they tilled the soil: I must not give in to the mood that leads me to long for another world; no, here I want to be a servant of Ormuzd. As I drive the spade into the earth, I work as a servant of Ormuzd. And man must, in truth, live here on earth. That is why even among those who were followers of Zarathustra, the most noble and beautiful faith in truth and sincerity, in moral purity, lived on. And one of the most beautiful aspects associated with Zarathustra’s mission is that the sense of truth and sincerity—precisely because of this connection to the external world, where a sense of truth is needed—came into being.
[ 49 ] Und so sehen wir auch, daß unter alldem, was als etwas Schlimmes, zu Ahriman Gehörendes angesehen wurde — Trug, Lüge, Verleumdung — als die schlimmsten Untugenden in der Lehre des Zarathustra angesehen wurde. Im Grunde genommen ist vieles von dem, was die heutige Menschheit als die Tugend der Wahrhaftigkeit empfindet, als die Abscheu vor Trug, Lüge und Verleumdung, eine Folge von dem, was der Zarathustra-Schüler empfand. «Trug» ist sogar ein Wort, das in der Sprache der Perser für einen der bösesten der Devs geprägt worden ist. Was da durch die Mission des Zarathustra eingeflossen ist in die Menschen, das gehört, indem es sich wie ein geistiges Blut fortbewegte, heute noch zu den schönsten Gütern, die sich vom Osten nach dem Westen herüber ergossen haben und allmählich zu Bestandteilen der westlichen Menschheitskultur geworden sind.
[ 49 ] And so we also see that among all that was regarded as evil and belonging to Ahriman—deception, lies, slander—these were considered the worst vices in the teachings of Zarathustra. Essentially, much of what modern humanity perceives as the virtue of truthfulness—the abhorrence of deceit, lies, and slander—is a consequence of what the disciples of Zarathustra felt. “Deceit” is even a word that was coined in the Persian language to describe one of the most evil of the Devas. What was instilled in people through Zarathustra’s mission—moving like spiritual blood—still belongs today to the most beautiful treasures that have flowed from the East to the West and have gradually become integral parts of Western human culture.
[ 50 ] So war der Blick des Zarathustra und seines Volkes gerichtet auf die äußere Wirklichkeit, aber so, daß hinter derselben die geistige Welt gesucht wurde. In dieser geistigen Welt hoffte der Mensch seine Auferstehung, seine dereinstige Verbindung mit dem Ahura Mazdao zu finden, wenn er sich hindurchgearbeitet hatte durch die Welt der Sinnlichkeit. Eine Auferstehungsreligion, eine erste Auferstehungsreligion ist die Lehre des Zarathustra. Und so wurde sie eine Weltanschauung, die mit Freundlichkeit, mit Liebe und Wohlwollen auf das hinblickte, was weiter südwärts nur als Maja angesehen wurde. Es entwickelte sich innerhalb der Zarathustra-Religion das, was Instinkte für die Wirklichkeit waren, für die Arbeit an der Wirklichkeit und für den Zusammenhang mit der Wirklichkeit. Daher gab es in dieser Religion nicht jenen Hang, den Leib zu kasteien, so daß der Geist möglichst leicht aus ihm herauskam, sondern es lebte in ihr jener Instinkt, der den Leib so gestalten will, daß die Sinne so fein wie möglich und das Denken so scharf wie möglich werden können. Und das mußte sich zum Instinkt entwickeln. Und so sieht man eine wunderbare Summe von gesunden Lebensregeln sich entwickeln, von so gesunden Regeln bis ins Essen hinein, daß später Plato gerade in dieser Beziehung bewundernd vor der Zarathustra-Religion stand.
[ 50 ] Thus, the gaze of Zarathustra and his people was directed toward external reality, but in such a way that they sought the spiritual world beyond it. In this spiritual world, man hoped to find his resurrection—his future union with Ahura Mazda—once he had worked his way through the world of the senses. The teaching of Zarathustra is a religion of resurrection, the first religion of resurrection. And so it became a worldview that looked with kindness, love, and goodwill upon what, further south, was regarded merely as Maya. Within the Zoroastrian religion, there developed what amounted to instincts for reality, for working with reality, and for connection with reality. Therefore, this religion did not have that tendency to mortify the body so that the spirit might emerge from it as easily as possible; rather, it was animated by the instinct that seeks to shape the body in such a way that the senses may become as refined as possible and thought as sharp as possible. And this had to develop into an instinct. And so one sees a wonderful collection of healthy rules for living develop—rules so sound, even extending to diet—that later Plato came to admire the religion of Zarathustra precisely in this regard.
[ 51 ] Ja, wie lange man die Mission des Zarathustra zu schätzen wußte — bis die materialistische Zeit dies unmöglich machte —, das können wir daraus entnehmen, daß gesagt wurde, Pythagoras habe die Geometrie gelernt von den Ägyptern, die Astronomie von den Chaldäern, andere Wissenschaften von den Griechen, aber die Götterverehrung und die Weisheitsregeln über die Natur habe er von den Magiern der Zarathustra-Religion gelernt. Man verehrte also in den Nachfolgern des Zarathustra, die man die Magier nennt, jene Menschen, die etwas davon verstanden, wie man hindurchblickt durch die Sinneswelt ins Geistige, die wußten, daß man nicht durch bloß mystische Vertiefung ins eigene Innere zum Geistigen kommt, sondern wie man den äußeren Sinnesteppich durchsichtig macht. Kurz, jene, die von Pythagoras sagten, daß er die Götterverehrung von Zarathustra gelernt habe, sahen in den Anhängern der Zarathustra-Religion — wenn ich mich so ausdrücken darf — «Fachleute» mit dem richtigen Aufblick zu der geistigen Welt, mit der richtigen Götterverehrung. So hat man von dem gedacht, was Zarathustra der Menschheit gegeben hat. Es wird aber die Zeit kommen, wo man wieder in Verehrung zu Zarathustra aufblicken wird, und zwar dann, wenn man durch die Geisteswissenschaft die Möglichkeit gewinnen wird, eine solche große Geistigkeit zu verstehen, wie sie in Zarathustra zu finden ist.
[ 51 ] Yes, we can infer how long people appreciated Zarathustra’s mission—until the materialistic age made this impossible—from the fact that it was said that Pythagoras had learned geometry from the Egyptians, astronomy from the Chaldeans, and other sciences from the Greeks, but he had learned the worship of the gods and the rules of wisdom concerning nature from the Magi of the Zoroastrian religion. Thus, the followers of Zarathustra—known as the Magi—were revered as people who understood how to look through the sensory world into the spiritual realm; they knew that one does not reach the spiritual merely through mystical immersion in one’s own inner world, but rather by making the outer tapestry of the senses transparent. In short, those who said of Pythagoras that he had learned the worship of the gods from Zarathustra saw in the followers of the Zarathustrian religion—if I may put it this way—“experts” with the correct outlook toward the spiritual world, with the correct worship of the gods. This is how people have viewed what Zarathustra gave to humanity. But the time will come when people will once again look up to Zarathustra in reverence—namely, when, through spiritual science, they gain the ability to understand such great spirituality as is found in Zarathustra.
[ 52 ] Es ist nützlich und bedeutsam, den Blick zurückzuwenden zu den Ausgangspunkten der Menschheitskulturen. Wenn wir das tun, dann wird zu jenen leuchtenden Gestalten, auf die wir zurückschauen, um zu sehen, wie wir eigentlich geworden sind und wie unsere heutige Kultur allmählich entstanden ist, immer auch derjenige gehören, der da war der «Goldstern» — Zoroaster, Zarathustra, denn man kann mit einigem Recht diesen Ehrennamen übersetzt als «Goldstern» wiedergeben. Gold ist immer als ein Symbol für die Weisheit angesehen worden, und die Weisheit war für die Anhänger des Zarathustra etwas lebendig Wirksames, nicht eine abstrakte, tote Wissenschaft. Es ist deshalb eine ungeheure Verirrung, wenn Leute glauben, daß die Amshaspands für Zarathustra und seine Anhänger abstrakte Ideen gewesen seien. Wer nur schon einen Blick hineinwirft [in diese Kulturströmung], der muß sich sagen, daß damit lebendige Geister gemeint waren.
[ 52 ] It is useful and significant to look back to the origins of human cultures. When we do so, among those luminous figures we look back upon—to see how we actually came to be and how our present-day culture gradually emerged—there will always be the one who was the “Golden Star”—Zoroaster, Zarathustra, for one can, with some justification, translate this honorary title as “Golden Star.” Gold has always been regarded as a symbol of wisdom, and for the followers of Zarathustra, wisdom was something alive and active, not an abstract, lifeless science. It is therefore a tremendous misconception when people believe that the Amshaspands were abstract ideas for Zarathustra and his followers. Anyone who even takes a brief look [at this cultural movement] must conclude that it referred to living spirits.
[ 53 ] Die Anhänger Zarathustras fühlten, daß in ihm wie ein Siegelabdruck die Wahrheit der lebendigen, den Raum durchwebenden Geistigkeit lebte, wenn er von den Geistern in sich selber sprach, zum Beispiel von «Vahumano», von der Gesinnung, die den Menschen hinaufzieht zu der geistigen Welt, die hinter dem Teppich der Sinneswelt liegt. Sie verstanden, was Zarathustra aus dem Quellbronn seiner Seele der Menschheit zu geben hatte, wenn sie von ihm hörten: Es kann alles das, was als Lichtgeist, als die Licht- und Feuermacht die Welt durchwebt und durchlebt, hereinwirken in den Menschen und im Menschen [ein inneres Feuer] entzünden. Was da ausgebreitet ist im Raum, kann sich sammeln in einem Mittelpunkt, so daß der Mensch sich hineingestellt fühlt in den Makrokosmos. Und indem die Zarathustra-Schüler hinaufblicken zu dem Geist des Makrokosmos, sagen sie: In uns erklingt etwas wie ein Echo dessen, was uns als Geheimnis [aus dem Makrokosmos] zufließt. Wir empfinden in uns, was die Lichtmacht — das in Herrlichkeit [gehüllte Wesen] — in uns werden kann, wenn wir in uns erklingen lassen, was von allen Seiten auf uns zuströmt. — Das, was sie da im Innern erlebten, nannten die Schüler «Ahuna Vairja», woraus später «das Wort», «der Logos» geworden ist. Und das wurde empfunden wie ein in der Seele sich loslösendes Gebet, das demutsvoll zurückströmt zu den Weltengeheimnissen — wie ein lebendiges Echo, das der Mensch als ein Gebet in die Weltenräume nach allen Seiten wie ein Abbild des Urlichtes hinaussenden kann.
[ 53 ] The followers of Zarathustra sensed that the truth of the living spirituality that weaves through space lived within him like a seal impression whenever he spoke of the spirits within himself—for example, of “Vahumano,” of the disposition that draws human beings upward toward the spiritual world that lies beyond the veil of the sensory world. They understood what Zarathustra had to offer humanity from the wellspring of his soul when they heard him say: Everything that weaves through and permeates the world as the spirit of light, as the power of light and fire, can work its way into human beings and kindle [an inner fire] within them. What is spread out in space can gather at a central point, so that the human being feels placed within the macrocosm. And as the disciples of Zarathustra look up to the spirit of the macrocosm, they say: Within us resounds something like an echo of what flows to us as a mystery [from the macrocosm]. We sense within ourselves what the power of light—the being [clothed in glory]—can become within us when we allow what flows toward us from all sides to resound within. —What they experienced there within, the disciples called “Ahuna Vairja,” which later became “the Word,” “the Logos.” And this was experienced as a prayer breaking free within the soul, humbly flowing back to the mysteries of the worlds—like a living echo that a human being can send out into the spaces of the worlds in all directions as a prayer, like a reflection of the Primordial Light.
[ 54 ] Nur wenn man imstande ist zu verstehen, daß Zarathustra, der leuchtende Geist, solche erhabenen Gefühle bei seinen Schülern und durch diese bei einem großen Teil der Nachwelt bis in unsere Zeit herein hervorzurufen vermochte, dann fühlt man etwas von der Mission des Zarathustra. Nicht kann sie gefühlt werden, wenn man nur auf Dogmen, auf Namen hinweist, sondern nur, wenn man die lebendige Kraft der Empfindungen fühlt, die sich entzündet im lebendigen Zusammenwirken zwischen Ahura Mazdao und dem den Raum erfüllenden Licht und dem Logos, dem heiligen Wort, das als Echo aus dem Urlicht herausströmt. Wenn man diese Wechselwirkung empfindet und die welthistorische Mission des Zarathustra versteht, dann blickt man in der richtigen Weise zurück auf jene Wesenheit, die etwa 5000 Jahre vor Christus in einem Menschenleib verkörpert war und wesentlich geworden ist für die ganze Menschheit.
[ 54 ] Only when one is able to understand that Zarathustra, the radiant spirit, was able to evoke such sublime feelings in his disciples—and through them, in a large part of posterity right up to our own time—can one begin to grasp something of Zarathustra’s mission. It cannot be grasped by merely pointing to dogmas or names, but only by sensing the living power of the feelings that are kindled in the living interplay between Ahura Mazdao and the light that fills space, and the Logos, the sacred Word that flows forth as an echo from the Primordial Light. When one senses this interaction and understands Zarathustra’s mission in world history, then one looks back in the right way upon that being who, some 5,000 years before Christ, was incarnated in a human body and became essential for all of humanity.
[ 55 ] Was Zarathustra für die Menschheit war und welches seine Mission war, das sollte heute mit einigen Worten angedeutet werden. Es sollte hingewiesen werden darauf, daß Zarathustra zu den großen Führern der Menschheit gehört, die immer aufs neue von Epoche zu Epoche die alten, die gegenwärtigen und die zukünftigen Wahrheiten verkünden, die für den Menschen Trost und Sicherheit und Kraft geben in allen Lagen des Lebens. Und das können wir zusammenfassen in den Worten:
[ 55 ] What Zarathustra meant for humanity and what his mission was should be briefly outlined here. It should be noted that Zarathustra is one of the great leaders of humanity who, time and again, from one epoch to the next, proclaim the ancient, present, and future truths that give people comfort, security, and strength in all circumstances of life. And we can summarize this in the words:
Es sprechen zu dem Menschensinn
Die Dinge in Raumesgrenzen
Sie wandeln sich im Zeitenlauf.
Es lebt die Menschenseele
Durch Raumesweiten
Unbegrenzt und unversehrt durch Zeitenlauf.
Sie findet in dem Geistgebiet
Des eignen Wesens tiefsten Grund.
They speak to the human mind
The things within the bounds of space
They change as time passes.
The human soul lives
Through the vastness of space
Boundless and unharmed through the passage of time.
It finds in the realm of the spirit
The deepest foundation of its own being.
