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Erkenntnis und Unsterblichkeit
GA 69b

11 Dezember 1910, München

8. Zarathustra, seine Lehre und seine Mission

[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Es ist in vieler Beziehung heute schon außerordentlich schwierig, mit einem gewissen Verständnis einzudringen in [das Leben und das Wirken von] Gestalten der Vergangenheit, die nicht allzuweit hinter uns liegt. Ganz besonders groß aber werden die Schwierigkeiten, wenn hineingeleuchtet werden soll in die Seelentiefen und in die Wirkungsweise von solchen Menschheitsindividualitäten, die in der allerallergrauesten Vorzeit — man möchte sagen in vorhistorischen Zeiten — mit ihrer Arbeit in die Kultur, in die Menschheitsentwicklung sich hineingestellt haben. Und eine solche Gestalt, eine solche Individualität soll heute vor unseren geistigen Blick treten in der ja oft genannten Gestalt des alten persischen Religions- und Weltanschauungsstifters Zarathustra, oder, wie man auch sagt, Zoroaster.

[ 2 ] Schon verhältnismäßig schwierig, sagte ich, ist es für unsere Gegenwart, sich wirklich objektiv in gar nicht so weit hinter uns liegendes Denken und Fühlen hineinzudenken. Man hat eben gerade heute außerordentlich stark das Gefühl, wenn man irgend etwas glaubt eingesehen zu haben und seine Erkenntnis als die Wahrheit ansieht, daß es in gewisser Weise die alleinseligmachende Wahrheit sei und daß alles andere eben falsch, im Grunde genommen Unsinn sei. Daß die Wahrheit und die menschlichen Erkenntnisse selber in Entwicklung begriffen sind, daß eine jede Epoche gezwungen ist, in ihrer Art die Weltenrätsel anzusehen und bis zu einem gewissen Grade zu lösen, daß über diese Weltenrätsel jede Epoche sozusagen eine andere Sprache führen muß — dafür hat man heute nicht viel Verständnis. Wir können uns nur der Hoffnung hingeben, daß sich die Nachkommen des heutigen Menschengeschlechtes zu diesem nicht so verhalten, wie wir uns so leicht zu den Vorfahren verhalten.

[ 3 ] Wer würde denn heute nicht von seinem strengen, sagen wir wissenschaftlichen Thron herab dekretieren, daß solch ein Geist wie Paracelsus, der so wenig lange vor uns wirkte, doch vollgepfropft war mit den Vorurteilen einer längst abgelaufenen Epoche, mit allerlei Urteilen, die natürlich heute längst überholt sind. Man denkt dabei gar nicht daran — was doch natürlich wäre —, daß das, was wir heute in bezug auf unsere Wissenschaft für scheinbar unumstößlich halten, ganz gewiß, wenn nach uns so viel Zeit verflossen sein wird wie zwischen Paracelsus und uns, ebenso korrigiert und bis zu einem gewissen Grad verwandelt sein wird, wie die paracelsischen Anschauungen durch die unsrigen verwandelt worden sind. Hoffen kann man nur, daß unsere Nachwelt gerechter sein wird als wir, daß sie wissen wird, daß die Wahrheit in einer Entwicklung begriffen ist und daß im Grunde genommen eine jede Art, die Wahrheit auszusprechen, nur eine Ausdrucksform ist für das, was wir Urwahrheit oder Urweisheit nennen möchten. Kurz, was wir Menschen Wahrheit nennen, ist in stetiger Umwandlung, und deshalb müssen wir das menschliche Wahrheitsstreben nur als in Entwicklung begriffen auffassen. Wenn man sich durchdringt mit einer solchen Anschauung und wenn wir uns fragen: Wie dachten unsere Vorfahren? Was kann uns heutigen Menschen an ihnen noch einen großen Eindruck auf unsere Seelen machen? —, dann wird man auch zu solchen Geistern einigermaßen vorurteilslos zurückblicken können, die so weit zurückliegen wie der große, der leuchtende Zarathustra.

[ 4 ] In bezug auf das Zeitalter, in welchem Zarathustra gelebt hat, waren sich die Menschen allerdings nie so recht einig. Es gibt heute sogar Gelehrte, die behaupten, daß Zarathustra wahrscheinlich gar nur sechs Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung gelebt habe; andere Gelehrte verweisen auf einen Zeitraum von 1000 Jahren vor unserer Zeitrechnung, und wieder andere gehen noch weiter zurück. Was Geisteswissenschaft durch ihre Forschungen zu sagen hat, das soll hier zunächst nur erwähnt werden, denn für uns soll es sich weniger darum handeln, bloß historische Tatsachen festzustellen, als darum, hineinzuleuchten in die Seele dieser großen Individualität. Deshalb soll es nur kurz erwähnt werden, daß die Geisteswissenschaft allerdings mindestens fünf Jahrtausende vor unsere Zeitrechnung zurückgehen muß — bis ins sechste Jahrtausend hinein sogar —, wenn sie mit dem nach rückwärts gewandten Blick diese leuchtende Gestalt des Zarathustra treffen will.

[ 5 ] Nun, wenn man auch streiten mag über das Zeitalter, in dem Zarathustra gelebt hat — streiten sollte man eigentlich nicht darüber, denn der Gang der menschlichen Kulturentwicklung spricht da eine zu deutliche Sprache, weil das, was sich an den Namen Zarathustra knüpft und was als Kulturströmung von Zarathustra ausgegangen ist, den tiefsten, bedeutsamsten, ja sogar außerordentlich lang andauernden Einfluß auf den Menschenfortschritt ausgeübt hat. Wenn wir allerdings hineinschauen wollen in diese Seele des Zarathustra, wenn wir die Mission erkennen wollen, die diese eigenartige Individualität im Menschheitsfortgang hatte, dann müssen wir Zarathustras Aufgabe in größerem Stile aufzufassen versuchen, dann müssen wir uns klarmachen, daß wir dem, was er war, nur dann näherkommen, wenn wir ihm eine Aufgabe allerersten Ranges in der Menschheitsentwicklung seit der großen atlantischen Katastrophe, wie sie die Geisteswissenschaft schaut, zuweisen. Von dieser Katastrophe wird ja mancherlei gesagt; von ihr berichten die religiösen Urkunden, die religiösen Traditionen aller Völker der Erde — die christliche Tradition spricht von ihr als der großen Sintflut.

[ 6 ] Wir können uns jetzt nicht näher einlassen auf die Zeit, in welcher diese Katastrophe hinweggefegt ist über unsere Erde; aber selbst die äußere, die geologische Wissenschaft wird heute immer mehr und mehr dazu getrieben anzuerkennen, daß eine solche große Katastrophe einmal [stattgefunden hat] und daß durch diese Katastrophe das Antlitz der Erde in gründlicher Art verändert worden ist. Wenn Geisteswissenschaft durch ihre Forschungen gezwungen ist zu erkennen, daß an der Stelle, wo heute der Atlantische Ozean ist, einmal Festland war, auf dem Menschen zu einer Zeit gelebt haben, in welcher die heutigen Kontinente von Asien, Afrika, Europa zum großen Teil noch unter Wasser waren, so darf gesagt werden, daß heute auch die Naturwissenschaft nicht mehr ganz weit entfernt davon ist zuzugeben, daß Fauna und Flora in den westlichen Gegenden Europas und den östlichen Gegenden Amerikas immerhin darauf hinweisen, daß zwischen dem Westen Europas und dem Osten Amerikas einmal Land war, das Meeresboden geworden ist durch Absenkung bei jener großen Katastrophe. Und daß unsere heutigen Kontinente sich wiederholt gehoben und gesenkt haben, ist selbst in geologischen Kreisen heute schon gebräuchliche Wahrheit geworden.

[ 7 ] Für die Geisteswissenschaft hängen solche großen Katastrophen, solche Veränderungen im Antlitz der Erde zusammen mit bedeutungsvollen Vorgängen innerhalb der Menschheitsentwicklung. Ich kann heute nur andeuten, was ich den Zuhörern meiner Vorträge schon bei früheren Gelegenheiten des Näheren ausgeführt habe. Ich kann nur andeuten, daß bei der Menschheit, die in jener Epoche auf dem atlantischen Kontinent gelebt hat, eine Seelenverfassung ganz anderer Art vorhanden war als bei den heutigen Menschen, die die Nachkommen jener alten Atlantier sind. Wenn wir kurz andeuten wollen, was für eine Kultur in jener Urzeit der Menschheit vorhanden war, so können wir diese Kultur in gewissem Sinne, wenn wir das Wort nicht mißbrauchen, eine «hellseherische Kultur» nennen. Nur darf das Wort «hellseherisch» nicht in dem Sinn mißbraucht werden, in dem es heute sehr, sehr häufig mißbraucht wird. Was soll uns dies sagen — «hellseherische Kultur»?

[ 8 ] Ja, wenn man vom Standpunkte der Geisteswissenschaft aus sprechen will, dann muß man schon ehrlich an die menschliche Entwicklung glauben, dann muß man schon ehrlich überzeugt sein von dieser menschlichen Entwicklung, dann darf man nicht bloß fasziniert sein von jener Entwicklung, von der die landläufigen Darwinisten heute sprechen. Wir blicken hin auf eine frühere Menschheit, die eine ganz andere Art von Erkenntnisund Seelenvermögen hatte. Wir können uns kurz eine Vorstellung bilden von dieser alten Seelenverfassung, wenn wir uns erinnern an das, was wie ein vererbter Rest aus jener Zeit zurückgeblieben ist im Traumbewußtsein, wo der Mensch Nachklänge des Tageslebens in Traumbildern sieht. Diese Traumbilder haben heute für uns keine Realität mehr; sie sind Nachklänge dessen, was am Tag erlebt wurde — irgendwelche bildlichen Darstellungen von dem oder jenem, was vorging. Das Traumbewußtsein aber, das ist wie eine alte Erbschaft, wie ein verblaßter Rest eines vorzeitlichen Menschheitsbewußtseins, als die Menschen ihre Umwelt nicht so unmittelbar geschaut und erkannt haben wie der heutige Mensch, der alles nur erkennt mit seinen Sinnen und mit dem Verstande, der an das Gehirn gebunden ist. Die Menschen aus jener Zeit schauten das, was ihnen Erklärung, Lösung von Rätseln gab, in für unsere heutige Auffassung abnormen Seelenzuständen — in Seelenzuständen, die zwischen unserem heutigen Wachen und Schlafen mitten drinnen liegen. Sie sahen mit einer Art Bilderbewußtsein, aber diese Bilder waren nicht wie unsere Traumbilder Phantasmen, sondern sie standen in einer eindeutigen Beziehung zu Realitäten. Der Mensch hat damals nicht in Begriffen und Ideen den Rätseln der Welt nachspekuliert, sondern er erlebte Zustände — für unsere heutige Auffassung abnorme Zustände —, worin Bilder auftauchten, die eben nicht Traumbilder waren, sondern die die Urgründe des Daseins abbildeten.

[ 9 ] Und diese Menschheit, die ein solches Bewußtsein hatte, besaß auch Führer und Lehrer, die dieses Bewußtsein zu einer ganz besonderen Höhe hinaufgeführt hatten und die — hellsichtig — ganz besonders tief hineinschauten in die geistigen Hintergründe des Daseins. Ich kann das heute nur einleitend erwähnen. Diese damaligen Lehrer, die hellsichtig die geistige Welt erschauten, verhielten sich zu der Menschheit etwa so, wie sich heute diejenigen verhalten, die im normalen Bewußtsein zu genialen Einblicken, Ideen und Begriffen kommen. Wie diese zur Gesamtmenschheit sich verhalten, so verhielten sich im Grunde genommen auch die alten, großen Hellseher, weil sie einen Begriff hatten vom Hineinschauen in die geistige Welt, weil sie ein natürliches Hellsehen hatten. Die Menschheitsentwicklung beginnt damit, daß die Menschheit wirklich ausgegangen ist von geistigen Ursprüngen. Unsere heutige Zeit hat nicht mehr viel Bewußtsein davon; es ist eigentlich dieses Bewußtsein [vom geistigen Ursprung der Menschen] verloren gegangen, trotzdem man in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung noch ein deutliches Bewußtsein von einer alten, vererbten Weisheit hatte, die von den Urvätern der Menschheit gekommen war und von denen nichts anderes übriggeblieben war als Traditionen, die von jenem alten hellsichtigen Hineinschauen in die geistige Welt hergenommen waren. Plato zum Beispiel redet von den Menschen des Kronos-Reiches, von denen er sagt, daß sie hineinschauen konnten in die geistige Welt und daß sie die Bewahrer der Urweltweisheit waren. Plato war sich bewußt, daß vieles von jener Weisheit einfach von Generation zu Generation übertragen worden war. Und Plato, der Philosoph, der es weit gebracht hatte in dem, was er selber erforschen konnte, hatte doch ein Bewußtsein davon, daß diese Urväterweisheit tiefer eindringen konnte in die Urgründe der Welt als alles, was er selbst durch die normalen Menschenkräfte seinen Schülern geben konnte. Auch bei anderen Denkern finden wir den größten Respekt vor der Urweltweisheit. Wir müssen diese Urweltweisheit in ihrer ursprünglichen Gestalt vor jener atlantischen Katastrophe suchen, die vorhin charakterisiert worden ist.

[ 10 ] Darin besteht nun die Entwicklung der Menschheit, daß in dieser nachatlantischen Epoche, in der wir heute leben, der Mensch nach und nach sozusagen hinschwinden sah diese Urweltweisheit, daß ihm das alte, elementare Hellsehen verloren ging, weil er den Sinn dafür ausbilden sollte, die Dinge durch äußere, sinnliche Wahrnehmungen zu beurteilen und in die Rätsel, soweit es geht, mit dem an das Gehirn gebundenen Verstande einzudringen. Kurzsichtige Menschen von heute werden natürlich glauben, daß das heutige Wissen der Umfang aller Weisheit ist, daß es eine andere Weisheit gar nicht geben kann. Wer aber die Menschheitsentwicklung im großen betrachtet, der weiß, daß auch das Wissen, das an den Verstand gebunden ist, das die Menschheit sich erringen mußte in ihrem Manneszeitalter — das vorherige war das Kindheitszeitalter —, auch nur einer vorübergehenden Epoche angehört, nur ein Durchgangspunkt in der Menschheitsentwicklung ist.

[ 11 ] Sie wissen, daß die Menschen sich wiederum erheben werden zu einem zukünftigen Hellsehen und daß sie mitnehmen werden, was sie sich errungen haben durch die Erkenntnis der physischen Welt. Ein notwendiger Durchgangspunkt ist diese Art der Erkenntnis. Und so können wir sagen: Das, was wir heute als normale Menschen unsere Erkenntnis nennen, ja mehr noch, das, was wir unter dem Einfluß dieser Erkenntnis an moralischen, ästhetischen Idealen, an moralischen Urteilen über die Welt haben, das ist ja alles erst erworben. Alles das, was wir als die eigentlichen Charakteristika des heutigen Menschen erkannt haben, erhebt sich auf dem Boden der alten Hellsichtigkeit, die der Mensch für eine Weile verloren hat. Dieses heutige Erkennen ist aber für unsere jetzige Epoche so charakteristisch, daß wir sagen müssen: Die nachatlantische Zeit, die Zeit, in der die Erde die gegenwärtige Physiognomie hat, ist dazu berufen, gerade dieses Denken und Fühlen auszubilden und für den normalen menschlichen Zustand sozusagen das Tor zuzuschließen für alle Hellsichtigkeit, damit der Mensch gezwungen ist, den Blick zu heften auf das SinnlichWirkliche, um auch diese Epoche in seiner Erkenntnisentwicklung durchzumachen.

[ 12 ] Es gab nun zwei Kulturströmungen in dieser nachatlantischen Epoche, welche so recht die Mission hatten, die Menschheit hinüberzuführen aus der Urväterweisheit in die Verstandes- und in die Vernunftweisheit, wie ich es jetzt eben charakterisiert habe. Zwei Strömungen gab es. Und merkwürdigerweise liegen die Urheber dieser zwei Strömungen geographisch und welthistorisch recht benachbart nebeneinander. Die eine Hauptströmung der nachatlantischen Zeit haben wir zu suchen in den Ansiedlungen, die sich gebildet haben nach der atlantischen Katastrophe in Indien, dem ehrwürdigen Kulturland. Die andere Hauptströmung haben wir zu suchen nordwärts davon, in jenem Gebiet, das befruchtet wurde durch den großen, leuchtenden Geist des Zarathustra. Und obwohl diese beiden Strömungen der menschlichen Geistesentwicklung so benachbart sind, obwohl sie für den äußeren Blick so verwandt ausschauen, daß manchmal die Worte für dieses oder jenes in den älteren Sprachen der beiden Kulturströmungen gleich lauten, so müssen wir doch, wenn wir tiefer in die Dinge hineinschauen, in diesen beiden Strömungen der nachatlantischen Kulturen ganz entgegengesetzte Arten sehen, unsere gegenwärtige Kultur zu begründen.

[ 13 ] Sehen Sie, wenn der Geistesforscher zurückblickt auf jene uralte Kultur des altehrwürdigen Indien, die nur mit den geistigen Augen noch zu schauen ist — denn was in den großen, wunderbaren Veden enthalten ist, das ist ja nur ein später Nachklang von der Urweltweisheit der Inder —, dann werden wir zurückgeführt auf etwas, was aller Vedenkultur vorangegangen ist und was von einer solchen Erhabenheit ist, daß der Mensch, der einen Sinn hat für die Wandlung und Entwicklung des menschlichen Geisteslebens, mit der allertiefsten Ehrfurcht vor dieser alt-heiligen Kultur Indiens steht. Und es ist etwas Wahres an dem, was gewöhnlich nur als Legende genommen wird: daß diese altindische Kultur auf eine Reihe großer Weiser, auf die sieben Rishis des alten Indien, zurückgeht. Wenn wir diese altindische Kultur geisteswissenschaftlich prüfen — wie erscheint sie uns dann?

[ 14 ] Das können wir nicht genauer bezeichnen, als daß wir sagen: Sie erscheint uns wie eine Art altes Erbgut, das von jener Weisheit herübergenommen werden konnte, die vor der atlantischen Katastrophe als die in der Menschheit verbreitete Weisheit da war. Wir müssen uns nur die Art der Vererbung eines uralten Weltweisheitsgutes in der richtigen Weise vorstellen. So wie sie als Urweltweisheit noch bei der atlantischen Menschheit vorhanden war, so konnte diese auf Hellsichtigkeit begründete Weisheit natürlich nicht unmittelbar übertragen werden auf eine Menschheit, deren Seelenanlagen ganz anders konstituiert waren. Wie eine Tradition, die einem neuen Seelenvermögen angepaßt werden muß, so wurde die uralte Weisheit in die indische Kultur herübergenommen. Im Grunde genommen konnten nur wenige Menschen noch etwas in ihren Seelen entwickeln, was hinweisen konnte auf jenes Gebiet, das man in der uralten Menschheitszeit in lebendigem Hellsehen geschaut hatte hinter der Sinnenwelt. Wer in lebendiger Innerlichkeit sich erheben wollte zu dem Schauen, das einstmals für die Menschheit in einer gewissen Weise normal war, der mußte schon das werden, was man einen Initiierten oder Eingeweihten nennt. Er mußte gewisse Fähigkeiten der Seele entwickeln, die normalerweise sonst nicht vorhanden sind; er mußte gewisse Übungen, ein gewisses Trainieren der Seele durchmachen, um ein sonst in seiner Seele schlummerndes Vermögen zu entwickeln. Dann wurde er fähig, das durch eigene Beobachtung kennenzulernen, was die großen Lehrer der Inder, die sieben Rishis, zu verkündigen hatten. Wozu wurde er denn da geführt? Er wurde gleichsam zurückgeführt zu einem früheren Zustand der Entwicklung; er wurde fähig, etwas zu schauen, was die Menschheit im normalen Zustande nicht mehr schauen konnte, was sie aber früher hatte schauen können.

[ 15 ] So ist im wesentlichen diese alte, vorvedische indische Kultur, die dann in den Veden nachklingt, aufzufassen. Daher stammt auch jene Grundstimmung, in der über diese uralt-heilige indische Kultur etwas ausgebreitet ist wie ein wehmütiges Zurückschauen, das sich sagt: Es gab eine Zeit, da die Menschen hineinschauen konnten in die geistige Welt, da der Ursprung der Menschen offenlag. Diese Zeit ist dahin. Die Sinne haben nurmehr das Vermögen, die äußere, physische Wirklichkeit zu schauen. Und nur dadurch, daß man ein besonderes Vermögen entwickelt, kann man sich zurückversetzen in jene alte Zeit; dann kann man wieder das Geistige schauen, das verdeckt ist durch das sinnliche Erkenntnisvermögen der Menschen, durch den Verstand, der an das Gehirn gebunden ist. — So fühlte sich derjenige, der in dieser Weltauffassung des alten Inders mit der Empfindung lebte, in der er sich sagte: Herausgestoßen ist der Mensch aus der Anschauung seines geistigen Ursprunges, und er hat Sehnsucht nach diesem Ursprung. — So glaubte der alte Inder, daß Wahrheit nur jenseits dessen sei, was die Menschheit jetzt schauen konnte. Er glaubte, daß über all dem, was die Menschheit jetzt schauen konnte, die große Illusion sich ausbreite, «maha aja», die große Täuschung, «maja», das große Nicht-Sein. Und dahinter liege das wahre Sein, das die Menschen einstmals geschaut hätten.

[ 16 ] Eine Weltanschauung, wie es die des vorvedischen Inders war, versteht man nicht, wenn man bloß auf das eingeht, was ausschaut wie Dogmen, sondern nur, wenn man sich hineinversetzt in die Art und Weise, wie die Menschen damals gefühlt haben, wie sie sich hinausgestoßen fühlten aus ihrer geistigen Heimat in eine Welt der Maja, der Illusion, und wie sie sich zurücksehnten aus dieser äußerlichen, sinnlich-physischen Wirklichkeit nach jener alten ursprünglichen Welt. Und wunderbar ergreifend, im höchsten Sinne erschütternd ist es, sich in diese altindische Seele zu versetzen mit ihrem Pessimismus, der nicht so leichtfertig ist, wie er heute manchmal auftritt, sondern der ein heroischer Pessimismus ist, der nicht bei dieser großen Täuschung stehenbleiben will und darüber klagen will, sondern der sagt: Die Sinneswelt ist einfach nicht die Wirklichkeit, sondern die Wirklichkeit findet man, wenn man sich von dieser Sinneswelt abwendet und in seiner Seele zurückgeht in frühere Epochen.

[ 17 ] Was findet man denn eigentlich, wenn man zurückgeht zu dem, was die Menschen früher im Sinne des alten Inders schauen konnten? Ich habe schon darauf aufmerksam gemacht, daß alle Geisteswissenschaft uns zu der Tatsache führt, daß die Seele, die jetzt in uns lebt zwischen Geburt und Tod, schon oftmals auf der Erde gelebt hat und noch oftmals wieder leben wird. Die Geisteswissenschaft führt uns also zur Erkenntnis der wiederholten Erdenleben, so daß wir, wenn wir zurückblikken in vergangene Zeiten, sozusagen nicht andere Seelen finden, sondern unsere eigenen Seelen, also uns selber in früheren Verkörperungen. Und die Seele eines solchen alten indischen Menschen konnte sich sagen: So wie ich jetzt lebe zwischen Geburt und Tod, bin ich gefesselt an die Illusion. Ich bin jetzt mehr verstrickt in den Leib der Sinne, als ich es in früheren Leben war, zum Beispiel als die Urweltweisheit von mir selbst erlebt worden ist. — Im Grunde genommen schaute solch ein Angehöriger der altindischen Kultur in seine eigenen früheren Seelenzustände zurück. Seine Seele lebte früher so, daß sie selbst hineinschauen konnte in die geistige Welt. Sie ist heruntergestiegen in die Sinneswelt und kann jetzt nicht mehr hineinschauen in die geistige Welt. Wenn der Angehörige des altindischen Bekenntnisses sich die frühere Anschauung wieder erobern wollte, so stieg er im Grunde genommen zu seiner eigenen früheren Verkörperung hinauf; er drang ganz und gar in sich selber hinein. So etwa können wir die Stimmung des alten Indien charakterisieren.

[ 18 ] In einer gewissen Weise das genau Entgegengesetzte bot der Kultureinschlag, der im Norden des alten Indien, in Baktrien, Medien, Persien gegeben worden ist durch Zarathustra. Wenn wir die altindische Weisheit eine Art Erbgut aus der alten Zeit nennen können, die auch die Stimmung der Sehnsucht für diese alte Zeit erweckte, so müssen wir sagen: Das hingegen, was durch Zarathustra den Menschen gegeben worden ist, was durch ihn der Menschheitsentwicklung eingeprägt worden ist, weist ebenso stark auf die Zukunft hin, wie die altindische Lehre auf die Urweltweisheit hinweist. Es besteht ein merkwürdiger Gegensatz zwischen der Lehre des Zarathustra und der altindischen Lehre. Wenn wir nicht Dogmen, nicht Lehren, auf die es eigentlich wenig ankommt bei der Menschheitsentwicklung, sondern Stimmungen, Empfindungen vor unsere Seele treten lassen, dann können wir sagen: Die eben charakterisierte Stimmung der altindischen Weltanschauung ist eine Erlösungsstimmung: Heraus aus diesem Leib, der nicht mehr die Wahrheit schauen kann, hinein in das frühere Schauen! Das war die Stimmung des alten Inders: Erlöst werden von einem Leib, der angewiesen ist auf Maja. Daher ist im besten Sinne des Wortes alles das, was von der altindischen Kultur ausgegangen ist, bis zum Buddhismus hin, eine Art Erlösungsreligion.

[ 19 ] In Zarathustras Anschauung tritt zuerst dasjenige auf, was nicht eine Erlösungsreligion, eine Erlösungsweltanschauung ist, sondern was eine Auferstehungsweltanschauung, eine Erweckungsweltanschauung ist. Und insofern ist diese Lehre da oben im Norden das genau Entgegengesetzte zu der Lehre, die im Süden auftrat. Zarathustra sollte der erste große Führer der Menschheit sein, der radikal darauf hinwies, daß es [für sie] ein notwendiger Durchgangspunkt ist, die Sinne für das zu entwickeln, was sich vor ihnen ausbreitet, und den Geist zu entwickeln für das, was logisches Denken, was vernünftiges Verstehen ist. Nur bleibt der große Zarathustra nicht in materialistischer Weise bei der äußeren Sinneswelt stehen, sondern als ein Eingeweihter sagt er auf seine Art: Gewiß, die nachatlantische Menschheit hat die Aufgabe, die Sinne zu schärfen für das, was sich den Augen, den Ohren, dem ganzen Sinnesmenschen darbietet. Die nachatlantische Menschheit hat die Aufgabe, verstandesund vernunftgemäß die Erscheinungen der sinnlichen Welt zu erfassen, aber indem wir zusammenwachsen mit der Sinneswelt, müssen wir fähig werden, wenn wir gewisse schlummernde Kräfte in unserer Seele entwickeln, nicht stehenzubleiben bei dem, was uns die Sinne bieten, sondern hindurchzudringen durch die Sinnesdecke zu dem, was hinter dieser Sinneswelt liegt.

[ 20 ] Das ist der große Gegensatz zwischen der indischen Weltanschauungs-Stimmung und der Zarathustra-Weltanschauungsstimmung. Der altindische Mensch sagt: Schau ich hin auf die Welt, die sich ausbreitet in Farbe, Form und allen ihren sinnlichen Eigenschaften, so ist das keine wahre Welt, sondern es ist Maja. Ich komme nur zu der wahren Welt, wenn ich mich abkehre von dieser äußeren Sinneswelt; also wende ich meine Augen und Ohren und die übrigen Sinne ab, lasse den Verstand stillstehen, insofern er Ideen und Begriffe kombiniert. Ich kümmere mich ganz und gar nicht um diese sinnliche Welt, wenn ich Wahrheit haben will, sondern ich vertiefe mich in das menschliche Innere, ich lebe mich ein in dieses Ich, das da war in früheren Verkörperungen; ich klettere hinauf auf der Stufenleiter der Verkörperungen, um mir die Fähigkeit zu erwerben, die Wahrheit zu schauen. — In gewisser Weise war die Grundstimmung des alten Inders Flucht vor der Sinneswelt und Hinaufgelangen zur Wahrheit durch strenge Vertiefung in das eigene Innere, in das, was in der Seele leben kann, wenn sie absieht von der Umgebung. Es war ein mystisches Versenken in das von der Außenwelt abgelenkte innere Leben der Seele, die nichts wissen will von «maha aja», der großen Illusion: Das ist die Tendenz des alten Indiens.

[ 21 ] Freudiges Aufnehmen der Neugestaltung unseres Seelenvermögens, das uns die Welt zeigt mit alldem, was sie dem geöffneten Auge darbieten kann, was sie darbieten kann allen äußeren menschlichen Möglichkeiten, auch darbieten kann dem an die Sinneswelt gebundenen Verstande, freudiges Aufnehmen alles dessen, was sich ausbreitet als äußerer Sinnesteppich vor den Sinnen: Das war die Stimmung des Zarathustra! Schaute man als Inder hin auf die Pflanzendecke, auf Tiere und Wolken und Luft und Berge und Sterne, so sagte man sich: Das ist alles nur äußere Illusion. Wage den Blick zu dem, der ausgeatmet hat diese große Maja, zu Brahma, den man aber nur in seinem Innern finden kann! — Und Zarathustra spricht: Wendet hin den Blick zu dem, was sich da ausbreitet vor euren äußeren Sinnen, gebraucht gerade dasjenige Seelenvermögen, das für das gegenwärtige Menschheitszeitalter das richtige ist. Aber bleibt nicht dabei stehen; wachst mit der Sinneswelt zusammen, durchdringt sie, geht durch sie hindurch und, wenn ihr durch diese Sinneswelt hindurchgeht und euch nicht zurückhalten laßt, dann findet ihr hinter ihr da draußen — jenseits der Sterne, jenseits der Mineralien-, der Pflanzen- und Tierwelt — eine geistige Welt. Nicht nur wenn ihr hineingeht in euch selber, nein, auch wenn ihr hinausgeht in die Sinneswelt, dann wachst ihr zusammen durch eure neuen Fähigkeiten mit einer geistigen Welt.

[ 22 ] Das, was wohl am schönsten etwas ausdrückt über die Individualität des Zarathustra — nehmen Sie es meinetwillen als einen Vergleich —, das ist, wenn von ihm gesagt wird: Als er geboren wurde, war das erste, was sich bei ihm als Wunder vollzog, daß er beim ersten Blick in die Welt lächelte — das Zarathustra-Lächeln! Man muß sich nur hineinversetzen können in das, was mit einer solchen wirklich zaubertiefen Formel für eine solche Individualität gesagt wird. Da wird darauf hingedeutet, daß in Zarathustra eine Individualität geboren ist, die hinblickt auf den ganzen Teppich der Sinneswelt, aber ihn wie hellsichtig durchdringt und hinter ihm das Geistige sieht, und die in dem Bewußtsein der Erhabenheit des Menschen über das, was sich in seinem Umkreis ausbreitet, jenes Frohlocken von sich ausströmen läßt, für welches das Lächeln des Zarathustra ein Symbolum ist.

[ 23 ] Und so sehen wir, daß im Zarathustrismus eine ganz andere Stimmung weht als im Indertum. Daher konnte dieser Zarathustrismus auf das hinweisen, was jetzt die Menschenseele aufnehmen soll, was sie jetzt mit sich vereinen soll. Dadurch, daß die Menschen hinausblicken auf die Sinneswelt und normalerweise das nicht mehr bildhaft sehen, was nicht in der Sinneswelt liegt, nehmen sie etwas auf, was sie in die Zukunft hinübertragen werden und was ein neuer Bestandteil der zukünftigen Menschenseele sein wird. Durch diesen neuen Bestandteil wird sie eine Auferstehung erleben: In der Zukunft wird die Menschenseele nicht nur sein, wie sie in der Vergangenheit war, sondern sie hat dieses neue Element aufgenommen, das nur in der Sinneswelt erworben werden kann. Deshalb lebt in der Zarathustra-Lehre dieser tiefe Auferstehungsgedanke. Ich kann mich heute nicht darauf einlassen, aus dieser oder jener Belegstelle das, was ich zu sagen habe, zu rechtfertigen, ich will lediglich charakterisieren, und ein jeder kann aus den gebräuchlichen Mitteilungen entnehmen, daß das gut begründet ist, was heute als Charakteristik des Zarathustrismus gegeben werden soll.

[ 24 ] Zarathustra sagte sich: Es ist im Grunde genommen doch nicht mit dem rechten Menschheitsfortschritt vereinbar, daß man allein altes Erbgut in der Menschheit als das Höchste preist. Warum sollen denn die Menschen zurückgehen auf frühere Verkörperungen und die Art, wie sie da auf die Welt geschaut haben? Sie sollen das aufnehmen, was ihnen als Neues geboten wird, sie sollen ihre Weltanschauung bereichern, erweitern, ihr einen größeren Umfang verschaffen. — So wußte Zarathustra den Menschen zu sagen: Schaut in die Zukunft, nehmt Neues auf, blickt auf jene geistige Welt, die sich euch bietet, wenn ihr die Sinneswelt wie eine durchsichtige Decke empfindet. — Das wußte er der Welt zu sagen, und indem er dies sagte, empfand er eine tiefe Ehrfurcht vor dem, was als eine geistige Welt hinter der ganzen sinnlichen Welt steht. Er empfand es wie den Anfang eines neuen Aufsteigens [in die geistige Welt], wenn wir durch die sinnliche Welt in diese geistige Welt hineinzudringen streben, geradeso wie der alte Inder durch das Hinabsteigen in das eigene Innere in eine geistige Welt eindringen wollte. Er empfand dagegen, daß die Menschheit eigentlich heruntergefallen ist von einem höheren, geistigen Standpunkt zu einem niederen, physischen Standpunkt und daß sich bei ihr dazu noch das Bewußtsein fügt, sehnsüchtig [zum Alten] zurückkommen zu wollen, indem sie an einer alten Erbweisheit festhält.

[ 25 ] Davon war Zarathustra tief durchdrungen, daß an der Menschenseele etwas gearbeitet hatte, was sie heruntergeführt und in die Sinneswelt verstrickt hatte. Aber er war sich ebenso klar darüber, daß diese Menschenseele jetzt von etwas erfaßt werden konnte, das sie den Weg zur geistigen Welt hinaufführen würde. Das hatte Zarathustra sozusagen vor seinen geistigen Augen: den Gegensatz von zwei Mächten, von denen die eine die Menschheit herunterführt in die Sinneswelt und die andere sie hinaufhebt in die geistige Welt. Dieser Gegensatz tritt uns da entgegen, wo wir hören, daß Zarathustra von der einen Macht spricht, die den Menschen hinaufführt, von Ahura Mazdao, Auramazda, was dann später zu Ormuzd geworden ist, und dieser eine andere Macht entgegenstellt, die die Menschenseele herunterführt: Ahriman, Angra Mainyu.

[ 26 ] So muß man zunächst diese beiden Mächte empfinden, wie sie arbeiten: die eine die Menschenseele herunterführend in die sinnliche Welt, die andere sie hinaufgeleitend in die geistige Welt. Aber Zarathustra ist nun im tiefsten Sinne völlig konsequent, indem er die äußere, sinnliche Welt nicht abstrakt hinnimmt und sagt, hinter ihr sei etwas Geistiges — wie heute die Pantheisten sagen —, sondern er sagt: Es unterscheiden sich die einzelnen Gebilde der Sinneswelt; das eine erscheint so, das andere anders. Das eine erscheint als mächtig leuchtend und wirksam für die übrige Sinneswelt, das andere klein und unbedeutend. — Und alles, was für unsere Welt durch seine äußere Gestalt als die große, gewaltige Macht erscheint, das empfand Zarathustra im Sinne der auch von seinem Volk aufgenommenen Weltanschauung als einen Bestandteil der Sonne — jener Sonne, welche alljährlich aufs neue die dem Menschen notwendige Pflanzenwelt hervorzaubert, jener Sonne, ohne die es kein Leben auf der Erde geben kann.

[ 27 ] Aber auch der Sonne gegenüber, die er als das Mächtigste, als das auf die Erde am mächtigsten Einwirkende empfand, war Zarathustra sich klar, daß sie doch auch dazugehört zur äußeren Sinneswelt, daß also das, was die äußere Wissenschaft an dieser Sonne ergründen kann, nur der äußere Ausdruck ist für das, was hinter dieser Sonne lebt. Und er empfand es so, daß er sagte: Wie die Pflanzen im Frühling hervorgezaubert werden auf der Erde durch die Macht der Sonnenstrahlen, so lebt in dem, was als geistige Macht hinter der Sonne steht, das, was den Menschen hinauszieht aus der Sinneswelt, was dem Menschen die Kräfte schaffen kann, mit denen er hindurchdringen kann durch die Sinneswelt. Hinter der Sonne lebt deshalb für Zarathustra jene mächtige geistige Wesenheit, die er eben Ahura Mazdao, Ormuzd, nannte. Was ist das aber?

[ 28 ] Wir können uns von den Gedanken, die in Zarathustra lebten, nur eine Vorstellung machen, wenn wir uns erinnern, daß wir ja in der Geisteswissenschaft auch nicht den physischen Leib des Menschen, so wie der Mensch vor uns steht, als das Alleinige betrachten, sondern daß wir uns sagen: Dieser physische Leib ist der äußere Ausdruck für seine geistige Wesenheit. — Und wenn das Auge hellsichtig wird, so sieht es diese geistige Wesenheit, und wir nennen das, was das hellsichtige Auge als den Inhalt der Geistigkeit erblickt, die Aura des Menschen. Wir empfinden den physischen Leib als den Ausdruck der Menschenaura, der kleinen Aura. Nun sagt Zarathustra: So wie der Mensch seine Aura hat, wie er sein Geistiges hinter dem Physischen hat, so ist die Sonne der äußere Leib einer geistigen Wesenheit, nämlich der großen Aura, der Großen Ahura — das Wort bedeutet immer dasselbe —, der Sonnenaura. — Da haben wir Ahura Mazdao, die große Aura, im Gegensatz zur kleinen Aura des Menschen.

[ 29 ] So wies Zarathustra die Menschen hin zu dem, was da draußen im Weltenall als eine mächtige geistige Wesenheit lebt und in der Sonne seinen Leib hat, so wie der Mensch einen Leib hat, der von einer geistig-seelischen Wesenheit, der kleinen Aura, durchzogen ist. Das ist [auch] Ormuzd, das ist das, was alle Kräfte des Menschen, die nach dem Geistigen hingehen, entfesseln kann. Für diesen Geist, der in Zarathustra lebte, war vor dem hellseherischen Blick dieser Ahura Mazdao, diese große Aura, eine Wahrheit, eine Wirklichkeit. Und er sagte zu seinen Schülern, die er intimer in seine Geheimnisse einweihen konnte, ungefähr das folgende: Seht einmal, wenn ihr das sucht, was den Menschen zum Guten drängt und führt, dann müßt ihr den Blick hinaufrichten zu dem, was geistig hinter der Sonne steht. Der Mensch ist eben berufen, im Verlaufe seiner Erdenentwicklung immer höher und höher zu steigen. Dazu wird ihm Ahura Mazdao verhelfen. Nicht immer aber, meint Zarathustra, wird das, was der Geist der Sonne ist, nur da oben hinter dem Körper der Sonne zu erblicken sein, sondern es wird immer größer und größer werden, wird immer mehr und mehr die Erde umfassen und wird endlich sich bis zur Erde hin ausdehnen. Der Geist der Sonne wird einstmals ein auf der Erde wirksamer Geist werden.

[ 30 ] Wenn wir die Zeit [des Zarathustra] und die Entwicklung der Menschheit überblicken, so sehen wir, daß diese im Einklang miteinander stehen. Was Zarathustra hinter der physischen Sonne gesehen hat, war für seine Zeit nur in der Sonne im Weltenraum zu suchen; heute hat es sich aber schon so erweitert, daß wir es innerhalb der Erdenaura selber finden. Und das Ereignis, bei dem Ahura Mazdao, die große Aura, heruntergestiegen ist auf die Erde, sehen wir, wenn wir auf dem Boden der wahren Geisteswissenschaft stehen, in dem, was sich zugetragen hat durch den Christus-Impuls, der sich auf der Erde in den Ereignissen von Palästina abgespielt hat.

[ 31 ] Wir können vom Standpunkt der Geisteswissenschaft aus verstehen, was Zarathustra einstmals zu seinen Schülern sagte: Ich will reden; nun kommt und höret mir zuihr, die ihr von fern und nah Verlangen darnach tragt —, jetzt will ich reden und nicht mehr soll der, welcher die Menschen mit bösem Willen durch seine Zunge zum Irrtum führt, die Menschheitsentwicklung vergiften können. Ich will reden von dem, was in der Welt der Gott mir geoffenbart hat, was er mir selber offenbart — er, der Große Ahura. Und wer meine Worte nicht hören will, wie ich sie meine, der wird Schlimmes erfahren, wenn die Kreise der Erdenentwicklung ihrer Vollendung entgegengehen werden. — Wenn Zarathustra so von dem Geist der Sonne sprach, dann sagen wir, die wir auf dem Boden der modernen Geisteswissenschaft stehen: Er sprach da von demselben Geist, der für seine Zeit nur im weiten Himmelsraume zu finden war, und heute finden wir ihn, wenn wir das Mysterium von der Entstehung des Christentums in seiner ganzen Wahrheit studieren, wie es hervorgegangen ist aus der mosaischen Religion. Gleichsam herabgestiegen aus der Sonne ist Ahura Mazdao, indem er sich fortentwickelt hat bis in die christliche Zeit herein, und die Christen nennen ihn den Christus. Und derjenige, der sich in alle Weltentwicklung einmischt, um den Fortgang der Menschheitsentwicklung, der herbeigeführt wird durch die große Kraft des Ahura Mazdao, aufzuhalten — das ist Ahriman.

[ 32 ] Zarathustra sah nicht etwa in so einseitiger Weise die Welt- und Menschheitsentwicklung, daß er hätte fragen können, wie mancher moderne Mensch es tut: Ja, wie kann ich denn eigentlich an einen allweisen, großen Gott glauben, wenn doch so viel Schlechtes in der Welt ist? Das wird ja heute allgemein ausgesprochen; man will nicht glauben an eine die Welt durchwebende und durchlebende Weisheit, wenn man so viel Schlimmes bemerken muß. Zarathustra spricht nicht so, und er führt auch seine Schüler dahin, daß sie nicht so sprechen. Zarathustra war sich klar, daß das dasein muß, was von Ahriman kommt, was als Gegnerschaft dasteht in allem Leben, und daß es gerade durch die Weisheit der Welt zugelassen sein muß, damit die Menschen, die eine Aufwärtsentwicklung durchmachen sollen, an dem Widerstand sich stärken und allmählich auch das Schlimme zum Guten führen können. Auf diese Weise wird eine höhere Entwicklung erreicht, als wenn der Mensch einfach bequem in alles Gute hereingesetzt wäre und nichts Schlimmes zu überwinden hätte.

[ 33 ] So wurde Ahriman von Zarathustra und von allen denen, die sich zu ihm bekannten, zwar als der Feind des Ahura Mazdao empfunden, aber als ein notwendiger Bestandteil der Weltenentwicklung. Wenn wir allerdings das innere Gefüge der Lehre des Zarathustra begreifen wollen, dann müssen wir auf einzelne Dinge aufmerksam machen, die ja heute bei den gescheiten Menschen, die so ganz glauben auf dem Boden der modernsten Weltanschauung zu stehen, recht sehr Ärgernis erregen können. Aber was hilft es, wenn man immer und immer wieder vorsichtig die Wahrheit verschweigen will? Man muß eintauchen in das zarathustrische Hellsehen und muß näher angeben, wie das ganze Gefüge des Denkens, das ich jetzt äußerlich charakterisiert habe, beschaffen war. Da muß man sich klar sein, daß Zarathustra einer jener Denker war, die, trotzdem sie freudig den Blick hingewendet haben nach der sinnlichen Welt, dennoch das Wahre in der geistigen Welt gesucht haben und im Grunde genommen [das Wesen] des ganzen Weltinhalts im Geistigen geschaut haben. Solche Mächte wie Ormuzd und Ahriman sind geistige Gewalten; sie stehen uns in der Welt als geistige Wesenheiten gegenüber.

[ 34 ] Aber wie dachten solch hohe Geister wie Zarathustra angesichts dieser geistigen Mächte über das äußere Gefüge der Welt? So wie Zarathustra den Blick hinaufwendet zur Sonne und sagt: Das ist der äußere Körper einer geistigen Macht —, so sah er auf zum Sternenhimmel und zu allem, was der äußere, sinnliche Blick erfassen konnte, und er und seine Schüler empfanden das, was im Raum ausgebreitet war, wie eine Schrift, wie Symbole, wie Sinnbilder, die das Weben und Wesen der geistigen Mächte ausdrückten. Das ist außerordentlich wichtig. Nicht etwa so, wie man es heute mit dem materialistischen Sinn gewohnt ist, haben Zarathustra und seine Schüler hingeschaut auf die äußere Sternenwelt und nur durch den Raum laufende Kugeln gesehen, sondern sie haben in dieser Sternenwelt den Ausdruck für geistige Wesenheiten und geistige Vorgänge gesehen, und in der Anordnung der Sterne sahen sie die Symbole für das, was die geistigen Wesenheiten dahinter taten. Die Sternenwelt war ihnen eine Sternenschrift, die ihnen das ausdrückte, was dahinter vorging an Taten der geistigen Welt. Weder so wie der heutige materialistische Sinn, noch so wie die heutige materialistische Astrologie, die in den Sternen selber die Ursache der Menschheitsgeschicke sehen möchte, während sie doch nur Zeichen sind — weder in die eine noch in die andere Richtung ging das Denken des Zarathustra. Für ihn war das, was er in der Sternenschrift sehen konnte, so etwas wie für uns der Sinn eines Satzes, den wir mit Schriftzeichen zu Papier bringen. Kosmische Schriftzeichen waren ihm die Sterne. Und das, worauf es ihm ankam, das waren die geistigen Wesenheiten, die dahinter standen.

[ 35 ] Die höchsten geistigen Wesenheiten sah Zarathustra in Ormuzd und Ahriman. Sie gehörten für ihn zusammen, wenn auch der eine der Feind des anderen ist. Sie urständen sozusagen in einer einzigen, großen geistigen Wesenheit. Man kann diese Urwesenheit im Sinne der persischen Sprache Zaruana Akarana nennen oder, wie es oft ausgedrückt wird, die «in Herrlichkeit gehüllte Ewigkeit». Schwierig ist es für den heutigen Menschensinn, zu jener Höhe hinaufzudringen, auf der die Anhänger des Zarathustra standen und auf der sie das erfaßten, was dann erfaßt werden muß, wenn man Ormuzd und Ahriman in eins zusammenschauen will. Dazu kommt man am ehesten, wenn man sich bemüht, nach und nach zu der Vorstellung zu kommen: Wenn ich zurückblicke in der Zeit, weiter und weiter zurück, dann komme ich zu dem, was in der Vorzeit vorhanden war und wo die Ursachen der Gegenwart liegen. Auch ich selber komme aus dem, was sich herausentwickelt hat aus dieser Vergangenheitsströmung. Aber es gibt in der entgegengesetzten Richtung eine Zukunftsströmung, und wenn man sich dazu aufschwingen kann, zu sehen, daß die Zukunft etwas ist, was von der anderen Seite auf uns zukommt, dem wir entgegengehen, dann kommt man allmählich zu einem wahren Begreifen dessen, was Zarathustra als Einheit hinter Ormuzd und Ahriman sieht.

[ 36 ] Stellen Sie sich eine gebogene Linie vor, nach vorn und hinten so verlaufend, daß sie einen kleinen Kreis bildet. Wenn Sie den Kreis größer nehmen, so ist die Linie weniger gebogen; machen Sie den Kreis noch größer, dann nähert sich die Linie immer mehr und mehr einer Geraden. Gehen Sie mit dem Durchmesser des Kreises nach der Unendlichkeit, dann wird der Kreisbogen allmählich eine Gerade, die ins Unendliche verläuft. So können wir jede Gerade, indem wir sie nach vorwärts und rückwärts verfolgen, annehmen als einen Kreis, der unendlich groß ist. Und so können wir auch sagen: Wenn wir zurückgehen in die Vergangenheit, so kommen wir an einen Punkt, wo die Vergangenheit mit der Zukunft sich zu einem Kreis zusammenschließt. Das ist die Ewigkeitsströmung, auf die Zarathustra hinwies — Zaruana Akarana. Vergangenheit und Zukunft haben sich verschlungen zum Ewigkeitskreis der Welt, und aus diesem abstammend der Gott der Sonne, des Lichtes, alles Guten — Ormuzd, Ahura Mazdao — und ebenso der Gott, an dessen Widerstand die guten Kräfte sich entwikkeln müssen — Ahriman —, beide hervorgehend aus der Schlange der Ewigkeit: Zaruana Akarana. Man muß sich nur in diese Ewigkeitsvorstellungen hineinfühlen, dann bekommt man etwas von der Stimmung, die bei denen verbreitet war, dieum Zarathustra waren, dann fühlt man etwas von der ganzen Größe der Empfindungen, die aus der Lehre des Zarathustra ausfließen, der bis heute in der Menschheit fortwirkt.

[ 37 ] Und so etwa sagte Zarathustra zu seinem Schüler: Nun sieh einmal, jetzt hast du im Geiste eine Vorstellung von dem sich schließenden Weltenkreis, von dem einen Teil des Weltenkreises als der höheren Lichtmacht, Ahura Mazdao, und von dem anderen Teil als der finsteren Macht, Ahriman. Mit Sternenschrift ist das geschrieben, was wir jetzt so ausgesprochen haben, und mit Sternenschrift geschrieben siehst du diesen Kreis, der sich in sich selbst zusammenschließt als ein Symbolum von Zaruana Akarana: den Tierkreis, der sich um das Himmelsgewölbe schließt. Der ist das Symbolum des äußeren Weltenkreises, und wenn du auf der Erde stehst und den Blick zum Tierkreis wendest, so stelle dir die Sonne vor als den großen Ormuzd, durchschreitend diesen Kreis. Und was Taten des Lichtkreises sind, das zeigt sich dir als das Schaffensreich des Ormuzd, und was in der Nacht liegt, was in Finsternis getaucht ist für den Menschen und auf der anderen Hälfte der Erde steht, das ist das, was Ahriman symbolisiert. Die sieben Zeichen des Tierkreises auf der einen Seite im Tageslauf der Sonne und auf der anderen Seite die fünf Zeichen im Nachtlauf der Sonne: Das sind die Sinnbilder von Ormuzd und Ahriman.

[ 38 ] So wurden die Sterne empfunden als Schrift am Himmel für das, was Ormuzd und Ahriman waren. Man stellte sich solche Wesenheiten, die hinter der Sinneswelt stehen, so vor, daß sie hereinwirken in die menschliche Natur, aber man war sich dessen bewußt, daß sie nicht etwas Einheitliches waren, sondern daß es Teilgeister, Untergeister gab. Und in den einzelnen Zeichen des Tierkreises empfand man nun die Symbole für sieben oder sechs dienende Geister des Ormuzd. Das waren Untergeister, in der altpersischen Sprache Amshaspands genannt. Am besten ist die Übersetzung, die Goethe in seinem «Faust» gewählt hat, indem er gesagt hat:

Doch ihr, die echten Göttersöhne,
Erfreut euch der lebendig reichen Schöne!

[ 39 ] Göttersöhne! Sechs — auf der Lichtseite des Zodiakus — hingen mit Ormuzd zusammen, die fünf anderen Geister, die Ahriman dagegenstellt, wurden Devs genannt. Merkwürdig klingt das an und zeigt den Gegensatz zum Indertum, zu dem, was die Inder als ihre höchsten Mächte verehrten, die Devas. Während für Zarathustra die höchsten geistigen Mächte im Durchdringen der Sinnenhülle gefunden werden — das sind die asurischen Mächte, die in der Außenwelt wirken —, so sind für die Inder diejenigen Mächte das Höchste, die man durch Hineingehen in das mystische Innere des Menschen findet. Die einfachste Erklärung dafür, daß das alte Indertum in den Devas das Höchste sah, die persische Religion dagegen etwas Gefährliches, und daß ferner die Inder in den Asuras etwas sahen, wovon sie nichts wissen wollten, während die Perser sie verehrten, ist diese: Im Sinne von Zarathustra sollte Abschied genommen werden von jener Welt, die auf das Innere allein baut, die für den Menschen verführerisch werden kann, wenn er nicht die äußere Sinneswelt ergreifen will. Daher wurde das Hineintauchen in das Innere, in die Welt der Devas, gerade für die Perser etwas Gefährliches, während diese für die Inder etwas vom Höchsten waren.

[ 40 ] So sind die fünf Geister des Ahriman symbolisiert durch die fünf finsteren Wintersternbilder des Tierkreises. Und so stehen zwölf geistige Wesenheiten da: Ormuzd mit seinen Dienern und Ahriman mit seinen Dienern. Wir müssen im Grunde genommen die Reiche des Ormuzd und des Ahriman so denken, daß diese zwölf [Geister] zusammenwirken in der geistigen Welt — Zaruana Akarana! Wie wirken sie? Indem sie der menschlichen Wesenheit das, was für Zarathustra der Ausdruck des Weltenzieles ist, mitteilen, indem sie das, was sie durch den Weltenraum strömen lassen, hineingießen in die menschliche Wesenheit. Zarathustra empfand, daß der Mensch, als eine kleine Welt, ein Zusammenfließen dessen ist, was als große Weltenkräfte im ganzen Weltenraum ausgebreitet ist. So empfand er. Daher müßte man es eigentlich nur natürlich finden, daß Zarathustra nicht das [am Menschen] sah, was heute durch Anatomie, Physiologie und so weiter am zergliederten Menschen gefunden wird. Die Zarathustra-Weisheit hat den Menschen nicht zergliedert, aber hellsichtiges Hineinschauen gab es, das zeigte, wie die geistigen Kräfte hereinwirkten in die Menschennatur und die Menschennatur zusammensetzten. Da sagt Zarathustra: Durch den Weltenraum wallen zwölf Kräfte, die ausgehen von den zwölf Geistern des Ormuzd und des Ahriman; die setzen den menschlichen Leib zusammen. Im menschlichen Leib drückt sich — wie ein Siegelabdruck — im Kleinen das aus, was in der großen Welt ausgebreitet ist in den Amshaspands, den Göttersöhnen. Da drinnen wirkt es weiter als Strömungen von außen.

[ 41 ] Was meint eigentlich der Zarathustra-Schüler mit dem, was da drinnen weiterwirkt? Was ich jetzt sagen muß, ist etwas Ärgerliches für die moderne Wissenschaft. Die neuere Wissenschaft hat in ihrer Art das wiedergefunden, was da als die zwölf Ströme hereinfließt, was den Menschen zu einem Wesen macht, das hinaufstreben kann in die geistige Welt, das ein Gehirn, einen Verstand haben kann; sie hat es wiedergefunden in den zwölf Hauptnerven des Kopfes. Aber das ist ein Ärgernis für diemoderne Wissenschaft, fast schon hellster Wahnsinn, wenn man sagt, daß diese zwölf Nerven die kristallisierten, verdichteten Strömungen sind, die die zwölf Amshaspands nach Zarathustra in den menschlichen Organismus hineinleiteten. Und so tritt uns in der materialistischen Forschung in bezug auf den Menschen konzentriert entgegen, was Zarathustra — die leuchtende, hellsehende Persönlichkeit, als geistiges Geheimnis offenbarte. Damals sah man, worauf es ankam, im Geiste. Und unserer Zeit kommt es zu, im Materiellen zu sehen, was gleichsam das verdichtete Geistige ist.

[ 42 ] Weiter sagte Zarathustra seinen Schülern: Ja seht ihr, so wie heute der Mensch durch seine Geistigkeit, die an das Gehirn gebunden ist, hinaufstrebt in eine höhere Welt, zu einer höheren Entwicklung, so hat er in früheren Zeiten nach etwas anderem gestrebt. So wie heute der Mensch verbunden ist mit Ahura Mazdao, war er einstmals gebunden an die Mondenentwicklung. — Das ist auch etwas Ärgerliches für die moderne Wissenschaft. Dennoch ist es eine geisteswissenschaftliche Wahrheit. Diese Mondenentwicklung drückt sich in einer weiteren Verdichtungsstufe der Geistigkeit aus. Da wirkten niedrigere Geister herein. Wie die zwölf großen Amshaspands in den Menschen hineinwirkten, so hatten davor andere geistige Wesenheiten eine niedrigere geistige Tätigkeit bewirkt. Heute würden wir sagen: Wenn der Mensch nachdenkt, so ist das eine höhere geistige Tätigkeit; wenn er nur reflexhaft eine Mücke vom Gesicht wegjagt, ohne nachzudenken, so ist das eine niedrigere Tätigkeit. Diese niedrigeren Tätigkeiten sehen wir zusammenhängend mit den Nerven, die ihren Mittelpunkt im Rückenmark haben. Was so hereinragte in die menschliche Organisation als niedrigere Tätigkeit, das schrieb Zarathustra einer früheren geistigen Einströmung zu.

[ 43 ] Er sagte, daß den zwölf großen Geistern 28 andere gegenüberstünden, die er Izeds nannte. Diese wirkten in die menschliche Leiblichkeit hinein und konstituierten sie. Er sagte weiter, das schließe eine gewisse Unregelmäßigkeit ein, indem die Mondregierung durch die Sonnenregierung abgelöst worden sei. Es kämen zu den 28 Izeds, die den 28 Mondtagen entsprechen, noch drei hinzu, die sich durch den [längeren] Sonnengang einfügten — bis zu drei unregelmäßig eingeschobene Tage. So kann man 28 bis 31 Izeds zählen. Da kommen wir dem nahe, was die neuere Wissenschaft als diese Izeds hat: Es sind die 28 bis 31 zum Rückenmark laufenden Nerven im Menschen — das sind die kristallisierten Izeds. So sehen Sie in der menschlichen Anatomie die Zarathustra-Weisheit sozusagen kristallisiert. Niemals wäre man darauf gekommen, das menschliche Denken so zu lenken, daß es in der Art hätte forschen und suchen können, wie es heute forscht, wenn nicht Zarathustra den Einschlag dazu gegeben hätte.

[ 44 ] Er hat hingewiesen auf höhere geistige Mächte, welche hereinstrahlten in den Menschen. Und insofern diese Amshaspands waren, wurden sie in der leiblichen Organisation des Menschen zu den zwölf Gehirnnerven, insofern sie Izeds waren, wurden sie zu Rückenmarksnerven. Das ist etwas, was nun noch verdrehter erscheint als das, was ich gestern über die Wiederverkörperung gesagt habe. Es ist aber etwas, was man allmählich anerkennen wird, nämlich daß die Menschheit ausgegangen ist von einer geistigen Weltanschauung und dann erst herabgestiegen ist zum Materialismus. Man wird allmählich einsehen, wie nützlich es ist, den Blick wieder emporzurichten zu jenen großen Genien, die es gewissermaßen als Mission angesehen haben, den Menschen ein geistiges Gut mitzugeben, das wiederum herausführen kann aus dieser Sinneswelt. Die Menschheit ist von dem, was sie früher im Geiste erschaut hat, herabgestiegen zu den sinnlichen Dingen.

[ 45 ] Nun, heute sind die Menschen nicht geneigt, so etwas anders als eben ärgerlich zu finden, aber doch nur, weil man gewisse Dinge leicht vergißt. So wird zum Beispiel jeder sagen: Wie sollen wir uns denn eigentlich, nachdem Kepler seine Gesetze gefunden hat, das Weltengebäude anders vorstellen als eine Summe von rein mechanischen Vorgängen? — Nun, man sollte sich nur erinnern, daß Kepler gerade durch eine geistige Weltanschauung zu seinen Gesetzen gekommen ist und den Ausspruch getan hat: So habe ich denn die heiligen Gefäße der ägyptischen Geheimnisse heraufgetragen nach dem Norden und sie in die Sprache der Gegenwart umgesetzt. — Diejenigen, die wirklich große Kulturträger waren, wußten anzuknüpfen an die Zeit, wo man noch hineingeschaut hat in die geistige Welt. So steht Zarathustra im Grunde genommen vor uns als derjenige, der in seiner geistigen Weltanschauung die Mission empfindet, hinzudeuten auf den Menschen, der im physischen Leib das Werkzeug hat für seine Arbeit in der Welt, der aber noch mit geistigen Mitteln darauf hindeutet. Daher ist Zarathustra so ungeheuer bedeutsam. Man spricht von ihm immer im Zusammenhang mit dem ganzen äußeren Leben des Volkes, in das er hineinversetzt war.

[ 46 ] Es ist tief bedeutsam, daß die Legende so wunderbar erzählt, wie dieses Volk, in dem Zarathustra gelebt hat, aus dem Norden heruntergewandert ist. Die Legende, die wahrer ist als die Geschichte, erzählt uns folgendes: Dieses Volk hat einstmals weit im Nordwesten jener Gegenden gelebt, in die es später eingezogen ist. Bevor Zarathustra dort gewirkt hat, da war es einstmals in diesen Ländern des Nordwestens, wo es leben konnte, weil die Verhältnisse dort günstige waren. Dann aber traten merkwürdige Veränderungen ein — so erzählt die Legende: Es kamen Winter, die zehn Monate dauerten; das Volk konnte dort nicht mehr bleiben, und König Dschemschid führte es fort [in südlichere Gebiete]. Er bekam [von Ahura Mazdao] einen goldenen Dolch, den er an verschiedenen Orten in die Erde hineinstieß. Dadurch wuchs das Getreide in jenen Gegenden, und das Volk siedelte sich dort an.

[ 47 ] Wenn wir das, was uns in dieser Legende erzählt wird, in nüchternste Wahrheit umsetzen, so müssen wir sagen: Dieses Volk, in das Zarathustra hineingeführt wurde, war als Volk darauf angewiesen, die Erde zu bebauen; es war darauf angewiesen, die wirkliche Arbeit des Lebens mit seinen Händen anzugreifen. Die Mission des Zarathustra für dieses Volk ist zwar zunächst die Verbreitung einer geistigen Weisheit, aber sie ist zugleich eine Hinlenkung auf die unmittelbare Sinneswirklichkeit. Daher kommt ihre Abwendung von jener Weltanschauung, die nichts wissen will von einer Arbeit, die in der Sinneswelt verrichtet werden muß, und die das, worauf der Hände Arbeit gerichtet sein soll, als Maja empfindet. Nein, für die Menschen, die den Zarathustra als Lehrer hatten, für die war der Erdboden keine Maja. Er war so, wie er war, eine Wirklichkeit.

[ 48 ] Und er war eine Wirklichkeit, die immer höher und höher geführt werden sollte, indem man dem Erdboden seine Früchte abgewann. Indem man arbeitete, verband man sich mit dem, was Ormuzd wollte. Arbeit war Dienst an Ormuzd. Und es fühlte ein jeglicher die Zarathustra-Stimmung in seinen Adern, wenn er den Boden bearbeitete: Ich darf mich der Stimmung nicht überlassen, die mich hinführt zu einer Sehnsucht nach einer anderen Welt; nein, hier will ich ein Diener des Ormuzd sein. Indem ich den Spaten in die Erde stoße, arbeite ich als Diener des Ormuzd. Und der Mensch hat in Wahrheit hier auf der Erde zu leben. Daher lebte auch in jenen, die die Anhänger des Zarathustra waren, gerade der hehrste, der schönste Glaube an die Wahrheit und Wahrhaftigkeit, an die sittliche Reinheit. Und das gehört zu den schönsten Einschlägen, die mit der Mission des Zarathustra verbunden sind, daß der Sinn für Wahrheit und Wahrhaftigkeit — wegen dieser Verbindung mit der äußeren Welt, in der man Sinn für Wahrheit braucht — sich ausbildete.

[ 49 ] Und so sehen wir auch, daß unter alldem, was als etwas Schlimmes, zu Ahriman Gehörendes angesehen wurde — Trug, Lüge, Verleumdung — als die schlimmsten Untugenden in der Lehre des Zarathustra angesehen wurde. Im Grunde genommen ist vieles von dem, was die heutige Menschheit als die Tugend der Wahrhaftigkeit empfindet, als die Abscheu vor Trug, Lüge und Verleumdung, eine Folge von dem, was der Zarathustra-Schüler empfand. «Trug» ist sogar ein Wort, das in der Sprache der Perser für einen der bösesten der Devs geprägt worden ist. Was da durch die Mission des Zarathustra eingeflossen ist in die Menschen, das gehört, indem es sich wie ein geistiges Blut fortbewegte, heute noch zu den schönsten Gütern, die sich vom Osten nach dem Westen herüber ergossen haben und allmählich zu Bestandteilen der westlichen Menschheitskultur geworden sind.

[ 50 ] So war der Blick des Zarathustra und seines Volkes gerichtet auf die äußere Wirklichkeit, aber so, daß hinter derselben die geistige Welt gesucht wurde. In dieser geistigen Welt hoffte der Mensch seine Auferstehung, seine dereinstige Verbindung mit dem Ahura Mazdao zu finden, wenn er sich hindurchgearbeitet hatte durch die Welt der Sinnlichkeit. Eine Auferstehungsreligion, eine erste Auferstehungsreligion ist die Lehre des Zarathustra. Und so wurde sie eine Weltanschauung, die mit Freundlichkeit, mit Liebe und Wohlwollen auf das hinblickte, was weiter südwärts nur als Maja angesehen wurde. Es entwickelte sich innerhalb der Zarathustra-Religion das, was Instinkte für die Wirklichkeit waren, für die Arbeit an der Wirklichkeit und für den Zusammenhang mit der Wirklichkeit. Daher gab es in dieser Religion nicht jenen Hang, den Leib zu kasteien, so daß der Geist möglichst leicht aus ihm herauskam, sondern es lebte in ihr jener Instinkt, der den Leib so gestalten will, daß die Sinne so fein wie möglich und das Denken so scharf wie möglich werden können. Und das mußte sich zum Instinkt entwickeln. Und so sieht man eine wunderbare Summe von gesunden Lebensregeln sich entwickeln, von so gesunden Regeln bis ins Essen hinein, daß später Plato gerade in dieser Beziehung bewundernd vor der Zarathustra-Religion stand.

[ 51 ] Ja, wie lange man die Mission des Zarathustra zu schätzen wußte — bis die materialistische Zeit dies unmöglich machte —, das können wir daraus entnehmen, daß gesagt wurde, Pythagoras habe die Geometrie gelernt von den Ägyptern, die Astronomie von den Chaldäern, andere Wissenschaften von den Griechen, aber die Götterverehrung und die Weisheitsregeln über die Natur habe er von den Magiern der Zarathustra-Religion gelernt. Man verehrte also in den Nachfolgern des Zarathustra, die man die Magier nennt, jene Menschen, die etwas davon verstanden, wie man hindurchblickt durch die Sinneswelt ins Geistige, die wußten, daß man nicht durch bloß mystische Vertiefung ins eigene Innere zum Geistigen kommt, sondern wie man den äußeren Sinnesteppich durchsichtig macht. Kurz, jene, die von Pythagoras sagten, daß er die Götterverehrung von Zarathustra gelernt habe, sahen in den Anhängern der Zarathustra-Religion — wenn ich mich so ausdrücken darf — «Fachleute» mit dem richtigen Aufblick zu der geistigen Welt, mit der richtigen Götterverehrung. So hat man von dem gedacht, was Zarathustra der Menschheit gegeben hat. Es wird aber die Zeit kommen, wo man wieder in Verehrung zu Zarathustra aufblicken wird, und zwar dann, wenn man durch die Geisteswissenschaft die Möglichkeit gewinnen wird, eine solche große Geistigkeit zu verstehen, wie sie in Zarathustra zu finden ist.

[ 52 ] Es ist nützlich und bedeutsam, den Blick zurückzuwenden zu den Ausgangspunkten der Menschheitskulturen. Wenn wir das tun, dann wird zu jenen leuchtenden Gestalten, auf die wir zurückschauen, um zu sehen, wie wir eigentlich geworden sind und wie unsere heutige Kultur allmählich entstanden ist, immer auch derjenige gehören, der da war der «Goldstern» — Zoroaster, Zarathustra, denn man kann mit einigem Recht diesen Ehrennamen übersetzt als «Goldstern» wiedergeben. Gold ist immer als ein Symbol für die Weisheit angesehen worden, und die Weisheit war für die Anhänger des Zarathustra etwas lebendig Wirksames, nicht eine abstrakte, tote Wissenschaft. Es ist deshalb eine ungeheure Verirrung, wenn Leute glauben, daß die Amshaspands für Zarathustra und seine Anhänger abstrakte Ideen gewesen seien. Wer nur schon einen Blick hineinwirft [in diese Kulturströmung], der muß sich sagen, daß damit lebendige Geister gemeint waren.

[ 53 ] Die Anhänger Zarathustras fühlten, daß in ihm wie ein Siegelabdruck die Wahrheit der lebendigen, den Raum durchwebenden Geistigkeit lebte, wenn er von den Geistern in sich selber sprach, zum Beispiel von «Vahumano», von der Gesinnung, die den Menschen hinaufzieht zu der geistigen Welt, die hinter dem Teppich der Sinneswelt liegt. Sie verstanden, was Zarathustra aus dem Quellbronn seiner Seele der Menschheit zu geben hatte, wenn sie von ihm hörten: Es kann alles das, was als Lichtgeist, als die Licht- und Feuermacht die Welt durchwebt und durchlebt, hereinwirken in den Menschen und im Menschen [ein inneres Feuer] entzünden. Was da ausgebreitet ist im Raum, kann sich sammeln in einem Mittelpunkt, so daß der Mensch sich hineingestellt fühlt in den Makrokosmos. Und indem die Zarathustra-Schüler hinaufblicken zu dem Geist des Makrokosmos, sagen sie: In uns erklingt etwas wie ein Echo dessen, was uns als Geheimnis [aus dem Makrokosmos] zufließt. Wir empfinden in uns, was die Lichtmacht — das in Herrlichkeit [gehüllte Wesen] — in uns werden kann, wenn wir in uns erklingen lassen, was von allen Seiten auf uns zuströmt. — Das, was sie da im Innern erlebten, nannten die Schüler «Ahuna Vairja», woraus später «das Wort», «der Logos» geworden ist. Und das wurde empfunden wie ein in der Seele sich loslösendes Gebet, das demutsvoll zurückströmt zu den Weltengeheimnissen — wie ein lebendiges Echo, das der Mensch als ein Gebet in die Weltenräume nach allen Seiten wie ein Abbild des Urlichtes hinaussenden kann.

[ 54 ] Nur wenn man imstande ist zu verstehen, daß Zarathustra, der leuchtende Geist, solche erhabenen Gefühle bei seinen Schülern und durch diese bei einem großen Teil der Nachwelt bis in unsere Zeit herein hervorzurufen vermochte, dann fühlt man etwas von der Mission des Zarathustra. Nicht kann sie gefühlt werden, wenn man nur auf Dogmen, auf Namen hinweist, sondern nur, wenn man die lebendige Kraft der Empfindungen fühlt, die sich entzündet im lebendigen Zusammenwirken zwischen Ahura Mazdao und dem den Raum erfüllenden Licht und dem Logos, dem heiligen Wort, das als Echo aus dem Urlicht herausströmt. Wenn man diese Wechselwirkung empfindet und die welthistorische Mission des Zarathustra versteht, dann blickt man in der richtigen Weise zurück auf jene Wesenheit, die etwa 5000 Jahre vor Christus in einem Menschenleib verkörpert war und wesentlich geworden ist für die ganze Menschheit.

[ 55 ] Was Zarathustra für die Menschheit war und welches seine Mission war, das sollte heute mit einigen Worten angedeutet werden. Es sollte hingewiesen werden darauf, daß Zarathustra zu den großen Führern der Menschheit gehört, die immer aufs neue von Epoche zu Epoche die alten, die gegenwärtigen und die zukünftigen Wahrheiten verkünden, die für den Menschen Trost und Sicherheit und Kraft geben in allen Lagen des Lebens. Und das können wir zusammenfassen in den Worten:

Es sprechen zu dem Menschensinn
Die Dinge in Raumesgrenzen
Sie wandeln sich im Zeitenlauf.
Es lebt die Menschenseele
Durch Raumesweiten
Unbegrenzt und unversehrt durch Zeitenlauf.
Sie findet in dem Geistgebiet
Des eignen Wesens tiefsten Grund.