Erkenntnis und Unsterblichkeit
GA 69b
13 Februar 1911, München
9. Moses, seine Lehre und seine Mission
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Als ich vor einigen Wochen hier über die Gestalt des Zarathustra sprechen durfte, da sollte gezeigt werden, welche Bedeutung eine solche führende Individualität für das allgemeine Geistesleben der Menschheit hat. Wir dürfen sagen, in einem erhöhten Maße können wir diese Bedeutung bei einer Gestalt fühlen, deren Wirkungen in die unmittelbare Gegenwart noch so stark hereinragen, wie das bei der Gestalt des Moses der Fall ist. Denn wer wollte leugnen, daß ein groRer Teil unseres Empfindungs- und Gedankenlebens, ein großer Teil auch von dem, was durch unsere Gedanken die Einrichtungen und Verhältnisse unserer Umgebung ergreift, noch tief beeinflußt ist von den Nachwirkungen jener Taten in der Entwicklung der Menschheit, welche sich an den Namen Moses knüpfen. Obwohl wir fast eineinhalb Jahrtausende zurückgeführt werden vor die Begründung des Christentums, können wir sagen, daß bis in das Innerste unseres Seelengewebes hinein die Nachwirkungen dieser Tat zu spüren sind. Daher muß es für uns von tiefstem Interesse sein zu verstehen, was in der Evolution der Gesamtmenschheit gerade diese Mission, diese Lehre des Moses, zu bedeuten hat.
[ 2 ] Nun ist es ja nicht ganz leicht, gerade über die Gestalt des Moses zu sprechen. Auf der einen Seite ist es ja nicht so wie bei der Gestalt des Zarathustra oder Zoroaster, die für uns verschwimmt in ihren historischen Umrissen und von der wir aus äußeren Dokumenten kaum noch geringfügige Charakterzüge anzugeben vermögen; es steht vielmehr aus der biblischen Urkunde des Alten Testamentes die Persönlichkeit des Moses scharf umrissen und plastisch vor dem modernen Menschen. Auf der anderen Seite aber kann auch nicht geleugnet werden, daß sich im weitesten Umkreis gerade bei denjenigen, die sich mit der sogenannten kritischen Bibelforschung beschäftigen, alle möglichen Zweifel an diese Schilderung der MosesPersönlichkeit anknüpfen — Zweifel, die ja bei manchen nicht nur das anfechten, was uns in der Bibel erzählt wird von der Gestalt des Moses, sondern Zweifel, die sogar so weit gehen, daß die Existenz des Moses selber in Frage gestellt wird.
[ 3 ] Nun hat sich uns ja schon gelegentlich anderer Beschreibungen hier vielfach gezeigt, wie ein wirkliches geisteswissenschaftliches Eingehen auf die religiösen Urkunden den Nachweis liefert, daß wir das, was in diesen Urkunden steht, doch nicht so leicht abtun dürfen, denn gerade die genauere Forschung hat oftmals aufgezeigt, daß die Angaben der alten religiösen Dokumente viel, viel richtiger sind, als man zuweilen glaubt. Aber es ist gerade dann, wenn man sich an das Bild hält, das uns aus der Bibel von der Gestalt des Moses gegeben wird, schwierig, diese Gestalt geisteswissenschaftlich herauszuarbeiten — schwierig aus dem Grunde, weil man einen Einblick haben muß in die Art und Weise, wie gerade in jenen Partien der Bibel, in denen von Moses die Rede ist, gesprochen wird. Diese Schilderungen sind sehr eigentümlich gehalten; sie sind so gehalten, daß wir sie etwa mit wenigen Worten auf folgende Art charakterisieren können.
[ 4 ] Es verflicht die Bibel in den Partien des Alten Testamentes fortwährend äußere, physische Ereignisse, äußere Tatsachen, die sich vor den Augen der Menschen einmal historisch abgespielt haben, mit sinnbildlichen Schilderungen; sie läßt, ohne daß man imstande ist, so unmittelbar und leicht den Übergang zu erkennen, die historischen äußeren Tatsachen übergehen in sinnbildliche Schilderungen von inneren Seelenvorgängen. In der Bibel kann uns zum Beispiel irgendeine Gestalt so dargestellt werden, daß sie diese oder jene Reise unternimmt, dies oder jenes tut, und wenn dann die Schilderung fortgeführt wird, sieht es so aus, als ob das, was da weiter geschildert wird, auch äußere Vorgänge seien, während tatsächlich die Schilderungen dieser Vorgänge nun dazu verwendet werden, um innere Seelenkonflikte, innere Seelenentwicklungen, Seelenstufen darzustellen. Die Schilderung der äußeren Vorgänge dient bei gewissen Partien dann nur dazu, um innere Seelenvorgänge zu veranschaulichen. Wie gesagt, es ist in der biblischen Schilderung der Übergang von einem zum andern nicht immer ohne weiteres zu erkennen. Erst jener Takt des Verständnisses, den man aus geisteswissenschaftlichen Grundlagen gewinnen kann, gibt uns die Möglichkeit zu erkennen: Hier hört bei einer biblischen Schilderung der Wille auf, rein äußerliche, physisch zu nehmende Vorgänge zu schildern, und es beginnt eine Reihenfolge von symbolischen Handlungen, die uns andeuten, daß die Persönlichkeit, die bis dahin äußerlich das oder jenes getan hat, jetzt eine Seelenentwicklung durchmacht; sie steigt von Stufe zu Stufe hinauf und eignet sich dieses oder jenes im Seelenleben an. Da wird aber nicht das Seelenleben geschildert, sondern es werden Sinnbilder gegeben.
[ 5 ] Das hat ja sogar dazu geführt, daß ein großer theologisch-philosophischer Schriftsteller, der um die Zeit der Begründung des Christentums gelebt hat, Philo von Alexandrien, aus seiner Meinung heraus überhaupt alle Vorgänge, die uns in den ältesten Partien des Alten Testamentes geschildert werden, nur als Sinnbilder für Seelenvorgänge [des hebräischen Volkes] betrachtet hat. Eine solche Meinung geht allerdings viel zu weit; sie berücksichtigt nicht, daß in der biblischen Darstellung äußere Vorgänge mit inneren Seelenvorgängen durcheinandergemischt sind. Wir werden uns heute zu bemühen haben, das Bild von Moses, das man aus der Bibel gewinnen kann, in der Art darzustellen, daß man die beiden verschiedenartigen Schilderungen immer mehr auch wirklich auseinanderzuhalten vermag.
[ 6 ] Um die Persönlichkeit des Moses kennenzulernen, muß man die ganze Kultur ins Auge fassen, aus welcher die Tat des Moses herausgewachsen ist. Und da obliegt es mir, zunächst mit wenigen Strichen die altägyptische Kultur geisteswissenschaftlich zu charakterisieren — jene Kultur, aus der ja doch schließlich in bezug auf die äußerlichen Vorgänge das herausgewachsen ist, was wir als die Mission des Moses bezeichnen können. Nun kann man aber diese altägyptische Kultur in ihrem Werdegang und das Herauswachsen der Tat des Moses [aus dieser Kultur] nur verstehen, wenn man zwei wichtige geisteswissenschaftliche Gesetze kennt, und diese zwei geisteswissenschaftlichen Gesetze müssen wir vor allen Dingen zur Grundlage unserer Betrachtung machen. Das eine Gesetz ist ja schon öfter hier angeführt worden. Es ist die Tatsache, daß die ganze Art und Weise, die ganze Konfiguration des menschlichen Bewußtseins und der menschlichen Seelenverfassung nicht immer so war wie jetzt, sondern daß sich diese im Laufe der Jahrtausende menschlicher Entwicklung wesentlich geändert hat. Wir wissen es ja schon — und hier soll es nur noch einmal kurz angedeutet werden —, daß wir, je weiter wir zurückgehen in der menschlichen Entwicklung, eine andere Seelenverfassung, eine andere Art des Bewußtseins bei den Menschen antreffen als das, was heute das normale Bewußtsein ist.
[ 7 ] Da, wo das Vorhistorische in das Historische übergeht, das heißt in jenen Zeiten, aus denen wir Dokumente historischer Art haben, da geht schon die alte Seelenverfassung über in die neuere. Daher kommt es, daß die Menschen von heute sich so wenig denken können, daß dieses Wort «Entwicklung», das heute in bezug auf seine äußere Form eine solche Zauberkraft auf die Menschen ausübt, vor allen Dingen auch angewendet werden muß auf den Gang des menschlichen Seelenlebens in seinem Werden. Und je weiter wir zurückgehen, desto mehr finden wir, daß die Art und Weise, wie wir heute die Dinge anschauen, die wir durch unsere Sinne erfassen und durch den gewöhnlichen, an das physische Gehirn gebundenen Verstand verknüpfen, daß diese Art und Weise, die Dinge zu betrachten, indem wir unser Wachbewußtsein nur abwechseln lassen können mit dem höchstens durch unregelmäßige Träume unterbrochenen Schlafbewußtsein, nicht immer vorhanden war, sondern daß sich diese Form des Bewußtseins erst allmählich entwickelt hat.
[ 8 ] Je weiter wir zurückgehen, desto mehr kommen wir zu einer anderen Form des menschlichen Bewußitseins. Zwar hat sich in den Jahrtausenden, von denen wir heute zu reden haben, das, was wir unser heutiges Wach- und Schlafbewußtsein nennen, schon vorbereitet; es gab aber in jenen alten Zeiten, die noch hereinreichen in die ältesten Zeiten der ägyptischen Kultur und von denen die äußere Geschichte nicht viel zu berichten weiß, eine Art alten hellseherischen Bewußtseins, eine Art Bilderbewußtsein. Es war das ein solches Bewußtsein, das sich wie ein Zwischenzustand zwischen Wachen und Schlafen als ein dritter Bewußtseinszustand geltend machte. Das Wachbewußtsein, wie es heute ist und unserer heutigen Weltbetrachtung zugrunde liegt, bereitete sich in seinen Anfängen vor, und auch unser «Schlafunbewußtsein» war im wesentlichen schon vorhanden. Aber die Menschen hatten noch eine dritte Form des Bewußtseins, das nicht durchsetzt war von jenen Gedanken, Begriffen und Ideen, durch die wir uns heute über die Umwelt aufklären. Es war erfüllt von Bildern, von denen die Sinnbilder des heutigen Traumes ein Atavismus sind. Aber in diesen Bildern, die da auf- und abwogten, war nichts Beliebiges gegeben, sondern es waren diese Bilder deutlich zu beziehen auf übersinnliche Tatsachen und Wesenheiten, die hinter unserer sinnlichen Welt stehen, so daß der Mensch tatsächlich in diesem Zustand eines alten Hellsehens hineinreichte in die geistige, in die übersinnliche Welt und aus der unmittelbaren Erfahrung heraus, aus dem alten, traumhaften Hellseherbewußtsein heraus, Kunde hatte von dem, was in der geistigen Welt vorgeht.
[ 9 ] Die Fortentwicklung der Menschheit besteht darin, daß immer eine Seelenkraft sich auf Kosten einer anderen entwickelt. Unsere heutige Intellektualität, die Art und Weise, wie wir die durch unsere Sinne gegebenen äußeren Gegenstände verbinden durch unsere Begriffe und Ideen, die konnte sich nur entwickeln, indem das hellseherische Bewußtsein sich verdunkelte, indem es in ein unbestimmtes Unterbewußtsein des Menschen hinunterstieg und sich umwandelte in die gegenwärtige Seelenverfassung. Diese wird sich später wieder verbinden mit einer gewissen Art von hellscherischem Bewußtsein, das dann aber durchsetzt sein wird von unserer Intellektualität, während im alten Hellseherbewußtsein gerade das intellektuelle Element fehlte.
[ 10 ] Nun haben wir uns ferner damit bekannt zu machen, daß dieses alte Bewußtsein die verschiedensten Formen anzunehmen hatte. Und damit dies möglich sein konnte, war ein jedes der alten Völker — in Gemäßheit seiner Volksanlage — dazu berufen, dieses alte Bewußtsein in einer ganz bestimmten Weise auszubilden. Man kann förmlich davon sprechen, daß jedes Volk die Mission hatte, das Bewußtsein in einer ganz bestimmten Weise auszubilden. Das ägyptische Volk zum Beispiel — dessen alte, heilige Weisheit, die der altägyptischen Schrift zugrunde liegt und die wir noch heute bewundern können —, dieses altägyptische Volk war dasjenige, das seine Weisheit in grauen Vorzeiten von seinen Führern durch ein solches hellseherisches Bewußtsein erhalten hat, das heißt durch unmittelbares Hineinschauen in die geistigen Welten. Und von den ältesten Zeiten ging die Überlieferung bis in die späteren Zeiten des ägyptischen Volkes hinein. Was wir aus diesen späteren Zeiten als historische Darstellungen finden, das ist im wesentlichen der Nachklang dessen, was die Führer des ägyptischen Volkes in den Vorzeiten hellseherisch in den geistigen Welten geschaut haben.
[ 11 ] Nun müssen wir uns aber klar sein darüber — und das ist die andere Tatsache, die aus den geisteswissenschaftlichen Grundlagen heraus heute dargestellt werden soll —, daß für jede menschliche Seelenverfassung, für eine jede Art und Weise, die Dinge in der Umwelt anzuschauen, eine dafür bestimmte Epoche da ist, und wenn diese abgelaufen ist, dann muß eine andere Seelenverfassung an die Stelle der alten treten. Ein Volk, welches über diesen ganz bestimmten Zeitpunkt hinaus, wo eine alte Seelenverfassung durch eine neue abgelöst werden sollte, diese alte beibehalten würde, ein solches Volk müßte dem Verfall seiner Seelenkräfte, der Dekadenz, entgegengehen. Und wir sehen das auch, denn warum gehen Völker der Dekadenz entgegen? Weil sie sozusagen von ihrem Volksursprung aus eine bestimmte Seelenverfassung gleichsam eingeimpft erhalten haben und nun aus einem gewissen konservativen Element heraus diese behalten wollen. Der Weltwerdegang sagt aber: Bis hierher [mit der alten Seelenverfassung], und jetzt muß eine neue eintreten! Die Völker können zwar die alte behalten, aber dann verfallen sie, denn die Zeit für eine neue Seelenverfassung ist gekommen.
[ 12 ] Nun kam, während die Entwicklung Ägyptens ablief, eine neue Zeit. Die Uhr der alten, hellseherischen Kultur war abgelaufen, und aufgehen sollte innerhalb dieser Kultur der alten Völker eine intellektuelle Kultur, die auf Verstand, auf Vernunft im gewöhnlichen Sinne, auf das intellektuelle Kombinieren und Erfassen der Dinge der Außenwelt gerichtet war. Diese intellektuelle Kultur, diese Art Seelenverfassung, sie reicht noch weit in unsere Gegenwart herein. Wir selber haben die Eigentümlichkeit, daß wir in unserer Seele noch das tragen, was sich damals hineinstellen mußte in den Ablauf der ägyptischen Kultur, nämlich das, was wir als unsere Intellektualität haben, als unsere Art, die Dinge anzuschauen. Bis zu uns reicht das, was dazumal in Ägypten an die Stelle der altägyptischen Kultur treten mußte. Um [den Menschen] das verstandesmäßige Erfassen der Umwelt zu bringen — im Gegensatz zu der alten, hellseherischen Kultur —, dazu war die Persönlichkeit des Moses ausersehen. Daher ist es kein Wunder, daß die Tat des Moses bis zu uns reicht, bis in unsere Seelen ihre Ausläufer hereinschickt. Weil damit gerade jene Art der menschlichen Seelenverfassung fruchtbar gemacht worden ist, der wir selbst noch angehören, fühlen wir uns noch immer in gewisser Weise mit der Tat des Moses verwandt. Moses wurde hineingestellt in das ägyptische Volk, und er sollte aus der ägyptischen Kultur die moderne Verstandeskultur in ihrer allerersten Basis begründen. Er begründete das Neue, auf das die Weltenuhr eingestellt war, und die altägyptische Kultur ging darüber hinweg und mußte verfallen. Er aber trug das, was er zu geben hatte, in das ihm angestammte Volk hinein, das er herausführte aus dem Zusammenhang des Ägyptertums und in dem sich der Keim der Verstandeskultur der Menschheit entwickeln sollte.
[ 13 ] Solche Menschen, die dazu berufen sind zu erkennen, wie gleichsam die Uhr des Weltenlaufes geht, werden uns immer so geschildert, daß im Zusammenhang mit ihrer Geburt irgend etwas geschieht, was sinnbildliche Bedeutung für ihre ganze Seelenentwicklung hat. Die biblische Geschichte schildert das so, daß Moses in dem bekannten Kästchen, in das er gelegt wurde, von der Tochter des Pharao gefunden wird. [Ob sich das wirklich so abgespielt hat], das braucht hier nicht weiter auseinandergesetzt zu werden. Wir sollen durch diese Schilderung einfach darauf hingewiesen werden, daß in diesem Moses ursprünglich veranlagte Kräfte lagen, die dazu berufen waren, daß er etwas ganz Neues, eine ganz neue Art der Seelenverfassung in die Welt bringen konnte. Deshalb mußte sinnbildlich gezeigt werden, daß diese Seele, in der der Keim für erwas Neues war, zunächst für eine Weile ganz unbeeinflußt bleiben mußte von der Umgebung, in sich abgeschlossen war und dann hineingestellt wurde in jene Umgebung, aus der das Neue herausgetragen werden sollte. Und nun werden uns Tatsachen geschildert, die zu jenem von mir charakterisierten Gebiete gehören, wo die biblische Geschichte uns sagt, was sich wirklich physisch in der äußeren Welt abspielte — [jenes Gebiet], wo man [die Ereignisse] mit Augen sehen und historisch verfolgen kann.
[ 14 ] Da werden wir darauf aufmerksam gemacht, wie Moses durch eine gewisse Tat, die er verübt hat, dazu geführt wird zu fliehen. Er flieht nach Midian zu einem Priester, zu dem Priester Jetro. Und in diesem Übergang von den rein äußerlich zu nehmenden Ereignissen, die uns vorgeführt werden — von der Tötung des Ägypters und der Flucht des Moses —, werden wir sachte hinübergeführt zu einem Ereignis, das sich ausnimmt wie eine physische Fortsetzung der Tatsachen, das aber nichts anderes ist als eine symbolische Darstellung von solchen Vorgängen, die Moses nun [innerlich] durchzumachen hat und die er nur dadurch durchmachen kann, daß er in die Nähe eines Priesters, eines Trägers umfassendster kosmischer Weisheit, kommt. Das wird uns damit angedeutet und ist klar genug für diejenigen, die die Bilder zu lesen verstehen, die immer wieder in gleicher Art gebraucht werden.
[ 15 ] Es wird uns gesagt, daß Moses, als er zu dem Priester Jetro floh, zunächst auf einen Brunnen traf. Mit dem Brunnen wird immer der Quell der Weisheit angedeutet — der Quell von Menschenkultur, von geistigen Bildungselementen, die jemand findet. Und dann werden wir sehr merkwürdig weitergeführt. Es wird uns gezeigt, wie Moses die sieben Töchter des Jetro findet — dieser wird außerdem mit anderem Namen auch Reguel genannt. Daß er ein Priester derjenigen Gottheit war, die über alle anderen Götter gestellt war in jenem Altertum, das wird uns dadurch angedeutet, daß uns gesagt wird — gesagt wird durch seinen Namen —, er gehöre zu dieser höchsten Gottheit. Es wird das immer angedeutet durch die Endsilbe «-el», — wie bei Gabri-el, Micha-el, die «dem höchsten Gott zugehören». Ein Priester also des höchsten Gottes war Jetro-Reguel. Und gesagt wird uns, indem die Seelenvorgänge durch Sinnbilder angedeutet werden, daß Moses in Berührung kommen sollte mit einem Priester, der mächtigste Weisheit hineingießen konnte in die Seele des Moses. Es war eine solche Weisheit, durch die seine Seele lichtvoll und kraftvoll wurde, damit er seine Mission, eine neue Seelenverfassung in die Menschheit hineinzustellen, erfüllen konnte.
[ 16 ] Nun wurde in der alten Seelenkunde etwas anders gedacht als heute, und da müssen wir uns klarmachen, wie in der alten Psychologie eigentlich gedacht worden ist. Wir sprechen heute von der Seele des Menschen mehr oder weniger als von etwas Einheitlichem und haben damit für unsere Zeit recht. Wir reden davon, daß Denken, Fühlen und Wollen als Kräfte in unserer Seele leben, und wir wissen sogar, daß, wenn diese drei Kräfte in unserer Seele nicht in der richtigen Harmonie stehen, die Gesundheit dieser unserer Seele beeinträchtigt ist. Und das beruht darauf, daß unsere Seele sich aus dem, was sie früher war, zu dem entwickelt hat, was sie heute ist. In alten Zeiten sagten die Weisen, daß in der Seele des Menschen verschiedene Gebiete lebten, und sie zählten sieben solche Gebiete auf. Wie wir heute die drei Gebiete Denken, Fühlen und Wollen aufzählen, so zählten sie sieben verschiedene Gebiete der Seele auf, aber sie stellten sich dabei die Seele nicht als eine Einheit vor.
[ 17 ] Wir können uns die Vorstellungen dieser alten Weisen etwa so vergegenwärtigen. Nehmen wir an, die Seele des Menschen würde sich heute nicht als eine Einheit fühlen, sondern sich sagen: In mir leben Denken, Fühlen und Wollen, aber in das Denken ragt herein aus dem Kosmos eine besondere Art von geistiger Strömung, die nur mit dem Denken des Menschen im Zusammenhang steht; in das Fühlen ragt eine andere Strömung herein und in das Wollen wiederum eine andere. Und diese Kräfte würden nicht durch die Kraft des heutigen Ichs zusammengehalten, sondern dadurch, daß gleichsam von außen göttlichgeistige Wesenheiten eingreifen und unser Seelenleben zu einer Harmonie gestalten. Wir wären es also nicht selbst, die die Glieder des Seelenlebens harmonisch miteinander vereinigten, sondern es wären äußere Mächte, die hereinragten aus den kosmischen Weiten. Die alten Weisen nahmen sieben solche Kräfte an, und diese sieben Kräfte ragten gleichsam selbständig in die Seele herein. Was mit dieser Weisheit erfaßt wurde, war das Ausfließen von sieben Kräften, die gleichsam durch die Welt strrömten und sich in die sieben Seelengebiete des Menschen ergossen. Und was da als Seelenkräfte einströmte, das stellte man sich im Bilde vor als die sieben Töchter des Trägers der Gesamtweisheit.
[ 18 ] Das ist etwas, was noch nachklingt in all den späteren mystischen Vorstellungen, die sich das, was hereinströmte in die Seele als Weisheit oder als Seelenlicht oder als Willensimpulse, als weiblich vorstellten: Das klingt auch noch nach in Goethes «Faust», wo es heißt: «Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan», was nicht frivol gedeutet werden darf. Und wenn uns gesagt wird, Moses sei mit den sieben Töchtern Jetros am Brunnen zusammengetroffen, dann bedeutet das, daß von Jetro die sieben Strahlen der Weisheit ausgingen und sich in die Seele des Moses ergossen — voneinander getrennt, wie das in der alten Psychologie eben überall gedacht wurde. Man dachte sich in diesen alten Zeiten die Weisheit, die geistigen Inspirationskräfte der Welt persönlich, konkret, nicht abstrakt, wie das heute der Fall ist.
[ 19 ] Wir haben bei der Betrachtung des Zarathustra gesehen, wie das, was in den Menschen hereinfließt, von Zarathustra gedacht wird als konkrete Weltenmächte, als die Amshaspands und die Izeds oder Izards. Und da sehen wir den Fortschritt im Denken der Menschheit: Was in lebendiger Geistigkeit als mit persönlichem Charakter in die menschliche Seele hereinwirkend vorgestellt wurde, das verblaßt zum Beispiel schon in den platonischen Ideen. Die sieben verschiedenen Inspirationskräfte der Seele werden uns bildlich dargestellt in den sieben Töchtern des Hohepriesters, die Moses beim Brunnen antrifft. Und daß er dazu berufen ist, eine dieser Kräfte auszubilden, um seine spezielle Mission in der Menschheit anzutreten, wird dadurch angedeutet, daß er mit einer der sieben Töchter Jetros verheiratet wird. Und wir werden sehen, welche der sieben Grundkräfte gerade in die Mission des Moses fällt. Wir können diesen sieben Seelenkräften noch das ganze Mittelalter hindurch nachspüren, denn was uns in den sogenannten sieben freien Künsten als die Beleber der menschlichen Seele entgegentritt, das sind die verblaßten Abstraktionen der sieben alten Geistesquellen.
[ 20 ] Diese sieben Geistesquellen, die in die Seele der einzelnen Menschen hineinfließen sollten, waren so gedacht, daß die eine sich mehr bezog auf das, was weisheitsvolles Verständnis der Welt war — natürlich auf die hellseherische Weisheit —, eine andere Geisteskraft mehr auf das, was liebevolles Umfassen der Tatsachen und Wesenheiten ist, eine dritte mehr auf die Willensimpulse, eine vierte auf das Gedächtnis und so weiter. Moses war nun zugedacht, von diesen sieben Geisteskräften eine in seine besondere Mission aufzunehmen und sie an die Stelle dessen zu setzen, was früher aus dem Gesamtborn der die Welt durchwebenden Weisheit die Menschheit beherrscht hat. Diese Geisteskraft ist die Intellektualität, es ist dasjenige Verstehen und Erfassen der Welt, das nicht mehr angewiesen ist auf Hellsichtigkeit, sondern auf die Kräfte des äußeren Verstandes.
[ 21 ] Nun muß überall ein Übergang geschaffen werden. Das Alte kann nicht ohne weiteres in das Neue sich verwandeln. Moses war dazu berufen, die neue Intellektualität, das vernunftgemäße Überschauen der Dinge an die Stelle der alten hellseherischen Weisheit zu setzen, die in Ägypten noch heimisch war und zu Moses Zeit schon in Verfall gekommen war. Er selber mußte die neue Art aber noch aus einem gewissen Hellsehen heraus entwickeln, das ihm wie durch Gnade noch geworden war. Dadurch, daß Moses noch nach der alten Art des Hellsehens die Dinge schaute, sie aber doch so schaute, wie sie die neue Intellektualität schauen soll, wurde gleichsam die Brücke geschaffen zwischen dem alten Hellsehen und der neuen, vom Hellsehen freien Intellektualität der Menschheit.
[ 22 ] Woran ist diese neue Intellektualität gebunden? Sie ist an jenes Zentrum unseres Seelenwesens gebunden, das wir mit dem einfachen Wort «Ich» bezeichnen. Indem wir dem Zentrum unseres Seelenwesens bewußt das Sein beilegen, umschließen wir das Gebiet unseres Bewußtseins als das Gebiet der Intellektualität — jenes Gebiet, auf dem sich zu schaffen machen Vernunft und Verstand, Begriff und Idee. Wenn man dieses Gebiet umschließen will, muß man sich klar sein, daß dieses nur dadurch in sich selber zusammenhält, weil es von dem einheitlichen Ich zusammengehalten wird.
[ 23 ] Was war also für Moses [als Aufgabe] gegeben? Nun, vor Moses lag eine unendlich wichtige Tat — man kann das so ausdrücken, wenn man das Erleben des Moses in Worte fassen will. Moses konnte sich sagen: Die Götter haben durch ihre verschiedenen Kräfte hereingewirkt in die menschliche Seele, und wenn die Menschen der alten Zeit in ihrem Hellsehen dieses oder jenes überschauten, wenn sie dieses oder jenes in der äußeren Welt fühlten, so sprachen sie immer von den Göttern, die draußen im Kosmos lebten. Aber für die Intellektualität — für jenes Erfassen der Außenwelt, das an das tiefste menschliche Zentrum gebunden ist —, da muß der Gott in das Innerste des menschlichen Zentrums hineingehen, muß sich mit diesem Ich verbinden. Und es muß ein Gott erkannt werden, der nicht bloß in den Wolken, in den Sternen geschaut wird, sondern von dem gesagt werden muß: Er wirkt in den Wolken, das ist die Wolkenkraft; wenn er aber hereinströmt in die Seele, so bewirkt er das, was diese menschliche Seele in sich selber erlebt.
[ 24 ] Nicht nur das konnte gesagt werden von den äußeren Göttern, sondern auch dies: Jetzt muß eine solche Seelenkraft in der Menschheit sich entwickeln, die sich nur entwickeln kann durch die Kraft eines Gottes, der im Ich des Menschen sein Sein hat. Dieser Gott, der in des Menschen innerstes Wesen, in sein Ich, einziehen sollte, der erschien durch Inspiration des Priesters dem hellseherischen Bewußtsein des Moses. Und durch Hellsehen erblickte Moses den Gott, das heißt durch das, was in ihm an hellseherischer Kraft noch entfacht werden konnte — was uns angedeutet wird durch das Bild vom brennenden Dornbusch. So wie dies geschildert wird, erkennt jeder, der die Dinge versteht, daß ein astralisch-hellseherisches Anschauen einer Wirklichkeit vorliegt. Der neue Gott, der sein Sein in dem Ich haben sollte, erschien in dem brennenden Dornbusch. Und Moses fragte diesen Gott: Wenn ich nun mein Volk in deinem Namen führen soll, was muß ich sagen, wer mich geschickt hat? — Sie können es selber in der Bibel lesen — auch wenn die Übersetzungen der Bibel sonst sehr mangelhaft sind, da sind sie richtig. Auf die Frage: Wer hat dich geschickt? —, wird Moses die Antwort zuteil: Sage deinem Volk, der «Ich bin» habe dich geschickt. — Und das heißt: Jene Gotteskraft hat dich geschickt, die in dem innersten Menschenzentrum die Möglichkeit anfacht, daß der Mensch in diesem innersten Zentrum «Ich bin» sprechen kann, sich sein Dasein also selber beilegt, sein Dasein selbst erlebt: «Ich bin, der ich bin»!
[ 25 ] Das war das, was Moses hellseherisch vor-erlebte: die Intellektualität der Menschheit. Damit stand er an einem Punkt, an dem die alte Kultur in bezug auf die menschliche Seelenverfassung in eine ganz neue Kultur übergehen sollte. Das war ein Übergang über einen Abgrund der menschlichen Kultur, als ob von den Weltenmächten da gesagt worden wäre: Künftig muß Intellektualität herrschen, und diejenigen, die das Alte fortführen wollen, gehen dem Verfall entgegen. Über diesen Abgrund müssen wir hinüberkommen. — So hätte es sich Moses in seiner Seele sagen können. Und so haben es die Nachfolger des Moses empfunden, daß der Übergang über einen kosmischen Weltenabgrund gewonnen worden sei. Daher haben die Bekenner des Moses das Passahfest, das Fest des Übergangs über einen Weltenabgrund, in Erinnerung an diese Tat des Moses gefeiert. Oh, diese alten Feste, die man heute gewohnt ist, so trivial auszuleben, beziehen sich auf große Geheimnisse des Weltendaseins. Als nun Moses wirklich, ausgerüstet mit der Kraft für Jahrtausende, an den Hof des Pharao kam — was Wunder, daß dieser aus der alten hellscherischen Kultur Ägyptens herausgewachsene Pharao die Zeichen nicht verstehen konnte, die Moses vor ihm entfaltete.
[ 26 ] Es kann jetzt nicht eingegangen werden auf die Einzelheiten dieser Mißverständnisse, die da stattfanden zwischen Moses und dem Pharao. Es sind alles Bilder, die uns zeigen sollen: Der Pharao sprach aus einer alten hellseherischen Kultur heraus und aus einer solchen Seelenverfassung, die noch aus dieser hellseherischen Kultur kam. Aus einer solchen ist auch die alte Bilderschrift entstanden. Was der Ägypter verstehen konnte von dem Gang der Naturereignisse — das ist alles daraus entstanden. Moses aber entwickelte ein solches Verständnis der Welterscheinungen, eine solche Kombination der Tatsachen, wie sie aus der modernen Intellektualität hervorging. Das erschien natürlich denen, welche noch im alten hellseherischen Bewußtsein drinnensteckten, als Wunder, als wunderbare Ereignisse, denn geradeso wie der Mensch, der sich heute nicht denken kann, daß irgendwelche Dinge anders geschehen, als er sie sich vorstellt, konnten sich die alten Kulturmenschen nicht vorstellen, daß die Dinge so verlaufen, wie sie sich der moderne Mensch denkt. So ist der Wunderbegriff nur umgekehrt worden.
[ 27 ] Und wir wissen ja — die Bibel stellt es uns dar —, daß Moses es wirklich dahin brachte, aus seiner starken Kraft heraus, die aus einer Seeleninspiration hervorging, dieses ihm sozusagen durch das Blut angestammte Volk aus Ägypten herauszuführen, aber so, daß es nachher, abgesondert von der ägyptischen Kultur, die intellektualistische Kultur ausbilden konnte. Daher sehen wir aus dieser Mission des Moses alles das entspringen, was wir nennen können das Denken, das sich auf eine Einheit — auf die Jahve-Einheit — zurückführen läßt und die Welt mit dem Verstand, mit Begriffen und Ideen durchdringen kann. Das war die Mission des althebräischen Volkes: mit dem Verstand, mit dem Intellektualismus, mit Begriffen und Ideen die menschliche Kultur zu durchimpfen. Und wer die Dinge sehen will, wie sie sind, der wird verstehen, daß bis heute diese eigenartige Mission des althebräischen Volkes gewirkt hat und daß diese eigentümliche Verstandeskultur nur aus einer solchen Quelle hervorgehen konnte.
[ 28 ] Wie standen denn diejenigen, für die Moses der Inspirator war, denen gegenüber, die noch aus der alten hellseherischen Kultur stammten? Wie standen die Anhänger des Moses, die er aus Ägypten herausführte, den Ägyptern gegenüber? Da müssen wir uns mit einigen Eigentümlichkeiten jener Seelenverfassung bekannt machen, welche die Menschen hatten, die unter dem Einfluß der alten hellseherischen Kultur standen und vielleicht bis zum heutigen Tage herein noch stehen. Es gibt immer Nachzügler, und das sind diejenigen, bei denen die Intellektualität zurückgeblieben ist. Um uns klar zu machen, wie da gewisse Seelenkräfte walten, möchte ich Sie zuerst — obwohl ich nicht Menschliches mit Tierischem vergleichen will — an gewisse Dinge bei den Tieren erinnern. Man spricht bei den Tieren von instinktiver Betätigung. Wir wollen das Wort Instinkt nicht weiter kritisieren; jeder weiß, was damit gemeint ist, nämlich dieses elementare, unmittelbare Wirken und Tun, wie wir es im Tierreich finden, das dem [zielgerichteten] menschlichen Handeln entgegensteht. Beim Menschen haben wir überlegtes Handeln, beim Tier kommen die Tätigkeiten aus Instinkten. Je mehr wir zurückgehen zur alten hellseherischen Verfassung, desto mehr wird für die Menschen das Handeln auch ein mehr instinktives. Sie werden geführt, getrieben zu ihren Handlungen; sie geben sich nicht erst Rechenschaft in Begriffen und Ideen. Wir finden in jeder alten Seelenverfassung auch ein gewisses instinktives Handeln.
[ 29 ] Nun erinnere ich Sie an etwas, was wahrer ist, als man meint. Sie werden Schilderungen gehört haben, daß zum Beispiel, wenn Ausbrüche aus Vulkanen bevorstehen, die Tiere vorher abziehen und so der Katastrophe nicht verfallen. Hinter diesen Schilderungen steckt etwas Wahres: Wie meinetwillen die Vögel in bezug auf den Flug ihrem Instinkt folgen, so folgen die Tiere bei Vulkanausbrüchen einem geheimnisvollen Drange. Die Menschen nun, die schon zum Überlegen in Begriffen und Ideen aufgestiegen sind, die können nicht mehr so instinktiv handeln, die bleiben [und erliegen] der Katastrophe. Wenn auch solche Berichte oft übertrieben sind: Es liegt ihnen aber etwas Wahres zugrunde, denn da, wo ein Instinkt vorhanden ist, ist ein innigeres Band vorhanden zwischen den Naturereignissen und dem, was in der Menschenseele gefühlt wird, als bei einem solchen Handeln, dem Begriffe und Ideen zugrunde liegen. So änderte sich auch die Seelenverfassung der alten Völker; sie wurde anders bei denen, die intellektuell dachten.
[ 30 ] Und so standen jetzt die Anhänger des Moses den alten Ägyptern gegenüber: die Ägypter, ein altes Volk die Anhänger des Moses, das neue Volk. Und dieses war durch seine ganze Blutsbeschaffenheit veranlagt, intellektuell, verstandesmäßig die Naturerscheinungen zu kombinieren, vernunftgemäß zu denken. Ja, da kommt nun in Betracht, daß die Zeit für das alte Instinktive in der Seelenverfassung abgelaufen war. [Und wenn diese Zeit abgelaufen ist], dann kommen die [alten] Kräfte in den Verfall, dann taugen sie nicht mehr. Für alte Zeiten taugten sie; da empfanden die Menschen instinktiv den Gang der Naturereignisse und richteten sich danach. Aber das kam in Verfall um die Zeit, in der Moses berufen war, eine ganz neue Kultur zu bringen, und da war eben nicht mehr die Zeit da für die alten instinktiven Seelenkräfte. Und jetzt denken wir uns einmal, daß den Naturereignissen gegenüberstehen auf der einen Seite Moses und auf der anderen Seite die alten Ägypter. Die alten Ägypter konnten nicht verstandesmäßig die Naturerscheinungen kombinieren. In alten Zeiten hatten sie es instinktiv in ihrer Seele gefühlt, wenn sich der Meeresspiegel wieder hob; zwischen dem Seelenleben und den äußeren Naturereignissen bestand ein inniges Band. Niemals hätte es die Seele verfehlt, zu fühlen, zu empfinden, wann der Meeresspiegel zurückging, so daß man durch den trockengelegten Boden hinüberkommen konnte. Aber die alten Zeiten waren vorbei. Die Ägypter hatten nicht mehr diese alten, instinktiven Kräfte, denn es war die Zeit gekommen, wo man intellektuell den Zusammenhang der Dinge überschauen sollte. Dazu war Moses berufen. Er stand nun vor dem Meer, und er wußte aus dem Gang der Naturereignisse heraus zu kombinieren, wann der Meeresspiegel zurücktritt, so daß er mit seinem Volk hinüberkommen konnte. Durch die neu entwickelte Intellektualität war es ihm möglich, diesen Zeitpunkt der Natur abzulesen. In alten Zeiten hätten die Ägypter gefühlt, daß sie jetzt nicht mehr hinüber konnten, aber für die neue Art der Erkenntnis waren sie noch nicht reif; sie verfielen, weil ihre Seelenkräfte in die Dekadenz, in den Verfall gekommen waren, den Wogen. So sehen wir Moses, der mit intellektuellem Kombinieren seine Anhänger hinüberführte durch das zurückgegangene Meer, und wir sehen die Ägypter den Fluten verfallen, weil sie nur aus alter, instinktiver Kraft hätten fühlen können, daß das Meer wieder steigt, aber diese instinktive Kraft hatten sie nicht mehr.
[ 31 ] Wir stehen da an der Grenzscheide zwischen der alten und der neuen Zeit, wir stehen an dem Punkt, wo sich die Mission des Moses ganz deutlich abhebt von dem, was die Mission des alten ägyptischen Volkes war. An einem solchen Punkt fühlen wir, wie tiefsinnig und bedeutungsvoll die Schilderungen der religiösen Urkunden sind, aber man braucht Geisteswissenschaft zum Buchstabieren der religiösen Urkunden; diese will Dienerin sein zum Verständnis dieser Urkunden. Ich kann heute nur skizzieren, aber versuchen Sie einmal selber, alles, was Sie in der Bibel oder in sonstigen Dokumenten finden, mit dem zu vergleichen, was heute gesagt wurde, und Sie werden sehen: Je genauer Sie das nehmen, was Geisteswissenschaft zu sagen hat, desto mehr werden Sie das bewahrheitet finden, was heute nur mit einzelnen Kohlestrichen hingezeichnet werden kann, denn es entspricht überall dem Wirklichen.
[ 32 ] Sehen wir nun weiter: Wir sehen, wie die besondere Veranlagung, die Moses als seine Mission auf sein Volk zu übertragen hat, insbesondere daran geknüpft ist, die Reinheit des Blutes zu schützen. Gerade bei diesem Volke soll es sich nicht vermischen, es soll sich abgetrennt von den anderen Völkern halten, so daß dasselbe Blut durch Generationen und Generationen hinunterrinnt. Warum ist das so? Auch das können wir verstehen, wenn wir die Umschwünge der Seelenverfassung uns vor Augen führen. Hellsehen — ob es nun das alte, bildhafte ist oder das hier öfters geschilderte, zu dem sich der moderne Mensch erheben kann, wenn er die entsprechenden Übungen durchmacht —, Hellsehen ist immer daran gebunden, daß der Mensch mit seinem geistigen Teil unabhängig werden kann von seiner physischen Körperlichkeit, daß er also in gewisser Weise seinen geistigen Teil herausziehen kann aus der physischen Körperlichkeit. Was der Hellseher erlebt, erlebt er ja nur durch das Werkzeug der Seele, die sich frei macht, gleichsam herausgeht aus der physischen Körperlichkeit. Das wird der moderne Materialist von vornherein als eine Torheit ansehen; er kann nichts anderes glauben, als daß alle seine Seelentätigkeit an das physische Gehirn gebunden ist. Aber Hellsehen ist nicht an das Gehirn gebunden, sondern verläuft im Seelenleben ohne das Gehirn. Das kann nur die Erfahrung bestätigen, und das kann derjenige, der diese Erfahrung nicht hat, mit tausenderlei, scheinbar ganz genügenden Gründen widerlegen, etwa so, wie ein Blinder widerlegen kann, daß es Farben gibt. Aber darauf kommt es nicht an. Man sollte nach den Prinzipien der heutigen Forschung zugeben, daß da nur Erfahrung entscheiden kann. Also Hellsehen ist daran gebunden, daß der geistige Teil des Menschen sich frei macht von den Instrumenten des physischen Leibes.
[ 33 ] Alle alten Kulturen müssen wir so ansehen, daß sie in gewisser Weise auf den Wegen der Imagination, der Inspiration, der Intuition beruhten, die in die Seele hereinströmten. Diese Kulturen hatten also etwas, was vom physischen Leib unabhängig war und in die physische Welt bloß hinunterfloß. Deshalb sind die Überreste der alten Kulturen so schwer zu deuten, denn in dem Augenblick, wo man mit dem Bewußtsein unabhängig wird vom physischen Leib, da kann man nurmehr in plastischeren Gebilden leben als dem physischen Leib. Solch scharf umrissene Konturen wie im Physischen hat man im Hellsehen nicht; da hat man etwas Bildhaftes, das sich nicht so unmittelbar auf die physische Welt bezieht, wie das sonst der Fall ist beim intellektuellen Begreifen; man hat etwas, was mehr symbolisch sich auf die äuReren Dinge bezieht. So dürfen wir sagen, daß uns die hellseherischen Kulturen — und dazu gehört auch die ägyptische in ihrer ganzen Größe — in allen Überlieferungen so gegeben sein müssen, daß sie in gewisser Weise statt äußeren, scharfen Begriffskonturen Bilder gebrauchen. Die Mythen, die alten Legenden, in welche die Weltengeheimnisse getaucht werden, sind bildhafte Darstellungen der Weltengeheimnisse; sie sind Nachklänge des alten bildhaften Hellsehens. Da war die Übertragung der Kultur in einer gewissen Weise noch an geistige Vorgänge gebunden.
[ 34 ] Jetzt aber war es gerade in der Mission des Moses gelegen, den Seelen eine solche Verfassung zu geben und der Kultur zugrunde zu legen, welche an die Intellektualität gebunden war, damit aber auch an das äußere Instrument des Leibes. Denn das ist das Eigentümliche des [intellektuellen] Denkens: Es faßt die Dinge so zusammen wie unser normales, waches Bewußtsein, und dieses Bewußtsein ist ganz an das Werkzeug des Gehirns und des sonstigen Leibes gebunden. Die Intellektualität ist eben an das Werkzeug des physischen Leibes gebunden. Was Wunder, daß diese besondere intellektuelle Begabung an eine besondere Konfiguration, an besondere Organanlagen eines Volkes gebunden war und durch das physische Blut von Generation zu Generation übertragen werden mußte, bis die Mission des althebräischen Volkes erfüllt war. Es mußte also das physische Werkzeug für die Intellektualität gerade durch dieses von Generation zu Generation fließende Blut an die physische Eigentümlichkeit dieses Volkes gebunden und immer mehr verfeinert werden, bis es so weit verfeinert war, daß aus diesem Volk hervorgehen konnte der physische Träger für jene geistige Macht, die sich dann in einem noch viel höheren Maße hineinergossen hat als göttliche Kraft in das menschliche «Ich-bin» — in einem viel höheren Maße, als das durch die alte Jahve-Kraft geschehen war. Und insofern war diese Mission des Moses in der Tat die Vorbereitung für die Christus-Tat. Aber es mußten erst die äußeren Werkzeuge in der entsprechenden Weise ausgebildet werden. Und so begreifen wir auch, daß diese Tat des Moses an ein ganz bestimmtes Volk gebunden war, dessen Blut rein gehalten werden mußte, weil diese besondere Kraft, die an das Instrument der äußeren Leiblichkeit gebunden ist, in die menschliche Kulturentwicklung einfließen sollte.
[ 35 ] Ganz einheitlich und ganz harmonisch stellt sich also die Tat des Moses in die Gesamtentwicklung der Menschheit hinein. Als den großen Bannerträger der Intellektualität empfinden wir ihn — in all der Eigentümlichkeit, welche selbst in der Mystik [zum Ausdruck kommt], das heißt in der menschlichen Geistesbetätigung, welche sonst dem Verstand und der Vernunft am allerfremdesten ist. Selbst in der Mystik, zum Beispiel in der hebräischen Kabbalistik, zeigt sich uns deutlich, daß in dieser Kultur die Mission vorliegt, Verstand und Vernunft, kombinatorisches Umspannen der äußeren Ereignisse in die Menschheitskultur hineinzubringen.
[ 36 ] Und wenn wir zurücksehen auf die Hermeskultur Altägyptens mit ihrer wunderbaren, alten hellseherischen Kultur, so sehen wir, wie sie zwar berufen ist, in ihrem Schoße die nicht mehr hellseherische Moses-Kultur zu tragen, daß sie selbst aber untergehen muß, weil die Uhr der Weltentwicklung nun auf die Intellektualität gestellt ist. Und das ist die Bedeutung des Christus-Ereignisses, daß mit ihm und dem Mysterium von Golgatha in die intellektuelle Entwicklung wiederum ein so gewaltiger spiritueller Stoß gekommen ist — ein so gewaltiger geistiger Impuls —, daß nach und nach, wenn sich die intellektuell gewordene Menschheit immer mehr einlebt in das Christus-Ereignis, durch diesen gewaltigen spirituellen Impuls auch das Intellektuelle aufgesogen werden kann aufgefangen werden kann von dem, was wiederum in das geistige, in das hellseherische Gebiet hineinführt und die Intellektualität in dieses Gebiet hineinträgt. Wir fühlen uns — um noch einmal darauf hinzuweisen — heute deshalb noch immer so berührt von der Bedeutung des Moses-Ereignisses, weil wir ja selber noch in dem Zeitalter der intellektualistischen Kultur drinnenstehen und erst wie in einer fernen Perspektive eine neue Spiritualität und eine neue Mission erblicken.
[ 37 ] So konnte ich Ihnen, meine sehr verehrten Anwesenden, mit ein paar Strichen dieses Bild des Moses zeichnen, wie es sich der Geistesforschung ergibt in dem hellseherischen Bewußtsein, das aufklärend wirkt für die äußere, historische Darstellung. Man kann nur so auseinanderhalten, was historisch ist und was sinnbildliche Darstellung von inneren Vorgängen in Moses selbst ist. Und so steht uns Moses lebendig vor der Seele, und wir fühlen, wie unberechtigt es ist zu sagen, daß ein solcher Impuls sich wie von selbst gebildet haben soll. Es gibt heute Menschen, welche nicht einsehen, daß Wirkungen doch auch Ursachen haben müssen und daß Wirkungen, die auf Persönliches zurückweisen, eben auch eine Persönlichkeit voraussetzen.
[ 38 ] Trotzdem gibt es Leute, die heute die Existenz einer solchen Persönlichkeit wie der des Moses bezweifeln. Das ist durchaus ein Zeichen unserer Zeit. Man darf ja sagen, die kritische Bibelforschung hat es schwer mit diesen Dingen. Wer sie kennt, der bekommt vor ihr einen gründlichen Respekt, vor allen Dingen, weil vielleicht auf keinem Gebiet der Wissenschaft, selbst nicht in der Naturwissenschaft, so viel Fleiß und Hingebung aufgewendet worden ist wie auf dem Gebiete der kritischen Bibelforschung. Und dennoch sehen wir sie in vieler Beziehung heute da angelangt, wo sie sich eigentlich gegenüber den größten Gestalten und Impulsen der Menschheit nicht mehr zu helfen weiß, wo sie diese nur abzuleugnen weiß, wie ja heute auch schon die historische Existenz des Jesus bestritten wird. Aber dennoch muss man allen Respekt haben vor der TTragik dieser Forschung, die in unserem materialistischen Zeitalter aus materialistischen Vorstellungen heraus den inneren Wert der Darstellungen in der Bibel oder in sonstigen Urkunden finden will. Wenn man aber an eine solche Gestalt wie Moses geisteswissenschaftlich herangeht und aus den Geheimnissen der Menschheitsentwicklung heraus das zeigt, was sich in die Seele des Moses hineinversenken mußte, was da sein mußte, damit die Menschheit eben die Stufe erreichen konnte, die wir heute haben, dann erscheint es als das Absurdeste, eine Wirkung ohne Ursache anzunehmen, das heißt eine persönliche Schöpfung ohne Persönlichkeit.
[ 39 ] Demgegenüber können wir sagen, daß erst durch die geisteswissenschaftliche Darstellung die Einzelheiten der Bibel in wunderbarer Weise beleuchtet werden und die Bibel wieder einen neuen Wert bekommt. Denn jetzt treten wir an die Bibel so heran, wie ein Kenner mathematischer Gesetze an ein mathematisches Problem herantritt. Wer die mathematischen Gesetze nicht kennt, sieht darin nichts als unverständliche Zeichen, eben Probleme. Wer die Sprache der Bibel nicht kennt, der sieht auch heute in der Bibel nur Unverständliches, vielleicht kindliche Bilder, die sich die Vorwelt gemacht hat. Wer aber die Grundlagen kennenlernt, die die Geisteswissenschaft gibt, und mit ihrer Hilfe die religiösen Urkunden entziffert, der fühlt etwas von dem, was so großartig durch die Zeiten geht, der fühlt die Sprache der Völker, der Menschen, in deren Seelen sich die geistigen Impulse zum Fortschritt der Menschheit hineinleben, jenen Chor von führenden Geistern der Menschheit, die über die Jahrtausende hinüber sich verständigen. Es ist ein wunderbares Phänomen, wenn der Geistesforscher hineinblickt in die geistigen Welten und dann in die Bibel schaut und aus der Bibel heraus darauf kommt, daß uns da etwas erzählt wird, was wir durch die Geistesforschung auch selber finden können. So können wir nicht anders als sagen: Wer das geschrieben hat, der mußte wissen, was in den geistigen Welten vorgeht und was da zu sein hat, wenn solch ein Menschheitsfortschritt, wie wir ihn jetzt vor uns haben, überhaupt geschehen konnte.
[ 40 ] Und so blicken wir gerade durch die Geistesforschung zu Moses als zu einem großen Führer der Menschheit. Immer wertvoller und wertvoller werden uns diese Führer der Menschheit, wenn wir durch Geistesforschung in die Tiefen ihres Geistes dringen. Und immer tiefer und tiefer empfinden wir uns beseligt, wenn wir mit so geschärftem Denken und Fühlen hinblicken zu diesen Führern der Menschheit, von denen mit Recht gesagt werden darf: Sie durchleuchten unsere Seelen mit ihrem Geisteslicht, um mit ihrer mächtigen Geisteskraft unsere Seelen zu stärken.
