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Erkenntnis und Unsterblichkeit
GA 69b

5 Februar 1911, Elberfeld

10. Die übersinnlichen Erkenntnisse und das alltägliche Leben

[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Der Gegenstand des heutigen Vortrages könnte etwas sonderbar anmuten; denn es sollen zwei Dinge zusammengestellt werden: die übersinnliche Erkenntnis, die Geistesforschung — oder, wie man gewohnt ist zu sagen, die Theosophie und das alltägliche Leben. Es könnte scheinen, als ob nichts weiter voneinander entfernt wäre als das, was wir im Alltagssein erleben, und das, wozu die Seele sich erheben möchte, wenn von übersinnlicher Forschung die Rede ist — von Erkenntnissen der Welt, die über unserer physisch-sinnlichen Welt liegt, über der Welt, die unsere Sinne wahrnehmen und unser Verstand begreifen kann, der an das Instrument des Gehirns gebunden ist. Aber so weit voneinander entfernt, wie es auf den ersten Blick erscheint, sind diese Dinge bei genauer Betrachtung durchaus nicht. Ich möchte daran erinnern, daß selbst der Philosoph des Pessimismus, Arthur Schopenhauer, einen merkwürdigen Ausspruch getan hat, der zunächst nur in bezug auf seinen Standpunkt zu unserem Thema berücksichtigt werden soll. Er sagte: Das Leben ist eine mißliche Sache, und ich habe versucht, es mir dadurch erträglich zu machen, daß ich es zu begreifen suche.

[ 2 ] Wir wollen ganz davon absehen, daß dieser Ausspruch auf dem Boden eines absoluten Pessimismus ruht, auf der Überzeugung, daß das Leben nicht lebenswert sei, vielmehr wollen wir den Blick auf die andere Seite wenden. Trotzdem Schopenhauer das Leben als nicht lebenswert ansieht, trotzdem er das Dasein als ein nur Leid und Schmerz umfassendes ansieht und trotzdem er nach seiner Anschauung in der Welt eigentlich nichts Tröstliches finden kann, vermeint er doch, wenn er sich zur Aufklärung erhebt, etwas finden zu können, was es ihm möglich macht, mit dem Leben in der richtigen Weise fertig zu werden und damit zurechtzukommen. Also, selbst der Pessimist spricht davon, daß man mit einer Weltanschauung, durch die wir über die sinnlich wahrnehmbare Welt hinausgeführt werden, etwas finden könne, wodurch dieses Leben erst im rechten Sinne möglich wird.

[ 3 ] Theosophie führt uns nicht zu einer pessimistischen Weltanschauung, sondern zu einem geistigen Leben, welches uns zeigt, daß das, was sich als materiell Äußeres darlebt, aus geistigen Urgründen hervorgegangen ist. Und es zeigt sich ferner, daß die Menschenwesen, die ihren Durchgang nehmen durch die sinnliche Welt, wenn sie geschult sind durch Erfahrungen dieser sinnlichen Welt, wieder in eine geistige Welt hinaufzusteigen haben. Und das heißt: Der Ursprung und das Ziel allen Welterlebens muß im Geistigen gesucht werden. Allein das zeigt schon, daß durch ein Hinblicken auf das große geistige Ziel, durch welches das physische Leben erst seinen Wert und seine Würde erhält, der Mensch nicht in Pessimismus aufgehen kann, wenn er imstande ist, sich diese Weltanschauung zu eigen zu machen.

[ 4 ] Allerdings ist Theosophie heute noch etwas, was in den weitesten Kreisen unserer gegenwärtigen Menschheit nicht nur Widerspruch, sondern sogar Spott hervorruft. Oder aber sie wird so aufgefaßt, daß jene, die sich zu ihr bekennen, nur Träumer seien. Auch Haß und Verachtung findet Theosophie gegenwärtig noch in weiten Kreisen. Man kann ja immer wieder die Erfahrung machen, daß manche Menschen, die da glauben, so recht zu den Menschen der Gegenwart zu gehören, sich nun fragen, wenn sie eines schönen Tages erfahren, daß irgendein Bekannter, den sie nach dem, was er bisher getrieben hat, für einen leidlich vernünftigen Menschen gehalten haben, ein Theosoph geworden ist: Wie kann sich ein vernünftiger Mensch nur zu solch närrischem Zeug wenden? — Denn sie meinen, wer sich mit Theosophie beschäftige, lebe nicht mehr in der wirklichen Welt, der sei zu nichts Vernünftigem mehr zu gebrauchen und versuche sich das Leben so unangenehm wie möglich zu machen. Man denkt, solch ein Mensch habe keine rechte Freude mehr, er gehe allerlei müßigen Gedanken nach und schließe sich ab von allem, was anderen Leuten Freude mache. Vielleicht kommt noch dazu, daß er kein Fleisch ißt und nicht trinkt — dann ist das Malheur fertig, und man wundert sich nur noch, daß er nicht den Kopf hängen läßt und trübselig in die Welt hineinsieht. Solche Erfahrungen kann man ja täglich machen.

[ 5 ] Aber auch eine andere Erfahrung ist oft genug gemacht worden und ist durchaus keine Anekdote. Eine Dame hört, ihre Freundin bekenne sich zur Theosophie, und meint, das entfremde sie dem Leben, denn die Theosophen amüsierten sich nicht in der gewöhnlichen Weise und so weiter, man müsse die Freundin vor so einem grausamen Schicksal bewahren. Sie geht also hin und sagt: Wie kannst du dich nur zur Theosophie bekennen? Das entfremdet dich doch dem Leben, das hat Gefahren; die Theosophen sind nicht nur Träumer, sondern sie werden zu Halbverrückten. — Bevor die Freundin auch nur dazu kommt, einiges dazu zu sagen, wird diejenige, die sie gewarnt hat, nachdenklich und fragt: Was ist Theosophie denn eigentlich?

[ 6 ] Das ist nun einmal so, daß man sich über Dinge wie die Theosophie, die sich in gewisser Beziehung als etwas Neues in die Kultur hineinleben sollen, oft nicht nach der Sache und dem Inhalt ein Urteil zu bilden erlaubt, sondern daß man nach Nebenumständen urteilt. Es ist deshalb vielleicht nicht unnütz, einmal darauf einzugehen, wie die Theosophie zu dem steht, was wir im gewöhnlichen Leben durchzumachen haben. Ja, wir werden sogar sehen, wie wertvoll es für das Leben sein kann, einige Betrachtungen darüber anzustellen. Die Theosophie wird allerdings nichts darüber sagen, wie man sich «theosophisch» ernährt, wie man Nahrungsmittel zubereitet und wie das rein äußerliche Leben durch Theosophie sonst noch versorgt werden soll. Aber da sie für uns die Erkenntnis aus übersinnlichen Welten herunterzuholen hat, werden wir sehen, wie sie auf unser Seelenleben, auf unsere Stimmung, auf Freude und Leid, Lust und Schmerz wirken kann, wie sie eingreifen kann in unsere Lebenspraxis.

[ 7 ] Zu dem Wichtigsten auf diesem Gebiet gehört diejenige Wahrheit, welche heute von vielen Menschen angefeindet und so betrachtet wird, als ob überhaupt kein vernünftiger Mensch solch ein Zeug glauben könne. Diese Wahrheit ist bei früheren Vorträgen schon berührt worden, aber da sie eine von den Grundwahrheiten ist, muß immer wieder darauf verwiesen werden. Es ist eine Wahrheit, die sich in nicht allzu ferner Zeit genauso in das Geistesleben hineinstellen wird, wie eine andere [Wahrheit es früher getan hat]. Noch im 17. Jahrhundert gab es nicht nur unter Laien, sondern auch unter Naturforschern die Meinung, daß sich aus Flußschlamm niedere Tiere, ja selbst Fische entwickeln könnten. Francesco Redi war es, der zuerst den Satz aufstellte: Lebendiges kann nur von Lebendigem kommen. — Und für diese Wahrheit, die er auszusprechen wagte, hätte man ihn fast verbrannt. Heute gibt es keinen vernünftig denkenden Menschen — ob er nun seine Bildung aus Haeckels Werk geschöpft hat oder von dessen radikalsten Gegnern —, der nicht anerkennen würde, daß ein lebensfähiges Wesen nicht aus Leblosem entstehen kann.

[ 8 ] Die Geistesforschung zeigt nun, daß man auf dem Gebiet des Geistig-Seelischen von einer ähnlichen Wahrheit sprechen kann, nämlich daß ein Mensch uns nicht bloß die Eigenschaften zeigt, die er von seinen Eltern, Großeltern und so weiter geerbt hat, sondern daß wir ihn erst recht erfassen, wenn wir einen geistig-seelischen Wesenskern in ihm anerkennen. Das Leben, das der Mensch jetzt führt, ist nicht das erste, und es ist der Ausgangspunkt für viele Leben in der Zukunft. Und der lebendige Wesenskern des Menschen nimmt in sich auf und durchdringt sich mit dem, was er an ererbten Merkmalen aufnehmen kann, so wie der lebendige Keim des Wurms die ihn umgebende Materie aufnimmt. Wir müssen unterscheiden [ein rein geistiges Leben] zwischen Tod und neuer Geburt vom Leben zwischen Geburt und Tod, wo wir den Geist wieder mit Materie umkleiden. So ist das gesamte Dasein eine Kette von Erdenleben und rein geistigen Daseinsstufen.

[ 9 ] Wenn das heute behauptet wird, so gilt es für Schwärmerei. Man sagt, [die Theosophen] wüßten nichts von Naturwissenschaft und so weiter. Und doch ist es ein ebenso festes Ergebnis der Geistesforschung, wie es die Darwin’sche Lehre vom wissenschaftlichen Standpunkt aus ist. Aber so geht es mit allen Wahrheiten. Das, was heute als Realität angesehen wird, wurde, als es vor Jahren zuerst behauptet wurde, für Ketzerei gehalten. Später kann man dann gar nicht begreifen, wie man je anders hat denken können. Und man wird auch in bezug auf die Wahrheit von den wiederholten Erdenleben später nicht mehr begreifen können, wie man je anders hat denken können.

[ 10 ] Mit dieser Wahrheit ist eine andere verknüpft, die Lehre vom Karma. Karma bedeutet das Gesetz unseres menschlichen Schicksals, und zwar finden wir dieses Gesetz, wenn wir es in seiner Eigenart charakterisieren wollen, nicht nur in der menschlichen Welt — da ist es nur in besonderer Art ausgebildet —, sondern überall, wohin wir blicken. Wir brauchen nur daran zu denken, daß zum Beispiel Edelweiß nur auf dem Berge wachsen kann. Jedes Wesen wird in die Umgebung getrieben, in die es gehört. Jedes Wesen strebt, wie mit magnetischen Kräften angezogen, in diese seine Umgebung, in die es gehört. Man muß einsehen lernen, daß der Mensch, je nachdem er sich in früheren Leben entwickelt oder Fehlerhaftes sich angeeignet hat, so geartet ist, daß er in bezug auf Umgebung und Schicksal dahin getrieben wird, wohin er paßt. Was er erlebt, ist nicht wirklich fremd für ihn, sondern durch die allgemeinen Naturgesetze paßt er [schicksalsmäßig] gerade da hinein. Für außermenschliche Wesen wird jenes Gesetz ja bereits anerkannt. Der Mensch wird in Zukunft erkennen lernen: Wenn Glück oder Unglück mich trifft, dann war es notwendig für mich, und ich habe es in gewisser Weise gesucht, weil ich in früheren Leben den Grund dazu gelegt habe, warum ich gerade in diese Umgebung hineinpasse. Dieser Satz wird in gar nicht ferner Zukunft ein selbstverständliches Gesetz sein.

[ 11 ] Man kann ja sagen, wenn die Rede davon ist, daß die Ursachen zu Glück und Unglück, zu Talenten und Begabungen in vergangenen Leben liegen, das alles liege weit über der alltäglichen Lebensbetrachtung und führe uns in fernliegende Welten. Die Frage ist aber: Gilt dieses Gesetz wirklich nur von einem Leben ins andere, oder muß es nicht auch in engeren Kreisen gelten, für unser gewöhnliches Leben zwischen Geburt und Tod? Durch die übersinnliche Forschung kommen wir dem Verständnis dieses Gesetzes auch in bezug auf unser jetziges Leben näher. Die Menschen sehen gewöhnlich nur kürzeste Zeiträume und haben eine gewisse Abneigung, längere Zeiträume miteinander in Verbindung zu bringen. Man kann aber Ursache und Wirkung nur erkennen, wenn man versucht, zum Beispiel das, was in der Kindheit stattgefunden hat, mit dem in Zusammenhang zu bringen, was im späteren Alter geschieht, oder in ähnlicher Weise die anderen Lebensalter miteinander in Verbindung zu bringen, kurz, wenn man sich Mühe gibt, Stück für Stück zu erforschen — in der Art, wie der Wissenschaftler in seinem Bereich forscht —, wie [der Gedanke des] Karmas für das Leben fruchtbar wird.

[ 12 ] Um zu einem näheren Verständnis zu kommen, kann man von Verhältnissen ausgehen, die jedem naheliegen, und sie unter dem Gesichtspunkt von Karma betrachten. Natürlich werden äußere Umstände das Gesetz von Karma modifizieren, aber wenn man das Leben ernst und würdig betrachtet, wird man immer wieder auf das zugrunde liegende Gesetz kommen. Man muß nur nicht mit allerlei Einwänden kommen und Ausnahmen und so weiter anführen — die gelten auch in der Naturwissenschaft nicht. Es besteht ein Gesetz, daß ein geworfener Stein in einer bestimmten Richtung fällt, aber es kann ein Windstoß kommen und diese Richtung modifizieren — deshalb gilt das Gesetz doch. Wahr und fruchtbar kann das Leben nur werden, wenn wir das Karmagesetz erkennen und wenn es zur Lebenspraxis wird, wie in der Physik die physikalischen Gesetze es sind. Theosophie kann etwas werden, was in die Lebenspraxis eingreift wie die Gesetze der Physik in die äußeren Lebensvorgänge und Verrichtungen.

[ 13 ] Gehen wir gleich zu etwas ganz Konkretem. Nehmen wir den Fall an, daß irgendein Mensch in seiner Jugend, meinethalben bis zum 15. oder 16. Jahre, uns zeigt, daß er zornig wird, wenn er in seiner Umgebung Ungerechtigkeit sieht. Gerade wenn man jung ist, passiert das leicht. Was da in der Seele wühlt, ist nicht als etwas Wertloses zu betrachten, denn wenn ein Mensch in seiner Jugend über Ungerechtigkeit recht zornig werden kann und später dazu kommt, diesen Zorn zu überwinden, sich davon zu reinigen und durch eine entsprechende Selbsterziehung zu läutern, so wird aus ihm etwas ganz anderes als zum Beispiel aus einem Phlegmatiker. Der Zorn ist ein Affekt, etwas von einer Leidenschaft, und wird, wenn er umgewandelt ist, etwas ganz anderes, und zwar umso später, je früher die Zornesmütigkeit in der Kindheit eingetreten ist. Der wahre Lebensbetrachter wird das überall erkennen. Bei einem Phlegmatiker wird sich diese Umwandlung nie zeigen. Wodurch wandelt sich aber der Zorn um? Was wir [in der Jugend] als blinden Zorn gegenüber der Ungerechtigkeit haben, bringen wir im späteren Lebensalter für unsere Mitmenschen an Hilfsbereitschaft auf: Zornmütigkeit in der Jugend wandelt sich in einer solchen Weise um.

[ 14 ] Man lehrt heute in der Schule, daß sich die Wärme in fortbewegende Kraft umwandelt. Ein ähnliches Gesetz, das in derselben Art wirkt wie das von der Umwandlung der Naturkräfte im äußeren Leben, besteht für unser inneres Leben, für das, was in der Seele erlebt und erfühlt werden kann. Nicht umsonst hat ein Mensch wie Goethe gesagt: Was man in der Jugend wünscht, hat man im Alter die Fülle. — Es ist damit nicht gemeint, daß man in der Jugend nur zu wünschen braucht, sondern Goethe dachte so: Ein Zornmütiger möchte helfen, kann es aber in der Jugend nicht; dieser Wunsch zu helfen, wandelt sich um, und nun hat man im Alter die Fülle. Man glaubt heute noch nicht, daß so etwas der Fall ist. Wir haben, meint man, im Alter reichlich Gelegenheit, wie von selbst Liebe und Wohlwollen zu entwickeln. Aber wenn man genauer zusieht, wird man finden, daß es eben vorzugsweise die in der Jugend Zornmütigen sind, die sich helfend für die Mitmenschen betätigen.

[ 15 ] Auch an einem anderen Beispiel können wir sehen, wie Karma sich in unser Leben hineinstellt. Bei genügender Selbstbetrachtung kann man nicht dankbar genug sein, wenn man Gelegenheit gehabt hat, als Kind so recht mit Verehrung und scheuer Ehrfurcht zu Verwandten hinaufzusehen. Und wenn man gar die Möglichkeit hatte, nicht nur Menschen zu verehren, sondern sich den großen Tatsachen des Lebens gegenüber in Andacht zu erheben, so ist das etwas, worauf man mit tiefstem Dank zurückschauen sollte. Es entspricht einem instinktiven Gefühl, daß in dem Verehrungsgefühl, wie man es in der Jugend durchleben kann, Ursachen liegen, die Wirkungen im späteren Menschenleben haben. Man könnte das, was da zugrunde liegt, durch ein Bild ausdrücken, das Bild der gefalteten Hände und gebeugten Knie. Man möchte sagen — und das Leben erweist es als richtig —, daß derjenige, der in der Jugend viel zum Falten der Hände kommen konnte, bildlich gesprochen, im Alter die Hand viel zum Segnen erheben kann und dadurch zum Wohltäter der Umgebung wird. Es gibt Menschen, die in irgendeinen Kreis hineintreten, und man empfindet, ohne daß sie viel sagen, ihre bloße Gegenwart als eine Wohltat. Sie segnen durch ihr bloßes Dasein, denn sie haben sich die entsprechenden Seelenkräfte erworben. Solche Kräfte treten im späteren Leben auf, wenn in der Jugend die karmischen Ursachen durch scheues Aufschauen zu etwas Verehrungswürdigem gelegt worden sind. Andacht wandelt sich um in segenspendende Kräfte.

[ 16 ] Wir können noch viel weiter gehen in einer solchen Betrachtung von alltäglichen Erfahrungen zu etwas, was die meisten Menschen sehr hassen und worüber sie erschrecken, nicht auf einer niederen Bildungsstufe, sondern noch den höchsten Höhen der Bildung — die Lüge und der Neid. Dennoch treffen wir diese Eigenschaften nie in den Charakter einverwoben. Sie lassen sich auf frühere Erlebnisse zurückführen, aber wenn wir sie auftreten sehen, können wir sagen, daß Lüge und Neid die Ursachen sind für etwas, was sich schon zwischen Geburt und Tod auslebt. Wir wissen, wie ein Mensch gleichsam sich selbst verachtet, wenn er sich sagen muß, ich bin neidisch oder ich habe einen Hang zum Lügen. Er ist von vornherein überzeugt, daß das keine gute Eigenschaften sind. Goethe zum Beispiel sagt in seiner Selbstbeobachtung, daß er froh sei, daß er unter seinen Untugenden den Neid nicht als Eigenschaft habe, und Cellini sagt, daß er sich besonders glücklich fühle, sich keiner Lüge bewußt zu sein. Die Menschen suchen sich diese Dinge abzugewöhnen, wenn sie sie bei sich finden. Nehmen wir an, ein Mensch merkt, daß er neidisch ist; er möchte es sich abgewöhnen, aber er ist nicht so stark, daß er den Neid mit der Wurzel ausreißen kann. Man kann ja so etwas nicht einfach ausreißen, sondern — wie äußere Kräfte — nur verwandeln. Der Mensch bekämpft den Neid, so daß er nicht mehr denkt: Ich möchte diesem Menschen dies oder jenes nicht gönnen. Mit dem Verstande hat er also den Neid überwunden, aber in den Tiefen des Charakters kann er das nicht, und der Neid tritt in einer Verwandlung auf.

[ 17 ] Es besteht ein gesetzmäßiger Zusammenhang zwischen Neid und seinem Umwandlungsprodukt, einer Art Kritiksucht. Man tadelt alles, was man nur tadeln kann, und solch ein Mensch ist dann oft sehr mit sich zufrieden. Den Neid merkt er nicht mehr, und tadeln — das ist ja recht und billig, denn man muß doch die Leute auf ihre Fehler aufmerksam machen! Gewiß muß man das, aber es kommt darauf an, ob man es tut, um die Leute zu bessern oder nur um sie zu tadeln. Im letzten Falle ist es umgewandelter Neid. Das ist im Leben sehr verbreitet. Viele Tee- und Kaffeeklatsche und Morgen- und Abendschoppen könnten nicht bestehen, wenn der Neid sich nicht in Kritikasterei umgewandelt hätte. Da sehen wir, wie unter dem Einfluß des menschlichen Seelenstrebens selber sich eine Eigenschaft umwandelt. Verfolgen wir nun das, was später bei einem Menschen auftritt, wenn er Neid und Kritikasterei entwickelt, namentlich wenn diese in der Jugend gewütet haben. Er wird das, was wir ein unselbständiges Wesen nennen können, ein Mensch, der selbst in den kleinsten Dingen den Rat und die Hilfe anderer Menschen braucht, der nicht mit dem Leben zurechtzukommen weiß. Man kann solche Dinge bezweifeln, aber wenn man in das Leben hineinschaut, wird man sehen, daß diese ebenso gelten wie die physikalischen Gesetze in der Naturwissenschaft.

[ 18 ] Daraus lassen sich gute Erziehungsgrundsätze für das Leben herleiten. Wir müssen sehen, daß Neid und Kritikasterei nicht fortwuchern. Wir können sie nicht ausrotten, aber richtig umwandeln. Der Erzieher muß es durch allerlei Dinge und Mittel, die in einer echten Pädagogik liegen, so einrichten, daß diese Eigenschaften nicht in Haltlosigkeit umschlagen, sondern zu dem werden, was man nennen könnte eine gewisse Sehnsucht, unterzutauchen in das Gemüt, daß der Mensch das Gefühl bekommt, in mir ist etwas, was ich wie ein leises Ahnen empfinde, etwas, was in mir schläft. Das ist eine der schönsten Früchte, die aus richtig umgewandelten schlechten Eigenschaften entstehen können, wenn sie in der entsprechenden Weise geleitet werden.

[ 19 ] Überhaupt können die schlimmsten Eigenschaften, wenn sie in der entsprechenden Weise geleitet werden, die schönsten Wirkungen haben. So zum Beispiel Lüge und Lügenhaftigkeit. So wie sie in der Jugend auftreten, sollten wir sie wohl beachten. Es ist hier nicht nur das Unwahrheiten-Sagen gemeint, sondern man sollte sich wieder und wieder ins Gedächtnis rufen, wie schwierig es ist, immer wahr zu sein. Man stellt leicht Lebensideale auf, aber immer wahr zu sein, ist nicht ganz leicht, und es kann sogar die beste Absicht und die vornehmste Gesinnung dahin führen, in gewisser Beziehung unwahr zu sein. Ein Erzieher, der einem kleinen Kinde, das einen Wurm quält [und ihn in zwei Teile zerschneidert], sagt: Quäle diesen Wurm nicht, denn er fühlt wie du den Schmerz —, sagt eine Unwahrheit, und doch kann er von hohen Idealen beseelt sein. Wenn nämlich ein Wurm zerteilt wird, so kann auch ein Stück von ihm ja weiterleben. [Wenn man also dem Kind so etwas sagt], was es auf sich selbst übertragen soll, dann macht man es auf etwas aufmerksam, was nicht richtig ist, denn es könnte, [wenn ihm das gleiche widerführe], nicht weiterleben. Es müßte ihm etwas ganz anderes gesagt werden, um es vom Töten oder Quälen des Wurmes abzuhalten.

[ 20 ] Das Kind vergißt wohl solche Dinge wie «Der Wurm fühlt wie du den Schmerz». Aber wo spielt sich das Vergessen ab? In seinem Oberbewußtsein. Der Mensch hat jedoch einen tieferen Wesenskern, und wir können längst etwas vergessen haben mit unserem Alltagsbewußtsein — im Astralen aber sitzt es und wirkt fort. So etwas, was nicht genau der Wirklichkeit entspricht und nicht durch das Oberbewußtsein kontrolliert wird, hat dennoch dieselbe Folge wie eine direktere Lüge. [Durch diese Unwahrheit] entwickelt das Kind das, was wir ein scheues Wesen nennen können. Ein solches Kind wird scheu und getraut sich nicht, den Menschen in die Augen zu sehen. So wie ein physikalisches Gesetz wirkt sich jede Unwahrheit aus, selbst eine unter der Maske eines hohen Ideals eingepflanzte. An diesem Beispiel können wir sehen, wie Geisteswissenschaft nützlich werden kann.

[ 21 ] Geisteswissenschaft weist uns an, wie sorgfältig wir bei jedem Wort sein müssen. Wir können sehen, wie die Beschäftigung mit der Geisteswissenschaft als solcher auf das Leben des Menschen im allgemeinen wirkt. Hier ein konkretes Beispiel: Viele Menschen leiden unter einem schlechten Gedächtnis, mit dem sie selber nicht zufrieden sind und von dem sie behaupten, es werde immer schlechter. Es ist ein Ergebnis der übersinnlichen Forschung, daß für den gegenwärtigen Menschen das Gedächtnis umso schlechter werden muß, je mehr er nur materialistische Vorstellungen aufnimmt, also nur das, was er hören, sehen, mit dem Verstand begreifen kann. Solche Vorstellungen füllen das Leben der meisten Menschen heute aus, aber sie sind am wenigsten geeignet, die Kräfte zu erzeugen, das Gedächtnis wirklich wach zu erhalten. Einem Menschen, den wir nur mit materialistischer Vorstellungsart erfüllen, nehmen wir auch gewisse Seelenkräfte.

[ 22 ] Was wir dagegen als Ergebnis der übersinnlichen Forschung aufnehmen, was als geisteswissenschaftliche Erkenntnis in die Seele tritt, was uns zwingt, sehr klare und sehr ineinandergehende Gedanken zu fassen, das führt der Seele Kräfte zu. Bequem ist es freilich nicht, solche Gedanken zu fassen, wo nicht einer neben dem anderen steht, sondern einer aus dem anderen herauswächst wie bei einer Pflanze. Die Folge solcher Gedanken ist, ganz abgesehen davon, daß sie uns Wahrheiten überliefern, daß das Innenleben konzentriert wird. Einem Menschen, der sich mit solchen Gedanken befaßt, treten, auch wenn er nicht selber hineinsehen kann in die höheren Welten, gewisse Hauptbegriffe immer wieder — wenn sie ihm nicht langweilig werden — vor die Seele. Dadurch wird das zusammengehalten, was wir das Ätherbewußtsein nennen, das die äußere Wissenschaft nicht anerkennt. Das wird stark gemacht, und die Folge ist, daß der Mensch sich sein Gedächtnis in viel besserem Zustande erhält als sonst.

[ 23 ] Natürlich ist es nicht schwer, das zu widerlegen. Es braucht nur einer zu kommen und zu sagen: Sieh mal, dieser Theosoph hat sich das ganze Leben mit übersinnlichen Vorstellungen befaßt, und nun hat er fast gar kein Gedächtnis mehr. — Man müßte eben darauf schauen, was er geworden wäre ohne die Geisteswissenschaft. Solche Dinge lassen sich nicht durch Statistiken und so weiter miteinander vergleichen, sondern nur durch das, was der Mensch an sich selbst erfahren kann. Wenn das Gedächtnis anfängt, schwankend zu werden und wenn der Mensch anfängt, sich mit Übersinnlichem zu beschäftigen, so wird es ihm leichter werden, es wiederum heraufzuholen. Das Gedächtnis wird einen anderen Charakter annehmen. Daraus können wir den Schluß ziehen, wie sehr unser alltägliches Leben gewinnt, wenn wir es mit übersinnlichen Vorstellungen befruchten und durchsetzen.

[ 24 ] Und weiter: Was brauchen wir als Menschen für das, was wir leisten sollen? Lebensfreude und Beseligung, Interesse an der Umgebung. Was uns das Schicksal anweist, kann oft keine Quelle der Freude sein, sondern Quelle der Unlust, des Schmerzes. Da kann das Leben leicht trübe werden. Wer aber imstande ist, wirklich zu den Wahrheiten der übersinnlichen Welt hinzustreben, für den kann es keine vollständige Verödung des Lebens geben. Denn wenn auch die äußere Welt Unglück über Unglück bringen sollte, so zaubert die übersinnliche Erkenntnis Freudigkeit und Lust hervor und erhellt uns mit dem Bewußtsein: Der Mensch, auf welchem Platz er auch stehen mag, er gehört dem ganzen geistigen Leben an, er hat seine Bestimmung, seine Aufgabe und Würde und auch seine Quelle von Daseinsfreude und Lebenslust, die ihm kein äußeres Schicksal nehmen kann.

[ 25 ] Ein materialistisches Zeitalter sollte das wohl bedenken, denn viele haben ihre Freude nur an dem, was man mit Händen greifen kann. Dann kommen die Übersättigung und die Gier, immer neue Eindrücke zu empfangen. Und wenn die nicht kommen und das Leben immer dasselbe bringt, dann kommt die Verödung, weil der Mensch eine Quelle für Glück nur in dem kennt, was von außen kommt. Wenn er aber die Begriffe einer übersinnlichen Welt erfaßt hat, so wirken diese von innen heraus, und so können wir, auch wenn wir keine Anregung von außen haben, aus dem, was wir von innen heraus zaubern, die Lebensfreude in uns selber schaffen. Die kleinsten Dinge des Lebens können uns zum Quell unsäglicher Lebensfreude und großen Glückes werden. Das ist der Unterschied zwischen den beiden Arten von Begriffen: Die äußeren Begriffe befriedigen allein unseren Verstand und nur für kurze Zeit auch unser Gefühl; dann hört das auf. Die Pfadfinder auf materialistischem Gebiet können Forscherfreude haben, aber sie werden sich bald in ihren Seelen verödet fühlen. Was wir aber aus den Quellen der übersinnlichen Erkenntnis nehmen, bietet einen niemals zu erschöpfenden Born der Freude und der Daseinskraft.

[ 26 ] Man möchte immer wieder auf etwas hinweisen, was Fichte, der zwar nicht in der Geisteswissenschaft lebte, aber doch dahin strebte, zu seinem Zuhörerkreis sagte. Er sagte nämlich einmal: Was ich Ihnen zu geben habe, spricht von den Tatsachen der übersinnlichen Welt, wozu aber ein anderer, ein neuer Sinn notwendig ist. Den Zusammenhang des Menschen mit dieser übersinnlichen Welt betont er etwa mit den folgenden Worten: Wir schauen erst im rechten Maße und mit dem rechten Verständnis auf das, was uns im Leben umgibt als Schicksal, als Lust und Leid, Freude und Schmerz, und bekommen erst dann einen rechten Blick für unsere Bestimmung, wenn wir den Zusammenhang des Menschen mit dem Göttlichen sehen. — Wenn sich der Mensch dieses Zusammenhanges bewußt wird — so meint Fichte —, dann kann er sagen: Ihr Wolken stürzt herab und ergießt euch in Bächen, ihr Berge fallt auf meinen Leib und begrabt mich, ihr Donner rollt, ihr Blitze zerschmettert mich. Ich trotze eurer Macht, denn ich habe meine Bestimmung ergriffen, und die ist ewig, wie der Geist ewig ist.

[ 27 ] Eine Ahnung von einem solchen Bewußtsein der Sicherheit kann derjenige bekommen, der sich mit übersinnlicher Forschung irgendwie bekannt macht. Es ist für die menschliche Natur notwendig, daß diese Dinge in unser alltägliches Leben eingreifen. Wie zeigt sich dies? Nehmen wir einen Menschen, der draußen auf dem Lande lebt, in einem Gebiet, wohin noch wenige Zeitungen und aufklärende Literatur dringen, und vergleichen wir ihn mit einem Stadtmenschen, der im Mittelpunkt der modernen Bildung steht, Zeitungen, Zeitschriften aller Art liest und so weiter. Dieser Landbewohner kann seiner Anlage nach nicht zufrieden sein mit dem Bewußtsein, das die alten Überlieferungen ihm geben. Und da er nichts anderes zu lesen hat, vertieft er sich in die Bibel. Da kommt es häufig genug vor, daß die Worte der Bibel das Gemüt eines solchen Menschen ansprechen, aber indem sie nicht nur das Oberbewußtsein ergreifen, sondern auch das Unterbewußtsein, senken sie sich in das Innere, und das steht im Zusammenhang mit dem Bedürfnis nach etwas Übermenschlichem. Daher kommt dann manch schädlicher Aberglaube, zum Beispiel meinen die betreffenden Menschen, sie seien Propheten, sie gründen dann Sekten und so weiter. Weil im tiefsten Quell der Seele der Drang nach dem Übersinnlichen liegt, sucht er, wenn er den rechten Weg nicht finden kann, irgend etwas anderes, und das kann zum Schaden ausschlagen. Solch ein Mensch beweist nur, wie tief es in der menschlichen Natur begründet ist, den Zusammenhang mit der übersinnlichen Welt zu finden.

[ 28 ] Der Stadtmensch dagegen hat keine Gelegenheit, das Übersinnliche auf sich wirken zu lassen. Der Drang danach ist aber da, und der Mensch füllt das gewöhnliche Bewußtsein mit allen möglichen Dingen aus: mit Spiritismus, mit «Welträtseln» und so weiter. Es gehen viele Menschen in Weltanschauungsversammlungen für «Fortgeschrittene» und bekennen sich auch zu solchen Auffassungen, und sie wissen nicht, daß ihre Seele im Unterbewußtsein nach ganz etwas anderem verlangt. Da arbeitet es weiter, und später tritt dann die Wirkung auf, nicht als abergläubisches Sektierertum wie auf dem Lande, sondern als Unbehaglichkeit, Trübseligkeit; das oder jenes, allerlei Ideen kommen über sie, sie werden nervös, kommen aus dem seelischen Gleichgewicht, und wenn sie Geld haben, gehen sie von Sanatorium zu Sanatorium. Sie forschen nach: Was fehlt mir denn eigentlich? — Ohne daß sie es wissen, fehlt ihnen der Zusammenhang mit den übersinnlichen Wahrheiten.

[ 29 ] Manchen Menschen, denen man heute übersinnliche Wahrheiten vorenthält, weil man sie für Träumerei hält, nimmt man das, was geistige Gesundheit und seelisches Gleichgewicht gibt. Und weil das Physische die Folge des Geistigen ist, nimmt man ihnen zugleich die physische Gesundheit. Da sehen wir, wie die Ergebnisse des übersinnlichen Forschens ins gewöhnliche Leben gehen. Wir haben häufig Gelegenheit zu sehen, wie die allergrößten Fehler gemacht werden, weil die Menschen nicht wissen, wie das Übersinnliche wirkt. Zum Beispiel glauben EItern und Erzieher, daß sie nichts Besseres tun können, als die Strafe gleich nach dem «Verbrechen» folgen zu lassen; sie wissen nicht, daß die Strafe, die erst nach einiger Zeit erfolgt, erstens viel milder sein kann, und zweitens viel fruchtbarer. Es sollte beim Kinde niemals der Eindruck entstehen, daß die Strafe des Lehrers eine Art Rache sei; es sollte ihn nie wütend sehen. Wenn einige Zeit verstrichen ist, dann wird das kaum noch der Fall sein, und der Erzieher wird auch vieles anders ansehen, wenn er den Fehler nüchtern, mit seinem alltäglichen Sinn, betrachtet. Während er nicht ohne Prügel auszukommen glaubt, wenn er gleich straft, wird er später mildere Mittel anwenden können. Außerdem wirkt im Innern des Kindes das Bewußtsein seines Unrechtes ganz anders, wenn es nicht gleich dafür bestraft wird.

[ 30 ] Auf diese Sache fällt erst ein richtiges Licht, wenn der Mensch sich über sein Schicksal, das ihm oft wie etwas Dunkles erscheint, zu dem erhebt, was ihm die Erkenntnisse aus der übersinnlichen Welt erschließen können. Und das ist etwas, was nicht bloß Gedanken- und Verstandessache ist, sondern etwas, was wie das Blut unseren ganzen Leib durchströmt. Bis in unsere Geschicklichkeit hinein ergießen sich die übersinnlichen Gedanken. Ein ungeschickter Mensch kann durch sie sogar geschickt werden. Man erhält eine körperliche Beweglichkeit, wenn das, was aus der übersinnlichen Welt sproßt, ins Leibliche übergeht. Deshalb wird das, was aus dem Übersinnlichen kommt, in solche Sätze gekleidet, daß es durch die Logik geprüft werden kann, damit der Mensch mit dem Verstande die Wahrheiten der übersinnlichen Welt entgegennehmen kann. Dann können sie in unser Leben einfließen, sie befruchten es und machen uns sicher in dem Leben, das wir innerhalb unseres Schicksals führen müssen.

[ 31 ] Die Anwendung dieser Wahrheit zeigt uns mehr als alles Spekulieren, daß der Mensch berufen ist, die geistigen Kräfte und Tatsachen aus der geistigen Welt in die physische herunterzutragen. Und wenn der Mensch sich bemüht, dies zu tun, wird er seines Zusammenhanges mit der übersinnlichen Welt erst recht sicher werden, denn er wird gewahr werden, daß er ein Geistwesen ist und nicht nur in der physischen, sondern auch in der übersinnlichen Welt wurzelt, und aus dieser Gewißheit wird er ein immer sichereres Gefühl und größere Lebenshoffnung schöpfen. Mag ihn das äußere Leben noch so sehr mit seinem undurchdringlichen Schicksal quälen, mögen die mächtigen Schicksalswogen oder auch die Nadelstiche des alltäglichen Lebens uns noch so unverständlich sein — wir wissen, es gibt verborgene Kräfte, die unser geistiges Auge öffnen können und uns Licht bringen über unser dunkles Schicksal, damit wir mit starker, innerer Energie allem entgegentreten können, was im Sturm des Lebens an uns herantritt — zum Segen der Welt, zur Arbeit an uns selbst, zur Entwicklung der ganzen Menschheit.