Knowledge and Immortality
GA 69b
5 February 1911, Elberfeld
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
Knowledge and Immortality, tr. SOL
10. Die übersinnlichen Erkenntnisse und das alltägliche Leben
10. Supernatural Insights and Everyday Life
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Der Gegenstand des heutigen Vortrages könnte etwas sonderbar anmuten; denn es sollen zwei Dinge zusammengestellt werden: die übersinnliche Erkenntnis, die Geistesforschung — oder, wie man gewohnt ist zu sagen, die Theosophie und das alltägliche Leben. Es könnte scheinen, als ob nichts weiter voneinander entfernt wäre als das, was wir im Alltagssein erleben, und das, wozu die Seele sich erheben möchte, wenn von übersinnlicher Forschung die Rede ist — von Erkenntnissen der Welt, die über unserer physisch-sinnlichen Welt liegt, über der Welt, die unsere Sinne wahrnehmen und unser Verstand begreifen kann, der an das Instrument des Gehirns gebunden ist. Aber so weit voneinander entfernt, wie es auf den ersten Blick erscheint, sind diese Dinge bei genauer Betrachtung durchaus nicht. Ich möchte daran erinnern, daß selbst der Philosoph des Pessimismus, Arthur Schopenhauer, einen merkwürdigen Ausspruch getan hat, der zunächst nur in bezug auf seinen Standpunkt zu unserem Thema berücksichtigt werden soll. Er sagte: Das Leben ist eine mißliche Sache, und ich habe versucht, es mir dadurch erträglich zu machen, daß ich es zu begreifen suche.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! The subject of today’s lecture may seem somewhat unusual, for it seeks to bring together two things: supersensible knowledge, spiritual research—or, as it is customary to say, theosophy—and everyday life. It might seem as if nothing could be further apart than what we experience in everyday life and that to which the soul seeks to rise when we speak of supersensible research—of insights into the world that lies beyond our physical-sensory world, beyond the world that our senses can perceive and our intellect, bound to the instrument of the brain, can comprehend. But as far apart as these things may seem at first glance, on closer inspection they are by no means so distant from one another. I would like to recall that even the philosopher of pessimism, Arthur Schopenhauer, made a curious statement, which for now should be considered only in relation to his standpoint on our topic. He said: “Life is a miserable affair, and I have tried to make it bearable for myself by seeking to understand it.”
[ 2 ] Wir wollen ganz davon absehen, daß dieser Ausspruch auf dem Boden eines absoluten Pessimismus ruht, auf der Überzeugung, daß das Leben nicht lebenswert sei, vielmehr wollen wir den Blick auf die andere Seite wenden. Trotzdem Schopenhauer das Leben als nicht lebenswert ansieht, trotzdem er das Dasein als ein nur Leid und Schmerz umfassendes ansieht und trotzdem er nach seiner Anschauung in der Welt eigentlich nichts Tröstliches finden kann, vermeint er doch, wenn er sich zur Aufklärung erhebt, etwas finden zu können, was es ihm möglich macht, mit dem Leben in der richtigen Weise fertig zu werden und damit zurechtzukommen. Also, selbst der Pessimist spricht davon, daß man mit einer Weltanschauung, durch die wir über die sinnlich wahrnehmbare Welt hinausgeführt werden, etwas finden könne, wodurch dieses Leben erst im rechten Sinne möglich wird.
[ 2 ] Let us set aside entirely the idea that this statement is rooted in absolute pessimism—in the conviction that life is not worth living—and instead turn our attention to the other side. Even though Schopenhauer regards life as not worth living, even though he views existence as comprising nothing but suffering and pain, and even though, according to his view, he can find nothing truly comforting in the world, he nevertheless believes that, when he rises to the level of enlightenment, he can find something that enables him to cope with life in the right way and come to terms with it. Thus, even the pessimist speaks of the possibility that, through a worldview that leads us beyond the sensually perceptible world, we might find something that makes this life possible in the true sense.
[ 3 ] Theosophie führt uns nicht zu einer pessimistischen Weltanschauung, sondern zu einem geistigen Leben, welches uns zeigt, daß das, was sich als materiell Äußeres darlebt, aus geistigen Urgründen hervorgegangen ist. Und es zeigt sich ferner, daß die Menschenwesen, die ihren Durchgang nehmen durch die sinnliche Welt, wenn sie geschult sind durch Erfahrungen dieser sinnlichen Welt, wieder in eine geistige Welt hinaufzusteigen haben. Und das heißt: Der Ursprung und das Ziel allen Welterlebens muß im Geistigen gesucht werden. Allein das zeigt schon, daß durch ein Hinblicken auf das große geistige Ziel, durch welches das physische Leben erst seinen Wert und seine Würde erhält, der Mensch nicht in Pessimismus aufgehen kann, wenn er imstande ist, sich diese Weltanschauung zu eigen zu machen.
[ 3 ] Theosophy does not lead us to a pessimistic worldview, but to a spiritual life that shows us that what appears as the material external world has emerged from spiritual sources. Furthermore, it becomes evident that human beings, as they pass through the sensory world, must—once they have been trained by experiences of this sensory world—ascend once more into a spiritual world. And this means: The origin and goal of all worldly experience must be sought in the spiritual realm. This alone shows that by looking toward the great spiritual goal—through which physical life first acquires its value and dignity—a person cannot succumb to pessimism if they are able to make this worldview their own.
[ 4 ] Allerdings ist Theosophie heute noch etwas, was in den weitesten Kreisen unserer gegenwärtigen Menschheit nicht nur Widerspruch, sondern sogar Spott hervorruft. Oder aber sie wird so aufgefaßt, daß jene, die sich zu ihr bekennen, nur Träumer seien. Auch Haß und Verachtung findet Theosophie gegenwärtig noch in weiten Kreisen. Man kann ja immer wieder die Erfahrung machen, daß manche Menschen, die da glauben, so recht zu den Menschen der Gegenwart zu gehören, sich nun fragen, wenn sie eines schönen Tages erfahren, daß irgendein Bekannter, den sie nach dem, was er bisher getrieben hat, für einen leidlich vernünftigen Menschen gehalten haben, ein Theosoph geworden ist: Wie kann sich ein vernünftiger Mensch nur zu solch närrischem Zeug wenden? — Denn sie meinen, wer sich mit Theosophie beschäftige, lebe nicht mehr in der wirklichen Welt, der sei zu nichts Vernünftigem mehr zu gebrauchen und versuche sich das Leben so unangenehm wie möglich zu machen. Man denkt, solch ein Mensch habe keine rechte Freude mehr, er gehe allerlei müßigen Gedanken nach und schließe sich ab von allem, was anderen Leuten Freude mache. Vielleicht kommt noch dazu, daß er kein Fleisch ißt und nicht trinkt — dann ist das Malheur fertig, und man wundert sich nur noch, daß er nicht den Kopf hängen läßt und trübselig in die Welt hineinsieht. Solche Erfahrungen kann man ja täglich machen.
[ 4 ] However, even today, theosophy is still something that provokes not only opposition but even ridicule in the broadest circles of our present-day humanity. Or it is viewed in such a way that those who profess it are regarded merely as dreamers. Theosophy still encounters hatred and contempt in many circles today. One can time and again observe that some people, who believe they truly belong to the people of the present, find themselves wondering—when they learn one fine day that an acquaintance, whom they had considered a reasonably sensible person based on his past behavior, has become a Theosophist—how a sensible person could possibly turn to such foolish nonsense. — For they believe that anyone who studies Theosophy no longer lives in the real world, is no longer of any use for anything sensible, and tries to make life as unpleasant as possible for themselves. People think that such a person no longer has any real joy, that they pursue all sorts of idle thoughts, and shut themselves off from everything that brings joy to other people. Perhaps on top of that, they don’t eat meat or drink alcohol—then the disaster is complete, and one can only wonder why they don’t hang their heads and look out at the world with a gloomy expression. One can have such experiences every day.
[ 5 ] Aber auch eine andere Erfahrung ist oft genug gemacht worden und ist durchaus keine Anekdote. Eine Dame hört, ihre Freundin bekenne sich zur Theosophie, und meint, das entfremde sie dem Leben, denn die Theosophen amüsierten sich nicht in der gewöhnlichen Weise und so weiter, man müsse die Freundin vor so einem grausamen Schicksal bewahren. Sie geht also hin und sagt: Wie kannst du dich nur zur Theosophie bekennen? Das entfremdet dich doch dem Leben, das hat Gefahren; die Theosophen sind nicht nur Träumer, sondern sie werden zu Halbverrückten. — Bevor die Freundin auch nur dazu kommt, einiges dazu zu sagen, wird diejenige, die sie gewarnt hat, nachdenklich und fragt: Was ist Theosophie denn eigentlich?
[ 5 ] But another experience has also been observed often enough and is by no means merely an anecdote. A woman hears that her friend professes to be a theosophist and thinks that this will alienate her from life, because theosophists do not enjoy themselves in the usual way and so on; she feels she must save her friend from such a cruel fate. So she goes over and says: “How can you possibly profess to be a theosophist?” “That alienates you from life—it’s dangerous; theosophists aren’t just dreamers—they become half-crazy.” —Before her friend even has a chance to say anything in response, the one who warned her pauses to think and asks: “What exactly is theosophy?”
[ 6 ] Das ist nun einmal so, daß man sich über Dinge wie die Theosophie, die sich in gewisser Beziehung als etwas Neues in die Kultur hineinleben sollen, oft nicht nach der Sache und dem Inhalt ein Urteil zu bilden erlaubt, sondern daß man nach Nebenumständen urteilt. Es ist deshalb vielleicht nicht unnütz, einmal darauf einzugehen, wie die Theosophie zu dem steht, was wir im gewöhnlichen Leben durchzumachen haben. Ja, wir werden sogar sehen, wie wertvoll es für das Leben sein kann, einige Betrachtungen darüber anzustellen. Die Theosophie wird allerdings nichts darüber sagen, wie man sich «theosophisch» ernährt, wie man Nahrungsmittel zubereitet und wie das rein äußerliche Leben durch Theosophie sonst noch versorgt werden soll. Aber da sie für uns die Erkenntnis aus übersinnlichen Welten herunterzuholen hat, werden wir sehen, wie sie auf unser Seelenleben, auf unsere Stimmung, auf Freude und Leid, Lust und Schmerz wirken kann, wie sie eingreifen kann in unsere Lebenspraxis.
[ 6 ] The fact is that when it comes to subjects such as theosophy—which, in a certain sense, are meant to take root in culture as something new—people often do not allow themselves to form a judgment based on the subject matter and content, but instead judge based on secondary considerations. It may therefore be worthwhile to consider how theosophy relates to what we have to go through in everyday life. Indeed, we will even see how valuable it can be for our lives to reflect on these matters. Theosophy, however, will say nothing about how one should eat “theosophically,” how food should be prepared, or how the purely external aspects of life should otherwise be managed through theosophy. But since it is meant to bring down to us knowledge from the supersensible worlds, we will see how it can affect our inner life, our mood, our joy and sorrow, our pleasure and pain, and how it can influence the way we live our lives.
[ 7 ] Zu dem Wichtigsten auf diesem Gebiet gehört diejenige Wahrheit, welche heute von vielen Menschen angefeindet und so betrachtet wird, als ob überhaupt kein vernünftiger Mensch solch ein Zeug glauben könne. Diese Wahrheit ist bei früheren Vorträgen schon berührt worden, aber da sie eine von den Grundwahrheiten ist, muß immer wieder darauf verwiesen werden. Es ist eine Wahrheit, die sich in nicht allzu ferner Zeit genauso in das Geistesleben hineinstellen wird, wie eine andere [Wahrheit es früher getan hat]. Noch im 17. Jahrhundert gab es nicht nur unter Laien, sondern auch unter Naturforschern die Meinung, daß sich aus Flußschlamm niedere Tiere, ja selbst Fische entwickeln könnten. Francesco Redi war es, der zuerst den Satz aufstellte: Lebendiges kann nur von Lebendigem kommen. — Und für diese Wahrheit, die er auszusprechen wagte, hätte man ihn fast verbrannt. Heute gibt es keinen vernünftig denkenden Menschen — ob er nun seine Bildung aus Haeckels Werk geschöpft hat oder von dessen radikalsten Gegnern —, der nicht anerkennen würde, daß ein lebensfähiges Wesen nicht aus Leblosem entstehen kann.
[ 7 ] Among the most important truths in this field is one that is today met with hostility by many people and viewed as if no reasonable person could possibly believe such a thing. This truth has already been touched upon in earlier lectures, but since it is one of the fundamental truths, it must be referred to again and again. It is a truth that, in the not-too-distant future, will take its place in spiritual life just as another [truth did in the past]. As late as the 17th century, there was a belief—not only among laypeople but also among natural scientists—that lower animals, and even fish, could develop from river mud. It was Francesco Redi who first formulated the statement: Life can only come from life. — And for this truth, which he dared to articulate, he was nearly burned at the stake. Today, there is no rational-minded person—whether they have drawn their education from Haeckel’s work or from that of his most radical opponents—who would not acknowledge that a viable organism cannot arise from the inanimate.
[ 8 ] Die Geistesforschung zeigt nun, daß man auf dem Gebiet des Geistig-Seelischen von einer ähnlichen Wahrheit sprechen kann, nämlich daß ein Mensch uns nicht bloß die Eigenschaften zeigt, die er von seinen Eltern, Großeltern und so weiter geerbt hat, sondern daß wir ihn erst recht erfassen, wenn wir einen geistig-seelischen Wesenskern in ihm anerkennen. Das Leben, das der Mensch jetzt führt, ist nicht das erste, und es ist der Ausgangspunkt für viele Leben in der Zukunft. Und der lebendige Wesenskern des Menschen nimmt in sich auf und durchdringt sich mit dem, was er an ererbten Merkmalen aufnehmen kann, so wie der lebendige Keim des Wurms die ihn umgebende Materie aufnimmt. Wir müssen unterscheiden [ein rein geistiges Leben] zwischen Tod und neuer Geburt vom Leben zwischen Geburt und Tod, wo wir den Geist wieder mit Materie umkleiden. So ist das gesamte Dasein eine Kette von Erdenleben und rein geistigen Daseinsstufen.
[ 8 ] Spiritual research now shows that in the realm of the spiritual and soul, we can speak of a similar truth, namely that a person does not merely display the characteristics they have inherited from their parents, grandparents, and so on, but that we truly understand them only when we recognize a spiritual and soul core within them. The life a person is now living is not their first, and it is the starting point for many lives in the future. And the living core of a person’s being absorbs and permeates itself with whatever inherited traits it can take in, just as the living germ of a worm absorbs the matter surrounding it. We must distinguish [a purely spiritual life] between death and new birth from the life between birth and death, where we once again clothe the spirit in matter. Thus, the entire existence is a chain of earthly lives and purely spiritual stages of existence.
[ 9 ] Wenn das heute behauptet wird, so gilt es für Schwärmerei. Man sagt, [die Theosophen] wüßten nichts von Naturwissenschaft und so weiter. Und doch ist es ein ebenso festes Ergebnis der Geistesforschung, wie es die Darwin’sche Lehre vom wissenschaftlichen Standpunkt aus ist. Aber so geht es mit allen Wahrheiten. Das, was heute als Realität angesehen wird, wurde, als es vor Jahren zuerst behauptet wurde, für Ketzerei gehalten. Später kann man dann gar nicht begreifen, wie man je anders hat denken können. Und man wird auch in bezug auf die Wahrheit von den wiederholten Erdenleben später nicht mehr begreifen können, wie man je anders hat denken können.
[ 9 ] If this is claimed today, it is dismissed as fanciful speculation. People say that [the Theosophists] know nothing about natural science and so on. And yet it is just as well-established a finding of spiritual research as Darwin’s theory is from a scientific standpoint. But that is how it is with all truths. What is regarded as reality today was considered heresy when it was first asserted years ago. Later on, one cannot even comprehend how anyone could ever have thought otherwise. And later on, with regard to the truth of repeated earthly lives, one will likewise be unable to comprehend how anyone could ever have thought otherwise.
[ 10 ] Mit dieser Wahrheit ist eine andere verknüpft, die Lehre vom Karma. Karma bedeutet das Gesetz unseres menschlichen Schicksals, und zwar finden wir dieses Gesetz, wenn wir es in seiner Eigenart charakterisieren wollen, nicht nur in der menschlichen Welt — da ist es nur in besonderer Art ausgebildet —, sondern überall, wohin wir blicken. Wir brauchen nur daran zu denken, daß zum Beispiel Edelweiß nur auf dem Berge wachsen kann. Jedes Wesen wird in die Umgebung getrieben, in die es gehört. Jedes Wesen strebt, wie mit magnetischen Kräften angezogen, in diese seine Umgebung, in die es gehört. Man muß einsehen lernen, daß der Mensch, je nachdem er sich in früheren Leben entwickelt oder Fehlerhaftes sich angeeignet hat, so geartet ist, daß er in bezug auf Umgebung und Schicksal dahin getrieben wird, wohin er paßt. Was er erlebt, ist nicht wirklich fremd für ihn, sondern durch die allgemeinen Naturgesetze paßt er [schicksalsmäßig] gerade da hinein. Für außermenschliche Wesen wird jenes Gesetz ja bereits anerkannt. Der Mensch wird in Zukunft erkennen lernen: Wenn Glück oder Unglück mich trifft, dann war es notwendig für mich, und ich habe es in gewisser Weise gesucht, weil ich in früheren Leben den Grund dazu gelegt habe, warum ich gerade in diese Umgebung hineinpasse. Dieser Satz wird in gar nicht ferner Zukunft ein selbstverständliches Gesetz sein.
[ 10 ] Linked to this truth is another: the doctrine of karma. Karma refers to the law of our human destiny, and if we wish to characterize this law in its essence, we find it not only in the human world—where it manifests in a particular way—but everywhere we look. We need only consider, for example, that edelweiss can grow only on the mountain. Every being is drawn to the environment to which it belongs. Every being strives, as if drawn by magnetic forces, toward this environment to which it belongs. One must learn to recognize that human beings, depending on how they have developed in past lives or what flaws they have acquired, are constituted in such a way that, in terms of environment and destiny, they are driven to where they belong. What they experience is not truly foreign to them; rather, through the general laws of nature, they fit precisely into that environment [by destiny]. This law is, after all, already recognized for non-human beings. In the future, human beings will come to realize: When good fortune or misfortune befalls me, it was necessary for me, and in a certain sense I sought it out, because in past lives I laid the foundation for why I fit precisely into this environment. This statement will be a self-evident law in the not-too-distant future.
[ 11 ] Man kann ja sagen, wenn die Rede davon ist, daß die Ursachen zu Glück und Unglück, zu Talenten und Begabungen in vergangenen Leben liegen, das alles liege weit über der alltäglichen Lebensbetrachtung und führe uns in fernliegende Welten. Die Frage ist aber: Gilt dieses Gesetz wirklich nur von einem Leben ins andere, oder muß es nicht auch in engeren Kreisen gelten, für unser gewöhnliches Leben zwischen Geburt und Tod? Durch die übersinnliche Forschung kommen wir dem Verständnis dieses Gesetzes auch in bezug auf unser jetziges Leben näher. Die Menschen sehen gewöhnlich nur kürzeste Zeiträume und haben eine gewisse Abneigung, längere Zeiträume miteinander in Verbindung zu bringen. Man kann aber Ursache und Wirkung nur erkennen, wenn man versucht, zum Beispiel das, was in der Kindheit stattgefunden hat, mit dem in Zusammenhang zu bringen, was im späteren Alter geschieht, oder in ähnlicher Weise die anderen Lebensalter miteinander in Verbindung zu bringen, kurz, wenn man sich Mühe gibt, Stück für Stück zu erforschen — in der Art, wie der Wissenschaftler in seinem Bereich forscht —, wie [der Gedanke des] Karmas für das Leben fruchtbar wird.
[ 11 ] One might say that when we speak of the causes of happiness and unhappiness, of talents and gifts, lying in past lives, all of this lies far beyond our everyday perspective on life and leads us into distant worlds. But the question is: Does this law really apply only from one life to the next, or must it not also apply within a narrower scope—to our ordinary life between birth and death? Through supersensory research, we come closer to understanding this law as it relates to our present life. People usually see only very short periods of time and have a certain reluctance to connect longer periods with one another. But one can recognize cause and effect only by attempting, for example, to connect what took place in childhood with what happens in later life, or similarly to connect the other stages of life with one another—in short, by making an effort to investigate, piece by piece—in the same way a scientist conducts research in his field—how [the concept of] karma bears fruit in life.
[ 12 ] Um zu einem näheren Verständnis zu kommen, kann man von Verhältnissen ausgehen, die jedem naheliegen, und sie unter dem Gesichtspunkt von Karma betrachten. Natürlich werden äußere Umstände das Gesetz von Karma modifizieren, aber wenn man das Leben ernst und würdig betrachtet, wird man immer wieder auf das zugrunde liegende Gesetz kommen. Man muß nur nicht mit allerlei Einwänden kommen und Ausnahmen und so weiter anführen — die gelten auch in der Naturwissenschaft nicht. Es besteht ein Gesetz, daß ein geworfener Stein in einer bestimmten Richtung fällt, aber es kann ein Windstoß kommen und diese Richtung modifizieren — deshalb gilt das Gesetz doch. Wahr und fruchtbar kann das Leben nur werden, wenn wir das Karmagesetz erkennen und wenn es zur Lebenspraxis wird, wie in der Physik die physikalischen Gesetze es sind. Theosophie kann etwas werden, was in die Lebenspraxis eingreift wie die Gesetze der Physik in die äußeren Lebensvorgänge und Verrichtungen.
[ 12 ] To gain a deeper understanding, one can start with situations that are familiar to everyone and examine them from the perspective of karma. Of course, external circumstances will modify the law of karma, but if one views life seriously and with dignity, one will always return to the underlying law. One simply must not come up with all sorts of objections and cite exceptions and so on—these do not hold up in the natural sciences either. There is a law that a thrown stone falls in a certain direction, but a gust of wind may come and alter that direction—yet the law still holds. Life can become true and fruitful only if we recognize the law of karma and if it becomes a way of life, just as the laws of physics are in physics. Theosophy can become something that influences the practice of life just as the laws of physics influence external life processes and activities.
[ 13 ] Gehen wir gleich zu etwas ganz Konkretem. Nehmen wir den Fall an, daß irgendein Mensch in seiner Jugend, meinethalben bis zum 15. oder 16. Jahre, uns zeigt, daß er zornig wird, wenn er in seiner Umgebung Ungerechtigkeit sieht. Gerade wenn man jung ist, passiert das leicht. Was da in der Seele wühlt, ist nicht als etwas Wertloses zu betrachten, denn wenn ein Mensch in seiner Jugend über Ungerechtigkeit recht zornig werden kann und später dazu kommt, diesen Zorn zu überwinden, sich davon zu reinigen und durch eine entsprechende Selbsterziehung zu läutern, so wird aus ihm etwas ganz anderes als zum Beispiel aus einem Phlegmatiker. Der Zorn ist ein Affekt, etwas von einer Leidenschaft, und wird, wenn er umgewandelt ist, etwas ganz anderes, und zwar umso später, je früher die Zornesmütigkeit in der Kindheit eingetreten ist. Der wahre Lebensbetrachter wird das überall erkennen. Bei einem Phlegmatiker wird sich diese Umwandlung nie zeigen. Wodurch wandelt sich aber der Zorn um? Was wir [in der Jugend] als blinden Zorn gegenüber der Ungerechtigkeit haben, bringen wir im späteren Lebensalter für unsere Mitmenschen an Hilfsbereitschaft auf: Zornmütigkeit in der Jugend wandelt sich in einer solchen Weise um.
[ 13 ] Let’s move right on to something very specific. Let’s assume that a person, during his or her youth—say, up to the age of 15 or 16—shows us that he or she becomes angry when he or she sees injustice around him or her. This happens easily, especially when one is young. What stirs within the soul in such moments should not be regarded as worthless, for if a person can become truly angry at injustice in his youth and later learns to overcome this anger, to purify himself of it, and to refine himself through appropriate self-discipline, he will become something entirely different from, say, a phlegmatic person. Anger is an emotion, a form of passion, and when it is transformed, it becomes something entirely different—and the earlier this anger arose in childhood, the more profound the transformation will be later in life. The true observer of life will recognize this everywhere. In a phlegmatic person, this transformation will never occur. But what brings about this transformation of anger? What we experience [in youth] as blind anger in the face of injustice, we channel in later life into a willingness to help our fellow human beings: anger in youth is transformed in this way.
[ 14 ] Man lehrt heute in der Schule, daß sich die Wärme in fortbewegende Kraft umwandelt. Ein ähnliches Gesetz, das in derselben Art wirkt wie das von der Umwandlung der Naturkräfte im äußeren Leben, besteht für unser inneres Leben, für das, was in der Seele erlebt und erfühlt werden kann. Nicht umsonst hat ein Mensch wie Goethe gesagt: Was man in der Jugend wünscht, hat man im Alter die Fülle. — Es ist damit nicht gemeint, daß man in der Jugend nur zu wünschen braucht, sondern Goethe dachte so: Ein Zornmütiger möchte helfen, kann es aber in der Jugend nicht; dieser Wunsch zu helfen, wandelt sich um, und nun hat man im Alter die Fülle. Man glaubt heute noch nicht, daß so etwas der Fall ist. Wir haben, meint man, im Alter reichlich Gelegenheit, wie von selbst Liebe und Wohlwollen zu entwickeln. Aber wenn man genauer zusieht, wird man finden, daß es eben vorzugsweise die in der Jugend Zornmütigen sind, die sich helfend für die Mitmenschen betätigen.
[ 14 ] Today, schools teach that heat is converted into kinetic energy. A similar law—one that operates in the same way as the law governing the transformation of natural forces in our external lives—applies to our inner lives, to what can be experienced and felt in the soul. It is not for nothing that a man like Goethe said: “What one desires in youth, one has in abundance in old age.”—This does not mean that one need only desire such things in youth; rather, Goethe meant this: A hot-tempered person may wish to help but is unable to do so in youth; this desire to help is transformed, and now, in old age, one has it in abundance. People still do not believe today that such a thing is the case. We have, it is said, ample opportunity in old age to develop love and goodwill as if by themselves. But if one looks more closely, one will find that it is precisely those who were hot-tempered in their youth who are active in helping their fellow human beings.
[ 15 ] Auch an einem anderen Beispiel können wir sehen, wie Karma sich in unser Leben hineinstellt. Bei genügender Selbstbetrachtung kann man nicht dankbar genug sein, wenn man Gelegenheit gehabt hat, als Kind so recht mit Verehrung und scheuer Ehrfurcht zu Verwandten hinaufzusehen. Und wenn man gar die Möglichkeit hatte, nicht nur Menschen zu verehren, sondern sich den großen Tatsachen des Lebens gegenüber in Andacht zu erheben, so ist das etwas, worauf man mit tiefstem Dank zurückschauen sollte. Es entspricht einem instinktiven Gefühl, daß in dem Verehrungsgefühl, wie man es in der Jugend durchleben kann, Ursachen liegen, die Wirkungen im späteren Menschenleben haben. Man könnte das, was da zugrunde liegt, durch ein Bild ausdrücken, das Bild der gefalteten Hände und gebeugten Knie. Man möchte sagen — und das Leben erweist es als richtig —, daß derjenige, der in der Jugend viel zum Falten der Hände kommen konnte, bildlich gesprochen, im Alter die Hand viel zum Segnen erheben kann und dadurch zum Wohltäter der Umgebung wird. Es gibt Menschen, die in irgendeinen Kreis hineintreten, und man empfindet, ohne daß sie viel sagen, ihre bloße Gegenwart als eine Wohltat. Sie segnen durch ihr bloßes Dasein, denn sie haben sich die entsprechenden Seelenkräfte erworben. Solche Kräfte treten im späteren Leben auf, wenn in der Jugend die karmischen Ursachen durch scheues Aufschauen zu etwas Verehrungswürdigem gelegt worden sind. Andacht wandelt sich um in segenspendende Kräfte.
[ 15 ] Another example also shows us how karma manifests itself in our lives. Upon sufficient self-reflection, one cannot be grateful enough for having had the opportunity, as a child, to look up to one’s relatives with such reverence and shy awe. And if one even had the opportunity not only to revere people but also to rise in reverence before the great realities of life, that is something one should look back on with the deepest gratitude. It corresponds to an instinctive feeling that the sense of reverence one may experience in youth has causes that produce effects in later life. One could express what lies at the root of this through an image—that of folded hands and bent knees. One might say—and life proves this to be true—that the person who, in youth, had many opportunities to fold their hands can, figuratively speaking, raise their hand in blessing in old age and thereby become a benefactor to those around them. There are people who enter a circle, and one senses, even without them saying much, that their mere presence is a blessing. They bless through their very existence, for they have acquired the corresponding soul forces. Such forces manifest in later life when, in youth, the karmic causes were laid by reverently looking up to something worthy of veneration. Devotion is transformed into blessing-bestowing powers.
[ 16 ] Wir können noch viel weiter gehen in einer solchen Betrachtung von alltäglichen Erfahrungen zu etwas, was die meisten Menschen sehr hassen und worüber sie erschrecken, nicht auf einer niederen Bildungsstufe, sondern noch den höchsten Höhen der Bildung — die Lüge und der Neid. Dennoch treffen wir diese Eigenschaften nie in den Charakter einverwoben. Sie lassen sich auf frühere Erlebnisse zurückführen, aber wenn wir sie auftreten sehen, können wir sagen, daß Lüge und Neid die Ursachen sind für etwas, was sich schon zwischen Geburt und Tod auslebt. Wir wissen, wie ein Mensch gleichsam sich selbst verachtet, wenn er sich sagen muß, ich bin neidisch oder ich habe einen Hang zum Lügen. Er ist von vornherein überzeugt, daß das keine gute Eigenschaften sind. Goethe zum Beispiel sagt in seiner Selbstbeobachtung, daß er froh sei, daß er unter seinen Untugenden den Neid nicht als Eigenschaft habe, und Cellini sagt, daß er sich besonders glücklich fühle, sich keiner Lüge bewußt zu sein. Die Menschen suchen sich diese Dinge abzugewöhnen, wenn sie sie bei sich finden. Nehmen wir an, ein Mensch merkt, daß er neidisch ist; er möchte es sich abgewöhnen, aber er ist nicht so stark, daß er den Neid mit der Wurzel ausreißen kann. Man kann ja so etwas nicht einfach ausreißen, sondern — wie äußere Kräfte — nur verwandeln. Der Mensch bekämpft den Neid, so daß er nicht mehr denkt: Ich möchte diesem Menschen dies oder jenes nicht gönnen. Mit dem Verstande hat er also den Neid überwunden, aber in den Tiefen des Charakters kann er das nicht, und der Neid tritt in einer Verwandlung auf.
[ 16 ] We can go much further in this examination of everyday experiences—to something that most people deeply hate and find terrifying, not only among the less educated but even among the most highly educated: lies and envy. Nevertheless, we never find these traits woven into a person’s character. They can be traced back to earlier experiences, but when we see them manifest, we can say that lying and envy are the causes of something that plays out between birth and death. We know how a person, as it were, despises himself when he has to admit, “I am envious” or “I have a tendency to lie.” They are convinced from the outset that these are not good traits. Goethe, for example, says in his self-reflections that he is glad that, among his vices, envy is not one of his traits, and Cellini says that he feels particularly fortunate not to be aware of any lying on his part. People try to break themselves of these habits when they find them within themselves. Let’s suppose a person realizes that he is envious; he would like to break the habit, but he is not strong enough to uproot envy entirely. After all, one cannot simply uproot such a thing, but—like external forces—can only transform it. The person fights against envy so that they no longer think: “I do not want this person to have this or that.” With their intellect, they have thus overcome envy, but they cannot do so in the depths of their character, and the envy reappears in a transformed form.
[ 17 ] Es besteht ein gesetzmäßiger Zusammenhang zwischen Neid und seinem Umwandlungsprodukt, einer Art Kritiksucht. Man tadelt alles, was man nur tadeln kann, und solch ein Mensch ist dann oft sehr mit sich zufrieden. Den Neid merkt er nicht mehr, und tadeln — das ist ja recht und billig, denn man muß doch die Leute auf ihre Fehler aufmerksam machen! Gewiß muß man das, aber es kommt darauf an, ob man es tut, um die Leute zu bessern oder nur um sie zu tadeln. Im letzten Falle ist es umgewandelter Neid. Das ist im Leben sehr verbreitet. Viele Tee- und Kaffeeklatsche und Morgen- und Abendschoppen könnten nicht bestehen, wenn der Neid sich nicht in Kritikasterei umgewandelt hätte. Da sehen wir, wie unter dem Einfluß des menschlichen Seelenstrebens selber sich eine Eigenschaft umwandelt. Verfolgen wir nun das, was später bei einem Menschen auftritt, wenn er Neid und Kritikasterei entwickelt, namentlich wenn diese in der Jugend gewütet haben. Er wird das, was wir ein unselbständiges Wesen nennen können, ein Mensch, der selbst in den kleinsten Dingen den Rat und die Hilfe anderer Menschen braucht, der nicht mit dem Leben zurechtzukommen weiß. Man kann solche Dinge bezweifeln, aber wenn man in das Leben hineinschaut, wird man sehen, daß diese ebenso gelten wie die physikalischen Gesetze in der Naturwissenschaft.
[ 17 ] There is a natural connection between envy and its byproduct, a kind of compulsion to criticize. One finds fault with everything one possibly can, and such a person is often very pleased with himself. They no longer notice their envy, and finding fault—well, that’s only fair, after all; one must point out people’s mistakes! Certainly one must, but it depends on whether one does so to improve people or merely to criticize them. In the latter case, it is transformed envy. This is very common in life. Many tea and coffee gatherings, as well as morning and evening drinks, could not exist if envy had not transformed itself into nitpicking. Here we see how, under the influence of the human soul’s own striving, a quality undergoes a transformation. Let us now examine what later occurs in a person when they develop envy and nitpicking, particularly when these traits raged during their youth. He becomes what we might call a dependent being—a person who needs the advice and help of others even in the smallest matters, who does not know how to cope with life. One may doubt such things, but if one looks closely at life, one will see that these hold just as true as the laws of physics in the natural sciences.
[ 18 ] Daraus lassen sich gute Erziehungsgrundsätze für das Leben herleiten. Wir müssen sehen, daß Neid und Kritikasterei nicht fortwuchern. Wir können sie nicht ausrotten, aber richtig umwandeln. Der Erzieher muß es durch allerlei Dinge und Mittel, die in einer echten Pädagogik liegen, so einrichten, daß diese Eigenschaften nicht in Haltlosigkeit umschlagen, sondern zu dem werden, was man nennen könnte eine gewisse Sehnsucht, unterzutauchen in das Gemüt, daß der Mensch das Gefühl bekommt, in mir ist etwas, was ich wie ein leises Ahnen empfinde, etwas, was in mir schläft. Das ist eine der schönsten Früchte, die aus richtig umgewandelten schlechten Eigenschaften entstehen können, wenn sie in der entsprechenden Weise geleitet werden.
[ 18 ] From this, we can derive sound educational principles for life. We must ensure that envy and nitpicking do not run rampant. We cannot eradicate them, but we can transform them in the right way. The educator must use all manner of methods and means inherent in genuine pedagogy to ensure that these traits do not degenerate into aimlessness, but rather become what one might call a certain longing to delve into the inner self—so that the person feels there is something within them that they sense as a faint premonition, something that lies dormant within them. This is one of the most beautiful fruits that can arise from properly transformed negative traits, when they are guided in the appropriate manner.
[ 19 ] Überhaupt können die schlimmsten Eigenschaften, wenn sie in der entsprechenden Weise geleitet werden, die schönsten Wirkungen haben. So zum Beispiel Lüge und Lügenhaftigkeit. So wie sie in der Jugend auftreten, sollten wir sie wohl beachten. Es ist hier nicht nur das Unwahrheiten-Sagen gemeint, sondern man sollte sich wieder und wieder ins Gedächtnis rufen, wie schwierig es ist, immer wahr zu sein. Man stellt leicht Lebensideale auf, aber immer wahr zu sein, ist nicht ganz leicht, und es kann sogar die beste Absicht und die vornehmste Gesinnung dahin führen, in gewisser Beziehung unwahr zu sein. Ein Erzieher, der einem kleinen Kinde, das einen Wurm quält [und ihn in zwei Teile zerschneidert], sagt: Quäle diesen Wurm nicht, denn er fühlt wie du den Schmerz —, sagt eine Unwahrheit, und doch kann er von hohen Idealen beseelt sein. Wenn nämlich ein Wurm zerteilt wird, so kann auch ein Stück von ihm ja weiterleben. [Wenn man also dem Kind so etwas sagt], was es auf sich selbst übertragen soll, dann macht man es auf etwas aufmerksam, was nicht richtig ist, denn es könnte, [wenn ihm das gleiche widerführe], nicht weiterleben. Es müßte ihm etwas ganz anderes gesagt werden, um es vom Töten oder Quälen des Wurmes abzuhalten.
[ 19 ] In general, even the worst traits can have the most beautiful effects if they are channeled in the right way. Take, for example, lying and a tendency to lie. When they appear in youth, we should pay close attention to them. This does not refer solely to telling untruths; rather, we should remind ourselves again and again how difficult it is to always be truthful. It is easy to set ideals for life, but always being truthful is not entirely easy, and even the best intentions and the noblest dispositions can lead one to be untruthful in certain respects. An educator who says to a small child who is tormenting a worm [and cutting it in two], “Don’t torment this worm, because it feels pain just like you do”—is telling a lie, and yet he may be inspired by lofty ideals. For when a worm is cut in two, a piece of it may indeed continue to live. [So when one says something like this to a child], which the child is supposed to apply to itself, one is drawing its attention to something that is not true, because it could not continue to live [if the same thing happened to it]. Something entirely different would have to be said to the child to prevent it from killing or tormenting the worm.
[ 20 ] Das Kind vergißt wohl solche Dinge wie «Der Wurm fühlt wie du den Schmerz». Aber wo spielt sich das Vergessen ab? In seinem Oberbewußtsein. Der Mensch hat jedoch einen tieferen Wesenskern, und wir können längst etwas vergessen haben mit unserem Alltagsbewußtsein — im Astralen aber sitzt es und wirkt fort. So etwas, was nicht genau der Wirklichkeit entspricht und nicht durch das Oberbewußtsein kontrolliert wird, hat dennoch dieselbe Folge wie eine direktere Lüge. [Durch diese Unwahrheit] entwickelt das Kind das, was wir ein scheues Wesen nennen können. Ein solches Kind wird scheu und getraut sich nicht, den Menschen in die Augen zu sehen. So wie ein physikalisches Gesetz wirkt sich jede Unwahrheit aus, selbst eine unter der Maske eines hohen Ideals eingepflanzte. An diesem Beispiel können wir sehen, wie Geisteswissenschaft nützlich werden kann.
[ 20 ] A child may well forget things like “The worm feels pain just as you do.” But where does this forgetting take place? In the child’s outer consciousness. However, human beings have a deeper core of being, and while we may have long since forgotten something in our everyday consciousness—it remains in the astral realm and continues to have an effect. Something like this, which does not exactly correspond to reality and is not controlled by the upper consciousness, nevertheless has the same consequence as a direct lie. [Through this untruth] the child develops what we might call a timid nature. Such a child becomes shy and does not dare to look people in the eye. Just like a law of physics, every untruth has an effect, even one planted under the guise of a lofty ideal. From this example, we can see how spiritual science can be useful.
[ 21 ] Geisteswissenschaft weist uns an, wie sorgfältig wir bei jedem Wort sein müssen. Wir können sehen, wie die Beschäftigung mit der Geisteswissenschaft als solcher auf das Leben des Menschen im allgemeinen wirkt. Hier ein konkretes Beispiel: Viele Menschen leiden unter einem schlechten Gedächtnis, mit dem sie selber nicht zufrieden sind und von dem sie behaupten, es werde immer schlechter. Es ist ein Ergebnis der übersinnlichen Forschung, daß für den gegenwärtigen Menschen das Gedächtnis umso schlechter werden muß, je mehr er nur materialistische Vorstellungen aufnimmt, also nur das, was er hören, sehen, mit dem Verstand begreifen kann. Solche Vorstellungen füllen das Leben der meisten Menschen heute aus, aber sie sind am wenigsten geeignet, die Kräfte zu erzeugen, das Gedächtnis wirklich wach zu erhalten. Einem Menschen, den wir nur mit materialistischer Vorstellungsart erfüllen, nehmen wir auch gewisse Seelenkräfte.
[ 21 ] Spiritual science teaches us how careful we must be with every word. We can see how engaging with spiritual science as such affects human life in general. Here is a concrete example: Many people suffer from a poor memory, with which they themselves are dissatisfied and which they claim is getting worse and worse. It is a finding of supersensible research that, for modern people, memory is bound to deteriorate the more they absorb only materialistic ideas—that is, only what they can hear, see, and grasp with their intellect. Such ideas fill the lives of most people today, but they are the least suited to generating the forces needed to truly keep the memory alive. When we fill a person’s mind solely with materialistic ideas, we also deprive them of certain soul forces.
[ 22 ] Was wir dagegen als Ergebnis der übersinnlichen Forschung aufnehmen, was als geisteswissenschaftliche Erkenntnis in die Seele tritt, was uns zwingt, sehr klare und sehr ineinandergehende Gedanken zu fassen, das führt der Seele Kräfte zu. Bequem ist es freilich nicht, solche Gedanken zu fassen, wo nicht einer neben dem anderen steht, sondern einer aus dem anderen herauswächst wie bei einer Pflanze. Die Folge solcher Gedanken ist, ganz abgesehen davon, daß sie uns Wahrheiten überliefern, daß das Innenleben konzentriert wird. Einem Menschen, der sich mit solchen Gedanken befaßt, treten, auch wenn er nicht selber hineinsehen kann in die höheren Welten, gewisse Hauptbegriffe immer wieder — wenn sie ihm nicht langweilig werden — vor die Seele. Dadurch wird das zusammengehalten, was wir das Ätherbewußtsein nennen, das die äußere Wissenschaft nicht anerkennt. Das wird stark gemacht, und die Folge ist, daß der Mensch sich sein Gedächtnis in viel besserem Zustande erhält als sonst.
[ 22 ] What we, on the other hand, take in as the result of supersensory research—what enters the soul as spiritual-scientific insight, what compels us to form very clear and deeply interwoven thoughts—this imparts strength to the soul. It is certainly no easy task to formulate such thoughts, where one does not simply stand beside the other, but one grows out of the other, as with a plant. The result of such thoughts—quite apart from the fact that they convey truths to us—is that our inner life becomes concentrated. For a person who engages with such thoughts, even if they cannot themselves look into the higher worlds, certain key concepts repeatedly present themselves to the soul—provided they do not become tedious. This holds together what we call etheric consciousness, which external science does not recognize. This is strengthened, and the result is that a person maintains their memory in a much better condition than otherwise.
[ 23 ] Natürlich ist es nicht schwer, das zu widerlegen. Es braucht nur einer zu kommen und zu sagen: Sieh mal, dieser Theosoph hat sich das ganze Leben mit übersinnlichen Vorstellungen befaßt, und nun hat er fast gar kein Gedächtnis mehr. — Man müßte eben darauf schauen, was er geworden wäre ohne die Geisteswissenschaft. Solche Dinge lassen sich nicht durch Statistiken und so weiter miteinander vergleichen, sondern nur durch das, was der Mensch an sich selbst erfahren kann. Wenn das Gedächtnis anfängt, schwankend zu werden und wenn der Mensch anfängt, sich mit Übersinnlichem zu beschäftigen, so wird es ihm leichter werden, es wiederum heraufzuholen. Das Gedächtnis wird einen anderen Charakter annehmen. Daraus können wir den Schluß ziehen, wie sehr unser alltägliches Leben gewinnt, wenn wir es mit übersinnlichen Vorstellungen befruchten und durchsetzen.
[ 23 ] Of course, it is not difficult to refute this. All it takes is for someone to come along and say: Look, this theosophist has spent his entire life dealing with extrasensory ideas, and now he has almost no memory left. — One would simply have to consider what would have become of him without spiritual science. Such things cannot be compared using statistics and the like, but only through what a person can experience for themselves. When memory begins to falter and a person begins to engage with the supersensible, it will become easier for them to recall it again. Memory will take on a different character. From this we can conclude how much our everyday life is enriched when we infuse it with and permeate it through supersensible ideas.
[ 24 ] Und weiter: Was brauchen wir als Menschen für das, was wir leisten sollen? Lebensfreude und Beseligung, Interesse an der Umgebung. Was uns das Schicksal anweist, kann oft keine Quelle der Freude sein, sondern Quelle der Unlust, des Schmerzes. Da kann das Leben leicht trübe werden. Wer aber imstande ist, wirklich zu den Wahrheiten der übersinnlichen Welt hinzustreben, für den kann es keine vollständige Verödung des Lebens geben. Denn wenn auch die äußere Welt Unglück über Unglück bringen sollte, so zaubert die übersinnliche Erkenntnis Freudigkeit und Lust hervor und erhellt uns mit dem Bewußtsein: Der Mensch, auf welchem Platz er auch stehen mag, er gehört dem ganzen geistigen Leben an, er hat seine Bestimmung, seine Aufgabe und Würde und auch seine Quelle von Daseinsfreude und Lebenslust, die ihm kein äußeres Schicksal nehmen kann.
[ 24 ] And further: What do we, as human beings, need in order to accomplish what we are meant to do? A zest for life and joy, an interest in our surroundings. What fate imposes on us can often be no source of joy, but rather a source of discontent and pain. Life can easily become bleak under such circumstances. But for those who are capable of truly striving toward the truths of the supersensible world, there can be no complete desolation of life. For even if the outer world were to bring misfortune upon misfortune, supersensible knowledge conjures up joy and delight and enlightens us with the awareness: “No matter where a person may stand in life, they belong to the whole of spiritual life; they have their purpose, their task, and their dignity, as well as their source of joy in existence and zest for life, which no external fate can take away from them.”
[ 25 ] Ein materialistisches Zeitalter sollte das wohl bedenken, denn viele haben ihre Freude nur an dem, was man mit Händen greifen kann. Dann kommen die Übersättigung und die Gier, immer neue Eindrücke zu empfangen. Und wenn die nicht kommen und das Leben immer dasselbe bringt, dann kommt die Verödung, weil der Mensch eine Quelle für Glück nur in dem kennt, was von außen kommt. Wenn er aber die Begriffe einer übersinnlichen Welt erfaßt hat, so wirken diese von innen heraus, und so können wir, auch wenn wir keine Anregung von außen haben, aus dem, was wir von innen heraus zaubern, die Lebensfreude in uns selber schaffen. Die kleinsten Dinge des Lebens können uns zum Quell unsäglicher Lebensfreude und großen Glückes werden. Das ist der Unterschied zwischen den beiden Arten von Begriffen: Die äußeren Begriffe befriedigen allein unseren Verstand und nur für kurze Zeit auch unser Gefühl; dann hört das auf. Die Pfadfinder auf materialistischem Gebiet können Forscherfreude haben, aber sie werden sich bald in ihren Seelen verödet fühlen. Was wir aber aus den Quellen der übersinnlichen Erkenntnis nehmen, bietet einen niemals zu erschöpfenden Born der Freude und der Daseinskraft.
[ 25 ] A materialistic age should certainly bear this in mind, for many find joy only in what they can grasp with their hands. Then come oversaturation and the greed to constantly seek out new impressions. And when those impressions fail to come and life remains the same, desolation sets in, because people know of no source of happiness other than what comes from the outside. But once they have grasped the concepts of a supersensible world, these concepts work from within, and so—even when we have no external stimulation—we can create joy in life within ourselves from what we conjure up from within. The smallest things in life can become a source of indescribable joy and great happiness for us. That is the difference between the two kinds of concepts: external concepts satisfy only our intellect and, for a short time, our emotions as well; then that comes to an end. Those who explore the material world may experience the joy of discovery, but they will soon feel a desolation in their souls. What we draw, however, from the sources of supersensible knowledge offers an inexhaustible wellspring of joy and vitality.
[ 26 ] Man möchte immer wieder auf etwas hinweisen, was Fichte, der zwar nicht in der Geisteswissenschaft lebte, aber doch dahin strebte, zu seinem Zuhörerkreis sagte. Er sagte nämlich einmal: Was ich Ihnen zu geben habe, spricht von den Tatsachen der übersinnlichen Welt, wozu aber ein anderer, ein neuer Sinn notwendig ist. Den Zusammenhang des Menschen mit dieser übersinnlichen Welt betont er etwa mit den folgenden Worten: Wir schauen erst im rechten Maße und mit dem rechten Verständnis auf das, was uns im Leben umgibt als Schicksal, als Lust und Leid, Freude und Schmerz, und bekommen erst dann einen rechten Blick für unsere Bestimmung, wenn wir den Zusammenhang des Menschen mit dem Göttlichen sehen. — Wenn sich der Mensch dieses Zusammenhanges bewußt wird — so meint Fichte —, dann kann er sagen: Ihr Wolken stürzt herab und ergießt euch in Bächen, ihr Berge fallt auf meinen Leib und begrabt mich, ihr Donner rollt, ihr Blitze zerschmettert mich. Ich trotze eurer Macht, denn ich habe meine Bestimmung ergriffen, und die ist ewig, wie der Geist ewig ist.
[ 26 ] One is always tempted to point out something that Fichte—who, though he did not live within the realm of spiritual science, nevertheless aspired toward it—said to his audience. He once remarked: “What I have to offer you speaks of the realities of the supersensible world, but this requires a different, new kind of understanding.” He emphasizes the connection between human beings and this supersensible world with words such as the following: “We can only truly perceive and understand what surrounds us in life—as fate, as pleasure and suffering, joy and pain—and only then gain a true perspective on our destiny when we see the connection between human beings and the divine.” — When a person becomes aware of this connection — so Fichte argues — then he can say: “O clouds, come crashing down and pour out in torrents; O mountains, fall upon my body and bury me; O thunder, roll; O lightning, shatter me. I defy your power, for I have embraced my destiny, and it is eternal, just as the Spirit is eternal.
[ 27 ] Eine Ahnung von einem solchen Bewußtsein der Sicherheit kann derjenige bekommen, der sich mit übersinnlicher Forschung irgendwie bekannt macht. Es ist für die menschliche Natur notwendig, daß diese Dinge in unser alltägliches Leben eingreifen. Wie zeigt sich dies? Nehmen wir einen Menschen, der draußen auf dem Lande lebt, in einem Gebiet, wohin noch wenige Zeitungen und aufklärende Literatur dringen, und vergleichen wir ihn mit einem Stadtmenschen, der im Mittelpunkt der modernen Bildung steht, Zeitungen, Zeitschriften aller Art liest und so weiter. Dieser Landbewohner kann seiner Anlage nach nicht zufrieden sein mit dem Bewußtsein, das die alten Überlieferungen ihm geben. Und da er nichts anderes zu lesen hat, vertieft er sich in die Bibel. Da kommt es häufig genug vor, daß die Worte der Bibel das Gemüt eines solchen Menschen ansprechen, aber indem sie nicht nur das Oberbewußtsein ergreifen, sondern auch das Unterbewußtsein, senken sie sich in das Innere, und das steht im Zusammenhang mit dem Bedürfnis nach etwas Übermenschlichem. Daher kommt dann manch schädlicher Aberglaube, zum Beispiel meinen die betreffenden Menschen, sie seien Propheten, sie gründen dann Sekten und so weiter. Weil im tiefsten Quell der Seele der Drang nach dem Übersinnlichen liegt, sucht er, wenn er den rechten Weg nicht finden kann, irgend etwas anderes, und das kann zum Schaden ausschlagen. Solch ein Mensch beweist nur, wie tief es in der menschlichen Natur begründet ist, den Zusammenhang mit der übersinnlichen Welt zu finden.
[ 27 ] Anyone who familiarizes themselves in any way with parapsychological research can get a sense of this kind of sense of security. It is essential to human nature that these things become part of our everyday lives. How does this manifest itself? Let us take a person who lives out in the countryside, in an area where few newspapers and educational literature reach, and compare him to a city dweller who is at the center of modern education, reads newspapers and magazines of all kinds, and so on. By his very nature, this country dweller cannot be satisfied with the understanding provided by the old traditions. And since he has nothing else to read, he immerses himself in the Bible. It happens often enough that the words of the Bible speak to the soul of such a person, but because they affect not only the conscious mind but also the subconscious, they sink deep into the inner self—and this is connected to the need for something superhuman. This is where many harmful superstitions originate; for example, the people in question believe they are prophets, and they then found sects and so on. Because the urge for the supernatural lies in the deepest wellspring of the soul, if a person cannot find the right path, he seeks something else, and this can turn out to be harmful. Such a person merely demonstrates how deeply rooted in human nature is the desire to establish a connection with the supernatural world.
[ 28 ] Der Stadtmensch dagegen hat keine Gelegenheit, das Übersinnliche auf sich wirken zu lassen. Der Drang danach ist aber da, und der Mensch füllt das gewöhnliche Bewußtsein mit allen möglichen Dingen aus: mit Spiritismus, mit «Welträtseln» und so weiter. Es gehen viele Menschen in Weltanschauungsversammlungen für «Fortgeschrittene» und bekennen sich auch zu solchen Auffassungen, und sie wissen nicht, daß ihre Seele im Unterbewußtsein nach ganz etwas anderem verlangt. Da arbeitet es weiter, und später tritt dann die Wirkung auf, nicht als abergläubisches Sektierertum wie auf dem Lande, sondern als Unbehaglichkeit, Trübseligkeit; das oder jenes, allerlei Ideen kommen über sie, sie werden nervös, kommen aus dem seelischen Gleichgewicht, und wenn sie Geld haben, gehen sie von Sanatorium zu Sanatorium. Sie forschen nach: Was fehlt mir denn eigentlich? — Ohne daß sie es wissen, fehlt ihnen der Zusammenhang mit den übersinnlichen Wahrheiten.
[ 28 ] The city dweller, on the other hand, has no opportunity to let the supernatural take hold of him. Yet the urge is there, and people fill their ordinary consciousness with all sorts of things: with spiritualism, with “mysteries of the universe,” and so on. Many people attend philosophical gatherings for “advanced” participants and even profess such views, yet they do not realize that their soul, in the subconscious, yearns for something entirely different. There, the soul continues to work, and later the effect manifests—not as superstitious sectarianism as in the countryside, but as unease and gloom; this or that—all sorts of ideas come over them; they become nervous, lose their emotional balance, and if they have money, they go from sanatorium to sanatorium. They search for answers: What is actually missing in my life? — Without realizing it, what they lack is a connection to the supersensible truths.
[ 29 ] Manchen Menschen, denen man heute übersinnliche Wahrheiten vorenthält, weil man sie für Träumerei hält, nimmt man das, was geistige Gesundheit und seelisches Gleichgewicht gibt. Und weil das Physische die Folge des Geistigen ist, nimmt man ihnen zugleich die physische Gesundheit. Da sehen wir, wie die Ergebnisse des übersinnlichen Forschens ins gewöhnliche Leben gehen. Wir haben häufig Gelegenheit zu sehen, wie die allergrößten Fehler gemacht werden, weil die Menschen nicht wissen, wie das Übersinnliche wirkt. Zum Beispiel glauben EItern und Erzieher, daß sie nichts Besseres tun können, als die Strafe gleich nach dem «Verbrechen» folgen zu lassen; sie wissen nicht, daß die Strafe, die erst nach einiger Zeit erfolgt, erstens viel milder sein kann, und zweitens viel fruchtbarer. Es sollte beim Kinde niemals der Eindruck entstehen, daß die Strafe des Lehrers eine Art Rache sei; es sollte ihn nie wütend sehen. Wenn einige Zeit verstrichen ist, dann wird das kaum noch der Fall sein, und der Erzieher wird auch vieles anders ansehen, wenn er den Fehler nüchtern, mit seinem alltäglichen Sinn, betrachtet. Während er nicht ohne Prügel auszukommen glaubt, wenn er gleich straft, wird er später mildere Mittel anwenden können. Außerdem wirkt im Innern des Kindes das Bewußtsein seines Unrechtes ganz anders, wenn es nicht gleich dafür bestraft wird.
[ 29 ] Some people, who are today denied access to supernatural truths because these are dismissed as mere daydreaming, are thus deprived of what brings them mental health and emotional balance. And because the physical is the consequence of the spiritual, they are simultaneously deprived of physical health. Here we see how the results of supersensory research find their way into everyday life. We often have the opportunity to see how the gravest mistakes are made because people do not know how the supersensible realm works. For example, parents and educators believe that they can do nothing better than to administer punishment immediately after the “offense”; they do not realize that punishment administered only after some time has passed can, first, be much milder, and second, much more effective. The child should never get the impression that the teacher’s punishment is a kind of revenge; the child should never see the teacher angry. Once some time has passed, this will hardly be the case, and the educator will also view many things differently when he considers the mistake soberly, with his everyday sense of judgment. While he may believe he cannot do without corporal punishment if he punishes the child immediately, he will later be able to use milder measures. Furthermore, the child’s awareness of having done wrong has a very different effect on the child’s inner self if the child is not punished for it right away.
[ 30 ] Auf diese Sache fällt erst ein richtiges Licht, wenn der Mensch sich über sein Schicksal, das ihm oft wie etwas Dunkles erscheint, zu dem erhebt, was ihm die Erkenntnisse aus der übersinnlichen Welt erschließen können. Und das ist etwas, was nicht bloß Gedanken- und Verstandessache ist, sondern etwas, was wie das Blut unseren ganzen Leib durchströmt. Bis in unsere Geschicklichkeit hinein ergießen sich die übersinnlichen Gedanken. Ein ungeschickter Mensch kann durch sie sogar geschickt werden. Man erhält eine körperliche Beweglichkeit, wenn das, was aus der übersinnlichen Welt sproßt, ins Leibliche übergeht. Deshalb wird das, was aus dem Übersinnlichen kommt, in solche Sätze gekleidet, daß es durch die Logik geprüft werden kann, damit der Mensch mit dem Verstande die Wahrheiten der übersinnlichen Welt entgegennehmen kann. Dann können sie in unser Leben einfließen, sie befruchten es und machen uns sicher in dem Leben, das wir innerhalb unseres Schicksals führen müssen.
[ 30 ] This matter is only truly illuminated when a person rises above his fate—which often seems dark to him—to the level of understanding that insights from the supersensible world can reveal. And this is not merely a matter of thought and intellect, but something that flows through our entire body like blood. Supersensible thoughts permeate even our dexterity. A clumsy person can even become dexterous through them. One gains physical agility when what springs from the supersensible world passes into the physical realm. That is why what comes from the supersensible is clothed in such propositions that it can be tested by logic, so that human beings can receive the truths of the supersensible world through their intellect. Then they can flow into our lives, enrich them, and give us a sense of security in the life we must lead within the framework of our destiny.
[ 31 ] Die Anwendung dieser Wahrheit zeigt uns mehr als alles Spekulieren, daß der Mensch berufen ist, die geistigen Kräfte und Tatsachen aus der geistigen Welt in die physische herunterzutragen. Und wenn der Mensch sich bemüht, dies zu tun, wird er seines Zusammenhanges mit der übersinnlichen Welt erst recht sicher werden, denn er wird gewahr werden, daß er ein Geistwesen ist und nicht nur in der physischen, sondern auch in der übersinnlichen Welt wurzelt, und aus dieser Gewißheit wird er ein immer sichereres Gefühl und größere Lebenshoffnung schöpfen. Mag ihn das äußere Leben noch so sehr mit seinem undurchdringlichen Schicksal quälen, mögen die mächtigen Schicksalswogen oder auch die Nadelstiche des alltäglichen Lebens uns noch so unverständlich sein — wir wissen, es gibt verborgene Kräfte, die unser geistiges Auge öffnen können und uns Licht bringen über unser dunkles Schicksal, damit wir mit starker, innerer Energie allem entgegentreten können, was im Sturm des Lebens an uns herantritt — zum Segen der Welt, zur Arbeit an uns selbst, zur Entwicklung der ganzen Menschheit.
[ 31 ] The application of this truth shows us, more than any speculation, that human beings are called upon to bring the spiritual forces and realities from the spiritual world down into the physical world. And when a person strives to do this, he will become all the more certain of his connection to the supersensible world, for he will become aware that he is a spiritual being, rooted not only in the physical world but also in the supersensible world; and from this certainty he will draw an ever-stronger sense of security and greater hope for life. No matter how much external life may torment us with its inscrutable fate, no matter how incomprehensible the mighty waves of fate or even the pinpricks of everyday life may be to us—we know there are hidden forces that can open our spiritual eye and shed light on our dark destiny, so that we may face with strong, inner energy everything that comes our way in the storm of life—for the blessing of the world, for the work on ourselves, and for the development of all humanity.
