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Knowledge and Immortality
GA 69b

27 November 1910, Bremen

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Knowledge and Immortality, tr. SOL
  1. Erkenntnis und Unsterblichkeit

3. Erkenntnis Und Unsterblichkeit

3. Knowledge and Immortality

[ 1 ] Verehrte Anwesende! Wenn man von menschlicher Erkenntnis spricht, hat man zunächst zweierlei im Auge. Das eine ist die Erkenntnis, welche die einzelne Menschenseele, der menschliche Geist, sich um ihrer selbst willen erwirbt, das andere ist die Erkenntnis, die ein Mittel des Fortschrittes für das Leben der gesamten Menschheit bedeutet. Man braucht nur an die Erkenntnis zu denken, die sich mit der Beobachtung der Naturerscheinungen befaßt und die sich damit abgibt, die Naturkräfte in den Dienst der Menschheit zu stellen, um gewahr zu werden, daß das, was man auf diesem Gebiete Erkenntnis nennt, nicht nur der einzelnen Menschenseele Befriedigung gibt, sondern daß diese Erkenntnis eine selbstlose Dienerin der ganzen Menschheit sein will. Es ist leicht einzusehen, daß die Erkenntnis der Naturkräfte in weitem Umfange Zielen der Menschheit dient. Die Erkenntnisse, die gewonnen werden durch das Denken des Forschers und Erfinders, sehen wir angewendet im praktischen Leben, und wer über deren Wert nachdenkt, wird leicht einsehen, daß die Erkenntnisse, die sich aus der Erforschung der Materie ergeben, bestimmt sind, der ganzen Menschheit zu dienen.

[ 1 ] Ladies and gentlemen! When we speak of human knowledge, we have two things in mind. The first is the knowledge that the individual human soul—the human spirit—acquires for its own sake; the second is the knowledge that serves as a means of progress for the life of all humanity. One need only think of the knowledge that deals with the observation of natural phenomena and is concerned with harnessing the forces of nature for the benefit of humanity to realize that what is called knowledge in this field not only brings satisfaction to the individual human soul, but that this knowledge seeks to be a selfless servant of all humanity. It is easy to see that knowledge of the forces of nature serves the goals of humanity to a great extent. We see the insights gained through the thinking of researchers and inventors applied in practical life, and anyone who reflects on their value will easily see that the insights resulting from the study of matter are destined to serve all of humanity.

[ 2 ] Aber jenseits dieser Erkenntnisse gibt es noch eine andere Erkenntnis, bei der durch ihre ganze Eigenart eine solche praktische Anwendung nicht möglich ist. Diese Erkenntnis muß um ihrer selbst willen da sein. Die Menschheit braucht sie und könnte ohne sie nicht leben. Man darf aber auch bei dieser Erkenntnis fragen: Ist sie wirklich nur etwas, was die menschliche Seele zur eigenen Befriedigung anstrebt, oder steht nicht auch diese Erkenntnis, von der wir oftmals sagen, sie sei um ihrer selbst willen da, im Dienste des Fortschrittes der Menschheit? Wenn man versucht zu erforschen, warum die Menschenseele gewissermaßen dürstet und hungert nach einer solchen Erkenntnis um ihrer selbst willen, warum sie nach einer Auseinandersetzung mit den Weltengeheimnissen strebt, um die Bedeutung der Erkenntnis im Dienste der Menschheit zu erkennen, dann muß man eingehen auf das Wesen und die [Ur]gründe der Menschenseele selbst.

[ 2 ] But beyond these insights, there is yet another insight for which, due to its very nature, such practical application is not possible. This insight must exist for its own sake. Humanity needs it and could not live without it. But even with regard to this insight, one may ask: Is it really just something the human soul strives for its own satisfaction, or does this insight—which we often say exists for its own sake—not also serve the progress of humanity? If one attempts to explore why the human soul, so to speak, thirsts and hungers for such knowledge for its own sake—why it strives to grapple with the mysteries of the world—in order to recognize the significance of knowledge in the service of humanity, then one must delve into the nature and the [fundamental] reasons of the human soul itself.

[ 3 ] Nun möchte der Zweig menschlichen Forschens, den man Geisteswissenschaft oder Theosophie nennt, das Wesen der Menschenseele dadurch erkennen, daß sie diese Menschenseele verfolgt in ihre tiefsten Gründe hinein und versucht, das Wesen der Menschenseele zu finden auf der Grundlage einer Erkenntnis, die über das hinausgeht, was die Sinne bieten und was der Verstand, der an das Gehirn gebunden ist, sich erringen kann. Geisteswissenschaft glaubt, aus ihrer Forschung heraus gerade über die Menschenseele einiges sagen zu können, was dieser strebenden Menschenseele von besonderer Wichtigkeit ist. Allerdings muß sie sich in einer selbständigen Weise zu alledem stellen, was die Geisteskultur der letzten Jahrhunderte hervorgebracht hat. Die Geisteswissenschaft nimmt in keiner Hinsicht Stellung gegen die großen Errungenschaften der menschlichen Kultur, insbesondere der Naturwissenschaft; allein, sie muß in unserer heutigen Zeit genau dasselbe unternehmen, was die Naturwissenschaft im Laufe der letzten Jahrhunderte viele Male unternommen hat — sie muß alle Vorurteile, allen Glauben der Menschen von heute prüfen im Lichte ihrer Erkenntnisse. Geisteswissenschaft schaut auf etwas hin, was für die Erkenntnis unserer heutigen Zeit zu den wichtigsten Dingen gehört — auf etwas, was der Naturwissenschaft erst vor verhältnismäßig kurzer Zeit eingeflößt worden ist.

[ 3 ] Now, the branch of human inquiry known as spiritual science or theosophy seeks to understand the nature of the human soul by tracing it down to its deepest foundations and attempting to discover its essence on the basis of knowledge that goes beyond what the senses provide and what the intellect—which is bound to the brain—can attain. Spiritual science believes that, through its research, it can say certain things about the human soul that are of particular importance to this striving human soul. However, it must take an independent stance toward everything that the spiritual culture of the past centuries has produced. Spiritual science in no way takes a stand against the great achievements of human culture, especially natural science; yet in our present age it must undertake precisely what natural science has undertaken many times over the course of the last few centuries—it must examine all the prejudices and beliefs of people today in the light of its own insights. Spiritual science looks toward something that is among the most important things for the understanding of our time—something that has only relatively recently been instilled in the natural sciences.

[ 4 ] Die Menschen sind ja sehr vergeßlich. Viele Wahrheiten, die heute allgemein anerkannt sind, wurden erst im 17. Jahrhundert vom Menschengeist erobert, denn bis in das 17. Jahrhundert hinein haben Laien und gelehrte Naturforscher zum Beispiel geglaubt, daß sich Regenwürmer, Fische und andere niedere Tiere aus Flußschlamm entwickeln könnten. Es gibt Bücher aus dieser Zeit, in denen auseinandergesetzt wird, wie sich zum Beispiel aus Kadavern Lebewesen entwickeln. Es war erst in diesem 17. Jahrhundert, daß Francesco Redi zuerst den Satz ausgesprochen hat, Lebewesen könnten nur abstammen aus Keimen von Lebewesen gleicher Art. Daß Lebewesen nur von Lebewesen abstammen können, war eine große Ketzerei im 17. Jahrhundert gegenüber der damaligen Wissenschaft, und nur mit knapper Not entging Francesco Redi dem Schicksal des Giordano Bruno.

[ 4 ] People are, after all, very forgetful. Many truths that are generally accepted today were only discovered by the human mind in the 17th century, for well into the 17th century, both laypeople and learned naturalists believed, for example, that earthworms, fish, and other lower animals could develop from river mud. There are books from this period that discuss, for example, how living beings develop from carcasses. It was not until the 17th century that Francesco Redi first articulated the principle that living beings can only arise from the seeds of living beings of the same kind. The idea that living beings can only come from other living beings was considered a major heresy in the 17th century by the scientific community of the time, and Francesco Redi narrowly escaped the fate of Giordano Bruno.

[ 5 ] In ähnlicher Lage ist der Geistesforscher heute, wenn er den Blick zum Beispiel auf die Eigenschaften einer Menschenseele richtet, die durch die Geburt ins Dasein tritt. Heute sagt man leicht, wenn man hinblickt auf die unterschiedlichen Eigenschaften von Kindern, diese Eigenschaften seien vererbt von Vater und Mutter. Man glaubt heute, daß das Gefüge der Menschenseele sich aus dem zusammensetze, was aus der physischen Umgebung stammt, geradeso wie man im 17. Jahrhundert glaubte, daß Lebewesen sich allein aus dem aus der physischen Umgebung Stammenden zusammensetzen würden. Der Geistesforscher aber muß sagen: Geistig-Seelisches kann nur aus Geistig-Seelischem stammen. — Er beobachtet das Wunderbare, wie ein Menschenkeim, der durch die Geburt ins Dasein tritt, sich entwickelt im Laufe seines Lebens von Stufe zu Stufe, und er ist sich klar darüber, daß der menschliche Wesenskern, der sich so geheimnisvoll entwickelt, nur von seinesgleichen herstammen kann. Er weiß, daß man, um zu verstehen, was sich da entwickelt, zurückgehen muß zu einem anderen Geistig-Seelischen. Wenn wir aufsteigen vom Tierischen zum Menschlichen, müssen wir unterscheiden zwischen Gattungsmäßigem und Individuellem. Wir können dem menschlichen Wesenskern nicht dasselbe zuschreiben, was wir beim Tier als Gattungsmäßiges ansprechen. Wir müssen sagen: Was beim Kinde im Laufe der Zeit sich entwickelt, das führt nicht auf ein Gattungsmäßiges zurück, sondern zu einem Individuellen, das durch die Geburt ins Dasein tritt. — Und wenn dieser Gedanke in seinen Konsequenzen verfolgt wird, so führt dieses Forschen nach dem Beginn des Seelisch-Geistigen den Geistesforscher zu dem Gedanken der Wiederverkörperung, zu dem Gedanken der wiederholten Erdenleben des Menschen. Für den, der alle Tatsachen des Lebens unbefangen betrachtet, sind die wiederholten Erdenleben eine Realität, so sehr auch das Empfinden der heutigen Menschen sich noch dagegen auflehnen möchte. Es ist ja heute nicht mehr üblich, Ketzer zu verbrennen, sondern man verlacht solche Dinge, die nach dem heutigen Bewußtsein der Menschen Ketzereien sind. Es wird aber mit dieser Wahrheit gehen wie mit anderen Wahrheiten und Gesetzen, die sich die Menschheit im Lauf ihrer Entwicklung errungen hat; nach einiger Zeit wird man nicht mehr verstehen können, wieso es Menschen gegeben hat, die nicht haben glauben können, daß Geist von Geist stamme.

[ 5 ] The spiritual researcher today finds himself in a similar situation when he turns his attention, for example, to the qualities of a human soul that enters existence through birth. Today, when observing the different qualities of children, it is easy to say that these qualities are inherited from the father and mother. Today it is believed that the structure of the human soul is composed of what originates from the physical environment, just as it was believed in the 17th century that living beings were composed solely of what originated from the physical environment. The spiritual researcher, however, must say: What is spiritual and soul-related can only originate from what is spiritual and soul-related. — He observes the marvelous way in which a human embryo, coming into being through birth, develops step by step over the course of its life, and he is fully aware that the human core of being, which develops in such a mysterious way, can only originate from its own kind. He knows that in order to understand what is developing there, one must go back to another spiritual-psychic entity. When we ascend from the animal to the human, we must distinguish between what is generic and what is individual. We cannot attribute to the human core of being the same thing that we refer to as generic in the case of animals. We must say: What develops in the child over time does not lead back to something generic, but to an individual being that enters into existence through birth. — And if this thought is pursued to its logical conclusions, this search for the origin of the soul-spiritual leads the spiritual researcher to the idea of reincarnation, to the idea of the human being’s repeated earthly lives. For those who view all the facts of life with an open mind, repeated earthly lives are a reality, no matter how much the sensibilities of people today may still rebel against it. After all, it is no longer customary today to burn heretics; instead, people ridicule such things, which are considered heresies according to the current consciousness of humanity. But this truth will fare as other truths and laws have that humanity has attained in the course of its development; after some time, people will no longer be able to understand why there were people who could not believe that spirit originates from spirit.

[ 6 ] Goethe hat hingewiesen auf dasjenige, was sein Wesenskern aus seiner Umgebung angezogen hat. Er konnte sagen:

[ 6 ] Goethe pointed out what his very essence drew from his surroundings. He was able to say:

Vom Vater hab’ ich die Statur,
Des Lebens ernstes Führen,
Von Mütterchen die Frohnatur
Und Lust zu fabulieren.

From my father I got my build,
A serious approach to life,
From my mother, her cheerful disposition
And a love of storytelling.

[ 7 ] Und dann, nachdem er auf das hingewiesen hat, was er durch die Vererbung aus seiner Umgebung angezogen hat, fragt er bescheiden:

[ 7 ] And then, after pointing out what he has absorbed from his environment through inheritance, he asks modestly:

Was ist denn an dem ganzen Wicht
Original zu nennen?

What exactly is so “original”
about all this nonsense?

[ 8 ] Wer sich, wie ich es getan habe, mit allem befaßt hat, was Goethe betrifft, der hat sich gewiß den schuldigen Respekt vor Goethes Eltern angeeignet. Aber man versuche einmal, alle ihre Eigenschaften zusammenzufügen — man wird vergeblich versuchen, das zutage zu fördern, was an dem «Wicht original zu nennen» ist. Gerade das, was wir nicht finden können in dem Erbgut von Vater und Mutter, gerade das ist der Goethe, den wir kennen und der er in unserer Kultur immer sein wird. Es ist für einen Erzieher die reizvollste Aufgabe, bei der Erziehung eines Kindes vorauszusetzen, daß ein geheimnisvoller Wesenskern des Menschen sich zum Dasein ringt, der jenseits aller Vererbungsgesetze liegt, und daß bei jedem jungen Menschenwesen dieses Rätsel aufs neue zu lösen ist. Wenn wir diese Wahrheit von den wiederholten Erdenleben gegenüber einem Kinde wirklich anwenden, wird es uns nicht mehr fernliegen, des Kindes äußere Gestalt so zu betrachten, daß sie uns erscheint wie gestaltet, geformt aus einem seelisch-geistigen Wesenskern heraus. Wir verfolgen die unbestimmten Züge dieses Menschenantlitzes in den ersten Lebenstagen des Kindes, wir sehen, daß sie immer bestimmter und bestimmter werden und nach und nach der ganze Leib des Kindes eine immer bestimmtere eigene Form zeigt. Wir können sehen, wie die Seele, die aus einem früheren Dasein herübergekommen ist, diese unbestimmten Züge zu immer bestimmteren macht. Da wird sichtbar, wie an der sich gestaltenden leiblichen Hülle der Menschenwesenheit der innere Wesenskern des Menschen arbeitet.

[ 8 ] Anyone who, as I have done, has delved into everything related to Goethe has certainly come to feel a well-deserved respect for Goethe’s parents. But try, if you will, to piece together all their characteristics—you will try in vain to bring to light what about this “little fellow” can truly be called “original.” Precisely what we cannot find in the genetic heritage of his father and mother—that is the Goethe we know and who he will always be in our culture. For an educator, the most fascinating task is to proceed in the upbringing of a child on the assumption that a mysterious core of the human being is struggling to come into being, one that lies beyond all laws of heredity, and that this mystery must be solved anew with every young human being. If we truly apply this truth of repeated earthly lives to a child, it will no longer be foreign to us to regard the child’s outward form in such a way that it appears to us as shaped and formed from a soul-spiritual core. We observe the indeterminate features of this human face in the first days of the child’s life; we see that they become increasingly defined, and little by little the child’s entire body takes on an ever more distinct form of its own. We can see how the soul, which has come over from a previous existence, transforms these indefinite features into ever more definite ones. Here it becomes evident how the inner core of the human being is at work in the physical shell of the human being as it takes shape.

[ 9 ] Wenn wir das recht ins Auge fassen, dann wird es uns nicht schwerfallen, eine aufsteigende und eine absteigende Linie des Menschenlebens zu erkennen. Wir sehen, wie unbestimmte Kräfte sich aus dem Innern an die Oberfläche arbeiten, und zu einem bestimmten Zeitpunkt sehen wir, wie alles, was im Menschen veranlagt ist, sich offenbart in den Geschicklichkeiten und Fähigkeiten, die er sich erwirbt. Dann tritt das ein, daß der Mensch eine Seite seines Wesens zu der beherrschenden macht. Wir sehen durch die Aufnahme von Lebenswissen und Lebenskenntnissen eine Art Auseinandersetzung mit seiner Umgebung auftreten und können sagen: Das ist etwas, was zu dem hinzutritt, was aus früheren Verkörperungen mitgebracht wurde. — Dann tritt im Leben eine absteigende Strömung ein, wo wir nichts mehr umwandeln können von dem, was wir äußerlich-physisch in unseren Fähigkeiten geworden sind — selbst in unser Gedächtnis können wir nichts mehr aufnehmen.

[ 9 ] If we consider this carefully, we will have no difficulty recognizing an ascending and a descending phase in human life. We see how indeterminate forces work their way from within to the surface, and at a certain point we see how everything inherent in the human being reveals itself in the skills and abilities he acquires. Then what happens is that the human being makes one aspect of his being the dominant one. Through the absorption of life wisdom and life knowledge, we see a kind of engagement with his environment emerge, and we can say: This is something that is added to what was brought along from earlier incarnations. — Then a downward current sets in during life, where we can no longer transform anything of what we have become externally and physically in our abilities—we can no longer take anything into our memory either.

[ 10 ] Wir werden diese eigentliche Arbeit des individuellen Wesenskerns am Menschenwesen nur richtig verstehen, wenn wir das ganze Menschenleben ins Auge fassen. In zwei deutlich voneinander unterscheidbare Zustände findet man ja diese Arbeit am Menschenwesen geschieden. Der Mensch wechselt zwischen zwei Bewußtseinszuständen, dem Wachleben und dem Schlafleben. Für eine Betrachtung des gesamten Lebens muß man sich fragen: Was verdanken wir dem Schlafleben, und was verdanken wir dem Wachleben? — Aus dem Schlafe muß die Seele die Kräfte schöpfen zu neuer Arbeit, und es zeigt sich, daß der Seele aus dem Schlafe stärkende Kräfte erwachsen. Dafür ein Beispiel: Menschen, die durch ihren Beruf genötigt sind, viel auswendig zu lernen, können die Erfahrung machen, daß sie nicht recht weiterkommen mit dem Memorieren, wenn sie nicht zwischen ihrer Arbeit ein gehöriges Maß von Schlaf haben. Auch die naturwissenschaftliche Betrachtung anerkennt heute die Bedeutung des Schlafes für das Wegschaffen der Ermüdung. In naturwissenschaftlichen Kreisen herrscht die Auffassung, daß der Mensch ermüdet, weil die Muskeln, die Nerven und so weiter abgenutzt sind und neue Kräfte zugeführt erhalten müssen. Man berücksichtigt dabei aber nicht, daß die Muskeln auch arbeiten können, ohne Ermüdungserscheinungen zu zeigen. Die Herzmuskeln zum Beispiel arbeiten, ohne zu ermüden. Woher kommt das?

[ 10 ] We will only truly understand this actual work of the individual core of being within the human being if we consider the whole of human life. This work within the human being is, in fact, divided into two clearly distinguishable states. The human being alternates between two states of consciousness: waking life and sleep. To consider life as a whole, we must ask ourselves: What do we owe to sleep, and what do we owe to wakefulness? — From sleep, the soul must draw the strength for new work, and it becomes evident that strengthening forces arise for the soul from sleep. Here is an example: People who, because of their profession, are required to memorize a great deal may find that they make little progress with memorization unless they get a sufficient amount of sleep between work sessions. Even scientific research today recognizes the importance of sleep in eliminating fatigue. In scientific circles, the prevailing view is that people become fatigued because their muscles, nerves, and so on are worn out and need to be replenished with new energy. However, this view fails to take into account that muscles can also work without showing signs of fatigue. The heart muscles, for example, work without becoming fatigued. Why is that?

[ 11 ] Sich diese Frage vorzulegen, ist für eine gesunde Lebensbetrachtung von ungeheurer Wichtigkeit. Bei eingehender Beobachtung zeigt sich, daß nur unter gewissen Voraussetzungen Ermüdung eintritt. Das Herz ermüdet nicht, aber die kleinsten Muskeln am Finger können so ermüden, daß krampfartige Schmerzen auftreten, wie sich das zum Beispiel beim Schreibkrampf zeigt. Wenn man über diese Dinge nachforscht, kommt man dazu zu erkennen, daß Ermüdung und unsere wache Tagestätigkeit in einem Zusammenhang stehen. Wir kommen dazu einzusehen, daß Ermüdung eintritt, wenn wir Teile unseres Körpers nicht sich selbst überlassen, sondern [willentlich] durchdringen mit der Wirksamkeit dessen, was wir an äußerer Arbeit vollbringen. Die Gesetze des Universums sind unserem Körper eingepflanzt; sie sind in ihm wirksam, und unter ihrer Wirksamkeit ermüdet der Körper nicht. Ermüdung tritt nicht ein, wenn — dem Menschen unbewußt — die Gesetze des Universums in seinem Körper arbeiten. Ermüdung tritt nur ein, wenn das menschliche Bewußtsein den Organismus mit seiner Art durchdringt.

[ 11 ] Asking oneself this question is of immense importance for a healthy outlook on life. Upon close observation, it becomes clear that fatigue sets in only under certain conditions. The heart does not tire, but the smallest muscles in the fingers can become so fatigued that cramp-like pains occur, as is evident, for example, in writer’s cramp. When one investigates these matters, one comes to realize that fatigue and our waking daily activities are interconnected. We come to understand that fatigue occurs when we do not leave parts of our body to their own devices, but [deliberately] imbue them with the energy of the external work we perform. The laws of the universe are implanted in our body; they are at work within it, and under their influence, the body does not grow weary. Fatigue does not occur when—unbeknownst to the person—the laws of the universe are at work in the body. Fatigue occurs only when human consciousness permeates the organism with its own nature.

[ 12 ] Der Naturforscher Thomson behauptet die Selbständigkeit des Seelenlebens gegenüber dem Körperleben. Er sagt, es sei das Seelenleben vom Körper so getrennt wie der Reiter von seinem Pferde. Da wird zugegeben, daß im Menschen etwas ist, was zu seiner Leiblichkeit in einer solchen Beziehung steht wie der Reiter zu seinem Pferde. Wir ermüden unsere Leiblichkeit — so sagt Thomson —, wie der Reiter sein Pferd ermüdet, weil er eben außerhalb des Pferdes ist und das Pferd benutzt. Taucht Ihnen da nicht das alte Bild auf aus einer weit zurückliegenden Zeit der Menschheitsentwicklung, in welcher die Menschen durch Naturgabe in eine geistige Welt hineinschauten? Da schauten sie den Kentauren, den mit dem Pferd verbundenen Menschen. Zwar sagt die «weise» Naturwissenschaft heute, die damaligen Menschen seien kindliche Menschen gewesen, sie hätten wilde Barbaren gesehen, die auf ihren Rossen saßen und von Norden aus dem Nebel kamen, und in dem Nebel hätte man nicht unterscheiden können, wo Mann und wo Roß war; daraus hätten diese kindlichen Menschen das Bild des Kentauren geformt. Tatsächlich ist aber der Kentaur eine Realität, die aus hellsichtiger Anschauung das Verhältnis zeigt, das sich ergibt zwischen Seele und Leib, und das so ist wie zwischen Reiter und Pferd.

[ 12 ] The naturalist Thomson asserts the independence of the life of the soul from the life of the body. He says that the life of the soul is as separate from the body as a rider is from his horse. This acknowledges that there is something within a human being that stands in the same relationship to his physicality as a rider does to his horse. We tire our physical being—so says Thomson—just as the rider tires his horse, precisely because he is outside the horse and uses it. Does this not bring to mind the ancient image from a distant era of human development, in which people, by a gift of nature, gazed into a spiritual world? There they beheld the centaurs, the beings who were half-human, half-horse. Admittedly, “wise” modern science claims today that the people of that time were childlike; they are said to have seen wild barbarians sitting on their steeds, emerging from the mist from the north, and in the mist it would have been impossible to distinguish where the man ended and the horse began; from this, these childlike people are said to have formed the image of the centaur. In fact, however, the centaur is a reality that, through clairvoyant perception, reveals the relationship that exists between soul and body—a relationship that is just like that between rider and horse.

[ 13 ] So zwingt uns die Tatsache der Ermüdung dazu, eine gewisse Selbständigkeit der Seele gegenüber dem Leibe anzuerkennen. Daß der Ablauf bestimmter Vorgänge in der menschlichen Leiblichkeit keine Ermüdung zur Folge hat, rührt davon her, daß eine universale Gesetzmäßigkeit wirksam ist, der Mensch aber mit seinem Bewußtsein nicht dabei ist. Der Mensch ermüdet, weil er mit seinem Bewußtsein in den Vorgängen seiner Leiblichkeit darinnen ist. Im Schlafzustande aber ist der Mensch mit seiner Leiblichkeit der universalen Gesetzmäßigkeit hingegeben. Der Mensch braucht dieses Untertauchen in ein anderes Element, wie es jede Nacht im Schlafe geschieht, und wir werden dem Schlafe die richtige Wirksamkeit zuschreiben, wenn wir den Wesenskern des Menschen verfolgen, wie er in der Welt lebt, in die er eintritt beim Einschlafen.

[ 13 ] Thus, the fact of fatigue compels us to acknowledge a certain independence of the soul from the body. The reason certain processes in the human body do not result in fatigue is that a universal law is at work, but human consciousness is not involved in it. A person becomes fatigued because their consciousness is involved in the processes of their physical being. In the state of sleep, however, human beings, along with their physicality, are surrendered to this universal law. Human beings need this immersion into another element, as occurs every night during sleep, and we will attribute the proper significance to sleep when we trace the essential core of the human being as it lives in the world into which it enters upon falling asleep.

[ 14 ] Da muß ich von Erfahrungen des Geistesforschers sprechen. Geistesforschung heißt nicht, daß man auf jeder beliebigen Stufe Erkenntnisse über die Geheimnisse des Weltendaseins erlangen kann, sondern daß wir schlummernde, keimhaft vorhandene Erkenntniskräfte in uns wecken. Wenn diese schlummernden Erkenntniskräfte erwachen, dann geben sie uns Augen und Ohren des Geistes, so daß wir uns dadurch in einer Lage befinden wie ein Blindgeborener, der durch eine Operation sehend wird. Wieviele Welten um uns sind, können wir nur erkennen, wenn wir die Organe haben, um sie wahrzunehmen. Wir können die Welt des Lichtes und der Farbe nur erleben, wenn wir Augen haben, sie zu sehen, und die Welt der Töne, wenn wir Ohren haben, sie zu hören. Der Geistesforscher wird dadurch zum Geistesforscher, daß er die in ihm schlummernden Erkenntniskräfte erweckt, daß er geistige Augen und Ohren öffnet. Er führt ein gewisses Trainieren der Seele, das heißt gewisse Übungen durch, durch welche der Seele Organe erwachsen, mit denen sie neue Welten schauen und erleben kann. Wenn der Mensch in dieser Weise zum Geistesforscher wird, dann ist die Wahrnehmung der geistigen Welt nicht Spekulation, sondern Wirklichkeit.

[ 14 ] Here I must speak of the experiences of the spiritual researcher. Spiritual research does not mean that one can gain insights into the mysteries of world existence at just any level, but rather that we awaken dormant, latent powers of insight within ourselves. When these dormant powers of cognition awaken, they give us the eyes and ears of the spirit, so that we find ourselves in a situation like that of a person born blind who regains sight through an operation. We can only recognize how many worlds surround us if we have the faculties to perceive them. We can experience the world of light and color only if we have eyes to see it, and the world of sounds only if we have ears to hear it. The spiritual researcher becomes a spiritual researcher by awakening the dormant powers of cognition within himself, by opening his spiritual eyes and ears. He engages in a certain training of the soul—that is, certain exercises—through which the soul develops faculties with which it can see and experience new worlds. When a person becomes a spiritual researcher in this way, the perception of the spiritual world is not speculation, but reality.

[ 15 ] Wenn der Mensch beginnt, in diese geistigen Welten hineinzuschauen, macht er neue Erfahrungen, und eine solche Erfahrung möchte ich hervorheben, die Licht werfen kann auf das Wesen des Schlafens und des Wachens. Dem Geistesforscher obliegt es nämlich, gewisse Aufgaben des gewöhnlichen Lebens zu erforschen und sie dann mit dem Licht des Geistes zu durchleuchten. Da denkt man zum Beispiel über eine bestimmte Aufgabe des Lebens nach und kann sie nicht lösen; das Werkzeug des Denkens erweist sich als stumpf. Da fühlt sich der Geistesforscher wirklich getrennt als Denk- und Erkenntniswesen von seiner Leiblichkeit. Er empfindet seine Leiblichkeit so, wie man einen Hammer oder ein anderes Werkzeug oder Instrument außerhalb seines Wesens fühlt. Wie man einen Hammer als zu schwer empfinden kann, so kann man das Versagen der einzelnen Partien des Gehirns empfinden: Man fühlt, wie man nicht eingreifen kann in das Gehirn.

[ 15 ] When a person begins to look into these spiritual worlds, they have new experiences, and I would like to highlight one such experience that can shed light on the nature of sleeping and waking. For it is the task of the spiritual researcher to investigate certain aspects of ordinary life and then examine them in the light of the spirit. For example, one might reflect on a particular challenge in life and be unable to resolve it; the tool of thought proves to be blunt. Then the spiritual researcher truly feels separated from his physical body as a being of thought and knowledge. He perceives his physical body in the same way one perceives a hammer or some other tool or instrument as something external to one’s being. Just as one might perceive a hammer as too heavy, so one can perceive the failure of individual parts of the brain: one feels that one cannot intervene in the brain.

[ 16 ] Die Trennung von Leib und Geist kann der Geistesforscher ja in jeder seiner Verrichtungen fühlen. Wenn der Geistesforscher aber aus dem Schlafzustande aufwacht nach einem vielleicht sehr kurzen Schlaf, den er durch seinen entwickelten Willen willkürlich herbeiführen kann, da ist es, als ob er aufwachte aus einer ganz bestimmten Welt heraus, in der er etwas getan hat, so daß beim Aufwachen Tätigkeiten nachklingen, die er unmittelbar vor seinem Aufwachen verrichtet hat, und das hat eine ganz bestimmte Konfiguration. Das Aufwachen verläuft so, daß die Tätigkeiten, die er verrichtet hat vor dem Aufwachen, von ihm gemalt werden könnten in ganz bestimmten Figuren und Farben. Aber es ist ein Unterschied zwischen dieser geistigen Tätigkeit und den gewöhnlichen Tagestätigkeiten. Die gewöhnlichen Tagestätigkeiten verlaufen so, daß man sie vorher durchdenkt, also man arbeitet wie nach einem Gedankenmodell und ist gebunden an die Linienführung einer Vorlage.

[ 16 ] The spiritual researcher can indeed feel the separation of body and spirit in every one of his activities. But when the spiritual researcher awakens from a state of sleep—perhaps after a very brief sleep that he can bring about at will through his developed will—it is as if he were awakening from a very specific world in which he had been doing something, so that upon awakening, the activities he performed immediately before waking continue to resonate, and this has a very specific configuration. The process of waking up is such that the activities he performed before waking could be depicted by him in very specific shapes and colors. But there is a difference between this spiritual activity and ordinary daily activities. Ordinary daily activities proceed in such a way that one thinks them through beforehand; that is, one works according to a mental model and is bound by the lines of a template.

[ 17 ] Die [geistige] Tätigkeit hingegen, [die der Mensch im Schlafzustande verrichtet], verläuft so, als ob wir aus unserem Geiste heraus einer Linienführung folgen würden, die sich aus der inneren Gesetzmäßigkeit unserer eigenen Seele ergibt. Der Geistesforscher fühlt dies während des Schlafes als ein Eingreifen seiner [SeelenJtätigkeit in seine physische Leiblichkeit, in sein Gehirn. Und er fühlt diese Tätigkeit, der er sich im Schlaf hingegeben hat, wie wärmend einfließen in seine Leiblichkeit, so daß diese Leiblichkeit gewachsen ist den Erfordernissen des Tages. Er macht die Erfahrung: Du hast dein Instrument abgenutzt, und diese Tätigkeit ist ein Wiederherrichten des Instrumentes für die Tagesarbeit des physischen Leibes. — Wie ein Architekt arbeiten wir im Schlafe an unserer eigenen Leiblichkeit, und der Geistesforscher tut dies bewußt. Fortwährend wird die Leiblichkeit während des Tages abgenutzt, und wir bringen aus einer anderen Welt heraus die Kräfte mit, die wir brauchen, um aufbauend zu wirken auf unsere Leiblichkeit. Wir tun es unbewußt während des Schlafzustandes. Wenn wir das, was wir da im unbewußten Schlafzustande tun, uns bewußt vor unsere Seele stellen, dann wird uns glaubhaft erscheinen, daß wir während des Schlafes mit unserer Seele in einer anderen als der physischen Welt weilen. Vom Einschlafen bis zum Aufwachen taucht die Seele wirklich unter in eine geistige Welt, und das ist die Welt, aus der der Mensch herstammt. Jede Nacht müssen wir in dieses Meer von Geistigkeit eintauchen, um uns die Kräfte herauszuholen, herauszutrinken, die wir brauchen für unsere Leiblichkeit und die einzig und allein uns das Fortleben zwischen Geburt und Tod möglich machen.

[ 17 ] The [spiritual] activity, on the other hand, [which a person performs while asleep], proceeds as if we were following, from within our spirit, a path that arises from the inner laws of our own soul. The spiritual researcher perceives this during sleep as an intervention of his [soul’s activity] into his physical body, into his brain. And he feels this activity, to which he has surrendered himself in sleep, flowing warmly into his physical body, so that this physical body is strengthened to meet the demands of the day. He experiences: You have worn out your instrument, and this activity is a restoration of the instrument for the physical body’s daily work. — Like an architect, we work on our own physical body during sleep, and the spiritual researcher does this consciously. The physical body is constantly worn down during the day, and we bring with us from another world the forces we need to have a restorative effect on our physical body. We do this unconsciously during sleep. If we consciously bring before our soul what we do there in the unconscious state of sleep, it will seem plausible to us that during sleep our soul dwells in a world other than the physical one. From the moment we fall asleep until we wake up, the soul truly immerses itself in a spiritual world, and that is the world from which human beings originate. Every night we must plunge into this sea of spirituality to draw out—to drink in—the forces we need for our physical being, forces that alone make our continued existence between birth and death possible.

[ 18 ] So verläuft unser Leben, indem wir immer wieder appellieren an unser geistiges Dasein, und wir sehen diesen geistigen Wesenskern des Menschen wie in einer kleinen Wiederverkörperung jeden Tag aus der geistigen Welt von neuem auftauchen. Wir finden nur einen Unterschied zwischen der Wiederverkörperung und dem Aufwachen: Wenn wir des Morgens aufwachen, treffen wir immer dieselbe Leiblichkeit an, die wir uns seit unserer Geburt aufgebaut haben. Wenn wir uns aber zu einem neuen Leben wiederverkörpern, müssen wir uns unsere Leiblichkeit erst neu aufbauen.

[ 18 ] This is how our life unfolds: we continually appeal to our spiritual existence, and we see this spiritual core of the human being emerge anew each day from the spiritual world, as if in a small reincarnation. We find only one difference between reincarnation and waking up: When we wake up in the morning, we always encounter the same physical body that we have built up since our birth. But when we reincarnate into a new life, we must first build up our physical body anew.

[ 19 ] Wenn wir den Verlauf des Lebens betrachten, so sehen wir vieles, mannigfaltiges an uns herantreten, was wir mit der Seele aufnehmen können, was wir aber nicht in das Leibesleben umsetzen können. Wir entwickeln uns dadurch, daß wir immer wieder neue Kräfte aus dem Schlaf herausholen, aber das Einverleiben dieser Kräfte in die Leiblichkeit findet eine gewisse Grenze. Musikalische Eindrücke zum Beispiel kann die Seele nur dann empfangen, wenn ein musikalisches Ohr da ist. Es findet das Seelische an dem Leiblichen eine Grenze. Vieles, was in unserer Seele ist, was sie verarbeiten will, kann sie nicht der äußeren Körperlichkeit einverleiben. Dadurch entsteht eine gewisse Disharmonie, die mehr ist als die gewöhnliche Ermüdung, die uns in den Schlaf zwingt. Dieses allmähliche Nicht-mehr-Passen des Leibes zu dem, was unser Seelisches ist, tritt immer mehr ein, je mehr der Mensch ein reicheres Seelenleben entwickelt. Es wird das Seelenleben immer unangepaßter dem Leben der äußeren Leiblichkeit. Und da müssen wir uns nun fragen: Woher haben wir denn diese Leiblichkeit? — Wenn wir diesen Leib aus der Unbestimmtheit in Physiognomie und Gesten sich herausentwickeln sehen zu bestimmter Form, da sehen wir den Leib, den wir in einem bestimmten Leben haben, als ein Ergebnis früherer Leben an. Wir benutzen diesen Leib als Instrument. Wir bereichern im Laufe unseres Lebens unsere Seele, und wir finden, wie das, was wir uns in diesem Leben angeeignet haben, Grenzen findet an unserer Leiblichkeit, und das zersprengt auch endlich diesen Leib.

[ 19 ] When we consider the course of life, we see many and varied things coming toward us that we can take in with our soul, but which we cannot translate into our physical life. We develop by repeatedly drawing new forces from sleep, but there is a certain limit to the incorporation of these forces into our physical being. Musical impressions, for example, can only be received by the soul if there is a musical ear. The soul encounters a limit in the physical. Much of what is in our soul—what it seeks to process—cannot be incorporated into our external physicality. This gives rise to a certain disharmony that goes beyond the ordinary fatigue that compels us to sleep. This gradual mismatch between the body and our soul life becomes increasingly pronounced the more a person develops a richer soul life. The life of the soul becomes increasingly out of step with the life of the outer physical body. And here we must ask ourselves: Where do we get this physicality from? — When we see this body developing from indeterminacy in physiognomy and gestures into a definite form, we regard the body we have in a particular life as the result of earlier lives. We use this body as an instrument. In the course of our lives, we enrich our soul, and we find that what we have acquired in this life encounters limits in our physicality, and this ultimately shatters this body as well.

[ 20 ] Da haben wir die absteigende Linie des Lebens. Dankbar müßten wir sein, daß wir wieder von diesem Leib getrennt werden, daß wir dem Tod entgegengehen, daß wir eine Seele haben mit reich entwickeltem Inhalt, die die Leiblichkeit sprengt, bis hin zum Tode. Wer tiefer in diese Dinge hineinsieht, wird verstehen, daß eine reich entwickelte Seele die Leiblichkeit sprengen muß und daß wir uns nicht wundern dürfen, daß im Alter gerade bei seelisch reich entwickelten Menschen das Gehirn nicht mehr dem Seelenleben dienen kann. So ist Kant zum Beispiel im Alter schwachsinnig geworden, trotz seines reichen Geistes. Das äußere Werkzeug des Leibes taugt der Seele nicht mehr; sie zieht sich zurück mit dem Inhalt, den sie in diesem Leben gewonnen hat, und sie zerbricht endlich den Leib. Was wir Tod nennen, ist beim Menschen etwas anderes als beim Tier. Die immer reicher werdende Seele des Menschen zerbricht die Leiblichkeit und geht durch den Tod hindurch. Dann baut sich diese Seele nach den Fähigkeiten und Inhalten, die sie im Leben erworben hat, den Leib für eine neue Inkarnation selber auf.

[ 20 ] Here we have the descending line of life. We should be grateful that we are once again separated from this body, that we are moving toward death, that we have a soul with a richly developed inner life that transcends the physical body, right up to the point of death. Anyone who looks more deeply into these matters will understand that a richly developed soul must transcend physicality, and that we should not be surprised that in old age—especially in people with a richly developed soul—the brain can no longer serve the life of the soul. Kant, for example, became mentally impaired in his old age, despite his rich intellect. The body’s external instrument is no longer fit for the soul; it withdraws with the content it has gained in this life, and it finally breaks free from the body. What we call death is different in humans than in animals. The ever-enriching human soul breaks free from physicality and passes through death. Then, based on the abilities and content it has acquired in life, this soul builds its own body for a new incarnation.

[ 21 ] Nun könnte man sagen, wir erinnern uns ja nicht an unser früheres Leben. Dieser Einwand würde dieselbe Berechtigung haben, wie wenn jemand sagen wollte: Ein vierjähriges Kind kann nicht rechnen, also kann überhaupt kein Mensch rechnen. — Wir wollen versuchen, durch die folgende Betrachtung zu sehen, daß es die Möglichkeit gibt, die Rückerinnerungsfähigkeit an frühere Erdenleben zu erwerben. Um uns das klarzumachen, muß ich erwähnen, daß es ja auch für das gewöhnliche Menschenleben eine Zeit gibt, an die der Mensch sich nicht erinnern kann. Das sind die ersten Kindheitsjahre — an die erinnert sich der Mensch nicht, obwohl er zu dieser Zeit schon da war. Der Zeitpunkt, bis zu dem die Erinnerung zurückreicht, hängt mit einem anderen Zeitpunkt zusammen. Sie wissen ja, daß der Mensch in der allerersten Zeit seines Lebens kein Ich-Bewußtsein hat. Zu einem bestimmten Zeitpunkt tritt das Ich-Bewußtsein beim Kinde ein, und mit diesem fällt der Beginn der Rückerinnerung zusammen. Was vor diesem Zeitpunkt liegt, wird nicht erinnert. Woher kommt das? Da zeigt die Geistesforschung, daß der Mensch in seinem normalen Geistesleben heute durch Ausbildung dieses IchBewußtseins, durch das der Mensch sich das Höchste dieses Lebens erringt, etwas wie eine Grenze um sich herum aufrichtet. Die Erinnerung des Menschen reicht bis zu dem Punkt zurück, wo das Ich-Bewußtsein auftritt. Da ist die Grenze, an dieser Grenze stellt sich das Ich-Bewußtsein hin und entzieht der Beobachtung das, was davor geschehen ist.

[ 21 ] Now one might say that we do not, in fact, remember our past lives. This objection would be just as valid as if someone were to say: A four-year-old child cannot do arithmetic, so no human being can do arithmetic at all. — Let us try, through the following consideration, to see that it is possible to acquire the ability to recall past earthly lives. To make this clear, I must mention that even in ordinary human life there is a period that a person cannot remember. These are the early years of childhood—a person does not remember them, even though they were already there at that time. The point in time as far back as memory extends is connected to another point in time. As you know, in the very earliest stage of life, a person has no sense of self. At a certain point, self-consciousness emerges in the child, and this coincides with the beginning of recollection. What lies before this point is not remembered. Why is that? Here, spiritual research shows that in their normal spiritual life today, people erect a kind of boundary around themselves through the development of this self-consciousness, through which they attain the highest aspect of this life. Human memory extends back only to the point where ego-consciousness emerges. That is the boundary; at this boundary, ego-consciousness takes its place and shields from observation whatever happened before it.

[ 22 ] Wir können lernen, hinter diese Grenze zu sehen, wenn wir die Übungen, die der Geistesschüler machen muß, um in die geistige Welt hineinzuschauen, auf unsere Seele anwenden. Da kommt ein Augenblick, wo es dem Menschen gelingt, dieses Ich eine Stufe über sich selbst hinauszuführen. Das ist der Moment, wo man dazu kommt, das gewöhnliche Ich-Bewußtsein, das die Grenze bildet für die Erinnerung, auszuschalten. Dann gelangt der Mensch in die geistige Welt hinein. Er muß nur lernen, das gewöhnliche Ich-Bewußtsein auszuschalten. Das Ich-Bewußtsein wird bewirkt durch das Anstoßen an die Leiblichkeit. Wenn der Mensch das überwindet, so wie es sonst im Schlaf überwunden wird, und wenn er lernt, bewußt in die Welt einzutreten, in der er unbewußt im Schlafe weilt, da beginnt die Möglichkeit, zurückzuschauen in frühere Leben.

[ 22 ] We can learn to see beyond this boundary if we apply to our own souls the exercises that a student of spirituality must perform in order to glimpse into the spiritual world. There comes a moment when a person succeeds in raising this “I” one step beyond themselves. This is the moment when one is able to set aside the ordinary “I”-consciousness, which forms the boundary for memory. Then the person enters the spiritual world. They need only learn to set aside the ordinary “I”-consciousness. “I-consciousness” arises from contact with the physical body. When a person overcomes this—just as it is otherwise overcome during sleep—and when they learn to consciously enter the world in which they unconsciously dwell during sleep, then the possibility of looking back into past lives begins.

[ 23 ] Das kann nur dadurch erreicht werden, daß der Mensch bewußt nach dieser anderen Seite des Lebens den Blick richtet, nach der Seite, die hinter der Pforte des Todes liegt. Wir müssen mit der Wurzel ausrotten aus der Seele Furcht und Grauen vor dem, was aus der Zukunft herandringt an den Menschen. Wie bangt und ängstigt sich der Mensch heute vor allem, was in der Zukunft liegt und besonders vor der Todesstunde. Gelassenheit in bezug auf alle Gefühle und Empfindungen gegenüber der Zukunft muß sich der Mensch aneignen, mit absolutem Gleichmut entgegensehen allem, was da kommen mag, und nur denken, daß uns das, was auch kommen mag, durch die weisheitsvolle Weltenführung zukommt. Dies muß wieder und wieder vor die Seele gestellt werden. Das führt uns dazu, die rückschauenden Kräfte für vergangene Erdenleben wie ein Geschenk zu empfangen.

[ 23 ] This can only be achieved by consciously turning one’s gaze toward this other side of life—the side that lies beyond the gate of death. We must uproot from the soul the fear and dread of what the future holds in store for humanity. How much does humanity today tremble and fear everything that lies in the future—and especially the hour of death? Humanity must cultivate serenity regarding all feelings and sensations toward the future, face whatever may come with absolute equanimity, and simply think that whatever may come is bestowed upon us through the wise guidance of the universe. This must be brought before the soul again and again. This leads us to receive the powers of retrospect for past earthly lives as a gift.

[ 24 ] So können wir unsere Seele ausbilden bis zur Erlangung des Bewußtseins, daß vergangene Erdenleben nicht Hypothesen und Träume sind, sondern daß sie als Tatsache vor der Seele stehen, als etwas, das zu beobachten die Seele lernen kann. Unsere Zeitgenossen wollen zwar nicht zugeben, daß es die Möglichkeit gibt, schlummernde Kräfte in der Seele zu erwecken, so daß neue Welten, die bis dahin verborgen waren im unendlichen Schoß des Daseins, hinzukommen können zu dem, was die Seele erleben kann. Aber wir stehen vor dem Zeitpunkt, wo Menschen nach und nach immer mehr ein Verhältnis zu dem gewinnen werden, was aus dem dunklen Schoße der Vergangenheit und der Zukunft erforscht werden kann. Wir gehen einer Zukunft entgegen, wo immer mehr Menschen den Drang haben werden zu wissen, zu erkennen, wie es um die Menschenseele und ihr Schicksal steht. So eröffnet sich uns der Blick auf eine Erweiterung der Erkenntnisfähigkeit, die ein Bündnis mit der geistigen Welt eingeht.

[ 24 ] In this way, we can train our soul until we attain the awareness that past earthly lives are not hypotheses or dreams, but rather stand before the soul as facts—as something the soul can learn to observe. Our contemporaries, however, are unwilling to admit that it is possible to awaken dormant powers within the soul, so that new worlds—which until then had been hidden in the infinite bosom of existence—may be added to what the soul can experience. But we are approaching the point where people will gradually develop an ever-deeper connection to what can be explored from the dark depths of the past and the future. We are moving toward a future in which more and more people will feel the urge to know and understand the nature of the human soul and its destiny. Thus, a vision opens up before us of an expansion of our capacity for knowledge that enters into a covenant with the spiritual world.

[ 25 ] Alle höhere Erkenntnis, sagt Goethe, ist Erweiterung der gewöhnlichen Erkenntnis. Solche erweiterte, solche höhere Erkenntnis ist nicht abstraktes Nachdenken über die Dinge. Eine solche höhere Erkenntnis ist ein Verbinden dessen, was das Wesen unserer Seele ist, mit dem Geistig-Seelischen um uns. Plato führt als Beweis für die Unsterblichkeit der Seele die Möglichkeit der Verbindung der Menschenseele mit dem Ewigen an, mit dem, was außerhalb von Raum und Zeit als ein Ewiges ist, während die Dinge in Raum und Zeit entstehen und vergehen. Wenn solche höhere Erkenntnis ernst genommen wird, widerspricht sie allem, was sonst als Ermüdung auftritt. Ermüdung tritt auf bei der Erkenntnis, die die Dinge um uns herum zu erforschen bestrebt ist. Wenn der Mensch aber das in seiner Seele wirken läßt, was er an Erkenntnis über die Dinge gewonnen hat, wenn er Augenblicke des Lebens hat, wo das, was er durch die Augen gewonnen hat, zu Ideen wird und er diese Ideen in sich arbeiten lassen kann, wenn er das hehre Reich der Töne in Ideen umsetzen und weiterklingen lassen kann in seiner Seele, dann lernt der Mensch, wachend in einem Zustand zu sein, der sich vergleichen läßt mit dem Schlafzustande. Erkenntnis ist uns da gegeben in demselben Maße, wie sich das Bewußtsein unseres gewöhnlichen Ichs auszulöschen beginnt. Die Willkür dieses gewöhnlichen Ich-Bewußtseins zerschellt, der Mensch erlebt die wahre Erkenntnis, indem er fühlt, daß er sich mit seinem wahren Ich der Gesetzmäßigkeit der geistigen Welt einfügen muß.

[ 25 ] All higher knowledge, says Goethe, is an expansion of ordinary knowledge. Such expanded, such higher knowledge is not abstract reflection on things. Such higher knowledge is a connection between the essence of our soul and the spiritual-soul aspects around us. Plato cites as proof of the immortality of the soul the possibility of the human soul’s connection with the Eternal—with that which exists outside of space and time as an Eternal—while things within space and time come into being and pass away. If such higher knowledge is taken seriously, it contradicts everything that otherwise manifests as fatigue. Fatigue arises from the kind of knowledge that strives to investigate the things around us. But when a person allows the knowledge he has gained about things to take effect within his soul—when he has moments in life where what he has perceived through his eyes becomes ideas and he can let these ideas work within him—when he can transform the sublime realm of sounds into ideas and let them continue to resonate within his soul— then the human being learns to be awake in a state comparable to the state of sleep. Knowledge is given to us there to the same extent that the consciousness of our ordinary “I” begins to fade away. The arbitrariness of this ordinary ego-consciousness shatters, and the human being experiences true insight by sensing that, with his true self, he must submit to the laws of the spiritual world.

[ 26 ] Während der Mensch in der äußeren Welt beschränkt ist auf einen kleinen Raum durch seine Leiblichkeit, die er immer wieder ermüdet durch die Arbeit des Tages, und er diese Abnutzung der Leiblichkeit immer wieder ausgleichen muß durch den Schlafzustand, fühlt er, wenn die Seele so recht «bei sich selber» ist, daß er auch wachend Kräfte aus der geistigen Welt herausholen kann. Er bekommt das Gefühl, daß sich der Seele ein Quell eröffnet, wodurch uns gesundende Tränke zufließen aus der geistigen Welt, so daß er Herr werden kann über die Leiblichkeit. Er fühlt, daß wir bewußt eintreten können in die geistige Welt, wie wir es unbewußt jede Nacht im Schlafe tun. Er fühlt, daß wir dann bewußt in das Reich der Ewigkeit hineingehen können, wenn unsere Erkenntnis Leben wird. Da wird sie etwas völlig Neues, etwas, was sie für das gewöhnliche Bewußtsein des heutigen Menschen nicht sein kann. Plato hat gesagt, daß in alter Zeit die Menschen aus der Begeisterung heraus die höchste Erkenntnis entwickelt haben. Mag diese Fähigkeit der Begeisterung dem heutigen Menschen verloren gegangen sein; nicht verloren gegangen ist ihm, daß die Erkenntnis der Welt der Ideen in ihm Lebenskraft werden kann, daß er fühlen kann, wie er sich verbindet mit der Wurzel des Daseins und der Ewigkeit, indem er mit seinem geistigen Ich erkennend in die Dinge eindringt.

[ 26 ] While human beings are limited in the outer world to a small space by their physicality—which they repeatedly exhaust through the work of the day—and must constantly compensate for this physical wear and tear through sleep, they feel, when the soul is truly “at one with itself,” that they can draw strength from the spiritual world even while awake. They get the feeling that a spring opens up for the soul, through which healing elixirs flow to us from the spiritual world, so that they can master their physical nature. They feel that we can consciously enter the spiritual world, just as we do unconsciously every night in sleep. They feel that we can then consciously enter the realm of eternity when our knowledge becomes life. There it becomes something entirely new, something that cannot be for the ordinary consciousness of modern man. Plato said that in ancient times, people developed the highest knowledge out of enthusiasm. This capacity for enthusiasm may have been lost to modern man; what has not been lost to him, however, is the fact that knowledge of the world of ideas can become a life force within him, that he can feel how he connects with the root of existence and eternity by penetrating into things with his spiritual self in an act of cognition.

[ 27 ] So lernen wir Erkenntnis als ein Lebendiges kennen, als ein bis in die Leiblichkeit hinein Gesundendes. Wir brauchen lange, bis wir diese Erkenntnis, das heißt diesen Quell des Lebendigen in unserer Seele kennenlernen. Und wir lernen auch kennen den Zusammenhang mit einem ganz anderen Faktor unserer Kultur. Unsere ganze Erkenntnis muß einlaufen in das, was wir nennen können Durchdrungensein mit dem lebendigen Christus. Was ist dieser lebendige Christus in der Seele des Menschen? Nichts anderes als das, was wir erleben können, wenn Erkenntnis und Wahrheit in uns selbst lebendig werden, wie es eben auseinandergesetzt worden ist, wenn wir unsere Persönlichkeit wie von einer zweiten Persönlichkeit erfüllt fühlen können — von etwas, was die Wahrheit selber ist. Das ist der lebendige Christus, der in der Menschenseele Wahrheit und Leben ist. Wenn man den Christus so erfaßt, ist er nicht eine abstrakte Idee, sondern er ist die lebendige Wesenheit, die an einem bestimmten Zeitpunkt in die Menschheitsentwicklung eingegriffen hat, eine Wesenheit, die das Mysterium von Golgatha vollzogen hat und dadurch eingetreten ist in das Leben der Menschenseelen.

[ 27 ] In this way, we come to know insight as something living, as something that heals right down to the physical level. It takes us a long time to come to know this insight—that is, this source of life within our soul. And we also come to understand its connection to a completely different aspect of our culture. All our knowledge must flow into what we might call being permeated by the living Christ. What is this living Christ in the human soul? Nothing other than what we can experience when knowledge and truth come alive within us—as has just been explained—when we feel our personality filled, as it were, by a second personality—by something that is truth itself. This is the living Christ, who is truth and life in the human soul. When one grasps Christ in this way, he is not an abstract idea, but rather the living being who intervened at a specific moment in human development—a being who accomplished the Mystery of Golgotha and thereby entered into the life of human souls.

[ 28 ] In der Vergangenheit der Menschheitsentwicklung war das Erkennen der Menschen anders als nach dem Mysterium von Golgatha. In alten Zeiten sahen die Menschen hin auf den Menschenursprung, und sie empfanden: Nicht als sinnliches Wesen ist der Mensch wertvoll für die Menschheitsentwicklung; als geistige Wesen sind wir herabgestiegen aus einer geistigen Welt in diese sinnliche Welt, um in einem physischen Leib zu leben, nachdem wir vorher in einem Meer göttlich-geistigen Lebens waren; durch unsere Seele können wir wiederum zurückfinden zu diesem gemeinsamen Menschheitsursprung.

[ 28 ] In the past, humanity’s understanding of human beings differed from that which followed the Mystery of Golgotha. In ancient times, people looked back to the origin of humanity, and they sensed: It is not as sensory beings that human beings are valuable for the development of humanity; as spiritual beings, we have descended from a spiritual world into this sensory world to live in a physical body, having previously been in a sea of divine-spiritual life; through our soul, we can find our way back to this common origin of humanity.

[ 29 ] Unserer Zeit ist das nicht mehr angemessen; unserer Zeit entspricht etwas anderes. In alten Zeiten suchte die Menschenseele den Menschenursprung, um sich bewußt zu werden, was die Menschen einte. Heute blicken wir hin auf das, was der Mensch werden kann, auf ein gemeinsames Ziel für alle Menschen. Auf dieses Ziel hinschauend müssen sich die Menschen sagen können: Das geht einen jeden Menschen an; bei jedem Menschen muß etwas lebendig werden in seinem tiefsten Innern — das ist der lebendige Christus. In ihm werden sich in der Zukunft die Menschenseelen zusammenfinden. Die Erde, der Erdenkörper — er wird zersplittern mit seinem materiellen Dasein. Die Menschenseelen aber, die den lebendigen Christus in sich haben, werden zu anderen Daseinsstufen aufrücken. Wenn der Leib des ganzen Erdenplaneten zerfallen wird, dann wird die ganze Menschheit wiederum eins sein, aber nicht so, wie sie war, bevor sie herabkam auf den Erdenplaneten, sondern sie wird eins sein, indem der Christus wie ein gemeinsames Seelenblut in dieser Menschheit leben wird.

[ 29 ] This is no longer appropriate for our time; our time calls for something else. In ancient times, the human soul sought the origin of humanity in order to become aware of what united people. Today, we look toward what a human being can become—a common goal for all people. Looking toward this goal, people must be able to say to themselves: This concerns every human being; something must come alive within each person in their innermost being—that is the living Christ. In him, human souls will come together in the future. The Earth, the Earth’s physical body—it will disintegrate along with its material existence. But the human souls who have the living Christ within them will ascend to other levels of existence. When the body of the entire Earth will have disintegrated, then all of humanity will once again be one—but not as it was before it descended to the Earth; rather, it will be one because the Christ will live within this humanity like a common soul-blood.

[ 30 ] Alle unsere Erkenntnis muß gewidmet sein dem großen Zeitpunkt in der Menschheitsentwicklung, wo der Blick der Menschenseele fallen kann auf den Gottmenschen, der das Mysterium von Golgatha vollbracht hat. Auf die Verchristung eines jeden Menschen sehen wir hin, wenn wir in die Menschheitszukunft schauen. Das hat einen ganz anderen Sinn, eine ganz andere Bedeutung, als wenn in der buddhistischen Lehre gesprochen wird von einem Nirwana und damit gemeint wird eine Loslösung der Seele von allem Irdischen. Nein, nicht loslösen soll sich die Seele vom Irdischen. Wir sehen hin auf den lebendigen Christus, der unsere Seelen erfassen kann mit seinem Leben, und darauf, wie die Seele durch das Leben des Christus in ihr, durch das Eintauchen in den Quell der Weisheit und der Wahrheit in immer neuen Inkarnationen immer reicher sich gestalten kann.

[ 30 ] All our understanding must be devoted to that great moment in human development when the gaze of the human soul can turn to the God-man who accomplished the Mystery of Golgotha. When we look to the future of humanity, we look toward the Christianization of every human being. This has a completely different meaning and significance than when Buddhist teachings speak of Nirvana, by which they mean the soul’s detachment from all earthly things. No, the soul is not to detach itself from the earthly. We look to the living Christ, who can embrace our souls with his life, and to how the soul, through the life of Christ within it and through immersion in the source of wisdom and truth, can develop ever more richly in ever-new incarnations.

[ 31 ] So sehen wir, daß Geisteswissenschaft nicht im Gegensatz steht zu demjenigen, ohne das unsere Kultur nicht gedacht werden kann — zu dem Christentum. Sie will das Christentum nicht bekämpfen, sondern vertiefen, indem sie hinweist auf den lebendigen Christus. Wir schauen hin als abendländische Menschen auf das Ereignis von Golgatha als auf den Zeitpunkt, der auch aus der Geschichte heraus bekannt ist, der aber seinen tiefen Wert, seine tiefe Bedeutung für uns erst dadurch erhält, daß wir die Christus-Idee nicht nur an dem historischen Christus gewinnen, sondern diese Christus-Idee durch die Geisteswissenschaft vertiefen. Erst dann, wenn wir unsere Erkenntnis durchseelen, durchleuchten, durchgeistigen mit der Christus-Idee, wird uns diese ChristusIdee zu dem, wodurch sich uns immer sicherer die wahre Unsterblichkeitsidee eröffnet. Und wenn so der Christus in uns Erkenntnislicht, Erkenntnisleben geworden ist, dann verbinden wir uns mit der Kraft, durch die wir hindurchgehen durch viele Tode und durch viele Leben. Erkenntnis des Christus ist der Weg des Menschen, um in sich aufzunehmen die Kräfte, die ihn zur wahren Unsterblichkeit, das heißt zum Sieg über den Tod führen.

[ 31 ] Thus we see that spiritual science is not in opposition to that without which our culture cannot be conceived—Christianity. It does not seek to combat Christianity, but rather to deepen it by pointing to the living Christ. As Westerners, we look upon the event of Golgotha as the moment that is also known from history, but which only acquires its profound value and deep significance for us when we not only derive the Christ-idea from the historical Christ, but also deepen this Christ-idea through spiritual science. Only when we imbue our knowledge with the Christ-idea—illuminating and spiritualizing it—does this Christ-idea become the means through which the true idea of immortality opens up to us with ever greater certainty. And when Christ has thus become a light of knowledge and a life of knowledge within us, then we connect with the power through which we pass through many deaths and many lives. Knowledge of Christ is the path for human beings to take within themselves the powers that lead them to true immortality—that is, to victory over death.

[ 32 ] Nur aus der höheren Erkenntnis heraus kann diese Idee gewonnen werden — nicht mit der gewöhnlichen Erkenntnis, die sich nur mit dem Stofflichen, dem Materiellen befassen will. Heutzutage verfolgt man ja beim Menschen nur das Äußerliche, das Stoffliche, und das ist das Flüchtigste, das Vergänglichste. Darauf weisen ja zum Beispiel die Worte Hamlets hin, die zeigen, wie ihm in seinem melancholischen Gemüt, in dem noch nicht das Christus-Licht leuchtet, das Sterben, der Tod erscheinen müssen. Er spricht von dem großen Alexander, indem er sagt:

[ 32 ] This idea can be grasped only through higher knowledge—not through ordinary knowledge, which is concerned solely with the physical and the material. Nowadays, people focus only on the outward, the material aspects of human beings, and these are the most fleeting, the most transient. This is pointed out, for example, by Hamlet’s words, which reveal how death must appear to him in his melancholic state of mind, in which the light of Christ does not yet shine. He speaks of the great Alexander, saying:

Alexander verwandelte sich in Staub;
Der Staub ist Erde;
Aus Erde machen wir Lehm.

Alexander turned to dust;
Dust is earth;
We make clay from earth.

[ 33 ] Und er spricht von dem großen Caesar:

[ 33 ] And he speaks of the great Caesar:

Der große Caesar, tot und Lehm geworden,
Verstopft ein Loch wohl vor dem rauhen Norden;
O daß die Erde, [vor] der die Welt gebebt
Vor Wind und Wetter eine Wand verklebt.

The great Caesar, now dead and turned to clay,
Plugs a hole, no doubt, against the harsh north wind;
Oh, that the earth, before which the world trembled,
Might form a wall against wind and weather.

[ 34 ] Da spricht aber Hamlet nur von dem, wohin vielleicht die Erde, zu der Caesars Leib ward, hingekommen ist. Er verfolgt den flüchtigen, vergänglichen Stoff, anstatt darüber nachzudenken, wohin die großen, reich entwickelten Seelen des großen Alexander und des großen Caesar gekommen sind. Man erblickt im Menschen nicht dasjenige, worauf es ankommt, wenn man nur auf das Vergängliche, auf den Stoff schaut und darüber nachdenkt, was daraus geworden sein mag. Hinausschauen soll man auf das, was durch Tod und Geburt hindurchgeht, um zu erkennen, was wahre Unsterblichkeit ist.

[ 34 ] But here Hamlet is speaking only of where the earth—which became Caesar’s body—might have gone. He is preoccupied with the fleeting, transitory matter, instead of reflecting on where the great, richly developed souls of the great Alexander and the great Caesar have gone. One fails to see what truly matters in a human being if one looks only at the transitory, at the physical form, and ponders what may have become of it. One must look beyond what passes through death and birth in order to recognize what true immortality is.

[ 35 ] Man hat sich in den letzten Jahrhunderten, wo die Erkenntnis des Stofflichen so grandiose Fortschritte gemacht hat, immer mehr daran gewöhnt, den Stoff, das, was den Geist in seine Fesseln zwingt, als das Wesentliche anzusehen. Aber der Stoff wird vergehen, zerstäuben; der aus dem Stofflichen bestehende Erdenkörper wird zerfallen. Die heutige Radiumforschung zum Beispiel sieht der Geistesforscher so an, daß er weiß: Hier ist der Anfang der Zertrümmerung der Atome, die den Erdenkörper bilden. Das Stoffliche der Erde wird vergehen, aber das Ewige, auch des Erdenkörpers, geht hinein in das ewige Wesen der Dinge. Das heutige Erkenntnisstreben verfolgt das Stoffliche, das die Seele in ihren Bann zwingt. Man glaubt, von Ewigkeit, von Unzerstörbarkeit des Stoffes sprechen zu können. Solchen Worten gegenüber, wie Hamlet sie spricht, muß gesagt werden aus der Erkenntnis des wahren Wesens des Menschen heraus und zugleich aus der Erkenntnis des wahren Wesens der Stofflichkeit: Nicht nur der große Alexander, der große Caesar, nein, alle Menschenseelen sind Teile der Ewigkeit; sie ziehen in immer neuen Lebensläufen eine Leiblichkeit aus den Stoffen der Erde an, sie machen immer neue Leben durch, die nur Schritte sind zur Unsterblichkeit. Für einen jeden Menschen gilt das:

[ 35 ] Over the past few centuries, during which our understanding of the material world has made such tremendous progress, we have become increasingly accustomed to viewing matter—that which binds the spirit—as the essential reality. But matter will perish, disintegrate; the Earth’s body, which consists of matter, will decay. The spiritual researcher, for example, views today’s research on radium in such a way that he knows: Here lies the beginning of the shattering of the atoms that make up the Earth’s body. The material substance of the Earth will perish, but the eternal—including that of the Earth’s body—will enter into the eternal essence of things. Today’s quest for knowledge pursues the material, which holds the soul in its spell. People believe they can speak of eternity and of the indestructibility of matter. In response to such words, as spoken by Hamlet, it must be said—based on an understanding of the true nature of the human being and, at the same time, on an understanding of the true nature of matter— Not only the great Alexander, the great Caesar—no, all human souls are parts of eternity; in ever-new lifetimes, they clothe themselves in physicality drawn from the elements of the earth; they live through ever-new lives, which are but steps toward immortality. This applies to every human being:

Der geringste Erdenmensch
ist ein Sohn der Ewigkeit.
Und er wird stets in neuen Leben
Den alten Tod besiegen.

The humblest of mortals
is a son of eternity.
And in each new life
he will conquer the old death.