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A New Experience of Christ
GA 69c

13 June 1910, Oslo

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A New Experience of Christ, tr. SOL
  1. Neues Christus-Erleben

1. Der Christus im zwanzigsten Jahrhundert

1. Christ in the Twentieth Century

[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Ich möchte auch in diesem Jahr zum Ausdruck bringen, dass es mir außerordentlich leidtut, die Ausführungen, die ich heute zu machen haben werde, nicht in Ihrer Sprache machen zu können. Allein, das geht nicht, und so bitte ich Sie um Entschuldigung, wenn ich in die Notwendigkeit versetzt bin, in einer Ihnen fremden Sprache über das Thema, das den Gegenstand des heutigen Vortrages bildet, zu sprechen.

[ 1 ] Ladies and gentlemen! Once again this year, I would like to express my deep regret that I am unable to deliver the remarks I will be making today in your language. However, that is not possible, and so I ask for your forgiveness if I am forced to speak in a language unfamiliar to you about the topic that is the subject of today’s lecture.

[ 2 ] Es soll über diesen Gegenstand vom Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft, der Geistesforschung gesprochen werden. Damit ist schon angedeutet, dass die ganze Art der Behandlung, der Darstellung, der die Betrachtung über den Christus im zwanzigsten Jahrhundert unterworfen werden soll, einem heute noch wenig populären Gebiet angehört, denn Geisteswissenschaft oder Theosophie ist in weitesten Kreisen unserer gegenwärtigen Bildungswelt nicht nur unbeliebt, sondern auch noch recht unbekannt. Doch birgt gerade die Geisteswissenschaft die Mission in sich, über die wichtigsten Angelegenheiten, über die innersten Herzenstatsachen des Menschen in unserer und der nächsten Zeit sprechen zu müssen. Eine kurze Betrachtung des Folgenden kann uns das klar vor Augen stellen – gerade in Bezug auf unser heutiges Thema.

[ 2 ] This subject is to be discussed from the perspective of spiritual science and spiritual research. This already suggests that the entire approach, the presentation, and the perspective through which Christ is to be considered in the twentieth century belong to a field that is still not very popular today, for spiritual science or theosophy is not only unpopular but also quite unknown in the broadest circles of our contemporary educational world. Yet it is precisely spiritual science that bears the mission of addressing the most important matters—the innermost realities of the human heart—in our time and the age to come. A brief consideration of what follows can make this clear to us—especially in relation to our topic today.

[ 3 ] Seit ich hier im vorigen Jahr über ein ähnliches Thema habe sprechen dürfen, hat sich in Deutschland eine heftige Diskussion abgespielt. In allen größeren Städten Deutschlands konnte man in den letzten Monaten an den Anschlagsäulen die Worte lesen: «Hat Jesus gelebt?» Zahlreiche Vorträge wurden gehalten, die sich – dafür oder dagegen – auf diese Frage, ob Jesus überhaupt gelebt habe, bezogen. Es ist bedeutsam, dass es keinerlei [äußere] Beweise dafür gibt, dass Jesus von Nazareth wirklich eine historische Persönlichkeit ist — er, zu dem Millionen von Menschen aufgeschaut haben als dem Träger der größten Hoffnungen, als dem Ausgangspunkt des Trostes im tiefsten Leid. Es ist eine bedeutungsvolle Tatsache, dass die Wissenschaft unserer Zeit die Frage aufwerfen muss, ob dieser Allgeliebte und Geheiligte überhaupt jemals gelebt habe, und dass man keine historischen Beweise hat, ob er wirklich gelebt hat.

[ 3 ] Since I had the opportunity to speak here last year on a similar topic, a heated debate has taken place in Germany. In recent months, the words “Did Jesus Live?” could be seen on billboards in all of Germany’s major cities. Numerous lectures have been given—both for and against—addressing the question of whether Jesus ever lived at all. It is significant that there is absolutely no [external] evidence that Jesus of Nazareth was truly a historical figure—he whom millions of people have looked up to as the bearer of their greatest hopes, as the source of comfort in their deepest suffering. It is a significant fact that modern scholarship must raise the question of whether this universally beloved and revered figure ever lived at all, and that there is no historical evidence to confirm whether he actually lived.

[ 4 ] So wie es bezeichnend ist, dass die Wissenschaft in der äußeren Tatsachenforschung zu diesem Standpunkt gekommen ist, so ist es auch bezeichnend, dass in unserer Zeit, wenig anerkannt von unserer Zeitbildung, eine geistige Richtung sich geltend macht, die rein aus den Tatsachen der geistigen Forschung heraus sagen muss: Diese Tatsachen der geistigen Forschung ergeben die Wirklichkeit des Jesus mit einer Sicherheit, wie sie keine äußere Urkunde, keine äußere Überlieferung geben kann. Da, wo die äußere Tatsachenforschung die Möglichkeit verliert, den historischen Jesus zu beweisen, tritt die Geistesforschung ein, die immer mehr in der Lage sein wird, mit absoluter Sicherheit die Wirklichkeit des Christus Jesus als historische Tatsache zu beweisen.

[ 4 ] Just as it is significant that science has arrived at this position in its investigation of external facts, so it is also significant that in our time—though little acknowledged by the prevailing spirit of our age—a spiritual movement is asserting itself that, based purely on the findings of spiritual research, must declare: These facts of spiritual research establish the reality of Jesus with a certainty that no external document or tradition can provide. Where external research into facts loses the ability to prove the historical Jesus, spiritual research steps in, which will be increasingly able to prove with absolute certainty the reality of Christ Jesus as a historical fact.

[ 5 ] Unsere Zeit hat Großes, Gewaltiges hinter sich in Bezug auf die äußere, physische Tatsachenforschung, und mit Recht ist sie stolz darauf. Die Geistesforschung aber ist verpflichtet, darauf hinzuweisen, dass es möglich ist, noch andere Instrumente, noch andere Werkzeuge zu schaffen, die sich nicht mit den äußeren Händen verwirklichen und nicht mit den äußeren Augen schauen lassen, die aber vom Menschen erzeugt werden können, wenn er die Kräfte, die schon in seinem gewöhnlichen Seelenleben vorhanden sind – die Kräfte des Denkens, Fühlens und Wollens –, über das normale Maß hinaus entwickelt. Die Geisteswissenschaft muss darauf hinweisen, dass sich die Kräfte des Denkens, Fühlens und Wollens, wie sie der Mensch zunächst in der normalen Entwicklung hat, steigern lassen, und dass es auch heute noch, wie es sie seit den Urzeiten immer gegeben hat, Geistesforscher gibt, die zu ihrer Forschung nicht nur äußere Instrumente, äußere Werkzeuge gebrauchen, sondern auch diejenigen inneren Kräfte entwickeln, die in der menschlichen Seele schlummern.

[ 5 ] Our age has achieved great and monumental things in the field of external, physical research, and it is rightly proud of this. Spiritual research, however, has a duty to point out that it is possible to create still other instruments, still other tools—ones that cannot be made with the physical hands or seen with the physical eyes, but which can be produced by human beings if they develop the powers already present in their ordinary soul life—the powers of thinking, feeling, and willing—beyond the normal measure. Spiritual science must point out that the powers of thinking, feeling, and willing—as human beings initially possess them in the course of normal development—can be enhanced, and that even today, just as has always been the case since time immemorial, there are spiritual researchers who, in their research, use not only external instruments and tools but also develop those inner powers that lie dormant in the human soul.

[ 6 ] Wer sich in dieser Weise zum Forscher macht, bekommt neue Erkenntnisorgane, die ihm etwas erschließen, was sich ihm sonst nicht erschlossen hätte – Organe, durch die auf einer höheren Stufe das eintritt, was auf einer niedrigeren Stufe für den Blindgeborenen eintritt, wenn er operiert [und dadurch sehend] wird, und der dann die Farben und Formen um ihn herum, von denen er früher nur aus der Erzählung der andern Menschen wusste, sehen kann. So ist es mit der geistigen Welt: Sie ist Wirklichkeit, aber nur wenn der Mensch imstande ist, die in ihm schlummernden Kräfte zu der Stufe der Hellsichtigkeit – der wahren, nicht der krankhaften Hellsichtigkeit — hinaufzuheben, wird sie ihm zur selbsterfahrbaren Tatsache.

[ 6 ] Anyone who sets out on this path as a researcher gains new organs of perception that reveal to them something that would otherwise have remained hidden —organs through which, on a higher level, the same thing occurs as happens on a lower level to a person born blind when he undergoes surgery [and thereby regains his sight], and who can then see the colors and shapes around him, which he previously knew only from the accounts of others. So it is with the spiritual world: it is reality, but only when a person is able to raise the powers slumbering within them to the level of clairvoyance—true clairvoyance, not pathological clairvoyance—does it become a fact they can experience for themselves.

[ 7 ] Dabei gilt für die Geistesforschung dasselbe wie für jede andere Forschung: Ebenso wenig wie der Mensch im alltäglichen Leben sich immer ins Laboratorium hineinstellen und selber mit Retorten und andern Werkzeugen arbeiten kann, um der Natur ihre Geheimnisse abzuringen, ebenso wenig kann sich natürlich der Alltagsmensch auf all das einlassen, was der Geistesforscher verrichtet. Darüber können Sie einiges finden in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Aber immer muss betont werden, dass es sich damit verhält wie mit dem, was der Chemiker in seinem Laboratorium erforscht: Man erfährt, was er mit seinen Werkzeugen erforscht hat, und das Erforschte kann dann durch den natürlichen Willen zur Wahrheit begriffen werden. So ist es auch in der Geisteswissenschaft oder Theosophie: Einzelne können Forscher werden und ihre Kräfte zur Hellsichtigkeit entwickeln, dann können sie von dem berichten, was in der geistigen Welt geschaut werden kann, und das kann dann durch die Vernunft, durch das natürliche [vernunftgemäße] Denken eingesehen werden. Ein solches Ergebnis aus der Geistesforschung soll uns heute vor Augen treten, und zwar so, dass es von Ihnen – ich bitte Sie – so aufgenommen wird, wie wenn Ihnen ein Chemiker erzählt, was er in seinem Laboratorium erforscht hat.

[ 7 ] The same principle applies to spiritual research as to any other form of research: Just as a person in everyday life cannot always step into a laboratory and work with test tubes and other tools to extract nature’s secrets, so too, of course, can the average person not engage with everything that a spiritual researcher does. You can find more on this in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*. But it must always be emphasized that this is similar to what the chemist investigates in his laboratory: One learns what he has discovered using his tools, and what has been discovered can then be understood through the natural will to truth. The same is true in spiritual science or theosophy: Individuals can become researchers and develop their powers of clairvoyance; they can then report on what can be perceived in the spiritual world, and this can then be understood through reason, through natural [rational] thinking. Today we shall consider one such result of spiritual research—and I ask you to receive it as you would if a chemist were telling you what he has discovered in his laboratory.

[ 8 ] Wir stehen heute in Bezug auf die Christus-Auffassung, in Bezug auf unsere ganze Stellung zum Christus-Problem in einer wichtigen, in einer herausragenden Epoche der Menschheitsentwicklung. Glauben Sie mir, wer auf dem Standpunkt der Geisteswissenschaft steht, ist nicht freigebig mit dem Wort: Wir stehen in einer Übergangsepoche. — Er weiß, dass dieses Wort schon für jedes Zeitalter gebraucht wurde. Er gebraucht es nur dann, wenn die geistigen Tatsachenzusammenhänge es erfordern, wenn in einer bestimmten Epoche etwas ganz Besonderes vorliegt. Wir leben in einer Zeit, welche die Geistesforschung nur mit dem noch bedeutenderen Zeitalter der letzten Jahrhunderte vor der Initiierung des Christentums vergleichen kann, als die Erwartungen der Menschen aufs höchste gespannt waren auf ein Ereignis, das da kommen musste und den Ausdruck fand in den Worten Johannes des Täufers: Ändert eure Seelenverfassung, denn die Reiche der Himmel – die geistige Welt – sind nahe herbeigekommen. In einer ähnlichen Erwartung lebt heute der Geistesforscher, in einer ähnlichen Weise dürfen wir zur gegenwärtigen Menschheit sprechen: Wir stehen vor einer neuen ChristusOffenbarung. Allerdings wird sie von ganz anderer Art sein als vor 1900 Jahren.

[ 8 ] Today, with regard to the conception of Christ—and with regard to our entire stance on the Christ problem—we find ourselves in a crucial, a truly exceptional epoch in human development. Believe me, anyone who stands on the ground of spiritual science is not quick to use the phrase: “We are in a transitional era.” — They know that this phrase has already been used for every age. They use it only when the spiritual context of events demands it, when something quite special is taking place in a particular era. We live in a time that spiritual research can compare only to the even more significant era of the last few centuries before the inception of Christianity, when people’s expectations were at their highest for an event that was bound to come and found expression in the words of John the Baptist: “Repent, for the kingdom of heaven—the spiritual world—is at hand.” The spiritual researcher today lives with a similar sense of anticipation, and in a similar way we may speak to present-day humanity: We are on the threshold of a new revelation of Christ. However, it will be of a completely different nature than it was 1,900 years ago.

[ 9 ] Was versteht nun die Geisteswissenschaft unter dem Christus, wenn sie von der neuen Christus-Offenbarung im zwanzigsten Jahrhundert spricht? Der Christus ist für die Geisteswissenschaft der höchste Impuls, der in die Entwicklung der Menschheit eingegangen ist. Alle diejenigen, die jemals mit hellsichtigem Auge das geistige Leben der Menschheit durchschauen konnten, sprachen schon immer von dem Christus, nur gebrauchten sie andere Namen. Auch die großen Lehrer im alten Indien, die gewöhnlich als die heiligen Rishis bezeichnet werden, sprachen von dem Christus. Wie aber sprachen sie von ihm? Sie sprachen so, dass alle diejenigen, die sie verstanden, wissen konnten: Wenn sie von «Vishvakarman» sprachen – das war der Name, mit dem sie Christus bezeichneten –, dann sprachen sie von der höchsten geistigen Macht, zu der sich der Mensch aufschwingen kann, wenn er sich in seine eigenen Seelenkräfte versenkt – absehend von allem, was äußere, sinnliche Wahrnehmung gibt – und hinausschaut auf die großen Tatsachen der Welt oder hineinschaut in sein eigenes Inneres. Sieht der Mensch in die Welt hinaus und durchschaut, was sich im Raum ausdehnt und in der Zeit abspielt als Maya, als Täuschung, und sieht er hinter diesem Schleier der Maya gleichsam sich ausbreiten, was der Sinneswelt zugrunde liegt, so nennt das die vedische Lehre «Brahman». Sieht der Mensch in sein Inneres, auf sein eigentliches Selbst, wie es ein Teil ist dessen, was in der Welt webt und lebt, so nennt sie es «Atman». So spricht die uralte vedische Lehre von Vishvakarman das durch Raum und Zeit Webende als «Brahman» aus und das als innere Offenbarung Erscheinende als «Atman». Aber eines schärften die vedischen Lehrer ihren Zuhörern immer wieder ein: dass der Mensch nur dann, wenn er frei wird von aller Sinnesanschauung, wenn er sich frei macht von allem, was im äußeren Raum sichtbar ist, Einsicht in das Wesen von Vishvakarman, von Brahman und Atman erlangen kann.

[ 9 ] What, then, does spiritual science mean by “Christ” when it speaks of the new revelation of Christ in the twentieth century? For spiritual science, Christ is the highest impulse that has entered into the development of humanity. All those who have ever been able to perceive the spiritual life of humanity with a clairvoyant eye have always spoken of the Christ, though they used different names. Even the great teachers of ancient India, who are usually referred to as the holy Rishis, spoke of the Christ. But how did they speak of him? They spoke in such a way that all who understood them could know: When they spoke of “Vishvakarman”—that was the name by which they designated Christ—they were speaking of the highest spiritual power to which a human being can rise when he immerses himself in his own soul forces—setting aside all that constitutes external, sensory perception—and looks out upon the great realities of the world or looks inward into his own inner being. When a person looks out into the world and perceives what unfolds in space and unfolds in time as Maya, as illusion, and sees, as it were, what underlies the sensory world spreading out behind this veil of Maya, the Vedic teaching calls this “Brahman.” When a person looks inward, toward their true self—which is a part of that which weaves and lives in the world—this is called “Atman.” Thus, the ancient Vedic teaching of Vishvakarman refers to that which weaves through space and time as “Brahman” and that which appears as inner revelation as “Atman.” But there was one thing the Vedic teachers repeatedly emphasized to their listeners: that only when a person frees themselves from all sensory perception—when they free themselves from everything visible in outer space—can they gain insight into the nature of Vishvakarman, Brahman, and Atman.

[ 10 ] Dann kam die Zeit, in der ein anderer großer Führer der Menschheitsentwicklung auf den Christus hinwies. Wer über Namen und Bezeichnungen hinwegsehen kann, der weiß, dass der große Zoroaster oder Zarathustra von der Christus-Offenbarung sprach. Was sprach Zarathustra aus seiner Hellsichtigkeit, die er sich auf dieselbe Weise, wie heute hier von Hellsichtigkeit gesprochen worden ist, angeeignet hatte, wenn er seine Zuhörer auf die im äußeren Raum leuchtende Sonne hinwies? Wie sprach er von der Sonne? [Er sprach so:] Wenn ihr hinaufschaut zur Sonne und das physische Licht der Sonne seht, so ist dieses physische Licht nur das Kleid des geistigen Wesens. Dieser Körper des geistigen Wesens verhält sich zu dem, was wahrhaft in der Sonne lebt, wie die äußere menschliche Leiblichkeit zu dem, was geistig als Seele den menschlichen Leib durchzieht, durchwebt und durchlebt. – Das aber nannte er – es kommt jetzt nicht aufs Wort an – «Aura» oder «Ahura Mazdao». Für das innere Auge ist es gegenüber der äußeren Leiblichkeit als inneres Licht wahrnehmbar. Für das hellsichtige Auge ist eine Aura das, was den Menschen geistig durchlebt. So wies Zarathustra die Menschen hinauf zur Sonne: Das äußere Licht der Sonne ist die Leiblichkeit für den Sonnengeist, den er, im Gegensatz zum kleinen inneren Licht im Menschen, die «große Aura» nannte. Die große Sonnenaura war für Zarathustra das, was lebt und wirkt in aller Menschheitsentwicklung. Das war für ihn auch das, zu dem der Mensch vordringt, wenn er die innere Kraft der Seele ergreift, wenn er sich in sich selber versenkt. So sprach Zoroaster oder Zarathustra von dem großen Sonnengeist, aber er sprach so von ihm, dass er eine reale, wirkliche Geistigkeit ist, die die Welt durchsetzt und durchlebt.

[ 10 ] Then came the time when another great leader in the development of humanity pointed to the Christ. Anyone who can look beyond names and labels knows that the great Zoroaster, or Zarathustra, spoke of the Christ revelation. What did Zarathustra say, drawing on his clairvoyance—which he had acquired in the same way that clairvoyance has been described here today—when he directed his listeners’ attention to the sun shining in the outer space? How did he speak of the sun? [He spoke thus:] When you look up at the sun and see the physical light of the sun, this physical light is only the garment of the spiritual being. This body of the spiritual being relates to what truly lives in the sun just as the outer human physicality relates to what, as the soul, spiritually permeates, interweaves, and animates the human body. – But he called this—the exact word is not important now—“aura” or “Ahura Mazdao.” To the inner eye, it is perceptible as an inner light in contrast to the outer physical body. To the clairvoyant eye, an aura is that which permeates the human being spiritually. Thus Zarathustra directed people’s gaze upward toward the sun: The outer light of the sun is the physical form of the sun spirit, which he—in contrast to the small inner light within the human being—called the “great aura.” For Zarathustra, the great solar aura was that which lives and works throughout the development of all humanity. For him, this was also what a person strives toward when they grasp the inner power of the soul, when they immerse themselves within themselves. Thus Zoroaster, or Zarathustra, spoke of the great sun spirit, but he spoke of it in such a way that it is a real, tangible spirituality that permeates and animates the world.

[ 11 ] Die Naturwissenschaft untersucht die Materie, die den Menschen zusammensetzt und auch draußen im Weltall wirkt. In Bezug auf die Leiblichkeit sieht sie den Menschen als Teil des Makrokosmos an. Aber niemals ist im Menschen die Sehnsucht erloschen, seine Zugehörigkeit zum großen Weltall nicht nur stofflich-sinnlich zu erkennen, sondern auch den Zusammenhang des ihn selbst durchdringenden, mit Leben erfüllenden Geistigen mit dem Geistigen in der Welt zu finden. Es lebt heute in vielen Menschen die Sehnsucht nach dem, was Zoroaster als Sonnenaura, als die große Aura verkündet hat. Er sprach von dem Geist, der dem Menschenherzen so zuströmt, wie das Sonnenlicht der Erde zuströmt und die Pflanzen zum Leben erweckt. Besonders eindrücklich sagte er es mit folgenden Worten:

[ 11 ] Natural science studies the matter that makes up human beings and also exerts its influence out there in the universe. With regard to physicality, it views human beings as part of the macrocosm. But the longing within human beings has never ceased—not only to recognize their belonging to the vast universe in a material and sensory way, but also to find the connection between the spiritual that permeates them and fills them with life and the spiritual in the world. Today, many people harbor a longing for what Zoroaster proclaimed as the solar aura, the great aura. He spoke of the spirit that flows into the human heart just as sunlight flows onto the earth and brings plants to life. He expressed this particularly powerfully with the following words:

[ 12 ] Ich will reden, nun kommt und hört mir zu, ihr, die ihr von nah und fern kommend Verlangen danach tragt. Sprechen will ich von dem, der da offenbar werden kann für den Geist. Und nicht mehr soll der trügerische Sinn verwirren die Menschen, die sich binden an die Stofflichkeit und an die niedere Natur. Ich will reden von dem, was in der Welt das Erste und Größte ist, was Er mir offenbart hat, der gro ße Geist der Sonne, Ahura Mazda.

[ 12 ] I will speak; now come and listen to me, all of you who have come from near and far, longing for this. I will speak of the One who can be revealed to the spirit. And no longer shall the deceptive mind confuse those who are bound to material things and to the lower nature. I wish to speak of that which is the first and greatest in the world, that which He has revealed to me—the great Spirit of the Sun, Ahura Mazda.

[ 13 ] So wollte Zarathustra andeuten, dass es möglich ist, die geistigen Tatsachen ebenso zu erkennen wie die materiellen, die den Raum ausfüllen und in der Zeit sich entwickeln.

[ 13 ] In this way, Zarathustra sought to suggest that it is possible to recognize spiritual realities just as one recognizes material ones, which fill space and unfold over time.

[ 14 ] Heute fühlt der Mensch den Drang, die Sehnsucht, zu erkennen, dass er seiner Seele und seinem Geist nach herausgeboren ist aus dem Weltengeist. Aber es gibt keine Brücke, die über die Kluft [zwischen der Sinneswelt und der übersinnlichen Welt] hinüberführt. Diese Brücke aber will die Geisteswissenschaft schlagen, und zwar dadurch, dass sie die höheren Kräfte in der Menschenseele entwickelt. Die Geisteswissenschaft zeigt uns, wie sich die Menschheit im Laufe der Zeit entwickelt. Als Ziel dieser Entwicklung erweist sich das, was der Geistesforscher, der Geisteswissenschafter dadurch erreicht, dass er sich frei macht von allem, was an die äußere Natur, an die äußere Leiblichkeit gebunden ist. Das erreicht die Menschheit in ganz anderer Gestalt, langsam und allmählich. Gerade die Geisteswissenschaft macht uns so recht anschaulich, dass es in Bezug auf die innere Menschennatur einen wirklichen Fortschritt, eine wirkliche Entwicklung gibt. Fassen wir ins Auge, was der Geistesforscher vermag: Er vermag in die geistige Welt hineinzuschauen – nicht mit der gewöhnlichen, alltäglichen Anschauung, sondern nur, wenn er durch einen kräftigen inneren Willensakt seinen höheren Menschen aus dem niederen Menschen heraushebt, wenn er sich frei macht von der gewöhnlichen, alltäglichen Anschauung; dann vermag er das zu sehen, was zum Beispiel Gegenstand einer solchen Betrachtung wie der heutigen ist. Für den Geisteswissenschafter ist es nötig, ganz besondere Verhältnisse herbeizuführen. Das, was man Hellsehen und Hellhören nennt und was von selbst eintritt, ist etwas ganz anderes als das, was der Geistesforscher durch einen kräftigen Willensakt hervorruft und wodurch er unabhängig von aller Leiblichkeit in die geistige Welt hineinsieht. Aber das, was er auf einer höheren Stufe der Geistesforschung erreicht, das wird nach und nach eine Fähigkeit der natürlichen Menschheitskräfte werden. Der Mensch entwickelt sich von Epoche zu Epoche, von Zeitalter zu Zeitalter. Es werden immer höhere Erkenntniskräfte erworben. Deshalb kann der Geistesforscher davon sprechen, dass sich im Menschheitsfortschritt langsam eine neue Erkenntnisfähigkeit entwickelt. Der Geistesforscher kann – das muss gesagt werden – in einem gewissen Sinne auch einmal etwas prophetisch voraussehen, wenn er hinschaut auf die Natur der Seelen in einer gewissen Epoche, auf die Kräfte, die nach einem gewissen Ziel hindrängen. Und heute drängen diese Kräfte nach einem gewissen Ziele hin.

[ 14 ] Today, human beings feel the urge, the longing, to recognize that, in terms of their soul and spirit, they are born out of the world spirit. But there is no bridge that spans the chasm [between the sensory world and the supersensory world]. Spiritual science, however, seeks to build this bridge by developing the higher forces within the human soul. Spiritual science shows us how humanity evolves over time. The goal of this evolution is what the spiritual researcher, the scholar of spiritual science, attains by freeing himself from everything bound to external nature and external physicality. Humanity achieves this in a completely different way, slowly and gradually. It is precisely spiritual science that makes it so vividly clear to us that there is real progress, real development, with regard to the inner nature of the human being. Let us consider what the spiritual researcher is capable of: He is able to look into the spiritual world—not with ordinary, everyday perception, but only when, through a powerful inner act of will, he lifts his higher self out of his lower self, when he frees himself from ordinary, everyday perception; then he is able to see what, for example, is the subject of a contemplation such as today’s. For the spiritual scientist, it is necessary to bring about very special conditions. What is called clairvoyance and clairaudience—and which occurs spontaneously—is something entirely different from what the spiritual scientist brings about through a powerful act of will, by which he looks into the spiritual world independently of all physicality. But what the spiritual researcher attains at a higher level of spiritual research will gradually become a capacity of humanity’s natural powers. Humanity develops from epoch to epoch, from age to age. Ever higher powers of knowledge are acquired. That is why the spiritual researcher can speak of a new capacity for knowledge slowly developing within the progress of humanity. The spiritual researcher can—it must be said—in a certain sense also foresee something prophetically when he looks at the nature of souls in a particular epoch, at the forces that are striving toward a certain goal. And today these forces are striving toward a certain goal.

[ 15 ] Wenn wir zurückschauen auf die Art, wie die Menschen durch die verschiedenen Zeitalter, durch die Jahrhunderte und Jahrtausende hindurch vom Christus gesprochen haben – allerdings andere Namen gebrauchend –, dann finden wir gegenüber der Art, wie heute gesprochen werden muss, einen gewaltigen Unterschied. Zu allen Zeiten vor Beginn unserer christlichen Zeitrechnung ist von den wirklich Erkennenden gesprochen worden von dem Christus als einem, der da kommen wird, als einem, der in der Zukunft sich den Menschen noch in einer ganz anderen Weise offenbaren wird. Die damaligen Geistesforscher sagten: Jetzt können nur die den Christus schauen, welche sich in die höheren Welten erheben können; sie schauen den Christus in der übersinnlichen, in der geistigen Sphäre. — So hatten die Seher Indiens den Vishvakarman, so hatte Zarathustra den Ahura Mazdao geschaut.

[ 15 ] When we look back at the way people have spoken of the Christ throughout the various ages, centuries, and millennia—albeit using different names—we find a vast difference compared to the way we must speak of him today. In all times before the beginning of our Christian era, those who truly understood spoke of the Christ as one who was to come, as one who in the future would reveal himself to humanity in an entirely different way. The spiritual researchers of that time said: Only those who can ascend into the higher worlds can now behold the Christ; they behold the Christ in the supersensible, in the spiritual sphere. — Just as the seers of India had beheld Vishvakarman, so had Zarathustra beheld Ahura Mazdao.

[ 16 ] Doch sie wiesen immer darauf hin, dass der Christus sich einst auch anderen menschlichen Wahrnehmungsfähigkeiten, nicht bloß den gesteigerten, sondern den gewöhnlichen menschlichen Wahrnehmungsfähigkeiten, den natürlichen menschlichen Erkenntniskräften, zeigen werde. So spricht alle Geistesforschung von dem Christus nicht nur als von einer geistigen Kraft, von einer geistigen Macht, die in der Menschheit lebt, sondern sie spricht von dem Christus so, dass sie sich klar ist darüber, dass der Christus — diese Wesenheit, von der zu allen Zeiten gesprochen worden ist und auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft auch in aller Zukunft gesprochen werden wird – tatsächlich einmal menschliche Gestalt angenommen hat, dass er wirklich einmal als der historische Jesus gelebt hat.

[ 16 ] Yet they always pointed out that the Christ would one day reveal Himself to other human faculties of perception as well—not merely to the heightened ones, but to ordinary human faculties of perception, to the natural human powers of cognition. Thus, all spiritual research speaks of the Christ not only as a spiritual force, a spiritual power that lives within humanity, but it speaks of the Christ in such a way that it is clear that the Christ — this being of whom it has been spoken at all times and of whom it will continue to be spoken in the field of spiritual science throughout the future — actually once took on human form, that he truly once lived as the historical Jesus.

[ 17 ] Für die Geisteswissenschaft ist Jesus von Nazareth etwas ganz Besonderes. Wir können es vergleichen mit dem, wovon einst der große Mechaniker Archimedes gesprochen hat. Er hat gesagt: Gebt mir einen festen Punkt für meinen Hebel, und ich will euch die Erde bewegen. — Er verlangte einen festen Punkt, auf den man alles beziehen kann. Nur dadurch wird etwas im Raum verstanden, dass man einen festen Punkt hat, auf den man es beziehen kann. Ebenso wird das in der Zeit Verlaufende für die Geisteswissenschaft dadurch verständlich, dass in der historischen Entwicklung ein fester Punkt da ist. Und alle Eingeweihten, alle Geistesforscher vor Beginn unserer Zeitrechnung wiesen auf diesen festen Punkt hin als auf etwas, das in der Zukunft kommen werde. Wir aber weisen auf diesen festen Punkt hin als auf etwas, das in der Vergangenheit da war, und wir beziehen alle Ereignisse, die jemals noch eintreten werden, auf diesen festen Punkt, auf dieses Hypomochlion. Daher sprechen wir innerhalb der Geisteswissenschaft aufgrund der Tatsachen und der Ergebnisse dieser Geisteswissenschaft von dem historischen Jesus als von einer Wirklichkeit. Die Geisteswissenschaft ist auch imstande, die Evangelien in einer neuen Weise zu begreifen, indem sie in ihre Tiefen hineinleuchtet. Wenn Sie tiefer hineindringen in die Geisteswissenschaft, so werden Sie sehen, dass gerade die Geisteswissenschaft neues Licht wirft auf das Verständnis der Evangelien. Aber die Geisteswissenschaft macht ihre Erkenntnis über den Christus Jesus nicht von diesen Urkunden abhängig. Alles, was sie zu sagen hat, sagt sie unabhängig von aller historischen Überlieferung. Und erst indem sie ihre Ergebnisse vergleicht mit den Evangelien, werden auch diese tiefer beleuchtet.

[ 17 ] For spiritual science, Jesus of Nazareth is something very special. We can compare him to what the great engineer Archimedes once spoke of. He said: “Give me a fixed point for my lever, and I will move the Earth.” — He demanded a fixed point to which everything could be related. Something in space can only be understood if one has a fixed point to which it can be related. Likewise, for spiritual science, the course of events in time becomes understandable because there is a fixed point in historical development. And all the initiates, all the spiritual researchers before the beginning of our era, pointed to this fixed point as something that would come in the future. We, however, point to this fixed point as something that existed in the past, and we relate all events that will ever occur to this fixed point, to this hypomochlion. Therefore, within spiritual science—based on the facts and findings of that discipline—we speak of the historical Jesus as a reality. Spiritual science is also capable of understanding the Gospels in a new way by shedding light into their depths. As you delve deeper into spiritual science, you will see that it is precisely spiritual science that sheds new light on the understanding of the Gospels. But spiritual science does not base its knowledge of Christ Jesus on these documents. Everything it has to say, it says independently of all historical tradition. And it is only by comparing its findings with the Gospels that the Gospels themselves are illuminated more deeply.

[ 18 ] Was bedeutet nun die Tatsache, dass der Christus im physischen Leib des Jesus unter den Menschen gewandelt ist, dass er das vollbracht hat, was wir das Mysterium von Golgatha nennen, welches uns lehren kann, dass das Geistige immer den Sieg über das Leibliche, das Leben immer den Sieg über den Tod erringt? Was bedeutet dieser Impuls in der Fortentwicklung der Menschheit? Von dem Zeitpunkt an, wo der Christus im physischen Leib des Jesus von Nazareth gewohnt hat, kann nun der Mensch, wenn er in seine eigene Seele hinuntersteigt, das, was vorher bloß kosmisch war, was er nur erreichen konnte, wenn er außerhalb seines Leibes weilte, als geistige Kraft in sich selber erfahren. Wer aus seiner Weltanschauung heraus nicht zugeben kann, dass eine Kraft aus dem Kosmos hineingedrungen ist in die einzelnen menschlichen Seelen, sich hineinbegeben hat, um eine in diesen Seelen weiterwirkende Kraft zu sein, der wird niemals den Christus-Impuls begreifen können.

[ 18 ] What, then, does the fact that the Christ walked among humanity in the physical body of Jesus—that he accomplished what we call the Mystery of Golgotha—teach us about how the spiritual always triumphs over the physical, and life always triumphs over death? What does this impulse mean for the further development of humanity? From the moment Christ dwelt in the physical body of Jesus of Nazareth, human beings can now, when they descend into their own souls, experience within themselves as a spiritual force that which was previously merely cosmic—that which they could only attain when they were outside their bodies. Anyone whose worldview prevents them from acknowledging that a force from the cosmos has penetrated into individual human souls—that it has entered them to become a force continuing to work within these souls—will never be able to comprehend the Christ impulse.

[ 19 ] Nicht schon vorher, sondern erst vom Ereignis von Palästina an war in den menschlichen Seelen selbst ein neuer Impuls. Seit jener Zeit ist etwas in den menschlichen Seelen, was vorher nicht da war. Die Menschen begreifen leicht, dass in den äußeren chemischen Substanzgemengen etwas Neues entsteht, wenn man eine neue Substanz zufügt. Das begreifen sie leichter, als dass damals, als Jesus auf der Erde wandelte, etwas vorgegangen ist mit der ganzen Menschheit dadurch, dass aus den übersinnlichen Gebieten etwas Neues in die menschlichen Seelen hineingekommen ist. Wie eine neue Substanz, die in einem Substanzgemenge weiterwirkt, so wirkt von da ab in den menschlichen Seelen eine ganz neue Kraft – eine Kraft, die diese menschlichen Seelen nun weiter und weiter bringt. Die Geisteswissenschaft zeigt uns, dass der Mensch in der Tat in Bezug auf sein innerstes Wesen seit der Erscheinung des Christus auf der Erde zu etwas ganz Neuem veranlagt ist – zu etwas, zu dem er vorher nicht veranlagt war. Das muss die Geisteswissenschaft mit aller Schärfe, man möchte sagen, mit allem Idealismus betonen.

[ 19 ] It was not before then, but only beginning with the events in Palestine, that a new impulse arose within human souls themselves. Since that time, there has been something in human souls that was not there before. People easily understand that something new arises in external chemical mixtures when a new substance is added. They find this easier to grasp than the fact that, back when Jesus walked the earth, something happened to all of humanity through the entry of something new into human souls from the supersensible realms. Just as a new substance continues to exert an effect within a mixture of substances, so too has a completely new force been at work in human souls ever since—a force that now carries these human souls farther and farther. Spiritual science shows us that, in regard to their innermost being, human beings have in fact been predisposed to something entirely new since the appearance of Christ on Earth—to something to which they were not predisposed before. Spiritual science must emphasize this with the utmost clarity; one might say, with all idealism.

[ 20 ] Nun zeigt uns aber die Geistesforschung, dass dieser Impuls, der damals in die Seelen der Menschen hineingepflanzt worden ist, sich nur langsam entwickeln kann, dass er sich in der ersten Zeit kaum wahrnehmbar gezeigt hat und erst nach und nach – bis in die fernste Zukunft — die Menschheit zu immer Höherem und Höherem führen wird. Um nun zu verstehen, was da im Menschen vorgeht, müssen wir uns noch eine andere Tatsache, die die Geisteswissenschaft erforscht, vor Augen führen. Von ihr zu sprechen ist allerdings in unserer Zeit schon etwas gefährlich, weil nur wenige Menschen der Gegenwart geneigt sind, mit dem mitzugehen, was hier aus der Geisteswissenschaft heraus gesagt werden muss. Sie zeigt uns — und jetzt gehen wir zunächst von unserm eigentlichen Thema ab – das Folgende: Sie zeigt uns das Tiefere in der menschlichen Natur, sie zeigt uns etwas, was die sich fortentwickelnde Menschheit mit Sicherheit in verhältnismäßig kurzer Zeit begreifen wird, was aber heute noch von vielen Seiten für eine Phantasterei, für den größten Unsinn angesehen wird. Was uns die Geisteswissenschaft zeigt, ist auf einer höheren Ebene mit etwas zu vergleichen, was die Menschheit auf einer tieferen Ebene erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit für wahr befunden hat — das muss immer wieder betont werden.

[ 20 ] Spiritual science, however, shows us that this impulse, which was planted in the souls of human beings at that time, can develop only slowly; that it was scarcely perceptible in the early days and will only gradually—extending into the distant future—lead humanity to ever higher and higher levels. To understand what is taking place within human beings, we must now consider another fact that spiritual science investigates. Speaking of it, however, is somewhat dangerous in our time, because only a few people today are inclined to accept what must be said here on the basis of spiritual science. It shows us—and here we will temporarily digress from our main topic—the following: It reveals the deeper aspects of human nature; it shows us something that evolving humanity will certainly come to understand in a relatively short time, but which is still regarded by many today as a fantasy, as utter nonsense. What spiritual science reveals to us can be compared, on a higher level, to something that humanity has only recently recognized as true on a deeper level—this must be emphasized again and again.

[ 21 ] Im siebzehnten Jahrhundert glaubten nicht nur Laien, sondern auch gelehrte Forscher, die fest auf dem Boden der Naturwissenschaft standen, dass sich aus Flussschlamm Würmer, Insekten und sogar Fische entwickeln könnten, ohne dass ein entsprechender Keim hineingelegt worden wäre. Und es war dann der große Naturforscher Francesco Redi, der im siebzehnten Jahrhundert den bedeutungsvollen Satz ausgesprochen hat: Lebendiges kann nur von Lebendigem kommen. – In einer Schrift des siebenten nachchristlichen Jahrhunderts zum Beispiel finden Sie ausgeführt, wie Lebendiges sich ohne Keim entwickelt — mit einer Selbstsicherheit, mit der damals in manchen naturwissenschaftlichen Schriften die Dinge behauptet wurden. Da finden Sie dargestellt: Wenn man einen Pferdekadaver mürbe schlägt, entstehen Bienen, und wenn man einen Eselskadaver mürbe schlägt, entstehen Wespen. Das wurde alles ebenso schematisiert, wie es in der heutigen Zeit in vieler Beziehung üblich ist. Und als im siebzehnten Jahrhundert Redi das, was erst im neunzehnten Jahrhundert einen naturwissenschaftlichen Beweis erfahren hat, aussprach — Lebendiges kann nur von Lebendigem kommen –, da war er ein Ketzer und entging nur mit großer Mühe dem Schicksal des Giordano Bruno. Damals verbrannte man diejenigen, die so etwas behaupteten; heute ist das nicht mehr Mode. Aber heute gelten die Leute, die auf einem höheren Gebiete, nämlich auf dem Gebiete des Geistigen, die gleiche Wahrheit verbreiten und zeigen, dass Geistig-Seelisches nur aus GeistigSeelischem kommen kann, als schlimme Ketzer.

[ 21 ] In the seventeenth century, not only laypeople but also learned scholars firmly grounded in the natural sciences believed that worms, insects, and even fish could develop from river mud without any corresponding seed having been placed in it. And it was the great naturalist Francesco Redi who, in the seventeenth century, uttered the significant phrase: “Life can only come from life.”—In a text from the seventh century A.D., for example, you will find a detailed explanation of how living things develop without a seed—presented with the self-assurance with which such claims were made in some scientific writings of that time. There you will find it described: If you beat a horse carcass to a pulp, bees will emerge, and if you beat a donkey carcass to a pulp, wasps will emerge. All of this was presented in a schematic manner, just as is common in many respects today. And when, in the seventeenth century, Redi articulated what would not be scientifically proven until the nineteenth century—that life can only come from life—he was deemed a heretic and only narrowly escaped the fate of Giordano Bruno. In those days, those who made such claims were burned at the stake; today, that is no longer the custom. But today, people who propagate the same truth in a higher realm—namely, the realm of the spiritual—and demonstrate that the spiritual-soul can come only from the spiritual-soul are regarded as terrible heretics.

[ 22 ] Heute wird behauptet, dass das Geistig-Seelische einer menschlichen Individualität – das, was als Eigenschaften und Merkmale der Seele von Tag zu Tag heranwächst — nur aus den Eigenschaften von Vater und Mutter, Großvater und Großmutter und so weiter hervorgehe. Nun zeigt die Geisteswissenschaft, dass ein geistig-seelisches Wesen aus einer geistigen Vergangenheit hineindringt in das, was von Vater und Mutter, Großvater und Großmutter und so weiter vererbt wird – ebenso wie ein Keim in die Flussmaterie hineingelegt werden muss und sich dann darin entfaltet —, und dass in dem, was vererbt wird, sich das Selbstständige, Individuelle, das von einem früheren Dasein geistig-seelischer Art herkommt, entfaltet. Sie zeigt, dass das Geistig-Seelische nicht zurückgeführt werden kann auf das, was in der physischen Vererbungslinie liegt, sondern auf ein Geistig-Seelisches, das nichts mit dem Physischen zu tun hat. Die Mode hat sich geändert: Heute bestraft man diejenigen, die so etwas lehren, dadurch, dass man sie als Narren verschreit. Heute schon wird derjenige als Autorität angesehen, der sagt: Lebendiges kann nur aus Lebendigem stammen. — Ebenso wird die andere Wahrheit, dass Geistig-Seelisches nur von Geistig-Seelischem kommen kann, in nicht allzu ferner Zeit allgemeines Menschheitsgut werden. Dann aber wird man nicht begreifen können, wie die Menschheit einmal etwas anderes hat glauben können.

[ 22 ] Today it is claimed that the spiritual-soul aspect of a human individuality—that which develops day by day as the qualities and characteristics of the soul—arises solely from the qualities of the father and mother, grandfather and grandmother, and so on. Now, spiritual science shows that a spiritual-soul being from a spiritual past penetrates into what is inherited from the father and mother, grandfather and grandmother, and so on—just as a seed must be planted in the soil and then unfolds within it— and that within what is inherited, the independent, individual self—which originates from a previous spiritual-soul existence—unfolds. It shows that the spiritual-soul aspect cannot be traced back to what lies within the physical line of inheritance, but rather to a spiritual-soul aspect that has nothing to do with the physical. Times have changed: Today, those who teach such things are punished by being branded as fools. Already today, anyone who says, “The living can only come from the living,” is regarded as an authority. — Likewise, the other truth—that the spiritual-psychic can come only from the spiritual-psychic—will, in the not-too-distant future, become common knowledge among humanity. But then people will be unable to comprehend how humanity could ever have believed otherwise.

[ 23 ] Nun ist aber diese Anschauung, wenn sie bis in ihre letzten Konsequenzen verfolgt wird, nichts anderes als das, was man die Lehre von der Reinkarnation, die Lehre von den wiederholten Erdenleben nennt: Das, was als Geistig-Seelisches im jetzigen Erdenleben lebt, hat schon in einem früheren Erdenleben gelebt, und das jetzige Erdenleben ist Ausgangspunkt für ein zukünftiges. Das Geistig-Seelische der Vergangenheit sucht sich einen Mutterboden, in den es einziehen kann, den Mutterboden von Vater und Mutter, Großvater und Großmutter und so weiter. Das eine ist ebenso notwendig wie das andere. Für den, der sich Hellsichtigkeit und Hellhörigkeit angeeignet hat, ist die Anschauung von den wiederholten Erdenleben eine Selbstverständlichkeit.

[ 23 ] Now, however, this view, when taken to its ultimate consequences, is nothing other than what is called the doctrine of reincarnation, the doctrine of repeated earthly lives: That which lives as the spiritual-soul aspect in the present earthly life has already lived in a previous earthly life, and the present earthly life is the starting point for a future one. The spiritual-soul aspect of the past seeks out a fertile ground into which it can take root—the fertile ground of father and mother, grandfather and grandmother, and so on. One is just as necessary as the other. For those who have developed clairvoyance and clairaudience, the concept of repeated earthly lives is self-evident.

[ 24 ] Sie alle wissen, dass die Lehre von den wiederholten Erdenleben eine uralte Lehre ist und dass sie mit besonderer Kraft einst im Orient von Buddha und der von ihm gestifteten Religionsgemeinschaft verbreitet worden ist und Eingang gefunden hat in Millionen und Millionen von Seelen. Aber nicht aus dem Buddhismus übernimmt die moderne Geistesforschung ihre Lehre – das muss ausdrücklich betont werden. Es ist eine Verkennung des Tatbestandes, wenn man sagt, die moderne Theosophie oder Geisteswissenschaft habe die Lehre von den wiederholten Erdenleben aus dem Buddhismus entlehnt. Man braucht dazu keine alte Lehre. Ebenso wenig wie man auf die Schriften des Euklid zurückzugreifen braucht, um zu beweisen, dass die Winkelsumme im Dreieck 180 Grad beträgt, ebenso wenig braucht man auf den Buddhismus zurückzugehen, um die Wiederverkörperung zu beweisen. Auch heute kann die Wahrheit von den wiederholten Erdenleben erforscht werden.

[ 24 ] You all know that the doctrine of repeated earthly lives is an ancient one and that it was once spread with particular vigor in the East by Buddha and the religious community he founded, finding its way into the hearts of millions upon millions of souls. But modern spiritual research does not derive its teaching from Buddhism—this must be expressly emphasized. It is a misrepresentation of the facts to say that modern theosophy or spiritual science has borrowed the doctrine of repeated earthly lives from Buddhism. There is no need to draw on an ancient teaching for this. Just as one does not need to refer to the writings of Euclid to prove that the sum of the angles in a triangle is 180 degrees, so too does one not need to refer to Buddhism to prove reincarnation. Even today, the truth of repeated earthly lives can be investigated.

[ 25 ] Für denjenigen, der den Christus-Impuls wirklich begreift, stellt sich die Wahrheit von den wiederholten Erdenleben in anderer Art dar als für den Anhänger des Buddha. Buddha hat die Tatsache der wiederholten Erdenleben immer wieder betont. Er hat seine sogenannten «vier edlen Wahrheiten» vor die Menschheit hingestellt: Geburt ist Leiden, Krankheit ist Leiden, Tod ist Leiden, Nicht-vereint-Sein mit dem, was man liebt, und Vereint-Sein mit dem, was man nicht liebt, ist Leiden. – Frei zu werden von dem Karma, immer wieder aus dem Geistigen hinabsteigen zu müssen in einen irdischen Leib, sobald als möglich frei zu werden von dem Drang nach Dasein, frei zu werden von dem Trieb, sich zu verkörpern: Das ist der Impuls der BuddhaLehre. In der Buddha-Lehre tritt uns die Lehre von der Wiederverkörperung einseitig entgegen. Die BuddhaLehre hat nicht den Impuls, in die menschliche Seele das hineinzuversetzen, was durch die aufeinander folgenden Wiederverkörperungen fortwirkt und immer neue und neue Kräfte in den einzelnen Menschen erweckt. Die Geisteswissenschaft aber, die moderne Theosophie, sieht im Christus-Impuls das, was in die menschliche Seele einschlägt, was den Willen ergreift, erzieht und entwickelt, was in der Seele so wirkt, dass sie, wenn sie in einer Verkörperung vom Christus-Impuls berührt wird, in der nächsten Verkörperung in neuer Art auflebt, dass der Christus-Impuls in die nächste Verkörperung hineinwirkt. Und weil er hineinwirkt, kann diese Seele ihre Kräfte entfalten, die durch die Kraft des ChristusImpulses gesteigert, zu noch höheren Höhen hinaufentwickelt werden.

[ 25 ] For those who truly understand the Christ impulse, the truth of repeated earthly lives presents itself differently than it does for followers of the Buddha. The Buddha repeatedly emphasized the fact of repeated earthly lives. He presented his so-called “Four Noble Truths” to humanity: Birth is suffering, sickness is suffering, death is suffering, and separation from what one loves and union with what one does not love is suffering. – To be freed from the karma of having to descend again and again from the spiritual realm into an earthly body; to be freed as soon as possible from the urge to exist; to be freed from the impulse to incarnate: this is the impulse of the Buddha’s teaching. In the Buddha’s teaching, the doctrine of reincarnation is presented to us in a one-sided manner. The Buddha’s teachings do not have the impulse to instill in the human soul that which continues to work through successive reincarnations and awakens ever new forces in each individual. Spiritual science, however—modern theosophy— sees in the Christ impulse that which strikes the human soul, that which seizes, educates, and develops the will, that which works in the soul in such a way that, when it is touched by the Christ impulse in one incarnation, it revives in a new way in the next incarnation—so that the Christ impulse continues to work into the next incarnation. And because it works within, this soul can unfold its powers, which, enhanced by the power of the Christ impulse, are developed to even greater heights.

[ 26 ] So sehen wir im Christus-Impuls das, was in der menschlichen Seele fortwirkt von Verkörperung zu Verkörperung, was den folgenden Verkörperungen neuen Sinn und neuen Inhalt gibt. Deshalb sprechen wir nicht davon, dass wir uns so bald wie möglich vom Rad der Wiederverkörperung befreien sollen, sondern davon, dass wir uns mehr und mehr mit dem lebendigen Christus-Impuls durchdringen wollen. Dadurch, dass der Christus auf den physischen Plan heruntergekommen ist, ist es möglich geworden, dass wir uns mit dem Christus-Impuls wie mit einer geistigen Substanz durchdringen. Mit Recht nennt man die buddhistische Religion eine Erlösungsreligion. Die christliche Religion ist keine Erlösungsreligion, sondern eine Auferstehungsreligion. Das, was uns der Christus im Mysterium von Golgatha vorgelebt hat mit der Überwindung des Todes durch den Geist, das wiederholt sich immer von Neuem, wenn wir in einer neuen Verkörperung wiedererstehen, befruchtet von dem Christus-Impuls.

[ 26 ] Thus, in the Christ impulse, we see that which continues to work within the human soul from incarnation to incarnation, giving new meaning and new content to subsequent incarnations. That is why we do not speak of freeing ourselves from the wheel of reincarnation as soon as possible, but rather of wanting to imbue ourselves more and more with the living Christ impulse. Because the Christ descended to the physical plane, it has become possible for us to imbue ourselves with the Christ impulse as with a spiritual substance. The Buddhist religion is rightly called a religion of salvation. The Christian religion is not a religion of salvation, but a religion of resurrection. What Christ exemplified for us in the Mystery of Golgotha—the overcoming of death through the Spirit—is repeated anew each time we rise again in a new incarnation, enlivened by the Christ impulse.

[ 27 ] Müssen wir uns denn nicht sagen: Es werden Zeiten kommen, wo die Kunstwerke, die Tausende und Abertausende von Menschenseelen entzückt haben, zu Staub zerfallen werden? So ist es mit dem Größten wie mit dem Kleinsten, was die Menschen in unserer physischen Welt leisten können: In Staub löst es sich auf. Aber wenn wir die Sache im Sinne der Wiedergeburt, der wiederholten Erdenleben, durchschauen, dann sagen wir uns: Der Künstler hat aus seiner Seele heraus dem Stoffe etwas einverleibt; dadurch ist aber auch seine Seele etwas anderes geworden, seine Arbeit hat auf den Stoff eingewirkt, sie hat aber auch auf die Seele zurückgewirkt. – So ist es bei jedem Menschen, beim Künstler zeigt es sich nur am deutlichsten. In einer neuen Verkörperung arbeiten wir mit den Kräften weiter, die wir uns in der vorhergehenden Verkörperung erworben haben. Diese Kräfte werden wiedergeboren, sie auferstehen, sie werden erweckt zu neuem Leben. So ist es auch nicht mehr absurd zu sagen: Die ganze Erde wird einst zu Staub zermalmt sein. So wie der Leib des einzelnen Menschen zu Staub zerfällt, so wird die ganze Erde, der Leib unseres planetarischen Daseins, zerfallen. Die menschlichen Seelen werden aber dann etwas erreicht haben, was zu neuen Daseinsstufen übergeht. Der Erdenleib fällt ab, und die Menschheit geht zu neuen Gestalten über. Und der Impuls, der darin lebt, ist der Christus-Impuls.

[ 27 ] Must we not say to ourselves: There will come a time when the works of art that have delighted thousands upon thousands of human souls will crumble to dust? This is true of both the greatest and the smallest things that human beings can achieve in our physical world: they dissolve into dust. But when we view the matter in the light of rebirth—of repeated earthly lives—we tell ourselves: The artist has imbued the material with something from his soul; but through this, his soul, too, has become something different; his work has influenced the material, but it has also had a reciprocal effect on the soul. – This is true of every human being; it is simply most clearly evident in the artist. In a new incarnation, we continue to work with the forces we have acquired in the previous incarnation. These forces are reborn; they rise again; they are awakened to new life. Thus, it is no longer absurd to say: The entire Earth will one day be ground to dust. Just as the body of the individual human being decays into dust, so too will the entire Earth—the body of our planetary existence—decay. Human souls, however, will then have attained something that transitions into new stages of existence. The Earthly body falls away, and humanity transitions into new forms. And the impulse that lives within it is the Christ impulse.

[ 28 ] Die Geisteswissenschaft schaut mit dem hellsichtigen Auge des Geistesforschers eine Epoche, die zeitlich ganz in unserer Nähe liegt, wo gewisse frühere Ereignisse Früchte tragen werden. Alle Seelen, die das Mittelalter hindurch den Christus-Impuls in sich verarbeitet haben, die die tiefen christlichen Mysterien des Mittelalters erlebt haben, werden dann den Christus-Impuls im Sinne des Paulus erfahren: Nicht ich bin es, der lebt, nicht ich bin es, der arbeitet, der Christus ist es. – Sie werden das eigene Innere durchleuchtet sehen vom Christus-Licht. Das ist die wichtige Tatsache, auf die hingewiesen werden muss. Diese Tatsache ist von der Geisteswissenschaft als eine so sichere vorauszusehen wie eine Sonnen- oder Mondfinsternis von der Astronomie. Diejenigen Menschen, die damals den Christus-Impuls in ihre Seelen aufgenommen haben, ihr Wollen, Fühlen und Denken im paulinischen Sinne mit ihm durchdrungen haben, werden wiederkommen. Und die Früchte ihrer Wiedergeburt werden sich zeigen, indem das, was sie damals durchlebt haben, als Kraft in ihrer Seele neu auflebt. In welcher Art wird es neu aufleben?

[ 28 ] Spiritual science, with the clairvoyant eye of the spiritual researcher, looks upon an epoch that lies very close to our own in time, in which certain earlier events will bear fruit. All souls who, throughout the Middle Ages, have assimilated the Christ impulse within themselves—who have experienced the profound Christian mysteries of the Middle Ages—will then experience the Christ impulse in the spirit of Paul: “It is not I who live, it is not I who work; it is Christ.” – They will see their own inner being illuminated by the light of Christ. This is the crucial fact that must be emphasized. Spiritual science regards this fact as just as certain as an eclipse of the sun or moon is in astronomy. Those people who absorbed the Christ impulse into their souls back then—who imbued their willing, feeling, and thinking with it in the Pauline sense—will return. And the fruits of their rebirth will become evident as what they experienced back then is revived as a force within their souls. In what way will it be revived?

[ 29 ] Die Geisteswissenschaft zeigt uns, dass sich in verhältnismäßig naher Zukunft und dann mehr und mehr in das kommende Jahrtausend hinein als allgemeine Erscheinung eine neue Geisteskraft im Innern der Menschen entwickeln wird, die man nicht anders bezeichnen kann als dadurch, dass man hinweist auf jene Tatsache, wie sie sich zuerst bei Paulus als natürliche Fähigkeit gezeigt hat. Paulus konnte durch alles, was er auf dem physischen Plan in Palästina über den Christus Jesus hatte erzählen hören, nicht überzeugt werden. Es wurde ihm aber klar, dass der Christus gelebt hatte und auferstanden war, als er durch seine geöffneten übersinnlichen Erkenntnisorgane, durch natürliche Hellsichtigkeit, das schaute, was wir als das Ereignis von Damaskus bezeichnen. Da wurde der Christus durch innere Erfahrung für ihn eine Tatsache — der Christus, der das Mysterium von Golgatha vollbracht hatte.

[ 29 ] Spiritual science shows us that, in the relatively near future—and then increasingly into the coming millennium—a new spiritual power will develop within human beings as a general phenomenon; this power can be described only by pointing to the fact that it first manifested itself in Paul as a natural ability. Paul could not be convinced by anything he had heard on the physical plane in Palestine about the Christ Jesus. However, it became clear to him that the Christ had lived and risen from the dead when, through his opened supersensible organs of perception—through natural clairvoyance—he beheld what we call the Event at Damascus. There, through inner experience, the Christ became a reality for him—the Christ who had accomplished the Mystery of Golgotha.

[ 30 ] Diejenigen, die behaupten, dass die Erscheinung von Damaskus eine bloße Vision gewesen sei, behaupten dadurch zugleich, dass die wichtigste Tatsache der abendländischen Kultur, die Religion des Christus, auf einer leeren Vision beruhe. Paulus sagt, er habe den Christus im Innern begriffen und könne daher etwas ganz Neues sehen, das der Welt zugrunde liege — etwas, das er früher nicht habe sehen können. Zunächst werden nur einzelne Menschen sich dazu entwickeln, so zu schauen wie Paulus vor Damaskus. Wir stehen im zwanzigsten Jahrhundert vor einer neuen Offenbarung des Christus aus der geistigen Welt heraus. Es werden Menschen auftreten, zuerst wenige, dann immer mehr und mehr, die draußen im Raum das Geistige, das auch in ihnen ist, werden leben und weben sehen, so wie sie die Materie, die auch in ihrem materiellen Leibe ist, draußen im Raum leben und weben sehen. Und für sie wird Wahrheit werden, was Zarathustra gelehrt hat, wenn das Ereignis von Damaskus sich ihnen als Erfahrung zeigen wird, wenn sie hinausblicken werden in den Raum und den Ursprung des Daseins, aus dem unser seelisches und materielles Wesen selber stammt, wenn sie dies im geistigen Licht sehen werden.

[ 30 ] Those who claim that the Damascus experience was merely a vision are thereby also claiming that the most important fact of Western culture—the religion of Christ—is based on an empty vision. Paul says that he has come to understand Christ inwardly and can therefore see something entirely new that underlies the world—something he had not been able to see before. At first, only a few individuals will develop the ability to see as Paul did on the road to Damascus. In the twentieth century, we stand before a new revelation of Christ emerging from the spiritual world. People will appear—at first a few, then more and more—who will see the spiritual, which is also within them, living and weaving out in space, just as they see matter, which is also within their physical bodies, living and weaving out in space. And for them, what Zarathustra taught will become truth when the event at Damascus reveals itself to them as an experience, when they look out into space and behold the origin of existence from which our soul and physical being themselves stem, when they see this in the light of the spirit.

[ 31 ] So stehen wir vor der Einlasspforte einer neuen historischen Entwicklung, einer neuen Offenbarung des Christus. Der Christus-Impuls wirkt so fort, dass zuletzt die Geheimnisse des Daseins des Christus von den Seelen als Erfahrung erlebt werden. Physisch war der Christus nur einmal in der Welt – das zeigt uns die Geisteswissenschaft –, und es ist ein Missverständnis des ganzen Wesens des Christus, wenn man glauben wollte, dass ein zweites Mal ein physisches Wesen erscheinen würde, das ein Christus genannt werden könnte. Das ist das Hypomochlion: Der Christus-Impuls lässt in der menschlichen Seele immer neue Fähigkeiten entstehen, und den neu erwachten Fähigkeiten wird sich der Christus mehr und mehr offenbaren. Nicht dazu hat der Christus den Impuls gegeben, dass er immer wieder in physischer Gestalt kommen muss und die Menschheit auf dem Punkt, wo sie schon gestanden hat, verbleiben muss. Es ist in ihr die Fähigkeit geweckt, ihn geistig zu schauen. Er ist gekommen, damit sie ihn geistig erfasst und ihn in immer höherer und höherer Weise empfängt.

[ 31 ] Thus we stand at the threshold of a new historical development, a new revelation of the Christ. The Christ impulse continues to work in such a way that, ultimately, the mysteries of the Christ’s existence will be experienced by souls as a lived reality. Physically, the Christ was in the world only once—as spiritual science shows us—and it is a misunderstanding of the very essence of the Christ to believe that a physical being could appear a second time that could be called the Christ. This is the Hypomochlion: The Christ impulse continually gives rise to new capacities in the human soul, and the Christ will reveal himself more and more to these newly awakened capacities. Christ did not give the impulse so that he would have to return again and again in physical form, leaving humanity stuck at the point where it had already been. The ability to perceive him spiritually has been awakened within humanity. He came so that humanity might grasp him spiritually and receive him in ever higher and higher ways.

[ 32 ] So stehen wir vor einer geistigen Christus-Offenbarung; diese wird den Menschen das geistige Licht senden und wird ihnen die Kraft geben, den Christus immer mehr und mehr zu verstehen. Insbesondere eröffnet uns der Christus-Impuls die Gewissheit, dass unsere Verkörperungen in die Zukunft hinein in uns nicht mehr das Bedürfnis wecken, uns vom Dasein zu befreien, sondern es immer mehr und mehr zu durchdringen. Das Christus-Bekenntnis ist eine Auferstehungsreligion – im Gegensatz zum Buddhismus, der eine Erlösungsreligion ist. Das ist die Botschaft, welche die Geisteswissenschaft oder Theosophie der Menschheit unserer Zeit geben kann: dass wir vor einer neuen Offenbarung des Christus stehen, dass nach und nach neue Erkenntnisfähigkeiten in den menschlichen Seelen zum Dasein gelangen und dass die Menschen hineinschauen können in das Geistige und den Christus sehen werden und wissen werden: Er ist da! Neue Erkenntnisfähigkeiten werden sich entwickeln, durch welche der ewige, lebendige Christus zuerst für wenige, dann für mehr und mehr Menschen und zuletzt für alle, die die entsprechenden Wege gehen, sich offenbaren wird.

[ 32 ] Thus, we are facing a spiritual revelation of Christ; this will send spiritual light to humankind and will give them the strength to understand Christ more and more. In particular, the Christ impulse gives us the certainty that, as we continue to incarnate into the future, we will no longer feel the need to free ourselves from existence, but rather to penetrate it more and more deeply. The Christ confession is a religion of resurrection—in contrast to Buddhism, which is a religion of salvation. This is the message that spiritual science, or theosophy, can offer to humanity in our time: that we are standing on the threshold of a new revelation of the Christ; that, little by little, new faculties of knowledge are coming into being within human souls; and that people will be able to look into the spiritual realm, see the Christ, and know: He is here! New faculties of perception will develop, through which the eternal, living Christ will reveal Himself—first to a few, then to more and more people, and ultimately to all who follow the appropriate paths.

[ 33 ] Das ist die Botschaft, die die Geisteswissenschaft dem Abendland bringen will. Und im Grunde genommen ist die Geisteswissenschaft nichts anderes als das, was aufmerksam machen will auf diese große Tatsache, die wir nicht übersehen dürfen. Verstehen sollen die Menschen das, was geschehen wird. Vorarbeiten für diese neue Offenbarung, vorarbeiten in der westlichen Kultur für den Christus des zwanzigsten Jahrhunderts will die moderne Theosophie, die Geisteswissenschaft. Dienerin will sie sein der sich entwickelnden Menschheit. So wie der Vorläufer des Christus sagen musste: Ändert die Seelenverfassung, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen – nämlich in das menschliche Gemüt herein —, so muss die Geisteswissenschaft der Gegenwart sagen: Ändert die Gesinnung, achtet auf das, was sich in den Menschenseelen als neu entstehende Kraft, als Kraft eines neuen Schauens, ankündigt. Achtet darauf, ändert die Seelenverfassung. – Dem Menschen, der sich mit dem Christus-Impuls durchdringt, wird es möglich, hineinzudringen in die Reiche des Ewigen und Unvergänglichen. Und so fassen wir unsere Betrachtung zusammen:

[ 33 ] This is the message that spiritual science seeks to bring to the West. And, in essence, spiritual science is nothing other than an effort to draw attention to this great fact, which we must not overlook. People should understand what is to come. Modern theosophy—spiritual science—seeks to lay the groundwork for this new revelation, to prepare Western culture for the Christ of the twentieth century. It seeks to be a servant to evolving humanity. Just as the Forerunner of Christ had to say, “Change the state of your souls, for the Kingdom of Heaven has drawn near—namely, into the human heart”—so must the spiritual science of the present say: “Change your attitude; pay attention to what is announcing itself in human souls as a newly emerging force, as the force of a new way of seeing.” Pay attention to this; change the state of your souls. — The person who allows the Christ impulse to permeate them will be able to penetrate into the realms of the eternal and the imperishable. And so we summarize our reflection:

Wesen reiht sich an Wesen in Raumesweiten,
Wesen folgt auf Wesen in Zeitenläufen.
Verbleibst du in Raumesweiten, im Zeitenlaufe,
So bist du, O Mensch, im Reiche der Vergänglichkeiten.
Über sie aber erhebt deine Seele sich gewaltiglich,
Wenn sie ahnend oder wissend schaut das Unvergängliche
Jenseits der Raumesweiten, jenseits der Zeitenläufe.

Beings follow one another in the vastness of space,
Beings follow one another in the flow of time.
If you remain in the vastness of space, in the flow of time,
Then you, O human, are in the realm of transience.
But your soul rises mightily above them,
When, with intuition or knowledge, it beholds the Imperishable
Beyond the expanses of space, beyond the flow of time.