Neues Christus-Erleben
GA 69c
13 Juni 1910, Oslo
1. Der Christus im zwanzigsten Jahrhundert
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Ich möchte auch in diesem Jahr zum Ausdruck bringen, dass es mir außerordentlich leidtut, die Ausführungen, die ich heute zu machen haben werde, nicht in Ihrer Sprache machen zu können. Allein, das geht nicht, und so bitte ich Sie um Entschuldigung, wenn ich in die Notwendigkeit versetzt bin, in einer Ihnen fremden Sprache über das Thema, das den Gegenstand des heutigen Vortrages bildet, zu sprechen.
[ 2 ] Es soll über diesen Gegenstand vom Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft, der Geistesforschung gesprochen werden. Damit ist schon angedeutet, dass die ganze Art der Behandlung, der Darstellung, der die Betrachtung über den Christus im zwanzigsten Jahrhundert unterworfen werden soll, einem heute noch wenig populären Gebiet angehört, denn Geisteswissenschaft oder Theosophie ist in weitesten Kreisen unserer gegenwärtigen Bildungswelt nicht nur unbeliebt, sondern auch noch recht unbekannt. Doch birgt gerade die Geisteswissenschaft die Mission in sich, über die wichtigsten Angelegenheiten, über die innersten Herzenstatsachen des Menschen in unserer und der nächsten Zeit sprechen zu müssen. Eine kurze Betrachtung des Folgenden kann uns das klar vor Augen stellen – gerade in Bezug auf unser heutiges Thema.
[ 3 ] Seit ich hier im vorigen Jahr über ein ähnliches Thema habe sprechen dürfen, hat sich in Deutschland eine heftige Diskussion abgespielt. In allen größeren Städten Deutschlands konnte man in den letzten Monaten an den Anschlagsäulen die Worte lesen: «Hat Jesus gelebt?» Zahlreiche Vorträge wurden gehalten, die sich – dafür oder dagegen – auf diese Frage, ob Jesus überhaupt gelebt habe, bezogen. Es ist bedeutsam, dass es keinerlei [äußere] Beweise dafür gibt, dass Jesus von Nazareth wirklich eine historische Persönlichkeit ist — er, zu dem Millionen von Menschen aufgeschaut haben als dem Träger der größten Hoffnungen, als dem Ausgangspunkt des Trostes im tiefsten Leid. Es ist eine bedeutungsvolle Tatsache, dass die Wissenschaft unserer Zeit die Frage aufwerfen muss, ob dieser Allgeliebte und Geheiligte überhaupt jemals gelebt habe, und dass man keine historischen Beweise hat, ob er wirklich gelebt hat.
[ 4 ] So wie es bezeichnend ist, dass die Wissenschaft in der äußeren Tatsachenforschung zu diesem Standpunkt gekommen ist, so ist es auch bezeichnend, dass in unserer Zeit, wenig anerkannt von unserer Zeitbildung, eine geistige Richtung sich geltend macht, die rein aus den Tatsachen der geistigen Forschung heraus sagen muss: Diese Tatsachen der geistigen Forschung ergeben die Wirklichkeit des Jesus mit einer Sicherheit, wie sie keine äußere Urkunde, keine äußere Überlieferung geben kann. Da, wo die äußere Tatsachenforschung die Möglichkeit verliert, den historischen Jesus zu beweisen, tritt die Geistesforschung ein, die immer mehr in der Lage sein wird, mit absoluter Sicherheit die Wirklichkeit des Christus Jesus als historische Tatsache zu beweisen.
[ 5 ] Unsere Zeit hat Großes, Gewaltiges hinter sich in Bezug auf die äußere, physische Tatsachenforschung, und mit Recht ist sie stolz darauf. Die Geistesforschung aber ist verpflichtet, darauf hinzuweisen, dass es möglich ist, noch andere Instrumente, noch andere Werkzeuge zu schaffen, die sich nicht mit den äußeren Händen verwirklichen und nicht mit den äußeren Augen schauen lassen, die aber vom Menschen erzeugt werden können, wenn er die Kräfte, die schon in seinem gewöhnlichen Seelenleben vorhanden sind – die Kräfte des Denkens, Fühlens und Wollens –, über das normale Maß hinaus entwickelt. Die Geisteswissenschaft muss darauf hinweisen, dass sich die Kräfte des Denkens, Fühlens und Wollens, wie sie der Mensch zunächst in der normalen Entwicklung hat, steigern lassen, und dass es auch heute noch, wie es sie seit den Urzeiten immer gegeben hat, Geistesforscher gibt, die zu ihrer Forschung nicht nur äußere Instrumente, äußere Werkzeuge gebrauchen, sondern auch diejenigen inneren Kräfte entwickeln, die in der menschlichen Seele schlummern.
[ 6 ] Wer sich in dieser Weise zum Forscher macht, bekommt neue Erkenntnisorgane, die ihm etwas erschließen, was sich ihm sonst nicht erschlossen hätte – Organe, durch die auf einer höheren Stufe das eintritt, was auf einer niedrigeren Stufe für den Blindgeborenen eintritt, wenn er operiert [und dadurch sehend] wird, und der dann die Farben und Formen um ihn herum, von denen er früher nur aus der Erzählung der andern Menschen wusste, sehen kann. So ist es mit der geistigen Welt: Sie ist Wirklichkeit, aber nur wenn der Mensch imstande ist, die in ihm schlummernden Kräfte zu der Stufe der Hellsichtigkeit – der wahren, nicht der krankhaften Hellsichtigkeit — hinaufzuheben, wird sie ihm zur selbsterfahrbaren Tatsache.
[ 7 ] Dabei gilt für die Geistesforschung dasselbe wie für jede andere Forschung: Ebenso wenig wie der Mensch im alltäglichen Leben sich immer ins Laboratorium hineinstellen und selber mit Retorten und andern Werkzeugen arbeiten kann, um der Natur ihre Geheimnisse abzuringen, ebenso wenig kann sich natürlich der Alltagsmensch auf all das einlassen, was der Geistesforscher verrichtet. Darüber können Sie einiges finden in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Aber immer muss betont werden, dass es sich damit verhält wie mit dem, was der Chemiker in seinem Laboratorium erforscht: Man erfährt, was er mit seinen Werkzeugen erforscht hat, und das Erforschte kann dann durch den natürlichen Willen zur Wahrheit begriffen werden. So ist es auch in der Geisteswissenschaft oder Theosophie: Einzelne können Forscher werden und ihre Kräfte zur Hellsichtigkeit entwickeln, dann können sie von dem berichten, was in der geistigen Welt geschaut werden kann, und das kann dann durch die Vernunft, durch das natürliche [vernunftgemäße] Denken eingesehen werden. Ein solches Ergebnis aus der Geistesforschung soll uns heute vor Augen treten, und zwar so, dass es von Ihnen – ich bitte Sie – so aufgenommen wird, wie wenn Ihnen ein Chemiker erzählt, was er in seinem Laboratorium erforscht hat.
[ 8 ] Wir stehen heute in Bezug auf die Christus-Auffassung, in Bezug auf unsere ganze Stellung zum Christus-Problem in einer wichtigen, in einer herausragenden Epoche der Menschheitsentwicklung. Glauben Sie mir, wer auf dem Standpunkt der Geisteswissenschaft steht, ist nicht freigebig mit dem Wort: Wir stehen in einer Übergangsepoche. — Er weiß, dass dieses Wort schon für jedes Zeitalter gebraucht wurde. Er gebraucht es nur dann, wenn die geistigen Tatsachenzusammenhänge es erfordern, wenn in einer bestimmten Epoche etwas ganz Besonderes vorliegt. Wir leben in einer Zeit, welche die Geistesforschung nur mit dem noch bedeutenderen Zeitalter der letzten Jahrhunderte vor der Initiierung des Christentums vergleichen kann, als die Erwartungen der Menschen aufs höchste gespannt waren auf ein Ereignis, das da kommen musste und den Ausdruck fand in den Worten Johannes des Täufers: Ändert eure Seelenverfassung, denn die Reiche der Himmel – die geistige Welt – sind nahe herbeigekommen. In einer ähnlichen Erwartung lebt heute der Geistesforscher, in einer ähnlichen Weise dürfen wir zur gegenwärtigen Menschheit sprechen: Wir stehen vor einer neuen ChristusOffenbarung. Allerdings wird sie von ganz anderer Art sein als vor 1900 Jahren.
[ 9 ] Was versteht nun die Geisteswissenschaft unter dem Christus, wenn sie von der neuen Christus-Offenbarung im zwanzigsten Jahrhundert spricht? Der Christus ist für die Geisteswissenschaft der höchste Impuls, der in die Entwicklung der Menschheit eingegangen ist. Alle diejenigen, die jemals mit hellsichtigem Auge das geistige Leben der Menschheit durchschauen konnten, sprachen schon immer von dem Christus, nur gebrauchten sie andere Namen. Auch die großen Lehrer im alten Indien, die gewöhnlich als die heiligen Rishis bezeichnet werden, sprachen von dem Christus. Wie aber sprachen sie von ihm? Sie sprachen so, dass alle diejenigen, die sie verstanden, wissen konnten: Wenn sie von «Vishvakarman» sprachen – das war der Name, mit dem sie Christus bezeichneten –, dann sprachen sie von der höchsten geistigen Macht, zu der sich der Mensch aufschwingen kann, wenn er sich in seine eigenen Seelenkräfte versenkt – absehend von allem, was äußere, sinnliche Wahrnehmung gibt – und hinausschaut auf die großen Tatsachen der Welt oder hineinschaut in sein eigenes Inneres. Sieht der Mensch in die Welt hinaus und durchschaut, was sich im Raum ausdehnt und in der Zeit abspielt als Maya, als Täuschung, und sieht er hinter diesem Schleier der Maya gleichsam sich ausbreiten, was der Sinneswelt zugrunde liegt, so nennt das die vedische Lehre «Brahman». Sieht der Mensch in sein Inneres, auf sein eigentliches Selbst, wie es ein Teil ist dessen, was in der Welt webt und lebt, so nennt sie es «Atman». So spricht die uralte vedische Lehre von Vishvakarman das durch Raum und Zeit Webende als «Brahman» aus und das als innere Offenbarung Erscheinende als «Atman». Aber eines schärften die vedischen Lehrer ihren Zuhörern immer wieder ein: dass der Mensch nur dann, wenn er frei wird von aller Sinnesanschauung, wenn er sich frei macht von allem, was im äußeren Raum sichtbar ist, Einsicht in das Wesen von Vishvakarman, von Brahman und Atman erlangen kann.
[ 10 ] Dann kam die Zeit, in der ein anderer großer Führer der Menschheitsentwicklung auf den Christus hinwies. Wer über Namen und Bezeichnungen hinwegsehen kann, der weiß, dass der große Zoroaster oder Zarathustra von der Christus-Offenbarung sprach. Was sprach Zarathustra aus seiner Hellsichtigkeit, die er sich auf dieselbe Weise, wie heute hier von Hellsichtigkeit gesprochen worden ist, angeeignet hatte, wenn er seine Zuhörer auf die im äußeren Raum leuchtende Sonne hinwies? Wie sprach er von der Sonne? [Er sprach so:] Wenn ihr hinaufschaut zur Sonne und das physische Licht der Sonne seht, so ist dieses physische Licht nur das Kleid des geistigen Wesens. Dieser Körper des geistigen Wesens verhält sich zu dem, was wahrhaft in der Sonne lebt, wie die äußere menschliche Leiblichkeit zu dem, was geistig als Seele den menschlichen Leib durchzieht, durchwebt und durchlebt. – Das aber nannte er – es kommt jetzt nicht aufs Wort an – «Aura» oder «Ahura Mazdao». Für das innere Auge ist es gegenüber der äußeren Leiblichkeit als inneres Licht wahrnehmbar. Für das hellsichtige Auge ist eine Aura das, was den Menschen geistig durchlebt. So wies Zarathustra die Menschen hinauf zur Sonne: Das äußere Licht der Sonne ist die Leiblichkeit für den Sonnengeist, den er, im Gegensatz zum kleinen inneren Licht im Menschen, die «große Aura» nannte. Die große Sonnenaura war für Zarathustra das, was lebt und wirkt in aller Menschheitsentwicklung. Das war für ihn auch das, zu dem der Mensch vordringt, wenn er die innere Kraft der Seele ergreift, wenn er sich in sich selber versenkt. So sprach Zoroaster oder Zarathustra von dem großen Sonnengeist, aber er sprach so von ihm, dass er eine reale, wirkliche Geistigkeit ist, die die Welt durchsetzt und durchlebt.
[ 11 ] Die Naturwissenschaft untersucht die Materie, die den Menschen zusammensetzt und auch draußen im Weltall wirkt. In Bezug auf die Leiblichkeit sieht sie den Menschen als Teil des Makrokosmos an. Aber niemals ist im Menschen die Sehnsucht erloschen, seine Zugehörigkeit zum großen Weltall nicht nur stofflich-sinnlich zu erkennen, sondern auch den Zusammenhang des ihn selbst durchdringenden, mit Leben erfüllenden Geistigen mit dem Geistigen in der Welt zu finden. Es lebt heute in vielen Menschen die Sehnsucht nach dem, was Zoroaster als Sonnenaura, als die große Aura verkündet hat. Er sprach von dem Geist, der dem Menschenherzen so zuströmt, wie das Sonnenlicht der Erde zuströmt und die Pflanzen zum Leben erweckt. Besonders eindrücklich sagte er es mit folgenden Worten:
[ 12 ] Ich will reden, nun kommt und hört mir zu, ihr, die ihr von nah und fern kommend Verlangen danach tragt. Sprechen will ich von dem, der da offenbar werden kann für den Geist. Und nicht mehr soll der trügerische Sinn verwirren die Menschen, die sich binden an die Stofflichkeit und an die niedere Natur. Ich will reden von dem, was in der Welt das Erste und Größte ist, was Er mir offenbart hat, der gro ße Geist der Sonne, Ahura Mazda.
[ 13 ] So wollte Zarathustra andeuten, dass es möglich ist, die geistigen Tatsachen ebenso zu erkennen wie die materiellen, die den Raum ausfüllen und in der Zeit sich entwickeln.
[ 14 ] Heute fühlt der Mensch den Drang, die Sehnsucht, zu erkennen, dass er seiner Seele und seinem Geist nach herausgeboren ist aus dem Weltengeist. Aber es gibt keine Brücke, die über die Kluft [zwischen der Sinneswelt und der übersinnlichen Welt] hinüberführt. Diese Brücke aber will die Geisteswissenschaft schlagen, und zwar dadurch, dass sie die höheren Kräfte in der Menschenseele entwickelt. Die Geisteswissenschaft zeigt uns, wie sich die Menschheit im Laufe der Zeit entwickelt. Als Ziel dieser Entwicklung erweist sich das, was der Geistesforscher, der Geisteswissenschafter dadurch erreicht, dass er sich frei macht von allem, was an die äußere Natur, an die äußere Leiblichkeit gebunden ist. Das erreicht die Menschheit in ganz anderer Gestalt, langsam und allmählich. Gerade die Geisteswissenschaft macht uns so recht anschaulich, dass es in Bezug auf die innere Menschennatur einen wirklichen Fortschritt, eine wirkliche Entwicklung gibt. Fassen wir ins Auge, was der Geistesforscher vermag: Er vermag in die geistige Welt hineinzuschauen – nicht mit der gewöhnlichen, alltäglichen Anschauung, sondern nur, wenn er durch einen kräftigen inneren Willensakt seinen höheren Menschen aus dem niederen Menschen heraushebt, wenn er sich frei macht von der gewöhnlichen, alltäglichen Anschauung; dann vermag er das zu sehen, was zum Beispiel Gegenstand einer solchen Betrachtung wie der heutigen ist. Für den Geisteswissenschafter ist es nötig, ganz besondere Verhältnisse herbeizuführen. Das, was man Hellsehen und Hellhören nennt und was von selbst eintritt, ist etwas ganz anderes als das, was der Geistesforscher durch einen kräftigen Willensakt hervorruft und wodurch er unabhängig von aller Leiblichkeit in die geistige Welt hineinsieht. Aber das, was er auf einer höheren Stufe der Geistesforschung erreicht, das wird nach und nach eine Fähigkeit der natürlichen Menschheitskräfte werden. Der Mensch entwickelt sich von Epoche zu Epoche, von Zeitalter zu Zeitalter. Es werden immer höhere Erkenntniskräfte erworben. Deshalb kann der Geistesforscher davon sprechen, dass sich im Menschheitsfortschritt langsam eine neue Erkenntnisfähigkeit entwickelt. Der Geistesforscher kann – das muss gesagt werden – in einem gewissen Sinne auch einmal etwas prophetisch voraussehen, wenn er hinschaut auf die Natur der Seelen in einer gewissen Epoche, auf die Kräfte, die nach einem gewissen Ziel hindrängen. Und heute drängen diese Kräfte nach einem gewissen Ziele hin.
[ 15 ] Wenn wir zurückschauen auf die Art, wie die Menschen durch die verschiedenen Zeitalter, durch die Jahrhunderte und Jahrtausende hindurch vom Christus gesprochen haben – allerdings andere Namen gebrauchend –, dann finden wir gegenüber der Art, wie heute gesprochen werden muss, einen gewaltigen Unterschied. Zu allen Zeiten vor Beginn unserer christlichen Zeitrechnung ist von den wirklich Erkennenden gesprochen worden von dem Christus als einem, der da kommen wird, als einem, der in der Zukunft sich den Menschen noch in einer ganz anderen Weise offenbaren wird. Die damaligen Geistesforscher sagten: Jetzt können nur die den Christus schauen, welche sich in die höheren Welten erheben können; sie schauen den Christus in der übersinnlichen, in der geistigen Sphäre. — So hatten die Seher Indiens den Vishvakarman, so hatte Zarathustra den Ahura Mazdao geschaut.
[ 16 ] Doch sie wiesen immer darauf hin, dass der Christus sich einst auch anderen menschlichen Wahrnehmungsfähigkeiten, nicht bloß den gesteigerten, sondern den gewöhnlichen menschlichen Wahrnehmungsfähigkeiten, den natürlichen menschlichen Erkenntniskräften, zeigen werde. So spricht alle Geistesforschung von dem Christus nicht nur als von einer geistigen Kraft, von einer geistigen Macht, die in der Menschheit lebt, sondern sie spricht von dem Christus so, dass sie sich klar ist darüber, dass der Christus — diese Wesenheit, von der zu allen Zeiten gesprochen worden ist und auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft auch in aller Zukunft gesprochen werden wird – tatsächlich einmal menschliche Gestalt angenommen hat, dass er wirklich einmal als der historische Jesus gelebt hat.
[ 17 ] Für die Geisteswissenschaft ist Jesus von Nazareth etwas ganz Besonderes. Wir können es vergleichen mit dem, wovon einst der große Mechaniker Archimedes gesprochen hat. Er hat gesagt: Gebt mir einen festen Punkt für meinen Hebel, und ich will euch die Erde bewegen. — Er verlangte einen festen Punkt, auf den man alles beziehen kann. Nur dadurch wird etwas im Raum verstanden, dass man einen festen Punkt hat, auf den man es beziehen kann. Ebenso wird das in der Zeit Verlaufende für die Geisteswissenschaft dadurch verständlich, dass in der historischen Entwicklung ein fester Punkt da ist. Und alle Eingeweihten, alle Geistesforscher vor Beginn unserer Zeitrechnung wiesen auf diesen festen Punkt hin als auf etwas, das in der Zukunft kommen werde. Wir aber weisen auf diesen festen Punkt hin als auf etwas, das in der Vergangenheit da war, und wir beziehen alle Ereignisse, die jemals noch eintreten werden, auf diesen festen Punkt, auf dieses Hypomochlion. Daher sprechen wir innerhalb der Geisteswissenschaft aufgrund der Tatsachen und der Ergebnisse dieser Geisteswissenschaft von dem historischen Jesus als von einer Wirklichkeit. Die Geisteswissenschaft ist auch imstande, die Evangelien in einer neuen Weise zu begreifen, indem sie in ihre Tiefen hineinleuchtet. Wenn Sie tiefer hineindringen in die Geisteswissenschaft, so werden Sie sehen, dass gerade die Geisteswissenschaft neues Licht wirft auf das Verständnis der Evangelien. Aber die Geisteswissenschaft macht ihre Erkenntnis über den Christus Jesus nicht von diesen Urkunden abhängig. Alles, was sie zu sagen hat, sagt sie unabhängig von aller historischen Überlieferung. Und erst indem sie ihre Ergebnisse vergleicht mit den Evangelien, werden auch diese tiefer beleuchtet.
[ 18 ] Was bedeutet nun die Tatsache, dass der Christus im physischen Leib des Jesus unter den Menschen gewandelt ist, dass er das vollbracht hat, was wir das Mysterium von Golgatha nennen, welches uns lehren kann, dass das Geistige immer den Sieg über das Leibliche, das Leben immer den Sieg über den Tod erringt? Was bedeutet dieser Impuls in der Fortentwicklung der Menschheit? Von dem Zeitpunkt an, wo der Christus im physischen Leib des Jesus von Nazareth gewohnt hat, kann nun der Mensch, wenn er in seine eigene Seele hinuntersteigt, das, was vorher bloß kosmisch war, was er nur erreichen konnte, wenn er außerhalb seines Leibes weilte, als geistige Kraft in sich selber erfahren. Wer aus seiner Weltanschauung heraus nicht zugeben kann, dass eine Kraft aus dem Kosmos hineingedrungen ist in die einzelnen menschlichen Seelen, sich hineinbegeben hat, um eine in diesen Seelen weiterwirkende Kraft zu sein, der wird niemals den Christus-Impuls begreifen können.
[ 19 ] Nicht schon vorher, sondern erst vom Ereignis von Palästina an war in den menschlichen Seelen selbst ein neuer Impuls. Seit jener Zeit ist etwas in den menschlichen Seelen, was vorher nicht da war. Die Menschen begreifen leicht, dass in den äußeren chemischen Substanzgemengen etwas Neues entsteht, wenn man eine neue Substanz zufügt. Das begreifen sie leichter, als dass damals, als Jesus auf der Erde wandelte, etwas vorgegangen ist mit der ganzen Menschheit dadurch, dass aus den übersinnlichen Gebieten etwas Neues in die menschlichen Seelen hineingekommen ist. Wie eine neue Substanz, die in einem Substanzgemenge weiterwirkt, so wirkt von da ab in den menschlichen Seelen eine ganz neue Kraft – eine Kraft, die diese menschlichen Seelen nun weiter und weiter bringt. Die Geisteswissenschaft zeigt uns, dass der Mensch in der Tat in Bezug auf sein innerstes Wesen seit der Erscheinung des Christus auf der Erde zu etwas ganz Neuem veranlagt ist – zu etwas, zu dem er vorher nicht veranlagt war. Das muss die Geisteswissenschaft mit aller Schärfe, man möchte sagen, mit allem Idealismus betonen.
[ 20 ] Nun zeigt uns aber die Geistesforschung, dass dieser Impuls, der damals in die Seelen der Menschen hineingepflanzt worden ist, sich nur langsam entwickeln kann, dass er sich in der ersten Zeit kaum wahrnehmbar gezeigt hat und erst nach und nach – bis in die fernste Zukunft — die Menschheit zu immer Höherem und Höherem führen wird. Um nun zu verstehen, was da im Menschen vorgeht, müssen wir uns noch eine andere Tatsache, die die Geisteswissenschaft erforscht, vor Augen führen. Von ihr zu sprechen ist allerdings in unserer Zeit schon etwas gefährlich, weil nur wenige Menschen der Gegenwart geneigt sind, mit dem mitzugehen, was hier aus der Geisteswissenschaft heraus gesagt werden muss. Sie zeigt uns — und jetzt gehen wir zunächst von unserm eigentlichen Thema ab – das Folgende: Sie zeigt uns das Tiefere in der menschlichen Natur, sie zeigt uns etwas, was die sich fortentwickelnde Menschheit mit Sicherheit in verhältnismäßig kurzer Zeit begreifen wird, was aber heute noch von vielen Seiten für eine Phantasterei, für den größten Unsinn angesehen wird. Was uns die Geisteswissenschaft zeigt, ist auf einer höheren Ebene mit etwas zu vergleichen, was die Menschheit auf einer tieferen Ebene erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit für wahr befunden hat — das muss immer wieder betont werden.
[ 21 ] Im siebzehnten Jahrhundert glaubten nicht nur Laien, sondern auch gelehrte Forscher, die fest auf dem Boden der Naturwissenschaft standen, dass sich aus Flussschlamm Würmer, Insekten und sogar Fische entwickeln könnten, ohne dass ein entsprechender Keim hineingelegt worden wäre. Und es war dann der große Naturforscher Francesco Redi, der im siebzehnten Jahrhundert den bedeutungsvollen Satz ausgesprochen hat: Lebendiges kann nur von Lebendigem kommen. – In einer Schrift des siebenten nachchristlichen Jahrhunderts zum Beispiel finden Sie ausgeführt, wie Lebendiges sich ohne Keim entwickelt — mit einer Selbstsicherheit, mit der damals in manchen naturwissenschaftlichen Schriften die Dinge behauptet wurden. Da finden Sie dargestellt: Wenn man einen Pferdekadaver mürbe schlägt, entstehen Bienen, und wenn man einen Eselskadaver mürbe schlägt, entstehen Wespen. Das wurde alles ebenso schematisiert, wie es in der heutigen Zeit in vieler Beziehung üblich ist. Und als im siebzehnten Jahrhundert Redi das, was erst im neunzehnten Jahrhundert einen naturwissenschaftlichen Beweis erfahren hat, aussprach — Lebendiges kann nur von Lebendigem kommen –, da war er ein Ketzer und entging nur mit großer Mühe dem Schicksal des Giordano Bruno. Damals verbrannte man diejenigen, die so etwas behaupteten; heute ist das nicht mehr Mode. Aber heute gelten die Leute, die auf einem höheren Gebiete, nämlich auf dem Gebiete des Geistigen, die gleiche Wahrheit verbreiten und zeigen, dass Geistig-Seelisches nur aus GeistigSeelischem kommen kann, als schlimme Ketzer.
[ 22 ] Heute wird behauptet, dass das Geistig-Seelische einer menschlichen Individualität – das, was als Eigenschaften und Merkmale der Seele von Tag zu Tag heranwächst — nur aus den Eigenschaften von Vater und Mutter, Großvater und Großmutter und so weiter hervorgehe. Nun zeigt die Geisteswissenschaft, dass ein geistig-seelisches Wesen aus einer geistigen Vergangenheit hineindringt in das, was von Vater und Mutter, Großvater und Großmutter und so weiter vererbt wird – ebenso wie ein Keim in die Flussmaterie hineingelegt werden muss und sich dann darin entfaltet —, und dass in dem, was vererbt wird, sich das Selbstständige, Individuelle, das von einem früheren Dasein geistig-seelischer Art herkommt, entfaltet. Sie zeigt, dass das Geistig-Seelische nicht zurückgeführt werden kann auf das, was in der physischen Vererbungslinie liegt, sondern auf ein Geistig-Seelisches, das nichts mit dem Physischen zu tun hat. Die Mode hat sich geändert: Heute bestraft man diejenigen, die so etwas lehren, dadurch, dass man sie als Narren verschreit. Heute schon wird derjenige als Autorität angesehen, der sagt: Lebendiges kann nur aus Lebendigem stammen. — Ebenso wird die andere Wahrheit, dass Geistig-Seelisches nur von Geistig-Seelischem kommen kann, in nicht allzu ferner Zeit allgemeines Menschheitsgut werden. Dann aber wird man nicht begreifen können, wie die Menschheit einmal etwas anderes hat glauben können.
[ 23 ] Nun ist aber diese Anschauung, wenn sie bis in ihre letzten Konsequenzen verfolgt wird, nichts anderes als das, was man die Lehre von der Reinkarnation, die Lehre von den wiederholten Erdenleben nennt: Das, was als Geistig-Seelisches im jetzigen Erdenleben lebt, hat schon in einem früheren Erdenleben gelebt, und das jetzige Erdenleben ist Ausgangspunkt für ein zukünftiges. Das Geistig-Seelische der Vergangenheit sucht sich einen Mutterboden, in den es einziehen kann, den Mutterboden von Vater und Mutter, Großvater und Großmutter und so weiter. Das eine ist ebenso notwendig wie das andere. Für den, der sich Hellsichtigkeit und Hellhörigkeit angeeignet hat, ist die Anschauung von den wiederholten Erdenleben eine Selbstverständlichkeit.
[ 24 ] Sie alle wissen, dass die Lehre von den wiederholten Erdenleben eine uralte Lehre ist und dass sie mit besonderer Kraft einst im Orient von Buddha und der von ihm gestifteten Religionsgemeinschaft verbreitet worden ist und Eingang gefunden hat in Millionen und Millionen von Seelen. Aber nicht aus dem Buddhismus übernimmt die moderne Geistesforschung ihre Lehre – das muss ausdrücklich betont werden. Es ist eine Verkennung des Tatbestandes, wenn man sagt, die moderne Theosophie oder Geisteswissenschaft habe die Lehre von den wiederholten Erdenleben aus dem Buddhismus entlehnt. Man braucht dazu keine alte Lehre. Ebenso wenig wie man auf die Schriften des Euklid zurückzugreifen braucht, um zu beweisen, dass die Winkelsumme im Dreieck 180 Grad beträgt, ebenso wenig braucht man auf den Buddhismus zurückzugehen, um die Wiederverkörperung zu beweisen. Auch heute kann die Wahrheit von den wiederholten Erdenleben erforscht werden.
[ 25 ] Für denjenigen, der den Christus-Impuls wirklich begreift, stellt sich die Wahrheit von den wiederholten Erdenleben in anderer Art dar als für den Anhänger des Buddha. Buddha hat die Tatsache der wiederholten Erdenleben immer wieder betont. Er hat seine sogenannten «vier edlen Wahrheiten» vor die Menschheit hingestellt: Geburt ist Leiden, Krankheit ist Leiden, Tod ist Leiden, Nicht-vereint-Sein mit dem, was man liebt, und Vereint-Sein mit dem, was man nicht liebt, ist Leiden. – Frei zu werden von dem Karma, immer wieder aus dem Geistigen hinabsteigen zu müssen in einen irdischen Leib, sobald als möglich frei zu werden von dem Drang nach Dasein, frei zu werden von dem Trieb, sich zu verkörpern: Das ist der Impuls der BuddhaLehre. In der Buddha-Lehre tritt uns die Lehre von der Wiederverkörperung einseitig entgegen. Die BuddhaLehre hat nicht den Impuls, in die menschliche Seele das hineinzuversetzen, was durch die aufeinander folgenden Wiederverkörperungen fortwirkt und immer neue und neue Kräfte in den einzelnen Menschen erweckt. Die Geisteswissenschaft aber, die moderne Theosophie, sieht im Christus-Impuls das, was in die menschliche Seele einschlägt, was den Willen ergreift, erzieht und entwickelt, was in der Seele so wirkt, dass sie, wenn sie in einer Verkörperung vom Christus-Impuls berührt wird, in der nächsten Verkörperung in neuer Art auflebt, dass der Christus-Impuls in die nächste Verkörperung hineinwirkt. Und weil er hineinwirkt, kann diese Seele ihre Kräfte entfalten, die durch die Kraft des ChristusImpulses gesteigert, zu noch höheren Höhen hinaufentwickelt werden.
[ 26 ] So sehen wir im Christus-Impuls das, was in der menschlichen Seele fortwirkt von Verkörperung zu Verkörperung, was den folgenden Verkörperungen neuen Sinn und neuen Inhalt gibt. Deshalb sprechen wir nicht davon, dass wir uns so bald wie möglich vom Rad der Wiederverkörperung befreien sollen, sondern davon, dass wir uns mehr und mehr mit dem lebendigen Christus-Impuls durchdringen wollen. Dadurch, dass der Christus auf den physischen Plan heruntergekommen ist, ist es möglich geworden, dass wir uns mit dem Christus-Impuls wie mit einer geistigen Substanz durchdringen. Mit Recht nennt man die buddhistische Religion eine Erlösungsreligion. Die christliche Religion ist keine Erlösungsreligion, sondern eine Auferstehungsreligion. Das, was uns der Christus im Mysterium von Golgatha vorgelebt hat mit der Überwindung des Todes durch den Geist, das wiederholt sich immer von Neuem, wenn wir in einer neuen Verkörperung wiedererstehen, befruchtet von dem Christus-Impuls.
[ 27 ] Müssen wir uns denn nicht sagen: Es werden Zeiten kommen, wo die Kunstwerke, die Tausende und Abertausende von Menschenseelen entzückt haben, zu Staub zerfallen werden? So ist es mit dem Größten wie mit dem Kleinsten, was die Menschen in unserer physischen Welt leisten können: In Staub löst es sich auf. Aber wenn wir die Sache im Sinne der Wiedergeburt, der wiederholten Erdenleben, durchschauen, dann sagen wir uns: Der Künstler hat aus seiner Seele heraus dem Stoffe etwas einverleibt; dadurch ist aber auch seine Seele etwas anderes geworden, seine Arbeit hat auf den Stoff eingewirkt, sie hat aber auch auf die Seele zurückgewirkt. – So ist es bei jedem Menschen, beim Künstler zeigt es sich nur am deutlichsten. In einer neuen Verkörperung arbeiten wir mit den Kräften weiter, die wir uns in der vorhergehenden Verkörperung erworben haben. Diese Kräfte werden wiedergeboren, sie auferstehen, sie werden erweckt zu neuem Leben. So ist es auch nicht mehr absurd zu sagen: Die ganze Erde wird einst zu Staub zermalmt sein. So wie der Leib des einzelnen Menschen zu Staub zerfällt, so wird die ganze Erde, der Leib unseres planetarischen Daseins, zerfallen. Die menschlichen Seelen werden aber dann etwas erreicht haben, was zu neuen Daseinsstufen übergeht. Der Erdenleib fällt ab, und die Menschheit geht zu neuen Gestalten über. Und der Impuls, der darin lebt, ist der Christus-Impuls.
[ 28 ] Die Geisteswissenschaft schaut mit dem hellsichtigen Auge des Geistesforschers eine Epoche, die zeitlich ganz in unserer Nähe liegt, wo gewisse frühere Ereignisse Früchte tragen werden. Alle Seelen, die das Mittelalter hindurch den Christus-Impuls in sich verarbeitet haben, die die tiefen christlichen Mysterien des Mittelalters erlebt haben, werden dann den Christus-Impuls im Sinne des Paulus erfahren: Nicht ich bin es, der lebt, nicht ich bin es, der arbeitet, der Christus ist es. – Sie werden das eigene Innere durchleuchtet sehen vom Christus-Licht. Das ist die wichtige Tatsache, auf die hingewiesen werden muss. Diese Tatsache ist von der Geisteswissenschaft als eine so sichere vorauszusehen wie eine Sonnen- oder Mondfinsternis von der Astronomie. Diejenigen Menschen, die damals den Christus-Impuls in ihre Seelen aufgenommen haben, ihr Wollen, Fühlen und Denken im paulinischen Sinne mit ihm durchdrungen haben, werden wiederkommen. Und die Früchte ihrer Wiedergeburt werden sich zeigen, indem das, was sie damals durchlebt haben, als Kraft in ihrer Seele neu auflebt. In welcher Art wird es neu aufleben?
[ 29 ] Die Geisteswissenschaft zeigt uns, dass sich in verhältnismäßig naher Zukunft und dann mehr und mehr in das kommende Jahrtausend hinein als allgemeine Erscheinung eine neue Geisteskraft im Innern der Menschen entwickeln wird, die man nicht anders bezeichnen kann als dadurch, dass man hinweist auf jene Tatsache, wie sie sich zuerst bei Paulus als natürliche Fähigkeit gezeigt hat. Paulus konnte durch alles, was er auf dem physischen Plan in Palästina über den Christus Jesus hatte erzählen hören, nicht überzeugt werden. Es wurde ihm aber klar, dass der Christus gelebt hatte und auferstanden war, als er durch seine geöffneten übersinnlichen Erkenntnisorgane, durch natürliche Hellsichtigkeit, das schaute, was wir als das Ereignis von Damaskus bezeichnen. Da wurde der Christus durch innere Erfahrung für ihn eine Tatsache — der Christus, der das Mysterium von Golgatha vollbracht hatte.
[ 30 ] Diejenigen, die behaupten, dass die Erscheinung von Damaskus eine bloße Vision gewesen sei, behaupten dadurch zugleich, dass die wichtigste Tatsache der abendländischen Kultur, die Religion des Christus, auf einer leeren Vision beruhe. Paulus sagt, er habe den Christus im Innern begriffen und könne daher etwas ganz Neues sehen, das der Welt zugrunde liege — etwas, das er früher nicht habe sehen können. Zunächst werden nur einzelne Menschen sich dazu entwickeln, so zu schauen wie Paulus vor Damaskus. Wir stehen im zwanzigsten Jahrhundert vor einer neuen Offenbarung des Christus aus der geistigen Welt heraus. Es werden Menschen auftreten, zuerst wenige, dann immer mehr und mehr, die draußen im Raum das Geistige, das auch in ihnen ist, werden leben und weben sehen, so wie sie die Materie, die auch in ihrem materiellen Leibe ist, draußen im Raum leben und weben sehen. Und für sie wird Wahrheit werden, was Zarathustra gelehrt hat, wenn das Ereignis von Damaskus sich ihnen als Erfahrung zeigen wird, wenn sie hinausblicken werden in den Raum und den Ursprung des Daseins, aus dem unser seelisches und materielles Wesen selber stammt, wenn sie dies im geistigen Licht sehen werden.
[ 31 ] So stehen wir vor der Einlasspforte einer neuen historischen Entwicklung, einer neuen Offenbarung des Christus. Der Christus-Impuls wirkt so fort, dass zuletzt die Geheimnisse des Daseins des Christus von den Seelen als Erfahrung erlebt werden. Physisch war der Christus nur einmal in der Welt – das zeigt uns die Geisteswissenschaft –, und es ist ein Missverständnis des ganzen Wesens des Christus, wenn man glauben wollte, dass ein zweites Mal ein physisches Wesen erscheinen würde, das ein Christus genannt werden könnte. Das ist das Hypomochlion: Der Christus-Impuls lässt in der menschlichen Seele immer neue Fähigkeiten entstehen, und den neu erwachten Fähigkeiten wird sich der Christus mehr und mehr offenbaren. Nicht dazu hat der Christus den Impuls gegeben, dass er immer wieder in physischer Gestalt kommen muss und die Menschheit auf dem Punkt, wo sie schon gestanden hat, verbleiben muss. Es ist in ihr die Fähigkeit geweckt, ihn geistig zu schauen. Er ist gekommen, damit sie ihn geistig erfasst und ihn in immer höherer und höherer Weise empfängt.
[ 32 ] So stehen wir vor einer geistigen Christus-Offenbarung; diese wird den Menschen das geistige Licht senden und wird ihnen die Kraft geben, den Christus immer mehr und mehr zu verstehen. Insbesondere eröffnet uns der Christus-Impuls die Gewissheit, dass unsere Verkörperungen in die Zukunft hinein in uns nicht mehr das Bedürfnis wecken, uns vom Dasein zu befreien, sondern es immer mehr und mehr zu durchdringen. Das Christus-Bekenntnis ist eine Auferstehungsreligion – im Gegensatz zum Buddhismus, der eine Erlösungsreligion ist. Das ist die Botschaft, welche die Geisteswissenschaft oder Theosophie der Menschheit unserer Zeit geben kann: dass wir vor einer neuen Offenbarung des Christus stehen, dass nach und nach neue Erkenntnisfähigkeiten in den menschlichen Seelen zum Dasein gelangen und dass die Menschen hineinschauen können in das Geistige und den Christus sehen werden und wissen werden: Er ist da! Neue Erkenntnisfähigkeiten werden sich entwickeln, durch welche der ewige, lebendige Christus zuerst für wenige, dann für mehr und mehr Menschen und zuletzt für alle, die die entsprechenden Wege gehen, sich offenbaren wird.
[ 33 ] Das ist die Botschaft, die die Geisteswissenschaft dem Abendland bringen will. Und im Grunde genommen ist die Geisteswissenschaft nichts anderes als das, was aufmerksam machen will auf diese große Tatsache, die wir nicht übersehen dürfen. Verstehen sollen die Menschen das, was geschehen wird. Vorarbeiten für diese neue Offenbarung, vorarbeiten in der westlichen Kultur für den Christus des zwanzigsten Jahrhunderts will die moderne Theosophie, die Geisteswissenschaft. Dienerin will sie sein der sich entwickelnden Menschheit. So wie der Vorläufer des Christus sagen musste: Ändert die Seelenverfassung, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen – nämlich in das menschliche Gemüt herein —, so muss die Geisteswissenschaft der Gegenwart sagen: Ändert die Gesinnung, achtet auf das, was sich in den Menschenseelen als neu entstehende Kraft, als Kraft eines neuen Schauens, ankündigt. Achtet darauf, ändert die Seelenverfassung. – Dem Menschen, der sich mit dem Christus-Impuls durchdringt, wird es möglich, hineinzudringen in die Reiche des Ewigen und Unvergänglichen. Und so fassen wir unsere Betrachtung zusammen:
Wesen reiht sich an Wesen in Raumesweiten,
Wesen folgt auf Wesen in Zeitenläufen.
Verbleibst du in Raumesweiten, im Zeitenlaufe,
So bist du, O Mensch, im Reiche der Vergänglichkeiten.
Über sie aber erhebt deine Seele sich gewaltiglich,
Wenn sie ahnend oder wissend schaut das Unvergängliche
Jenseits der Raumesweiten, jenseits der Zeitenläufe.
