A New Experience of Christ
GA 69c
22 February 1912, Stuttgart
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A New Experience of Christ, tr. SOL
2. Christus und das zwanzigste Jahrhundert
2. Christ and the Twentieth Century
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Die Frage nach dem Christus erregt heute Interesse in den weitesten Kreisen. In unserem so aufgeklärten Zeitalter schickt sich diese Frage an, zu einer der bedeutsamsten zu werden. Sieht man auf das Gepräge unserer ganzen Kultur, so ist dieses Interesse begreiflich. Die Christusgestalt war eine solche, welche durch viele Jahrhunderte der abendländischen Kultur den tiefsten Impuls gegeben hat. In der Gegenwart scheint in gewissen Betrachtungen diese Gestalt wie zu entschwinden, wie aus den Händen zu fallen. Vor dem Blick der historischen Forschung zerflattert die Christusgestalt gleichsam. Demgegenüber steht [die Tendenz, bloß noch] ein tieferes Verständnis der Wesenheit des Jesus von Nazareth [zu suchen]. Aber diese Gestalt wird sogar in ihrer historischen Existenz angezweifelt. «Hat Jesus gelebt?» – So wird gegenwärtig oft gefragt. Solch eine Frage greift tief in alle Gemüter ein. Wie bei allen historischen Erscheinungen kann gefragt werden, ob der Christus Jesus eine historische Wesenheit gewesen sei. Aber die Evangelien sind keine Urkunden wie andere, [wie gewöhnliche historische Urkunden]. Vom Standpunkte der gegenwärtigen Geschichtsforschung muss mit gewissem Recht der Glaube an die Christusgestalt bei denen, die eine historische Stütze suchen, einfach erschüttert werden. Das ist mit ein Grund, warum [in der Vergangenheit] der Impuls so tief eingreifend war bei den Menschen und warum [heute dieser Forschung] ein so großes Interesse entgegengebracht werden muss: gerade durch die Angst [der Menschen] vor dem Verlust eines begründeten Glaubens an die Christusgestalt.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! The question of Christ is arousing interest today in the widest circles. In our so-called enlightened age, this question is poised to become one of the most significant. When one considers the character of our entire culture, this interest is understandable. The figure of Christ was one that provided the deepest inspiration for Western culture over many centuries. In the present, however, this figure seems, in certain respects, to be fading away, as if slipping from our grasp. In the light of historical research, the figure of Christ seems, as it were, to crumble. In contrast, there is [a tendency to seek] nothing more than a deeper understanding of the essence of Jesus of Nazareth. But this figure is even doubted in terms of his historical existence. “Did Jesus live?”—this is a question often asked today. Such a question cuts deeply into everyone’s hearts. As with all historical phenomena, one may ask whether Christ Jesus was a historical figure. But the Gospels are not documents like others—[like ordinary historical documents]. From the standpoint of contemporary historical research, the faith in the figure of Christ among those who seek historical support must, with some justification, simply be shaken. This is one reason why [in the past] the impulse had such a profound impact on people and why [this research today] must be met with such great interest: precisely because of [people’s] fear of losing a well-founded belief in the figure of Christ.
[ 2 ] Über dieses eben gekennzeichnete Problem soll nun vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus einiges, wenn auch nur Skizzenhaftes, gesagt werden. [Aber was diese Geisteswissenschaft zu sagen hat, ist doch so, dass sich aus ihr die begründete Hoffnung ergibt: Der Christus, der den Menschen äußerlich unwiederbringlich genommen ward, kann ihnen wieder zurückgegeben werden.] Die Gestalt des Christus, wie sie sich aus der Geisteswissenschaft ergibt, ist etwas den allgemeinen Bekenntnissen und Urteilen «Zuwideres», ist ihnen geradezu widerwärtig. Das, was heute Abend zu sagen ist, wird nicht nur auf Widerspruch stoßen, sondern es wird auch aufgenommen werden als Träumerei, als Phantasterei. Im Rahmen eines einzigen Vortrages ist es nicht möglich, alles zu dieser Frage zusammenzutragen, aber durch die Mitteilung dessen, was die Geisteswissenschaft gefunden hat, wird vielleicht auch noch das eine oder andere nachher herauskommen. Eigentlich wird die Frage nur durchsichtig, wenn wir auf die verschiedenen Auffassungen der Menschen über den Christus im Laufe der Jahrhunderte zurückblicken.
[ 2 ] We will now say a few words—albeit only in outline form—about this problem just described from the perspective of the humanities. [But what spiritual science has to say is this: it gives rise to a well-founded hope—that Christ, who was irrevocably taken from humanity in an external sense, can be restored to them.] The figure of Christ, as revealed by spiritual science, is something “contrary” to common creeds and judgments; indeed, it is downright repugnant to them. What is to be said this evening will not only meet with opposition, but will also be dismissed as daydreaming, as fantasy. It is not possible to cover everything related to this question within the scope of a single lecture, but by sharing what spiritual science has discovered, perhaps one or two additional insights will emerge afterward. In fact, the question only becomes clear when we look back at the various conceptions people have held about Christ over the centuries.
[ 3 ] Es muss zugegeben werden: Die Christus-Auffassung der ersten Jahrhunderte hat etwas Befremdendes für [uns] gegenwärtig[e Menschen]; [das war schon damals so, und ein Verständnis zu erringen] wird später [im Laufe der Zeit] immer unmöglicher. So hat sich der gegenwärtige Standpunkt entwickelt: Die Geisteswissenschaft kommt in Bezug auf den Christus zu Ähnlichem, wie [einst] die gnostische Wissenschaft der ersten Jahrhunderte. Die Gnostiker werden gerne Sekten genannt, [doch] sie erhoben sich zu den höchsten Höhen des Menschendenkens und -Empfindens, wofür der heutige Mensch nicht viel Interesse haben kann. Weit entfernt waren die Bekenner der Gnosis, monistische Auffassungen anzunehmen – ein vornehmes Wort für «materialistisch». Der Gnostiker findet den Urmenschen nicht im Tierreich, sondern [er ist für ihn] ein noch geistiges, ein spirituelles Wesen; dieses hat nicht äußerlich einen fleischlichen Leib im Tierreich angenommen, sondern es hat sich als geistiges Menschenwesen mehr und mehr in Zusammenfügung gebracht mit den Gesetzen des physischen Leibes. Die Verleiblichung hat den Menschen in diejenige Lage gebracht, in der er jetzt ist.
[ 3 ] It must be admitted: The conception of Christ in the first centuries has something alien about it for [us] today; [this was already the case back then, and gaining an understanding of it] becomes increasingly impossible later [over time]. Thus, the current point of view has developed: Spiritual science arrives at conclusions regarding Christ that are similar to those [once] reached by the Gnostic science of the first centuries. The Gnostics are often called sects, [yet] they rose to the highest heights of human thought and feeling—something in which people today have little interest. The adherents of Gnosticism were far from embracing monistic views—a refined term for “materialistic.” The Gnostic does not find the primordial human in the animal kingdom, but [for him] the primordial human is a still spiritual being; this being did not outwardly assume a physical body in the animal kingdom, but rather, as a spiritual human being, gradually brought itself into harmony with the laws of the physical body. This incarnation has brought humanity to the state in which it now finds itself.
[ 4 ] [Und so fragten die Gnostiker:] Wie finden wir den [Ur-]Menschen? Ein jeder [in] sich selber? Auf der einen Seite finden wir das, was wir auch in Bezug auf das Seelenleben geworden sind, auf der anderen ein Streben, einen Glauben an eine höhere Menschennatur. Dadurch kann der Mensch gewisse Kräfte in seinem Innern entfesseln, sodass er sich selbst erheben kann. Er entdeckt [s]eine höhere Natur. So ist eine Summe von Kräften in der höheren Menschennatur verborgen. Das ist die Anschauung der Gnostiker: Der Mensch ist bestimmt für ein Leben in höheren Sphären; sein Leben auf der Erde ist niedriger, liegt unter dem, was er seinem Geiste nach sein könnte. Das [leibliche] Leben des Menschen stimmt nicht zusammen mit seiner höheren Natur; aber es geht nicht verloren; es ist nur wichtig für den physischen Fortschritt [auf der Erde]. Das Höhere hat sich in der geistigen Welt bewahrt. Schließlich konnte dieses Übermenschliche heruntersteigen und in der Menschennatur wirken; zu einem gewissen Zeitpunkte konnte gleichsam ein urmenschliches Wesen heruntersteigen und in der Menschennatur wirken, das sich bis dahin in der geistigen Welt bewahrt hatte. Diese Wesenheit stellte sich die Gnosis als den Christus vor. Er birgt in sich den Impuls zum Höchsten, was der Mensch erreichen kann. Dieser Zeitpunkt [des Heruntersteigens] fällt – sinnbildlich gesprochen – zusammen mit der Johannes-Taufe.
[ 4 ] [And so the Gnostics asked:] How do we find the [original] human being? Within ourselves? On the one hand, we find what we have become in terms of our spiritual life; on the other, a striving, a belief in a higher human nature. Through this, a person can unleash certain powers within themselves, enabling them to elevate themselves. They discover their higher nature. Thus, a sum of powers is hidden within the higher human nature. This is the Gnostics’ view: Human beings are destined for a life in higher spheres; their life on Earth is lower, falling short of what they could be in spirit. Human beings’ [physical] life is not in harmony with their higher nature; yet it is not lost; it is merely necessary for physical progress [on Earth]. The higher aspect has been preserved in the spiritual world. Eventually, this superhuman aspect was able to descend and work within human nature; at a certain point in time, a primordial human being, so to speak, was able to descend and work within human nature—a being that had been preserved in the spiritual world until then. Gnosticism conceived of this being as the Christ. He embodies within himself the impulse toward the highest that a human being can attain. This moment [of descent] coincides—symbolically speaking—with the baptism of John.
[ 5 ] [Aus der Sicht der Gnosis] sind die Menschen teils mehr, teils weniger fortgeschritten. Als den höchsten, als den hervorragendsten Menschen in der Erdenentwicklung verehrte die Gnosis Jesus von Nazareth. Was bei ihm im dreißigsten Jahre geschehen ist, können wir charakterisieren, ohne die Menschen zu schockieren: Ein Mensch wächst heran, zeigt diese oder jene Entwicklung, bis zu einem gewissen Zeitpunkt im Leben, wo ein Bruch, etwas ganz Neues ins Seelenleben eintritt, was gar nicht vorbereitet schien. Manche stellen das als etwas Unmögliches dar, aber es gibt im Menschenleben Umschwünge, radikale Brüche. Solch einen Umschwung – im höchsten Maße gesteigert – denke man sich. Auch wenn [nur] im Kleinsten dieser Umschwung gemacht wird, fühlt sich der Mensch wie ein neues Wesen, das er vorher nicht war. [Von einem solchen Umschwung gehen die Gnostiker aus, wenn sie davon sprechen, was bei Jesus von Nazareth im dreißigsten Jahre aufgetreten ist.]
[ 5 ] [From the perspective of Gnosticism], people are more or less advanced. Gnosticism revered Jesus of Nazareth as the highest, the most outstanding human being in the evolution of the Earth. We can describe what happened to him at the age of thirty without shocking people: A person grows up, showing this or that pattern of development, until a certain point in life when a break occurs—something entirely new enters the life of the soul—something that seemed completely unprepared for. Some portray this as impossible, but there are turning points in human life—radical breaks. Imagine such a transformation—intensified to the highest degree. Even if this transformation occurs [only] to the smallest extent, a person feels like a new being, one they were not before. [The Gnostics assume such a transformation when they speak of what occurred to Jesus of Nazareth in his thirtieth year.]
[ 6 ] Der Urmensch hat in der Seele des Jesus von Nazareth Einzug gehalten. Dieser war wie ein äußeres Gefäß; er wird im Sinne der Gnostiker als der Christusträger angesehen. So kann man also nicht davon sprechen, dass der Christus mit dem Jesus von Nazareth identisch sei. Aber es war keine neue Entwicklungsepoche im Leben des Jesus von Nazareth: Was in den Himmelshöhen immer da war, was von Anfang an aufbewahrt wurde, das stieg herunter auf die Erde und lebte drei Jahre lang im Leibe des Jesus. Das ist die unendliche geistige Tiefe des Gedankens: Die Menschheitsentwicklung ist bis zum Allerhöchsten aufgestiegen mit dem Gotte, ist wie gesättigt worden von dieser Kraft des Allerhöchsten. Ein kleiner Kreis der Gnostiker konnte [die große Bedeutung des Geschehens] erfassen, dass der Menschheit zurückgegeben wurde, was aufbewahrt worden war.
[ 6 ] The primordial human being took up residence in the soul of Jesus of Nazareth. The latter was like an outer vessel; he is regarded, in the Gnostic sense, as the bearer of Christ. Thus, one cannot say that Christ is identical with Jesus of Nazareth. But this was not a new phase of development in the life of Jesus of Nazareth: what had always existed in the heavenly realms, what had been preserved from the very beginning, descended to Earth and lived for three years in the body of Jesus. This is the infinite spiritual depth of the idea: Human evolution has ascended to the Most High with God and has, as it were, been saturated by this power of the Most High. A small circle of Gnostics was able to grasp [the great significance of the event]—that what had been preserved was returned to humanity.
[ 7 ] Wir können nicht alle einzelnen Etappen der ChristusAnschauungen [durchgehen], aber einzelne nennen, zum Beispiel bei tiefen Denkern des Mittelalters. Bei ihnen herrschte der intensivste Glaube, aber die Erhebung zu gnostischen Vorstellungen war ihnen nicht möglich. Unmöglich war es im Mittelalter, über die christliche Gnosis nachzudenken. Solch ein Denken wäre als Phantasterei erschienen. Im Mittelalter beschränkte sich der Blick auf das, was unterhalb der Sphäre der Gnostiker liegt. Aus Aristoteles, [aus dessen] vierhundert Jahre vor Christus [geschaffenen Gedankenwelt] schöpften sie; Aristoteles war damals der «Tonangeber». Der spirituelle Flug wurde dem [Gebiet des] Glauben[s] zugeschrieben. Aristoteles sagte: Alles, was den Reichen der Natur zugrunde liegt, ist Geistiges; nur nahm er die Reinkarnation des menschlichen Seelenkerns nicht an. Ihn interessierte, was gesetzmäßig zu erkennen ist, ihn interessierte nur ein einheitlicher Gott. [Nach seiner Auffassung] löst sich bei jeder Geburt das menschliche Seelenwesen aus der einheitlichen göttlichen Substanz. Aber nach dem Tode kehrt die Seele nicht in das Göttliche zurück, sondern bleibt als einzelner Mensch in der geistigen Welt vorhanden. Für Aristoteles ist die ganze übersinnliche Welt rein erkenntnismäßig. Der Mensch blickt [nach seinem Tode] zurück auf sein Erdenleben und findet dann seinen Lohn oder seine Qual, ewige Strafe und Belohnung. Das hängt mit der Wissenschaft des Aristoteles zusammen — Franz Brentano, [ein großer Kenner des Aristoteles, hat sich in seinen Werken ausführlich darüber geäußert]. Die mittelalterlichen Gelehrten wiesen zwar auf ein Wissen über die geistige Welt hin, aber bei ihnen war [der erkenntnismäßige Zugang zum Geistigen] ausgeschlossen — das Gebiet der Gnosis, zu welchem man [durch] Erkenntnis [einen Zugang] gewinnen kann.
[ 7 ] We cannot go through all the individual stages of the visions of Christ, but we can mention a few, for example, those of the profound thinkers of the Middle Ages. They were characterized by the most intense faith, but it was not possible for them to rise to Gnostic concepts. It was impossible in the Middle Ages to reflect on Christian Gnosticism. Such thinking would have been regarded as mere fantasy. In the Middle Ages, the perspective was limited to what lay below the sphere of the Gnostics. They drew upon Aristotle, [whose] world of ideas was formed four hundred years before Christ; Aristotle was the “trendsetter” at that time. Spiritual flight was attributed to the [realm of] faith. Aristotle said: Everything that underlies the realms of nature is spiritual; yet he did not accept the reincarnation of the human soul. He was interested in what could be known through the laws of nature; he was interested only in a single, unified God. [According to his view], at every birth the human soul separates from the unified divine substance. But after death, the soul does not return to the divine; rather, it continues to exist in the spiritual world as an individual human being. For Aristotle, the entire supersensory world is purely a matter of knowledge. After death, a person looks back on his earthly life and then finds his reward or his torment—eternal punishment and reward. This is connected to Aristotle’s philosophy—Franz Brentano, [a great scholar of Aristotle, has commented on this at length in his works]. Although medieval scholars alluded to knowledge of the spiritual world, for them [epistemological access to the spiritual] was ruled out—the realm of gnosis, to which one can gain [access] [through] knowledge.
[ 8 ] [Und so kann man fragen:] Was fehlt dem Glauben des mittelalterlichen Menschen? Nun, was ihm fehlt, das ist das Bewusstsein, [die bewusste Erkenntnis], dass der Mensch [auch intellektuell] einen Sündenfall gemacht hat. Aus diesem [Unbewussten] will die Geisteswissenschaft ihn erheben; dies ist dann ein [neues] Christusbewusstsein, abgesehen von allem Mythologischen und Legendarischen. Die Durchdringung [des Jesus von Nazareth] mit dem waltenden Geiste war nur Glaube, nicht aber Erkenntnis. So kam die Menschheit dazu, sich nicht mehr vorstellen zu können, was es bedeutet, wenn der Christus Besitz von dem Jesus ergreift; es ist Unsinn für das materialistische Denken der neuen Zeit, dass aus geistigen Höhen [die Christuswesenheit als] etwas Reales heruntergestiegen ist zu den Menschen. Da bleibt nur noch der Jesus von Nazareth als ausgezeichneter Mensch.
[ 8 ] [And so one might ask:] What is missing from the faith of medieval people? Well, what is missing is the awareness, [the conscious realization], that human beings have [also intellectually] committed a fall into sin. Spiritual science seeks to lift them out of this [unconsciousness]; this then becomes a [new] Christ-consciousness, distinct from all that is mythological and legendary. The permeation [of Jesus of Nazareth] by the ruling Spirit was merely faith, but not knowledge. Thus, humanity has come to the point where it can no longer imagine what it means for Christ to take possession of Jesus; it is nonsense to the materialistic thinking of the modern age that [the Christ-being as] something real descended from spiritual heights to humanity. All that remains is Jesus of Nazareth as an exceptional human being.
[ 9 ] Nun, mit Leichtigkeit ergaben sich Widersprüche, als man in den vier Urkunden, [den Evangelien], Aufschluss suchte und Unterschiedliches fand. Es ist wirklich kinderleicht nachzuweisen, dass sie [in vielem] nicht übereinstimmen. [Und man fragt sich:] Hat man das denn früher nicht bemerkt? Den Vorfahren mutet man leicht jede Torheit zu, [man tut so,] als ob sie die Evangelien nie gelesen hätten. So ist Jesus von Nazareth immer mehr zerflattert, [für viele in der modernen Zeit] ist er nur noch ein besonders guter Mensch. Das ist schmeichelhaft für den modernen Menschen; [für ihn] ist Jesus von Nazareth ein Mensch wie alle anderen, nur etwas höher: [wie] Plato, Sokrates. So wurde Jesus zum «schlichten Mann von Nazareth». Je einfacher, je allgemeiner [sein Bild wurde], desto lieber, desto mehr glaubte man, dass es der historischen Wahrheit entspreche. Das heißt [man] «vorurteilslose Forschung». Objektiv wird da nur, was man eben [scheinbar] als objektiv erkennt. Die größten Theologen meinten, man müsse vorurteilslos herangehen, nichts für wahr annehmen, aber [was tun sie?] Sie gehen hin und streichen einfach [was ihnen in den Evangelien nicht einsichtig ist]. Daher [kommt dann] die Frage: «Hat Jesus gelebt?» Kein anderes Ergebnis war [einer solchen Denkweise] möglich. Äußerlich, historisch, ist die Existenz des Jesus nicht beweisbar. [Professor] Drews cum suis hat durchaus Recht mit der Art, wie er es vorbringt. [Er ist nämlich in seinem Denken konsequent]. Alles andere wäre wie ein Zappeln um etwas, was man doch nicht beweisen kann.
[ 9 ] Well, contradictions arose quite easily when people sought clarification in the four documents [the Gospels] and found discrepancies. It is really child’s play to prove that they [in many respects] do not agree. [And one wonders:] Didn’t people notice this before? It’s easy to attribute all sorts of folly to our ancestors, [acting as if] they had never read the Gospels. Thus, Jesus of Nazareth has become increasingly diluted; [for many in modern times] he is now nothing more than a particularly good person. This is flattering to modern people; [to them] Jesus of Nazareth is a person like any other, only somewhat greater: [like] Plato or Socrates. Thus, Jesus became the “simple man from Nazareth.” The simpler and more commonplace [his image became], the more people liked it and the more they believed it corresponded to historical truth. This is what is called “unbiased research.” The only thing that becomes objective here is what one [apparently] recognizes as objective. The greatest theologians believed one must approach the matter without prejudice, assuming nothing to be true—but [what do they do?] They go ahead and simply strike out [what they cannot make sense of in the Gospels]. Hence [the question arises]: “Did Jesus live?” No other conclusion was possible [given such a way of thinking]. Externally, historically, the existence of Jesus cannot be proven. [Professor] Drews and his followers are absolutely right in the way they present it. [For he is consistent in his thinking]. Anything else would be like floundering around trying to prove something that cannot be proven.
[ 10 ] Die Geisteswissenschaft stellt sich in die Kultur hinein; [sie kommt durch gewisse Methoden zu Erkenntnissen über den geistigen Gang der Menschheitsentwicklung], wie auseinandergesetzt worden ist in dem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache». Dieser Titel ist nicht beliebig gewählt: Es ist nicht christliche Mystik [gemeint], sondern [es geht darum, dass] der ChristusImpuls als treibende Kraft desjenigen zu begreifen ist, was in der äußeren, physischen Wirklichkeit gefunden wird. Der wichtigste Impuls in der Erdenentwicklung ist der Christus-Impuls; er ist der Schwerpunkt dieser ganzen geschichtlichen Entwicklung. Die Geisteswissenschaft knüpft wieder an [dasjenige, was] die Gnosis [wollte], aber [sie tut es aus sich heraus, ganz] unabhängig davon. Die Menschenseele wirkte in den vorchristlichen Zeiten ganz anders als heute. Es ist eine Unart, dass man das nicht anerkennen will, dass die Menschenseele anders war. [...] Früher war das traumhafte Hellsehen ein dritter Zustand zwischen dem Schlafen und dem Wachen. Der Mensch wusste da, es gibt geistige Wesen, wie er heute weiß, dass es Pflanzen und Tiere gibt. Die alten Sagen und Mythen sind Bilder für das, was der Mensch geschaut hat. Die Mythen sind umgesetzte alte hellseherische Erlebnisse. [Aber dieses Hellsehen musste verloren gehen, denn dieses war ein Vorspiel für die Herausbildung des Ichs in der Menschheitsentwicklung, für die Herausbildung des vollen Ichs des Menschen in der physischen Welt, des auf sich selbst gebauten Seins des Menschen.]
[ 10 ] Spiritual science is rooted in culture; [it arrives at insights into the spiritual course of human development through certain methods], as has been discussed in the book *Christianity as a Mystical Fact*. This title was not chosen arbitrarily: it does not refer to Christian mysticism, but rather to the fact that the Christ impulse must be understood as the driving force behind what is found in outer, physical reality. The most important impulse in Earth’s evolution is the Christ impulse; it is the focal point of this entire historical development. Spiritual science once again takes up where Gnosticism left off, but it does so of its own accord, entirely independently of it. The human soul functioned quite differently in pre-Christian times than it does today. It is a bad habit to refuse to acknowledge that the human soul was different. [...] In the past, dreamlike clairvoyance was a third state between sleeping and waking. People knew then that spiritual beings existed, just as they know today that plants and animals exist. The ancient legends and myths are images of what people saw. The myths are transformed versions of ancient clairvoyant experiences. [But this clairvoyance had to be lost, for it was a prelude to the development of the “I” in human evolution—to the development of the fully formed human “I” in the physical world, of the human being’s self-constructed existence.]
[ 11 ] Das ist der Entwicklungsgang der Menschheit: Von dem dumpfen Hellsehen soll sie kommen zum klaren, bewussten Hellsehen, das in der Zukunft fest gegründet sein wird. In alten Zeiten gab es kein Wissen von den Gründen des Daseins, das anders erworben war als durch Hellsehen. [Obwohl] Deussen [das Gegenteil behauptet, muss man sagen]: Erst seit der griechischen Zeit trat das [verstandesmäßige] Wissen von der Außenwelt auf, eigentlich erst mit Thales; Thales war der Erste. Was aus atavistischem Hellsehertum stammt, ist nicht [Philosophie]. Die Orte, wo der Mensch über den gewöhnlichen Zustand hinauskam, waren im Altertum die Mysterienstätten, [aus heutiger Sicht ein Zwischending zwischen Hochschule und Kirche. In diesen Mysterienstätten konnten die Menschen sich die Einweihung erringen]. Die Eingeweihten erkannten: Der Geist offenbart sich nur im Ich, nicht in den Seelenkräften; das Ich ist der Mittelpunkt des Seelenwesens. Aber erst offenbarte sich der Geist nur als Gott, der im ganzen Volk lebte, wie bei den alten Hebräern. Des Menschen tiefstes Wesen ist unmittelbar göttlich; Leib und Seele sind es nur mittelbar. Durch gewisse Vorschriften und Übungen kann das Seelenleben unabhängig werden vom Leibe. Das Göttliche lebt im gewöhnlichen Menschen, so wie er im Leben ist; es offenbart sich aus seinem Wesenskern, dem Ich. Es gab verschiedene Einweihungsvorschriften, im Wesentlichen vier. Die Mysterien werden zur historischen Tatsache im Mysterium von Golgatha – das war der Christus-Impuls! Der Christus ist der universelle Geist; sein Leben spielte sich vor der ganzen Menschheit auf dem physischen Plane ab, wird nicht im Kleinen dargelebt – wie unbedeutend, vor Einzelnen, vor den Aposteln und anderen –, sondern repräsentativ vor der ganzen Menschheit. So gab es einen Ersatz der alten Mysterien durch den Einen. Im Ich, im innersten Wesen der Seele, liegt die höchste Kraft der Menschheit. So können wir uns wieder aus dem Sündenfall erheben.
[ 11 ] This is the course of human development: From vague clairvoyance, humanity is to progress to clear, conscious clairvoyance, which will be firmly established in the future. In ancient times, there was no knowledge of the reasons for existence that was acquired in any way other than through clairvoyance. [Although] Deussen [claims the opposite, one must say]: It was not until the Greek era that [rational] knowledge of the external world emerged—in fact, not until Thales; Thales was the first. What stems from atavistic clairvoyance is not [philosophy]. In antiquity, the places where human beings transcended the ordinary state were the mystery schools—[from today’s perspective, a hybrid between a university and a church. In these mystery schools, people could attain initiation]. The initiates recognized that the spirit reveals itself only in the “I,” not in the powers of the soul; the “I” is the center of the soul’s being. But at first, the Spirit revealed itself only as God living within the entire people, as was the case with the ancient Hebrews. The deepest essence of the human being is immediately divine; body and soul are only indirectly so. Through certain precepts and exercises, the life of the soul can become independent of the body. The divine lives within the ordinary human being, just as he is in life; it reveals itself from the core of his being, the “I.” There were various initiation rites, essentially four. The Mysteries became a historical fact in the Mystery of Golgotha—that was the Christ Impulse! Christ is the universal Spirit; His life unfolded before all humanity on the physical plane, not lived out on a small scale—how insignificant that would be—before individuals, before the Apostles and others, but representatively before all humanity. Thus, the ancient mysteries were superseded by the One. In the “I,” in the innermost being of the soul, lies the highest power of humanity. In this way, we can rise again from the Fall.
[ 12 ] Der Zeitpunkt, seit dem das Ich auf sich selbst angewiesen ist, ging dem Christus-Impuls nur um sechshundert Jahre voran. Von diesem Zeitpunkte an ist der Mensch ganz hineingestellt in die Welt, welche allein durch die äußeren Sinne wahrgenommen wird. In der natürlichen Entwicklung haben wir es überall mit Sprüngen zu tun, und das gilt auch für die Menschheitsentwicklung. So ist jede Zeit eine Übergangszeit und unsere Zeit ganz besonders.
[ 12 ] The point in time when the “I” became dependent on itself preceded the Christ impulse by only six hundred years. From that point on, human beings have been fully immersed in the world, which is perceived solely through the external senses. In natural development, we are constantly dealing with leaps, and this also applies to human development. Thus, every era is a transitional period, and our own era is especially so.
[ 13 ] Manche alten Formen schwinden dahin, sittliche wie intellektuelle. Der Mensch ist auf die Spitze der eigenen Persönlichkeit gestellt. Bis heute war es eine Zeit der Vorbereitung, [man konnte es beherzigen oder nicht]; aber jetzt müssen erhöhte Kräfte in der Menschennatur spielen. Die Seelen durchleben eine Erhöhung ihrer Kräfte. Das letzte Mal geschah das in der griechischen [Zeit], sechshundert Jahre vor Christus; da stellte [dieser Impuls] sich herein in die Menschheitsentwicklung [als der Beginn des selbstständigen Denkens]. Heute stehen wir an einem ähnlichen Zeitpunkt wie sechshundert Jahre vor Christus. Aber dazumal wurde die Menschenseele nach außen in die physische Welt geleitet, jetzt ist ihr Halt allein das Ich; und in dieses Ich des Menschen muss sich hereinstellen die Christuswesenheit. Es ist eine [Art] Wiederholung, aber nun nach innen, verinnerlicht.
[ 13 ] Some old forms are fading away, both moral and intellectual. Human beings are being placed at the pinnacle of their own personalities. Until now, it has been a time of preparation—[one could take it to heart or not]—but now heightened forces must come into play within human nature. Souls are experiencing an elevation of their powers. The last time this happened was in the Greek [era], six hundred years before Christ; there, [this impulse] entered into human development [as the beginning of independent thought]. Today we stand at a point in time similar to that six hundred years before Christ. But back then, the human soul was guided outward into the physical world; now its sole anchor is the “I”; and the Christ-presence must take its place within this “I” of the human being. It is a [kind of] repetition, but now directed inward, internalized.
[ 14 ] In diesem Ich ist der Mittelpunkt der Welt. Mit unserer Verinnerlichung werden die höchsten Impulse, die überhaupt im Menschen leben [können], auftreten – [es ist] ein geistiges Wiederkommen des Christus im Innern; [es werden] Seelenkräfte [entwickelt], die den Christus in einer neuen Gestalt erfassen können; [erlebbar] für die geistige Anschauung, nicht in der physischen Welt. [Dieses Erlebnis ist nicht identisch mit dem Erfahren des inneren, mystischen Christus, also mit etwas, was schon da war.] Die Geisteswissenschaft zeigt uns den inneren, mystischen Christus und den historischen Christus. Wer nur an den inneren, mystischen Christus glauben will, nicht an den historischen Christus, der geht fehl. Man braucht auch den historischen Christus, denn es gäbe keinen inneren, mystischen Christus ohne den historischen Christus. Das Christusfühlen in uns ist abhängig von der Geistessonne wie das Auge von dem Licht: Es ist abhängig von dem historischen Christus. Ohne diesen besteht keine Möglichkeit des inneren Christus – es ist der historische Christus, der das Organ für die ChristusErfahrung in den Herzen der Menschen erschuf.
[ 14 ] In this “I” lies the center of the world. Through our internalization, the highest impulses that [can] live within human beings will emerge—[it is] a spiritual return of the Christ within; [there will be] the development of soul forces capable of grasping the Christ in a new form; [experiencable] through spiritual intuition, not in the physical world. [This experience is not identical with the experience of the inner, mystical Christ—that is, with something that was already there.] Spiritual science reveals to us both the inner, mystical Christ and the historical Christ. Anyone who wishes to believe only in the inner, mystical Christ, and not in the historical Christ, is mistaken. We also need the historical Christ, for there would be no inner, mystical Christ without the historical Christ. The sense of Christ within us depends on the spiritual sun just as the eye depends on light: it depends on the historical Christ. Without him, there is no possibility of the inner Christ—it is the historical Christ who created the organ for the experience of Christ in the hearts of human beings.
