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A New Experience of Christ
GA 69c

6 May 1912, Cologne

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A New Experience of Christ, tr. SOL
  1. Neues Christus-Erleben

3. Christus und das Zwanzigste Jahrhundert

3. Christ and the Twentieth Century

[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Wer gegenwärtig über den Christus spricht, begegnet mancherlei Anschauungen, die [in der einen oder anderen Weise] vertreten werden. Diese können hauptsächlich unter zwei Gesichtspunkten eingeordnet werden, mit denen insbesondere derjenige rechnen muss, welcher über die Christus-Frage in einem solchen Sinne spricht, wie es am heutigen Abend geschehen soll, welcher spricht von dem Gesichtspunkt aus, der hier schon öfter von mir vertreten werden durfte in Bezug auf andere Fragen, auf andere Probleme des Lebens — gemeint ist der geisteswissenschaftliche oder theosophische Gesichtspunkt.

[ 1 ] Ladies and gentlemen! Anyone who speaks about Christ today encounters a variety of views that are held [in one way or another]. These can be classified mainly under two perspectives, which must be taken into account especially by those who speak about the question of Christ in the sense that we shall do this evening—that is, from the perspective that I have often been permitted to present here in connection with other questions and other problems of life—namely, the spiritual-scientific or theosophical perspective.

[ 2 ] Zunächst begegnet man demjenigen Standpunkt, der in seiner Art durchaus fest auf dem Boden der ChristusAnschauung steht, dem Standpunkt nämlich, für den der Christus eine wirkliche, reale Macht des Lebens ist. Es ist dies der religiöse Standpunkt, der Standpunkt der verschiedenen religiösen Bekenntnisse. Wenn wir diesen ins Auge fassen, dann finden wir, dass er zumeist, wenn er sich auch noch so sehr nach einer gewissen Richtung hin tolerant und liberal verhält, im Grunde nicht gelten lassen will, dass über den Christus in einer anderen Art gesprochen werden kann, als er selber von ihm spricht. Dass ein Fortschritt in Bezug auf Gedanken über den Christus möglich sei, das wird von dem religiösen Standpunkt der verschiedensten Schattierungen einfach nicht zugegeben.

[ 2 ] First, we encounter the viewpoint that, in its own way, is firmly grounded in the concept of Christ—namely, the viewpoint for which Christ is a true, real power of life. This is the religious viewpoint, the viewpoint of the various religious denominations. When we consider this viewpoint, we find that, for the most part—no matter how tolerant and liberal it may appear in a certain direction—it fundamentally refuses to accept that one can speak of Christ in any way other than how it itself speaks of him. The religious viewpoint, in all its various shades, simply does not admit that progress is possible in terms of thinking about Christ.

[ 3 ] Der andere Gesichtspunkt, dem man begegnet, ist derjenige, der auch von wahrhaftig ernsten Wahrheitssuchern in der Gegenwart vertreten wird; es ist der Standpunkt, der, von Gesichtspunkten einer gewissen wissenschaftlichen Richtung ausgehend, sagt: Untersucht man das Christus-Ereignis, untersucht man das, was im Beginne unserer Zeitrechnung geschehen sein soll in Palästina, mit denselben Mitteln streng geschichtlicher Forschung wie andere Ereignisse, so kann die Deutung des Christus-Ereignisses so, wie sie vertreten wird, nicht aufrechterhalten werden. – Man weiß, dass dieser Gesichtspunkt sich schon lange vorbereitet hat; man weiß, dass im Verlaufe der letzten Jahrhunderte die Menschen immer mehr zu einem Vergleichen der Evangelien gekommen sind, dass sie glaubten, aus den Widersprüchen [zwischen den verschiedenen Evangelien] schließen zu müssen, dass diese nicht historische Urkunden sein könnten.

[ 3 ] The other perspective one encounters is the one also held by truly serious seekers of truth today; it is the standpoint that, drawing on perspectives from a certain scholarly tradition, states: If one examines the Christ event—that is, what is said to have taken place in Palestine at the beginning of our era—using the same methods of rigorous historical research as one would apply to other events, then the interpretation of the Christ event, as it is currently held, cannot be sustained. – It is well known that this viewpoint has long been in the making; it is well known that, over the course of the last few centuries, people have increasingly come to compare the Gospels and have believed that the contradictions [between the various Gospels] necessitate the conclusion that these cannot be historical documents.

[ 4 ] Und nachdem man lange Zeit hindurch versucht hatte, etwas aus den Evangelien gleichsam herauszudestillieren, was sich wie ein Bild des Christus Jesus doch ergeben könnte, gibt es heute schon – nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern – viele Menschen, die geradezu glauben, es ihrem wissenschaftlichen Gewissen schuldig zu sein, zuzugeben, dass man eigentlich von einem historischen Jesus, von einem Christus-Ereignis im historischen Sinne, nicht reden dürfte. Mit einem Herausschälen des historischen Bodensatzes in den Evangelien, bis zum völligen Hinwegleugnen der historischen Gestalt des Christus Jesus, haben wir es zu tun, wenn wir die Stellungnahme der heutigen Zeit zur Christus-Frage ins Auge fassen.

[ 4 ] And after a long period of trying to distill from the Gospels, as it were, something that might emerge as an image of Christ Jesus, there are already today—not only in Germany but also in other countries —many people who feel, as it were, that they owe it to their scientific conscience to admit that one should not, in fact, speak of a historical Jesus or of a “Christ event” in the historical sense. We are dealing with a process of sifting out the historical dregs of the Gospels—to the point of completely denying the historical figure of Christ Jesus—when we consider the contemporary stance on the question of Christ.

[ 5 ] So konnte [die Ansicht] entstehen, dass der Christus heute nur noch gefunden werden könne bei den religiösen Menschen, welche durch den Glauben sich zu erheben vermeinen zu dem Christus, dass aber die ChristusIdee, der Christus-Gedanke vor der immer mehr sich entwickelnden Wissenschaft verschwinden müsse. Und viele sind es, die heute schon davon träumen, dass ganz gewiss dasjenige, was Christus-Macht ist, in der Zukunft keine Rolle mehr spielen werde. Doch diese glauben durchaus nicht daran, dass Religion der Menschheit überhaupt jemals abhandenkommen könne.

[ 5 ] This is how [the view] came about that Christ can now only be found among religious people who believe that through faith they can elevate themselves to Christ, but that the idea of Christ, the concept of Christ, must disappear in the face of ever-advancing science. And there are many today who already dream that what is known as the power of Christ will certainly play no role whatsoever in the future. Yet they do not believe for a moment that humanity could ever lose religion altogether.

[ 6 ] Dennoch scheint gegenüber gewissen Tatsachen der Gegenwart dieser Glaube nicht aufrechterhalten werden zu können. Wir bemerken nämlich die eigentümliche Erscheinung, dass in unserer Gegenwart nicht nur Gläubige, nicht nur diejenigen, die aus ihrem Gemüt heraus die Evangelien wie ein Erbauungs- und Erziehungsmittel empfangen haben, von etwas sprechen, das doch der Christus-Idee entspricht, sondern dass ernste, gebildete, [nach Wahrheit strebende] Menschen hinweisen mit ihrem ganzen seelischen Empfinden auf etwas, was man nur mit dem Christus-Namen belegen könne. Immerhin bleibt es doch charakteristisch, dass ein Freidenker der Gegenwart, der nur ein Repräsentant von vielen ist, der Amerikaner Ferguson, zu sagen vermag:

[ 6 ] Nevertheless, in light of certain facts of the present day, this faith does not seem to be sustainable. For we observe the peculiar phenomenon that in our time, it is not only believers—not only those who, out of the depths of their hearts, have received the Gospels as a means of edification and education—who speak of something that corresponds to the idea of Christ, but that serious, educated, [truth-seeking] people point, with their entire spiritual sensibility, to something that can only be designated by the name of Christ. After all, it remains characteristic that a contemporary freethinker—who is merely one representative among many—the American Ferguson, is able to say:

Christus ist wieder Pionier einer neuen Zeit geworden, der Amerika mit Europa in der Zukunft verbinden wird, der am tiefsten hineinzuschauen vermag in die Seele eines jeden Menschen. Er ist so recht der Mann der Gegenwart wie nur einer.

Christ has once again become the pioneer of a new era, one who will unite America with Europe in the future, one who is able to look deepest into the soul of every human being. He is truly the man of the present like no other.

[ 7 ] Ein Mann, der sonst freidenkerische Ideen verbreitet, redet von Christus so, wie wenn dieser heute von Mensch zu Mensch herumginge, wie wenn der Christus unmittelbar unter uns wandeln würde. Sogar freidenkerische Menschen beginnen also die Christuswesenheit als etwas zu fühlen, das einen unmittelbaren Bezug zu den Menschen hat. Wenn es heute auch noch weniger beachtet wird: Bahn brechen wird sich ein solches Hinneigen zu einer Macht, ein solches Suchen nach der Macht, die man nur mit dem Christus-Namen bezeichnen kann. Der Mann, der sich die größten Verdienste erwarb um die Einführung des Darwinismus in Amerika, John Fiske, tat den Ausspruch:

[ 7 ] A man who otherwise promotes freethinking ideas speaks of Christ as if he were walking among people today, as if Christ were walking right here among us. Thus, even freethinkers are beginning to sense the presence of Christ as something that has a direct connection to humanity. Even if it receives even less attention today, such an inclination toward a power—such a search for the power that can only be described by the name of Christ—will break new ground. The man who rendered the greatest service to the introduction of Darwinism in America, John Fiske, made the following statement:

Alle Religionen behaupten zwei Wahrheiten. Die eine Wahrheit ist die, dass alle Dinge in einem Zusammenhange stehen – alle Religionen verkünden diese Wahrheit, die unleugbar ist für jedes Nachdenken. Die zweite Wahrheit ist die, dass das, was wir gut oder böse nennen, in irgendeinem Verhältnis zu einer außerhalb des menschlichen Geistes stehenden Macht steht.

All religions assert two truths. The first truth is that all things are interconnected—all religions proclaim this truth, which is undeniable to any thoughtful person. The second truth is that what we call good or evil is in some way related to a power that exists outside the human mind.

[ 8 ] Ausdrücklich führe ich Aussprüche von Persönlichkeiten an, die mit ihrem ganzen Denken und Empfinden völlig auf dem Boden der Gegenwart stehen, die sich aber hindurchgearbeitet haben von einer äußeren Anschauung zu den tieferen Kräften des Daseins. Die Mächte sind nicht nur Kräfte physischer und chemischer, sondern auch geistiger Art. Nur wie eine Morgenröte, wie eine Art Vorbereitung zu einem ganz anderen nimmt die Christus-Idee, die eben charakterisiert worden ist, sich für denjenigen aus, der auf dem Boden der theosophischen Weltanschauung steht. Nicht missverstanden möchte ich werden, wenn ich spreche von der Christus-Idee, wie sie sich voraussichtlich im zwanzigsten Jahrhundert gestalten wird. Geisteswissenschaft soll so weit wie möglich entfernt sein von aller Sektiererei, von alledem, was nicht in unsere Zeit gehört. Und nicht anders fühlt sich der Geisteswissenschafter, wenn er von dem spricht, was da kommen soll in der Menschheitsentwicklung, wie sich der Naturwissenschafter fühlt, wenn er eine Sonnenfinsternis oder einen Venusdurchgang voraussagt. Die Eigenschaft eines Propheten legt sich der Geisteswissenschafter nicht bei. Es spielen eben im Leben Kräfte, die geistig erforscht werden können, ebenso wie in der physischen Welt die Naturkräfte erforscht werden können. Allerdings muss man ein wenig den Blick werfen auf das Schicksal der Christus-Idee in der Vergangenheit. Wahrhaftig, diese Idee hat sich gewaltig gewandelt im Laufe der Jahrhunderte. Wenn wir zurückdenken bis zur Entstehung der Christus-Idee, so finden wir in den ersten Jahrhunderten eine merkwürdige Tatsache. Wir finden, wie auf der einen Seite das populäre Christentum sich verbreitet über das Römische Reich, und man kann sagen: Während die alte römische Kultur sich vor allem in der Oberschicht der Bevölkerung entwickelt und dann in eine Art Dekadenz kommt, sehen wir, wie sich gerade bei denjenigen, die vom Leben geprüft werden, die Schmerz erleiden müssen, langsam und allmählich ein populäres Christentum einbürgert und wie sich immer mehr herausschält die Idealisierung des Jesus von Nazareth; bis zu einer göttlichen Höhe wird diese Gestalt erhoben. Dieses populäre Christentum enthält in seinen Bekenntnissen mehr Empfindungen und Gefühle als Begriffe und Ideen. Aber neben diesem populären Christentum sehen wir nun auf der anderen Seite, wie die erleuchtetsten Geister der Zeit, die sich mit dem Christentum befassen, ihre höchsten Ideen, ihre bedeutsamsten Begriffe dazu verwenden, sich die Frage zu beantworten: Wer ist denn eigentlich dieser Christus? – Und aus der Fülle von Antworten, die von diesen erleuchteten Geistern gegeben worden sind, sollen nur einige hervorgehoben werden.

[ 8 ] I expressly cite statements by individuals whose entire way of thinking and feeling is firmly rooted in the present, but who have worked their way from an external perspective to the deeper forces of existence. These forces are not only of a physical and chemical nature, but also of a spiritual nature. Only like a dawn, like a kind of preparation for something entirely different, does the Christ idea—which has just been characterized—present itself to those who stand on the ground of the theosophical worldview. I do not wish to be misunderstood when I speak of the Christ idea as it is likely to take shape in the twentieth century. Spiritual science should be as far removed as possible from all sectarianism, from everything that does not belong to our time. And when the spiritual scientist speaks of what is to come in human evolution, he feels no differently than the natural scientist does when predicting a solar eclipse or a transit of Venus. The spiritual scientist does not claim the status of a prophet. There are simply forces at work in life that can be investigated spiritually, just as the forces of nature can be investigated in the physical world. However, we must cast a brief glance at the fate of the Christ idea in the past. Truly, this idea has undergone a tremendous transformation over the centuries. If we think back to the origins of the Christ idea, we find a remarkable fact in the early centuries. We see, on the one hand, popular Christianity spreading throughout the Roman Empire, and one might say: While ancient Roman culture developed primarily among the upper classes of the population and then fell into a kind of decadence, we see how, precisely among those who are tested by life and must endure suffering, a popular form of Christianity slowly and gradually took root, and how the idealization of Jesus of Nazareth increasingly emerged; until this figure is elevated to a divine height. This popular Christianity contains more sentiments and emotions in its creeds than concepts and ideas. But alongside this popular Christianity, we now see, on the other hand, how the most enlightened minds of the age, who are engaged with Christianity, apply their highest ideas and most significant concepts to answer the question: Who, then, is this Christ?—And from the wealth of answers provided by these enlightened minds, only a few shall be highlighted.

[ 9 ] So sehen wir im Gnostizismus — zu dem Theosophie durchaus nicht zurückkehren will, den sie aber studiert als eine Erscheinung der Vergangenheit — in mancherlei Schattierungen Gedankenansätze höchster Art über die Christus-Idee. Der Hauptsache nach könnte man ihn folgendermaßen charakterisieren: Dieser Gnostizismus, diese Sehnsucht, aus den höchsten Begriffen die Christus-Idee zu bilden, ist eine geistige Entwicklung der wunderbarsten Art. Allerdings ist für den Menschen, der aus der Gegenwart heraus sich die Idee gebildet hat, dass alles im Menschen sich einzig und allein aus untergeordneten Geschöpfen, aus den Tieren nach und nach entwickelt habe, aus immer niedereren Tieren bis hinunter zu den allerunvollkommensten – für einen solchen Menschen ist die gnostische Lehre nur eine Träumerei, eine Phantasterei.

[ 9 ] Thus, in Gnosticism—to which Theosophy has no desire whatsoever to return, but which it studies as a phenomenon of the past—we see, in various shades, the beginnings of the highest kind of thought regarding the idea of Christ. Essentially, one could characterize it as follows: This Gnosticism, this longing to form the idea of Christ from the highest concepts, is a spiritual development of the most wondrous kind. However, for a person who, from the perspective of the present, has formed the idea that everything in human beings has developed solely and exclusively from subordinate creatures—from animals, step by step, from ever-lower animals down to the most imperfect of all—for such a person, the Gnostic teaching is nothing more than a daydream, a fantasy.

[ 10 ] Auch der Gnostiker verfolgt die Entwicklung zurück, aber weiter zurück als der gegenwärtige Naturforscher. In uralten Zeiten, so sagt er, finden wir eine solche Epoche, wo schon die Tierformen auf der Erde so vorhanden waren, dass, wenn es damals einen Menschen gegeben hätte, dieser die Tierformen – bis zu den höchsten herauf — hätte erblicken können. Der Gnostiker bezeichnet damit eine Epoche der Entwicklung, in der das Menschenreich noch gar nicht vorhanden war. Aber er folgert daraus nicht, dass sich das Menschenreich aus den Tieren entwickelt habe, sondern, dass es heruntergestiegen sei aus dem Geistigen. Auch das Tierische, Pflanzliche und Mineralische sei einmal heruntergestiegen aus dem Geistigen, habe sich verdichtet aus dem Geistigen, sodass wir annehmen müssen, dass [für den Gnostiker] auch Tier, Pflanze und Mineral im Geiste ihren Ursprung haben.

[ 10 ] The Gnostic, too, traces evolution back in time, but further back than the modern naturalist. In ancient times, he says, we find such an epoch in which animal forms already existed on Earth in such a way that, if a human had been present at that time, he would have been able to perceive the animal forms—up to the highest ones. The Gnostic thus refers to an epoch of development in which the human kingdom did not yet exist at all. But he does not conclude from this that the human kingdom developed from the animals, but rather that it descended from the spiritual realm. The animal, plant, and mineral kingdoms, too, he maintains, once descended from the spiritual realm and condensed from it, so that we must assume that [for the Gnostic] animals, plants, and minerals also have their origin in the spirit.

[ 11 ] [Und es sagt der Gnostiker weiter:] Aber es gab eine Zeit, wo der Mensch noch nicht physische Gestalt angenommen hatte, sondern wo er in der geistigen Welt wartete bis zu dem Zeitpunkte, an dem sich auf der Erde andere Lebensbedingungen zeigen würden. Nicht, als ob es den Menschen nicht gegeben hätte in jenen Zeiten: Es hat den Menschen gegeben, aber nicht als ein sichtbares, sondern als ein geistiges Wesen. Er lebte in der geistigen Umgebung der Erde; er war nicht auf sie heruntergestiegen, weil die Bedingungen der alten Zeiten solche waren, dass sie die menschliche Entwicklung noch nicht möglich gemacht hätten. So nimmt nun der Gnostiker denjenigen Zeitpunkt als den wichtigsten an, in dem der Mensch — später als die anderen Reiche – heruntergestiegen ist auf die Erde.

[ 11 ] [And the Gnostic goes on to say:] But there was a time when humankind had not yet taken on a physical form, but was waiting in the spiritual world until the time when different conditions of life would arise on Earth. Not that human beings did not exist in those times: human beings did exist, but not as visible beings, rather as spiritual beings. They lived in the spiritual environment of the Earth; they had not yet descended to it, because the conditions of those ancient times were such that they would not yet have made human development possible. Thus, the Gnostic regards as the most important the point in time when human beings—later than the other kingdoms—descended to Earth.

[ 12 ] Nun aber sagt sich der Gnostiker: Wenn der Mensch in derselben Weise wie die übrigen Reiche der Natur seine physische Verkörperung durchgemacht hätte, dann hätte sich eines nicht entwickeln können, was sich aber entwickeln musste, nämlich das selbstständige, freie Denken des Menschen – überhaupt all dasjenige, was wir das eigentliche, das innere Ich des Menschen nennen, das aus dem Inneren heraus arbeitet, das zwischen Geburt und Tod eine Entwicklung durchmacht. Die Entwicklung eines Tieres ist innerhalb bestimmter Grenzen abgeschlossen. Der Mensch kann, durch Erziehung und Erlebnisse, in einer ganz anderen Weise fortschreiten als das Tier. — Der Gnostiker sagt nun: Damit der Mensch das konnte, ging er eine innigere Verbindung mit dem Materiellen ein, als er hätte eingehen müssen, wenn er unfrei hätte bleiben sollen, abhängig von seinen [Geburtsanlagen] wie die anderen Wesen, die ihn umgaben. Der Mensch ist tiefer hineingestiegen in die Materie, um unabhängiger zu werden von seinen Anlagen.

[ 12 ] But now the Gnostic says to himself: If human beings had undergone their physical incarnation in the same way as the other kingdoms of nature, then one thing could not have developed that nevertheless had to develop: namely, human beings’ independent, free thinking—indeed, everything that we call the true, inner self of the human being, which works from within and undergoes a process of development between birth and death. The development of an animal is complete within certain limits. Through education and experience, human beings can progress in a completely different way than animals. — The Gnostic now says: In order for human beings to be able to do this, they entered into a more intimate connection with the material world than they would have had to if they were to remain unfree, dependent on their [innate dispositions] like the other beings that surrounded them. Humans have delved deeper into matter in order to become more independent of their innate dispositions.

[ 13 ] Und die Gnosis glaubte, dass dieses Tiefer-verstrickt-Werden [in die Materie] in der Urzeit, in uralten Zeiten, stattgefunden habe und dass dieses der Zeitpunkt sei, der in der Bibel in dem Bilde des Sündenfalls festgehalten ist. Der Gnostiker glaubte, dass mit diesem Bilde eben dieses Verstricktwerden [in die Materie] gemeint sei. Damals sei nun aber nicht alles, was an Impulsen mit der Menschenwesenheit verbunden ist, heruntergestiegen auf die Erde, sondern es habe sich etwas von übermenschlicher Art bewahrt in der geistigen Welt. Und während die Menschheit ihre Geschichte [auf der Erde] durchmachte, blieb oben in der geistigen Welt etwas, was zwar eigentlich zum Menschen gehörte, was aber zurückgeblieben war, weil der Mensch tiefer hineingestiegen war in die Physis. So war vom Menschen oben in der geistigen Welt noch etwas vorhanden von dem, was einmal der Mensch als Ganzes in der geistigen Welt war.

[ 13 ] And Gnosticism believed that this becoming more deeply entangled [in matter] had taken place in primeval times, in ancient times, and that this was the moment recorded in the Bible in the image of the Fall. Gnostics believed that this image referred precisely to this entanglement [in matter]. At that time, however, not all the impulses connected to the human being had descended to Earth; rather, something of a superhuman nature had been preserved in the spiritual world. And while humanity went through its history [on Earth], something remained up in the spiritual world that, although it actually belonged to humanity, had been left behind because humanity had descended deeper into the physical realm. Thus, up in the spiritual world, there was still something present of what humanity had once been as a whole in the spiritual world.

[ 14 ] Nun, von diesen Voraussetzungen aus richtet der Gnostiker seinen Blick auf die Christus-Erscheinung, und für ihn wird besonders wichtig der Augenblick, der in der Bibel bezeichnet wird mit der Johannes-Taufe. Der Gnostiker sagt, dass sich bis zu diesem Augenblick [mit Jesus] zwar ein außerordentlicher Mensch entwickelt habe, aber eben nur ein Mensch. Als aber die Johannes-Taufe an ihm vorgenommen wurde, da trat etwas ein, was für die heutige Zeit schwierig zu begreifen ist. Man überlege sich aber Folgendes: Es gibt ja für manchen Menschen den Augenblick, wo er sich sagen muss: Da ist mir etwas in die Seele hereingekommen, durch das ich eine Umänderung meines ganzen Lebens erfahren habe. – Gar mancher Mensch kann sich sagen: [Wenn ich mein Leben von der Geburt bis zu einem gewissen Augenblick durchgehe, dann finde ich, dass in diesem Moment] etwas in meine Seele getreten ist, wodurch ich geistig wiedergeboren worden bin. – Wenn man dies, was bei einem jeden einzelnen Menschen geschehen kann, sich im höchsten Maße gesteigert denkt, als etwas Einzigartiges, dann denkt man das, was die Gnostiker dachten von der Johannes-Taufe im Jordan.

[ 14 ] Now, based on these premises, the Gnostic turns his attention to the appearance of Christ, and for him the moment described in the Bible as the baptism by John becomes particularly important. The Gnostic says that up to this moment, [in Jesus] an extraordinary human being had indeed developed, but still only a human being. But when John baptized him, something occurred that is difficult to comprehend today. Consider the following, however: For some people, there is indeed a moment when they must say to themselves: Something has entered my soul, through which I have experienced a transformation of my entire life. — Many a person can say to themselves: [When I look back on my life from birth up to a certain moment, I find that at that very moment] something entered my soul, through which I was spiritually reborn. – If one imagines this—which can happen to every single person—intensified to the highest degree, as something unique, then one arrives at the same conception that the Gnostics held regarding John’s baptism in the Jordan.

[ 15 ] Eben dasjenige, was geblieben war in der geistigen Welt, was gewartet hatte, was aber vom Urbeginn an zum Menschen gehörte, das ging aus der geistigen Welt als eine Strömung hernieder, das senkte sich in diesen einzigen Menschen Jesus von Nazareth. Und jetzt ist drei Jahre hindurch dieser Jesus von Nazareth nicht ein verwandelter Mensch, sondern ein Mensch, der das in sich trägt, was von der ganzen Menschheit im Urbeginne zurückgeblieben war und was nun in diesen Jesus hineinsank, um befruchtend die Menschheit zu durchdringen: Für drei Jahre wurde der Jesus von Nazareth der Träger des übermenschlichen Christus. Und nun sagt der Gnostiker: Was bis dahin in der geistigen Welt war, das wurde einmal hineinversenkt in den Menschenleib, so wie wir das Samenkorn hineinversenken in die Erde. Und wie das Samenkorn zugrunde geht, so war es auch mit diesem geistigen Impuls; er musste hineinversinken in die Erde, er musste in ihr vergehen, um im ganzen Erdenprozess als Same hundert- und tausendfältig wieder aufzugehen. Dieses Geistige musste durch den Tod gehen, wie das Samenkorn durch den Tod gehen muss. Und es blieb nicht unfruchtbar, sondern ergoss sich in die geistigen Entwicklungsströmungen der Erde. Es ist da, es lebt weiter in vielfältiger Frucht.

[ 15 ] Precisely that which had remained in the spiritual world, that which had been waiting, yet which had belonged to humankind from the very beginning—that flowed down from the spiritual world as a current and descended into this one man, Jesus of Nazareth. And now, for three years, this Jesus of Nazareth is not a transformed human being, but a human being who carries within himself what had remained of all humanity at the very beginning—and what now sank into this Jesus in order to permeate humanity in a life-giving way: For three years, Jesus of Nazareth became the bearer of the superhuman Christ. And now the Gnostic says: What had been in the spiritual world until then was once immersed into the human body, just as we immerse the seed into the earth. And just as the seed perishes, so it was with this spiritual impulse; it had to sink into the earth; it had to perish within it in order to spring up again a hundredfold and a thousandfold as a seed throughout the entire earthly process. This spiritual essence had to pass through death, just as the seed must pass through death. And it did not remain barren, but poured itself into the spiritual currents of the Earth’s development. It is there; it lives on in manifold fruit.

[ 16 ] So hat man im Sinne der Gnosis eine Geschichte der Menschheit zu verzeichnen, die vor Christus liegt, und eine Geschichte, die dem Ereignis von Golgatha folgt eine Menschheitsgeschichte, in welcher der Christus-Impuls lebendig wirkt in der Weise, dass der Christus in die Seelen einzieht. Für die Gnostiker ist der ChristusImpuls Inhalt der Geschichte, des geschichtlichen Werdens geworden! Wenn dies auch befremdend für den heutigen Menschen klingen mag, so muss man doch sagen, dass wirklich gerade die naturwissenschaftlichen Ideen der Gegenwart, die ja nur an ihrem Ausgangspunkte einen materialistischen Charakter angenommen haben, immer mehr dahin drängen werden, eine solche gnostische Idee zu verstehen und dann auch in ihrer Realität zu erfassen. Um zu zeigen, dass man gerade aus der Gegenwart heraus sich dem nähert, was die Gnosis einstmals darbot, sei nur das Folgende angeführt.

[ 16 ] Thus, from the Gnostic perspective, there is a history of humanity that precedes Christ and a history that follows the event at Golgotha—a history of humanity in which the Christ impulse is actively at work in such a way that Christ enters into the souls. For the Gnostics, the Christ impulse has become the very substance of history, of historical development! While this may sound strange to people today, it must be said that it is precisely the scientific ideas of the present—which, after all, have assumed a materialistic character only at their starting point—that will increasingly urge us to understand such a Gnostic idea and then to grasp it in its reality. To show that it is precisely from the present that we are approaching what Gnosis once offered, let us cite the following:

[ 17 ] Allerdings muss gesagt werden, dass dies sich nur wie ein Elementares ausnimmt, wie ein erster Schritt. Nicht wahr, wie lange hat die Naturwissenschaft geglaubt, auf festem Boden zu stehen? Wie lange hat sie auf Grundlage des wahrhaftig als groß zu bezeichnenden Darwinismus geglaubt, behaupten zu müssen, alles beim Menschen habe sich aus tierischen Anfängen entwickelt, und das eigentlich Treibende sei so etwas wie zum Beispiel der Kampf ums Dasein? So wurde gesagt, alle möglichen Wesen seien gleichsam zum Leben ausgeschickt, aber es entstehe der Kampf ums Dasein, und da sei es gar kein Wunder, dass nach einer gewissen Zeit die Vollkommeneren die Unvollkommeneren überwunden hätten. So hätten sich die Wesen immer mehr vervollkommnet, bis endlich die Stufe des Menschen erreicht worden sei. «Kampf ums Dasein» wurde zum Losungswort. Heute aber gibt es eine andere Idee, die anzunehmen gewisse Forscher sich aus reinem, ehrlichem Wahrheitsempfinden gezwungen sehen. Sie sagen: Wenn wir heute den Menschen betrachten und ihn vergleichen mit den vollkommensten Tieren, dann können wir gar nicht annehmen, dass der Mensch sich aus diesen Tieren in gerader Linie entwickelt habe. Wir müssen vielmehr annehmen, dass der Mensch zurückgehe auf eine Urform, die sich heute nicht mehr findet. – Und nun nehmen diese Forscher an, dass es eine solche Urform gegeben habe, aus der sich auf der einen Seite der Mensch, auf der anderen die Tiere entwickelt hätten. Und noch eine andere Tatsache fügen diese bedeutenden Forscher hinzu. Sie fragen: Wie konnte der Mensch sich in dieser ganz anderen Art entwickeln, während sich die Tiere doch auch entwickelten? – Und da kommen sie merkwürdigerweise gar nicht auf den Kampf ums Dasein. Sie vertreten die Ansicht, dass der Mensch in seiner Form an einem besonders geschützten Orte war, wo er die Bedingungen der Urform beibehalten konnte, während die anderen Wesen in den Niedergang kamen. So haben wir heute schon die Zurückführung des Menschen auf eine nicht mehr sichtbare Urform, die sich nur dadurch entwickeln konnte, dass sie geschützt war an einem Orte, wo der Mensch nicht einzutreten brauchte in den Kampf ums Dasein. Einzwängen lassen sich diese Forscher nur noch von einer einzigen Fiktion, nämlich dass sie diesen geschützten Ort suchen im Bereiche des sinnlich-wirklichen Daseins. Auch der Gnostizismus nimmt eine Urform an, versetzt sie aber nicht in die sinnliche Welt, sondern dahin, wo sie tatsächlich am besten geschützt ist: in die geistige Welt. Und wenn man schon die Idee hat, dass der Mensch später in das Leben eingetreten ist, dann kann man auch die andere haben, dann kann man nämlich auch sagen: Wenn wir den geschichtlichen Verlauf beobachten, dann sehen wir, wie die gesamte Menschheit gewissermaßen gespalten ist in einzelne Nationen und Rassen; wir sehen, wie es viele religiöse Bekenntnisse gibt, die sich gestalten nach den verschiedenen Stämmen. Früher war es so, dass die Menschheit nur dasjenige entwickeln konnte, was in einem Stamme eingepflanzt war, was dem einzelnen Menschen eingepflanzt worden ist durch seine Stammeszugehörigkeit. Diejenige geistige Kraft und Wesenheit aber, die den Menschen überhaupt erst zum Menschen macht, die bewirkt, dass der Mensch im Menschen den Menschen findet, und nicht das [Stammesmäßige], was durch eine geschlechtliche Vererbung zu ihm gehört diese Kraft musste dem Menschen wieder zuteilwerden. Die Menschheit konnte diesen Impuls erst aufnehmen, als sie reif wurde dazu. Wir begegnen also in den ersten christlichen Jahrhunderten Entwicklungsideen besonderer, hoher Art, sodass wir sagen müssen: Das, was wir heute in der Naturwissenschaft wie an einem Anfang sehen, der erst die Puppenhülle abstreifen muss, das war in der Gnosis schon in grandiosen Gedankenkonzeptionen vorweggenommen. Dies konnte nur dadurch sein, dass eben Evolution, Entwicklung [tatsächlich da] ist in der menschlichen Geschichte.

[ 17 ] However, it must be said that this only appears to be a basic concept, a first step. Isn’t that right? For how long did the natural sciences believe they were standing on solid ground? For how long, on the basis of Darwinism—which can truly be called a great theory—did it believe it had to assert that everything in humans had evolved from animal origins, and that the actual driving force was something like, for example, the struggle for existence? It was said that all manner of beings were, as it were, sent out into life, but that a struggle for existence arose, and that it was therefore no wonder that, after a certain time, the more perfect had overcome the less perfect. Thus, beings had become more and more perfect until, finally, the stage of humanity was reached. “Struggle for existence” became the watchword. Today, however, there is another idea that certain researchers feel compelled to accept out of a pure, honest sense of truth. They say: When we look at human beings today and compare them with the most perfect animals, we cannot possibly assume that humans evolved directly from these animals. Rather, we must assume that humans trace their origins back to a primordial form that no longer exists today. – And now these researchers assume that such a primordial form existed, from which, on the one hand, human beings and, on the other, animals evolved. And these eminent researchers add yet another fact. They ask: How could human beings have evolved in this entirely different way, while animals also evolved? – And, curiously enough, they do not even mention the struggle for existence. They hold the view that humankind, in its form, was situated in a particularly protected place where it could maintain the conditions of the primordial form, while other beings fell into decline. Thus, we already have today the tracing of humankind back to a primordial form that is no longer visible—one that could only develop because it was protected in a place where humankind did not need to enter the struggle for existence. These researchers are constrained by a single fiction: namely, that they seek this protected place within the realm of sensory-real existence. Gnosticism, too, posits a primordial form, but does not place it in the sensory world; rather, it places it where it is actually best protected: in the spiritual world. And if one already holds the idea that humanity entered life at a later stage, then one can also hold the other idea; for one can then also say: When we observe the course of history, we see how the whole of humanity is, so to speak, divided into individual nations and races; we see how there are many religious creeds that take shape according to the various tribes. In the past, humanity could develop only what was implanted in a tribe—what had been implanted in the individual through his or her tribal affiliation. But that spiritual power and essence which makes a human being a human being in the first place—which causes a person to find the human being within another human being, rather than the [tribal] traits that belong to them through heredity—this power had to be bestowed upon humanity once again. Humanity could only receive this impulse once it had matured enough to do so. Thus, in the early Christian centuries, we encounter ideas of development of a special, lofty kind, so that we must say: What we see today in the natural sciences as something in its infancy—which must first shed its pupal shell—had already been anticipated in Gnosticism through magnificent conceptualizations. This could only be because evolution and development are, in fact, present in human history.

[ 18 ] Wenn wir zurückgehen zu den Zeiten, zu den Epochen, als der Mensch herunterstieg in das Leben, da kommen wir zu einem ganz anderen Seelenleben. Wollen wir es vergleichen mit dem heutigen Seelenleben, so müssen wir sagen: Dieses ist darauf angewiesen, mit den Sinnen aufzunehmen; [es kann nur mit den Sinnen] erleben, nur das erfahren, was an das Gehirn gebunden ist. Aus alten Zeiten sind uns wunderbare Erkenntnisse in Bildern überliefert. Das ist auch äußerlich ein Bild für das, was Geisteswissenschaft mit ihren Mitteln erkennt, nämlich dass die Seele des Menschen nicht immer so ihre Umgebung wahrnahm wie heute, sondern dass ein Hellsehen vorhanden war. Der Mensch fühlte sich noch nicht so in seinem Ich drinnen; er fühlte sich noch mit den Dingen verwachsen — traumhafte Bewusstseinszustände führten ihn in den Untergrund der Dinge. Das traumhafte Hellsehen war diejenige Erkenntnisart, durch die sich dem Urmenschen die Geheimnisse der Dinge enthüllten. Das war ein Erlebnis – ähnlich demjenigen, das man heute hat, wenn man einen Traum erlebt. So erlebte der Urmensch, der heruntergestiegen war aus geistigen Höhen, die Geheimnisse der geistigen Welt als hellseherische Träume. Der Fortschritt der Entwicklung war aber nun, dass die Menschen immer tiefer herunterstiegen in das physische Dasein und so immer mehr das alte Hellsehen verloren. Das braucht man nicht als etwas Trauriges zu bezeichnen, denn hätte der Mensch das alte Hellsehen nicht verloren, so wäre er niemals zum freien Selbstbewusstsein gekommen. Nur dadurch war es möglich, dass der Mensch Erleber seines eigenen Lebens werden konnte. Langsam und allmählich vollzog sich der Verlust dieses alten, hellsichtigen Erkennens, mit dem man in die Geheimnisse der geistigen Welt eingedrungen war.

[ 18 ] If we go back to the times, to the epochs, when humankind descended into life, we encounter a completely different inner life. If we compare it with today’s inner life, we must say: This one depends on taking in through the senses; [it can only] experience through the senses, and perceive only what is bound to the brain. Wonderful insights have been handed down to us from ancient times in the form of images. Externally, this is also a metaphor for what spiritual science recognizes through its own methods—namely, that the human soul did not always perceive its surroundings as it does today, but that clairvoyance existed. Human beings did not yet feel so firmly rooted in their “I”; they still felt at one with things—dreamlike states of consciousness led them into the depths of things. This dreamlike clairvoyance was the kind of perception through which the mysteries of things were revealed to early human beings. It was an experience—similar to the one we have today when we experience a dream. Thus, primitive man, who had descended from spiritual heights, experienced the mysteries of the spiritual world as clairvoyant dreams. The progress of evolution, however, was such that human beings descended ever deeper into physical existence and thus increasingly lost the old clairvoyance. This need not be regarded as something sad, for if humankind had not lost this ancient clairvoyance, it would never have attained free self-awareness. Only through this was it possible for humankind to become the experiencer of its own life. Slowly and gradually, the loss of this ancient, clairvoyant perception—through which one had penetrated the mysteries of the spiritual world—took place.

[ 19 ] In den Zeiten, als die Menschheit eigentlich schon ganz mit der Außenwelt verbunden war, wurde diese hellsichtige Erkenntnis noch immer in Stätten bewahrt, die aus der Schülerschaft uralter Mysterien herrührten. Sie hatten dieses uralte Weisheitsgut behütet, das als Überlieferung vorhanden war. Und nachdem das Christus-Ereignis eingetreten war in die Erdenentwicklung, bewahrten die Gnostiker immer noch jenes uralte überlieferte Weisheitsgut aus der hellsichtigen Erkenntnis der Menschheit und bildeten aus diesen alten Erkenntnissen die Christus-Idee. Sie ist also eine Reminiszenz aus der Vorzeit – eine Erkenntnis, die nicht durch ein freies Selbstbewusstsein erworben war. Die Gnostiker wendeten das, was die Urväter gewusst hatten, an auf die Erscheinung des Christus und erklärten ihn daraus. Die Zeit, in der die Gnosis lebte, war die Abenddämmerung der alten hellsichtigen Erkenntnis. So kam es, dass in den folgenden Zeiten, im Mittelalter, es den Menschen nicht mehr möglich war, mit dem uralten Weisheitsgut der Gnosis weiterzuarbeiten und dadurch den Christus zu begreifen. Da trat dann etwas anderes an die Stelle der Gnosis.

[ 19 ] In the times when humanity was, in fact, already fully connected to the outer world, this clairvoyant knowledge was still preserved in places that had their origins in the schools of the ancient mysteries. They had safeguarded this ancient treasure of wisdom, which existed as a tradition. And after the Christ event had entered into Earth’s evolution, the Gnostics continued to preserve that ancient, handed-down wisdom derived from humanity’s clairvoyant insight and formed the Christ idea from these ancient insights. It is thus a reminiscence from ancient times—an insight that was not acquired through free self-awareness. The Gnostics applied what the forefathers had known to the appearance of Christ and interpreted him in light of it. The era in which Gnosticism flourished marked the twilight of ancient clairvoyant knowledge. Thus, in the ages that followed—the Middle Ages—it was no longer possible for people to continue working with the ancient wisdom of Gnosticism and thereby comprehend Christ. Something else then took the place of Gnosticism.

[ 20 ] Wir sehen nun, wie in den nächsten Jahrhunderten, nachdem die Gnosis den Menschen abhandengekommen war, die Menschen die Christus-Erscheinung auch begreifen wollten, aber von dem eigentlich [äußeren] menschlichen Wissen und Erkennen aus, von der menschlichen Wissenschaft aus. Da sehen wir, wie die erleuchtetsten Geister des Mittelalters anstelle der Gnosis die Lehre des alten Philosophen Aristoteles anwendeten, um den Christus zu begreifen. Sie kamen dazu, dass sie sich sagen mussten: Wenn wir das Weltgebäude des Aristoteles nehmen, dann kommen wir nur zu einem bestimmten Punkte; das wirkliche geistige Erkennen des Christus liegt über dem, was der Mensch erkennen kann. — In einem Punkte aber beruht die Weltanschauung des Mittelalters auf einer Hauptidee des Aristoteles. Aristoteles ist es ja nicht eingefallen, bis zur Anschauung des modernen Materialismus zu schreiten. Wenn wir die Anschauung des Aristoteles über das Zusammenwirken der Seele mit dem Leibe untersuchen, so ist er weit entfernt davon zu glauben, dass das, was der Mensch als sein Innenleben fühlt, bloß ein Resultat der Vererbung sei, hineinversenkt in den Menschen durch die Eltern, Großeltern und so weiter. Er kommt vielmehr zu der Idee, dass jedem Menschen, der durch die Geburt ins Dasein tritt, gleichsam aus der allgemeinen Geistsubstanz, aus der Gottheit heraus, ein Tropfen abgeschnürt wird und sich vereint mit seiner Leiblichkeit. So tritt jedes Mal bei der Geburt ein geistig-seelischer Kern aus dem Allgemein-Geistigen zum [leiblichen] Menschen hinzu.

[ 20 ] We now see how, in the centuries that followed—after Gnosis had been lost to humanity—people still sought to comprehend the manifestation of Christ, but did so based on what is essentially [external] human knowledge and understanding, that is, through human science. There we see how the most enlightened minds of the Middle Ages applied the teachings of the ancient philosopher Aristotle in place of Gnosis in order to comprehend Christ. They came to the conclusion that they had to say to themselves: If we take Aristotle’s worldview, we can only reach a certain point; the true spiritual understanding of Christ lies beyond what human beings can comprehend. — In one respect, however, the medieval worldview is based on a central idea of Aristotle’s. It never occurred to Aristotle, after all, to advance as far as the views of modern materialism. If we examine Aristotle’s view of the interaction between the soul and the body, we see that he is far from believing that what a person experiences as their inner life is merely a result of heredity, instilled in the person by their parents, grandparents, and so on. Rather, he arrives at the idea that for every human being who enters existence through birth, a drop is, as it were, drawn off from the universal spiritual substance—from the Divine—and unites with their physical body. Thus, at every birth, a spiritual-soul core emerges from the universal spiritual realm and joins the [physical] human being.

[ 21 ] Nun aber denkt Aristoteles weiter. Er hat eine Eigenschaft, die man in der Gegenwart eigentlich recht selten findet: Er zieht nämlich die wirklichen Konsequenzen seines Forschens und Sinnens. Er sagt sich: Wenn nun die Seele durch die Pforte des Todes tritt, dann ist sie doch ein für sich bestehendes reales Wesen; dann steigt sie auf in die geistige Welt. Während sie vor der Geburt nicht ein besonderes Wesen war, bleibt sie nach dem Tode als ein individuelles, selbstständiges Wesen in der geistigen Welt vorhanden. Was kann sie nun nach dem Tode erleben? Erleben kann sie da nichts mehr, denn dann müsste sie mit einem Leibe umhüllt sein; sie hat als ihren Inhalt einzig die Rückschau auf ihr Erdenleben. In Ewigkeit lebt die menschliche Seele; sie blickt zurück auf ihr Erdenleben, auf das Gute oder Böse, das sie getan, sie lebt in diesem Bilde ihres eigenen Erdenlebens. – Hier haben wir eigentlich durch Aristoteles die Lehre von der Ewigkeit der Höllenstrafe begründet; von dieser Stelle aus hat sie sich hineingefunden in die katholische Lehre des Mittelalters. Es sei hier gleich gesagt, dass Aristoteles nicht anders konnte, als die Seele so gleichförmig zu lassen durch alle ewigen Zukünfte hindurch, in der Anschauung dessen, was sie im Erdenleben vollbracht hat.

[ 21 ] But Aristotle takes his thinking a step further. He possesses a quality that is actually quite rare today: namely, he draws the true conclusions from his research and reflection. He tells himself: If the soul passes through the gate of death, then it is, after all, a real being that exists in its own right; then it ascends into the spiritual world. Whereas before birth it was not a distinct being, after death it continues to exist in the spiritual world as an individual, independent being. What, then, can it experience after death? It can experience nothing there, for that would require it to be clothed in a body; its sole content is the reflection on its earthly life. The human soul lives eternally; it looks back on its earthly life, on the good or evil it has done, and lives within this image of its own earthly life. —Here, in fact, Aristotle laid the foundation for the doctrine of the eternity of hellish punishment; from this point, it found its way into the Catholic doctrine of the Middle Ages. It should be noted here that Aristotle had no choice but to leave the soul unchanged throughout all eternal futures, contemplating what it had accomplished in its earthly life.

[ 22 ] Die moderne Geisteswissenschaft oder Theosophie erkennt nun, dass die Seele nach dem Tode in sich die Möglichkeit hat, zurückzuschauen auf das Erdenleben – wie in einem gedächtnismäßigen Erinnern –, aber sie muss nicht in diesem Zustand verbleiben; vielmehr nimmt der Mensch aus diesem Leben als schönste Frucht die Möglichkeit mit in die geistige Welt, dasjenige, was er hier an guten oder bösen Taten vollbracht hat, auszubauen oder umzuwandeln. So muss er nicht für alle Ewigkeit in der geistigen Welt bleiben, sondern er kann also, indem er in ein neues Leben tritt, wieder durch die Geburt ins Dasein tritt, im karmischen Ausgleich selber dasjenige überwinden, was er vorher in früheren Leben tat oder versäumte. Die Seele tritt also durch die Todespforte und nimmt mit sich die Impulse, immer wieder in das Dasein zu treten, um einen Ausgleich zu schaffen in folgenden Leben.

[ 22 ] Modern spiritual science, or theosophy, now recognizes that after death the soul has within itself the capacity to look back on its earthly life—as in a memory-like recollection—but it need not remain in this state; rather, as the most beautiful fruit of this life, the human being takes with them into the spiritual world the ability to develop or transform the good or evil deeds they have performed here. Thus, the human being need not remain in the spiritual world for all eternity; rather, by entering a new life—that is, by coming into existence through birth—he can, through karmic balance, overcome what he previously did or failed to do in earlier lives. The soul thus passes through the gate of death, carrying with it the impulses to reenter existence time and again in order to achieve balance in subsequent lives.

[ 23 ] Aristoteles konnte eine solche Idee nicht annehmen, weil er von vorneherein sagte, die Seele werde jedes Mal vor der Geburt abgeschnürt aus der geistigen Substanz. Die Geisteswissenschaft muss dagegen sagen: Das jetzige Leben hat andere Leben zur Voraussetzung. Aristoteles hat seinem Erkennen gleichsam selbst die Kehle zugehalten. – Diese Idee der Wiederverkörperung war also nicht vorhanden bei Aristoteles, den die mittelalterlichen Weisen den «Vorläufer des Herrn in Bezug auf Naturerkenntnis» — den «praecursor domini in rebus naturalibus» – nannten. Wir sehen also, wie weit Aristoteles in der Unsterblichkeitsfrage kam und wie er die Frucht des Lebens in eine ewige Beschaulichkeit der Seele hineinverlegte. Dadurch ergab sich wie von selbst die Unmöglichkeit, hinaufzuschauen in die geistige Welt und die Natur des Christus zu erkennen. Dem mittelalterlichen Denken wird der Christus entrückt, in das Gebiet des Glaubens, wo das Erkennen nicht hineinragen kann. Die uralte Tradition der Gnosis war eben verloren gegangen; Aristoteles reichte nicht bis zum geistigen Erkennen des Christus. Daher machte man einen Strich zwischen dem, was erkannt werden kann, und dem, was nur geglaubt werden muss. Die eine Konsequenz der aristotelischen Idee blieb: Die Kirche betonte die Ewigkeit der Höllenstrafen.

[ 23 ] Aristotle could not accept such an idea because he stated from the outset that the soul is severed from the spiritual substance each time before birth. Spiritual science, on the other hand, must assert: This present life presupposes other lives. Aristotle, as it were, stifled his own insight. – This idea of reincarnation was therefore absent in Aristotle, whom the medieval sages called the “forerunner of the Lord in matters of natural knowledge”—the “praecursor domini in rebus naturalibus.” We see, then, how far Aristotle went in the question of immortality and how he transferred the fruit of life into an eternal contemplation of the soul. This automatically made it impossible to look up into the spiritual world and recognize the nature of Christ. Christ is removed from medieval thought and placed in the realm of faith, where knowledge cannot penetrate. The ancient tradition of Gnosis had simply been lost; Aristotle did not extend to the spiritual recognition of Christ. Therefore, a distinction was drawn between what can be known and what must simply be believed. One consequence of the Aristotelian idea remained: the Church emphasized the eternity of the torments of hell.

[ 24 ] Die Neuzeit machte einen dritten Schritt. Nach und nach kam die Hingabe an den Glauben den Menschen immer mehr abhanden. Sie warfen sich immer mehr auf das bloß Sinnlich-Greifbare. Wir sehen nun: Für die Christus-Idee war das Ergebnis, dass der Christus immer mehr in den Hintergrund trat und die Christus-Anschauung immer materialistischer wurde. An die Stelle des geistigen Prinzips der Gnostiker, an die Stelle des Christus des Mittelalters, der im reinsten Glaubensgefühl erlebt werden konnte, setzte die neuere Zeit nicht einen Menschen, der von etwas Kosmischem durchseelt war, an den Ausgangspunkt unserer Zeitrechnung, sondern immer mehr den «schlichten Mann von Nazareth» – einen Menschen, gleich den anderen Menschen. Es wurde nicht mehr gewusst, was die Gnostiker schon erfasst hatten. Materiell, wie jede andere gewöhnliche geschichtliche Erscheinung, wollte man den Christus begreifen. Und indem man ihn nur menschlich auffasste, war man ja auch genötigt, seine Erscheinung mit den Mitteln der gewöhnlichen Historie zu untersuchen. Dabei hätte man doch bedenken können: Die ganze Sache historisch zu nehmen ist nämlich das Leichteste, was es gibt, denn was kann leichter sein, als die Evangelien vorzunehmen und nachzuweisen, dass darinnen Widersprüche sind. Der Kern dieser Forschung ist das Elementarste, was es nur geben kann. Auch musste man eigentlich doch annehmen, dass alle, die früher gelebt haben, so große Tröpfe gewesen seien, dass sie nicht einmal die so auffälligen Widersprüche gesehen haben. Man fasste die Evangelien nicht auf als eine Erziehung der Seele, durch die sie sich hinaufschwingen kann zu der geistigen Anschauung des Christus. Kein Wunder also, dass man an die Evangelien den Maßstab der Historie anlegte, kein Wunder, dass eine Bewegung entstand, die sich in Deutschland an den Namen Drews knüpft und die zur völligen Leugnung des Christus gekommen ist. Das geschieht nun in derselben Zeit, in derselben Gegenwart, in der die Geisteswissenschaft auftritt! Und der Geisteswissenschaft zeigt sich eben, was schon charakterisiert worden ist, nämlich dass der Mensch mit demjenigen, was er in seinem Inneren trägt, nicht bloß in dem einen Leben lebt, sondern dass er dieses mitgebracht hat aus anderen Leben, die verflossen sind. Einstmals lebte der Mensch in einer geistigen Welt. Dann stieg er herunter aus dieser geistigen Welt, war aber nicht nur einmal in einem physischen Leibe, sondern stieg, nachdem er die Früchte des Einzellebens in einem geistigen Zwischenzustand verarbeitet hatte, immer wieder in das physische Dasein herunter. Dieses Gesetz ist schon öfters hier an diesem Orte angeführt worden. Es zeigt uns, wie der Mensch im ganzen geschichtlichen Werden der Welt lebt. Dann aber hat das Leben offenbar erst einen Sinn, wenn wir annehmen, dass wir alle auf der Erde gelebt haben, um uns anzueignen, was uns die Urzeit geben konnte, um uns weiterzuentwickeln in den späteren, vollkommeneren Zeitaltern. Wenn man dies genauer untersucht, dann ergibt sich etwas recht Eigentümliches, es ergibt sich nämlich geradezu das, was man nennen könnte: die Mission des Menschen auf der Erde.

[ 24 ] The modern era took a third step. Little by little, people lost their devotion to faith. They increasingly turned to what was merely sensory and tangible. We now see that, for the idea of Christ, the result was that Christ receded further and further into the background, and the conception of Christ became increasingly materialistic. In place of the spiritual principle of the Gnostics, in place of the Christ of the Middle Ages—who could be experienced in the purest sense of faith—the modern era did not place a human being imbued with something cosmic at the starting point of our calendar, but increasingly the “simple man from Nazareth”—a human being just like any other. People no longer understood what the Gnostics had already grasped. They sought to comprehend Christ in material terms, just like any other ordinary historical phenomenon. And by viewing him solely in human terms, they were, of course, compelled to examine his life using the methods of ordinary history. Yet one might have considered: Taking the whole matter historically is, in fact, the easiest thing there is, for what could be easier than to examine the Gospels and prove that there are contradictions within them? The core of this research is the most elementary thing imaginable. One would also have to assume that all those who lived in the past were such fools that they did not even notice the glaringly obvious contradictions. The Gospels were not understood as an education of the soul through which it can rise to a spiritual vision of Christ. No wonder, then, that the Gospels were judged by the standards of history; no wonder that a movement arose in Germany associated with the name of Drews, a movement that has come to a complete denial of Christ. This is happening right now, at the very same time, in the very same present in which spiritual science is emerging! And spiritual science reveals precisely what has already been characterized, namely, that human beings do not merely live in this one life with what they carry within themselves, but that they have brought this with them from other lives that have passed. Once upon a time, human beings lived in a spiritual world. Then he descended from this spiritual world, but he was not in a physical body just once; rather, after having processed the fruits of his individual life in an intermediate spiritual state, he descended again and again into physical existence. This law has already been cited here on this occasion many times. It shows us how human beings live throughout the entire historical development of the world. But life apparently only has meaning if we assume that we have all lived on Earth in order to assimilate what prehistoric times could offer us, so that we might continue to develop in the later, more perfect ages. When one examines this more closely, something quite peculiar emerges—namely, precisely what one might call: the mission of humankind on Earth.

[ 25 ] Wie schon öfter muss ich auch heute darauf hinweisen, dass dasjenige, was herausgekommen ist als das gegenwärtige – [gewöhnliche] – Bewusstsein des Menschen, nicht etwas ist, was das alleinige Bewusstsein sein kann. Der Mensch kann sich eben wirklich entwickeln, er kann sich durch eine regelrechte geistige Schulung zum Hellsehen heraufschwingen – er kann das, wenn er auf seine Seele anwendet die [Methode der] Meditation. So wie wir, wenn wir einen hellglänzenden Gegenstand anschauen und dadurch in einen Zustand kommen können, der das ganze übrige Leben ausschließt – das sei aber nicht zur Nacheiferung gesagt –, so bringen wir uns in einen – allerdings nicht so unfreien – Zustand, wenn wir durch selbsteigenen Willen nur Geistig-Seelisches, das wir uns erworben haben, in den Mittelpunkt unseres Bewusstseins stellen und von allem übrigen absehen. Dann strahlen in unsere Seele Kräfte hinein, durch die für uns wirklich wird, was man etwa so ausdrücken kann: Der Mensch wird frei von seinem Leibe. Der Mensch erlebt wirklich, was sich so aussprechen lässt: Ich nehme nicht mehr wahr durch das Auge, denke nicht mehr durch das Gehirn, sondern erfahre als geistiges Wesen, das unabhängig ist von seinem Leibe; ich nehme wahr, was in einer geistigen Welt lebt und webt. Diese Erhebung zum Geistigen kann durch Schulung erlangt werden, und ihre strengen Gesetze findet man in einigen meiner Werke geschildert.

[ 25 ] As I have pointed out many times before, I must emphasize again today that what has emerged as humanity’s present—[ordinary]—consciousness is not the only form of consciousness that can exist. Human beings can indeed develop; through proper spiritual training, they can elevate themselves to clairvoyance—they can do this if they apply the [method of] meditation to their souls. Just as when we look at a brightly shining object and thereby enter a state that excludes all other aspects of life—though this is not meant to be emulated— so we bring ourselves into a—though not quite as restricted—state when, through our own free will, we place only the spiritual-soul aspects we have acquired at the center of our consciousness and set aside everything else. Then forces radiate into our soul through which what might be expressed as follows becomes a reality for us: The human being becomes free from his body. The human being truly experiences what can be expressed as follows: I no longer perceive through the eye, no longer think through the brain, but experience myself as a spiritual being independent of my body; I perceive what lives and weaves in a spiritual world. This elevation to the spiritual can be attained through training, and its strict laws are described in some of my works.

[ 26 ] Derjenige bringt seine Seele leichter hinauf in die geistige Welt, der mit seinem Gefühl etwas durchgemacht hat, was sich etwa so beschreiben lässt: Wer leicht in Aufregung kommt, wer viel sich seinen Affekten und Empfindungen hingibt, der wird nicht leicht hinaufsteigen können in die geistige Welt; wer aber mit einem gewissen Gleichmaß von Ruhe und innerer Gelassenheit der äußeren Welt gegenübersteht, in dem lebt gleichsam eine Ersparnis, ein Reservoir von Empfindungen und Gefühlen – und gerade da hinein strahlt das Geisteslicht, das wir durch die Meditation in uns entzünden. Ein Mensch, der viel für sich in Anspruch nimmt, der kann nicht leicht zum geschulten Hellseher werden. Aber wer leicht mitfühlen kann mit den anderen, wer selbstlose Liebe entwickeln kann, wer nicht nur seinen Empfindungen lebt, ein solcher Mensch hat ein Mehr der Seele, das er durchdringen kann mit Kräften, die er durch die geistige Schulung erringt. Aus einem Gefühl, das nicht im Egoismus sich auslebt, leuchtet die hellseherische Kraft des Menschen auf.

[ 26 ] Those who have experienced something emotionally that can be described something like this will find it easier to ascend into the spiritual world: Those who become easily agitated, who give themselves over to their emotions and feelings, will not be able to ascend easily into the spiritual world; but those who face the outer world with a certain balance of calm and inner serenity possess, as it were, a reserve—a reservoir of feelings and emotions—and it is precisely into this that the light of the spirit, which we kindle within ourselves through meditation, shines. A person who is very self-absorbed cannot easily become a trained clairvoyant. But those who can easily empathize with others, who can develop selfless love, who do not live solely by their feelings—such people possess a greater depth of soul, which they can permeate with the powers they attain through spiritual training. From a feeling that does not indulge in selfishness, a person’s clairvoyant power shines forth.

[ 27 ] Wenn der Mensch nun so weit gekommen ist, dass es ihm möglich ist, in der geistigen Welt zu leben, dann kann er nach und nach das, was er dort erlebt, herunterholen in die gewöhnlichen Begriffe und kann dies dann so mitteilen, dass es durch den gesunden Menschenverstand begriffen werden kann. Geradeso wie nicht alle Menschen in ein Laboratorium gehen müssen, um sich von dem, was die äußere Wissenschaft sagt, selbst zu überzeugen, so brauchen auch nicht alle Menschen Hellseher zu werden. Wer Ergebnisse aus seiner hellsichtigen Forschung mitzuteilen hat, der hat keine Furcht vor dem gesunden Menschenverstand. Wer [in diesem Sinne] nur recht gesund ist, der gibt dem Geistesforscher Recht; nicht Recht gibt ihm nur, wer vorurteilsvoll an die geistigen Wahrheiten herangeht. So verhält es sich mit der Geisteswissenschaft [und ihren Ergebnissen], die gewonnen werden durch hellsichtige Forschung, und auf diese Weise kann der Mensch hinaufkommen in eine Welt des geistigen Erlebens.

[ 27 ] Once a person has reached the point where it is possible for them to live in the spiritual world, they can gradually translate what they experience there into ordinary concepts and communicate it in a way that can be understood by common sense. Just as not everyone needs to go into a laboratory to convince themselves of what external science says, not everyone needs to become a clairvoyant. Anyone who has findings from their clairvoyant research to share has no fear of common sense. Anyone who is truly sound-minded [in this sense] will agree with the spiritual researcher; only those who approach spiritual truths with prejudice will disagree with him. This is the case with spiritual science [and its findings], which are obtained through clairvoyant research, and in this way a person can ascend into a world of spiritual experience.

[ 28 ] Das, was vom Geisteswissenschafter im Überbewusstsein heute erreicht wird, das wird in der Zukunft bis zu einem gewissen Grade von allen Menschen erreicht werden können. Und das eben steht dem zwanzigsten Jahrhundert bevor: zu begreifen, dass die Seele sich entwickelt, im Verlaufe des Erdendaseins von Leben zu Leben geht und dasjenige auf sich wirken lässt, was aus der Zeitkultur auf sie wirken soll.

[ 28 ] What the spiritual scientist achieves today in the superconscious will, in the future, be attainable to a certain degree by all people. And this is precisely what lies ahead for the twentieth century: to understand that the soul develops, passes from life to life in the course of its earthly existence, and allows itself to be influenced by what the culture of the time is meant to impart to it.

[ 29 ] Betrachtet man nun mit einem weiten Blick den Menschen über die Erde hin, dann treten an ihm zwei Eigenschaften hervor, die in uralten Zeiten bei ihm nicht vorhanden waren. Man braucht nur zu prüfen, um zu sehen, dass sie nicht vorhanden waren. Diese zwei Eigenschaften sind das Mitleid und das Gewissen. Diese beiden Eigenschaften werden sich nach und nach immer mehr ausbilden, indem der Mensch eine Schulung des Seelenlebens durchmacht. Mitleid und Gewissen treten erst im Laufe der Entwicklung auf. Allerdings ist vieles, was man über das Mitleid hört, bloß Phrase. In Wahrheit ist Mitleid etwas, was der Mensch dann fühlt, wenn er von sich selbst loskommt, wenn er hinübertritt in ein anderes Wesen, wenn er dessen Leid mit dessen Gefühl wahrnimmt. Im Mitgefühl vergisst der Mensch sein eigenes Ich, lebt in dem anderen darinnen. Man stelle sich nur einmal vor, es wäre von der Natur so eingerichtet, dass der Mensch in dem Augenblick, wo er sich von seinem eigenen, engen Selbst lostrennt in moralischer Weise, dasselbe erlebte, was er jeden Tag erlebt im Schlafe: Wenn also der Mensch seine Glieder nicht mehr beherrschen kann, wenn das Gehirn nicht mehr Werkzeug der Seele bleiben kann, wenn der Mensch einschläft, dann verliert er sein Bewusstsein. Der Mensch kann ja tatsächlich auch im Gefühl sein Bewusstsein verlieren – da wird er ohnmächtig: Er kann dann sein Ich nicht hingeben an die Gefühle des anderen Wesens. Das ist höchster Egoismus, das ist ein sittlicher Defekt!

[ 29 ] If we now take a broad view of humankind across the earth, two characteristics stand out that were not present in humans in ancient times. One need only examine the matter to see that they were not present. These two characteristics are compassion and conscience. These two characteristics will gradually develop more and more as human beings undergo a training of the soul life. Compassion and conscience only emerge in the course of development. However, much of what is said about compassion is mere rhetoric. In truth, compassion is something a person feels when they detach from themselves, when they step into another being, when they perceive that being’s suffering through its own feelings. In compassion, a person forgets their own ego and lives within the other. Just imagine for a moment that nature were arranged in such a way that, at the very moment a person detaches from their own narrow self in a moral sense, they would experience the same thing they experience every day in sleep: When a person can no longer control their limbs, when the brain can no longer remain the soul’s instrument, when a person falls asleep, they lose their consciousness. A person can, in fact, also lose their consciousness through emotion—in which case they become powerless: they are then unable to surrender their “I” to the feelings of another being. That is the height of selfishness; it is a moral defect!

[ 30 ] Das Mitleid ist eines von den zwei Dingen, durch die der Mensch aus sich herauskommt, ohne dass er das Bewusstsein verliert; das Gewissen ist das andere. Es spricht in uns hinein. Der Mensch unterwirft sich einer Stimme, die in sein Ich hineinspricht; da unterwirft er sein Selbst einem anderen, das weiter reicht als sein Selbst. Mitleid und Gewissen sind die Kräfte, die der Mensch entwickelt. Und das Bewusstsein wird auf der Grundlage der Formen, die Mitleid und Gewissen angenommen haben, dasjenige entwickeln, was sonst nur im abnormen Bewusstsein möglich war: die Hellsichtigkeit. Das ist keine Prophetie, das ist etwas, was aus strenger Wissenschaftlichkeit hervorgeht.

[ 30 ] Compassion is one of the two things through which a person steps outside of themselves without losing consciousness; conscience is the other. It speaks within us. A person submits to a voice that speaks into their ego; in doing so, they submit their self to another that extends beyond their own self. Compassion and conscience are the forces that human beings develop. And consciousness, based on the forms that compassion and conscience have taken, will develop what was otherwise only possible in an abnormal state of consciousness: clairvoyance. This is not a prophecy; it is something that emerges from rigorous scientific inquiry.

[ 31 ] Der Mensch wird im zwanzigsten Jahrhundert durch die Erkenntnis dessen, was Mitleid und Gewissen in den Menschenseelen bewirken, schon in seinem gewöhnlichen Bewusstsein zu einem unmittelbaren [geistigen] Erlebnis kommen können. Er wird etwas ergreifen können, von dem er sich sagen wird: Wir sehen auf der einen Seite, wie der Mensch, wenn er durch die Geburt ins Dasein tritt, etwas erbt von seinen Vorfahren; er muss als geistiges Wesen hineingehen in eine Familie, wird umkleidet mit Eigenschaften, die vererbt sind. Von dieser Vererbung haben die Menschen lange vor unserer Naturwissenschaft gewusst, sie gaben ihr nur einen anderen Namen, nämlich «Erbsünde». Wer die [Bedeutung der] Erbsünde im Alten Testament kennt, der weiß, dass sie viel weiter gefasst werden muss, als es heute noch die Naturwissenschaft tut, dass sie nämlich auch auf die moralischen Eigenschaften angewendet werden muss. Derjenige aber, bei dem Mitleid und Gewissen Früchte getragen haben, wird sich sagen: Ebenso wie ich durch meine Geburt gebunden bin an Anlagen, aus denen ich nicht herauskomme, ebenso gibt es in mir etwas, wodurch ich nicht an die Materie gebunden bin, wodurch ich über mich selbst hinauskommen kann, in eine geistige Welt. – Auf einem Gebiete wird es ein unmittelbares Hellsehen geben: auf dem Gebiete der eigenen Seele. Der Mensch wird sich sagen: Wie mich etwas an die äußere Materie kettet, so geht mir auf der anderen Seite ein lichtvoller Helfer in der Seele auf, der mich über mich selbst erheben kann. Dieses Gefühl könnte man etwa mit Folgendem vergleichen: Glaubt jemand nicht, dass die Luft, die außen vorhanden ist, einströmen kann in einen leeren Raum, so braucht er janur den Raum leer zu machen: Es wird dann schon die Luft hineinfahren, sodass er es sehr wohl wissen kann. Durch Mitleid und Gewissen aber, die ja beide unser Ich von uns selbst trennen, wird in der Seele der leere Raum erzeugt, und da hinein strömt nun das Geistige, dasjenige, was wir nennen die Christuswesenheit. Dann wird der Mensch durch Eigenerlebnis wissen, dass er den Christus in sich aufnehmen kann, welcher in der geistigen Atmosphäre da ist, wie die Luft da ist in der physischen Atmosphäre und einströmt in alle leeren Räume, die sie findet.

[ 31 ] In the twentieth century, through an understanding of what compassion and conscience bring about in the human soul, people will be able to have a direct [spiritual] experience even in their ordinary consciousness. They will be able to grasp something about which they will say to themselves: On the one hand, we see how, when a human being enters existence through birth, they inherit something from their ancestors; as a spiritual being, they must enter into a family and are endowed with inherited characteristics. People knew about this inheritance long before the advent of modern science; they simply gave it a different name, namely ‘original sin.’ Anyone familiar with the [meaning of] original sin in the Old Testament knows that it must be understood in a much broader sense than modern science still does today—namely, that it must also be applied to moral qualities. But the person in whom compassion and conscience have borne fruit will say to themselves: Just as I am bound by my birth to predispositions from which I cannot escape, so there is something within me that does not bind me to matter, that enables me to rise above myself into a spiritual world. — In one realm, there will be direct clairvoyance: in the realm of one’s own soul. A person will say to themselves: Just as something chains me to external matter, so, on the other hand, a luminous helper dawns within my soul who can lift me above myself. This feeling could be compared, for example, to the following: If someone does not believe that the air outside can flow into an empty space, they need only empty the space: The air will then flow in of its own accord, so that they can know it for certain. But through compassion and conscience—both of which separate our “I” from ourselves—an empty space is created within the soul, and into this space now flows the spiritual, that which we call the Christ-presence. Then, through personal experience, a person will know that they can receive the Christ within themselves—who is present in the spiritual atmosphere, just as air is present in the physical atmosphere and flows into all the empty spaces it finds.

[ 32 ] Auf diesem hohen Gebiete kann also schon das normale Bewusstsein hellsichtig werden. Und der Mensch wird dann dieses Erlebnis nicht als ein bloß subjektives ansehen, sondern er wird erkennen, dass dieses als ein Wirkliches da sein muss. Er wird erkennen, dass dieses einmal nicht da war, dass es sich einmal der Menschheit einverleibt hat, das heißt, er wird wissen, dass dasjenige, was er erlebt, einmal herniedergestiegen ist auf die Erde und sich als Christus-Impuls mit ihr verbunden hat. Der Christus-Impuls wird für den Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts etwas werden müssen, was einst in die Erdenentwicklung eingetreten ist als ein wirkliches, historisches Ereignis. Dann wird die Zeit kommen, wo es keinen Sinn haben wird zu sagen, der Christus sei bloß eine Idee, sondern wo man sagen wird: Man könnte ja annehmen, dass dieses Erlebnis nur in der Seele des Einzelnen sich darlebte – wie gewisse Philosophen behaupten: ohne Auge keine Farbe. Aber nicht dadurch kann eine äußere Farbe da sein, weil Augen da sind, sondern das Auge ist aus der Lichtwelt geschaffen. Also müsste man sagen: Ohne Licht kein Auge, also ohne historischen Christus kein innerer Christus, keine innere Christuskraft im Menschen! — Deshalb wird der Mensch den Christus als geistiges Wesen erkennen; er wird wissen, dass dieses selbe Wesen einmal historisch auf der Erde war und sich durch sein Opfer mit ihr verbunden hat. Überhaupt wird man in die geistige Welt eindringen können und wird dann auch den Christus entdecken.

[ 32 ] In this higher realm, even ordinary consciousness can become clairvoyant. And the person will then not regard this experience as merely subjective, but will recognize that it must exist as something real. They will recognize that this was not always present, that it was once incorporated into humanity; that is to say, they will know that what they are experiencing once descended to Earth and united with it as the Christ impulse. For people of the twentieth century, the Christ impulse must become something that once entered Earth’s evolution as a real, historical event. Then the time will come when it will make no sense to say that Christ is merely an idea, but when people will say: One might suppose that this experience unfolds only within the soul of the individual—as certain philosophers claim: without an eye, there is no color. But an external color does not exist simply because eyes are present; rather, the eye is created from the world of light. So one would have to say: Without light, there is no eye; therefore, without the historical Christ, there is no inner Christ, no inner Christ-force within human beings! — That is why human beings will recognize the Christ as a spiritual being; they will know that this very being was once historically present on Earth and united himself with it through his sacrifice. Indeed, people will be able to penetrate the spiritual world and will then also discover the Christ.

[ 33 ] Wie Goethe oftmals das richtige Wort in einer Sache ausgesprochen hat, so könnte man jetzt an eines seiner Worte anknüpfen, indem man das, was er ausdrücken will, als ein Gleichnis nimmt für das, was wir heute ausdrücken wollten – ein Wort, das uns wie eine Direktive sein kann. Goethe hat gesagt: Das Auge hat sich am Licht für das Licht gebildet. – Aus ursprünglich gleichgültigen Organen habe das Licht das Auge hervorgezaubert. Und nun weist Goethe in einem anderen Worte hin auf den inneren Impuls, den Gott in sich zu sehen:

[ 33 ] Just as Goethe has so often put it perfectly, we might now draw on one of his sayings by taking what he meant to express as a parable for what we wish to express today—a saying that can serve as a guiding principle for us. Goethe said: “The eye was formed by light for the sake of light.”—Light conjured up the eye from organs that were originally indifferent. And now, in other words, Goethe points to the inner impulse to see God within oneself:

Wär nicht das Auge sonnenhaft,
Die Sonne könnt es nie erblicken;
Läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie könnt uns Göttliches entzücken?

If the eye were not sun-like,
It could never behold the sun;
If God’s own power did not dwell within us,
How could the divine delight us?

[ 34 ] Wie das Auge vom Lichte hervorgezaubert ist, so ist auch im Menschen die Kraft, den Gott zu schauen, von dem webenden und lebenden Gotte selbst hervorgezaubert worden. Wer in seinem inneren Christushaften den Christus wird erleben können aus den schönsten Empfindungen, Gefühlen und Erkenntnissen seiner Seele heraus, der wird wissen, dass dies nur sein kann, weil der Christus einmal herniedergestiegen ist auf die Erde, weil einmal der historische Christus gelebt hat. Wie die Sonne mit ihrem Lichte das Auge aus dem Menschenleibe hervorgezaubert hat, so hat der geschichtliche Christus aus den Menschenseelen das [innere] Christus-Leben hervorgezaubert. Wäre die Seele nicht «christushaft», wie könnte sie den Christus erleben! Hätte Christus nicht historisch gelebt, wie könnte die Seele diese schönste Empfindung, die Christus-Empfindung haben! – So wird man im zwanzigsten Jahrhundert sprechen. In der Zeit, in der die äußere Wissenschaft dahin gekommen ist, den historischen Christus zu leugnen, wird Geisteswissenschaft ohne Urkunden dazu kommen zu sagen: Weil der Mensch den Christus erleben kann, weiß er, dass er historisch gelebt hat als lebenspendende Kraft, als die Sonne im Geistesreich der Menschheitsentwicklung.

[ 34 ] Just as the eye is brought into being by the light, so too is the power within human beings to behold God brought into being by the weaving and living God Himself. Whoever is able to experience Christ within his own inner Christ-likeness—arising from the most beautiful sensations, feelings, and insights of his soul—will know that this can only be because Christ once descended to Earth, because the historical Christ once lived. Just as the sun, with its light, has conjured the eye forth from the human body, so has the historical Christ conjured the [inner] Christ-life forth from human souls. If the soul were not “Christ-like,” how could it experience Christ! If Christ had not lived historically, how could the soul have this most beautiful sensation—the sensation of Christ! – This is how people will speak in the twentieth century. At a time when external science has come to deny the historical Christ, spiritual science will come to say—without relying on historical documents—that because human beings can experience Christ, they know that he lived historically as a life-giving force, like the sun in the spiritual realm of human development.