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A New Experience of Christ
GA 69c

18 November 1910, Dresden

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A New Experience of Christ, tr. SOL
  1. Neues Christus-Erleben

7. Von Buddha zu Christus

7. From Buddha to Christ

[ 1 ] Innerhalb unserer europäischen Geisteskultur darf man heute den Namen Buddhas schon mit ganz anderen Gefühlen aussprechen als vor fünfzig Jahren; ja, man muss bedenken, dass der größte Geist unserer Kultur, Goethe, nichts von Buddha wusste. Gerade hier können wir erkennen, wie sich Gefühle ändern. Ein weitgehendes Interesse ist heute für Buddha da. Woher kommt dieses Interesse, das in weiten Schichten vorhanden ist, woher kommt es, dass nicht nur in der Forschung der Name Buddhas geläufig ist? Das hängt zusammen mit der Menschheitsentwicklung, mit dem Hineindrängen geistiger Elemente in diese Entwicklung, die in späterer Zeit Allgemeingut sein werden. Ich möchte aufmerksam machen auf dasjenige, was mit dem Interesse zusammenhängt, das man Buddha entgegenbringt, was verspricht, zur Herzensfrage zu werden, zu einer Seelenfrage zu werden. Seelenfragen beurteilt der Mensch zunächst nicht immer richtig, wenn sie sich [in die Entwicklung hineindrängen]. Nun vollzieht sich heute etwas, was sich [in ähnlicher Art] vor einigen Jahrhunderten auf einem von dem großen Interesse mehr abseits liegenden Gebiet vollzogen hat, als die alten Gelehrten, durch ungenaue Beobachtung irregeführt, den Satz Francesco Redis «Lebendiges stammt nur von Lebendigem» nicht annehmen wollten. Wir sehen darin eine Parallele zu unserer Zeit, welche den Satz «GeistigSeelisches stammt nur von Geistig-Seelischem» auch glaubt ablehnen zu müssen – eben auch aufgrund ungenauer Beobachtung.

[ 1 ] Within our European intellectual culture today, one can utter the name of Buddha with feelings quite different from those of fifty years ago; indeed, one must bear in mind that the greatest mind of our culture, Goethe, knew nothing of Buddha. It is precisely here that we can see how feelings change. There is widespread interest in Buddha today. Where does this interest come from, which is present across broad segments of society? Why is the name of Buddha familiar not only in academic circles? This is connected to the development of humanity and to the influx of spiritual elements into this development—elements that will become part of the common heritage in the future. I would like to draw attention to what is connected with the interest shown in Buddha—an interest that promises to become a matter of the heart, a matter of the soul. At first, people do not always judge matters of the soul correctly when they [make their way into human development]. Now something is taking place today that occurred [in a similar way] several centuries ago in a field that lay somewhat apart from the main current of interest, when the ancient scholars, misled by imprecise observation, refused to accept Francesco Redi’s statement, “Life comes only from life.” We see in this a parallel to our own time, which also feels compelled to reject the statement “The spiritual-soul-related originates only from the spiritual-soul-related”—precisely because of imprecise observation.

[ 2 ] Man glaubt, dass die inneren Anlagen eines Menschen sich nur von Vater und Mutter vererben. Freilich, wer nicht an geistige Wesenhaftigkeit glaubt, kann nicht weitergehen, wer aber die Realitäten der geistigen Welt anerkennt, der wird es selbstverständlich finden, dass das Geistig-Seelische eines Menschen von einem früheren Geistig-Seelischen stammt und dass dieses Geistig-Seelische die Anlagen der Voreltern heranzieht, dass also ein Wesenskern da ist. Und das ist die Lehre der Reinkarnation. So wie das Tier die Wiederholung seiner Gattung ist, so ist der Mensch die Wiederholung seiner Individualität. Was wir hier an inneren Gaben in uns heranwachsen sehen, das ist nichts anderes, als was wir uns in früheren Erdenleben erworben haben. So wie jede Pflanze nur gedeihen kann in dem ihr gemäßen Boden, wie etwa das Edelweiß nur im Hochgebirge Wurzeln fassen kann, so sucht sich jeder Mensch seine Umgebung, die die Grundlage bildet für sein Schicksal, weil die Umgebung, welche für ihn förderlich und gemäß ist, eine Anziehungskraft auf ihn ausübt. So wird dieser Mensch in diesem Land und diesem Sprachgebiet, in dieser Familie geboren, jener in jenem Lande in jener Familie – weil sein individueller Charakter dies bedingt. Das ist das Gesetz vom Karma: Wir zimmern uns unser Schicksal selber. Phantastisch erscheint das vielen, und kinderleicht ist die Widerlegung aus der Wissenschaft heraus. Aber wie Francesco Redi durch die naturwissenschaftlichen Tatsachen gedrängt wurde, seine Behauptung «Lebendiges stammt nur von Lebendigem» auszusprechen, so drängt es uns, den Satz auszusprechen: «Seelisch-Geistiges stammt nur von Seelisch-Geistigem.» So wie der Satz Francesco Redis missverstanden wurde, so wird auch unser Satz missverstanden werden. Doch jede neue Wahrheit ruft Widerstände hervor – und aus den Erfahrungen der Vergangenheit heraus dürfen wir Mut schöpfen.

[ 2 ] It is believed that a person’s inner dispositions are inherited solely from the father and mother. Of course, those who do not believe in spiritual essence cannot go any further; but those who recognize the realities of the spiritual world will find it self-evident that a person’s spiritual-soul nature originates from a previous spiritual-soul nature, and that this spiritual-soul nature draws upon the predispositions of the ancestors—that is, that there is a core essence. And that is the doctrine of reincarnation. Just as an animal is the repetition of its species, so is a human being the repetition of their individuality. What we see developing within us here as inner gifts is nothing other than what we have acquired in previous earthly lives. Just as every plant can thrive only in soil suited to it—just as the edelweiss, for example, can take root only in the high mountains—so every human being seeks out the environment that forms the foundation for his or her destiny, because the environment that is conducive and suitable for him or her exerts a force of attraction upon him or her. Thus, this person is born in this country and this language region, in this family, while that person is born in that country and that family—because his individual character dictates it. This is the law of karma: We shape our own destiny. To many, this seems fantastical, and it is child’s play to refute it from a scientific standpoint. But just as Francesco Redi was compelled by scientific facts to articulate his assertion that “Life comes only from life,” so are we compelled to articulate the statement: “The soul and spirit come only from the soul and spirit.” Just as Francesco Redi’s statement was misunderstood, so too will ours be misunderstood. Yet every new truth provokes resistance—and we can draw courage from the experiences of the past.

[ 3 ] Nun stellt man die Frage: Warum erinnert sich der Mensch nicht an seine früheren Erdenleben? Diese Fähigkeit des Erinnerns kann errungen werden, was zwar schwer ist, aber es muss sich ein Faden ziehen lassen bis zu den vorigen Erdenleben. Nun, der heutige Mensch kann ihn zumeist nicht überblicken; der heutige europäische Mensch ist nicht einmal imstande, sich bis zur Geburt zu erinnern, und die ersten Jahre sind dunkel für ihn. Wir haben gehört, dass das Erinnern anfängt, wenn die Ich-Vorstellung in der Seele auftaucht. Wir wissen ferner, dass die Ich-Vorstellung sich wie eine Wand vor das Vergangene stellt und dass wir daher nicht in die geistige Welt schauen können. Wenn wir dies verstehen, dann können wir auch verstehen, was für Arbeit dazu gehört, die vergangenen Erdenleben zu durchdringen. Strenge Seelenübungen gehören dazu: Das Ich muss hinausgetragen werden, das Ich muss objektiv werden; alles, was kommen könnte, muss uns in völliger Gelassenheit treffen. Das ist schwer, dies nicht nur theoretisch, sondern im inneren Leben praktisch zu erreichen und durchzuführen, aber dadurch erringt man sich eine [unabhängige Stellung gegenüber dem Ich]. So stehen wir in einer wichtigen Zeit. Das menschliche Gehirn wird anders denken, wenn es sich sagen muss, dass alles Ursache und Wirkung [eines vergangenen Lebens] ist. Das ist etwas, was tief eingreift bei jedem. Daran muss der Mensch heranreifen.

[ 3 ] Now the question arises: Why do people not remember their past lives on Earth? This ability to remember can be attained—though it is difficult—but it must be possible to trace a thread back to previous lives on Earth. Well, people today are generally unable to grasp this; modern Europeans are not even able to remember as far back as their birth, and the early years remain a mystery to them. We have heard that remembering begins when the sense of “I” emerges in the soul. We also know that the sense of “I” stands like a wall between us and the past, and that we therefore cannot look into the spiritual world. If we understand this, then we can also understand what kind of work is required to penetrate past earthly lives. Rigorous spiritual exercises are part of this: the “I” must be set aside; the “I” must become objective; whatever may come must meet us with complete serenity. It is difficult to achieve and put this into practice—not merely in theory, but in one’s inner life—but through this one attains an [independent stance toward the “I”]. Thus, we are living in a crucial time. The human brain will think differently when it must acknowledge that everything is cause and effect [of a past life]. This is something that profoundly affects everyone. Humanity must mature to this point.

[ 4 ] Wir werden verstehen, wie heute der Mensch Interesse für die Lehre Buddhas haben kann: Innerhalb des Buddhismus, innerhalb dieses religiösen Bekenntnisses ist die Lehre der Reinkarnation enthalten – wenn auch nicht ganz so, wie sie in der Theosophie aufgefasst wird. So hängt das Interesse für den Buddhismus mit etwas zusammen, was heute in der Menschheit wirkt. Nun muss es uns interessieren: Wie stellt sich diese Wahrheit hinein in das, was europäische Kultur bedeutet? Wie stellt sie sich zum Christentum? Denn unsere Kultur beruht völlig auf dem Christentum, und alle Gegner des Christentums haben ihre Begriffe aus dem christlichen Arsenal genommen. Für den, der so [im Sinne der Reinkarnationslehre] denkt, entsteht die Frage: Wie kann sich der christliche Impuls mit diesem Satz vertragen? Auch ohne Buddhismus müsste die Reinkarnationslehre sich aus der europäischen Kultur herauskristallisieren.

[ 4 ] We will understand how people today can take an interest in the teachings of the Buddha: Buddhism, as a religious tradition, includes the doctrine of reincarnation—albeit not quite as it is understood in Theosophy. Thus, interest in Buddhism is connected to something that is at work in humanity today. Now we must ask ourselves: How does this truth fit into the fabric of European culture? How does it relate to Christianity? For our culture is entirely based on Christianity, and all opponents of Christianity have drawn their concepts from the Christian arsenal. For those who think in this way [in the sense of the doctrine of reincarnation], the question arises: How can the Christian impulse be reconciled with this concept? Even without Buddhism, the doctrine of reincarnation would have to crystallize out of European culture.

[ 5 ] Wenn Sie heute ein Buch über den Buddhismus lesen, so werden Sie viele [besondere] Begriffe finden: «Nirwana» [zum Beispiel] ist hingestellt als großes Ziel für den Buddhisten; «Nirwana» ist ein Ort, der zusammenhängt mit Ausgelöscht-Sein, ein Vernichtet-Sein alles Daseins – man kann es eben nicht in Worte fassen, da es für das Nichtsein kein Wort gibt. Man könnte große Diskussionen darüber führen, was Buddha damit meinte. Doch wir wollen nur versuchen, den Stimmungsgehalt festzustellen, wollen Buddhismus und Christentum gegenüberstellen, das Empfinden des Buddhisten neben das des Christen stellen. Da gibt es zunächst eine Erzählung bei den Buddhisten: Der weise König Milinda kommt zu einem Eingeweihten und will etwas hören über die Geheimnisse des Lebens. Das Gespräch verläuft folgendermaßen. Der Eingeweihte fragt: Wie bist du hierhergekommen? — Der König antwortet: Mit dem Wagen. — Der Weise sieht sich den Wagen an; er sieht die Räder: Sind diese Räder der Wagen? – Nein, sie sind es nicht. – Ist dieser Sitz der Wagen? – Nein, er ist es nicht. Das sind nur die Teile des Wagens, doch alle Teile sind noch nicht der Wagen. Was ist also außerdem noch da? — Name und Form. Wirklich da sind alle einzelnen Teile, aber zusammen sind sie nur Name und Form. Name und Form aber sind etwas Unwirkliches wie auch die Mangofrucht auf dem Baume, welche mit jener Frucht, aus welcher der Baum gewachsen ist, nur Name und Form gemeinsam hat. – Was will der Weise damit sagen? Der Begriff der Wiederverkörperung war ihm selbstverständlich. So führt er aus, wie der Mensch im jetzigen Leben mit dem vorigen Leben nur Name und Form gemeinsam hat. Der Buddhist erkennt das durchgehende Ich nicht an, das durch die Verkörperungen hindurchgeht – nur Name und Form erkennt er an. Die einzelnen Teile des Wagens sieht er, verbunden durch Name und Form zu einem Ganzen. Mit den Lehren des Buddha stimmt dies nicht ganz genau überein, aber es kommt darauf an, zu welchen Empfindungen ein Bekenner des Buddhismus kommt.

[ 5 ] If you read a book about Buddhism today, you will find many [specific] terms: “Nirvana” [for example] is presented as the ultimate goal for Buddhists; “Nirvana” is a place associated with extinction, with the annihilation of all existence—it simply cannot be put into words, since there is no word for nothingness. One could engage in lengthy discussions about what the Buddha meant by this. But let us simply try to discern the underlying sentiment, to contrast Buddhism and Christianity, and to juxtapose the Buddhist’s experience with that of the Christian. First, there is a story in Buddhist tradition: The wise King Milinda visits an enlightened master and wishes to hear about the mysteries of life. The conversation unfolds as follows. The enlightened one asks: “How did you get here?” — The king replies: “By chariot.” — The wise man looks at the chariot; he sees the wheels: “Are these wheels the chariot?” — “No, they are not.” — “Is this seat the chariot?” — “No, it is not.” These are merely the parts of the chariot, yet all the parts together do not yet constitute the chariot. So what else is there? — Name and form. All the individual parts truly exist, but together they are merely name and form. Name and form, however, are something unreal, just like the mango fruit on the tree, which shares only name and form with the fruit from which the tree grew. — What does the sage mean by this? The concept of reincarnation was self-evident to him. Thus, he explains how, in this present life, a person shares only name and form with his previous life. The Buddhist does not acknowledge a continuous self that passes through the various incarnations—he acknowledges only name and form. He sees the individual parts of the chariot, united by name and form into a whole. This does not correspond exactly to the Buddha’s teachings, but what matters is the insights a follower of Buddhism arrives at.

[ 6 ] Nun denken wir uns dieses Gleichnis ins Christliche übertragen: Stellen wir uns einen christlichen Weisen vor, mit einem christlichen König sprechend. Denken wir uns, dass das Gespräch gleich verläuft wie jenes oben genannte, aber zum Schluss müsste der Weise aus dem Geiste des Christentums heraus sagen: Auf einem bloßen Namen, auf einer bloßen Form kannst du nicht herfahren. Das sind Worte, hinter denen etwas Reales, etwas Geistiges stehen muss. Diese Mangofrucht oben auf dem Baume ist der Frucht, die der Ursprung des ganzen Baumes war, gleich geworden, obwohl sie kein Physisches miteinander verbindet. Es muss doch etwas da sein, was sie als Gleiche gebildet hat: Etwas Geistiges muss da sein. – So muss auch bei der Reinkarnation das christliche Empfinden ein von Verkörperung zu Verkörperung durchgehendes Ich annehmen. Der Buddhist dagegen sieht den Weg von Verkörperung zu Verkörperung, ohne das Band eines gemeinsamen Ichs zu kennen, und dadurch bekommt er das Gefühl des Zwecklosen.

[ 6 ] Now let’s apply this parable to a Christian context: Let’s imagine a Christian sage speaking with a Christian king. Let’s imagine that the conversation unfolds just as the one mentioned above, but at the end, the sage—in the spirit of Christianity—would have to say: You cannot judge by a mere name, by a mere form. These are words behind which something real, something spiritual, must lie. This mango fruit at the top of the tree has become identical to the fruit that was the origin of the entire tree, even though nothing physical connects them. There must be something there that has made them identical: something spiritual must be there. – Similarly, in the case of reincarnation, the Christian sensibility must assume the existence of a self that continues from one incarnation to the next. The Buddhist, on the other hand, sees the path from one incarnation to the next without recognizing the bond of a common self, and this gives him a sense of futility.

[ 7 ] Buddha, der Königssohn, der aufgewachsen war, ohne das Leid kennengelernt zu haben, wurde, als er zum ersten Male einen Siechen sah, tief ergriffen – da ergoss sich in ihn die Vorstellung des Leidens. Als er einen Leichnam sah, das erste Mal, da erkannte er: Tod ist Leiden. Und nun ergab sich ihm: Leben ist Leiden, Geborenwerden ist Leiden, Kranksein ist Leiden, Getrenntsein von dem, was wir lieben, ist Leiden – alles ist Leiden. Warum ist alles zum Leiden bestimmt?

[ 7 ] The Buddha, the prince who had grown up without ever knowing suffering, was deeply moved when he saw a sick person for the first time—at that moment, the concept of suffering dawned upon him. When he saw a corpse for the first time, he realized: Death is suffering. And now it dawned on him: Life is suffering; being born is suffering; being sick is suffering; separation from what we love is suffering—everything is suffering. Why is everything destined to be suffering?

[ 8 ] Nun stelle man sich einen Menschen wie Buddha vor, wie er vor diesem Rätsel des Lebens stand. Viele Leben vorher, viele Leben nachher – und immer, immer nur Leiden, Leiden! Es trat bei ihm der Drang ein, dies zu erforschen, und ein langes Streben folgte. Als ihm die Erleuchtung kam – was wir mit dem «Sitzen unter dem Bodhibaum» bezeichnen –, da erkannte er: Aus früheren Inkarnationen stammt die Leidenschaft, der Durst nach Dasein, und dies ist verbunden mit dem Leben. Daher ist das Leiden verbunden mit dem Durst nach Dasein, daher muss, wenn das Leiden aufhören soll, der Durst nach Dasein ausgelöscht werden. Das hat er ausgesprochen in der Predigt von Benares. Der Mensch kann durch eigene Arbeit dahin kommen, dass er gleichgültig gegen das Dasein wird und dadurch alle vorherigen Verkörperungen auslöschen und sich von dem Leiden befreien kann. Nichts gibt es in der Welt, was uns nicht Leiden bereiten kann. Befreien wir uns von allem, so können wir in das Nirwana eingehen. Bezeichnen können wir das Nirwana nicht, denn für das absolute Nichts fehlt uns der Begriff, wir müssen einfach alles weglassen, was in unserer Vorstellung ist. Das Ideal des Buddhismus ist ein Auslöschen des Daseins. Buddha steht vor uns und sagt: Ich sehe zurück auf viele Verkörperungen. In meinem jetzigen Körper weiß ich, dass ich frei werden muss von allem Durst nach Dasein. Die vorherige Verkörperung drängte mich hin zu diesem Körper, zu dem, was mich nun drängt, frei zu werden von der Leiblichkeit. Ich weiß ganz gewiss, dass mir die Geistigkeit jedes Mal den Leib als einen Tempel aufgebaut hat; mein Ziel aber ist, nicht mehr zurückzukehren in einen solchen Leibestempel – ich fühle dies.

[ 8 ] Now imagine a person like the Buddha, facing this mystery of life. Many lives before, many lives after—and always, always just suffering, suffering! He felt the urge to explore this, and a long quest followed. When enlightenment came to him—what we refer to as “sitting under the Bodhi tree”—he realized: The passion, the thirst for existence, stems from past incarnations, and this is connected to life. Therefore, suffering is connected to the thirst for existence; therefore, if suffering is to cease, the thirst for existence must be extinguished. He articulated this in his sermon at Benares. Through one’s own efforts, a person can reach a state of indifference toward existence and thereby extinguish all previous incarnations and free oneself from suffering. There is nothing in the world that cannot cause us suffering. If we free ourselves from everything, we can enter Nirvana. We cannot describe Nirvana, for we lack the concept for absolute nothingness; we must simply set aside everything that exists in our imagination. The ideal of Buddhism is the extinction of existence. The Buddha stands before us and says: I look back on many incarnations. In my present body, I know that I must free myself from all thirst for existence. My previous incarnation drove me toward this body—the very thing that now compels me to free myself from physicality. I know with absolute certainty that each time, the spiritual has built the body for me as a temple; but my goal is never to return to such a temple of the body—I feel this.

[ 9 ] Stellen wir nun diese Empfindung der christlichen gegenüber. Im Johannesevangelium sagt der Christus Jesus vom Tempel seines Leibes: «Zerbrechet ihn, und ich will ihn in drei Tagen wieder aufbauen.» Der Christus Jesus hat den Willen in sich, nicht mehr zu verlassen das, was das Erdenleben ist. Dieses ist nicht Leiden, sondern etwas, was entwickelt werden soll. Auch wenn noch viele Verkörperungen kommen: Verbessere deinen Tempel immerzu, lebe jedes Erdenleben so, dass du dich immer weiter vervollkommnest. Wenn wir die Wärme des Evangeliums auf uns wirken lassen, dann fragen wir: Was hat Christus gebracht? — Die Antwort lautet: Im Christus-Impuls finden wir den Hinweis, dass das Leben geläutert werden kann. Buddha steigt hinunter, um frei zu werden von den Verkörperungen; Christus steigt hinunter, um das Leben vollkommen zu machen. Der Buddhismus ist eine Erlösungslehre, das Christentum aber ist eine Auferstehungslehre! Christus sagt: Wenn du das Höhere erwirbst, so wirst du immer höher, und ein Neues wird auferstehen. Der christliche Impuls verträgt sich mit dem Begriff der Reinkarnation – er ist dazu stark genug. Warum ist das so? Weil Christus nicht nur ein Lehrer ist. Es ist bedeutsam, dass Christus nichts selbst aufgeschrieben hat, denn das Wesentliche ist seine Tat seine Tat auf Golgatha hat ewige Bedeutung.

[ 9 ] Let us now contrast this feeling with the Christian one. In the Gospel of John, Christ Jesus says of the temple of his body: “Destroy it, and I will rebuild it in three days.” Christ Jesus has the will within himself to no longer leave behind what earthly life is. This is not suffering, but something that is meant to be developed. Even if many more incarnations are to come: continually improve your temple; live every earthly life in such a way that you continue to perfect yourself. When we allow the warmth of the Gospel to take effect within us, we ask: What did Christ bring? — The answer is: In the Christ impulse, we find the indication that life can be purified. Buddha descends to be freed from incarnations; Christ descends to make life perfect. Buddhism is a doctrine of salvation, but Christianity is a doctrine of resurrection! Christ says: If you attain the Higher, you will rise ever higher, and something new will arise. The Christian impulse is compatible with the concept of reincarnation—it is strong enough to accommodate it. Why is that so? Because Christ is not merely a teacher. It is significant that Christ wrote nothing down himself, for what is essential is his deed—his deed on Golgotha has eternal significance.

[ 10 ] Das historische Ereignis auf Golgatha ist ein Keim für etwas anderes als die Befreiung von Leiden. Ist Geburt Leiden? Nein. – Ist Tod Leiden? Nein. – Ist das Getrenntsein von denen, die man liebt, Leiden? Nein. — Denn Tod führt zu neuer Geburt, und jede Geburt bringt Kräfte, die durch das Leben erschöpft werden. Krankheit aber ist Läuterung; durch Besiegung der Krankheit erfolgt Kräftigung. Das Nicht-verbunden-Sein mit denen, die man liebt, ist nicht Leid, denn der Christ kennt das Reich des Geistes, wo zusammen ist, was zusammengehört. Auch das Verbundensein mit denen, die man nicht liebt, ist nicht Leid, denn der Christ sucht die Liebe zu leben. Alles zu durchchristen — das ist Christentum. Zu lernen durch Leid, zu lernen durch Glück, das ist es, was wir als Christen wollen.

[ 10 ] The historical event at Golgotha is the seed of something other than liberation from suffering. Is birth suffering? No. – Is death suffering? No. – Is separation from those one loves suffering? No. — For death leads to new birth, and every birth brings strengths that are exhausted by life. Illness, however, is purification; overcoming illness leads to strengthening. Not being united with those one loves is not suffering, for the Christian knows the realm of the Spirit, where what belongs together is united. Nor is being connected to those one does not love a form of suffering, for the Christian seeks to live in love. To infuse everything with the spirit of Christ—that is Christianity. To learn through suffering, to learn through happiness—that is what we, as Christians, seek.

[ 11 ] Und so sehen wir den großen Unterschied in der Entwicklung, der sich hinzieht von Buddha bis Christus. Die eine Religion ist eine Erlösungsreligion, die andere eine Auferstehungsreligion. Dann aber werden wir auch begreifen, wie der buddhistische Bekenner gar nicht an das Selbst herankommen kann. Die Empfindungen, die Gefühle, die Vorstellungen, das Bewusstsein – das ist alles nicht das Selbst. Der Christ dagegen sagt: Das Selbst ist überall. Das geistige Selbst ist hinter allem, aber wir sehen es nicht, weil wir es nicht wahrzunehmen vermögen. Die Auferstehung unseres Selbst durch Christus [mögen wir anstreben] — auf dass der Geist uns entgegenleuchte aus jedem Stein, aus jedem Baum. Und so kann das abendländische Geistesleben durch den Buddhismus nichts gewinnen, durch das Aufnehmen der Reinkarnationslehre aber kann es viel, sehr viel gewinnen. Und so wie Buddha an einen Leichnam die Lehre vom Leide anknüpfte, so sehen wir mehrere Jahrhunderte später Menschen aufsehen zu einem Leichnam. Ein Leichnam wurde ihnen zum Trost und zur Stärkung: Christus am Kreuz.

[ 11 ] And so we see the great difference in the development that stretches from Buddha to Christ. One religion is a religion of salvation; the other, a religion of resurrection. But then we will also understand how the Buddhist believer cannot even approach the Self. Sensations, feelings, ideas, consciousness—none of this is the Self. The Christian, on the other hand, says: The Self is everywhere. The spiritual Self lies behind everything, but we do not see it because we are unable to perceive it. [Let us strive for] the resurrection of our Self through Christ—so that the Spirit may shine out to us from every stone, from every tree. And so Western spiritual life has nothing to gain from Buddhism, but by embracing the doctrine of reincarnation, it can gain much, very much indeed. And just as Buddha linked the teaching of suffering to a corpse, so, several centuries later, we see people looking up at a corpse. A corpse became a source of comfort and strength for them: Christ on the cross.