A New Experience of Christ
GA 69c
18 February 1911, Strasburg
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A New Experience of Christ, tr. SOL
8. Der Wesenskern des Christentums
8. The Essence of Christianity
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Wenn heute auf Theosophie oder Geisteswissenschaft die Rede kommt, dann ist bei vielen unserer Zeitgenossen wohl noch die Meinung, dass diese Weltanschauungsströmung ihre Wurzeln oder Ausgangspunkte habe in irgendwelchen morgenländischen, unserer abendländischen Kultur fremden Vorstellungen oder Geisteserlebnissen. Und an dieses Vorurteil knüpfen vor allem diejenigen an, welche da glauben, in Theosophie oder Geisteswissenschaft etwas sehen zu sollen, was dem Christentum, auch dem tiefer verstandenen Christentum, insofern dieses unsere ganze abendländische Geisteskultur durchlebt, widerstrebt. Wenn eine solche Meinung gehegt wird, dann stützt sich das namentlich darauf, dass innerhalb der theosophischen Weltauffassung dasjenige als eine Grundtatsache hingestellt wird, was man nennen kann die Lehre von den wiederholten Erdenleben oder, wie man auch sagt, die Lehre von der Reinkarnation. Und man ist der Anschauung, dass solch eine Idee, der Mensch habe wiederholte Erdenleben durchzumachen, nur aus dem Buddhismus genommen sein könne oder einer anderen orientalischen Weltanschauung. Nun, wenn man eine solche Voraussetzung macht, dann ist aber die ganze Stellung der Geisteswissenschaft oder Theosophie zu dem Geistesleben unserer Zeit verkannt, denn was ist für den modernen Menschen, oder vielleicht besser gesagt, was kann für die heutigen Verhältnisse diese Vorstellung von den wiederholten Erdenleben sein?
[ 1 ] Ladies and gentlemen! When the subject of theosophy or spiritual science comes up today, many of our contemporaries still seem to believe that this worldview has its roots or origins in some Eastern concepts or spiritual experiences that are foreign to our Western culture. And this prejudice is held above all by those who believe they must see in Theosophy or spiritual science something that is at odds with Christianity—even with a more deeply understood Christianity, insofar as it permeates our entire Western spiritual culture. When such an opinion is held, it is based specifically on the fact that within the theosophical worldview, what might be called the doctrine of repeated earthly lives—or, as it is also known, the doctrine of reincarnation—is presented as a fundamental fact. And one holds the view that such an idea—that human beings must undergo repeated earthly lives—can only have been derived from Buddhism or some other Eastern worldview. Now, if one makes such an assumption, then the entire position of spiritual science or theosophy regarding the spiritual life of our time is misunderstood; for what does this concept of repeated earthly lives mean for modern people—or, perhaps better said, what significance can it have under today’s circumstances?
[ 2 ] Es gibt heute ein Wort, das ja allerdings zumeist nur in Anknüpfung an die naturwissenschaftlichen Tatsachen gebraucht wird, das aber eine faszinierende Wirkung hat auf den Gebildeten der Gegenwart — auf denjenigen Menschen der Gegenwart, der glaubt, auf der Höhe unseres Geisteslebens zu stehen –, und das ist das Wort «Entwicklung». Allerdings wendet man dieses Wort heute gewöhnlich bloß noch so an, dass man dabei an eine Entwicklung der äußeren Formen denkt, also der Formen von untergeordneten Lebewesen bis herauf zum Menschen. An die Ausgestaltung dieser Idee der Entwicklung für das menschliche Leben, umfassend das ganze Leben des Menschen, auch das seelische und geistige Leben des Menschen, denkt man heute noch wenig; denn würde man sich einlassen auf die Ausgestaltung der Entwicklungsidee für das gesamte Menschenleben, so würde man nach und nach einsehen müssen, dass dasselbe, was wir im Tierreich die Entwicklung der Art oder der Gattung nennen, beim Menschen sich darstellen muss als die Entwicklung des einzelnen Individuums, der einzelnen Individualität.
[ 2 ] There is a word today—one that, admittedly, is mostly used in connection with scientific facts, yet has a fascinating effect on the educated people of our time—on those who believe they are at the pinnacle of our intellectual life—and that word is “development.” However, today this word is usually applied only in a way that refers to the development of external forms—that is, the forms of lower life forms all the way up to human beings. Little thought is given today to the application of this idea of development to human life as a whole, including the soul and spiritual life of human beings; for if one were to engage in elaborating the idea of development for the entirety of human life, one would gradually have to realize that what we call the development of the species or genus in the animal kingdom must manifest itself in human beings as the development of the individual, of the individual personality.
[ 3 ] Das heißt aber nichts anderes als: Wenn wir beim Tiere sehen, wie sich die einzelnen Arten auseinanderentwickeln, so müssen wir beim Menschen dem Individuum mit demselben Interesse entgegentreten wie im Tierreich der Gattung, so müssen wir beim Menschen von einer Entwicklung der einzelnen Individualität sprechen. Das wollen wir uns in die Seele schreiben: Beim Menschen bringen wir, wenn wir gesunden Sinn haben, der einzelnen Individualität, dem einzelnen Menschen dasselbe Interesse entgegen, das wir beim Tiere der Art oder Gattung entgegenbringen. Dasselbe Interesse, das wir haben für die Löwenart, [sei es] der Löwen-Großvater, der LöwenVater, der Löwen-Sohn und so weiter, das haben wir beim Menschen für jedes individuelle Menschenwesen. Daher müssen wir uns dieselbe Gesetzmäßigkeit, die wir bei den tierischen Gattungen als Entwicklungsgesetz denken, bei den Menschen für die einzelne Individualität denken.
[ 3 ] But this means nothing other than this: Just as we observe in the animal kingdom how individual species diverge in their development, so too must we approach the individual human being with the same interest that we direct toward the genus in the animal kingdom; thus, in the case of humans, we must speak of the development of individuality. Let us take this to heart: When it comes to human beings, if we possess sound judgment, we must show the same interest in individuality—in the individual human being—as we do in the species or genus when studying animals. The same interest we have in the lion species—[be it] the lion grandfather, the lion father, the lion son, and so on—is the same interest we have in every individual human being. Therefore, we must apply the same principle that we regard as a law of development in animal genera to the individual human being.
[ 4 ] Sie sehen also, dass wir auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft sprechen von der Entwicklung der einzelnen Menschenindividualität. Und wir müssen dazu kommen zu sagen: Was beim Menschen mit der Geburt ins Dasein tritt, was sich da nach und nach geheimnisvoll herausgestaltet aus den noch unbestimmten Gesichtszügen, Mienen und Gesten des ersten kindlichen Alters, das ist das Seelisch-Geistige des Menschen, das uns bei jedem Einzelnen als ein Besonderes, ein Individuelles entgegentritt. Das können wir nicht allein zurückführen auf die vererbten Eigenschaften der unmittelbaren Vorfahren, sondern wir müssen uns dieses Verhältnis des Menschenlebens zu seinen Ursachen anders vorstellen als das Verhältnis des Tieres zu seinen Vorfahren. Da verstehen wir alles, was im einzelnen Tiere lebt – die Gestalt, die Physiognomie –, wenn wir die Gattung verstehen. Beim Menschen aber ist das anders.
[ 4 ] So you see that in the field of spiritual science we speak of the development of the individual human personality. And we must conclude by saying: What comes into being in a human being at birth, what gradually and mysteriously takes shape from the still undefined facial features, expressions, and gestures of early childhood—that is the soul-spiritual aspect of the human being, which presents itself to us in each individual as something unique, something individual. We cannot attribute this solely to the inherited characteristics of immediate ancestors; rather, we must conceive of this relationship between human life and its causes differently than the relationship between an animal and its ancestors. In the case of animals, we understand everything that lives within a particular individual—its form, its physiognomy—when we understand the species. With human beings, however, it is different.
[ 5 ] Das, was im Menschen lebt, finden wir bei jedem Menschen in besonderer, spezieller Weise. Was sich beim Menschen als gattungsmäßige Merkmale ausgeprägt hat, das führen wir zurück auf die physische Vererbung; das aber, was uns als seine spezielle Wesenheit entgegentritt, das müssen wir zurückführen auf dasjenige, was der Mensch als Ursache zu seinem gegenwärtigen Leben in früheren Leben, in früheren Daseinsstufen durchgemacht hat. Und das, was uns im gegenwärtigen Rahmen seiner Persönlichkeit entgegentritt, das bildet wiederum die Ursache, die Grundlage für sein Wirken in einem späteren Leben. So haben wir eine lebendige Entwicklungskette, die da geht von Leben zu Leben, von Inkarnation zu Inkarnation. Und wir sehen alles, was uns als Charakteristisches am Menschen entgegentritt, so an, dass wir die Notwendigkeit erblicken, es zurückzuführen auf frühere seelisch-geistige Zustände.
[ 5 ] What lives within human beings can be found in each person in a unique and specific way. What has developed in human beings as generic characteristics, we attribute to physical heredity; but what we perceive as their specific essence must be traced back to what the human being has experienced in previous lives, in earlier stages of existence, as the cause of their present life. And what we perceive within the current framework of their personality, in turn, forms the cause, the foundation for their actions in a future life. Thus we have a living chain of development that extends from life to life, from incarnation to incarnation. And we regard everything that appears to us as characteristic of a human being in such a way that we recognize the necessity of attributing it to earlier soul-spiritual states.
[ 6 ] Damit ist Theosophie oder Geisteswissenschaft in der Lage, ein Gesetz auf dem höheren Gebiete des menschlichen Lebens einzufügen, so wie es vor verhältnismäßig kurzer Zeit für das Gebiet des Naturlebens der Menschheitsbildung einverleibt worden ist. Ja, die heutige Menschheit hat ein kurzes Gedächtnis. Es wäre sonst nicht nötig, darauf hinzuweisen, dass noch im siebzehnten Jahrhundert nicht etwa bloß Laien, sondern auch die Gelehrten der Naturwissenschaft angenommen haben, dass niedere Tiere sich aus verfaulendem Flussschlamm herausentwickeln könnten, ohne dass Lebenskeime hineingelegt worden seien. Und es war zuerst der große italienische Naturforscher Francesco Redi, der die gewaltige Umwälzung des naturwissenschaftlichen Denkens hervorgerufen hat, indem er den Satz aufstellte, dass Lebendiges nur von Lebendigem kommen kann.
[ 6 ] Thus, Theosophy, or spiritual science, is in a position to introduce a law into the higher realm of human life, just as it was incorporated into the realm of natural life in the development of humanity a relatively short time ago. Indeed, humanity today has a short memory. Otherwise, it would not be necessary to point out that as late as the seventeenth century, not only laypeople but also scholars of the natural sciences assumed that lower animals could develop from decaying river mud without any seeds of life having been introduced into it. And it was first the great Italian naturalist Francesco Redi who brought about a tremendous upheaval in scientific thought by positing the principle that life can only come from life.
[ 7 ] Genauso wie dieser Satz innerhalb gewisser Grenzen für das Naturleben gilt, so gilt innerhalb gewisser Grenzen des menschlichen Lebens der andere Satz: Geistig-Seelisches kann nur in Geistig-Seelischem seinen Ursprung haben. – Und es ist nur eine ungenaue Beobachtung, wenn man das, was aus den unbestimmten Untergründen des Bewusstseins eines heranwachsenden Menschen von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr sich herausarbeitet als ein Geistig-Seelisches, zurückführen will auf die bloß physische Vererbungslinie der Vorfahren – es ist eine ebenso ungenaue Beobachtung, wie es eine ungenaue Beobachtung ist, wenn man das, was im Tier lebt, selbst in Regenwürmern, zurückführen will auf die bloßen Gesetze der Stoffe, die den Flussschlamm zusammensetzen, nur weil man den lebendigen Keim nicht beachtet hat. Ungenau beobachtet ist es, wenn man heute bloß von Vererbung der seelischen und moralischen Fähigkeiten spricht, weil man den seelisch-geistigen Kern nicht beachtet, der sich geradeso dasjenige einfügt, was er sich von den vererbten Merkmalen aneignen kann – so wie der lebendige Keim des Lebewesens sich jenen Stoff aneignet, in den dieser Keim eingebettet ist.
[ 7 ] Just as this statement applies, within certain limits, to the natural world, so too does the following statement apply, within certain limits, to human life: What is spiritual and psychological can only have its origin in what is spiritual and psychological. – And it is merely an inaccurate observation to attempt to trace what emerges day by day, week by week, year by year from the indeterminate depths of a growing person’s consciousness—as something spiritual-psychic—back to the merely physical lineage of ancestors – it is just as inaccurate an observation as it is to attribute what lives in animals—even in earthworms—to the mere laws governing the substances that make up river mud, simply because one has failed to take the living germ into account. It is an imprecise observation to speak today merely of the inheritance of psychological and moral abilities, because one fails to take into account the psychological-spiritual core, which integrates precisely whatever it can assimilate from the inherited characteristics—just as the living germ of a living being assimilates the substance in which that germ is embedded.
[ 8 ] Solchen Wahrheiten ergeht es ja im Laufe der Menschheitsentwicklung immer in ziemlich gleicher Weise. Dazumal hat Francesco Redi nur mit Mühe dem Schicksal des Giordano Bruno entgehen können. Heute wird jeder, vom Haeckelianer bis zu den radikalsten Gegnern Haeckels, diesen Satz als selbstverständlich anerkennen, allerdings nur innerhalb der Grenzen der äußeren Natur, insoweit er die Leiblichkeit betrifft. Damals aber war der Satz «Lebendiges kann nur von Lebendigem stammen» eine gewaltige Ketzerei. Heute verbrennt man allerdings die Ketzer nicht mehr. Aber wenn man auf dem festen Boden der heutigen naturwissenschaftlichen Tatsachen steht – während man in Wirklichkeit ja nur auf dem Boden seiner vorgefassten Meinungen, der Zeitvorurteile steht —, betrachtet man heute das Gesetz von den wiederholten Erdenleben, das für die höheren Gebiete des geistigen Daseins dasselbe ist wie der Satz Redis, dass Lebendiges nur von Lebendigem kommen kann, als eine Ketzerei, als Phantasterei, als hellen Wahnsinn. Aber die Zeit ist nicht fern, wo man von diesem Gesetz ebenso sagen wird: Es ist eigentlich unbegreiflich, dass jemals ein Mensch anders gedacht haben kann.
[ 8 ] Such truths always meet a similar fate in the course of human development. Back then, Francesco Redi was barely able to escape the fate of Giordano Bruno. Today, everyone—from Haeckel’s followers to his most radical opponents—will accept this statement as self-evident, though only within the limits of external nature, insofar as it concerns the physical body. Back then, however, the statement “Life can only come from life” was considered a grave heresy. Today, of course, heretics are no longer burned at the stake. But if one stands on the firm ground of today’s scientific facts—while in reality one stands only on the ground of one’s preconceived opinions and the prejudices of the times— one regards the law of repeated earthly lives—which, for the higher realms of spiritual existence, is the same as Redis’s statement that the living can come only from the living—as heresy, as fantasy, as sheer madness. But the time is not far off when people will say of this law: It is actually incomprehensible that anyone could ever have thought otherwise.
[ 9 ] Woher stammt also dieses Gesetz von den wiederholten Erdenleben? Brauchen wir dazu [auf] irgendeine orientalische Weltanschauung [zurückzugehen], muss dieses Gesetz dem Buddhismus entlehnt sein? – Nein, um das Gesetz der wiederholten Erdenleben der modernen europäischen Kultur einzufügen, dazu gehört nur der unbefangene geistesforscherische Blick, der die Tatsachen überschaut. Und das, was dieser Blick erschaut, hat nichts mit irgendwelcher Überlieferung zu tun. Wie irgendein anderes wissenschaftliches Gesetz, so wird auch dieses aufgenommen werden von der modernen Geistesbildung, weil sie aus der Entwicklungsidee heraus selber notwendig zu diesem Gesetze hindrängt.
[ 9 ] So where does this law of repeated earthly lives come from? Do we need to [go back to] some Eastern worldview for this; must this law be borrowed from Buddhism?—No, to incorporate the law of repeated earthly lives into modern European culture, all that is needed is an unbiased spiritual-research perspective that surveys the facts. And what this perspective perceives has nothing to do with any tradition whatsoever. Like any other scientific law, this one, too, will be embraced by modern spiritual culture, because, based on the idea of evolution, it is driven by its own necessity toward this law.
[ 10 ] Wer aber behaupten wollte, dass dadurch unserer abendländischen Geistesentwicklung irgendetwas eingefügt werden könnte, was dem Christentum zuwiderliefe, der beachtet nicht, wie dieses gesamte abendländische Geistesleben durchdrungen ist von dem lebendigen Weben und Wesen der christlichen Empfindung, des christlichen Fühlens. Ja, das geht so weit – wenn man nur seelisch zu beobachten versteht –, dass die Art und Weise des Denkens, die Vorstellungsformen sogar derjenigen, die heute sich als die ärgsten Gegner des Christentums gebärden, ganz und gar nur durch die Erziehung der abendländischen Menschheit möglich geworden sind, welche sie durch das Christentum erhalten hat. Wer unbefangen beobachten kann und will, der wird finden, dass selbst die radikalsten Gegner das Christentum mit Vorstellungen bekämpfen, die aus dem Christentum selber entlehnt sind.
[ 10 ] But anyone who would claim that this could introduce anything into our Western intellectual development that would run counter to Christianity fails to recognize how this entire Western intellectual life is permeated by the living fabric and essence of Christian sentiment, of Christian feeling. Indeed, this goes so far—if one is only able to observe with the soul—that the very manner of thinking and the forms of imagination, even of those who today present themselves as the most bitter opponents of Christianity, have been made possible entirely only through the education of Western humanity, which it has received through Christianity. Anyone who is able and willing to observe impartially will find that even the most radical opponents combat Christianity with ideas borrowed from Christianity itself.
[ 11 ] Aber es gibt einen radikalen Unterschied zwischen dem christlichen Wesen und demjenigen, was wir als das vorchristliche Wesen bezeichnen können – einen Unterschied, der nur nicht sofort bemerkbar ist, weil alles in der menschlichen Entwicklung langsam und allmählich geht und immer das Frühere in das Spätere übergreift. Es gibt in der vorchristlichen Weltanschauung etwas vom Christlichen radikal Verschiedenes, was sich unter den orientalischen Weltanschauungen, auch in ihrer modernsten Ausprägung, im Buddhismus zum Beispiel, finden und beobachten lässt. Erblicken können wir diesen Grundunterschied zwischen dem Wesenskern des Christentums und jener Ausgestaltung, die orientalisches Fühlen und Denken im Buddhismus gefunden hat, wenn wir nur schon weniges von ihm betrachten.
[ 11 ] But there is a radical difference between the Christian essence and what we might call the pre-Christian essence—a difference that is not immediately apparent simply because everything in human development proceeds slowly and gradually, and the earlier always spills over into the later. There is something in the pre-Christian worldview that is radically different from Christianity, something that can be found and observed among Eastern worldviews—even in their most modern forms, such as Buddhism. We can discern this fundamental difference between the essence of Christianity and the form that Eastern feeling and thinking have taken in Buddhism if we consider even a small part of it.
[ 12 ] Zu diesem Zwecke brauchen wir vor unsere Seele nur ein Gespräch hinzustellen, das in der buddhistischen Literatur zu finden ist und das tief herausgeholt ist aus buddhistischem Fühlen und Denken. Man kann aus der Verfolgung solcher Darstellungen viel genauer den Wesenskern irgendeiner Weltanschauung erkennen als aus der Betrachtung ihrer höchsten Lehrsätze und Dogmen. Denn man kann im Grunde lange darüber streiten, ob dieses oder jenes unter Nirwana oder unter der christlichen Seligkeit zu verstehen ist. Wie aber das, was in buddhistischer und in christlicher Vorstellungsart lebt, in die Gefühle der Menschen sich hineinarbeitet und wie dadurch dann diese Gefühle zu der gesamten Welt stehen – der physischen und der geistigen Welt –, das ist maßgebend für den Wert, die Bedeutung und das Wesen einer Weltanschauung und für ihre Wirkung auf die Menschenseelen.
[ 12 ] To this end, we need only present to our soul a dialogue found in Buddhist literature, one that is deeply rooted in Buddhist feeling and thought. By examining such descriptions, one can discern the very essence of any worldview much more precisely than by considering its highest tenets and dogmas. For, in the end, one can argue at length over whether this or that is to be understood as Nirvana or as Christian bliss. But how what lives in the Buddhist and Christian modes of thought works its way into people’s feelings, and how these feelings thereby relate to the entire world—the physical and the spiritual world—that is what determines the value, significance, and essence of a worldview and its effect on human souls.
[ 13 ] Da ist uns in der buddhistischen Literatur jenes merkwürdige Gespräch zwischen dem sagenhaften König Milinda und dem Weisen Nagasena aufbewahrt. In diesem Gespräch heißt es: Der König Milinda kam zu Wagen zu dem Weisen Nagasena und wollte unterwiesen werden in Bezug auf die Natur der menschlichen Seele. Da fragte der Weise den König: Sage mir, bist du mit dem Wagen gekommen oder zu Fuß? – Mit dem Wagen, antwortete der König. – Nun sage mir einmal, wenn du den Wagen vor dir hast, was hast du da vor dir? Du hast die Deichsel, den Wagenkasten, die Räder vor dir. Ist nun die Deichsel der Wagen? Ist der Wagenkasten der Wagen? Sind die Räder der Wagen? Nein! Ist das alles, was du vor dir hast? Wohl noch den Wagensitz! Und was hast du außerdem noch vor dir? Nichts! Der Wagen ist also nur ein Name oder eine Form, denn die Realitäten, die da vor dir sind, das sind ja der Kasten, die Deichsel, die Räder und der Sitz. Das, was außerdem noch da ist, das ist nur Name und Form. – So wie nun nur ein Name oder eine Form [die einzelnen Teile] zusammenhält – Räder, Deichsel, Wagenkasten und Sitz –, so hält auch die einzelnen Fähigkeiten, Gefühle, Gedanken und Empfindungen der Seele des Menschen nicht irgendetwas zusammen, das bezeichnet werden kann als eine besondere Realität, sondern auch nur ein Name oder eine Form. So kann man also sagen – im richtigen Sinne buddhistisch gefühlt: Ein zentrales Wesen im Menschen, welches die einzelnen menschlichen Seelenfähigkeiten zusammenhält, kann nicht gefunden werden, ebenso wenig wie außer der Deichsel, dem Wagenkasten, dem Sitz und den Rädern am Wagen noch etwas anderes als Name und Form gefunden werden kann.
[ 13 ] Buddhist literature preserves for us that remarkable conversation between the legendary King Milinda and the sage Nagasena. In this conversation, it is said: King Milinda came by chariot to the sage Nagasena and wished to be instructed regarding the nature of the human soul. Then the sage asked the king: “Tell me, did you come by chariot or on foot?” “By chariot,” replied the king. “Now tell me, when you have the chariot in front of you, what do you see before you? You see the drawbar, the body of the chariot, and the wheels in front of you. Is the drawbar the chariot?” Is the body of the cart the cart? Are the wheels the cart? No! Is that all you have in front of you? Well, there’s also the seat! And what else do you have in front of you? Nothing! The cart is therefore only a name or a form, for the realities that are there in front of you are, after all, the body, the drawbar, the wheels, and the seat. What else is there is merely a name and a form. — Just as only a name or a form holds [the individual parts] together—wheels, drawbar, wagon body, and seat—so, too, the individual faculties, feelings, thoughts, and sensations of the human soul are not held together by anything that can be described as a specific reality, but only by a name or a form. Thus, one can say—in the true Buddhist sense: A central essence within a human being that holds the individual faculties of the soul together cannot be found, just as nothing other than a name and a form can be found in the cart apart from the drawbar, the body, the seat, and the wheels.
[ 14 ] Und noch durch ein anderes Gleichnis machte der Weise [dem König] das Wesen der Seele klar, indem er sagte: Betrachte die Mangofrucht – sie kommt vom Mangobaum. Du weißt: Nun ist der Mangobaum nur dadurch da, dass vorher eine andere Mangofrucht da war, aus der er entstanden ist. Die Mangopflanze stammt also aus der Mangofrucht, die aber in der Erde verfault ist. Was kannst du sagen von der Mangofrucht? Sie stammt aus dem verfaulten Samen. Verfolge nun den Weg von der alten Frucht zu der neuen Mangopflanze. Was hat die neue mit der alten Pflanze anderes gemein als nur den Namen oder die Form? — Ebenso, sagte der Weise Nagasena zu dem König Milinda, ist es aber auch mit dem Seelendasein. [Es war ebenfalls nur dem Namen nach schon da!] – Es war ein Erfahrungsgesetz ja auch des Buddhismus, dass der Mensch wiederholte Erdenleben durchmacht. Aber dieses Gesetz veranlasste das eigentliche, zentrale buddhistische Empfinden nicht dazu, in dem, was von einem Leben zum anderen hinübergeht, etwas anderes zu suchen und zu sehen als Name und Form, so wie bei der Mangofrucht, wo von der einen auf die andere nichts übergeht als Name und Form. So können wir nach buddhistischer Auffassung in dem, was wir in einem Leben unser Schicksal nennen – unsere Fähigkeiten, Talente und so weiter –, die Wirkungen von früheren Leben sehen. Aber kein zentrales Seelenwesen geht von dem früheren zu dem neuen Leben hinüber, sondern es leben sich nur Ursachen in Wirkungen aus, und was wir in einem Leben gemein haben mit einem früheren Leben – außer dem, was wir als unser Schicksal im neuen Leben empfinden –, das ist nur Name und Form. Man muss das durchfühlen, was da im Buddhismus eigentlich vorliegt.
[ 14 ] And through yet another parable, the sage explained the nature of the soul to [the king], saying: Consider the mango fruit—it comes from the mango tree. You know: The mango tree exists only because there was previously another mango fruit from which it sprang. The mango plant thus originates from the mango fruit, which, however, has rotted in the ground. What can you say about the mango fruit? It comes from the rotted seed. Now trace the path from the old fruit to the new mango plant. What does the new plant have in common with the old one other than just the name or the form? — Likewise, said the sage Nagasena to King Milinda, so it is with the existence of the soul. [It, too, was already there only in name!] – It was indeed an empirical law of Buddhism that human beings undergo repeated earthly lives. But this law did not lead the actual, central Buddhist perception to seek or see anything other than name and form in what passes from one life to the next—just as with the mango fruit, where nothing passes from one to the other except name and form. Thus, according to the Buddhist view, we can see in what we call our destiny in one life—our abilities, talents, and so on—the effects of past lives. But no central soul-essence passes from the previous life to the new one; rather, causes simply play out as effects, and what we share in one life with a previous life—apart from what we perceive as our destiny in the new life—is nothing but name and form. One must truly grasp what Buddhism is actually teaching.
[ 15 ] Und nun könnten wir – um sachgemäß zu bleiben dasjenige, was uns in dieser Erzählung als richtiges buddhistisches Empfinden entgegentritt, übersetzen, indem wir das Ganze ins Christliche übertragen. Wie müssten die beiden Erzählungen im christlichen Sinne lauten? Es gibt sie nicht, aber wir wollen versuchen, sie einmal zu übersetzen und dadurch den Unterschied so recht deutlich zu machen.
[ 15 ] And now—to remain objective—we could translate what appears to us in this story as a genuine Buddhist sentiment by transposing the whole thing into a Christian context. How would the two stories read in a Christian sense? They do not exist, but let us try to translate them once and thereby make the difference quite clear.
[ 16 ] Ein christlicher Weiser würde etwa sagen: Sieh dir einmal den Wagen an – wenn du ihn anschaust, so hast du Deichsel, Wagenkasten und Räder und was du sonst noch äußerlich siehst. Der Wagen scheint dir bloß Name und Form zu sein, aber versuche einmal, ob du fahren kannst auf einem Namen oder einer Form; darauf lässt sich doch nicht durch die Welt kutschieren. – Trotzdem für das Sichtbare nur Name und Form da ist, ist also außer Wagenkasten, Deichsel und Rädern und so weiter doch noch etwas da, was eine Realität bedeutet, wenn ein Wagen vor uns steht und nicht bloß seine Teile. Wie gesagt, es gibt eine solche christliche Legende nicht, aber es fühlte ein christlich empfindender Mensch das nach, als er das Wort prägte von den Teilen, die der naturwissenschaftlich Denkende oftmals in der Hand hat, für die ihm aber der Zusammenhang fehlt, wenn er sagte:
[ 16 ] A Christian sage might say something like this: Take a look at the wagon—when you look at it, you see the drawbar, the body, the wheels, and whatever else you can see on the outside. The wagon seems to you to be nothing but a name and a form, but try to see if you can ride on a name or a form; you certainly can’t be driven through the world on that.—Even though only a name and a form are visible, there is still something beyond the wagon body, the drawbar, the wheels, and so on that constitutes a reality when a wagon stands before us and not merely its parts. As I said, there is no such Christian legend, but a person with a Christian sensibility sensed this when he coined the phrase about the parts that the scientific thinker often has at his disposal, yet for which he lacks the context, when he said: “/p”
Dann hat er die Teile in seiner Hand,
Fehlt, leider! nur das geistige Band.
Then he has the pieces in his hand,
But, unfortunately, only the spiritual bond is missing.
[ 17 ] Goethe, der das Wort prägte, wusste, dass es sich um eine Realität handelte bei dem geistigen Band.
[ 17 ] Goethe, who coined the term, knew that this spiritual bond was a reality.
[ 18 ] Und nun das zweite Gleichnis: Stelle dir die Mangofrucht vor, die da oben am Baume hängt, und jene, die unten verfault ist. Nicht nur Name und Form haben sie gemeinsam. Name und Form leben zwar in der gleichen Art in der alten wie in der neuen Frucht, aber dasjenige, was macht, dass diese Mangofrucht als Realität dasselbe ist wie die andere, die unten verfault ist, das liegt in Kräften, in Elementen, die übersinnlich sind und die übergehen aus der ersten Mangofrucht in die zweite.
[ 18 ] And now the second parable: Imagine the mango hanging up there on the tree, and the one down below that has rotted. They share more than just a name and form. Although name and form exist in the same way in both the old and the new fruit, what makes this mango, as a reality, the same as the other one that has rotted on the ground lies in forces and elements that are supernatural and that pass from the first mango into the second.
[ 19 ] So sehen wir in dem, was der Mensch seelisch durchlebt von Leben zu Leben, ein zentrales Ich wirksam, ein zentrales Seelenwesen. Und wenn wir den Menschen in einem späteren Leben vor uns haben, so ist das, was er als Schicksal erlebt, was er an Fähigkeiten und Talenten und so weiter besitzt, nicht allein die Wirkung der Ursachen von früheren Leben, sondern es gibt ein zentrales, zusammenhaltendes Wesen, das von der früheren in die neue Verkörperung herübergeht.
[ 19 ] Thus, in what a human being experiences spiritually from one life to the next, we see a central “I” at work—a central soul being. And when we encounter a person in a later life, what they experience as fate—their abilities, talents, and so on—is not solely the result of causes from previous lives; rather, there is a central, unifying being that passes from the previous incarnation into the new one.
[ 20 ] So sehen wir, wie der Gedanke der wiederholten Erdenleben – Wiederverkörperung oder Reinkarnation — durch den christlichen Grundgedanken belebt werden muss. Wer das Christentum ernst nimmt, hat keine Angst, dass die Grundfesten des Christentums wanken könnten, wenn neue Wahrheiten im Gesichtskreis der Menschen auftauchen. Das Christentum ist so stark, indem es Empfindungen geben kann wie die eben charakterisierten, dass es — wie alle anderen Wahrheiten – eben auch die Wahrheit von den wiederholten Erdenleben vertragen kann, ja, sie sogar willig annehmen kann, wenn das menschliche Denken so weit sein wird, dass dieses Gesetz ihm eingeprägt werden kann. Dann aber wird sich geltend machen der Grundimpuls des Christentums: die Realität des Seelisch-Geistigen, das durchgeht durch die verschiedenen Erdenleben als ein zentraler Kern.
[ 20 ] Thus we see how the idea of repeated earthly lives—reincarnation—must be enlivened by the fundamental Christian principle. Anyone who takes Christianity seriously has no fear that the foundations of Christianity might be shaken when new truths come into human view. Christianity is so strong—in that it can inspire feelings such as those just described—that it, like all other truths, can tolerate the truth of repeated earthly lives; indeed, it can even willingly accept it when human thinking has progressed to the point where this law can be instilled in it. But then the fundamental impulse of Christianity will assert itself: the reality of the soul-spiritual, which runs through the various earthly lives as a central core.
[ 21 ] Damit haben wir einen solchen Gegensatz dargestellt, der uns den Grundunterschied zwischen Buddhismus und Christentum klarmachen kann. Wir müssen dabei beide Weltanschauungen in ihren Grundempfindungen [und nicht in ihren Dogmen] fassen, denn über Dogmenvorstellungen und -ideen könnte man nicht tagelang, sondern monatelang, jahrelang streiten. Ob etwa Nirwana dasselbe ist wie die christliche Seligkeit – darüber könnte man endlos streiten und sich in logischen und dialektischen Spitzfindigkeiten ergehen. Aber es kann sich nie darum handeln, in Diskussionen einzutreten über die höchsten Begriffe, sondern es handelt sich darum, wie sich in die Seelen, in die Herzen, in die Lebenshoffnungen und Lebenssicherheiten hineinfügen die religiösen oder sonstigen Weltanschauungsimpulse. In anderer, [noch deutlicherer] Weise tritt uns dasselbe entgegen, wenn wir gleich den Grundimpuls auf uns wirken lassen, der den großen Buddha beseelte. Absichtlich sage ich «der große Buddha», denn als eine große, hehre Gestalt erscheint dieser Buddha demjenigen, der einzudringen vermag in das, was wie die letzte Abendröte des gesamten vorchristlichen Denkens der Buddha als eine Weltanschauung hervorgebracht hat.
[ 21 ] We have thus presented a contrast that can help us understand the fundamental difference between Buddhism and Christianity. In doing so, we must consider both worldviews in terms of their fundamental sensibilities [and not their dogmas], for one could argue not just for days, but for months or even years, about dogmatic concepts and ideas. Whether, for example, Nirvana is the same as Christian bliss—one could argue endlessly about this and lose oneself in logical and dialectical sophistry. But the point is never to engage in discussions about the highest concepts; rather, it is about how religious or other worldview impulses fit into people’s souls, hearts, hopes for life, and certainties about life. In another, [even clearer] way, the same truth presents itself to us when we allow the fundamental impulse that animated the great Buddha to take effect upon us. I deliberately say “the great Buddha,” for this Buddha appears as a great, noble figure to those who are able to penetrate what the Buddha—like the final twilight of all pre-Christian thought—has brought forth as a worldview.
[ 22 ] Als der größte Impuls, der auf den großen Buddha gewirkt hat, erscheint uns ganz richtig, was die Legende in folgende Worte kleidet: Da wird uns gesagt – und die Legende sagt es uns wahrer als irgendeine äußere Historie —, der Buddha hätte sein Leben durch die Sorgsamkeit seiner Eltern zunächst so verbracht, dass er nur das Freudige, nicht aber die Leiden des Lebens kennengelernt hätte. Einmal aber wurde er hinausgeführt aus dem Schlosse seiner Eltern, und da sah er das Leben in seiner [vollen] Wirklichkeit. Da sah er einen Kranken. Jetzt erst lernte er kennen, dass das Leben nicht bloß strotzende Gesundheit zutage treten lässt, jetzt lernte er kennen, dass dasselbe, was die strotzende Gesundheit ins Leben ruft, auch die Krankheit ins Leben hereinstellt. Er lernte daran die Bedeutung des Leidens für das Leben. Und er lernte durch weitere Beispiele, die ihm im Leben entgegentraten, die Bedeutung des Leidens. Er sah einen Greis und er sagte sich: Alter ist Leiden – wie er sich zuerst gesagt hatte: Krankheit ist Leiden. – Und endlich, als ihm ein Leichnam gezeigt wurde, sagte er sich angesichts dem Ende des Lebens: Der Tod ist Leiden.
[ 22 ] It seems entirely correct to us that the greatest influence on the Great Buddha was what the legend expresses in the following words: We are told—and the legend tells us this more truthfully than any external history—that the Buddha, thanks to his parents’ care, had initially lived his life in such a way that he had come to know only the joys, but not the sufferings, of life. But one day he was led out of his parents’ palace, and there he saw life in its [full] reality. There he saw a sick person. Only then did he come to understand that life does not reveal itself solely through robust health; only then did he come to understand that the very same force that brings robust health into being also brings illness into being. Through this, he learned the significance of suffering in life. And through further examples he encountered in life, he learned the significance of suffering. He saw an old man and said to himself: Old age is suffering—just as he had first said to himself: Illness is suffering. —And finally, when he was shown a corpse, he said to himself in the face of life’s end: Death is suffering.
[ 23 ] Und in weiterer Ausbildung dieses Impulses sehen wir, wie Buddha Leiden erkannte in dem Ins-Dasein-Treten. Er sagte: Geburt ist Leiden, Krankheit ist Leiden, Alter ist Leiden, Tod ist Leiden. Getrennt-Sein von dem, was man liebt, ist Leiden, Vereint-Sein mit dem, was man nicht liebt, ist Leiden, Nicht-erreichen-Können desjenigen, was man begehrt, ist Leiden. – Und daraus ergab sich für den großen Buddha das Wesen seiner Erlösungslehre.
[ 23 ] And as this insight develops further, we see how the Buddha recognized suffering in the very act of coming into being. He said: Birth is suffering, sickness is suffering, old age is suffering, death is suffering. Separation from what one loves is suffering; union with what one does not love is suffering; the inability to attain what one desires is suffering. – And from this, the great Buddha derived the essence of his doctrine of salvation.
[ 24 ] Eine Erlösungslehre ist der Buddhismus, indem er sagt: Der Drang zum Dasein, der Durst nach Dasein ist es, der dasjenige, was besser ist als diese Welt, in die Welt hereinführt. Einzig und allein durch die Erlösung von dieser Welt kann der Mensch eingehen in reale höhere Daseinszustände. Das kann er aber nur erreichen, indem er den Durst nach Dasein, der ihn hereinführt in die irdische Verkörperung, bekämpft. Fassen wir die Sachen nicht bloß theoretisch, sondern empfindungsgemäß; sehen wir den großen Buddha mit diesem großen, weiten Herzen voll von Liebe, das er hatte, fassen wir ihn, wie er gegenübersteht einem Leichnam, der ihm das Ende des Lebens darstellt, und er sich sagt: Tod ist Leiden. – Ein Leichnam wird für den großen Buddha in der Abendröte der alten vorchristlichen Weltanschauungsentwicklung das Symbolum für das Leiden, das Symbolum dafür, dass dieser Durst nach dem irdischen Leben zu bekämpfen ist. Abwenden lehrt er des Menschen Sinn von diesem irdischen Leben; aufsteigen lehrt er ihn zu dem, was ihm dann als Nirwana winkt.
[ 24 ] Buddhism is a doctrine of salvation in that it teaches: It is the urge for existence, the thirst for existence, that draws that which is better than this world into the world. Only through salvation from this world can a person enter into real, higher states of existence. But one can achieve this only by combating the thirst for existence that draws one into earthly incarnation. Let us not view these matters merely theoretically, but intuitively; let us see the great Buddha with that vast, expansive heart full of love that he possessed, and let us envision him as he stands before a corpse—which represents to him the end of life—and says to himself: Death is suffering. — For the Great Buddha, in the twilight of the ancient pre-Christian worldview, a corpse becomes the symbol of suffering, the symbol that this thirst for earthly life must be fought. He teaches the human mind to turn away from this earthly life; he teaches it to ascend to that which then beckons to it as Nirvana.
[ 25 ] Und jetzt gehen wir einmal 600 Jahre weiter und wiederum 600 Jahre weiter und sehen dann die Lebensauffassung der Menschheit noch einmal an. 600 Jahre vor unserer Zeitrechnung haben wir das Wirken des großen Buddha in Indien. Dann, 600 Jahre nach unserer Zeitrechnung, haben wir es nicht mehr mit dem Buddha zu tun, sondern mit einfachen, naiven Gemütern. Wie Buddha richten sie ihr Auge auf einen Leichnam – nach dem Leichnam des am Kreuz gestorbenen Christus Jesus, der ihnen das Mysterium von Golgatha repräsentiert. Was ist dieser Leichnam 600 Jahre nach der Begründung des Christentums für diese einfachen Menschen? Dasselbe, was einst für den Buddha das Symbolum einer Erlösungsreligion war, ist für diese einfachen Naturen, die den christlichen Impuls 1200 Jahre nach Buddha empfangen hatten, jetzt nicht etwa das Symbolum einer Erlösungsreligion, die sich von allem Irdischen abwendet, sondern das Symbolum einer Auferstehungsreligion, denn da senkt sich in die Menschenherzen und Menschenseelen beim Anblick dieses Leichnams die Gewissheit, dass alles Leid und aller Tod der Durchgang ist zum Sieg des Geistes über alles Physische, zur Befreiung vom Tode.
[ 25 ] And now let’s move forward 600 years, and then another 600 years, and take another look at humanity’s view of life. 600 years before our era, we have the teachings of the great Buddha in India. Then, 600 years after the beginning of our era, we are no longer dealing with the Buddha, but with simple, naive minds. Like the Buddha, they fix their gaze on a corpse—the corpse of Jesus Christ, who died on the cross, which represents the mystery of Golgotha to them. What does this corpse mean to these simple people 600 years after the founding of Christianity? What was once the symbol of a religion of salvation for the Buddha is, for these simple souls—who had received the Christian impulse 1,200 years after the Buddha— is not the symbol of a religion of salvation that turns away from all earthly things, but rather the symbol of a religion of resurrection; for as they behold this corpse, the certainty sinks into human hearts and souls that all suffering and all death are the passageway to the victory of the spirit over all that is physical, to liberation from death.
[ 26 ] Es gab keinen größeren, keinen einschneidenderen Impuls als eben den Christus-Impuls, der zwischen den zwei Zeitepochen in die Menschheitsentwicklung hineingekommen ist: zwischen jener Epoche, da selbst der große Buddha hinblicken konnte auf einen Leichnam und dabei nur den Gedanken der Erlösung vom Leibe finden konnte, und jener Epoche, da man wiederum hinblicken konnte auf einen Leichnam, nun aber in diesem Leichnam ein Symbolum dafür sah, dass das Höchste und Beste, das Wertvollste, das im Menscheninnern lebt, immerdar der Sieger sein wird über das Physische, immerdar auferstehen, sich erheben wird über das Physische. So muss man den Impuls kennzeichnen, denn dadurch allein rückt man empfindungsgemäß, wie es sein soll, und nicht durch theoretische Ideen an den Impuls des Christentums heran. Und wenn wir nun diesen Impuls des Christentums im richtigen Sinn erfassen wollen, so können wir das noch durch etwas anderes tun.
[ 26 ] There was no greater, no more decisive impulse than the very Christ impulse that entered the development of humanity between the two epochs: between that epoch when even the great Buddha could look upon a corpse and find in it only the thought of liberation from the body, and that epoch when one could again look upon a corpse, but now saw in that corpse a symbol that the highest and best, the most valuable thing living within the human being, will always triumph over the physical, will always rise again, will rise above the physical. This is how one must characterize the impulse, for only in this way does one approach the impulse of Christianity intuitively, as it should be, rather than through theoretical ideas. And if we now wish to grasp this impulse of Christianity in the proper sense, we can do so through something else as well.
[ 27 ] Im Grunde genommen kennen die vorchristlichen Religionen etwas nicht, was erst durch das Christentum in vollem Glanze in die Weltanschauung der Menschheit hereingetreten ist. Wir können auch hier wiederum auf den Buddhismus hinblicken. Wenn wir ihn prüfen und verstehen, so finden wir, dass er als einen der höchsten Begriffe vom Menschenwesen herauskristallisiert hat den Begriff des Bodhisattva. Was ist das, ein Bodhisattva? Nun, will man diesen Begriff des Bodhisattva erfassen, in welchem der Buddhismus einen der höchsten Führer im geistigen Leben der Menschheit sieht, so muss man allerdings etwas zurückblicken auf die Entwicklungsgeschichte des menschlichen Geistes- und Seelenlebens. Da muss man sich klar sein darüber, dass so, wie wir heute leben in Bezug auf unsere Seelenverfassung, dieser Zustand, den wir in uns tragen, auch einer Entwicklung unterworfen ist. Die Art und Weise, wie wir heute die Dinge unserer Umgebung sehen und wie wir mit unserem Verstande die Sinneseindrücke kombinieren – das ist unser heutiger Seelenzustand –, diese Seelenart hat sich nach und nach langsam entwickelt. Und wer auch noch nicht mit den Mitteln der Geisteswissenschaft, sondern nur denkend in die Kulturentwicklung der Menschheit zurückblickt, der wird gewahr werden, wie in früheren Zeiten ein ganz anderer Zustand der menschlichen Seelenverfassung da war.
[ 27 ] Essentially, pre-Christian religions are unfamiliar with something that only entered humanity’s worldview in all its splendor through Christianity. Here, too, we can once again turn our attention to Buddhism. When we examine and understand it, we find that it has crystallized the concept of the Bodhisattva as one of the highest ideals of human existence. What is a Bodhisattva? Well, if one wishes to grasp this concept of the Bodhisattva—whom Buddhism regards as one of the highest guides in humanity’s spiritual life—one must certainly look back somewhat at the history of the development of human mental and soul life. One must be clear about the fact that, just as we live today in terms of our soul’s condition, this state that we carry within us is also subject to development. The way we perceive the things around us today and how we combine sensory impressions with our intellect—that is our present state of soul—and this type of soul has developed gradually over time. And anyone who looks back on the cultural development of humanity—not yet through the means of spiritual science, but simply by thinking—will become aware of how, in earlier times, the state of the human soul was quite different.
[ 28 ] Nun, ich möchte zuerst charakterisieren, wie die Geistesforschung diesen früheren Zustand aufzufassen hat. Da blicken wir zurück in [ur]alte Zeiten, in die Zeiten vorgeschichtlicher Menschheitsentwicklung – in Zeiten, zu denen keine geschichtlichen Urkunden zurückführen. Da sah der Mensch die Welt nicht so an wie heute, zum Beispiel in der Wissenschaft; in jenen Zeiten war noch vorhanden eine Art von hellseherischem Seelenzustand. Es ärgert die Menschen heute, wenn von hellseherischen Seelenzuständen gesprochen wird, und vielleicht mit Recht, denn das Wort wird ja heute vielmals missbraucht, und es wird oft darunter etwas höchst Abergläubisches verstanden. Was aber wirklich darunter zu verstehen ist, das ist von demjenigen Seelenzustand, den wir heute haben vom Aufwachen bis zum Einschlafen, und dem Zustand der Bewusstlosigkeit während des Schlafes etwas ganz Verschiedenes. Neben diesen zwei Bewusstseinszuständen gab es in alten Zeiten noch einen dritten, einen Zwischenzustand zwischen Wachen und Schlafen. Von diesem dritten Zustand ist der heutigen Menschheit nichts anderes zurückgeblieben als das, was wir als eine Art von Atavismus bezeichnen müssen, nämlich der Traumzustand. Nur das Bildhafte, das Sinnbildliche hatte das alte Hellsehen mit dem heutigen Traumbewusstsein gemein, aber während heute die Traumbilder meist zerrissen, chaotisch auftreten, konnte [in früheren Zeiten] der Inhalt des hellseherisch Wahrgenommenen auf geistige Realitäten bezogen werden, die hinter unserer sinnlichen Welt liegen, sodass wir sagen können: In einem Zwischenzustand von Wachen und Schlafen war für den Menschen alter Zeiten die geistige Welt unmittelbare Anschauung, unmittelbare Erfahrung. Der Mensch sah hinein in die geistige Wirklichkeit. Und darin liegt der Sinn der menschlichen Entwicklung, dass der Mensch herabgestiegen ist von jenem Zustand zu unserem heutigen Bewusstsein, wo wir durch die Hingabe des alten Hellsehens die Möglichkeit erkauft haben, mit unseren Verstandesbegriffen, mit unseren Vorstellungen die Welt zu erfassen.
[ 28 ] Well, I would first like to describe how spiritual science is to understand this earlier state. We look back to [primordial] ancient times, to the times of prehistoric human development—to times for which there are no historical records. Back then, people did not view the world as they do today, for example in science; in those times, a kind of clairvoyant state of mind still existed. People today are annoyed when we speak of clairvoyant states of mind, and perhaps rightly so, for the term is indeed often misused today, and it is frequently understood to mean something highly superstitious. But what is really meant by it is something entirely different from the state of mind we experience today from waking until falling asleep, and from the state of unconsciousness during sleep. In addition to these two states of consciousness, there was in ancient times a third—an intermediate state between waking and sleeping. All that remains of this third state for humanity today is what we must describe as a kind of atavism: namely, the dream state. Only the pictorial and symbolic aspects were common to the clairvoyance of the past and to today’s dream consciousness; but while today’s dream images usually appear fragmented and chaotic, [in earlier times] the content of what was perceived clairvoyantly could be related to spiritual realities lying beyond our sensory world, so that we can say: In an intermediate state between waking and sleeping, the spiritual world was, for people of ancient times, direct perception, direct experience. People looked into spiritual reality. And therein lies the meaning of human development: that humanity has descended from that state to our present-day consciousness, where, by relinquishing the old clairvoyance, we have gained the ability to grasp the world through our intellectual concepts and our ideas.
[ 29 ] Die Entwicklung geht aber weiter, und in der Zukunft wird sich dieses heutige Bewusstsein wiederum vereinen mit dem alten Hellseherbewusstsein. Wie heute schon einzelne Menschen eine Seelenentwicklung durchmachen, durch welche sie zu dem äußeren Gegenstandsbewusstsein hinzu ein hellseherisches Bewusstsein entwickeln, so wird später die ganze Menschheit zu einem Intellekt gelangen, der zu gleicher Zeit als hellseherisches Bewusstsein wirkt. Man kann also sagen, dass die Menschen, die da lebten in alten, sehr alten Kulturen, immer noch zurückschauen konnten auf eine Zeit der Menschheitsentwicklung, in welcher ihre Vorväter ein Wissen hatten, das der unmittelbaren Beobachtung der göttlich-geistigen Welt entstammte. Und in jenen ältesten Zeiten waren die Führer in Bezug auf solches Wissen diejenigen Menschen, die man im Sinne des Buddhismus die ersten Bodhisattvas nennt. Dann nahmen die hellseherischen Kräfte der Menschen immer mehr ab. Und diejenigen Völker, die das Abnehmen dieser Fähigkeiten besonders spürten, wie das der Fall war bei den Bewohnern des alten Indien, die nahmen dieses Rückblicken auf den Menschenursprung aus dem Geistigen heraus in ihr Fühlen auf, und sie sagten: In der Art, wie wir die Welt jetzt ansehen mit unserem gewöhnlichen Tagesbewusstsein, leben wir im Grunde genommen nicht so, wie es dem innersten Wesenskern entspricht.
[ 29 ] However, this development continues, and in the future, today’s consciousness will once again unite with the ancient clairvoyant consciousness. Just as individual people today are undergoing a process of soul development through which they develop clairvoyant consciousness in addition to their outer, object-oriented consciousness, so will all of humanity eventually attain an intellect that functions simultaneously as clairvoyant consciousness. One can therefore say that the people who lived in ancient, very ancient cultures could still look back on a time in human development when their forefathers possessed knowledge derived from the direct observation of the divine-spiritual world. And in those most ancient times, the leaders with regard to such knowledge were those people whom Buddhism calls the first Bodhisattvas. Then people’s clairvoyant powers gradually diminished. And those peoples who felt the decline of these abilities particularly keenly—as was the case with the inhabitants of ancient India—incorporated this looking back at the origin of humanity from the spiritual realm into their feelings, and they said: “In the way we now view the world with our ordinary everyday consciousness, we are, in essence, not living in a way that corresponds to our innermost core of being.”
[ 30 ] Der Mensch früherer Zeiten konnte zurückschauen in die geistige Welt, der wir eigentlich angehören; heute aber kann das nur ein solcher, der eine besondere Geistesentwicklung durchmacht. Die Angehörigen des urindischen Volkes sahen hinter der physischen Welt die alte, geistige Heimat des Menschen, die früher wohl hat geschaut werden können, die aber jetzt nicht mehr geschaut werden kann. Das empfanden sie so, dass sie sagten: Alles, was das heutige Bewusstsein erschaut, ist Maya, die große Illusion, die große Täuschung; dahinter ist das, was die Altvorderen geschaut haben, was unsere Seelen selber in früheren Leibern geschaut haben. Und das, was unsere Väter uns in den Lehren aus Urzeiten überliefert haben, das enthält die Wahrheit über die geistige Heimat des Menschen. – Und so strebte der alte Inder hinaus aus der Maya, der großen Täuschung, hinauf in die geistige Heimat, zu dem Geiste, dem der Mensch sich verbunden fühlte, wenn er sich in seiner Seele sagte: Das in mir lebende Geistige ist eins mit dem Geistigen, das die Welt durchlebt und durchwebt als Brahman.
[ 30 ] People in earlier times could look back into the spiritual world to which we actually belong; today, however, only those who are undergoing a special spiritual development can do so. The members of the ancient Indian people saw, beyond the physical world, humanity’s ancient spiritual homeland—one that could once be perceived but can no longer be seen today. They felt this so deeply that they said: Everything that present-day consciousness perceives is Maya, the great illusion, the great deception; behind it lies what the ancient forefathers beheld, what our own souls themselves beheld in former bodies. And what our fathers have handed down to us in the teachings from time immemorial contains the truth about humanity’s spiritual homeland. – And so the ancient Indian strove to emerge from Maya, the great deception, and ascend to the spiritual homeland, to the Spirit with which a person felt connected when he said to himself in his soul: “The spiritual that lives within me is one with the spiritual that permeates and weaves through the world as Brahman.”
[ 31 ] Das war die Stimmung im alten Indien, aber es ist der Menschheit immerdar ein Nachklang der alten Urweisheit geblieben, und das kommt in Betracht. Wenn man nur die äußeren Nachrichten betrachtet, so kommt man darauf, dass das, was die Menschen in vorchristlichen Zeiten als Religionen gehabt haben, zurückgeht auf dasjenige, was die Menschen besessen haben als Urweisheit, die aus dem [alten] Hellsehen stammt. Und man sieht auch, dass seit jenen Zeiten von Zeitalter zu Zeitalter immer neue große Führer der Menschheit auftreten müssen, welche in sich, in ihrer Seele den Inhalt der alten Weisheit und Wahrheit haben, die sie beherrschen. So lebt die alte Weisheit weiter in den Führern und Lehrern der Menschen, den Bodhisattvas. Und im Sinne des Buddhismus würde man Buddha selber, Zarathustra, Hermes, Orpheus und andere als solche Bodhisattvas anzusehen haben. Sie waren eingeweiht in die Urweisheit, die sie als Wahrheit in sich hatten, und das bedeutete, dass ihre Seelen Zusammenhang hatten mit den geistigen Welten. So sieht der Buddhismus hinauf zu den großen Führern, welche von Epoche zu Epoche die alte Weisheit fortpflanzten, denn «Weisheit», «Wahrheit» bedeutet etwa das Wort «Bodhisattva».
[ 31 ] That was the prevailing spirit in ancient India, but an echo of that ancient primordial wisdom has always remained with humanity, and that is what matters. If one considers only the external accounts, one comes to the conclusion that what people in pre-Christian times regarded as religions can be traced back to what they possessed as primordial wisdom, which originated in [ancient] clairvoyance. And one also sees that, from those times onward, from age to age, new great leaders of humanity must continually emerge—leaders who possess within themselves, in their souls, the essence of the ancient wisdom and truth, which they master. Thus, the ancient wisdom lives on in the leaders and teachers of humanity, the Bodhisattvas. And in the spirit of Buddhism, one would have to regard Buddha himself, Zarathustra, Hermes, Orpheus, and others as such Bodhisattvas. They were initiated into the primordial wisdom, which they held within themselves as truth, and this meant that their souls were connected to the spiritual worlds. Thus, Buddhism looks up to the great leaders who, from epoch to epoch, passed on the ancient wisdom, for the word “Bodhisattva” roughly means “wisdom” or “truth.”
[ 32 ] Die Bodhisattva-Würde wird dadurch erreicht, dass der Mensch sich nach und nach so weit hinaufentwickelt, dass seine Seele die Weisheit aufnehmen kann, die die geistige Heimat des Menschen charakterisiert. Wenn dann der Mensch von Verkörperung zu Verkörperung so weit gelangt ist, dass er ein Bodhisattva geworden ist, dann ist seine nächste Stufe – die höhere Rangordnung gleichsam, die er erlangen kann – die Buddha-Stufe; man wird vom Bodhisattva zum Buddha. Aber der Buddha ist nun nicht mehr berufen, wieder herunterzusteigen zur Erde, sondern er ist, nachdem er ein Buddha geworden ist, da angelangt, wo der Durst nach dem Leben im Leibe erlischt, wo Erlösung eintritt, wo er fortan nicht mehr mit der physischen Welt verbunden bleibt, wo er nicht mehr weiter in ihr lebt. So erkennt die sozusagen letzte Ausgestaltung der vorchristlichen Weltanschauung in dem Bodhisattva denjenigen Menschen, der an der Grenze dessen steht, was noch mit dem Erdensein verbunden bleibt. In dem Augenblick, wo der Mensch noch eine Stufe höher steigt, braucht er nicht mehr mit der Erde verbunden zu bleiben. Diese Weltanschauung kennt aber noch nicht im wahrhaften Sinne den Christus-Begriff. Worin besteht nun der Christus-Begriff?
[ 32 ] The status of a Bodhisattva is attained when a person gradually evolves to the point where their soul can absorb the wisdom that characterizes humanity’s spiritual homeland. When, through incarnation after incarnation, a person has progressed to the point of becoming a Bodhisattva, the next stage—the higher rank, so to speak, that he can attain—is the stage of a Buddha; one progresses from Bodhisattva to Buddha. But the Buddha is no longer called upon to descend back to earth; rather, having become a Buddha, he has reached the point where the thirst for life in the physical body is quenched, where liberation occurs, where he is no longer bound to the physical world, and where he no longer continues to live within it. Thus, the so-called final manifestation of the pre-Christian worldview recognizes in the Bodhisattva the human being who stands at the threshold of what still remains connected to earthly existence. The moment a person ascends one step higher, he no longer needs to remain bound to the earth. However, this worldview does not yet know the concept of Christ in the true sense. What, then, does the concept of Christ consist of?
[ 33 ] Der Christus-Begriff liegt über dem Bodhisattva- und über dem Buddha-Begriff. Wir kommen zu dem ChristusBegriff nur, wenn wir zunächst unseren geistigen Blick wenden zu einem inneren Erlebnis der Menschenseele, zu einem Erlebnis, das uns angedeutet ist in den christlichen Evangelien und das wir die innere Auferstehung oder auch die Wiedergeburt nennen können. Gewöhnlich wird unter dieser inneren Wiedergeburt etwas ganz Abstraktes vorgestellt. Wir brauchen uns aber nur einiges aus dem menschlichen Seelenleben vor Augen zu halten, und wir werden einsehen können, wie unter diesem inneren Wiedergeboren-Werden etwas ganz Konkretes zu verstehen ist. Wir brauchen uns nur im Einzelnen dasjenige vorzuhalten, was Grundelement des menschlichen Seelenlebens ist. Da tritt uns der Mensch zunächst im äußeren Leben entgegen mit seinen Empfindungen, Gefühlen, Affekten und Willensimpulsen; wir sehen da, wie er sich aus dieser Seele, die in Trieben, Leidenschaften und anderen Impulsen lebt, seine Vorstellungen über die Umwelt verschafft, wie er immer mehr zu geläuterten und wahreren Begriffen aufsteigen kann, immer weiter und weiter. Wer würde es nicht zugeben, dass der Mensch in sich fühlt den Trieb und Drang zu immer weitergehender Vervollkommnung? Man braucht nur die Forderungen aller edlen Idealisten der Menschheit sich vorzustellen, und man muss sich sagen: Diese Forderungen stellen hohe Ideale hin, und die Menschen leben sie auch aus in methodischen Taten edlen menschlichen Mitleids und so weiter. Daher muss man sagen: Der Mensch kann gewissermaßen über sich selbst hinauswachsen.
[ 33 ] The concept of Christ transcends both the concept of the Bodhisattva and that of the Buddha. We can only arrive at the concept of Christ if we first turn our spiritual gaze toward an inner experience of the human soul—an experience hinted at in the Christian Gospels and which we might call the inner resurrection or rebirth. Usually, this inner rebirth is conceived of as something entirely abstract. But we need only keep certain aspects of the human soul life in mind, and we will be able to see how this “inner rebirth” refers to something quite concrete. We need only consider in detail what constitutes the fundamental element of the human soul life. Here, the human being first presents himself to us in his outer life with his sensations, feelings, emotions, and impulses of the will; there we see how, from this soul that lives in instincts, passions, and other impulses, the human being forms his conceptions of the external world, and how he can rise ever higher to more purified and truer concepts, further and further still. Who would not admit that the human being feels within himself the instinct and urge toward ever-greater perfection? One need only imagine the demands of all the noble idealists of humanity, and one must conclude: These demands set forth lofty ideals, and people also live them out in methodical acts of noble human compassion and so on. Therefore, one must say: Human beings can, in a sense, rise above themselves.
[ 34 ] Es liegt da ein Faktum des menschlichen Seelenlebens vor, das durchaus nicht immer — im menschlichen Sinne betrachtet – nur abstrakt genannt werden darf. Man gibt das auch zu, indem man sagt: In uns lebt etwas wie ein zweites Ich, ein höheres Selbst, zu dem man hinaufwachsen kann über das niedere alltägliche Selbst hinaus. Abstrakt gibt man das zuweilen zu, dass das Wort Goethes richtig ist:
[ 34 ] There is a fact of human spiritual life here that—when viewed from a human perspective—cannot always be called merely abstract. People acknowledge this when they say: Within us lives something like a second self, a higher self, toward which one can grow, rising above the lower, everyday self. In an abstract sense, one sometimes admits that Goethe’s words are correct:
Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,
Befreit der Mensch sich, der sich überwindet.
From the violence that binds all beings,
The person who overcomes themselves is set free.
[ 35 ] Aber man stellt sich unter diesem höheren Selbst doch meist etwas Blutloses, Farbloses vor, etwas, das für die meisten Menschen nicht unmittelbar dieselbe Realität hat wie diejenigen Äußerungen der menschlichen Wesenheit, die geknüpft sind an den Menschen, wie er uns unmittelbar im Leben entgegentritt. Da tritt er uns entgegen mit all seinen Affekten, Impulsen, mit all dem, was er als natürliches Wesen tut, mit seinem Blut, mit dem Ganzen, was als Kraft sein Leibliches durchpulst, mit all dem, was die Natur in ihn gelegt hat als Persönlichkeit. Wenn wir das alles zusammenfassen wollen, können wir sagen: So wie der Mensch als natürliches Wesen uns entgegentritt, so ist er mit den Kräften ausgestattet, die die ganze Welt durchdringen. Wie er uns da als Persönlichkeit entgegentritt, so ist er durch die Kräfte der Welt geworden.
[ 35 ] But when we think of this higher self, we usually imagine something bloodless and colorless—something that, for most people, does not immediately possess the same reality as those manifestations of human essence that are connected to the human being as he or she directly confronts us in life. There he stands before us with all his emotions, impulses, with everything he does as a natural being, with his blood, with the whole force that pulses through his physical body, with everything that nature has placed within him as a personality. If we wish to summarize all of this, we can say: Just as the human being confronts us as a natural being, so is he endowed with the forces that permeate the entire world. Just as he confronts us there as a personality, so has he come into being through the forces of the world.
[ 36 ] Wie farblos, wie abstrakt nimmt sich dagegen dasjenige aus, was die Menschen oftmals als den Inhalt der höheren Impulse haben. Und wie konkret nimmt es sich aus, wenn der Mensch in Jähzorn gerät aus seinem Blute heraus. Wenn man dagegen ein Ideal aufstellt von dem höheren Selbst, dann bleibt das meist recht abstrakt – so farblos und blutleer, dass es uns ganz schwindsüchtig erscheint. Als schwindsüchtiges Ideal könnte man zum Beispiel das bezeichnen, was Kant den «kategorischen Imperativ» nennt. Ein blutleerer Idealismus! Nun brauchen wir gegen das, was uns so oft wie blutleere Abstraktionen entgegentritt, uns nur ein Wort aus der Entwicklung der christlichen Impulse heraus vorzuhalten, das wirksam ist, das Wort des Paulus:
[ 36 ] How colorless, how abstract, by contrast, is what people often regard as the content of higher impulses. And how concrete it seems when a person flies into a rage, driven by the blood in their veins. When, on the other hand, one constructs an ideal of the higher self, it usually remains quite abstract—so colorless and bloodless that it seems utterly consumptive to us. One could describe, for example, what Kant calls the “categorical imperative” as such a consumptive ideal. A bloodless idealism! Now, to counter what so often confronts us as bloodless abstractions, we need only hold before us a single word drawn from the development of Christian impulses—a word that is effective: the words of Paul:
Nicht ich, sondern der Christus in mir.
Not I, but Christ in me.
[ 37 ] Damit haben wir dasjenige erwähnt, was im tiefsten Sinne den Wesenskern des Christentums zu bezeichnen in der Lage ist.
[ 37 ] We have thus mentioned what, in the deepest sense, is capable of defining the very essence of Christianity.
[ 38 ] Wir haben den Menschen als natürliche Persönlichkeit vor uns; wir sehen, wie er mit seinen Affekten, seinen Leidenschaften dasteht als ein Zusammenfluss all der Kräfte, die die ganze Welt durchleben und durchweben. Er steht da, zu einer kleinen Welt zusammengefügt, wie ein Mikrokosmos in der großen Welt, im Makrokosmos. Und jetzt sehen wir, wie dieser Mensch sich durchseelt mit dem Streben nach Vollkommenheit, wie er in sich etwas erleben will, wie es in dem genannten Ausspruch Goethes ausgedrückt ist:
[ 38 ] We see the human being before us as a natural personality; we see how, with his emotions and passions, he stands as a convergence of all the forces that permeate and interweave the entire world. He stands there, formed into a small world, like a microcosm within the great world, the macrocosm. And now we see how this human being is imbued with the striving for perfection, how he wants to experience something within himself, as expressed in Goethe’s famous saying:
Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,
Befreit der Mensch sich, der sich überwindet.
From the force that binds all beings,
The person who overcomes themselves is set free.
[ 39 ] Was sich uns da zunächst als natürliche Persönlichkeit zeigt, die zusammengefügt ist wie ein Mikrokosmos aus den Kräften der Welt, das strebt nun über sich selbst hinaus in Begriffen und Ideen, die zunächst in abstrakten Idealen erscheinen können als des Menschen besseres Selbst. Dann können wir uns aber vorstellen, dass jetzt diese abstrakten Ideale, diese höheren Weistümer, die höchsten Ideale, die der Mensch nur dadurch haben kann, dass er sich über sein natürliches Dasein erhebt, dieses höhere Selbst nun ebenso durchdringen, ebenso ein Ausdruck dessen werden, was die Welt geistig, als Geistiges, als Weltmoralisches durchlebt und durchwebt, wie das Physisch-Sinnliche der Persönlichkeit ein Ausdruck des ganzen Makrokosmos ist.
[ 39 ] What initially appears to us as a natural personality—composed, like a microcosm, of the forces of the world—now strives beyond itself toward concepts and ideas that may at first appear as abstract ideals representing the better self of humanity. But then we can imagine that these abstract ideals—these higher forms of wisdom, these highest ideals, which a person can possess only by rising above his natural existence—now permeate this higher self as well, and become just as much an expression of what the world experiences and is interwoven with spiritually—as the spiritual, as the moral of the world—just as the physical-sensual aspect of the personality is an expression of the entire macrocosm.
[ 40 ] Wenn gleichsam blitzartig da hereinschlägt in die höchsten Ideale des Menschen ein Weltensein, ein Weltenwesen, welches ebenso real im Geistig-Übersinnlichen gedacht wird wie die äußeren Weltenkräfte real gedacht werden, die, vom Makrokosmos hereinwirkend, die menschliche natürliche Persönlichkeit zusammengefügt haben als einen Mikrokosmos, dann haben wir den Menschen, der sich frei macht – den Menschen, der sich auf diese Art über sich selbst erhebt, der jetzt in seinem höheren Selbst lebt, das sonst [bloß] Abstraktion bleibt, in unausgefüllten, blutleeren Begriffen besteht, die nicht mit Unmittelbarkeit, mit unmittelbarer Gewalt wirken. Nun wirkt der höhere Impuls, der in diesen Menschen eingeschlagen hat; ein Geistiges [lebt] in ihm, das zu [sJeiner höheren Persönlichkeit wird. Jetzt hat er nicht nur abstrakte Ideale, höchste moralische Ideen in sich, jetzt trägt er eine zweite, eine geistige Persönlichkeit in sich. Jetzt ist dasjenige, zu dem er sich als zu einem Höchsten erheben kann, ebenso von geistiger Persönlichkeit durchsetzt, wie früher der natürliche Mensch von abstrakten Idealen durchsetzt war.
[ 40 ] When, as it were, a cosmic being strikes like a flash into the highest ideals of humanity, a cosmic being—conceived in the spiritual-super-sensible realm as truly real as the external cosmic forces are conceived to be real, forces which, acting from the macrocosm, have fashioned the human natural personality as a microcosm—then we have the human being who liberates himself—the human being who in this way rises above himself, who now lives in his higher self, which otherwise [merely] remains an abstraction, existing in empty, lifeless concepts that do not exert an immediate, powerful influence. Now the higher impulse that has taken root in this person is at work; a spiritual element [lives] within him that is becoming [becomes] his higher personality. Now he possesses not only abstract ideals, the highest moral ideas, within himself; now he carries within himself a second, spiritual personality. Now that to which he can rise as the highest is just as permeated by spiritual personality as the natural human being was formerly permeated by abstract ideals.
[ 41 ] Wenn wir empfinden, dass das eintreten kann im Menschen, dann verstehen wir das Wort des Paulus: «Nicht ich, sondern der Christus in mir.» Dieser Christus in mir kann alles das durchsetzen und durchdringen, was sonst Abstraktion eines höheren Selbstes ist und bleibt. So steigen wir durch Christus zu einer höheren Persönlichkeit auf. Während die Bodhisattvas diejenigen lehrenden Führer des Menschen sind, die ihn zur unpersönlichen höheren Weisheit leiten, zu abstrakten Begriffen und Ideen, leitet der Christus-Impuls den Menschen nicht bloß zu einer unpersönlichen Weisheit, sondern zu einer höheren Persönlichkeit in sich selbst. Dieser Begriff aber ist überhaupt erst durch die Begründung des Christentums in die Welt gekommen. Alles, was in der Welt geschieht, hat seine Ursachen. Und wenn der Mensch heute durch solch eine Entwicklung, wie sie angedeutet ist in der Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», zu einem geistigen Schauen, zum geistigen Hellsehen sich erhebt, dann hat er diese höhere Persönlichkeit unmittelbar als eine Realität vor sich, wie einen neuen Menschen im Menschen – den Christus in uns selber.
[ 41 ] When we sense that this can take place within a person, then we understand Paul’s words: “Not I, but Christ in me.” This Christ in me can permeate and penetrate everything that is otherwise—and remains—an abstraction of a higher self. Thus, through Christ, we ascend to a higher personality. While the Bodhisattvas are those teaching guides of humanity who lead people toward impersonal higher wisdom—toward abstract concepts and ideas—the Christ impulse leads people not merely toward an impersonal wisdom, but toward a higher personality within themselves. This concept, however, only entered the world with the establishment of Christianity. Everything that happens in the world has its causes. And when a person today, through a development such as that outlined in the treatise “How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?”, rises to spiritual vision—to spiritual clairvoyance—then he has this higher personality directly before him as a reality, like a new human being within the human being—the Christ within ourselves.
[ 42 ] Nun aber kommt über den wirklichen Hellseher ein Augenblick, in dem sich ein Wort geistig bewahrheitet, das Goethe gebraucht hat über die äußeren, physischen Naturtatsachen und dann auch angewendet hat auf die höchste Wesenheit im Menschen, nämlich das Wort:
[ 42 ] But now there comes a moment for the true clairvoyant when a word—one that Goethe used to describe external, physical facts of nature and then also applied to the highest essence within the human being—is spiritually fulfilled, namely the word:
Wär nicht das Auge sonnenhaft,
Wie könnten wir das Licht erblicken?
If the eye were not like the sun,
How could we see the light?
[ 43 ] Goethe will sagen in Bezug auf das Äußere: Da ist mein Auge, das sieht die Sonne; läge nicht darin die Kraft, das Licht zu sehen, so könnten wir das Licht nicht erblicken. – Aber er sagt auch:
[ 43 ] Goethe means, with regard to the external world: Here is my eye, which sees the sun; if it did not possess the power to see the light, we would not be able to perceive the light. – But he also says:
Das Auge ist am Lichte für das Licht gebildet.
The eye is formed by light for the sake of light.
[ 44 ] Wir könnten keine Augen haben, wenn nicht das Licht die Welt durchleben und durchweben würde: Das Auge ist vom Licht gebildet. – Die Schopenhauer’sche Wahrheit «Die Welt ist meine Vorstellung», also dass die Welt des Lichtes und der Farbe die Vorstellung des Auges sei, ist nur eine halbe Wahrheit. Die ganze Wahrheit ist erst gefunden, wenn wir hinzufügen: Durch die Welt ist meine Vorstellung geschaffen, sodass wir, wenn wir das von der Sonne ausgebildete Auge benützen, in die Welt hineinblicken, in der die Sonne ist. – Und ebenso können wir sagen: Wie kein Auge ohne Sonne, so kein göttliches Wissen und Empfinden in uns ohne den Gott als objektiven Gott in der Außenwelt.
[ 44 ] We could not have eyes if light did not permeate and interweave the world: the eye is formed by light. – Schopenhauer’s truth, “The world is my idea”—that is, that the world of light and color is the idea of the eye—is only a half-truth. The whole truth is found only when we add: My perception is created through the world, so that when we use the eye formed by the sun, we look into the world in which the sun exists. – And likewise, we can say: Just as there is no eye without the sun, so there is no divine knowledge or sensation within us without God as an objective God in the external world.
[ 45 ] So kann objektiv auch der Christus in uns erlebt werden als Persönlichkeit. Und dieses Ereignis, wo wir unser höheres Selbst so erleben, dass wir sagen können: «Nicht wir, sondern der Christus in uns», wird uns zu einem konkreten Erlebnis. Dann wandelt sich unser inneres Seelendasein um, dann sind wir ein anderer Mensch, ein wiedergeborener Mensch geworden, und es ist uns durch dieses Erlebnis ein neues, ein geistiges Auge erschlossen. Und dann erblicken wir auch, dass notwendig ist zu diesem «Christus in uns» der Christus außer uns, zu dem subjektiv in uns erlebten geistigen Christus der objektive, historische Christus. Ihn leugnen, den Christus, der das Mysterium von Golgatha durchgemacht hat — das bedeutet logisch dasselbe wie die Sonne leugnen, die das Auge aus einem, wie Goethe sagte, sonst gleichgültigen Organismus herausgebildet hat.
[ 45 ] In this way, Christ within us can also be objectively experienced as a personality. And this event—in which we experience our higher self in such a way that we can say, “Not we, but Christ within us”—becomes a concrete experience for us. Then our inner soul life is transformed; we have become a different person, a reborn person, and through this experience a new, spiritual eye has been opened to us. And then we also come to see that this “Christ within us” necessarily requires the Christ outside of us—that the objectively historical Christ must accompany the spiritual Christ experienced subjectively within us. To deny Him—the Christ who underwent the Mystery of Golgotha—logically amounts to the same thing as denying the sun, which, as Goethe said, has formed the eye out of an otherwise indifferent organism.
[ 46 ] Dass wir den Christus in uns erleben können, das ist als inneres Erlebnis so in uns aus unserem Seelenorganismus herausgebildet, wie unser leibliches Auge von dem Sonnenlichte herausgebildet ist. So ist das, was unser inneres, geistiges Auge ist, von dem wirklichen, realen Christus herausgebildet, und wer das wirklich erlebt, nicht bloß im Gefühl, sondern durch das hellseherische Bewusstsein, der erlebt das als sein unmittelbarstes Wissen, was man charakterisieren könnte als das hellseherische Hinaufschauen von der geistigen Persönlichkeit des Christus in uns zu dem wirklichen, objektiven, historischen Christus. Wir brauchen kein Evangelium, kein historisches Dokument, wir brauchen allein den wahren, echten Blick des Hellsehers, und wir wissen, dass gelebt hat im Laufe der Menschheitsentwicklung die Verkörperung jener Wesenheit, aus welcher der Impuls gekommen ist zu dem «Christus in uns». Das ist das objektive, nicht bloß das subjektive mystische Erleben des Christus.
[ 46 ] The fact that we can experience the Christ within us is formed within us as an inner experience, emerging from our soul organism, just as our physical eye is formed by the light of the sun. Thus, what constitutes our inner, spiritual eye is formed within us from the true, real Christ; and whoever truly experiences this—not merely as a feeling, but through clairvoyant consciousness—experiences it as their most immediate knowledge: what could be characterized as the clairvoyant gaze ascending from the spiritual personality of the Christ within us to the real, objective, historical Christ. We need no Gospel, no historical document; we need only the true, genuine gaze of the clairvoyant, and we know that, in the course of human development, the embodiment of that Being from whom the impulse for the “Christ within us” originated has lived. This is the objective, not merely the subjective, mystical experience of the Christ.
[ 47 ] Wir wissen aber noch etwas anderes. Wir wissen: Wenn sich nach und nach unter dem Zwange des logischen Denkens die Lehre von den wiederholten Erdenleben in den menschlichen Entwicklungsprozess hineinimpft und damit in das ganze Erdenleben, dann haben wir hellseherisch den Christus als historischen Christus vor uns, der in uns den inneren Blick auslöst, sodass wir auf die künftigen Verkörperungen blicken können. Und nun sagen wir nicht wie der Buddhismus: Je weniger Erdenverkörperungen, desto besser für den Menschen, denn umso früher wird er erlöst vom Dasein –, sondern wir sagen: Solange die Erde ihre Mission auszubilden hat, nehmen wir, indem wir auf Erden verkörpert sind, immer mehr und mehr den Christus-Impuls auf, und immer stärker und umfassender wird der Christus-Impuls in uns; immer höher und höher tragen wir ihn in jeder neuen Verkörperung in uns. Und so blicken wir in eine Zukunft hinein, in der immer mehr und mehr an uns sich erfüllen kann das Wort: «Nicht ich, sondern der Christus in mir.» Daher sehen wir auf künftige Verkörperungen, auf unsere künftigen Erdenleben, als auf immer mehr durchchristete Leben, und wir verstehen, warum in der vorchristlichen Weltanschauung, selbst beim Buddhismus, nur eine Erlösungsidee entstehen konnte – es war da eben noch nicht der Christus-Impuls gekommen, der immer neue und neue Fruchtbarkeit in jedes Erdenleben bringt. Im Gegenteil, da war sogar der Zeitpunkt gekommen, wo es aussichtslos wurde, die Erdenleben weiter zu vervollkommnen. Mit dem Christus-Impuls bekommen die Erdenverkörperungen, die Erdenleben der Menschen, ihren Sinn, für welche der Buddhismus eben keinen Sinn mehr aufzeigen konnte.
[ 47 ] But we know something else as well. We know that as the doctrine of repeated earthly lives gradually takes root in the process of human development—and thus in all of earthly life—under the compulsion of logical thinking, then, through clairvoyance, we have the Christ before us as the historical Christ, who awakens the inner vision within us so that we can look toward future incarnations. And now we do not say, as Buddhism does: “The fewer earthly incarnations, the better for the human being, for the sooner he will be redeemed from existence”—but rather we say: As long as the Earth has its mission to fulfill, we, by being incarnated on Earth, absorb the Christ impulse more and more, and the Christ impulse within us becomes ever stronger and more comprehensive; in every new incarnation we carry it higher and higher within us. And so we look toward a future in which the words “Not I, but Christ in me” can be fulfilled more and more in us. Therefore, we look upon future incarnations—our future earthly lives—as lives increasingly permeated by Christ, and we understand why, in the pre-Christian worldview, even in Buddhism, only a single idea of salvation could arise—for the Christ impulse had not yet arrived, the impulse that brings ever-renewed fruitfulness to every earthly life. On the contrary, the point had even been reached where it had become hopeless to further perfect earthly lives. With the Christ impulse, earthly incarnations—the earthly lives of human beings—gain their meaning, a meaning that Buddhism could no longer reveal.
[ 48 ] Und wenn wir nun auf die Geschichte der Entwicklung des Christentums sehen, dann beantwortet sich uns die Frage: Wie ist denn nun das Christentum, nicht der Christus, sondern das Christentum in die Welt gekommen? – Da wird jeder, der Geschichte objektiv betrachten will, sich sagen müssen: Wer am meisten beigetragen hat zur Entwicklung des Christentums, das ist Paulus. — Sehen wir ihn uns daraufhin an. Ist er überzeugt worden durch das, was als physische Tatsache in der Welt sich abgespielt hat oder was ihm davon geschildert worden ist? Als Zeitgenosse der Ereignisse, die sich abgespielt haben in der physischen Welt, hat er alles hören können – sie traten ihm entgegen –, aber was er aus diesen christlichen Vorstellungen in seine Seele aufnehmen konnte, das war ungeeignet, ihm diese äußeren Ereignisse in einem solchen Lichte erscheinen zu lassen, dass er seine Seele zum Christlichen hätte umstimmen können. Da aber trat jenes Ereignis ein, das die wissenschaftliche Theologie bis jetzt nicht deuten konnte. Was war das für ein Ereignis? Äußerlich betrachtet wurde dasjenige, was Paulus durch keine Wahrnehmung, durch keine Beobachtung in der physischen Welt hatte glauben können, für ihn zur unmittelbaren Gewissheit durch das, was er übersinnlich, im Geiste erschaute. Keine Mitteilung der physischen Welt konnte für ihn maßgebend sein – eine übersinnliche Erfahrung, ein überphysisches Ereignis aber war es. Und dieses überzeugte ihn, nicht etwa bloß von dem Dasein irgendeines Christus, sondern davon, dass der Christus dasjenige Ereignis dargelebt hat, was umgesetzt ins menschliche Leben bedeutet: In jedem Menschenwesen wird der geistige Wesenskern den Tod der äußeren Umhüllung des niederen Menschen besiegen, denn «wäre Christus nicht auferstanden, so wäre unser Glaube eitel und eitel unsere Predigt». An den auferstandenen Christus appellierte Paulus, weil ihm klar geworden war, dass im Mysterium von Golgatha jene geistige Sonne erschienen war, welche den inneren Christus im Menschen erst möglich macht. Für Paulus war der Ausgangspunkt der christlichen Entwicklung ein übersinnliches Ereignis, das ihm den Impuls zum Wirken für das Christentum gegeben hat.
[ 48 ] And when we look at the history of Christianity’s development, the question arises: How did Christianity—not Christ, but Christianity—come into the world? — Anyone who wishes to view history objectively will have to admit: The person who contributed most to the development of Christianity is Paul. — Let us therefore take a closer look at him. Was he convinced by what actually took place in the physical world, or by what was described to him about it? As a contemporary of the events that took place in the physical world, he was able to hear everything—they came to meet him—but what he was able to take into his soul from these Christian ideas was insufficient to make these external events appear to him in such a light that he could have turned his soul toward Christianity. But then that event occurred which scientific theology has so far been unable to interpret. What kind of event was that? Viewed from the outside, what Paul could not have believed through any perception or observation in the physical world became, for him, a matter of immediate certainty through what he beheld supersensually, in the spirit. No information from the physical world could be decisive for him—but a supersensible experience, a superphysical event, was. And this convinced him, not merely of the existence of some Christ, but that Christ had lived through the very event which, when applied to human life, means: In every human being, the spiritual core of being will overcome the death of the outer shell of the lower human, for “if Christ had not been raised, our faith would be in vain, and our preaching would be in vain.” Paul appealed to the risen Christ because it had become clear to him that, in the Mystery of Golgotha, that spiritual sun had appeared which alone makes the inner Christ in human beings possible. For Paul, the starting point of Christian development was a supernatural event that gave him the impulse to work for Christianity.
[ 49 ] Das Christentum ist also in Bezug auf seinen ersten großen Lehrer aus einem übersinnlichen Impuls hervorgegangen, und erst später haben die Evangelien dasjenige liefern können, was die Menschen gebraucht haben, um sich das Christus-Ereignis klar vor die Seele zu stellen. Dieses Ereignis kann immer erneuert werden, auch heute noch; wenn der Mensch die Gesetze innerer menschlicher Entwicklung beachtet, verschafft er sich die Möglichkeit, in sich wieder zu erleben das Ereignis von Damaskus. Dann vermag er den objektiven Christus als Wahrheit geistig zu erleben; dann fängt er an, die Evangelien glauben zu können, ohne dass er genötigt ist, historische Beweise zu haben, denn was er im Geiste erschaut, was hellseherisches Bewusstsein ihm gibt, das findet er dann bewahrheitet durch die Evangelienschriften.
[ 49 ] Christianity, then, in relation to its first great teacher, arose from a supernatural impulse, and it was only later that the Gospels were able to provide what people needed to clearly envision the Christ event in their souls. This event can always be renewed, even today; if a person observes the laws of inner human development, he creates the possibility for himself to relive the Damascus experience within himself. Then they are able to experience the objective Christ as truth in a spiritual way; then they begin to be able to believe the Gospels without being compelled to have historical proof, for what they perceive in the spirit—what clairvoyant consciousness gives them—they then find confirmed by the Gospel writings.
[ 50 ] So ist der Wesenskern des Christentums innerhalb der menschlichen Seele zu suchen. Und der stärkste Impuls zur Verbreitung des Christentums ist in einem übersinnlichen Erkenntnisereignis zu finden. Durch dieses Ereignis erblickt ein jeder Mensch sozusagen unmittelbar die Notwendigkeit, dass als der wichtigste Impuls in der historischen Entwicklung der Menschheit der Christus selber aufgetreten ist. Und dann versteht man in der Tat, dass in der Person des Jesus der Christus als eine Wesenheit lebte, die mit keiner anderen zu vergleichen ist. Während die Bodhisattvas also von Verkörperung zu Verkörperung schreiten wie die übrigen Menschen, bis sie ihre Aufgabe erfüllt haben und Buddha geworden sind, haben wir für diese Wesenheit, die in dem Leibe des Jesus von Nazareth als der Christus lebte, nur ein einmaliges Erdenleben zu verzeichnen. Und [wie in Bezug auf die aufeinanderfolgenden Generationen das gleiche Blut von dem Vater auf den Sohn übergeht], so geht von dem einen Christus, der das Ereignis von Golgatha durchlebt hat — das ist eine Tatsache, die sich dem höheren Bewusstsein ergibt –, ein geistiger Impuls zu all denjenigen aus, die den Weg zu diesem Christus finden.
[ 50 ] Thus, the very essence of Christianity is to be found within the human soul. And the strongest impetus for the spread of Christianity is to be found in a supernatural experience of insight. Through this experience, every human being perceives, so to speak, directly the necessity that Christ Himself appeared as the most important impetus in the historical development of humanity. And then one truly understands that in the person of Jesus, Christ lived as a being unlike any other. While the Bodhisattvas thus proceed from incarnation to incarnation like other human beings until they have fulfilled their task and become Buddhas, we have record of only a single earthly life for this being who lived as the Christ in the body of Jesus of Nazareth. And [just as, with successive generations, the same blood is passed from father to son], so too does a spiritual impulse go out from the one Christ who lived through the event of Golgotha—a fact that becomes evident to the higher consciousness—to all those who find their way to this Christ.
[ 51 ] Dieser Gedanke, dass der Christus verbunden ist durch ein geistiges Band mit demjenigen, der den Weg zu ihm findet – ebenso wie der Nachkomme durch das Band des Blutes mit dem Vorfahren verbunden ist –, dieser Gedanke begründet nicht nur eine Mystik des Christentums, sondern ein Christentum, das man bezeichnen kann als «mystische Tatsache». Es gibt nicht nur eine christliche Mystik, ein inneres mystisches Erleben im Sinne des Christentums, sondern dasjenige, was da in Palästina im Beginne unserer Zeitrechnung geschehen ist, ist eine Tatsache, die nur durch Mystik zu begreifen ist. So wie das Rinnen des Blutes durch die Generationenfolge durch die Naturwissenschaft zu begreifen ist, so ist dasjenige, was durch den Christus geschehen ist, nur zu begreifen durch geistiges Erkennen, durch die Weisheit der Mystik. Durch geistiges Erkennen kann man begreifen, dass «geistiges Blut» von dem Christus Jesus in die Seelen derjenigen fließt, die den Weg zu ihm finden.
[ 51 ] This idea—that Christ is connected by a spiritual bond to those who find their way to him, just as a descendant is connected to an ancestor by the bond of blood—not only forms the basis of Christian mysticism but also of a Christianity that can be described as a “mystical fact.” There is not merely a Christian mysticism—an inner mystical experience in the Christian sense—but what took place in Palestine at the beginning of our era is a fact that can only be grasped through mysticism. Just as the flow of blood through successive generations can be understood through the natural sciences, so too can what happened through Christ be understood only through spiritual insight, through the wisdom of mysticism. Through spiritual insight, one can understand that “spiritual blood” flows from Christ Jesus into the souls of those who find their way to him.
[ 52 ] Das Christentum ist nur zu begreifen, wenn man es als mystische Tatsache auffasst. Daher habe ich meinem Buche die Überschrift «Das Christentum als mystische Tatsache» gegeben, denn da, wo man in der Geisteswissenschaft unter voller Verantwortlichkeit spricht und schreibt, ist jedes Wort gefügt und geprägt den Tatsachen entsprechend. Und wenn wir uns vor Augen halten diesen Gedanken von dem Wesenskern des Christentums, der sich in dem Christus selbst enthüllt und der die Ursache ist, dass eine geistige Wesenheit — unser höheres Selbst –, ein innerer Christus, in uns allen auferstehen kann, so wird sich dieser Gedanke immer mehr und mehr in das Erdendasein einleben – gerade in den künftigen Verkörperungen, die die Menschen auf der Erde durchmachen werden. So kann der Christus, auch wenn er nur einmal in einem Leibe verkörpert da war, doch sagen — hinblickend auf diejenigen, in die jetzt sein geistiges Blut fließen kann:
[ 52 ] Christianity can only be understood if one regards it as a mystical fact. That is why I have titled my book *Christianity as a Mystical Fact*, for in spiritual science, where one speaks and writes with full responsibility, every word is chosen and formulated in accordance with the facts. And when we keep in mind this idea of the essence of Christianity—which is revealed in Christ himself and which is the reason why a spiritual being—our higher self— an inner Christ, can rise within us all—then this idea will become increasingly rooted in earthly existence—especially in the future incarnations that human beings will undergo on Earth. Thus, even though the Christ was incarnated in a body only once, he can still say—looking upon those into whom his spiritual blood can now flow:
Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Erdenzyklen.
I am with you always, even to the end of the earth's cycles.
[ 53 ] Zu erkennen und zu schauen, wie innerhalb der Erdenentwicklung der Impuls des Christus und damit er selber fließt — das ist wiederum in Empfindungen umzubauen, und man wird fühlen, wie solche Kontradiktionen wie die folgende uns in die Tiefen der Weltanschauungsentwicklung hineinschauen lassen.
[ 53 ] To recognize and observe how the impulse of Christ—and thus Christ himself—flows within the evolution of the Earth—this, in turn, must be transformed into feelings, and one will sense how contradictions such as the following allow us to glimpse into the depths of the development of worldview.
[ 54 ] Wir haben da eine Stelle überliefert von Buddha, die mit dem eben angeführten Ausspruch «Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Erde» verglichen werden kann. Buddha sagte zu seinen Schülern: Wenn ich hinblicke auf frühere Erdenleben, so weiß ich, meine Seele ist durch viele Erdenleben gegangen und hat diese oder jene Erlebnisse durchgemacht. Sie hat sich Fähigkeiten angeeignet und jetzt meinen Leib, diesen äußeren, physischen Leib, auferbaut. Dieser ist zu meinem Schicksal geworden, weil die Seele ihn so gebaut und an solche Orte geführt hat, wo er das alles erleben konnte. So erschaue ich in meinem jetzigen physischen Leib die Ergebnisse der geistigen Kräfte, die ich gesammelt habe. – Und er nannte den Leib einen Tempel, der gebaut ist aus den göttlichen Kräften heraus, auf dem Umwege über die menschliche Individualität. [Und weiter sagte Buddha:] Der Tempel meines Leibes ist das Ergebnis der früheren Leben, die ich durchgemacht habe. Aber ich weiß genau, seit ich der Buddha geworden bin, steht dieser Tempel da, und es ist das letzte Mal, dass meine inneren Kräfte solch einen Tempel auferbaut haben. Ich fühle genau, wie schon die Balken brechen, die Säulen bersten; das ist der letzte Leib, den meine Seele bewohnt – der letzte Leib, denn ich bin zum Buddha geworden.
[ 54 ] We have a passage attributed to the Buddha that can be compared to the saying just mentioned: “I am with you always, even to the end of the earth.” The Buddha said to his disciples: When I look back on past earthly lives, I know that my soul has passed through many earthly lives and has undergone these or those experiences. It has acquired abilities and has now built up my body—this outer, physical body. This has become my destiny because the soul has built it in this way and guided it to such places where it could experience all of this. Thus, in my present physical body, I behold the results of the spiritual powers I have gathered.—And he called the body a temple built from divine powers, through the indirect path of human individuality. [And the Buddha went on to say:] The temple of my body is the result of the past lives I have lived. But I know for certain that ever since I became the Buddha, this temple has stood, and this is the last time my inner forces have built such a temple. I can clearly feel the beams already breaking and the pillars cracking; this is the last body my soul inhabits—the last body, for I have become the Buddha.
[ 55 ] Erlösung vom Leibe, das lehrt der Buddha. Man setze das in Empfindung um und betrachte dagegen ein anderes Wort, und zwar jenes Wort, wo der Christus Jesus zu seinen Jüngern ebenfalls von dem Tempel seines Leibes sprach. Aber wie sprach er? Sagte er auch wie der Buddha, dass dies das letzte Dasein ist, dass alles sich auflösen wird, was zu diesem Leibe geführt hat? Nein, der Christus sagte, indem er voraussah, dass dasjenige, was er in diesem Leibe geworden ist, den Impuls gibt, um fortzuwirken durch alles Erdensein: «Brecht diesen Tempel ab, und ich will ihn in drei Tagen wieder auferbauen.» – Das ist der große Gegensatz: dort das Zerbrechen des Tempels und die Lust des Zerbrechens, um von der Erde Abschied zu nehmen, – und da [die Anschauung], das Gefüge des Tempels als Ausgangspunkt für alles spätere Menschenheil zu betrachten. Und dafür steht der Ausdruck: Zerbrecht diesen Tempel, es ist schon der Impuls da, der weiterwirkt.
[ 55 ] Liberation from the body—that is what the Buddha teaches. Let us reflect on this and consider, in contrast, another passage—namely, the one in which Jesus Christ also spoke to his disciples about the temple of his body. But what did he say? Did he, like the Buddha, say that this is the final existence, that everything that led to this body will dissolve? No, Christ said—foreseeing that what he had become in this body would provide the impulse to continue working through all earthly existence—“Destroy this temple, and I will raise it up again in three days.” – That is the great contrast: on the one hand, the breaking down of the temple and the joy of breaking it down in order to take leave of the earth—and on the other [the perspective] of viewing the structure of the temple as the starting point for all subsequent human salvation. And this is what the expression stands for: “Break down this temple; the impulse is already there to continue working.”
[ 56 ] So müssen wir nicht in abstrakten Begriffen die Impulse schauen, die von dem Christus Jesus ausgehen und die den Wesenskern des Christentums bilden, sondern wir müssen die Begriffe so umformen, dass sie zu Empfindungen und Gefühlen werden. Dann werden wir gerade bei einer Erkenntnis von den wiederholten Erdenleben die ganze Bedeutung dieses Christus-Impulses empfinden. Da werden wir hinschauen auf die menschlichen Erdenleben der Zukunft und werden in Christus den Ausgangspunkt für eine immer höhere und höhere Erfüllung der Bestimmung der Menschheit in der Zukunft sehen.
[ 56 ] Thus, we must not view the impulses that emanate from Christ Jesus—and which form the very essence of Christianity—in abstract terms, but rather we must transform these concepts so that they become sensations and feelings. Then, precisely through an understanding of repeated earthly lives, we will perceive the full significance of this Christ impulse. There we will look toward the human earthly lives of the future and see in Christ the starting point for an ever higher and higher fulfillment of humanity’s destiny in the future.
[ 57 ] Und so können wir sagen: Wir blicken zurück in alte, vorchristliche Zeiten, auf die Weisheit, die am Ausgangspunkt der Menschheit steht, die allmählich aber abgeflutet ist, bis die Menschen nur noch die letzten Reste davon hatten. Dann kam eine Zeit, wo in die Menschheit eingeschlagen hat der größte Impuls, der Christus-Impuls, der ein neuer Ausgangspunkt ist und den Menschen hineinführt in die geistige Welt, der vor die Seele rückt die Möglichkeit zu immer höherem und höherem Hinaufsteigen, zu immer höherem und höherem Leben, bis der Mensch in Bezug auf das Erdendasein so weit ist, dass er zur Höhe alles Erdenseins im Geiste aufsteigen kann. So erfüllt uns nichts so bedeutsam, so tief und kraftvoll wie das, was wir auffassen können als eine Charakteristik der eigentlichen Menschheitsmission innerhalb unseres Erdendaseins. Da steht der Mensch; er sieht sich umgeben von der physisch-sinnlichen Welt, er strebt nach Vollkommenheit, er sieht über sich Ideale, er weiß, dass er dadurch hinaufreicht in eine geistige Welt. Und er weiß, dass aus dieser geistigen Welt in sein Dasein hereinragen die geistigen Kräfte und Wesenheiten. Aber der Mensch kann sich nicht bloß mit abstrakten Begriffen und Idealen hinaufleben in die geistigen Welten, denn wie er als Persönlichkeit hier in der physischen Welt ist, so muss er sich auch als Persönlichkeit hinaufbilden in die geistige Welt. Daher kann nur eine vorbildliche Persönlichkeit ihn dorthin führen – das ist die Christus-Persönlichkeit!
[ 57 ] And so we can say: We look back to ancient, pre-Christian times, to the wisdom that stood at the very beginning of humanity, but which gradually faded away until people were left with only the last remnants of it. Then came a time when humanity was struck by the greatest impulse—the Christ impulse—which is a new starting point and leads people into the spiritual world, presenting the soul with the possibility of ascending ever higher and higher, to ever higher and higher life, until human beings have reached a point in their earthly existence where they can ascend in spirit to the heights of all earthly existence. Thus, nothing fills us as profoundly, deeply, and powerfully as what we can perceive as a defining characteristic of humanity’s true mission within our earthly existence. There stands the human being; he finds himself surrounded by the physical-sensory world, he strives for perfection, he sees ideals above him, and he knows that through them he reaches upward into a spiritual world. And he knows that spiritual forces and beings reach into his existence from this spiritual world. But human beings cannot simply ascend into the spiritual worlds through abstract concepts and ideals alone; for just as they exist as personalities here in the physical world, so too must they develop themselves as personalities in the spiritual world. Therefore, only an exemplary personality can lead them there—and that is the personality of Christ!
[ 58 ] So blickt der Mensch hinauf zu Christus als dem Bringer der geistigen Welt und sagt: Indem ich mein eigenes Selbst zu dir erhebe, indem ich immer mehr erfülle den Ausspruch des Paulus «Christus in mir», ziehe ich herunter aus den geistigen Welten die intimsten und kraftvollsten Impulse, kleide sie in mein menschliches Wesen und übertrage sie in unsere physische Welt, in unsere Sinnenwelt. Ich bin der Vermittler zwischen der Geisteswelt und der Sinnenwelt. Ich trage herein Geistiges in die physische Welt. Ich durchpräge, durchgliedere das Physische mit dem, was aus der geistigen Welt kommt. Der Christus ist mein Helfer, mein Vorbild hierzu, der wahre Christus, der ebenso für den inneren Menschen notwendig ist, wie die äußere Sonne für das sinnliche Auge notwendig ist, und der als historische Wesenheit im Beginn unserer Zeitrechnung auf dem äußeren physischen Plan gewandelt ist.
[ 58 ] Thus, human beings look up to Christ as the bringer of the spiritual world and say: By lifting my own self up to you, by increasingly fulfilling Paul’s saying, “Christ in me,” I draw down from the spiritual worlds the most intimate and powerful impulses, clothe them in my human being, and transmit them into our physical world, into our sensory world. I am the mediator between the spiritual world and the sensory world. I bring the spiritual into the physical world. I imbue and structure the physical with that which comes from the spiritual world. Christ is my helper and my model in this—the true Christ, who is as necessary for the inner human being as the outer sun is for the physical eye, and who, as a historical being, walked upon the outer physical plane at the beginning of our era.
[ 59 ] Wir fühlen dann als Menschen in der Welt: Wir können unsere Mission auf der Erde so andeuten, indem wir sagen, man solle ganz durchdringen mit christlichem Sinn jene Worte, in welche ich zusammenfassen möchte dasjenige, was die Betrachtung heute hat ergeben sollen über die Beziehung des Menschen zur physischen Welt auf der einen und zur geistigen Welt auf der anderen Seite:
[ 59 ] As human beings in the world, we then feel: We can hint at our mission on Earth by saying that one should fully imbue with Christian meaning those words in which I would like to summarize what today’s meditation was intended to reveal regarding humanity’s relationship to the physical world on the one hand and to the spiritual world on the other:
Es drängt sich an den Menschensinn
Aus Weltentiefen rätselvoll
Des Stoffes reiche Fülle.
Es strömt in Seelengründe
Aus Weltenhöhen inhaltvoll
Des Geistes klärend Licht.
Sie finden sich im Menscheninnern
Zu weisheitsvoller Wirklichkeit.
It presses upon human consciousness
From the mysterious depths of the world
The rich abundance of matter.
It flows into the depths of the soul
From the heights of the world, full of meaning
The clarifying light of the spirit.
They are found within the human being
As a reality full of wisdom.
