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The Rudolf Steiner Archive

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Neues Christus-Erleben
GA 69c

18 Februar 1911, Strasburg

8. Der Wesenskern des Christentums

[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Wenn heute auf Theosophie oder Geisteswissenschaft die Rede kommt, dann ist bei vielen unserer Zeitgenossen wohl noch die Meinung, dass diese Weltanschauungsströmung ihre Wurzeln oder Ausgangspunkte habe in irgendwelchen morgenländischen, unserer abendländischen Kultur fremden Vorstellungen oder Geisteserlebnissen. Und an dieses Vorurteil knüpfen vor allem diejenigen an, welche da glauben, in Theosophie oder Geisteswissenschaft etwas sehen zu sollen, was dem Christentum, auch dem tiefer verstandenen Christentum, insofern dieses unsere ganze abendländische Geisteskultur durchlebt, widerstrebt. Wenn eine solche Meinung gehegt wird, dann stützt sich das namentlich darauf, dass innerhalb der theosophischen Weltauffassung dasjenige als eine Grundtatsache hingestellt wird, was man nennen kann die Lehre von den wiederholten Erdenleben oder, wie man auch sagt, die Lehre von der Reinkarnation. Und man ist der Anschauung, dass solch eine Idee, der Mensch habe wiederholte Erdenleben durchzumachen, nur aus dem Buddhismus genommen sein könne oder einer anderen orientalischen Weltanschauung. Nun, wenn man eine solche Voraussetzung macht, dann ist aber die ganze Stellung der Geisteswissenschaft oder Theosophie zu dem Geistesleben unserer Zeit verkannt, denn was ist für den modernen Menschen, oder vielleicht besser gesagt, was kann für die heutigen Verhältnisse diese Vorstellung von den wiederholten Erdenleben sein?

[ 2 ] Es gibt heute ein Wort, das ja allerdings zumeist nur in Anknüpfung an die naturwissenschaftlichen Tatsachen gebraucht wird, das aber eine faszinierende Wirkung hat auf den Gebildeten der Gegenwart — auf denjenigen Menschen der Gegenwart, der glaubt, auf der Höhe unseres Geisteslebens zu stehen –, und das ist das Wort «Entwicklung». Allerdings wendet man dieses Wort heute gewöhnlich bloß noch so an, dass man dabei an eine Entwicklung der äußeren Formen denkt, also der Formen von untergeordneten Lebewesen bis herauf zum Menschen. An die Ausgestaltung dieser Idee der Entwicklung für das menschliche Leben, umfassend das ganze Leben des Menschen, auch das seelische und geistige Leben des Menschen, denkt man heute noch wenig; denn würde man sich einlassen auf die Ausgestaltung der Entwicklungsidee für das gesamte Menschenleben, so würde man nach und nach einsehen müssen, dass dasselbe, was wir im Tierreich die Entwicklung der Art oder der Gattung nennen, beim Menschen sich darstellen muss als die Entwicklung des einzelnen Individuums, der einzelnen Individualität.

[ 3 ] Das heißt aber nichts anderes als: Wenn wir beim Tiere sehen, wie sich die einzelnen Arten auseinanderentwickeln, so müssen wir beim Menschen dem Individuum mit demselben Interesse entgegentreten wie im Tierreich der Gattung, so müssen wir beim Menschen von einer Entwicklung der einzelnen Individualität sprechen. Das wollen wir uns in die Seele schreiben: Beim Menschen bringen wir, wenn wir gesunden Sinn haben, der einzelnen Individualität, dem einzelnen Menschen dasselbe Interesse entgegen, das wir beim Tiere der Art oder Gattung entgegenbringen. Dasselbe Interesse, das wir haben für die Löwenart, [sei es] der Löwen-Großvater, der LöwenVater, der Löwen-Sohn und so weiter, das haben wir beim Menschen für jedes individuelle Menschenwesen. Daher müssen wir uns dieselbe Gesetzmäßigkeit, die wir bei den tierischen Gattungen als Entwicklungsgesetz denken, bei den Menschen für die einzelne Individualität denken.

[ 4 ] Sie sehen also, dass wir auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft sprechen von der Entwicklung der einzelnen Menschenindividualität. Und wir müssen dazu kommen zu sagen: Was beim Menschen mit der Geburt ins Dasein tritt, was sich da nach und nach geheimnisvoll herausgestaltet aus den noch unbestimmten Gesichtszügen, Mienen und Gesten des ersten kindlichen Alters, das ist das Seelisch-Geistige des Menschen, das uns bei jedem Einzelnen als ein Besonderes, ein Individuelles entgegentritt. Das können wir nicht allein zurückführen auf die vererbten Eigenschaften der unmittelbaren Vorfahren, sondern wir müssen uns dieses Verhältnis des Menschenlebens zu seinen Ursachen anders vorstellen als das Verhältnis des Tieres zu seinen Vorfahren. Da verstehen wir alles, was im einzelnen Tiere lebt – die Gestalt, die Physiognomie –, wenn wir die Gattung verstehen. Beim Menschen aber ist das anders.

[ 5 ] Das, was im Menschen lebt, finden wir bei jedem Menschen in besonderer, spezieller Weise. Was sich beim Menschen als gattungsmäßige Merkmale ausgeprägt hat, das führen wir zurück auf die physische Vererbung; das aber, was uns als seine spezielle Wesenheit entgegentritt, das müssen wir zurückführen auf dasjenige, was der Mensch als Ursache zu seinem gegenwärtigen Leben in früheren Leben, in früheren Daseinsstufen durchgemacht hat. Und das, was uns im gegenwärtigen Rahmen seiner Persönlichkeit entgegentritt, das bildet wiederum die Ursache, die Grundlage für sein Wirken in einem späteren Leben. So haben wir eine lebendige Entwicklungskette, die da geht von Leben zu Leben, von Inkarnation zu Inkarnation. Und wir sehen alles, was uns als Charakteristisches am Menschen entgegentritt, so an, dass wir die Notwendigkeit erblicken, es zurückzuführen auf frühere seelisch-geistige Zustände.

[ 6 ] Damit ist Theosophie oder Geisteswissenschaft in der Lage, ein Gesetz auf dem höheren Gebiete des menschlichen Lebens einzufügen, so wie es vor verhältnismäßig kurzer Zeit für das Gebiet des Naturlebens der Menschheitsbildung einverleibt worden ist. Ja, die heutige Menschheit hat ein kurzes Gedächtnis. Es wäre sonst nicht nötig, darauf hinzuweisen, dass noch im siebzehnten Jahrhundert nicht etwa bloß Laien, sondern auch die Gelehrten der Naturwissenschaft angenommen haben, dass niedere Tiere sich aus verfaulendem Flussschlamm herausentwickeln könnten, ohne dass Lebenskeime hineingelegt worden seien. Und es war zuerst der große italienische Naturforscher Francesco Redi, der die gewaltige Umwälzung des naturwissenschaftlichen Denkens hervorgerufen hat, indem er den Satz aufstellte, dass Lebendiges nur von Lebendigem kommen kann.

[ 7 ] Genauso wie dieser Satz innerhalb gewisser Grenzen für das Naturleben gilt, so gilt innerhalb gewisser Grenzen des menschlichen Lebens der andere Satz: Geistig-Seelisches kann nur in Geistig-Seelischem seinen Ursprung haben. – Und es ist nur eine ungenaue Beobachtung, wenn man das, was aus den unbestimmten Untergründen des Bewusstseins eines heranwachsenden Menschen von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr sich herausarbeitet als ein Geistig-Seelisches, zurückführen will auf die bloß physische Vererbungslinie der Vorfahren – es ist eine ebenso ungenaue Beobachtung, wie es eine ungenaue Beobachtung ist, wenn man das, was im Tier lebt, selbst in Regenwürmern, zurückführen will auf die bloßen Gesetze der Stoffe, die den Flussschlamm zusammensetzen, nur weil man den lebendigen Keim nicht beachtet hat. Ungenau beobachtet ist es, wenn man heute bloß von Vererbung der seelischen und moralischen Fähigkeiten spricht, weil man den seelisch-geistigen Kern nicht beachtet, der sich geradeso dasjenige einfügt, was er sich von den vererbten Merkmalen aneignen kann – so wie der lebendige Keim des Lebewesens sich jenen Stoff aneignet, in den dieser Keim eingebettet ist.

[ 8 ] Solchen Wahrheiten ergeht es ja im Laufe der Menschheitsentwicklung immer in ziemlich gleicher Weise. Dazumal hat Francesco Redi nur mit Mühe dem Schicksal des Giordano Bruno entgehen können. Heute wird jeder, vom Haeckelianer bis zu den radikalsten Gegnern Haeckels, diesen Satz als selbstverständlich anerkennen, allerdings nur innerhalb der Grenzen der äußeren Natur, insoweit er die Leiblichkeit betrifft. Damals aber war der Satz «Lebendiges kann nur von Lebendigem stammen» eine gewaltige Ketzerei. Heute verbrennt man allerdings die Ketzer nicht mehr. Aber wenn man auf dem festen Boden der heutigen naturwissenschaftlichen Tatsachen steht – während man in Wirklichkeit ja nur auf dem Boden seiner vorgefassten Meinungen, der Zeitvorurteile steht —, betrachtet man heute das Gesetz von den wiederholten Erdenleben, das für die höheren Gebiete des geistigen Daseins dasselbe ist wie der Satz Redis, dass Lebendiges nur von Lebendigem kommen kann, als eine Ketzerei, als Phantasterei, als hellen Wahnsinn. Aber die Zeit ist nicht fern, wo man von diesem Gesetz ebenso sagen wird: Es ist eigentlich unbegreiflich, dass jemals ein Mensch anders gedacht haben kann.

[ 9 ] Woher stammt also dieses Gesetz von den wiederholten Erdenleben? Brauchen wir dazu [auf] irgendeine orientalische Weltanschauung [zurückzugehen], muss dieses Gesetz dem Buddhismus entlehnt sein? – Nein, um das Gesetz der wiederholten Erdenleben der modernen europäischen Kultur einzufügen, dazu gehört nur der unbefangene geistesforscherische Blick, der die Tatsachen überschaut. Und das, was dieser Blick erschaut, hat nichts mit irgendwelcher Überlieferung zu tun. Wie irgendein anderes wissenschaftliches Gesetz, so wird auch dieses aufgenommen werden von der modernen Geistesbildung, weil sie aus der Entwicklungsidee heraus selber notwendig zu diesem Gesetze hindrängt.

[ 10 ] Wer aber behaupten wollte, dass dadurch unserer abendländischen Geistesentwicklung irgendetwas eingefügt werden könnte, was dem Christentum zuwiderliefe, der beachtet nicht, wie dieses gesamte abendländische Geistesleben durchdrungen ist von dem lebendigen Weben und Wesen der christlichen Empfindung, des christlichen Fühlens. Ja, das geht so weit – wenn man nur seelisch zu beobachten versteht –, dass die Art und Weise des Denkens, die Vorstellungsformen sogar derjenigen, die heute sich als die ärgsten Gegner des Christentums gebärden, ganz und gar nur durch die Erziehung der abendländischen Menschheit möglich geworden sind, welche sie durch das Christentum erhalten hat. Wer unbefangen beobachten kann und will, der wird finden, dass selbst die radikalsten Gegner das Christentum mit Vorstellungen bekämpfen, die aus dem Christentum selber entlehnt sind.

[ 11 ] Aber es gibt einen radikalen Unterschied zwischen dem christlichen Wesen und demjenigen, was wir als das vorchristliche Wesen bezeichnen können – einen Unterschied, der nur nicht sofort bemerkbar ist, weil alles in der menschlichen Entwicklung langsam und allmählich geht und immer das Frühere in das Spätere übergreift. Es gibt in der vorchristlichen Weltanschauung etwas vom Christlichen radikal Verschiedenes, was sich unter den orientalischen Weltanschauungen, auch in ihrer modernsten Ausprägung, im Buddhismus zum Beispiel, finden und beobachten lässt. Erblicken können wir diesen Grundunterschied zwischen dem Wesenskern des Christentums und jener Ausgestaltung, die orientalisches Fühlen und Denken im Buddhismus gefunden hat, wenn wir nur schon weniges von ihm betrachten.

[ 12 ] Zu diesem Zwecke brauchen wir vor unsere Seele nur ein Gespräch hinzustellen, das in der buddhistischen Literatur zu finden ist und das tief herausgeholt ist aus buddhistischem Fühlen und Denken. Man kann aus der Verfolgung solcher Darstellungen viel genauer den Wesenskern irgendeiner Weltanschauung erkennen als aus der Betrachtung ihrer höchsten Lehrsätze und Dogmen. Denn man kann im Grunde lange darüber streiten, ob dieses oder jenes unter Nirwana oder unter der christlichen Seligkeit zu verstehen ist. Wie aber das, was in buddhistischer und in christlicher Vorstellungsart lebt, in die Gefühle der Menschen sich hineinarbeitet und wie dadurch dann diese Gefühle zu der gesamten Welt stehen – der physischen und der geistigen Welt –, das ist maßgebend für den Wert, die Bedeutung und das Wesen einer Weltanschauung und für ihre Wirkung auf die Menschenseelen.

[ 13 ] Da ist uns in der buddhistischen Literatur jenes merkwürdige Gespräch zwischen dem sagenhaften König Milinda und dem Weisen Nagasena aufbewahrt. In diesem Gespräch heißt es: Der König Milinda kam zu Wagen zu dem Weisen Nagasena und wollte unterwiesen werden in Bezug auf die Natur der menschlichen Seele. Da fragte der Weise den König: Sage mir, bist du mit dem Wagen gekommen oder zu Fuß? – Mit dem Wagen, antwortete der König. – Nun sage mir einmal, wenn du den Wagen vor dir hast, was hast du da vor dir? Du hast die Deichsel, den Wagenkasten, die Räder vor dir. Ist nun die Deichsel der Wagen? Ist der Wagenkasten der Wagen? Sind die Räder der Wagen? Nein! Ist das alles, was du vor dir hast? Wohl noch den Wagensitz! Und was hast du außerdem noch vor dir? Nichts! Der Wagen ist also nur ein Name oder eine Form, denn die Realitäten, die da vor dir sind, das sind ja der Kasten, die Deichsel, die Räder und der Sitz. Das, was außerdem noch da ist, das ist nur Name und Form. – So wie nun nur ein Name oder eine Form [die einzelnen Teile] zusammenhält – Räder, Deichsel, Wagenkasten und Sitz –, so hält auch die einzelnen Fähigkeiten, Gefühle, Gedanken und Empfindungen der Seele des Menschen nicht irgendetwas zusammen, das bezeichnet werden kann als eine besondere Realität, sondern auch nur ein Name oder eine Form. So kann man also sagen – im richtigen Sinne buddhistisch gefühlt: Ein zentrales Wesen im Menschen, welches die einzelnen menschlichen Seelenfähigkeiten zusammenhält, kann nicht gefunden werden, ebenso wenig wie außer der Deichsel, dem Wagenkasten, dem Sitz und den Rädern am Wagen noch etwas anderes als Name und Form gefunden werden kann.

[ 14 ] Und noch durch ein anderes Gleichnis machte der Weise [dem König] das Wesen der Seele klar, indem er sagte: Betrachte die Mangofrucht – sie kommt vom Mangobaum. Du weißt: Nun ist der Mangobaum nur dadurch da, dass vorher eine andere Mangofrucht da war, aus der er entstanden ist. Die Mangopflanze stammt also aus der Mangofrucht, die aber in der Erde verfault ist. Was kannst du sagen von der Mangofrucht? Sie stammt aus dem verfaulten Samen. Verfolge nun den Weg von der alten Frucht zu der neuen Mangopflanze. Was hat die neue mit der alten Pflanze anderes gemein als nur den Namen oder die Form? — Ebenso, sagte der Weise Nagasena zu dem König Milinda, ist es aber auch mit dem Seelendasein. [Es war ebenfalls nur dem Namen nach schon da!] – Es war ein Erfahrungsgesetz ja auch des Buddhismus, dass der Mensch wiederholte Erdenleben durchmacht. Aber dieses Gesetz veranlasste das eigentliche, zentrale buddhistische Empfinden nicht dazu, in dem, was von einem Leben zum anderen hinübergeht, etwas anderes zu suchen und zu sehen als Name und Form, so wie bei der Mangofrucht, wo von der einen auf die andere nichts übergeht als Name und Form. So können wir nach buddhistischer Auffassung in dem, was wir in einem Leben unser Schicksal nennen – unsere Fähigkeiten, Talente und so weiter –, die Wirkungen von früheren Leben sehen. Aber kein zentrales Seelenwesen geht von dem früheren zu dem neuen Leben hinüber, sondern es leben sich nur Ursachen in Wirkungen aus, und was wir in einem Leben gemein haben mit einem früheren Leben – außer dem, was wir als unser Schicksal im neuen Leben empfinden –, das ist nur Name und Form. Man muss das durchfühlen, was da im Buddhismus eigentlich vorliegt.

[ 15 ] Und nun könnten wir – um sachgemäß zu bleiben dasjenige, was uns in dieser Erzählung als richtiges buddhistisches Empfinden entgegentritt, übersetzen, indem wir das Ganze ins Christliche übertragen. Wie müssten die beiden Erzählungen im christlichen Sinne lauten? Es gibt sie nicht, aber wir wollen versuchen, sie einmal zu übersetzen und dadurch den Unterschied so recht deutlich zu machen.

[ 16 ] Ein christlicher Weiser würde etwa sagen: Sieh dir einmal den Wagen an – wenn du ihn anschaust, so hast du Deichsel, Wagenkasten und Räder und was du sonst noch äußerlich siehst. Der Wagen scheint dir bloß Name und Form zu sein, aber versuche einmal, ob du fahren kannst auf einem Namen oder einer Form; darauf lässt sich doch nicht durch die Welt kutschieren. – Trotzdem für das Sichtbare nur Name und Form da ist, ist also außer Wagenkasten, Deichsel und Rädern und so weiter doch noch etwas da, was eine Realität bedeutet, wenn ein Wagen vor uns steht und nicht bloß seine Teile. Wie gesagt, es gibt eine solche christliche Legende nicht, aber es fühlte ein christlich empfindender Mensch das nach, als er das Wort prägte von den Teilen, die der naturwissenschaftlich Denkende oftmals in der Hand hat, für die ihm aber der Zusammenhang fehlt, wenn er sagte:

Dann hat er die Teile in seiner Hand,
Fehlt, leider! nur das geistige Band.

[ 17 ] Goethe, der das Wort prägte, wusste, dass es sich um eine Realität handelte bei dem geistigen Band.

[ 18 ] Und nun das zweite Gleichnis: Stelle dir die Mangofrucht vor, die da oben am Baume hängt, und jene, die unten verfault ist. Nicht nur Name und Form haben sie gemeinsam. Name und Form leben zwar in der gleichen Art in der alten wie in der neuen Frucht, aber dasjenige, was macht, dass diese Mangofrucht als Realität dasselbe ist wie die andere, die unten verfault ist, das liegt in Kräften, in Elementen, die übersinnlich sind und die übergehen aus der ersten Mangofrucht in die zweite.

[ 19 ] So sehen wir in dem, was der Mensch seelisch durchlebt von Leben zu Leben, ein zentrales Ich wirksam, ein zentrales Seelenwesen. Und wenn wir den Menschen in einem späteren Leben vor uns haben, so ist das, was er als Schicksal erlebt, was er an Fähigkeiten und Talenten und so weiter besitzt, nicht allein die Wirkung der Ursachen von früheren Leben, sondern es gibt ein zentrales, zusammenhaltendes Wesen, das von der früheren in die neue Verkörperung herübergeht.

[ 20 ] So sehen wir, wie der Gedanke der wiederholten Erdenleben – Wiederverkörperung oder Reinkarnation — durch den christlichen Grundgedanken belebt werden muss. Wer das Christentum ernst nimmt, hat keine Angst, dass die Grundfesten des Christentums wanken könnten, wenn neue Wahrheiten im Gesichtskreis der Menschen auftauchen. Das Christentum ist so stark, indem es Empfindungen geben kann wie die eben charakterisierten, dass es — wie alle anderen Wahrheiten – eben auch die Wahrheit von den wiederholten Erdenleben vertragen kann, ja, sie sogar willig annehmen kann, wenn das menschliche Denken so weit sein wird, dass dieses Gesetz ihm eingeprägt werden kann. Dann aber wird sich geltend machen der Grundimpuls des Christentums: die Realität des Seelisch-Geistigen, das durchgeht durch die verschiedenen Erdenleben als ein zentraler Kern.

[ 21 ] Damit haben wir einen solchen Gegensatz dargestellt, der uns den Grundunterschied zwischen Buddhismus und Christentum klarmachen kann. Wir müssen dabei beide Weltanschauungen in ihren Grundempfindungen [und nicht in ihren Dogmen] fassen, denn über Dogmenvorstellungen und -ideen könnte man nicht tagelang, sondern monatelang, jahrelang streiten. Ob etwa Nirwana dasselbe ist wie die christliche Seligkeit – darüber könnte man endlos streiten und sich in logischen und dialektischen Spitzfindigkeiten ergehen. Aber es kann sich nie darum handeln, in Diskussionen einzutreten über die höchsten Begriffe, sondern es handelt sich darum, wie sich in die Seelen, in die Herzen, in die Lebenshoffnungen und Lebenssicherheiten hineinfügen die religiösen oder sonstigen Weltanschauungsimpulse. In anderer, [noch deutlicherer] Weise tritt uns dasselbe entgegen, wenn wir gleich den Grundimpuls auf uns wirken lassen, der den großen Buddha beseelte. Absichtlich sage ich «der große Buddha», denn als eine große, hehre Gestalt erscheint dieser Buddha demjenigen, der einzudringen vermag in das, was wie die letzte Abendröte des gesamten vorchristlichen Denkens der Buddha als eine Weltanschauung hervorgebracht hat.

[ 22 ] Als der größte Impuls, der auf den großen Buddha gewirkt hat, erscheint uns ganz richtig, was die Legende in folgende Worte kleidet: Da wird uns gesagt – und die Legende sagt es uns wahrer als irgendeine äußere Historie —, der Buddha hätte sein Leben durch die Sorgsamkeit seiner Eltern zunächst so verbracht, dass er nur das Freudige, nicht aber die Leiden des Lebens kennengelernt hätte. Einmal aber wurde er hinausgeführt aus dem Schlosse seiner Eltern, und da sah er das Leben in seiner [vollen] Wirklichkeit. Da sah er einen Kranken. Jetzt erst lernte er kennen, dass das Leben nicht bloß strotzende Gesundheit zutage treten lässt, jetzt lernte er kennen, dass dasselbe, was die strotzende Gesundheit ins Leben ruft, auch die Krankheit ins Leben hereinstellt. Er lernte daran die Bedeutung des Leidens für das Leben. Und er lernte durch weitere Beispiele, die ihm im Leben entgegentraten, die Bedeutung des Leidens. Er sah einen Greis und er sagte sich: Alter ist Leiden – wie er sich zuerst gesagt hatte: Krankheit ist Leiden. – Und endlich, als ihm ein Leichnam gezeigt wurde, sagte er sich angesichts dem Ende des Lebens: Der Tod ist Leiden.

[ 23 ] Und in weiterer Ausbildung dieses Impulses sehen wir, wie Buddha Leiden erkannte in dem Ins-Dasein-Treten. Er sagte: Geburt ist Leiden, Krankheit ist Leiden, Alter ist Leiden, Tod ist Leiden. Getrennt-Sein von dem, was man liebt, ist Leiden, Vereint-Sein mit dem, was man nicht liebt, ist Leiden, Nicht-erreichen-Können desjenigen, was man begehrt, ist Leiden. – Und daraus ergab sich für den großen Buddha das Wesen seiner Erlösungslehre.

[ 24 ] Eine Erlösungslehre ist der Buddhismus, indem er sagt: Der Drang zum Dasein, der Durst nach Dasein ist es, der dasjenige, was besser ist als diese Welt, in die Welt hereinführt. Einzig und allein durch die Erlösung von dieser Welt kann der Mensch eingehen in reale höhere Daseinszustände. Das kann er aber nur erreichen, indem er den Durst nach Dasein, der ihn hereinführt in die irdische Verkörperung, bekämpft. Fassen wir die Sachen nicht bloß theoretisch, sondern empfindungsgemäß; sehen wir den großen Buddha mit diesem großen, weiten Herzen voll von Liebe, das er hatte, fassen wir ihn, wie er gegenübersteht einem Leichnam, der ihm das Ende des Lebens darstellt, und er sich sagt: Tod ist Leiden. – Ein Leichnam wird für den großen Buddha in der Abendröte der alten vorchristlichen Weltanschauungsentwicklung das Symbolum für das Leiden, das Symbolum dafür, dass dieser Durst nach dem irdischen Leben zu bekämpfen ist. Abwenden lehrt er des Menschen Sinn von diesem irdischen Leben; aufsteigen lehrt er ihn zu dem, was ihm dann als Nirwana winkt.

[ 25 ] Und jetzt gehen wir einmal 600 Jahre weiter und wiederum 600 Jahre weiter und sehen dann die Lebensauffassung der Menschheit noch einmal an. 600 Jahre vor unserer Zeitrechnung haben wir das Wirken des großen Buddha in Indien. Dann, 600 Jahre nach unserer Zeitrechnung, haben wir es nicht mehr mit dem Buddha zu tun, sondern mit einfachen, naiven Gemütern. Wie Buddha richten sie ihr Auge auf einen Leichnam – nach dem Leichnam des am Kreuz gestorbenen Christus Jesus, der ihnen das Mysterium von Golgatha repräsentiert. Was ist dieser Leichnam 600 Jahre nach der Begründung des Christentums für diese einfachen Menschen? Dasselbe, was einst für den Buddha das Symbolum einer Erlösungsreligion war, ist für diese einfachen Naturen, die den christlichen Impuls 1200 Jahre nach Buddha empfangen hatten, jetzt nicht etwa das Symbolum einer Erlösungsreligion, die sich von allem Irdischen abwendet, sondern das Symbolum einer Auferstehungsreligion, denn da senkt sich in die Menschenherzen und Menschenseelen beim Anblick dieses Leichnams die Gewissheit, dass alles Leid und aller Tod der Durchgang ist zum Sieg des Geistes über alles Physische, zur Befreiung vom Tode.

[ 26 ] Es gab keinen größeren, keinen einschneidenderen Impuls als eben den Christus-Impuls, der zwischen den zwei Zeitepochen in die Menschheitsentwicklung hineingekommen ist: zwischen jener Epoche, da selbst der große Buddha hinblicken konnte auf einen Leichnam und dabei nur den Gedanken der Erlösung vom Leibe finden konnte, und jener Epoche, da man wiederum hinblicken konnte auf einen Leichnam, nun aber in diesem Leichnam ein Symbolum dafür sah, dass das Höchste und Beste, das Wertvollste, das im Menscheninnern lebt, immerdar der Sieger sein wird über das Physische, immerdar auferstehen, sich erheben wird über das Physische. So muss man den Impuls kennzeichnen, denn dadurch allein rückt man empfindungsgemäß, wie es sein soll, und nicht durch theoretische Ideen an den Impuls des Christentums heran. Und wenn wir nun diesen Impuls des Christentums im richtigen Sinn erfassen wollen, so können wir das noch durch etwas anderes tun.

[ 27 ] Im Grunde genommen kennen die vorchristlichen Religionen etwas nicht, was erst durch das Christentum in vollem Glanze in die Weltanschauung der Menschheit hereingetreten ist. Wir können auch hier wiederum auf den Buddhismus hinblicken. Wenn wir ihn prüfen und verstehen, so finden wir, dass er als einen der höchsten Begriffe vom Menschenwesen herauskristallisiert hat den Begriff des Bodhisattva. Was ist das, ein Bodhisattva? Nun, will man diesen Begriff des Bodhisattva erfassen, in welchem der Buddhismus einen der höchsten Führer im geistigen Leben der Menschheit sieht, so muss man allerdings etwas zurückblicken auf die Entwicklungsgeschichte des menschlichen Geistes- und Seelenlebens. Da muss man sich klar sein darüber, dass so, wie wir heute leben in Bezug auf unsere Seelenverfassung, dieser Zustand, den wir in uns tragen, auch einer Entwicklung unterworfen ist. Die Art und Weise, wie wir heute die Dinge unserer Umgebung sehen und wie wir mit unserem Verstande die Sinneseindrücke kombinieren – das ist unser heutiger Seelenzustand –, diese Seelenart hat sich nach und nach langsam entwickelt. Und wer auch noch nicht mit den Mitteln der Geisteswissenschaft, sondern nur denkend in die Kulturentwicklung der Menschheit zurückblickt, der wird gewahr werden, wie in früheren Zeiten ein ganz anderer Zustand der menschlichen Seelenverfassung da war.

[ 28 ] Nun, ich möchte zuerst charakterisieren, wie die Geistesforschung diesen früheren Zustand aufzufassen hat. Da blicken wir zurück in [ur]alte Zeiten, in die Zeiten vorgeschichtlicher Menschheitsentwicklung – in Zeiten, zu denen keine geschichtlichen Urkunden zurückführen. Da sah der Mensch die Welt nicht so an wie heute, zum Beispiel in der Wissenschaft; in jenen Zeiten war noch vorhanden eine Art von hellseherischem Seelenzustand. Es ärgert die Menschen heute, wenn von hellseherischen Seelenzuständen gesprochen wird, und vielleicht mit Recht, denn das Wort wird ja heute vielmals missbraucht, und es wird oft darunter etwas höchst Abergläubisches verstanden. Was aber wirklich darunter zu verstehen ist, das ist von demjenigen Seelenzustand, den wir heute haben vom Aufwachen bis zum Einschlafen, und dem Zustand der Bewusstlosigkeit während des Schlafes etwas ganz Verschiedenes. Neben diesen zwei Bewusstseinszuständen gab es in alten Zeiten noch einen dritten, einen Zwischenzustand zwischen Wachen und Schlafen. Von diesem dritten Zustand ist der heutigen Menschheit nichts anderes zurückgeblieben als das, was wir als eine Art von Atavismus bezeichnen müssen, nämlich der Traumzustand. Nur das Bildhafte, das Sinnbildliche hatte das alte Hellsehen mit dem heutigen Traumbewusstsein gemein, aber während heute die Traumbilder meist zerrissen, chaotisch auftreten, konnte [in früheren Zeiten] der Inhalt des hellseherisch Wahrgenommenen auf geistige Realitäten bezogen werden, die hinter unserer sinnlichen Welt liegen, sodass wir sagen können: In einem Zwischenzustand von Wachen und Schlafen war für den Menschen alter Zeiten die geistige Welt unmittelbare Anschauung, unmittelbare Erfahrung. Der Mensch sah hinein in die geistige Wirklichkeit. Und darin liegt der Sinn der menschlichen Entwicklung, dass der Mensch herabgestiegen ist von jenem Zustand zu unserem heutigen Bewusstsein, wo wir durch die Hingabe des alten Hellsehens die Möglichkeit erkauft haben, mit unseren Verstandesbegriffen, mit unseren Vorstellungen die Welt zu erfassen.

[ 29 ] Die Entwicklung geht aber weiter, und in der Zukunft wird sich dieses heutige Bewusstsein wiederum vereinen mit dem alten Hellseherbewusstsein. Wie heute schon einzelne Menschen eine Seelenentwicklung durchmachen, durch welche sie zu dem äußeren Gegenstandsbewusstsein hinzu ein hellseherisches Bewusstsein entwickeln, so wird später die ganze Menschheit zu einem Intellekt gelangen, der zu gleicher Zeit als hellseherisches Bewusstsein wirkt. Man kann also sagen, dass die Menschen, die da lebten in alten, sehr alten Kulturen, immer noch zurückschauen konnten auf eine Zeit der Menschheitsentwicklung, in welcher ihre Vorväter ein Wissen hatten, das der unmittelbaren Beobachtung der göttlich-geistigen Welt entstammte. Und in jenen ältesten Zeiten waren die Führer in Bezug auf solches Wissen diejenigen Menschen, die man im Sinne des Buddhismus die ersten Bodhisattvas nennt. Dann nahmen die hellseherischen Kräfte der Menschen immer mehr ab. Und diejenigen Völker, die das Abnehmen dieser Fähigkeiten besonders spürten, wie das der Fall war bei den Bewohnern des alten Indien, die nahmen dieses Rückblicken auf den Menschenursprung aus dem Geistigen heraus in ihr Fühlen auf, und sie sagten: In der Art, wie wir die Welt jetzt ansehen mit unserem gewöhnlichen Tagesbewusstsein, leben wir im Grunde genommen nicht so, wie es dem innersten Wesenskern entspricht.

[ 30 ] Der Mensch früherer Zeiten konnte zurückschauen in die geistige Welt, der wir eigentlich angehören; heute aber kann das nur ein solcher, der eine besondere Geistesentwicklung durchmacht. Die Angehörigen des urindischen Volkes sahen hinter der physischen Welt die alte, geistige Heimat des Menschen, die früher wohl hat geschaut werden können, die aber jetzt nicht mehr geschaut werden kann. Das empfanden sie so, dass sie sagten: Alles, was das heutige Bewusstsein erschaut, ist Maya, die große Illusion, die große Täuschung; dahinter ist das, was die Altvorderen geschaut haben, was unsere Seelen selber in früheren Leibern geschaut haben. Und das, was unsere Väter uns in den Lehren aus Urzeiten überliefert haben, das enthält die Wahrheit über die geistige Heimat des Menschen. – Und so strebte der alte Inder hinaus aus der Maya, der großen Täuschung, hinauf in die geistige Heimat, zu dem Geiste, dem der Mensch sich verbunden fühlte, wenn er sich in seiner Seele sagte: Das in mir lebende Geistige ist eins mit dem Geistigen, das die Welt durchlebt und durchwebt als Brahman.

[ 31 ] Das war die Stimmung im alten Indien, aber es ist der Menschheit immerdar ein Nachklang der alten Urweisheit geblieben, und das kommt in Betracht. Wenn man nur die äußeren Nachrichten betrachtet, so kommt man darauf, dass das, was die Menschen in vorchristlichen Zeiten als Religionen gehabt haben, zurückgeht auf dasjenige, was die Menschen besessen haben als Urweisheit, die aus dem [alten] Hellsehen stammt. Und man sieht auch, dass seit jenen Zeiten von Zeitalter zu Zeitalter immer neue große Führer der Menschheit auftreten müssen, welche in sich, in ihrer Seele den Inhalt der alten Weisheit und Wahrheit haben, die sie beherrschen. So lebt die alte Weisheit weiter in den Führern und Lehrern der Menschen, den Bodhisattvas. Und im Sinne des Buddhismus würde man Buddha selber, Zarathustra, Hermes, Orpheus und andere als solche Bodhisattvas anzusehen haben. Sie waren eingeweiht in die Urweisheit, die sie als Wahrheit in sich hatten, und das bedeutete, dass ihre Seelen Zusammenhang hatten mit den geistigen Welten. So sieht der Buddhismus hinauf zu den großen Führern, welche von Epoche zu Epoche die alte Weisheit fortpflanzten, denn «Weisheit», «Wahrheit» bedeutet etwa das Wort «Bodhisattva».

[ 32 ] Die Bodhisattva-Würde wird dadurch erreicht, dass der Mensch sich nach und nach so weit hinaufentwickelt, dass seine Seele die Weisheit aufnehmen kann, die die geistige Heimat des Menschen charakterisiert. Wenn dann der Mensch von Verkörperung zu Verkörperung so weit gelangt ist, dass er ein Bodhisattva geworden ist, dann ist seine nächste Stufe – die höhere Rangordnung gleichsam, die er erlangen kann – die Buddha-Stufe; man wird vom Bodhisattva zum Buddha. Aber der Buddha ist nun nicht mehr berufen, wieder herunterzusteigen zur Erde, sondern er ist, nachdem er ein Buddha geworden ist, da angelangt, wo der Durst nach dem Leben im Leibe erlischt, wo Erlösung eintritt, wo er fortan nicht mehr mit der physischen Welt verbunden bleibt, wo er nicht mehr weiter in ihr lebt. So erkennt die sozusagen letzte Ausgestaltung der vorchristlichen Weltanschauung in dem Bodhisattva denjenigen Menschen, der an der Grenze dessen steht, was noch mit dem Erdensein verbunden bleibt. In dem Augenblick, wo der Mensch noch eine Stufe höher steigt, braucht er nicht mehr mit der Erde verbunden zu bleiben. Diese Weltanschauung kennt aber noch nicht im wahrhaften Sinne den Christus-Begriff. Worin besteht nun der Christus-Begriff?

[ 33 ] Der Christus-Begriff liegt über dem Bodhisattva- und über dem Buddha-Begriff. Wir kommen zu dem ChristusBegriff nur, wenn wir zunächst unseren geistigen Blick wenden zu einem inneren Erlebnis der Menschenseele, zu einem Erlebnis, das uns angedeutet ist in den christlichen Evangelien und das wir die innere Auferstehung oder auch die Wiedergeburt nennen können. Gewöhnlich wird unter dieser inneren Wiedergeburt etwas ganz Abstraktes vorgestellt. Wir brauchen uns aber nur einiges aus dem menschlichen Seelenleben vor Augen zu halten, und wir werden einsehen können, wie unter diesem inneren Wiedergeboren-Werden etwas ganz Konkretes zu verstehen ist. Wir brauchen uns nur im Einzelnen dasjenige vorzuhalten, was Grundelement des menschlichen Seelenlebens ist. Da tritt uns der Mensch zunächst im äußeren Leben entgegen mit seinen Empfindungen, Gefühlen, Affekten und Willensimpulsen; wir sehen da, wie er sich aus dieser Seele, die in Trieben, Leidenschaften und anderen Impulsen lebt, seine Vorstellungen über die Umwelt verschafft, wie er immer mehr zu geläuterten und wahreren Begriffen aufsteigen kann, immer weiter und weiter. Wer würde es nicht zugeben, dass der Mensch in sich fühlt den Trieb und Drang zu immer weitergehender Vervollkommnung? Man braucht nur die Forderungen aller edlen Idealisten der Menschheit sich vorzustellen, und man muss sich sagen: Diese Forderungen stellen hohe Ideale hin, und die Menschen leben sie auch aus in methodischen Taten edlen menschlichen Mitleids und so weiter. Daher muss man sagen: Der Mensch kann gewissermaßen über sich selbst hinauswachsen.

[ 34 ] Es liegt da ein Faktum des menschlichen Seelenlebens vor, das durchaus nicht immer — im menschlichen Sinne betrachtet – nur abstrakt genannt werden darf. Man gibt das auch zu, indem man sagt: In uns lebt etwas wie ein zweites Ich, ein höheres Selbst, zu dem man hinaufwachsen kann über das niedere alltägliche Selbst hinaus. Abstrakt gibt man das zuweilen zu, dass das Wort Goethes richtig ist:

Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,
Befreit der Mensch sich, der sich überwindet.

[ 35 ] Aber man stellt sich unter diesem höheren Selbst doch meist etwas Blutloses, Farbloses vor, etwas, das für die meisten Menschen nicht unmittelbar dieselbe Realität hat wie diejenigen Äußerungen der menschlichen Wesenheit, die geknüpft sind an den Menschen, wie er uns unmittelbar im Leben entgegentritt. Da tritt er uns entgegen mit all seinen Affekten, Impulsen, mit all dem, was er als natürliches Wesen tut, mit seinem Blut, mit dem Ganzen, was als Kraft sein Leibliches durchpulst, mit all dem, was die Natur in ihn gelegt hat als Persönlichkeit. Wenn wir das alles zusammenfassen wollen, können wir sagen: So wie der Mensch als natürliches Wesen uns entgegentritt, so ist er mit den Kräften ausgestattet, die die ganze Welt durchdringen. Wie er uns da als Persönlichkeit entgegentritt, so ist er durch die Kräfte der Welt geworden.

[ 36 ] Wie farblos, wie abstrakt nimmt sich dagegen dasjenige aus, was die Menschen oftmals als den Inhalt der höheren Impulse haben. Und wie konkret nimmt es sich aus, wenn der Mensch in Jähzorn gerät aus seinem Blute heraus. Wenn man dagegen ein Ideal aufstellt von dem höheren Selbst, dann bleibt das meist recht abstrakt – so farblos und blutleer, dass es uns ganz schwindsüchtig erscheint. Als schwindsüchtiges Ideal könnte man zum Beispiel das bezeichnen, was Kant den «kategorischen Imperativ» nennt. Ein blutleerer Idealismus! Nun brauchen wir gegen das, was uns so oft wie blutleere Abstraktionen entgegentritt, uns nur ein Wort aus der Entwicklung der christlichen Impulse heraus vorzuhalten, das wirksam ist, das Wort des Paulus:

Nicht ich, sondern der Christus in mir.

[ 37 ] Damit haben wir dasjenige erwähnt, was im tiefsten Sinne den Wesenskern des Christentums zu bezeichnen in der Lage ist.

[ 38 ] Wir haben den Menschen als natürliche Persönlichkeit vor uns; wir sehen, wie er mit seinen Affekten, seinen Leidenschaften dasteht als ein Zusammenfluss all der Kräfte, die die ganze Welt durchleben und durchweben. Er steht da, zu einer kleinen Welt zusammengefügt, wie ein Mikrokosmos in der großen Welt, im Makrokosmos. Und jetzt sehen wir, wie dieser Mensch sich durchseelt mit dem Streben nach Vollkommenheit, wie er in sich etwas erleben will, wie es in dem genannten Ausspruch Goethes ausgedrückt ist:

Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,
Befreit der Mensch sich, der sich überwindet.

[ 39 ] Was sich uns da zunächst als natürliche Persönlichkeit zeigt, die zusammengefügt ist wie ein Mikrokosmos aus den Kräften der Welt, das strebt nun über sich selbst hinaus in Begriffen und Ideen, die zunächst in abstrakten Idealen erscheinen können als des Menschen besseres Selbst. Dann können wir uns aber vorstellen, dass jetzt diese abstrakten Ideale, diese höheren Weistümer, die höchsten Ideale, die der Mensch nur dadurch haben kann, dass er sich über sein natürliches Dasein erhebt, dieses höhere Selbst nun ebenso durchdringen, ebenso ein Ausdruck dessen werden, was die Welt geistig, als Geistiges, als Weltmoralisches durchlebt und durchwebt, wie das Physisch-Sinnliche der Persönlichkeit ein Ausdruck des ganzen Makrokosmos ist.

[ 40 ] Wenn gleichsam blitzartig da hereinschlägt in die höchsten Ideale des Menschen ein Weltensein, ein Weltenwesen, welches ebenso real im Geistig-Übersinnlichen gedacht wird wie die äußeren Weltenkräfte real gedacht werden, die, vom Makrokosmos hereinwirkend, die menschliche natürliche Persönlichkeit zusammengefügt haben als einen Mikrokosmos, dann haben wir den Menschen, der sich frei macht – den Menschen, der sich auf diese Art über sich selbst erhebt, der jetzt in seinem höheren Selbst lebt, das sonst [bloß] Abstraktion bleibt, in unausgefüllten, blutleeren Begriffen besteht, die nicht mit Unmittelbarkeit, mit unmittelbarer Gewalt wirken. Nun wirkt der höhere Impuls, der in diesen Menschen eingeschlagen hat; ein Geistiges [lebt] in ihm, das zu [sJeiner höheren Persönlichkeit wird. Jetzt hat er nicht nur abstrakte Ideale, höchste moralische Ideen in sich, jetzt trägt er eine zweite, eine geistige Persönlichkeit in sich. Jetzt ist dasjenige, zu dem er sich als zu einem Höchsten erheben kann, ebenso von geistiger Persönlichkeit durchsetzt, wie früher der natürliche Mensch von abstrakten Idealen durchsetzt war.

[ 41 ] Wenn wir empfinden, dass das eintreten kann im Menschen, dann verstehen wir das Wort des Paulus: «Nicht ich, sondern der Christus in mir.» Dieser Christus in mir kann alles das durchsetzen und durchdringen, was sonst Abstraktion eines höheren Selbstes ist und bleibt. So steigen wir durch Christus zu einer höheren Persönlichkeit auf. Während die Bodhisattvas diejenigen lehrenden Führer des Menschen sind, die ihn zur unpersönlichen höheren Weisheit leiten, zu abstrakten Begriffen und Ideen, leitet der Christus-Impuls den Menschen nicht bloß zu einer unpersönlichen Weisheit, sondern zu einer höheren Persönlichkeit in sich selbst. Dieser Begriff aber ist überhaupt erst durch die Begründung des Christentums in die Welt gekommen. Alles, was in der Welt geschieht, hat seine Ursachen. Und wenn der Mensch heute durch solch eine Entwicklung, wie sie angedeutet ist in der Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», zu einem geistigen Schauen, zum geistigen Hellsehen sich erhebt, dann hat er diese höhere Persönlichkeit unmittelbar als eine Realität vor sich, wie einen neuen Menschen im Menschen – den Christus in uns selber.

[ 42 ] Nun aber kommt über den wirklichen Hellseher ein Augenblick, in dem sich ein Wort geistig bewahrheitet, das Goethe gebraucht hat über die äußeren, physischen Naturtatsachen und dann auch angewendet hat auf die höchste Wesenheit im Menschen, nämlich das Wort:

Wär nicht das Auge sonnenhaft,
Wie könnten wir das Licht erblicken?

[ 43 ] Goethe will sagen in Bezug auf das Äußere: Da ist mein Auge, das sieht die Sonne; läge nicht darin die Kraft, das Licht zu sehen, so könnten wir das Licht nicht erblicken. – Aber er sagt auch:

Das Auge ist am Lichte für das Licht gebildet.

[ 44 ] Wir könnten keine Augen haben, wenn nicht das Licht die Welt durchleben und durchweben würde: Das Auge ist vom Licht gebildet. – Die Schopenhauer’sche Wahrheit «Die Welt ist meine Vorstellung», also dass die Welt des Lichtes und der Farbe die Vorstellung des Auges sei, ist nur eine halbe Wahrheit. Die ganze Wahrheit ist erst gefunden, wenn wir hinzufügen: Durch die Welt ist meine Vorstellung geschaffen, sodass wir, wenn wir das von der Sonne ausgebildete Auge benützen, in die Welt hineinblicken, in der die Sonne ist. – Und ebenso können wir sagen: Wie kein Auge ohne Sonne, so kein göttliches Wissen und Empfinden in uns ohne den Gott als objektiven Gott in der Außenwelt.

[ 45 ] So kann objektiv auch der Christus in uns erlebt werden als Persönlichkeit. Und dieses Ereignis, wo wir unser höheres Selbst so erleben, dass wir sagen können: «Nicht wir, sondern der Christus in uns», wird uns zu einem konkreten Erlebnis. Dann wandelt sich unser inneres Seelendasein um, dann sind wir ein anderer Mensch, ein wiedergeborener Mensch geworden, und es ist uns durch dieses Erlebnis ein neues, ein geistiges Auge erschlossen. Und dann erblicken wir auch, dass notwendig ist zu diesem «Christus in uns» der Christus außer uns, zu dem subjektiv in uns erlebten geistigen Christus der objektive, historische Christus. Ihn leugnen, den Christus, der das Mysterium von Golgatha durchgemacht hat — das bedeutet logisch dasselbe wie die Sonne leugnen, die das Auge aus einem, wie Goethe sagte, sonst gleichgültigen Organismus herausgebildet hat.

[ 46 ] Dass wir den Christus in uns erleben können, das ist als inneres Erlebnis so in uns aus unserem Seelenorganismus herausgebildet, wie unser leibliches Auge von dem Sonnenlichte herausgebildet ist. So ist das, was unser inneres, geistiges Auge ist, von dem wirklichen, realen Christus herausgebildet, und wer das wirklich erlebt, nicht bloß im Gefühl, sondern durch das hellseherische Bewusstsein, der erlebt das als sein unmittelbarstes Wissen, was man charakterisieren könnte als das hellseherische Hinaufschauen von der geistigen Persönlichkeit des Christus in uns zu dem wirklichen, objektiven, historischen Christus. Wir brauchen kein Evangelium, kein historisches Dokument, wir brauchen allein den wahren, echten Blick des Hellsehers, und wir wissen, dass gelebt hat im Laufe der Menschheitsentwicklung die Verkörperung jener Wesenheit, aus welcher der Impuls gekommen ist zu dem «Christus in uns». Das ist das objektive, nicht bloß das subjektive mystische Erleben des Christus.

[ 47 ] Wir wissen aber noch etwas anderes. Wir wissen: Wenn sich nach und nach unter dem Zwange des logischen Denkens die Lehre von den wiederholten Erdenleben in den menschlichen Entwicklungsprozess hineinimpft und damit in das ganze Erdenleben, dann haben wir hellseherisch den Christus als historischen Christus vor uns, der in uns den inneren Blick auslöst, sodass wir auf die künftigen Verkörperungen blicken können. Und nun sagen wir nicht wie der Buddhismus: Je weniger Erdenverkörperungen, desto besser für den Menschen, denn umso früher wird er erlöst vom Dasein –, sondern wir sagen: Solange die Erde ihre Mission auszubilden hat, nehmen wir, indem wir auf Erden verkörpert sind, immer mehr und mehr den Christus-Impuls auf, und immer stärker und umfassender wird der Christus-Impuls in uns; immer höher und höher tragen wir ihn in jeder neuen Verkörperung in uns. Und so blicken wir in eine Zukunft hinein, in der immer mehr und mehr an uns sich erfüllen kann das Wort: «Nicht ich, sondern der Christus in mir.» Daher sehen wir auf künftige Verkörperungen, auf unsere künftigen Erdenleben, als auf immer mehr durchchristete Leben, und wir verstehen, warum in der vorchristlichen Weltanschauung, selbst beim Buddhismus, nur eine Erlösungsidee entstehen konnte – es war da eben noch nicht der Christus-Impuls gekommen, der immer neue und neue Fruchtbarkeit in jedes Erdenleben bringt. Im Gegenteil, da war sogar der Zeitpunkt gekommen, wo es aussichtslos wurde, die Erdenleben weiter zu vervollkommnen. Mit dem Christus-Impuls bekommen die Erdenverkörperungen, die Erdenleben der Menschen, ihren Sinn, für welche der Buddhismus eben keinen Sinn mehr aufzeigen konnte.

[ 48 ] Und wenn wir nun auf die Geschichte der Entwicklung des Christentums sehen, dann beantwortet sich uns die Frage: Wie ist denn nun das Christentum, nicht der Christus, sondern das Christentum in die Welt gekommen? – Da wird jeder, der Geschichte objektiv betrachten will, sich sagen müssen: Wer am meisten beigetragen hat zur Entwicklung des Christentums, das ist Paulus. — Sehen wir ihn uns daraufhin an. Ist er überzeugt worden durch das, was als physische Tatsache in der Welt sich abgespielt hat oder was ihm davon geschildert worden ist? Als Zeitgenosse der Ereignisse, die sich abgespielt haben in der physischen Welt, hat er alles hören können – sie traten ihm entgegen –, aber was er aus diesen christlichen Vorstellungen in seine Seele aufnehmen konnte, das war ungeeignet, ihm diese äußeren Ereignisse in einem solchen Lichte erscheinen zu lassen, dass er seine Seele zum Christlichen hätte umstimmen können. Da aber trat jenes Ereignis ein, das die wissenschaftliche Theologie bis jetzt nicht deuten konnte. Was war das für ein Ereignis? Äußerlich betrachtet wurde dasjenige, was Paulus durch keine Wahrnehmung, durch keine Beobachtung in der physischen Welt hatte glauben können, für ihn zur unmittelbaren Gewissheit durch das, was er übersinnlich, im Geiste erschaute. Keine Mitteilung der physischen Welt konnte für ihn maßgebend sein – eine übersinnliche Erfahrung, ein überphysisches Ereignis aber war es. Und dieses überzeugte ihn, nicht etwa bloß von dem Dasein irgendeines Christus, sondern davon, dass der Christus dasjenige Ereignis dargelebt hat, was umgesetzt ins menschliche Leben bedeutet: In jedem Menschenwesen wird der geistige Wesenskern den Tod der äußeren Umhüllung des niederen Menschen besiegen, denn «wäre Christus nicht auferstanden, so wäre unser Glaube eitel und eitel unsere Predigt». An den auferstandenen Christus appellierte Paulus, weil ihm klar geworden war, dass im Mysterium von Golgatha jene geistige Sonne erschienen war, welche den inneren Christus im Menschen erst möglich macht. Für Paulus war der Ausgangspunkt der christlichen Entwicklung ein übersinnliches Ereignis, das ihm den Impuls zum Wirken für das Christentum gegeben hat.

[ 49 ] Das Christentum ist also in Bezug auf seinen ersten großen Lehrer aus einem übersinnlichen Impuls hervorgegangen, und erst später haben die Evangelien dasjenige liefern können, was die Menschen gebraucht haben, um sich das Christus-Ereignis klar vor die Seele zu stellen. Dieses Ereignis kann immer erneuert werden, auch heute noch; wenn der Mensch die Gesetze innerer menschlicher Entwicklung beachtet, verschafft er sich die Möglichkeit, in sich wieder zu erleben das Ereignis von Damaskus. Dann vermag er den objektiven Christus als Wahrheit geistig zu erleben; dann fängt er an, die Evangelien glauben zu können, ohne dass er genötigt ist, historische Beweise zu haben, denn was er im Geiste erschaut, was hellseherisches Bewusstsein ihm gibt, das findet er dann bewahrheitet durch die Evangelienschriften.

[ 50 ] So ist der Wesenskern des Christentums innerhalb der menschlichen Seele zu suchen. Und der stärkste Impuls zur Verbreitung des Christentums ist in einem übersinnlichen Erkenntnisereignis zu finden. Durch dieses Ereignis erblickt ein jeder Mensch sozusagen unmittelbar die Notwendigkeit, dass als der wichtigste Impuls in der historischen Entwicklung der Menschheit der Christus selber aufgetreten ist. Und dann versteht man in der Tat, dass in der Person des Jesus der Christus als eine Wesenheit lebte, die mit keiner anderen zu vergleichen ist. Während die Bodhisattvas also von Verkörperung zu Verkörperung schreiten wie die übrigen Menschen, bis sie ihre Aufgabe erfüllt haben und Buddha geworden sind, haben wir für diese Wesenheit, die in dem Leibe des Jesus von Nazareth als der Christus lebte, nur ein einmaliges Erdenleben zu verzeichnen. Und [wie in Bezug auf die aufeinanderfolgenden Generationen das gleiche Blut von dem Vater auf den Sohn übergeht], so geht von dem einen Christus, der das Ereignis von Golgatha durchlebt hat — das ist eine Tatsache, die sich dem höheren Bewusstsein ergibt –, ein geistiger Impuls zu all denjenigen aus, die den Weg zu diesem Christus finden.

[ 51 ] Dieser Gedanke, dass der Christus verbunden ist durch ein geistiges Band mit demjenigen, der den Weg zu ihm findet – ebenso wie der Nachkomme durch das Band des Blutes mit dem Vorfahren verbunden ist –, dieser Gedanke begründet nicht nur eine Mystik des Christentums, sondern ein Christentum, das man bezeichnen kann als «mystische Tatsache». Es gibt nicht nur eine christliche Mystik, ein inneres mystisches Erleben im Sinne des Christentums, sondern dasjenige, was da in Palästina im Beginne unserer Zeitrechnung geschehen ist, ist eine Tatsache, die nur durch Mystik zu begreifen ist. So wie das Rinnen des Blutes durch die Generationenfolge durch die Naturwissenschaft zu begreifen ist, so ist dasjenige, was durch den Christus geschehen ist, nur zu begreifen durch geistiges Erkennen, durch die Weisheit der Mystik. Durch geistiges Erkennen kann man begreifen, dass «geistiges Blut» von dem Christus Jesus in die Seelen derjenigen fließt, die den Weg zu ihm finden.

[ 52 ] Das Christentum ist nur zu begreifen, wenn man es als mystische Tatsache auffasst. Daher habe ich meinem Buche die Überschrift «Das Christentum als mystische Tatsache» gegeben, denn da, wo man in der Geisteswissenschaft unter voller Verantwortlichkeit spricht und schreibt, ist jedes Wort gefügt und geprägt den Tatsachen entsprechend. Und wenn wir uns vor Augen halten diesen Gedanken von dem Wesenskern des Christentums, der sich in dem Christus selbst enthüllt und der die Ursache ist, dass eine geistige Wesenheit — unser höheres Selbst –, ein innerer Christus, in uns allen auferstehen kann, so wird sich dieser Gedanke immer mehr und mehr in das Erdendasein einleben – gerade in den künftigen Verkörperungen, die die Menschen auf der Erde durchmachen werden. So kann der Christus, auch wenn er nur einmal in einem Leibe verkörpert da war, doch sagen — hinblickend auf diejenigen, in die jetzt sein geistiges Blut fließen kann:

Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Erdenzyklen.

[ 53 ] Zu erkennen und zu schauen, wie innerhalb der Erdenentwicklung der Impuls des Christus und damit er selber fließt — das ist wiederum in Empfindungen umzubauen, und man wird fühlen, wie solche Kontradiktionen wie die folgende uns in die Tiefen der Weltanschauungsentwicklung hineinschauen lassen.

[ 54 ] Wir haben da eine Stelle überliefert von Buddha, die mit dem eben angeführten Ausspruch «Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Erde» verglichen werden kann. Buddha sagte zu seinen Schülern: Wenn ich hinblicke auf frühere Erdenleben, so weiß ich, meine Seele ist durch viele Erdenleben gegangen und hat diese oder jene Erlebnisse durchgemacht. Sie hat sich Fähigkeiten angeeignet und jetzt meinen Leib, diesen äußeren, physischen Leib, auferbaut. Dieser ist zu meinem Schicksal geworden, weil die Seele ihn so gebaut und an solche Orte geführt hat, wo er das alles erleben konnte. So erschaue ich in meinem jetzigen physischen Leib die Ergebnisse der geistigen Kräfte, die ich gesammelt habe. – Und er nannte den Leib einen Tempel, der gebaut ist aus den göttlichen Kräften heraus, auf dem Umwege über die menschliche Individualität. [Und weiter sagte Buddha:] Der Tempel meines Leibes ist das Ergebnis der früheren Leben, die ich durchgemacht habe. Aber ich weiß genau, seit ich der Buddha geworden bin, steht dieser Tempel da, und es ist das letzte Mal, dass meine inneren Kräfte solch einen Tempel auferbaut haben. Ich fühle genau, wie schon die Balken brechen, die Säulen bersten; das ist der letzte Leib, den meine Seele bewohnt – der letzte Leib, denn ich bin zum Buddha geworden.

[ 55 ] Erlösung vom Leibe, das lehrt der Buddha. Man setze das in Empfindung um und betrachte dagegen ein anderes Wort, und zwar jenes Wort, wo der Christus Jesus zu seinen Jüngern ebenfalls von dem Tempel seines Leibes sprach. Aber wie sprach er? Sagte er auch wie der Buddha, dass dies das letzte Dasein ist, dass alles sich auflösen wird, was zu diesem Leibe geführt hat? Nein, der Christus sagte, indem er voraussah, dass dasjenige, was er in diesem Leibe geworden ist, den Impuls gibt, um fortzuwirken durch alles Erdensein: «Brecht diesen Tempel ab, und ich will ihn in drei Tagen wieder auferbauen.» – Das ist der große Gegensatz: dort das Zerbrechen des Tempels und die Lust des Zerbrechens, um von der Erde Abschied zu nehmen, – und da [die Anschauung], das Gefüge des Tempels als Ausgangspunkt für alles spätere Menschenheil zu betrachten. Und dafür steht der Ausdruck: Zerbrecht diesen Tempel, es ist schon der Impuls da, der weiterwirkt.

[ 56 ] So müssen wir nicht in abstrakten Begriffen die Impulse schauen, die von dem Christus Jesus ausgehen und die den Wesenskern des Christentums bilden, sondern wir müssen die Begriffe so umformen, dass sie zu Empfindungen und Gefühlen werden. Dann werden wir gerade bei einer Erkenntnis von den wiederholten Erdenleben die ganze Bedeutung dieses Christus-Impulses empfinden. Da werden wir hinschauen auf die menschlichen Erdenleben der Zukunft und werden in Christus den Ausgangspunkt für eine immer höhere und höhere Erfüllung der Bestimmung der Menschheit in der Zukunft sehen.

[ 57 ] Und so können wir sagen: Wir blicken zurück in alte, vorchristliche Zeiten, auf die Weisheit, die am Ausgangspunkt der Menschheit steht, die allmählich aber abgeflutet ist, bis die Menschen nur noch die letzten Reste davon hatten. Dann kam eine Zeit, wo in die Menschheit eingeschlagen hat der größte Impuls, der Christus-Impuls, der ein neuer Ausgangspunkt ist und den Menschen hineinführt in die geistige Welt, der vor die Seele rückt die Möglichkeit zu immer höherem und höherem Hinaufsteigen, zu immer höherem und höherem Leben, bis der Mensch in Bezug auf das Erdendasein so weit ist, dass er zur Höhe alles Erdenseins im Geiste aufsteigen kann. So erfüllt uns nichts so bedeutsam, so tief und kraftvoll wie das, was wir auffassen können als eine Charakteristik der eigentlichen Menschheitsmission innerhalb unseres Erdendaseins. Da steht der Mensch; er sieht sich umgeben von der physisch-sinnlichen Welt, er strebt nach Vollkommenheit, er sieht über sich Ideale, er weiß, dass er dadurch hinaufreicht in eine geistige Welt. Und er weiß, dass aus dieser geistigen Welt in sein Dasein hereinragen die geistigen Kräfte und Wesenheiten. Aber der Mensch kann sich nicht bloß mit abstrakten Begriffen und Idealen hinaufleben in die geistigen Welten, denn wie er als Persönlichkeit hier in der physischen Welt ist, so muss er sich auch als Persönlichkeit hinaufbilden in die geistige Welt. Daher kann nur eine vorbildliche Persönlichkeit ihn dorthin führen – das ist die Christus-Persönlichkeit!

[ 58 ] So blickt der Mensch hinauf zu Christus als dem Bringer der geistigen Welt und sagt: Indem ich mein eigenes Selbst zu dir erhebe, indem ich immer mehr erfülle den Ausspruch des Paulus «Christus in mir», ziehe ich herunter aus den geistigen Welten die intimsten und kraftvollsten Impulse, kleide sie in mein menschliches Wesen und übertrage sie in unsere physische Welt, in unsere Sinnenwelt. Ich bin der Vermittler zwischen der Geisteswelt und der Sinnenwelt. Ich trage herein Geistiges in die physische Welt. Ich durchpräge, durchgliedere das Physische mit dem, was aus der geistigen Welt kommt. Der Christus ist mein Helfer, mein Vorbild hierzu, der wahre Christus, der ebenso für den inneren Menschen notwendig ist, wie die äußere Sonne für das sinnliche Auge notwendig ist, und der als historische Wesenheit im Beginn unserer Zeitrechnung auf dem äußeren physischen Plan gewandelt ist.

[ 59 ] Wir fühlen dann als Menschen in der Welt: Wir können unsere Mission auf der Erde so andeuten, indem wir sagen, man solle ganz durchdringen mit christlichem Sinn jene Worte, in welche ich zusammenfassen möchte dasjenige, was die Betrachtung heute hat ergeben sollen über die Beziehung des Menschen zur physischen Welt auf der einen und zur geistigen Welt auf der anderen Seite:

Es drängt sich an den Menschensinn
Aus Weltentiefen rätselvoll
Des Stoffes reiche Fülle.
Es strömt in Seelengründe
Aus Weltenhöhen inhaltvoll
Des Geistes klärend Licht.
Sie finden sich im Menscheninnern
Zu weisheitsvoller Wirklichkeit.